Wie war sie graziös, das heißt geziert, wie war sie artig, nämlich
honett, wie war sie naiv, andere hätten es lüstern genannt.
Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem
Lächeln und vielsagendem Blick. Es is so etwas Feines, Jewandtes in
ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von
die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de
Portugal_!"
O gewiß, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen
sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?"
Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die älteren Herren haben sechs bis
sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jüngeren aber, die indessen
hier bleiben und die Geschäfte treiben, sie müssen Pässe visieren, sie
müssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfängliches drein is, sie müssen
das Papier ordentlich zusammenlegen für die Sitzungen. Nun, was nun
solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute,
wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hôte_, jehen
auf die Promenade schön ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar
gewöhnlich kein Jeld nicht, aber desto mehr Ansehen."
Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Fräulein, ist er
wohl echt?"
Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als
was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert
Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie,
dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring
zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heißt, Leute von
den jutem Ton, wie unsereine."
Ach, was haben Sie doch für eine schöne, gebildete Sprache, mein
Fräulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"
Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lächelnd. Ja, man hat mir
schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie,
ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde
auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."
Was lesen Sie, wenn man fragen darf?"
Nu, Bellettres, Bücher von die schöne Jeister. Ich bin abonniert bei
Herrn Döring in der Sandjasse, nächst der Weißen Schlange, und der
verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."
Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?"
Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschäfte in
Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich
natürlich jenug. Nee, den Jöthe lese ich nie wieder! Das is was
Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich
nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu
die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich
vor--"
Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem
Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Möglichkeiten--"
Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der
Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens
und namentlich des weiblichen Jemüts, ach, es is etwas Herrliches. Und
dabei so natürlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere
vierhändige Sonaten mit tiefen Baßpartien, mit zierlichen Solos, mit
Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der
Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen
kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas
Herrliches!"
Fahren Sie fort, wie gerne höre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
Schriftsteller über alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie
wenig hat er für das Vergnügen der Menschheit getan. Man sollte
meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines
andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr
melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor
wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet.
Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im
Grunde viele Hefen an, so 'brüsselt' er doch mit allerliebsten
tanzenden Bläschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht
die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."
O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit
Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hälfte,
jießt Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in
das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie
es sprudelt und brüsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein
wohlfeiles Jetränke. Nee, ich muß sagen, er ist mein Liebling. Und das
Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken,
man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Körper, der ins
Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm läßt es sich dabei
einschlafen!"
Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gespräch begriffen," rief
lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns
trat. Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding
zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."
Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe
Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hören. Wie werden
sie in der nächsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab'
ich es erraten?"
Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Muß alles geheim gehalten
werden! Muß einen großen Schlag geben. Ist ein Goldmännchen, der Herr
von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klären ihr alles auf. Sie
ist auf diesem Punkt ein verständiges Kind und weiß zu rechnen, die
Rebeckchen."
Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hüpfte auf zierlichen
Beinchen heran? Was lächelte schon von weitem so freundlich nach der
Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Gräfchen Rebs, das alte,
freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle
bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwänzelt.
Er schnaufte und ächzte, als er heran war, und doch konnte er auch in
dem Zustand höchster Erschöpfung, in welchem er zu sein schien, sein
liebliches süßes Lächeln nicht unterdrücken. Er warf sich ermattet
neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dünnen Beinchen, so mit
zierlichen Spörnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den
matten, sterbenden Blick auf die schöne Jüdin und sprach: Habe die
Ehre, vergnügten Abend zu wünschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!"
Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen
sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet
nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich
in die Tasche?"
So rief das schöne Judenkind und beschäftigte sich um den Ohnmächtigen
mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug,
so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von
dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der
Vater wußte bessern Rat: Da geht einer," rief er freudig, da geht
ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der
trägt beständig etzliches Kölner Wasser in seiner Rocktasche!"
Wie ein Pfeil schoß er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
schrecklichen Gebärden das _Eau de Cologne_= Fläschchen
abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krämer
beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen
wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lächelte.
Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, für
die gütigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast
als hätte ich mehr Bier getrunken als dienlich."
Sind Sie oft solchen Zufällen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas
mißfällig betrachtend.
Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Rücken
zierlich wendete und drehte, mit den Schultern über die Brust
herausfuhr und mannhaft mit den Spörnchen klirrte. Mitnichten, habe
sonst eine überaus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der
dicke Pfarrer...."
Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer,
wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von
Schweinefleisch in ihrer Nähe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem
die Erscheinung des Grafen etwas lästig schien, fragte ihn ziemlich
boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas
betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Münster Streit und
kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit.
Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. Ich ein
Unruhstifter oder Säufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich
nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den
Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weißen Schwan mit meinem
Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an
mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: Das
ist auch so ein S t e i n d e s A n s t o ß e s, auch so ein
Mystiker." Herr Pfarrer," sagte ich, guten Abend, aber ein Mystiker
bin ich nicht und will auch für keinen gelten, am wenigsten
öffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim." Sie wollen keiner sein?"
antwortete er, indem er näher auf mich zutrat, so daß sein Bauch und
das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und
mich heftig drückte. Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht
mehr ins Museum? Warum haben Sie an öffentlichen Wirtstafeln, im
Pariser, Weiden= und anderen Höfen geschimpft über mich, daß ich ein
gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?" Es
ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darüber ausgesprochen, aber
nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es könne zarte
Damenohren und weiche Gemüter unangenehm berühren, jenes Gedicht. Aber
er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlüpfte ihm unter dem Bauch weg
und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten
Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu
haben; er behauptete auch, daß ich mich jeden Morgen statt des
Frühstücks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der
Gartentüre ließ er mit einer mürrischen Reverenz von mir ab."
Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. Halten denn
die Pfarrer hier auf der Landstraße Kirche, wie es Sitte war zur Zeit
der Apostel?"
In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, in Frankfurt
ist gegenwärtig ein großer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre
Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten
sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur
Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur
in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhäusern und
Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekämpft; und so konnte
es leicht geschehen, daß der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in
die Hände fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fährt
dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem
Garten, sie steigen aus?" Ah, sie hat mich bemerkt," rief das
Kaninchen sehr freundlich, sie schaut schon herüber und wedelt, wenn
ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, daß
ich mich entferne. Miß Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie
wissen selbst, bei solchen Affären--"
Er schlüpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
Sprünglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die
junge Dame auf den glacierten Handschuh küßte. Es mochte ihr übrigens
dieses Zeichen seiner Verehrung überaus komisch vorkommen; denn ihr
Lachen drang bis zu uns herüber, und mit tiefem Baß begleitete sie der
Lord, indem er dem Kaninchen das Pfötchen schüttelte.
Das Gewölk, die Tante Simon, kam jetzt zurück und beklagte sich, daß
es schon etwas kühl werde. Der Jude ließ daher seinen schönen Wagen
vorfahren und verließ mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte
das Glück, Rebeckchen in den Wagen heben zu dürfen, und kam mit ganz
verklärtem Gesicht zurück. Sie hatte ihm unter der Türe noch die Hand
gedrückt und gestanden, daß sie sich diesen Nachmittag janz
fürtrefflich amüsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen
und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.
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