3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM.

Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch quälte, war die

Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu stürzen,

wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafür

wußte ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mußte den Herrn Simon

in der neuen Judenstraße auf seine Seite bringen, mußte ihm bedeutende

Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an

dem ganzen Unternehmen unbewußt teil und gewann zugleich mit dem

Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mußte einige Achtung vor

dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu

berechnen wußte, der seine Kombinationen so geschickt zu machen

verstand.

Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,

noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein,

mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die

noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstraße, überhaupt

alle Stämme Israels versammelt habe.

Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden

zu sein. Sein trübseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der

Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war

jede Melancholie verschwunden, sein großer, runder Kopf steckte nicht

mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte

er sagen: „Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus

Zwerner und Komp. aus Dessau, nächstens eine bedeutende Person an der

Börse, und, wenn es gut geht, Bräutigam der schönen Rebekka Simon in

der neuen Judenstraße!"

Aus dem Garten des Goldenen Löwen in Bornheim tönten uns die

zitternden Klänge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter

Violinen entgegen; das Volk Gottes ließ sich vormusizieren im Freien,

wie einst ihr König Saul, wenn er übler Laune war. Wir traten ein; da

saßen sie, die Söhne und Töchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit

funkelnden Augen, kühn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern,

wie aus einer Form geprägt, da saßen sie vergnügt und fröhlich

plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und

Mineralwasser zubereitet, da saßen sie in malerischen Gruppen unter

den Bäumen, und der Garten war anzuschauen, als wäre er das gelobte

Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke

verheißen hatte. Wie sich doch die Zeiten ändern durch die Aufklärung

und das Geld!

Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreißig Jahren keinen

Fuß auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern

bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen

mußten, wenn man ihnen zurief: „Jude, sei artig, mach' dein

Kompliment!" Dieselben, die von dem Bürgermeister und dem hohen Rat

der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr

schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt

anzuschauen! Überladen mit Putz und köstlichen Steinen saßen die

Frauen und Judenfräulein; die Männer, konnten sie auch nicht die

spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen,

suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn

von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Männer hatten sich

sonntäglich und schön angetan, ließen schwere, goldene Ketten über die

Brust und den Magen herabhängen, streckten alle zehn Finger, mit

blitzenden Solitärs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen

geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwählte

Volk? Wer hat denn alles Geld, gemünzt und in Barren, als wir? Wem ist

Gott und Welt, Kaiser und König schuldig, wem anders als uns?

„Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des

Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am

Arm; „schauen Sie dort, unter dem Zelt von hölzernem Gitterwerk. Der

mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Löckchen am Ohr

ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstraße, die dicke Frau

rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist

die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man weiß sich in Zukunft

zu separieren nach und nach."

„Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--"

„Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des

Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir näher. Doch eben fällt mir

bei, ich muß Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und

Ratgeber?"

„Ich bin der k. k. Legationsrat Schmälzchen aus Wien," gab ich ihm zur

Antwort, „reise in Geschäften meines Hofes nach Mainz."

„Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich königlich an den

Hut gegriffen hatte, „Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht bloß

Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu

machen. Hätte es mir gleich vorstellen können, Sie haben einen gar

tiefen Blick in die Staatsaffären. Wahrhaftig, hätte es Ihnen gleich

ansehen können; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmäßiges in

dero Visage."

„Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen

nützlich sein zu können."

Wir traten zu dem Zelt aus hölzernem Gitterwerk. Mein Begleiter

errötete tiefer, je näher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten

ins Dunkelrote, von da ins bläulich Schattierte an, und als wir vor

dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schöne dunkelrote

Herzkirsche. Die Tante, „das neidische Gewölk", erhob sich, und nun

ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die

Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht übel.--Sie

hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrücken, viel Rasse, und ihre Augen

konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur

Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.

Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der

Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die

Taube von Juda und überließ es mir, den alten Simon zu unterhalten.

Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflößt zu haben. „Haben da

ein schönes Fach erwählt, Herr von Schmälzlein," bemerkte er

wohlgefällig lächelnd; „habe immer eine Inklination für die Diplomatik

gehabt, aber die Verhältnisse wollten es nicht, daß ich ein Gesandter

oder dergleichen wurde. Man weiß da gleich alles aus der ersten Hand!

Man kann viel komplizieren und dergleichen; was ließen sich da für

Geschäfte machen!"

„Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten

Verhältnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen

Haken. Man weiß oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im

Kopf umher."

Der Jude rückte näher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,

nehme ich es auch noch auf. „Zeviel?" sagte er. „Ich für meinen Teil

kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein

Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine

lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr

Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem

Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."

„Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"

„Gut, _très bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _à propos_,

wissen Sie Neues aus daher?" Er rückte mir noch näher und wurde

verfänglicher.

„Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, „Sie wissen, es

gibt Fälle--"

„Wie?" rief er erschrocken. „Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!

Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des

Herrn gewesen? Waas?"

„Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des

zärtlichen Seufzers zurückstieß und aufsprang. „Doch kein Unglück?

Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?"

„Beruhigen Sie sich doch, gnädiges Fräulein, ich sprach mit Ihrem

Herrn Papa über Politik und rechnete einige Fälle auf, und er hat mich

holter nicht recht verstanden."

Sie preßte mit einem zärtlichen, hinsterbenden Blick auf den

erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.

„Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen

Bejriff von!" lispelte sie. „Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzählen

Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie hätten ins Parterre jestanden

und wären melancholisch jewesen?"

Das Geflüster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des

Seufzers wurden feuriger, er zog, als „das Gewölke" ein wenig im

Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jüdin an die Lippen und

gestand ihr, wenn ich anders recht gehört habe, daß nächstens die

Metalliques und die .... um drei Prozente steigen würden.

„Herr von Schmälzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren

Wein zu sich genommen hatte, „Sie haben mir da einen Schreck in den

Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Fälle, wie kann man auch

nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?"

„Es gibt Affären," fuhr ich fort, „wo der Diplomat schweigen muß. Über

das Nähere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen

wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten

Vertrauen--"

„Der Gott meiner Väter tue mir dies und das," rief er feierlich, „so

ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner

Tochter das Geringste--"

„Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich

Ihnen sagen, daß nächstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a

n z zu allernächst. F ü r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen,

doch Herr von Zwerner--"

„V o n Zwerner?"

„Nun, ich nenne ihn so, man weiß ja nicht, was geschieht; an ihn war

ich besonders empfohlen vom Fürsten, und ich glaube, wenn ich anders

richtig schließe, er muß in den nächsten Tagen Kuriere aus Wien

bekommen."

„Der Zwerner? Ei, ei! Wer hätte das gedacht! Zwar ich sagte immer,

hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat

wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft.

Ei, sehe doch einer! Hält sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen

darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"

„Ja."

„Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der

Effendi? Hat er?"

„Mein Herr Simon, ich bitte--"

„O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus

Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"

„Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen

Sie, als auf authentische. Der Herr dort weiß vielleicht mancherlei

und hat nicht das drückende Stillschweigen eines Diplomaten zu

beobachten."

„Ei, hätte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der

Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,

aber denn doch nicht so außerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm

machen ließe?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase

herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwärts drückte, daß

sich diese beiden reichen Glieder begegneten und küßten. Das war der

Moment, wo er anbeißen mußte, denn er nagte schon am Köder. Ich gab

dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nähern, und nahm

seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 40 / 51 题