DER FLUCH.

(Eine Novelle.)

„Ich habe mich vergebens abgemüht, gnädige Tante," sprach der junge

Mann mit voller, wohltönender Stimme, „eine artige Novelle oder eine

leichte, fröhliche Erzählung für diesen Abend zu finden. Doch, um

nicht wortbrüchig zu erscheinen, muß ich schon den Fehler einigermaßen

gutzumachen suchen. Wenn Sie erlauben, will ich etwas aus meinem

eigenen Leben erzählen, das, wenn es nicht ganz den romantischen Reiz

und den anziehenden Gang einer Novelle, doch immer den Wert der

Wahrheit für sich hat."

Die Tante bemerkte ihm gütig, daß die einfache Wahrheit oft größeren

Reiz habe, als die erfundene Spannung einer Novelle, ja sie gestand

ihm, daß sie etwas sehr Interessantes erwarte; denn er sehe seit der

Zurückkunft von seinen Reisen so geheimnisvoll aus, daß man auf seine

Begebnisse recht gespannt sein dürfe.

Die älteren Damen lorgnettierten ihn aufmerksam und gaben dieser

Bemerkung vollkommen Beifall; der junge Mann aber hub an zu erzählen:

„Als ich vor fünf Jahren in diesem Saal von einer großen Gesellschaft,

welche die Güte meiner Tante noch einmal um den Scheidenden versammelt

hatte, Abschied nahm, warnten mich einige Damen--wenn ich nicht irre,

war Frau von Wollau mit davon--vor den schönen Römerinnen, vor ihren

feurigen, die Herzen entzündenden Blicken. Ich nahm ihre Warnung

dankbar an, noch kräftigeren Schub aber versprach ich mir von jenen

holden blauen Augen, von jenen freundlichen vaterländischen

Gesichtchen, von all den lieblichen Bildern, die ich, in feinem und

treuem Herzen aufbewahrt, mit über die Alpen nahm. Und sie schützten

mich, diese Bilder, gegen jene dunkeln Feuerblicke der Römerinnen; wie

sie aber vor sanften, blauen Augen, welche ich dort sah, sich

unverantwortlich zurückzogen, wie sie mein armes, unbewahrtes Herz

ohne Bedeckung ließen, will ich als bittere Anklage erzählen.

Der s----sche Gesandte am päpstlichen Hofe hatte mir in der Karwoche

eine Karte zu den Lamentationen in der Sixtinischen Kapelle geschickt;

mehr, um den alten Herrn, der mir schon manche Gefälligkeit erwiesen

hatte, nicht zu beleidigen, als aus Neugierde, entschloß ich mich,

hinzugehen. Ich war nicht in der besten Laune, als es Abend wurde;

statt einer lustigen Partie, wozu mich deutsche Maler geladen, sollte

ich einen Klagegesang mitanhören, der mir schon an und für sich höchst

lächerlich vorkam. Nie hatte ich mich nämlich von der Heiligkeit

solcher Ritualien überzeugen können; selbst in dem ehrwürdigen Kölner

Dom, wo die hohen Gewölbe und Bogen, das Dunkel des gebrochenen

Lichtes, die mächtigen, vollen Töne der Orgel manchen anderen ernster

stimmen mögen, konnte ich nur über die Macht der Täuschung staunen.

Meine Stimmung wurde nicht heiliger, als ich an das Portal der

Sixtinischen Kapelle kam. Die päpstliche Wache--alte, ausgediente,

schneiderhafte Gestalten hielten hier Wache mit so meisterlicher

Grandezza als nur die Cherubim an der Himmelstür. Der Glanz der Kerzen

blendete mich, da ich eintrat, und stach wunderbar ab gegen den

dunkeln Chor, in den die Finsternis zurückgeworfen schien. Nur der

Hochaltar war dort von dreizehn hohen Kerzen erleuchtet.

Ich hatte Muße genug, die Gesichter der Gesellschaft um mich her zu

mustern. Ich bemerkte nur sehr wenige Römer, dagegen fast alles, was

Rom an Fremden beherbergte.

Einige französische Marquis, berüchtigte Spieler, einige junge

Engländer von meiner Bekanntschaft standen ganz in meiner Nähe. Sie

zogen mich auf, daß auch ich mich habe verführen lassen, dem

Spektakel, wie sie es nannten, beizuwohnen; Lord Parter aber meinte,

es sei dies wohl der Schönen zu Gefallen geschehen, die ich

mitgebracht habe. Er deutete dabei auf eine junge Dame, die neben mir

stand. Er fragte nach ihrem Namen und ihrer Straße und schien sehr

ungläubig, als ich ihm damit nicht dienen zu können behauptete.

Ich betrachtete meine Nachbarin näher; es war eine schlanke, hohe

Gestalt, dem Anschein nach keine Römerin; ein schwarzer Schleier

bedeckte das Gesicht und beinahe die ganze Gestalt und ließ nur einen

Teil des Nackens sehen, so rein und weiß, wie ich ihn selten in

Italien, beinahe nie in Rom gesehen hatte.

Schon pries ich im Herzen meine Höflichkeit gegen den alten

Diplomaten, hoffend, eine interessante Bekanntschaft zu machen; wollte

eben--da begann der Klagegesang, und meine Schöne schien so eifrig

darauf zu hören, daß ich nicht mehr wagte, sie anzureden. Unmutig

lehnte ich mich an eine Säule zurück, Gott und die Welt, den Papst und

seine Lamentationen verwünschend.

Unerträglich war mir der monotone Gesang. Denken Sie sich, sechzig der

tiefsten Stimmen, die _unisono_, im tiefsten Grundton der

menschlichen Brust, Bußpsalmen murmeln. Der erste Psalm war zu Ende,

eine Kerze auf dem Altar verlöschte. Getröstet, die Farce werde ein

Ende haben, wollte ich eben den jungen Lord anreden, als von neuem der

Gesang anhub.

Jener belehrte mich zu meinem großen Jammer, daß noch alle zwölf

übrigen Kerzen verlöschen müßten, bis ich ans Ende denken könne. Die

Kirche war geschlossen und bewacht, an ein Entfliehen war nicht zu

denken. Ich empfahl mich allen Göttern und gedachte einen gesunden

Schlaf zu tun. Aber wie war es möglich? Wie Strahlen einer

Mittagssonne strömten die tiefen Klänge auf mich zu. Zwei bis drei

Kerzen verlöschten, meine Unruhe ward immer größer.

Endlich aber, als die Töne noch immer fortwogten, drangen sie mir bis

ins innerste Mark. Das Erz meiner Brust schmolz vor den dichten

Strahlen, Wehmut ergriff mich, Gedanken aus den Tagen meiner Jugend

stiegen wie Schatten vor meiner Seele auf, unwillkürliche Rührung

bemächtigte sich meiner, und Tränen entstürzten seit Jahren zum

erstenmal meinen Augen.

Beschämt schaute ich mich um, ob doch keiner meine Tränen gesehen.

Aber die Spieler, wunderbarer Anblick, lagen zerknirscht auf ihren

Knien, der Lord und seine Freunde weinten bitterlich. Zwölf Kerzen

waren verlöscht. Noch e i n m a l erhoben sich die tiefen,

herzdurchbohrenden Töne, zogen klagend durch die Halle, immer dumpfer,

immer leiser verschwebend. Da verlöschte die letzte Kerze und zugleich

damit das Feuermeer der Kirche, und bange Schatten, tiefe Finsternis

drang aus dem Chor und lagerte sich über die Gemeine. Mir war, als

wäre ich aus der Gemeinschaft der Seligen hinausgestoßen in eine

fürchterliche Nacht.

Da tönten aus des Chores hintersten Räumen süße, klagende Stimmen. Was

jenes tiefe, schauerliche Unisono unerweicht gelassen, zerschmolz vor

diesem hohen Dolce der Wehmut. Rings um mich das Schluchzen der

Weinenden, vom Chore herüber Töne, wie von gerichteten Engeln

gesungen, glaubte ich nicht anders, als in einer zernichteten Welt mit

unterzugehen und zu hören, der Glaube an Unsterblichkeit sei Wahn

gewesen.

Der Gesang war verklungen, Fackeln erhellten die Szene, die Menge

ergoß sich durch die Pforten, und auch ich gedachte mich zum Aufbruch

zu rüsten; da gewahrte ich erst, daß meine schöne Nachbarin noch immer

auf den Knien niedergesunken lag. Ich faßte mir ein Herz.

‚Signora,' sprach ich, ‚die Tore werden geschlossen, wir sind die

letzten in der Kapelle.'

Keine Antwort. Ich faßte ihre Rechte, die auf der Seite niederhing,

sie war kalt und ohne Leben. Sie lag in Ohnmacht.

Ich befand mich in sonderbarer Lage. Die Nacht war schon weit

vorgerückt; nur noch einige Flambeaus zogen durch die Kirche, ich

mußte alle Augenblicke befürchten, vergessen zu werden. Ich besann

mich nicht lange, rief einen der Fackelträger herbei, um mit seiner

Hilfe die Dame aufzurichten.

Wie ward mir, als ich den Schleier aufschlug! Der düstere Schein der

halbverlöschten Fackel fiel auf ein Gesicht, wie ich es auch auf dem

herrlichsten Kartons von Raffael nie gesehen! Glänzendbraune Locken

hatten sich aufgelöst und fielen herab bis in den verhüllten Busen und

umzogen das liebliche Oval ihres Angesichts, auf dem sich eine

durchsichtige Blässe gelagert hatte. Die schönen Bogen der Brauen

versprachen ein ernstes, vielleicht etwas schelmisches Auge, und den

halbgeöffneten Mund, umkleidet mit den weißesten Perlen, konnte Gram,

konnte Schmerz so gezogen haben.

Als wir sie aufrichten wollten, schlug sie das herrliche, blaue Auge

auf, dessen eigner, schwärmerischer Glanz mich so überraschte, daß ich

einige Zeit mich zu sammeln nötig hatte. Sie richtete sich plötzlich

auf und stand nun in ihrer ganzen Schönheit mir gegenüber. Welch zarte

Formen bei so vielem Anstand, bei so ungewöhnlicher Höhe des Wuchses.

Sie schaute verwundert in der Kirche umher und ließ dann ihre Blicke

zu mir herübergleiten.

‚Und Sie hier, Otto?' sprach sie, nicht italienisch, nein, in reinem,

wohlklingendem Deutsch.

Wie war mir doch so wunderbar! Sie sprach so bekannt zu mir, ja sogar

meinen Namen hatte sie genannt; woher konnte sie ihn wissen?--Sie

schien verwundert über mein Schweigen.

‚Nicht bei Laune, Freund? Und doch haben Sie mich so freundlich

unterstützt? Doch! Lassen Sie uns gehen, es wird spät.'

Sie hatte recht. Die Fackel drohte zu verlöschen. Ich gab ihr den Arm.

Sie drückte zärtlich meine Hand.

Was sollte ich denken, was sollte ich machen? Betrug von ihr war nicht

möglich--das Mädchen k o n n t e keine Dirne sein. Verwechslung war

offenbar. Aber sie wußte mich bei meinem Namen zu nennen. Sie war so

ohne Arg.--Ich wagte es--ich übernahm die Rolle eines verstimmten

Verehrers und schritt schweigend mit ihr durch die Hallen.

Am Portal ging mein Jammer von neuem an. Welche Straße sollte ich

wählen, um nicht sogleich meine Unbekanntschaft zu verraten? Ich nahm

allen meinen Mut zusammen und schritt auf die mittlere Straße zu.

‚Mein Gott!' rief sie aus und zog meinen Arm sanft seitwärts, ‚Otto,

wo sind Sie nur heute? Hier wären wir ja an die Tiber gekommen.'

O! Wie hörte ich so gerne diese Stimme! Wie lieblich klingt unsere

Sprache in einem schönen Munde! Schon oft hatte ich die Römerinnen

beneidet um den Wohllaut ihrer Töne; hier war weit mehr, als ich je in

Rom gehört; es mußte offenbar ein deutsches Mädchen sein, ich sah es

aus allem; und doch so reine, runde Klänge ihrer Sprache! Als ich noch

immer schwieg, brach sie in ein leises Weinen aus. Ihr tränendes Auge

sah mich wehmütig an, ihre Lippen wölbten sich, wie wenn sie einen Kuß

erwarteten.

‚Bist du mir nicht mehr gut, mein Otto? Ach, könntest du mir zürnen,

daß ich die Lamentationen hörte? O! zürne mir nicht! Doch du hast

recht, wäre ich lieber nicht hingegangen. Ich glaubte Trost zu finden

und fand keinen Trost, keine Hoffnung. Alle meine Lieben schienen dem

Grab entstiegen, schienen über die Alpen zu wehen und mit Tönen der

Klage mich zu sich zu rufen. Wie bin ich doch so allein auf der Erde!'

weinte sie, indem ihr blaues Auge in das nächtliche Blau des Himmels

tauchte. ‚Wie bin ich so allein!--Und wenn ich dich nicht hätte, mein

Otto!--'

Meine Lage grenzte an Verzweiflung; das schönste, lieblichste Kind im

Arme und doch nicht sagen können, wie ich sie liebte! Als ihre Tränen

noch nicht aufhören wollten, flüsterte ich endlich leise: ‚Wie könnte

ich dir zürnen?'

Sie schaute freundlich dankbar auf--‚Du bist wieder gut? Und o! wie

siehst du heute doch gar nicht so finster aus, auch deine Stimme

klingt heut so weich! Sei auch morgen so und laß nicht wieder einen

ganzen langen Tag auf dich warten.'

Sie näherte sich einem Haus und blieb davor stehen, indem sie die

Glocke zog. ‚Und nun gute Nacht, mein Herz,' sagte sie, ‚wie gerne

setzte ich mich noch zu dir auf die Bank, aber die Signora wartet wohl

schon zu lange.' Ich wußte nicht, wie mir geschah, ich fühlte einen

heißen Kuß auf meinen Lippen, und weg war sie.

Ich merkte mir die Nummer des Hauses, aber die Straße konnte ich nicht

erkennen. Nur einen Brunnen und gegenüber von ihrem Haus eine Madonna

in Stein gehauen konnte ich als Zeichen für die Zukunft anmerken. Ich

wand mich mit unsäglicher Mühe durch das Gewirre der Straßen und war

doch nicht froh, als ich endlich mein Haus erreichte. Bis an den

lichten Morgen kein Schlaf. Zuerst ließ mich der Mond nicht schlafen,

der mich durchs Fenster herein angrinste, und als ich die Gardine

vorzog, schien gar der Engelskopf des Mädchens hereinzublicken.

Mitunter zogen auch die Lamentationen durch meinen wirren Kopf, und

ich verwünschte endlich ein Abenteuer, das mich eine schlaflose Nacht

kostete.

Sehr frühe am andern Morgen traten Lord Parter und einer seiner

Freunde bei mir ein. Sie wollten mir begegnet sein, als ich meine

rätselhafte Schöne zu Haus brachte und schalten mich neckend, daß ich

sie gestern gänzlich verleugnet habe. Als ich ihnen mein Abenteuer,

dem größern Teile nach, erzählte, wurden sie noch ungestümer und

behaupteten, mich deutlich schon mehreremal mit derselben Dame gesehen

zu haben. Immer klarer ward mir, daß irgend ein Dämon sich in meine

Gestalt gehüllt habe, da ja auch das Mädchen mich so genau zu kennen

schien, und ich war nicht minder begierig, das liebe Mädchen, als das

leibhaftige Konterfei meiner Gestalt zu Gesicht zu bekommen. Die

beiden Engländer mußten mir Stillschweigen geloben, indem ich mich vor

dem Spott meiner Bekannten fürchtete; zugleich versprachen sie auch,

mir suchen zu helfen.

Nach langem Umherirren, wobei wir tausend Lügen ersinnen mußten, um

die erwachende Neugierde unserer Freunde zu täuschen, fanden wir

endlich in dem entlegensten Winkel der Stadt jene Merkzeichen, die

Madonna und den Brunnen. Ich sah das Haus der Holden, ich sah die Bank

an der Türe, auf welcher ich hätte selig werden sollen, aber hier ging

auch unser Weg zu Ende. Als Fremde hätten wir zu viel gewagt, so weit

entfernt von den uns bekannten Straßen, unter einer Menschenklasse,

die besonders den Engländern so gram ist, uns in ein fremdes Haus

einzudrängen. Wir zogen mehreremal durch die Straße; immer war die

Türe verschlossen, immer die Fenster neidisch verhängt. Wir verteilten

uns, bewachten Tage lang die Promenaden, weder meine Schöne, noch mein

Ebenbild ließen sich sehen.

Geschäfte riefen mich in dieser Zeit nach Neapel. So angenehm mir

sonst diese Reise gewesen wäre, so war sie mir in meiner gegenwärtigen

Spannung höchst fatal. Unaufhörlich verfolgte mich das Bild des

Mädchens, im Traum wie im Wachen hörte ich die liebliche Stimme

flüstern. Hatten mich die Gesänge in der Kapelle so weich gestimmt?

Hatte das flüchtige Bild der Schönen vermocht, was der Geist und die

Schönheit so mancher andern nicht über mich vermochte?

Unruhig reiste ich ab. Die Reise, so viele abwechselnde Gegenstände,

die ernsten Geschäfte, der Reiz der Gesellschaft, nichts gab mir meine

Ruhe wieder.

Es war die Zeit des Karnevals, als ich nach Rom zurückkehrte. Durfte

ich hoffen, im Gewühle der Menge den Gegenstand meiner Sehnsucht

herauszufinden? Meine englischen Freunde waren abgereist, ich hatte

niemand mehr, dem ich mich vertrauen mochte. Ohne Hoffnung hatte ich

mehrere Tage verstreichen lassen, ich war nicht zu bewegen, mich unter

die Freuden des Karnevals zu mischen.

Wie erstaunte ich aber, als mich am Morgen des vierten Tages der

Karnevalswoche der Gesandte fragte, wie ich mich gestern amüsiert

habe. Ich sagte ihm, ich sei nicht im Korso gewesen. Er erstaunte,

behauptete, mich von seinem Wagen aus mit einer Dame am Arm gesehen

und begrüßt zu haben. Er schwieg, etwas beleidigt, als ich es wieder

verneinte. Aber plötzlich kam mir der Gedanke: Wie, wenn es die

Gesuchten wären?

--Man war in allen Zirkeln sehr gespannt auf diesen Abend. Ein

prachtvoller Maskenzug, worin Damen aus den edelsten römischen Häusern

eine Rolle übernommen hatten, sollte den Karneval verherrlichen. Ich

gab dem Drängen meiner Bekannten nach und ging mit in den Korso.

Erwarten Sie von mir keine Beschreibung dieses Schauspiels. Zu jeder

andern Zeit würde ich ihm alle meine Aufmerksamkeit geschenkt haben,

nicht nur, weil es mir als Volksbelustigung sehr interessant gewesen

wäre, sondern weil sich der Charakter der Römer gerade hier am meisten

aufdeckt. Aber wenn ich sage, daß von dem ganzen Abend, von allen

Herrlichkeiten des Korso nur noch ein Schatten in meiner Erinnerung

geblieben und nur ein heller Stern aus dieser Nacht auftaucht, so

werden Sie vergeben, wenn ich über das interessante Schauspiel Ihre

Neugierde nicht zur Genüge befriedige.

Die lange, enge Straße war schon gefüllt, als wir durch die _Porta

del popolo_ hereintraten. Unabsehbar wogten die Wellen der Menge

durcheinander, und das Auge gleitete unbefriedigt darüber hinweg, weil

es unter der Mischung der grellsten Farben keinen Punkt fand, der es

festhielt. Die Erwartung war gespannt. Überall hörte man von dem

Maskenzug reden, der sich nun bald nahen müsse. Ein rauschendes

Beifallrufen drang jetzt von dem Obelisken auf der Piazza herüber und

verkündete die Auffahrt der Masken. Alle Blicke richteten sich

dorthin. Von den Balkonen und Gerüsten herab wehten ihnen Tücher und

winkten schöne Hände entgegen, indem die Equipagen sich an die Seiten

drängten, um den Wagen des Zuges Platz zu machen. Er nahte. Gewiß, ein

herrlicher Anblick! Die Götter der alten Roma schienen wieder in die

alten Mauern eingezogen zu sein, um ihren Triumph zu feiern.

Liebliche, majestätische Gruppen! Welch herrliche Umrisse in den

Gestalten des Apoll und Mars, wie lieblich Venus und Juno, und man

konnte es nicht für Unbescheidenheit halten, sondern mußte gerade

hierin den schönsten Triumph finden, wenn das Volk mit Ungestüm den

Göttinnen zurief, die Masken abzunehmen. Unendlich wurde aber der

Beifall, als die Gräfin Parvi, die edlen Formen des Gesichtes

unverhüllt, als Psyche sich nahte. Wahrlich, dieser liebliche Ernst,

diese sanfte Größe hätten einen Zeuxis und Praxiteles begeistern

können.

Der Abend nahte heran, man rüstete sich, die Gerüste zu besteigen,

weil das Pferderennen beginnen sollte. Ich stand ziemlich verlassen

auf der Straße, mit sehnsüchtigen Blicken die Galerien und Balkone

musternd, ob meine Schöne nicht darauf zu treffen sei. Plötzlich

fühlte ich einen leisen Schlag auf die Schulter. ‚So einsam?' tönte in

der lieben Muttersprache eine süße Stimme in mein Ohr. Ich sah mich

um. Eine reizende Maske, in der Kleidung einer Tirolerin, stand hinter

mir. Durch die Höhlen der Maske blitzten jene blauen Augen, die mich

damals so sehr überraschten. Sie ist's--es ist kein Zweifel. Ich bot

ihr schweigend die Hand, sie drückte sie leise. ‚Du böser Otto,'

flüsterte sie, ‚den ganzen Abend habe ich dich vergebens gesucht. Wie

mußte ich schwatzen, um die Signora los zu werden!'

Die Wache rückte die Straße herab. Es war hohe Zeit, die Galerien zu

suchen. Ich deutete hinauf, sie gab mir ihren Arm, sie folgte. Ein

heimliches Plätzchen hinter einer Säule bot sich dar, sie wählte es

von selbst, Karneval, Pferderennen, alle Schönheiten Roms waren für

mich verloren, als mein stiller Himmel sich öffnete, als sie die Maske

abnahm. Noch lieblicher, noch unendlich schöner war sie als an jenem

Abend. Die zarte Blässe, die sie damals aus der Kapelle brachte, war

einer feinen, durchsichtigen Röte gewichen; das Auge strahlte von noch

höherem Glanz als damals, und der tiefe, beinahe wehmütige Ernst der

Züge, wie sie sich mir damals zeigte, war durch ein Lächeln gemildert,

das fein und flüchtig um die zarten Lippen wehte."

„Sie heftete wieder einige Minuten schweigend ihr Auge auf mein

Gesicht, strich mir spielend die Haare aus der Stirne und rief dann

plötzlich: ‚Jetzt bist du's wieder ganz! Ganz wie an jenem Abend in

der Kapelle, den du mir so hartnäckig leugnest! Gestehest du ihn

deiner Luise noch nicht?'

„Welche Pein! Was sollte ich sagen? Da fiel plötzlich das Signal, die

Pferde rannten durch den Korso. Meine Schöne bog den Kopf abwärts, und

ich, meiner Sinne kaum mächtig, flüchtete hinter die nächste Säule, um

nicht im Augenblicke vor dem arglosen Mädchen als ein Tor oder noch

etwas Schlimmeres zu erscheinen. Und was war ich auch anders, wenn ich

mich selbst recht ernstlich fragte? Was wollte ich von dem Mädchen,

was konnte ich von ihr wollen? Und war nicht eine so weit getriebene

Neugierde Frevel?

„Während ich noch so mit mir selbst kämpfte, ob es nicht ehrlicher

sei, ein Abenteuer aufzugeben, dessen Ende nur ein törichtes sein

konnte, bemerkte ich, daß meine Stelle schon wieder besetzt sei. Ich

schlich näher herzu, um wenigstens zu hören, wer der Glückliche sei,

da ich ihn, ohne meine unbescheidene Nähe zu verraten, nicht sehen

konnte."

‚Wie magst du nur so zerstreut fragen?' sagte Luise, ‚du selbst hast

mich ja heraufgeführt.'

‚Ich hätte dich geführt, der ich diesen Augenblick erst zu dir trete?

Gestehe, du betrügst mich; wer hat dich hergeleitet?'

Mit befangener Stimme, dem Weinen nahe, beharrte sie auf dem, was sie

vorhin sagte. ‚Du bist auch wie unser Wetter über den Alpen, soeben

noch so freundlich, und jetzt so kalt, so finster.'

Jener stand schnell auf: ‚Ich bin nicht gestimmt, meine Gnädige, das

Ziel Ihrer Scherze zu sein,' sagte er, ‚und wenn Sie sich in Rätsel

vertiefen, wird meine Gesellschaft Ihnen lästig werden.' Er brach auf

und wollte gehen. Ich konnte die Leiden der Armen nicht mehr

verlängern und trat hervor hinter der Säule, um mich als Auflösung des

Rätsels zu zeigen. Aber wie ward mir! Meine eigene Gestalt, mein

eigenes Gesicht glaubte ich mir gegenüber zu sehen. Die

überraschendste Ähnlichkeit--"

* * * * *

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 23 / 51 题