DREIZEHNTES KAPITEL.

Angststunden des ewigen Juden.

Der Vorleser war bis an einen Abschnitt gekommen und legte das Buch

nieder. Allgemeiner Applaus erfolgte, und die gewöhnlichen

Ausrufungen, die schon dem Stickmuster gegolten hatten, wurden auch

der Gabriele zuteil. Ich konnte die Geistesgegenwart und die schnelle

Fassungskraft der beiden Fräulein nicht genug bewundern; obgleich sie

nicht den kleinsten Teil des Gelesenen gehört haben konnten, so waren

sie doch schon so gut geschult, daß sie voll Bewunderung schienen. Die

eine lief sogar hin zu Frau von Wollau, faßte ihre Hand und drückte

sie an das Herz, indem sie ihr innig dankte für den Genuß, den sie

allen bereitet habe.

Diese Dame aber saß da, voll Glanz und Glorie, wie wenn sie die

Gabriele selbst zur Welt gebracht hätte. Sie dankte nach, allen Seiten

hin für das Lob, das ihrer Freundin zuteil geworden, und gab nicht

undeutlich zu verstehen, daß sie selbst vielleicht einigen Einfluß auf

das neue Buch gehabt habe; denn sie finde hin und wieder leise

Anklänge an ihre eigenen Ideen über inneres Leben und über die

Stellung der Frauen in der Gesellschaft, die sie in traulichen Stunden

ihrer Freundin aufgeschlossen.

Man war natürlich so artig, ihr deswegen einige Komplimente zu machen,

obgleich man allgemein überzeugt war, daß die geniale Freundin nichts

aus dem innern Wollauschen Leben g e s p i c k t haben werde.

Der ewige Jude hatte indes bei diesen Vorgängen eine ganz sonderbare

Figur gespielt. Verwunderungsvoll schaute er in diese Welt hinein, als

traue er seinen Augen und Ohren nicht. Doch war das Bemühen, nach

meiner Vorschrift ästhetisch und kritisch auszusehen, nicht zu

verkennen. Aber weil ihm die Übung darin abging, so schnitt er so

greuliche Grimassen, daß er einigemal während des Vorlesens die

Aufmerksamkeit des ganzen Zirkels auf sich zog und die Dame des Hauses

mich teilnehmend fragte, ob mein Hofmeister nicht wohl sei.

Ich entschuldigte ihn mit Zahnschmerzen, die ihn zuweilen befielen,

und glaubte alles wieder gut gemacht zu haben. Als aber Frau von

Wollau, die ihm gegenüber saß, ihren Einfluß auf die Dichterin

mitteilte, mußte das preziöse, geschraubte Wesen derselben dem alten

Menschen so komisch vorkommen, daß er laut auflachte.

Wer jemals das Glück gehabt, einem eleganten Tee in höchst feiner

Gesellschaft beizuwohnen, der kann sich leicht denken, wie betreten

alle waren, als dieser rohe Ausbruch des Hohnes erscholl. Eine

unangenehme, totenstille Pause erfolgte, in welcher man bald den

Doktor Mucker, bald die beleidigte Dame ansah. Die Frau des Hauses,

eingedenk des stechenden Kusses, wollte schon den unartigen Fremden,

der den Anstand ihres Hauses so gröblich verletzte, ohne Rückhalt

zurechtweisen, als dieser mit mehr Gewandtheit und List, als ich ihm

zugetraut hätte, sich aus der Affäre zu ziehen wußte.

„Ich hoffe, gnädige Frau," sagte er, „Sie werden mein allerdings

unzeitiges Lachen nicht mißverstehen und mir erlauben, mich zu

rechtfertigen. Es ist Ihnen allen gewiß auch schon begegnet, daß eine

Ideenassoziation Sie völlig außer Kontenance brachte. Ist doch schon

manchem, mitten unter den heiligsten Dingen, ein lächerlicher Gedanke

aufgestoßen, der ihn im Mund kitzelte, und je mehr er bemüht war, ihn

zu verhalten und zurückdrängen, desto unaufhaltsamer brach er auf

einmal hervor. So geschah es mir in diesem Augenblicke. Sie würden

mich unendlich verbinden, gnädige Frau, wenn Sie mir erlaubten, durch

offenherzige Erzählung mich bei Frau von Wollau zu entschuldigen."

Gnädige Frau, höchlich erfreut, daß der Anstand doch nicht verletzt

sei, gewährte ihm freundlich seine Bitte, und der ewige Jude begann:

„Frau von Wollau hat uns ihr interessantes Verhältnis zu einer

berühmten Dichterin mitgeteilt; sie hat uns erzählt, wie sie in

manchen Stunden über ihre schriftstellerischen Arbeiten sich mit ihr

besprochen, und dies erinnerte mich lebhaft an eine Anekdote aus

meinem eigenen Leben.

„Auf einer Reise durch Süddeutschland verlebte ich einige Zeit in S.

Meine Abendspaziergänge richteten sich meistens nach dem königlichen

Garten, der jedem Stande zu allen Tageszeiten offen stand. Die schöne

Welt ließ sich dort zu Fuß und zu Wagen jeden Abend sehen. Ich wählte

die einsameren Partien des Gartens, wo ich, von dichten Gebüschen

gegen die Sonne und störende Besuche verschlossen, auf weichen

Moosbänken mir und meinen Gedanken lebte.

„Eines Abends, als ich schon längere Zeit auf meinem

Lieblingsplätzchen geruht hatte, kamen zwei gutgekleidete ältliche

Frauen und setzten sich auf eine Bank, die nur durch eine schmale,

aber dichtbelaubte Hecke von der meinigen getrennt war. Ich hielt

nicht für nötig, ihnen meine Nähe, die sie nicht zu ahnen schienen, zu

erkennen zu geben. Neugierde war es übrigens nicht, was mich abhielt;

denn ich kannte keine Seele in jener Stadt; also konnten mir ihre

Reden höchst gleichgültig sein. Aber stellen Sie sich mein Erstaunen

vor, Verehrteste, als ich folgendes Gespräch vernahm:

„‚Nun? Und darf man Ihnen Glück wünschen, Liebe? Haben Sie endlich

diese hartnäckige Elise aus der Welt geschafft?'

„‚Ja,' antwortete die andere Dame, ‚heute früh nach dem Kaffee habe

ich sie umgebracht.'

„Schrecken durchrieselte meine Glieder, als ich so deutlich und

gleichgültig von einem Mord sprechen hörte; so leise als möglich

näherte ich mich vollends der Hecke, die mich von ihnen trennte,

schärfte mein Ohr wie ein Wachtelhund, daß mir ja nichts entgehen

sollte, und hörte weiter:

„‚Und wie haben Sie ihr den Tod beigebracht? Wie gewöhnlich, durch

Gift? Oder haben Sie die Unglückliche, wie Othello seine Desdemona,

mit dem Deckbette erstickt?'

„‚Keines von beiden,' entgegnete jene, ‚aber recht hart ward mir

dieser Mord; denken Sie sich, drei Tage lang hatte ich sie schon

zwischen Leben und Sterben, und immer wußte ich nicht, was ich mit ihr

anfangen sollte. Da fiel mir endlich ein gewagtes Mittel ein, ich ließ

sie, wie durch Zufall, von einem Steg ohne Geländer in den tiefen

Strom hinabgleiten, die Wellen schlugen über ihr zusammen. Man hat von

Elisen nichts mehr gesehen.'

„‚Das haben Sie gut gemacht, und die wievielte war diese, die sie auf

die eine oder andere Art umgebracht?' „Nun, das wird bald abgezählt

sein, Pauline Dupuis, Marie usw. Aber die erstere trug mir am meisten

Geld ein. Es waren dies noch die guten Zeiten von 1802, wo noch wenige

mit mir konkurrierten.

„Die Haare standen mir zu Berg. Also fünf unschuldige Geschöpfe hatte

diese Frau schon aus der Welt geschafft. War es nicht ein gutes Werk

an der menschlichen Gesellschaft, wenn ich einen solchen Greuel

aufdeckte und die Mörderin zur Rechenschaft zog?

„Die Damen waren nach einigen gleichgültigen Gesprächen aufgestanden

und hatten sich der Stadt zugewendet. Leise stand ich auf und schlich

mich ihnen nach, wie ein Schatten ihren Fersen folgend. Sie gingen

durch die Promenade, ich folgte; sie kehrten um und gingen durchs Tor,

ich folgte; sie schienen endlich meine Beobachtungen zu bemerken; denn

die eine sah sich einigemal nach mir um; ihr böses Gewissen schien mir

erwacht, sie mochte ahnen, daß ich den Mord wisse, sie will mich durch

die verschiedene Richtung der Straßen, die sie einschlägt, täuschen;

aber ich--folge. Endlich stehen sie an einem Hause still. Sie ziehen

die Glocke, man schließt auf, sie treten ein. Kaum sind sie in der

Türe, so gehe ich schnell heran, merke mir die Nummer des Hauses und

eile, getrieben von jenem Eifer, den die Entdeckung eines so

schauerlichen Geheimnisses in jedem aufregen muß, auf die Direktion

der Polizei.

„Ich bitte den Direktor um geheimes Gehör. Ich lege ihm die ganze

Sache, alles, was ich gehört hatte, auseinander, weiß aber leider von

den Gemordeten keine mit ihrem wahren Namen anzugeben, als eine

gewisse P a u l i n e D u p u i s, die im Jahre 1802 unter der

mörderischen Hand jener Frau starb. Doch dies war dem unter solchen

Fällen ergrauten Polizeimann genug. Er dankt mir für meinen Eifer,

schickt sofort Patrouillen in die Straße, die ich ihm bezeichnete, und

fordert mich auf, ihn, wenn die Nacht vollends hereingebrochen sein

werde, in jenes Haus zu begleiten. Die Nacht wähle er lieber dazu, da

er bei solchen Auftritten den Zudrang der Menschen und das Aufsehen

womöglich vermeide.

„Die Nacht brach an, wir gingen. Die Polizeisoldaten, die das Haus

umstellt hatten, versicherten, daß noch kein Mensch dasselbe verlassen

habe. Der Vogel war also gefangen. Wir ließen uns das Haus öffnen und

fingen im ersten Stock unsere Untersuchung an. Gleich vor der Türe des

ersten Zimmers hörte ich die Stimmen der beiden Frauen. Ohne Umstände

öffne ich und deute dem Polizeidirektor die kleinere ältliche Dame als

die Verbrecherin an.

„Verwundert stand diese auf und fragte nach unserem Begehr. In ihrem

Auge, in ihrem ganzen Wesen hatte diese Dame etwas, das mir

imponierte. Ich verlor auf einen Augenblick die Fassung und deutete

nur auf den Direktor, um sie wegen ihrer Frage an jenen zu weisen.

Doch dieser ließ sich nicht so leicht verblüffen. Mit jener ernsten

Amtsmiene eines Kriminalrichters fragte er sie über ihren heutigen

Spaziergang aus. Sie gestand ihn zu, wie auch die Bank, wo sie

gesessen. Ihre Aussagen stimmten ganz zu den meinigen, der Mann sah

sie schon als überwiesen an. Die Frau fing an, ängstlich zu werden;

sie fragte, was man denn von ihr wolle, warum man ihr Haus, ihr Zimmer

mit Bewaffneten besetze, warum man sie mit solchen Fragen bestürme?

„Der Mann der Polizei sah in diesem ängstlichen Fragen nur den

Ausbruch eines schuldbeladenen Gewissens. Er schien es für das beste

zu halten, durch eine verfängliche Frage ihr vollends das Verbrechen

zu entlocken: ‚Madame, was haben Sie Anno 1802 mit Pauline Dupuis

angefangen? Leugnen Sie nicht länger, wir wissen alles; sie starb

durch Ihre Hand, wie heute früh die unglückliche Elise!'

„‚Ja, mein Herr! Ich habe die eine wie die andere sterben lassen,'

antwortete die Frau mit einer Seelenruhe, die sogar in ein boshaftes

Lächeln überzugehen schien.

„‚Und diesen Mord gestehen Sie mit so viel Gleichmut, als hätten Sie

zwei Tauben abgetan?' fragte der erstaunte Polizeidirektor, dem in der

Praxis eine solche Mörderin noch nicht vorgekommen sein mochte.

‚Wissen Sie denn, daß Sie verloren sind, daß es Ihnen den Kopf kosten

kann?'

„‚Nicht doch!' entgegnete die Dame. ‚Die Geschichte ist ja

weltbekannt.'--‚Weltbekannt?' rief jener. ‚Bin ich nicht schon seit

zweiundvierzig Jahren Polizeidirektor? Meinen Sie, dergleichen könne

mir entgehen?'

„‚Und dennoch werde ich recht haben; erlauben Sie, daß ich Ihnen die

Belege herbeibringe?'

„‚Nicht von der Stelle ohne gehörige Bewachung! Wache! Zwei Mann auf

jeder Seite von Madame! Bei dem ersten Versuch zur Flucht--

zugestoßen!'

„Vier Polizeidiener mit blanken Seitengewehren begleiteten die

Unglückliche, die mir den Verstand verloren zu haben schien. Bald

jedoch erschien sie wieder, ein kleines Buch in der Hand.

„‚Hier, meine Herren, werden Sie die Belege zu dem Mord finden,' sagte

sie, indem sie uns lächelnd das Buch überreichte.

„‚Taschenbuch für 1802,' murmelte der Direktor, indem er das Buch

aufschlug und durchblätterte. ‚Was, Teufel, gedruckt und zu lesen

steht hier: P a u l i n e D u p u i s von--, mein Gott, Sie sind die

Witwe des Herrn von--, und, wenn ich nicht irre, selbst

Schriftstellerin?'

„‚So ist es,' antwortete die Dame und brach in ein lustiges Lachen

aus, in welches auch der Direktor einstimmte, indem er, vor Lachen

sprachlos, auf mich deutete.

„‚Und Elise--wie ist es mit diesem armen Kind?' fragte ich, den

Zusammenhang der Sache und die Fröhlichkeit der Mörderin und des

Polizeimannes noch immer nicht verstehend.

„‚Sie liegt ermordet auf meinem Schreibtisch,' sagte die Lachende,

‚und soll morgen durch die Druckerei zum ewigen Leben eingehen.'--

„Was brauche ich noch da zuzusetzen? Meine Herren und Damen! Ich war

der Narr im Spiel, und jene Frau war die rühmlichst bekannte,

interessante Th. v. H. Die Erzählung ‚Pauline Dupuis' ist noch heute

zu lesen; ob die geniale Frau ihre Elise, die sie am Morgen jenes

Tages nach dem Kaffee vollendet hatte, herausgegeben, weiß ich nicht.

Ich mußte aus S. entfliehen, um nicht zum Gespötte der Stadt zu

werden. Vorher aber schickte mir der Polizeidirektor noch eine große

Diätenrechnung über Zeitversäumnis, weil ich durch jene lustige

Mordgeschichte den Durstigen von seinem gewöhnlichen Abendbesuch in

einem Klub abgehalten hatte."--

Der ewige Jude hatte mit einer verbindlichen Wendung an Frau von

Wollau geendet. Allgemeiner Beifall ward ihm zuteil, und ein gnädiges

Lächeln der Hausfrau sagte ihm, wie glücklich er sich gerechtfertigt

hatte. Und wie die finstern Blicke dieser Dame vorher die Männer aus

seiner unglücklichen Nähe entfernt hatten, ebenso schnell nahten sie

sich ihm wieder, als ihn die Gnadensonne wieder beschien. Man zog ihn

öfter ins Gespräch, man befragte ihn über seine Reisen, namentlich

über jene in Süddeutschland. Denn wie Schottland und seine Bewohner

für London und Alt-England überhaupt, so ist Schwaben für die

Berliner, welche nie an den Rebenhügeln des Neckars und an den

fröhlich grünenden Gestaden der oberen Donau eines jener sinnigen,

herrlichen Lieder aus dem Munde eines „luschtiga Büebles" oder eines

rüstigen, hochaufgeschürzten „Mädles" belauschten, ein Gegenstand

hoher Neugierde.

Welch sonderbare Meinungen über jenes Land, selbst in gebildeten

Zirkeln wie dieser elegante Tee, im Umlauf seien, hörte ich diesen

Abend zu meinem großen Erstaunen. In einem Zaubergarten von sanften

Hügeln, von klaren, blauen Strömen, von blühenden, duftenden

Obstwäldern, von prangenden Weingärten durchschnitten, wohne, meinten

sie, ein Völkchen, das noch so ziemlich auf der ersten Stufe der

Kultur stehe; immense Gelehrte, die sich nicht auszudrücken

verstünden, phantasiereiche Schriftsteller, die kein Wort gutes

Deutsch sprächen. Ihre Mädchen haben keine Bildung, ihre Frauen keinen

Anstand. Ihre Männer werden vor dem vierzigsten Jahre nicht klug, und

im ganzen Lande werden alle Tage viele Tausende jener Torheiten

begangen, die allgemein unter dem Namen „Schwabenstreiche" bekannt

seien.

Mir kam dieses Urteil lächerlich vor; ich war manches Jahr in Schwaben

gewesen und hatte mich unter den guten Leutchen ganz wohl befunden;

hätte ich nicht befürchten müssen, aus der Rolle eines Zöglings zu

fallen, ich hätte sogleich darauf geantwortet, wie ich es wußte; so

aber ersparte mir mein Mentor die Mühe, welcher unglücklich genug die

gute Meinung, die er auf einige Augenblicke gewonnen hatte, nur zu

schnell wieder verlieren sollte.

„Ob die Berliner," sagte er, „mehr innere Bildung, mehr Eleganz der

äußeren Formen besitzen als die Schwaben, ob man hier im

Brandenburgischen mit mehr Feinheit ausgerüstet auf die Erde oder

vielmehr auf den Sand kommt als in Schwaben, wage ich nicht zu

untersuchen; aber so viel habe ich mit eigenen Augen gesehen, daß man

dort im Durchschnitt unter den Mädchen eine weit größere Menge

hübscher, sogar schöner Gesichter findet als selbst in Sachsen,

welches doch wegen dieses Artikels berühmt ist."

„_Quelle sottise!_" hörte ich Frau von Wollau schnauben, „welche

abgeschmackte Behauptung dieser gemeine Mensch--"

Umsonst winkte ich dem Ewigen mit den Augen, umsonst gab ihm der

Dichter einen freundschaftlichen Rippenstoß, ihn zu erinnern, daß er

sich unter Damen befinde, die auch auf Schönheit Anspruch machten;

ruhig, als ob er den erzürnten Schönen das größte Kompliment gesagt

hätte, fuhr er fort: „Sie können gar nicht glauben, wie reizend dieser

verschrieene Dialekt von schönen Lippen tönt, wie alles so naiv, so

lieblich klingt; wie unendlich hübsch sind diese blühenden

Gesichtchen, wenn man ihnen sagt, daß sie schön seien, daß man sie

liebe; wie schelmisch schlagen sie die Augen nieder, wie unschuldig

erröten sie, welcher Zauber liegt dann in ihrem Trotz, wenn sie sich

verschämt wegwenden und flüstern: ‚Ach ganget Se mer weg, moinet Se

denn, i glaub's?' Hier in Norddeutschland gibt es meist nur

Teegesichter, die einen Trost darin finden, ästhetisch oder ätherisch

auszusehen; sie müssen den Atem erst lange anhalten, wenn sie es je

der Mühe wert halten, über dergleichen zu erröten."

O Jude, welchen Bock hattest du geschossen! Kaum hast du das

zornblitzende Auge einer Dame versöhnt, so begehest du den großen

Fehler, vor zwölf Damen die schönen Gesichtchen zweier Länder zu loben

und nicht nur sie nicht mit aufzuzählen, sondern sogar ihren

ätherischen Teint, ihre interessante Mondscheinblässe für Teegesichter

zu verschreien!

Die jungen Damen sahen erstaunt, als trauten sie ihren Ohren nicht,

die älteren an; diese warfen schreckliche Blicke auf den Frevler und

auf die übrigen Herren, die, ebenso erstaunt, noch keine Worte zu

einer Replik finden konnten. Die Teetassen, die goldenen Löffelchen

klirrten laut in den vor Wut zitternden Händen der Mütter, die seit

zehn Jahren mit vieler Mühe es dahin gebracht hatten, daß ihre Töchter

nobel und edel aussehen möchten--wozu heutzutage, außer dem Gefühl der

Würde, etwas Leidendes, beinahe Kränkliches gehört--welche die immer

wieder anschwellende Fülle ihrer Töchter, die immer wiederkehrende

Röte der Wangen doch endlich zu besiegen gewußt hatten.

Und jetzt sollte dieser fremde, abenteuerliche, gemeine Mensch sie und

ihre Freude, ihre Kunst zuschanden machen? Er sollte es wagen, die

Damen dieses deutschen Paris mit jenen schwerfälligen Bewohnerinnen

des unkultivierten Schwabens auch nur in Parallele zu bringen und

ihnen den ersten Rang zu versagen? Und dies sollten sie dulden?

_Jamais!_ Gnädige Frau nahm das Wort mit einem Blick, der über

das eiskalte Gesicht des stillen Zornes wie ein Nordschein über

Schneegefilde herabglänzte: „Ich muß Sie nur herzlich bedauern, Herr

Doktor Mucker, daß Sie das schöne Schwaben und seine naiven

Bauerndirnen so treulos verlassen haben; und ich bitte Sie, Lieber,"

fuhr sie fort, indem sie sich zu dem Dichter, der uns eingeführt

hatte, wandte, „ich bitte Sie, muten Sie diesem Herrn da nicht mehr

zu, meine Zirkel zu besuchen. Jotte doch, er könnte bei unseren Damen

seine robusten Naturen und jene Naivetät vermissen, die er sich so

ganz zu eigen gemacht hat."

Triumphierend richteten sich die Gebeugten auf, die Mütter spendeten

Blicke des Dankes, die Fräulein kicherten hinter vorgehaltenen

Sachtüchern, die jungen Herren hatten auch wieder die Sprache gefunden

und machten sich lustig über meinen armen Hofmeister. Doch der feine

Takt der gnädigen Frau ließ diesem Ausbruch der Nationalrache nur so

lange Raum, bis sie den Doktor hinlänglich gestraft glaubte. Beleidigt

durfte dieser Mann in ihrem Salon nie werden, wenn er gleich durch

seine rücksichtslose Äußerung ihren Unwillen verdient hatte; sie

beugte also schnell mit jener Gewandtheit, die feingebildeten Frauen

so eigentümlich ist, allen weiteren Bemerkungen vor, indem sie ihren

Neffen aufforderte, sein Versprechen zu halten und der Gesellschaft

die längst versprochene Novelle preiszugeben.

Dieser junge Mann hatte schon während des ganzen Abends meine

Aufmerksamkeit beschäftigt. Er unterschied sich von den übrigen jungen

Herren, die leer in den Tag hinein plauderten, sehr vorteilhaft durch

Ernst und würdige Haltung, durch gewählten Ausdruck und kurzes,

richtiges Urteil. Er war groß und schlank gebaut, männlich schön, nur

vielleicht für manche etwas zu mager. Sein Auge war glänzend und hatte

jenen Ausdruck stillen Beobachtens, der einen Menschenkenner oder

wenigstens einen Mann verrät, der das Leben und Treiben der großen und

kleinen Welt in vielerlei Formen gesehen und darüber gedacht hatte.

Er hatte, was mich sehr günstig für ihn stimmte, an dem Gespräch des

ewigen Juden und an seiner Persiflage mit keinem Wort, ich möchte

sagen, mit keiner Miene teilgenommen. Zum erstenmal an diesem ganzen

Abend entlockte ihm die Frage seiner Tante ein Lächeln, das sein

Gesicht, besonders den Mund, noch viel angenehmer machte; wahrlich, in

diesen Mann hätte ich mich, wenn ich eines der anwesenden Fräulein

gewesen wäre, unbedingt verlieben müssen; aber freilich, junge Damen

haben hierüber ganz andere Ansichten als der Teufel, und das einfache

schwarze Gewand des jungen Mannes konnte natürlich die glänzende

Gardeuniform und ihren kühnen, die drallen Formen zeigenden Schnitt

nicht aufwiegen.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 21 / 51 题