ZWEITES KAPITEL

Der schauerliche Abend.

So hatte der geniale Fremdling mich und zwölf bis fünfzehn Herren und

Damen in einen tollen Strudel der Freude gerissen. Beinahe alle waren

ohne Zweck in diesem Haus, und doch wagte keiner, den Gedanken an die

Abreise sich auch nur entfernt vorzustellen. Im Gegenteil, wenn wir

morgens lange ausgeschlafen, mittags lange getafelt, abends lange

gespielt und nachts lange getrunken, geschwatzt und gelacht hatten,

schien der Zauber, der uns an dieses Haus band, nur eine neue Kette um

den Fuß geschlungen zu haben.

Doch es sollte anders werden, vielleicht zu unserm Heil. An dem

sechsten Tage unseres Freudenreiches, einem Sonntag, war unser Herr

von Natas im ganzen Gasthof nicht zu finden. Die Kellner

entschuldigten ihn mit einer kleinen Reise; er werde vor

Sonnenuntergang nicht kommen, aber zum Tee, zur Nachttafel unfehlbar

da sein.

Wir waren schon so an den Unentbehrlichen gewöhnt, daß uns diese

Nachricht ganz betreten machte; es war uns, als würden uns die Flügel

zusammengebunden und man befehle uns zu fliegen.

Das Gespräch kam, wie natürlich, auf den Abwesenden und auf seine

auffallende, glänzende Erscheinung. Sonderbar war es, daß es mir nicht

aus dem Sinne kommen wollte, ich habe ihm, nur unter einer andern

Gestalt, schon früher einmal auf meinem Lebenswege begegnet; so

abgeschmackt auch der Gedanke war, so unwiderstehlich drängte er sich

mir immer wieder auf. Aus früheren Jahren her erinnerte ich mich

nämlich eines Mannes, der in seinem Wesen, in seinem Blicke

hauptsächlich, große Ähnlichkeit mit ihm hatte. Jener war ein fremder

Arzt, besuchte nur hie und da meine Vaterstadt und lebte dort immer

von Anfang sehr still, hatte aber bald einen Kreis von Anbetern um

sich versammelt. Die Erinnerung an jenen Menschen war mir übrigens

fatal; denn man behauptete, daß, so oft er uns besucht habe, immer ein

bedeutendes Unglück erfolgt sei; aber dennoch konnte ich den Gedanken

nicht los werden, Natas habe die größte Ähnlichkeit mit ihm, ja, es

sei eine und dieselbe Person.

Ich erzählte meinen Tischnachbarn den unablässig mich verfolgenden

Gedanken und die unangenehme Vergleichung eines mir so grausenhaften

Wesens, wie der Fremde in meiner Vaterstadt war, mit unserem Freunde,

der so ganz meine Achtung und Liebe sich erworben hatte; aber noch

unglaublicher klingt es vielleicht, wenn ich versichere, daß meine

Nachbarn ganz den nämlichen Gedanken hatten; auch sie glaubten, unter

einer ganz andern Gestalt unsern geistreichen Gesellschafter gesehen

zu haben.

„Sie könnten einem ganz bange machen," sagte die Baronin von Thingen,

die nicht weit von mir saß, „Sie wollen unsern guten Natas am Ende zum

ewigen Juden oder, Gott weiß, zu was sonst noch machen!"

Ein kleiner ältlicher Herr, Professor in T., der seit einigen Tagen

sich auch an unsere Gesellschaft angeschlossen und immer still

vergnügt, hie und da etwas weinselig, mitlebte, hatte während unserer

„vergleichenden Anatomie", wie er es nannte, still vor sich

hingelächelt und mit kunstfertiger Schnelligkeit seine ovale Dose

zwischen den Fingern umgedreht, daß sie wie ein Rad anzusehen war.

„Ich kann mit meiner Bemerkung nicht mehr länger hinter dem Berge

halten," brach er endlich los, „wenn Sie erlauben, Gnädigste, so halte

ich ihn nicht gerade für den ewigen Juden, aber doch für einen ganz

absonderlichen Menschen. So lange er zugegen war, wollte wohl hie und

da der Gedanke in mir aufblitzen: ‚Den hast du schon gesehen, wo war

es doch?' aber wie durch Zauber krochen diese Erinnerungen zurück,

wenn er mich mit dem schwarzen, umherspringenden Auge erfaßte."

„So war es mir gerade auch,--mir auch,--mir auch," riefen wir alle

verwundert.

„Hm! he, hm!" lachte der Professor. „Jetzt fällt es mir aber von den

Augen wie Schuppen, daß es niemand ist als der, den ich schon vor

zwölf Jahren in Stuttgart gesehen habe."

„Wie, Sie haben ihn gesehen und in welchen Verhältnissen?" fragte Frau

von Thingen eifrig und errötete halb über den allzugroßen Eifer, den

sie verraten hatte.

Der Professor nahm eine Prise, klopfte den Jabot aus und begann: „Es

mögen nun ungefähr zwölf Jahre sein, als ich wegen eines Prozesses

einige Monate in Stuttgart, zubrachte. Ich wohnte in einem der ersten

Gasthöfe und speiste auch dort gewöhnlich in großer Gesellschaft an

der Wirtstafel. Einmal kam ich nach einigen Tagen, in welchen ich das

Zimmer hatte hüten müssen, zum erstenmal wieder zu Tisch. Man sprach

sehr eifrig über einen gewissen Herrn Barighi, der seit einiger Zeit

die Mittagsgäste durch seinen lebhaften Witz, durch seine Gewandtheit

in allen Sprachen entzücke; in seinem Lob waren alle einstimmig, nur

über seinen Charakter war man nicht recht einig; denn die einen

machten ihn zum Diplomaten, die andern zu einem Sprachmeister, die

dritten zu einem hohen Verbannten, wieder andere zu einem Spion. Die

Türe ging auf, man war still, beinahe verlegen, den Streit so laut

geführt zu haben; ich merkte, daß der Besprochene sich eingefunden

habe und sah--"

„Nun, ich bitte Sie! denselben, der uns"--„denselben, der uns seit

einigen Tagen so trefflich unterhält. Dies wäre übrigens gerade nichts

Übernatürliches; aber hören Sie weiter: Zwei Tage schon hatte uns Herr

Barighi, so nannte sich der Fremde, durch seine geistreiche

Unterhaltung die Tafel gewürzt, als uns einmal der Wirt des Gasthofs

unterbrach: ‚Meine Herren,' sagte der Höfliche, ‚bereiten Sie sich auf

eine köstliche Unterhaltung, die Ihnen morgen zuteil werden wird, vor;

der Herr Oberjustizrat Hasentreffer zog heute aus und zieht morgen

ein.'"

„Wir fragten, was dies zu bedeuten habe, und ein alter grauer

Hauptmann, der schon seit vielen Jahren den obersten Platz in diesem

Gasthofe behauptete, teilte uns den Schwank mit: ‚Gerade dem

Speisesaal gegenüber wohnt ein alter Junggeselle, einsam in einem

großen öden Haus; er ist Oberjustizrat außer Dienst, lebt von einer

anständigen Pension und soll überdies ein enormes Vermögen besitzen.'

„‚Derselbe ist aber ein kompletter Narr und hat ganz eigene

Gewohnheiten, wie z.B., daß er sich selbst oft große Gesellschaft

gibt, wobei es immer flott hergeht. Er läßt zwölf Kuverts aus dem

Wirtshaus kommen, seine Weine hat er im Keller, und einer oder der

andere unserer Markörs hat die Ehre zu servieren. Man denkt

vielleicht, er hat allerlei hungrige oder durstige Menschen bei sich!

Mitnichten! alte, gelbe Stammbuchblätter, auf jedem ein großes Kreuz,

liegen auf den Stühlen; dem alten Kauz ist aber so wohl, als wenn er

unter den lustigsten Kameraden wäre; er spricht und lacht mit ihnen,

und das Ding soll so greulich anzusehen sein, daß man immer die neuen

Kellner dazu braucht, denn wer e i n m a l bei einem solchen Souper

war, geht nicht mehr in das öde Haus.

„‚Vorgestern war wieder ein Souper, und unser neuer Franz dort schwört

Himmel und Erde, ihn bringe keine Seele mehr hinüber. Den andern Tag

nach dem Gastmahl kommt dann die zweite Sonderbarkeit des

Oberjustizrats. Er fährt morgens früh aus der Stadt und kehrt erst den

andern Morgen zurück, nicht aber in sein Haus, das um diese Zeit fest

verriegelt und verschlossen ist, sondern hierher ins Wirtshaus.

„Da tut er dann ganz fremd gegen Leute, welche er das ganze Jahr

täglich sieht, speist zu Mittag und stellt sich nachher an ein Fenster

und betrachtet sein Haus gegenüber von oben bis unten.

„‚Wem gehört das Haus da drüben?' fragt er dann den Wirt.

„Pflichtmäßig bückt sich dieser jedesmal und antwortet: ‚Dem Herrn

Oberjustizrat Hasentreffer, Ew. Exzellenz aufzuwarten.'"

„Aber, Herr Professor, wie hängt denn Ihr toller Hasentreffer mit

unserem Natas zusammen?"

„Belieben Sie sich doch zu gedulden, Herr Doktor," antwortete jener,

„es wird Ihnen gleich wie ein Licht aufgehen. Der Hasentreffer

beschaut also das Haus und erfährt, daß es dem Hasentreffer gehöre.

‚Ach! derselbe, der in Tübingen zu meiner Zeit studierte?' fragt er

dann, reißt das Fenster auf, streckt den gepuderten Kopf hinaus und

schreit: ‚Ha--a--asentreffer, Ha--a--asentreffer!'

Natürlich antwortete niemand, er aber sagt dann: ‚Der Alte würde es mir

nie vergessen, wenn ich nicht bei ihm einkehrte,' nimmt Hut und Stock,

schließt sein eigenes Haus auf, und so geht es nach wie vor."

„Wir alle," fuhr der Professor in seiner Erzählung fort, „waren sehr

erstaunt über diese sonderbare Erscheinung und freuten uns königlich

auf den morgenden Spaß. Herr Barighi aber nahm uns das Versprechen ab,

ihn nicht verraten zu wollen, indem er einen köstlichen Scherz mit dem

Oberjustizrat vorhabe.

„Früher als gewöhnlich versammelten wir uns an der Wirtstafel und

belagerten die Fenster. Eine alte, baufällige Chaise wurde von zwei

alten Kleppern die Straße herangeschleppt, sie hielt vor dem

Wirtshaus; ‚das ist der Hasentreffer, der Hasentreffer,' tönte es von

aller Mund, und eine ganz besondere Fröhlichkeit bemächtigte sich

unser, als wir das Männlein zierlich gepudert, mit einem stahlgrauen

Röcklein angetan, ein mächtiges Meerrohr in der Hand, aussteigen

sahen. Ein Schwanz von wenigstens zehn Kellnern schloß sich ihm an; so

gelangte er ins Speisezimmer.

„Man schritt sogleich zur Tafel; ich habe selten so viel gelacht als

damals; denn mit der größten Kaltblütigkeit behauptete der Alte,

gerades Weges aus Kassel zu kommen und vor sechs Tagen in Frankfurt im

Schwan recht gut logiert zu haben. Schon vor dem Dessert mußte Barighi

verschwunden sein; denn als der Oberjustizrat aufstand und sich auch

die übrigen Gäste erwartungsvoll erhoben, war er nirgends mehr zu

sehen.

„Der Oberjustizrat stellte sich ans Fenster, wir alle folgten seinem

Beispiele und beobachteten ihn. Das Haus gegenüber schien öde und

unbewohnt; auf der Türschwelle sproßte Gras, die Jalousien waren

geschlossen; zwischen einigen schienen sich Vögel eingebaut zu haben.

‚Ein hübsches Haus da drüben,' begann der Alte zu dem Wirt, der immer

in der dritten Stellung hinter ihm stand. ‚Wem gehört es?'--‚Dem

Oberjustizrat Hasentreffer, Euer Exzellenz aufzuwarten.'

„‚Ei, das ist wohl der nämliche, der mit mir studiert hat?' rief er

aus. ‚Der würde es mir nie verzeihen, wenn ich ihm nicht meine

Anwesenheit kund täte.' Er riß das Fenster auf: ‚Hasentreffer--

Hasentreffer!' schrie er mit heiserer Stimme hinaus.--Aber wer

beschreibt unsern Schrecken, als gegenüber in dem öden Haus, das wir

wohlverschlossen und verriegelt wußten, ein Fensterladen langsam sich

öffnete; ein Fenster tat sich auf, und heraus schaute der

Oberjustizrat Hasentreffer im zitzenen Schlafrock und der weißen

Mütze, unter welcher wenige graue Löckchen hervorquollen; so, gerade

so pflegte er sich zu Hause zu tragen. Bis auf das kleinste Fältchen

des bleichen Gesichts war der gegenüber der nämliche wie der, der bei

uns stand. Aber Entsetzen ergriff uns, als der im Schlafrock mit

derselben heiseren Stimme über die Straße herüberrief: ‚Was will man,

wen ruft man? he!'

„‚Sind Sie der Herr Oberjustizrat Hasentreffer?' rief der auf unserer

Seite, bleich wie der Tod, mit zitternder Stimme, indem er sich bebend

am Fenster hielt.

„‚Der bin ich,' kreischte jener und nickte freundlich grinsend mit dem

Kopfe; ‚steht etwas zu Befehl?'

„‚Ich bin er ja auch,' rief der auf unserer Seite wehmütig, ‚wie ist

denn dies möglich?'

„‚Sie irren sich, Wertester!' schrie jener herüber. ‚Sie sind der

Dreizehnte; kommen Sie nur ein wenig herüber in meine Behausung, daß

ich Ihnen den Hals umdrehe; es tut nicht weh.'

„‚Kellner, Stock und Hut!' rief der Oberjustizrat, matt bis zum Tod,

und die Stimme schlich ihm in kläglichen Tönen aus der hohlen Brust

herauf. ‚In meinem Haus ist der Satan und will meine Seele;--

vergnügten Abend, meine Herren!' setzte er hinzu, indem er sich mit

einem freundlichen Bückling zu uns wandte und dann den Saal verließ.

„‚Was war das?' fragten wir uns. ‚Sind wir alle wahnsinnig?'--

„Der im Schlafrock schaute noch immer ganz ruhig zum Fenster heraus,

während unser gutes altes Närrchen in steifen Schritten über die

Straße stieg. An der Haustüre zog er einen großen Schlüsselbund aus

der Tasche, riegelte--der im Schlafrock sah ihm ganz gleichgültig zu--

riegelte die schwere, knarrende Haustür auf und trat ein.

„Jetzt zog sich auch der andere vom Fenster zurück; man sah, wie er

dem unsrigen an die Zimmertüre entgegenging.

„Unser Wirt, die zehn Kellner waren alle bleich vor Entsetzen und

zitterten. ‚Meine Herren,' sagte jener, ‚Gott sei dem armen

Hasentreffer gnädig, denn einer von beiden war der Leibhaftige.'--Wir

lachten den Wirt aus und wollten uns selbst bereden, daß es ein Scherz

von Barighi sei; aber der Wirt versicherte, es habe niemand in das

Haus gehen können außer mit den überaus künstlichen Schlüsseln den

Rats; Barighi sei zehn Minuten, ehe das Gräßliche geschehen, noch an

der Tafel gesessen; wie hätte er denn in so kurzer Zeit die täuschende

Maske anziehen können, auch vorausgesetzt, er hätte sich das fremde

Haus zu öffnen gewußt? Die beiden seien aber einander so greulich

ähnlich gewesen, daß er, ein zwanzigjähriger Nachbar, den echten nicht

hätte unterscheiden können. ‚Aber um Gottes willen, meine Herren, hören

Sie nicht das gräßliche Geschrei da drüben?'

„Wir sprangen ans Fenster, schrecklich trauervolle Stimmen tönten aus

dem öden Hause herüber; einige Male war es uns, als sähen wir unsern

alten Oberjustizrat, verfolgt von seinem Ebenbild im Schlafrock, am

Fenster vorbeijagen. Plötzlich aber war alles still.

„Wir sahen einander an; der Beherzteste machte den Vorschlag

hinüberzugehen! Alle stimmten überein. Man zog über die Straße, die

große Hausglocke an des Alten Haus tönte dreimal, aber es wollte sich

niemand hören lassen; da fing uns an zu grauen; wir schickten nach der

Polizei und dem Schlosser, man brach die Türe auf, der ganze Strom der

Neugierigen zog die breite, stille Treppe hinauf, alle Türen waren

verschlossen; eine ging endlich auf; in einem prachtvollen Zimmer lag

der Oberjustizrat im zerrissenen stahlfarbigen Röcklein, die zierliche

Frisur schrecklich verzaust, tot, erwürgt auf dem Sofa.

„Von Barighi hat man seitdem weder in Stuttgart, noch sonst irgendwo

jemals eine Spur gesehen."

* * * * *

Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 6 / 51 题