ERSTES KAPITEL

Der Herausgeber macht eine interessante Bekanntschaft.

Wer, wie der Herausgeber und Übersetzer vorliegender merkwürdiger

Aktenstücke, in den letzten Tagen des Septembers 1822 in Mainz war

und in dem schönen Gasthof zu den drei Reichskronen logierte, wird

gewiß diese Tage nicht unter die verlorenen seines Lebens rechnen.

Es vereinigte sich damals alles, um das Gasthofleben, sonst nicht

gerade das angenehmste, das man führen kann, angenehm zu machen. Feine

Weine, gute Tafel, schöne Zimmer hätte man auch sonst wohl dort

gefunden, seltener, gewiß sehr selten so ausgesuchte Gesellschaft. Ich

erinnere mich nicht, jemals in meinem Leben, weder vor noch nachher,

einen meiner damaligen Tisch= und Hausgenossen gesehen zu haben, und

dennoch schlang sich in jenen glücklichen Tagen ein so zartes, enges

Band der Geselligkeit um uns, wie ich es unter Fremden, deren keiner

den andern kannte oder seine nähere Verhältnisse zu wissen wünschte,

nie für möglich gehalten hätte.

Der schöne Herbst von 1822 mit seiner erfreulichen Aussicht, dieser

Herbst, am Rhein genossen, mag allerdings zu dieser ruhigen Heiterkeit

des Gemüts, zu diesem Hingeben jedes einzelnen für die Gesellschaft

beigetragen haben. Aber nicht mit Unrecht glaube ich diese Erscheinung

einem sonderbaren, mir nachher höchst merkwürdigen Manne zuschreiben

zu müssen.

Ich war schon beinahe anderthalb Tage in den drei Reichskronen vor

Anker gelegen; hätte mich nicht ein Freund, den ich seit langen Jahren

nicht gesehen hatte, auf den fünfundzwanzigsten oder dreißigsten

bestellt, ich wäre nicht mehr länger geblieben; denn die

schrecklichste Langeweile peinigte mich. Die Gesellschaft im Hause war

anständig, freundlich sogar, aber kalt. Man ließ einander an der Seite

liegen, wenig bekümmert um das Wohl oder das Weh des Nachbars. Wie man

einander die schönen geschmorten Fische, den feinen Braten oder die

Saladière darzubieten habe, wußte jeder, „aber das Genie, ich meine,

der Geist" wies sich nicht gehörig an der Tafel, noch weniger nachher

aus.

Ich sah eines Nachmittags aus meinem Fenster auf den freien Platz vor

dem Hotel hinab und dachte nach über meine Forderungen an die Menschen

überhaupt und an die Gasthofmenschen (worunter ich nicht Wirt und

Kellner allein verstand) insbesondere. Da rasselte ein Reisewagen über

das Steinpflaster der engen Seitenstraße und hielt gerade unter meinem

Fenster.

Der geschmackvolle Bau des Wagens ließ auf eine elegante Herrschaft

schließen. Sonderbar war es übrigens, daß weder auf dem Bock, noch

hinten im Kabriolett ein Diener saß, was doch eigentlich zu den vier

Postpferden, mit welchen der Wagen bespannt war, notwendig gepaßt

hätte.

„Vielleicht ein kranker Herr, den sie aus dem Wagen tragen müssen,"

dachte ich und richtete die Lorgnette genau auf die Hand des großen

stattlichen Oberkellners, der den Schlag öffnete.

„Zimmer vakant?" rief eine tiefe, wohltönende Männerstimme.

„So viele Euer Gnaden befehlen," war die Antwort des Giganten.

Eine große, schlanke Gestalt schlüpfte schnell aus dem Wagen und trat

in die Halle.

„Nr. 12 und 13," rief die gebietende Stimme des Oberkellners, und Jean

und George flogen im Wettlauf die Treppe hinan.

Die Wagentüre war offen geblieben, aber noch immer wollte kein zweiter

heraussteigen.

Der Oberkellner stand verwundert am Wagen, zweimal hatte er

hineingesehen und immer dabei mit dem Kopf geschüttelt.

„Bst, Herr Oberkellner, auf ein Wort," rief ich hinab, „wer war

denn--"

„Werde gleich die Ehre haben," antwortete der Gefällige und trat bald

darauf in mein Zimmer.

„Eine sonderbare Erscheinung," sagte ich zu ihm; „ein schwerer Wagen

mit vier Pferden, und nur ein einzelner Herr ohne alle Bedienung."

„Gegen alle Regel und Erfahrung," versicherte jener, „ganz sonderbar,

ganz sonderbar. Jedoch der Postillon versicherte, es sei ein Guter,

denn er gab immer zwei Taler schon seit acht Stationen. Vielleicht ein

Engländer von Profession, haben alle etwas Apartes."

„Wissen Sie den Namen nicht?" fragte ich neugieriger, als es sich

schickte.

„Wird erst beim Souper auf die Schiefertafel geschrieben," antwortete

jener; „haben der Herr Doktor sonst noch etwas--?"

Ich wußte zu meinem Verdruß im Augenblicke nichts; er ging und ließ

mich mit meinen Konjekturen über den Einsamen im achtsitzigen Wagen

allein.

Als ich abends zur Tafel hinabging, schlüpfte der Kellner an mir

vorüber, eine ungeheure Schiefertafel in der Hand. Er wurde mich kaum

gewahr, als er, in einer Hand ein Licht, in der andern die Tafel, vor

mich hintrat, mir solche präsentierend.

„v. Natas, Partikulier," stand aufgeschrieben. „Hat er noch keine

Bedienung?" fragte ich.

„Nein," war die Antwort, „er hat zwei Lohnlakaien angenommen, die ihn

aber weder aus= noch ankleiden dürfen."

Als ich in den Speisesaal trat, hatte sich die Gesellschaft schon

niedergelassen; ich eilte still an meinen Stuhl, gegenüber saß Herr

von Natas.

Hatte dieser Mann schon vorher meine Neugierde erregt, so wurde er mir

jetzt um so interessanter, da ich ihn in der Nähe sah.

Das Gesicht war schön, aber bleich, Haar, Augen und der volle Bart von

glänzendem Schwarz, die weißen Zähne, von den feingespaltenen Lippen

oft enthüllt, wetteiferten mit dem Schnee der blendend weißen Wäsche.

War er alt? War er jung? Man konnte es nicht bestimmen; denn halb

schien sein Gesicht mit seinem pikanten Lächeln, das ganz leise in dem

Mundwinkel anfängt und wie ein Wölkchen um die feingebogene Nase zu

dem mutwilligen Auge hinaufzieht, früh gereifte und unter dem Sturm

der Leidenschaften verblühte Jugend zu verraten; bald glaubte man

einen Mann von schon vorgerückten Jahren vor sich zu haben, der durch

eifriges Studium einer reichen Toilette sich zu konservieren weiß.

Es gibt Köpfe, Gesichter, die nur zu e i n e r Körperform passen und

sonst zu keiner andern. Man werfe mir nicht vor, daß es

Sinnestäuschung sei, daß das Auge sich schon zu sehr an diese Form,

wie sie die Natur gegeben, gewöhnt habe, als daß es sich eine andere

Mischung denken könnte. Dieser Kopf konnte nie auf einem untersetzten,

wohlbeleibten Körper sitzen, er durfte nur die Krone einer hohen,

schlanken, zartgebauten Gestalt sein. So war es auch, und die

gedankenschnelle Bewegung der Gesichtsmuskeln, wie sie in leichtem

Spott um den Mund, im tiefen Ernst um die hohe Stirne spielten,

drückte sich auch in dem Körper durch die würdige, aber bequeme

Haltung, durch die schnelle, runde, beinahe zierliche Bewegung der

Arme, überhaupt in dem leichten, königlichen Anstande des Mannes aus.

So war Herr von Natas, der mir gegenüber an der Abendtafel saß. Ich

hatte während der ersten Gänge Muße genug, diese Bemerkungen zu

machen, ohne dem interessanten _vis-à-vis_ durch neugieriges

Anstarren beschwerlich zu fallen. Der neue Gast schien übrigens noch

mehrere Beobachtungen zu veranlassen; denn an dem oberen Ende der

Tafel waren diesen Abend die Brillen mehrerer Damen in immerwährender

Bewegung; mich und meine Nachbarn hatten sie über dem Mittagessen

höchstens mit bloßem Auge gemustert.

Das Dessert wurde aufgetragen, der Direktor der vorzüglichen

Tafelmusik ging umher, seinen wohlverdienten Lohn einzusammeln. Er

kam an den Fremden. Dieser warf einen Taler unter die kleine

Münzensammlung und flüsterte dem überraschten Sammler etwas ins Ohr.

Mit drei tiefen Bücklingen schien dieser zu bejahen und zu versprechen

und schritt eilig zu seiner Kapelle zurück. Die Instrumente wurden

aufs neue gestimmt.

Ich war gespannt, was jener wohl gewählt haben könnte; der Direktor

gab das Zeichen, und gleich in den ersten Takten erkannte ich die

herrliche Polonaise von Osinsky. Der Fremde lehnte sich nachlässig in

seinen Stuhl zurück, er schien nur der Musik zu gehören; aber bald

bemerkte ich, daß das dunkle Auge unter den langen, schwarzen Wimpern

rastlos umherlief,--es war offenbar, er musterte die Gesichter der

Anwesenden und den Eindruck, den die herrliche Polonaise auf sie

machte.

Wahrlich! Dieser Zug schien mir einen geübten Menschenkenner zu

verraten. Zwar wäre der Schluß unrichtig, den man sich aus der wärmern

oder kältern Teilnahme an dem Reich der Töne auf die gröbere oder

geringere Empfänglichkeit des Gemüts für das Schöne und Edle ziehen

wollte; heult ja doch auch selbst der Hund bei den sanften Tönen der

Flöte, das Pferd dagegen spitzt die Ohren bei dem mutigen Schmettern

der Trompeten, stolzer hebt es den Nacken, und sein Tritt ist fester

und straffer.

Aber dennoch konnte man nichts Unterhaltenderes sehen als die

Gesichter der verschiedenen Personen bei den schönsten Stellen des

Stückes; ich machte dem Fremden mein Kompliment über die glückliche

Wahl dieser Musik, und schnell hatte sich zwischen uns ein Gespräch

über die Wirkung der Musik auf diese oder jene Charaktere entsponnen.

Die übrigen Gäste hatten sich indessen verlaufen, nur einige, die in

der Ferne auf unser Gespräch gelauscht hatten, rückten nach und nach

näher. Mitternacht war herangekommen, ohne daß ich wußte wie; denn der

Fremde hatte uns so tief in alle Verhältnisse der Menschen, in alle

ihre Neigungen und Triebe hineinblicken lassen, daß wir uns stille

gestehen mußten, nirgends so tiefgedachte, so überraschende Schlüsse

gehört oder gelesen zu haben.

Von diesem Abend an ging uns ein neues Leben in den drei Reichskronen

auf. Es war, als habe die Freude selbst ihren Einzug bei uns gehalten

und feiere jetzt ihre heiligsten Festtage; Gäste, die sich nie hätten

einfallen lassen, länger als eine Nacht hier zu bleiben, schlossen

sich an den immer größer werdenden Zirkel an und vergaßen, daß sie

unter Menschen sich befanden, die der Zufall aus allen Weltgegenden

zusammengeschneit hatte. Und Natas, dieses seltsame Wesen, war die

Seele des Ganzen. Er war es, der sich, sobald er sich nur erst mit

seinen nächsten Tischnachbarn bekannt gemacht hatte, zum _Maître de

plaisir_ hergab. Er veranstaltete Feste, Ausflüge in die herrliche

Gegend und erwarb sich den innigen Dank eines jeden. Hatte er aber

schon durch die sinnreiche Auswahl des Vergnügens sich alle Herzen

gewonnen, so war dies noch mehr der Fall, wenn er die Konversation

führte.

Jenes ergötzliche Märchen von dem Hörnchen des Oberon schien ins Leben

getreten zu sein; denn Natas durfte nur die Lippen öffnen, so fühlte

jeder zuerst die lieblichsten Saiten seines Herzens angeschlagen; auf

leichten Schwingen schwirrte dann das Gespräch um die Tafel,

mutwilliger wurden die Scherze, kühner die Blicke der Männer,

schalkhafter das Kichern der Damen, und endlich rauschte die Rede in

so fessellosen Strömen, daß man nachher wenig mehr davon wußte, als

daß man sich göttlich amüsiert habe.

Und dennoch war der Zauberer, der diese Lust heraufbeschwor, weit

entfernt, je in's Rohe, Gemeine hinüberzuspielen. Er griff irgend

einen Gegenstand, eine Tagesneuigkeit auf, erzählte Anekdoten, spielte

das Gespräch geschickt weiter, wußte jedem seine tiefste

Eigentümlichkeit zu entlocken und ergötzte durch seinen lebhaften

Witz, durch seine warme Darstellung, die durch alle Schattierungen von

dem tiefsten Gefühl der Wehmut bis hinauf an jene Ausbrüche der Laune

streifte, welche in dem sinnlichsten, reizendsten Kostüm auf der

feinen Grenze des Anstandes gaukeln.

Manchmal schien es zwar, es möchte weniger gefährlich gewesen sein,

wenn er dem Heiligen, das er antastete, geradezu Hohn gesprochen, das

Zarte, das er benagte, geradezu zerrissen hätte; jener zarte,

geheimnisvolle Schleier, mit welchem er dies oder jenes verhüllte,

reizte nur zu dem lüsternen Gedanken, tiefer zu blicken, und das

üppige Spiel der Phantasie gewann in manchem Köpfchen unserer schönen

Damen nur noch mehr Raum; aber man konnte ihm nicht zürnen, nicht

widersprechen; seine glänzenden Eigenschaften rissen unwiderstehlich

hin, sie umhüllten die Vernunft mit süßem Zauber, und seine kühnen

Hypothesen schlichen sich als Wahrheit in das unbewachte Herz.

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Mitteilungen aus den Memoiren des Satan · 第 5 / 51 题