II.

Haben wir bisher nachgewiesen und darüber gesprochen, welchen Zweck der

"Mann im Monde" zu verfolgen hatte, indem wir den Gegenstand, gegen welchen

er gerichtet war, nach allen Teilen auseinandersetzten, so kommt es uns zu,

andächtig miteinander zu betrachten, wie er diesen Zweck verfolgte.

Es gibt verschiedene Wege, wie schon in der Parabel vom angenehmen Mann

angedeutet ist, verschiedene Wege, um ein Laster, eine böse Gewohnheit oder

unsittliche Ansichten aus der sittlichen Gesellschaft zu verbannen. Das

erste und natürlichste bleibt immer, einen solchen Gegenstand mit Ernst,

mit Gründen anzugreifen, seine Anhänger von ihrem Irrtum zu überführen,

seine Blöße offen vor das Auge zu bringen. Diesen Weg hat man auch mit dem

Claurenschen Unfug zu wiederholten Malen eingeschlagen. Ihr alle, meine

Zuhörer, kennet hinlänglich jene öffentlichen Gerichte der Literatur, wo

die Richter zwar, wie bei der heiligen Feme, verhüllt und ohne Namen zu

Gericht sitzen, aber unverhüllt und unumwunden Recht sprechen; ich meine

die Journale, die sich mit der Literatur beschäftigen. Wie es in aller Welt

bestechliche Richter gibt, so auch hier. Es gab einige freilich an

Obskurantismus laborierende Blätter, welche jedes Jahr eine Fanfare bliesen

zu Gunsten und Ehren Claurens und seines Neugeborenen. Dem Vater wie dem

Kindlein wurde gebührendes Lob gespendet und das Publikum eingeladen,

einige Taler als Patengeschenk zu spendieren. Doch zur Ehre der deutschen

Literatur sei es gesagt, es waren und sind dies nur einige Winkelblätter,

die nur mit Modeartikeln zu tun haben.

Bessere Blätter, bessere Männer als jene, die um Geld lobten, scheuten sich

nicht, so oft Claurens Muse in die Wochen kam, das Produkt nach allen

Seiten zu untersuchen und der Welt zu sagen, was davon zu halten sei. Sie

steigerten ihre Stimme, sie erhöhten ihren Tadel, je mehr die Lust an jenen

Produkten unter euch überhand nahm; sie bewiesen mit triftigen Gründen, wie

schändlich eine solche Lektüre, wie entwürdigend ein solcher Geschmack sei,

wie entnervend er schon zu wirken anfange. Manch herrliches Wort wurde da

über die Würde der Literatur, über wahren Adel der Poesie und über euch

gesprochen, die ihr nicht errötet, ihm zu huldigen, die ihr so verstockt

seid, das Häßliche _schön_, das Unsaubere _rein_, das Kleinliche _erhaben_,

das Lächerliche _rührend_ zu finden. Woran lag es aber, daß jene Worte wie

in den Wind gesprochen scheinen, daß, so oft sich auch Männer von wahrem

Wert _dagegen_ erklärten, die Menge immer mehr Partei _dafür_ nahm? Man

müßte glauben, der Herr habe ihre Herzen verstockt, wenn sich nicht noch

ein anderer Grund fände.

Jene Institute für Literatur, die kein Volk der Erde so allgemein, so

gründlich aufzuweisen hat wie wir, jene Journale, wo auch das Kleinste zur

Sprache kommt und nach Gesetzen beurteilt wird, die sich auf Vernunft und

wahren Wert der Kunst und Wissenschaft gründen,--sie sind leider nur für

wenige geschrieben! Wer liest sie? Der Gelehrte, der Bürger von wahrer

Bildung, hin und wieder eine Frau, die sich über das Gebiet der

Leihbibliothek erhoben hat. Ob aber Clauren für _diese_ schreibt? Ob seine

Manier _diesen_ schädlich wird? Ob sie ihn nur lesen? Und wenn sie ihn

lesen, wird ihnen die Stufe von Bildung, auf welcher sie stehen, nicht von

selbst den Takt verleihen, um das Verwerfliche einzusehen? Und wenn unter

hundert Menschen, welche lesen, sogar zehn wären, die sich aus jenen

Instituten unterrichten, verhallt nicht eine solche Stimme bei neunzig

andern?

So kam es, daß Clauren zu wiederholten Malen angegriffen, getadelt,

gescholten, verhöhnt, bis in den Staub erniedrigt wurde; er--schüttelte den

Staub ab, antwortete nicht, ging singend und wohlgemut seine Straße. Wußte

er doch, daß ihm ein großes, ansehnliches Publikum geblieben, zu dessen

Ohren jene Stimmen nie drangen; wußte er doch, daß, wenn ihn der ernste

Vater mit Verachtung vor die Türe geworfen wie einen räudigen Hund, der

seine Schwelle nicht verunreinigen soll, das Töchterlein oder die Hausfrau

eine Hintertüre willig öffnen werde, um auf die Honigworte des angenehmen

Mannes zu lauschen, der Ernst und Scherz so lieblich zu verbinden weiß, und

ihm von den ersparten Milchpfennigen ein Sträußchen Vergißmeinnicht

abzukaufen.

Man könnte sich dies gefallen lassen, wenn es sich um eine gewöhnliche

Erscheinung der Literatur handelte, die in Blättern öffentlich getadelt

wird, weil sie von den gewöhnlichen Formen abweicht oder unreif ist oder

nach Form und Inhalt den ästhetischen Gesetzen nicht entspricht. Hier kann

höchstens die Zeit, die man der Lektüre einer Gespenstergeschichte oder

eines ehrlichen Ritterromans widmete, übel angewendet scheinen, oder der

Geschmack kann darunter leiden. Solange für die jugendliche Phantasie, für

Sittlichkeit keine Gefahr sich zeigt, mögen immer die Richter der Literatur

den Verfasser zurechtweisen, wie er es verdient; das allgemeine Publikum

wird freilich wenig Notiz davon nehmen. Wenn aber nachgewiesen werden kann,

daß eine Art von Lektüre die größtmögliche Verbreitung gewinnt, wenn sie

diese gewinnt durch Unsittlichkeit, durch Lüsternheit, die das Auge reizt

und dem Ohr schmeichelt durch Gemeinheit und unreines Wesen, so ist sie ein

Gift, das um so gefährlicher wirkt, als es nicht schnell und offen zu

wirken pflegt, sondern allmählich die Phantasie erhitzt, die Kraft der

Seele entnervt, den Glauben an das wahrhaft Schöne und Edle, Reine und

Erhabene schwächt und ein Verderben bereitet, das bedauerungswürdiger ist

als eine körperliche Seuche, welche die Blüte der Länder wegrafft.

Ich habe euch vorhin ein Bild entworfen von dem Wesen und der Tendenz

dieses Clauren, nach allen Teilen habe ich ihn enthüllt, und wer unter euch

kann leugnen, daß er ein solches Gift verbreite? Wer es kann, der trete auf

und beschuldige mich einer Lüge! Männer meines Volkes, die ihr den wahren

Wert einer schönen, kräftigen Nation nicht verkennt, Männer, die ihr die

Phantasie eurer Jünglinge mit erhabenen Bildern schmücken wollt, Männer,

die ihr den keuschen Sinn einer Jungfrau für ein hohes Gut erachtet, ihr,

ich weiß es, fühlet mit mir. Aber ihr müßt auch gefühlt, gesehen haben, daß

jene öffentlichen Stimmen, die den Marktschreier rügten, der den

Verblendeten Gift verkauft, nicht selten in eure Häuser gedrungen sind. Ich

habe gefühlt wie ihr, und der Ausspruch jenes alten Arztes fiel mir bei:

_"Gegen Gift hilft nur wieder Gift."_ Ich dachte nach über Ursache und

Wirkung jener Mimili-Manier, ich betrachtete genau die Symptome, die sie

hervorbrachte, und ich erfand ein Mittel, worauf ich Hoffnung setzte. Aus

denselben Stoffen, sprach ich zu mir, mußt du einen Teig kneten, mußt ihn

würzen mit derselben Würze, nur reichlicher überall, nur noch pikanter; an

diesem Backwerk sollen sie mir kauen, und wenn es ihnen auch dann nicht

widersteht, wenn es ihnen auch dann nicht wehe macht, wenn sie an _dieser_

"Trüffelpaste", an _diesem_ "Austernschmaus" keinen Ekel fassen, so sind

sie nicht mehr zu kurieren, oder--es war nichts an ihnen verloren.

Zu diesem Zweck scheute ich nicht die Mühe, die reiche Bibliothek von

"Scherz und Ernst", die üppig wuchernde Sumpfpflanze "Vergißmeinnicht" nach

allen ihren Teilen zu studieren. Je weiter ich las, desto mehr wuchs mein

Grimm über diese nichtige Erbärmlichkeit. Es war eine schreckliche Arbeit;

alle seine Kunstworte (_termini technici_), alle seine Wendungen, alle

seine Schnörkel und Arabesken, jene Kostüms, worein er seine Püppchen

hüllt, alle Nüancen der Sinnlichkeit und Lüsternheit, jenen feinen,

durchsichtigen Schleier, womit er dem Auge mehr _zeigt_ als _verhüllt_,

alle Schattierungen seines Stils, jenes kokettierende Abbrechen, jenes

Hindeuten auf Gegenstände, die man verschweigen will, dies alles und so

vieles andere mußte ich suchen, mir zu eigen zu machen. Ich mußte einkehren

auf seinen Bällen, bei seinen Schmäusen, ich mußte einkehren in seiner

Garküche und die rauchenden Pasteten, den dampfenden Braten, den

schmorenden Fisch beriechen, alle Sorten seiner Weine mußt' ich kosten,

mußte den Kork zur Decke springen lassen, mußte die "_brüsselnden Bläschen

im Lilienkelchglas auf- und niedertanzen_" sehen--und dann erst konnte ich

sagen, ich habe den Clauren studiert.

Dann erfand ich eine Art von Novelle in der Manier, wie Clauren sie

gewöhnlich gibt, etwas mager, nicht sehr gehaltvoll und dennoch zu zwei

Teilen lang genug. Notwendiges Requisit war nach den oben angedeuteten

Gesetzen 1. ein junger, schmächtiger, etwas bleicher, rabengelockter Mann,

unglücklich, aber steinreich; 2. die Heldin des Stücks, ein tanzendes,

plauderndes, naives, schönes, lüsternes, mitleidiges "Dingelchen", dem das

Herzchen alsbald vor Liebe "puppert", dem die Liebe alles Blut aus dem

Herzen in die Wangen "pumpt". (Welch gemeines Bild, von einem Weinfaß

entlehnt, eines Küfers würdig!) 3. ein _Spiritus familiaris_, wie wir ihn

beinahe in allen Claurenschen Geschichten treffen, ein altes, freundliches

"Kerlchen", das den Liebenden mit Rat und Tat beisteht; 4. ein neutraler

Vater, der zum wenigsten Präsident sein muß; 5. ein paar Furien von

Weibern, die das böse, eingreifende Schicksal vorstellen; 6. einige

Husarenleutnants und Dragoneroffiziere, nach seinen Modellen abkonterfeit;

7. ein alter Onkel, der mit Geld alles ausgleicht; 8. Bediente, Wirte _et

cetera_. So waren die Personen arrangiert, das Stück zu Faden geschlagen,

und jetzt mußte gewoben werden. Hier mußte nun hauptsächlich Rücksicht

darauf genommen werden, daß man sein Dessein immer im Auge behielt, daß man

immer daran dachte, wie würde er, der große Meister, dies weben? Das Gewebe

mußte locker und leicht sein, keiner der Charaktere zu sehr herausgehoben

und schattiert. Es wäre z. B. ein leichtes gewesen, aus Ida eine ganz

honette, würdige Figur zu machen; der Charakter des Hofrat Berner hätte mit

wenigen Strichen mehr hervorgehoben werden können; man hätte aus der ganzen

Novelle ein mehr gerundetes, würdiges Ganze machen können! Aber dann--war

der Zweck verfehlt. So flach als möglich mußten die verschiedenen

Charaktere auf der Leinwand stehen, steif in ihren Bewegungen, übertrieben

in ihrem Herzeleid, grell in ihren Leidenschaften, sinnlich, _sinnlich_ in

der Liebe. Jene Novelle an sich hat keinen Wert, und dennoch hat es mich

oft in der Seele geschmerzt, wenn ich eines oder das andere der gesammelten

"Zutätchen" einstreuen, wenn ich von keuschem Marmorbusen, stolzer

Schwanenbrust, jungfräulichen Schneehügeln, Alabasterformen _et cetera_

sprechen mußte, wenn ich nach seinem Vorgange von schönen von süßen "Kü--"

(was nicht _Küche_ bedeutet), von wollüstigen Träumen schreiben sollte,

wenn die Liebesglut zur Sprache kam, die dem "jungfräulichen Kind" wie

glühendes Eisen durch alle Adern rinnt, daß sie alle andern Tücher wegwirft

und die leichte Bettdecke herabschieben muß! Ich habe gelacht, wenn ich

nach Anleitung seines _Gradus ad Parnassum_ als Beiwort zu den Haaren

"kohlrabenschwarz" oder "Flachsperücke" setzen mußte, wenn man statt der

Augen "Feuerräder" oder "Liebessterne" hat, "Korallenlippen",

"Perlenschnüre" statt der Zähne, Schwanenhälse samt _dito_ Brust, Knie, die

man zusammen "kneipt", weil man vor Lachen "bersten" möchte; Wäd--und

Füßchen zum Kü--und dergleichen lächerlich gemeine Worte. Nachdem gehörig

_getollt, gejodelt, getanzt, geweint, abgehärmt_ war, nachdem, wie

natürlich, das Laster besiegt und die Tugend in einem herrlichen

Schleppkleide, mit Brüsseler Kanten, Blumen im Haare, auf die Bühne geführt

war, wurden als Morgengabe mehrere Millionen Taler, einige Schlösser,

Parks, Gründe _et cetera_ aufnotiert und Hochzeit gehalten. Da gab es nun

ein "erschreckliches Hallo, daß man nicht wußte, wo einem der Kopf stand";

es wurde trefflich gespeist und getrunken und das selige Liebespaar beinahe

bis in die Brautkammer befördert.

Das ist der Ur- und Grundstoff, wie zu jedem Claurenschen Roman, so auch

zum "_Mann im Mond_"; auf diese Art suchte er seinen Zweck zu erreichen,

durch Übersättigung Ekel an dieser Manier hervorzubringen; die Satire

sollte ihm Gang und Stimme nachahmen, um ihn vor seinen andächtigen

Zuhörern lächerlich zu machen. Mit Vergnügen haben wir da und dort bemerkt,

daß der "Mann im Mond" diesen Zweck erreichte. Jeder vernünftige,

unparteiische Leser erkannte seine Absicht, und, Gott sei es gedankt, es

gab noch Männer, es gab noch edle Frauen, die diese öffentliche Rüge der

Mimili-Manier gerecht und in der Ordnung fanden.

Öffentliche Blätter, deren ernster, würdiger Charakter seit einer Reihe von

Jahren sich gleich blieb, haben sich darüber ausgesprochen, haben gefunden,

daß es an der Zeit sei, dieses geschmacklose, unsittliche, verderbliche

Wesen an den Pranger zu stellen. Tadle mich keiner, ehrwürdige Versammlung,

daß ich, ein junger Mann ohne Verdienste, ohne Ansprüche auf Sitz und

Stimme in der Literatur, es wagte, den Hochberühmten anzugreifen. Steht

doch jedem Leser das Recht zu, seine Meinung über das Gelesene, auf welche

Art es sei, öffentlich zu machen; steht doch jedem Mann in der bürgerlichen

Gesellschaft das Recht zu, über Erscheinungen, die auf die Bildung seiner

Zeitgenossen von einigem Einfluß sind, zu sprechen.

Ich bin weit entfernt, mich mit dem großen jüdischen König und Harfenisten

_David_ vergleichen zu wollen; aber hat nicht der Sohn Isais, obgleich er

jung und ohne Namen im Lager war, dem Riesen Goliath ein steinernes

_Vergißmeinnicht_ an die freche Stirne geworfen, ihm in _Scherz_ und

_Ernst_ den Kopf abgehauen und solchen als _Lustspiel_ vor sich hertragen

lassen? Mir freilich haben die Jungfrauen nicht gesungen: "Er hat

Zehntausend geschlagen" (worunter man die Zahl seiner Anhänger verstehen

könnte); denn die Jungfrauen sind heutzutage auf der Seite des Philisters;

natürlich, er hat ja, wie Asmus sagt,

"--Federn auf dem Hut

und einen Klunker dran."

Selbst die jüdischen Rezensenten haben sich undankbarerweise gegen mich

erklärt. Leider hat ihre Stimme wenig zu bedeuten in Israel.

Gehen wir aber, in Betrachtung, wie es dem Mondmann auf der Erde erging,

weiter, so stoßen wir auf einen ganz sonderbaren Vorfall. Als dieses Buch,

dem neben der Weise und Sprache des Erfinders der Mimili-Manier auch sein

angenommener Name nicht fehlen durfte, in alle vier Himmelsgegenden des

Landes ausgegeben wurde, erwarteten wir nicht anders, als Clauren werde

"geharnischt bis an die Zähne" auf dem Kampfplatz der Kritik erscheinen,

uns mit Schwert und Lanze anfallen, seine Knappen und dienenden Reisigen

zur Seite. Wir freuten uns auf diesen Kampf; wir hatten ja für eine gute

Sache den Handschuh ausgeworfen. Vergebens warte ten wir. Zwar erklärte er,

was schon auf den ersten Anblick jeder wußte, dieser "Mann im Mond" sei

nicht sein Kind; aber statt, wie es einem berühmten Literator, einem

namhaften Belletristen geziemt hätte, wie es sogar seine Ehre gegenüber von

seinen Anbetern und Freunden verlangte, öffentlich vor dem Richterstuhl

literarischer Kritik, nach ästhetischen Gesetzen sich zu verteidigen,

begnügte er sich, als Gegengewicht das "Tornister-Lieschen" auf die

Wagschale zu legen, und ging hin, vor den _bürgerlichen Gerichten zu

klagen, man habe seinen Namen gemißbraucht. Hatte man denn die paar

Buchstaben _H. Clauren_ angegriffen? War es nicht vielmehr seine heillose

Manier, seine sittenlosen Geschichten, sein ganzes unreines Wesen, was man

anfocht? Konnten Schöppen und Beisitzer eines bürgerlichen Gerichts ihn

rein machen von den literarischen Sünden, die er begangen? Konnten sie mit

der Flut von Tinte, die bei diesem Vorfall verschwendet wurde, ihn

reinwaschen von jedem Fleck, der an ihm klebte? Konnten sie ihm, indem sie

ihm ihr bürgerliches Recht zusprachen, eine Achtung vor der Nation

verschaffen, die er längst in den Augen der Gutgesinnten verloren? Konnten

sie, indem sie genugsam Sand auf das Geschriebene streuten, das, was er

geschrieben, weniger schlüpfrig machen?

Wenn aber, andächtige Versammlung, der Gerichtshof H. Clauren als wirklich

vorhanden angenommen hat, so hat er damit nur erklärt, daß man Claurens

Namen nicht führen dürfe, daß es unrechtmäßigerweise geschehen sei,

daß man die acht Buchstaben, die das _non ens_ bezeichneten,

H. C. l. a. u. r. e. n., in derselben Reihenfolge auch auf ein anderes

Werk gesetzt habe. In einer andern Reihenfolge wäre es also durchaus nicht

unrecht gewesen, und wie viele Anagramme sind nicht aus jenen mystischen

acht Buchstaben zu bilden! z. B. _Hurenlac_ oder _Harnceul_. Der Geheime

Hofrat Carl Heun bezeugt eine außerordentliche Freude über diesen Spruch

und glaubt, somit sei die ganze Sache abgetan und _er habe_ recht. Wie

täuscht sich dieser gute Mann! War denn jene Satire, "der Mann im Mond",

gegen seinen angenommenen Namen gerichtet?--Namen, Herr, tun nichts zur

Sache; der Geist ist's, auf den es abgesehen war. Und die Richter vom

Eßlinger Gerichtshof konnten und wollten _diese_ entscheiden, ob die

Tendenz, die Sprache, das ganze Wesen von Seiner Wohlgeboren Schriften

sittlich oder unsittlich sei, ob sie Probe halten vor dem Auge, das

nach kritischen Gesetzen urteilt und nach den Vorschriften der Ästhetik,

in welches Gebiet doch die Schriften eines Clauren gehören? Der _Name_,

nicht die _Sache_ konnte nach bürgerlichen Gesetzen unrecht sein; aber

versuche er einmal, nachdem er mit Glück seinen _Namen_ verfochten,

auch seine _Sache_, den Geist und die Sprache seiner Schriften zu

verteidigen!--Bedenke:

"Auch das Schöne muß sterben, das Menschen und Götter entzückte;

Doch das Gemeine steigt lautlos zum Orkus hinab."

Wohl dem Namen Clauren, wenn er dann trotz so manchem Vergißmeinnicht

_vergessen_ sein wird; denn nach wenigen Jahrzehnten verschwindet der

_Scherz_, und _ernst_ richtet die Nachwelt. Da wird man fragen, von welchem

Einfluß war dieser Name aus seine Mitwelt? Was hat er für die Würde seiner

Nation, für den Geist seines Volkes getan? Und--man wird nach Werken, nicht

nach Worten richten.

Bei den alten Ägyptern war es Sitte, wenn man die Könige der Erde

wiedergab, Gericht zu halten über ihre Taten. Man hat in unseren Tagen

diese schöne Sitte erneuert, so oft einer unter den Dichtern, den Königen

der Phantasie, hinübergegangen war. Über Jean Paul vernahmen wir das schöne

merkwürdige Wort. "Gute Bücher sind gute Taten!" Wird man von Clauren

dasselbe sagen?

Doch genug davon! Noch hat weder Clauren, noch ein Gerichtshof der Erde den

"Mann im Mond" nach seinem innern Wesen widerlegt; wir sind begierig, ob

und wie es geschehen werde.

Und nun zum Schlusse noch ein Wort an euch, verehrte Zuhörer! Habt ihr bis

hierher mir aufmerksam zugehört, so danke ich euch herzlich; denn ihr

wisset jetzt, was ich gewollt habe. Schmerzen würde es mich übrigens, wenn

ihr mich dennoch nicht verständet, nicht recht verständet. Es möchte

vielleicht mancher mit unzufriedener Miene von mir gehen und denken: der

Tor predigt in der Wüste; sollen wir denn jeglichem heiteren Geistesgenuß

entsagen, sollen wir so ganz asketisch, leben, daß unsere Taschenlektüre

Klopstocks Messias werden soll?

Mitnichten! und es wäre Torheit, es zu verlangen; als der Schöpfer dem

Sterblichen Witz und Laune, Humor und Empfänglichkeit für Freude in die

Seele goß, da wollte er nicht, daß seine Menschen trauernd und stumm über

seine schöne Erde wandelten. Es hat zu allen Zeiten große Geister gegeben,

die es nicht für zu gering hielten, durch die Gaben, die ihnen die Natur

verlieh, die Welt um sich her aufzuheitern. Nein, gerade weil sie den

tiefen Ernst des Lebens und seine hohe Bedeutung kannten, gerade deswegen

suchten sie von diesem Ernste--trüben Sinn und jene Traurigkeit zu

verbannen, die alles, auch das Unschuldigste, mit Bitterkeit mustert.

Wirkliche Tiefe mit Humor, Wahrheit mit Scherz, das Edle und Große mit dem

heiteren Gewand der Laune zu verbinden, möchte auf den ersten Anblick

schwer erscheinen. Aber England und Deutschland haben uns seit

Jahrhunderten so glänzende Resultate gegeben, daß wir glauben dürfen, wenn

nur der Geschmack der Menge besser wäre, der Geister, die sie würdig und

angenehm zu unterhalten wüßten, würden immer mehrere auftauchen. Welchen

Mann, der nicht allen Sinn für Scherz und muntere Laune hinter sich

geworfen hat, welchen Mann ergötzt nicht die Schilderung eines sonderbaren,

verschrobenen Charakters? Wer erfreut sich nicht an heiteren Szenen, wo

nicht der _Verfasser_ lacht, sondern die Figuren, die er uns gezeichnet?

Wem, wenn er auch jahrelang nicht gelächelt hätte, müßten nicht Jean Pauls

Prügelszenen ein Lächeln abgewinnen? Auf der Stufenleiter seines Humors

steigt er herab bis in das unterste, gemeinste Leben; aber sehet ihr ihn

jemals gemein werden, wie Clauren auf jeder Seite ist? Walter Scott, der

Mann des Tages, der aus manchem Herzen selbst die Wurzel des

"Vergißmeinnicht" gerissen hat, Walter Scott treibt sich in den gemeinsten

Schenken des Landes, in den schmutzigsten Höhlen von Alsatia umher; aber

sehet ihr ihn jemals gemein werden? Weiß er nicht, wie jene

niederländischen Künstler, sogar das Unsauberste zu malen, ohne dennoch

selbst unreinlich und schlüpfrig zu sein? Könnet ihr nicht seine

Schilderungen, selbst an das Gefährliche streifende Situationen, jedem

Mädchen von Zucht und Sitte vorlesen, ohne sie dennoch erröten zu machen?

Solche Männer kommen mir vor wie anständige Leute, die durch eine

schmutzige Straße in gute Gesellschaft gehen sollen. Sie treten leise auf,

sie wissen mit sicherem Fuße die breiten Steine herauszufinden und treten

reinlich in den Hausflur, während Menschen wie Clauren, wilden Jungen oder

Schweinen gleich, durch dick und dünn laufen und, nicht zufrieden, sich

selbst beschmutzt zu haben, die Vorübergehenden besudeln und mit Kot

bespritzen.

Noch gibt es, Gott sei es gedankt, solcher reinlichen Leute genug in

unserer Literatur, gibt es der Männer viele, die mit Wahrheit und Würde

jene Anmut, jene Laune verbinden, die euch in trüben Stunden freundlich zu

Hilfe kommt. Oder solltet ihr vergessen haben, daß uns ein Goethe, ein Jean

Paul, ein Tieck, ein Hoffmann Erzählungen gaben, die sich mit jeder

Dichtung des Auslandes messen können? Hat euch der Vergißmeinnicht-Mann so

gänzlich gefesselt, daß ihr die schönen Blüten zahlreicher anderer Erzähler

nicht einmal vom Hörensagen kennt? Freilich, diese Männer verschmähten es,

ihre Blumen am Sumpf zu brechen oder ihre Farben mit dem Wasser einer

Pfütze zu mischen; sie fühlten, daß der Entwurf ihrer Gemälde anziehend und

interessant, daß die Stellung der Gruppen nach natürlichen Gesetzen zu

ordnen sei, daß selbst das Neue, Überraschende angenehm für das Auge sein

müsse. Zeichnung der Landschaft, nicht der Spiegel und Sofas, Schilderung

der Charaktere, nicht der Hüte und Gewänder, der Geist einer Jungfrau,

nicht der üppige Bau ihrer Glieder war ihnen die Hauptsache. Und darum

können wir auch ihre Bilder, wie jedes gute Buch, alle Jahre mit erneuertem

Vergnügen lesen, während uns der _Berühmte_ schon nach der ersten

Viertelstunde anekelt.

Man hat in neuerer Zeit in Frankreich und England angefangen, unsere

Literatur hochzuschätzen. Die Engländer fanden einen Ernst, eine Tiefe, die

ihnen bewunderungswürdig schien. Die Franzosen fanden eine Anmut, eine

Natürlichkeit in gewissen Schilderungen und Gemälden, die sie selbst bei

ihren ersten Geistern selten fanden. Faust, Götz und so manche herrliche

Dichtung Goethes sind ins Englische übertragen worden, seine Memoiren

entzücken die Pariser, Tiecks und Hofsmanns Novellen fanden hohe Achtung

über dem Kanal, und Talma rüstet sich, Schillers tragische Helden seiner

Nation vor das Auge zu führen. Wir Deutschen handelten bisher von jenen

Ländern ein, ohne unsere Produkte dagegen ausführen zu können. Mit Stolz

dürfen wir sagen, daß die Zeit dieses einseitigen Handels vorüber ist.

Aber müssen wir nicht erröten, wenn es endlich einem ihrer Übersetzer,

aufmerksam gemacht durch den Ruhm des Mannes, einfällt, ein

"Vergißmeinnichtchen" über ein Bändchen von "Scherz und Ernst" zu

übertragen? Mit Recht könnt' er in einer pompösen Anzeige sagen: "Das ist

jetzt der Mann des Tages in Deutschland, er macht Furor, _den_ müßt ihr

lesen!" Meinet ihr etwa, man sei dort auch so nachsichtig gegen

Lächerlichkeit und Gemeinheit, um diese Geschichtchen nur erträglich zu

finden? Welchen Begriff werden gebildete Nationen von unserem soliden

Geschmack bekommen, wenn sie den ganzen Apparat einer Tafel oder ein

Mädchen mit eigentümlichen Kunstausdrücken anatomisch beschrieben fanden?

Oder, wenn der Übersetzer in unserem Namen errötet, wenn er alle jene

obszönen Beiworte, alle jene kleinlichen Schnörkel streicht und nur die

interessante Novelle gibt, wie Herr N. die Demoiselle N. N. heiratet, was

wird dann übrig sein?

Schneidet einmal dieser Puppe ihre kohlrabenschwarzen Ringellöckchen ab,

preßt ihr die funkelnden Liebessterne aus dem Kopfe, reißt ihr die

Perlenzähne aus, schnallet den Schwanenhals nebst Marmorbusen ab, leget

Schals, Hüte, Federn, Unter- und Oberröckchen, Korsettchen _et cetera_ in

den Kasten, so habt ihr dem lieben, herrlichen Kinde die _Seele_ genommen,

und es bleibt euch nichts als ein hölzerner Kadaver, das Knochengerippe von

Freund Heun!

Und wenn ihr euch nicht vor fremden Nationen schämet, wenn ihr über das

deutsche Publikum nicht erröten könnet, so errötet vor euch selbst! Schämet

euch, ihr Männer, wenn ihr eure Langweile nicht anders töten könnet als mit

Hilfe dieses Clauren! Schämet euch, ihr Frauen, wenn ihr Gefallen finden

könnet an dieser niedrigsten Darstellung eures Geschlechtes! Schämet euch,

ihr Jünglinge, wenn ihr wahre Liebe in diesem Handbuche der Sinnlichkeit

wiederfinden wollet! Errötet, wenn ihr es in seiner Schule nicht verlernt

habt, errötet vor euch selbst, ihr Jungfrauen, eure Phantasie mit diesen

lüsternen Bildern zu schmücken! Es gibt eine moralische Keuschheit, eine

holde, erhabene Jungfräulichkeit der Seele. Man darf darauf rechnen, daß

ein Mädchen sie verloren hat, wenn sie Claurens Erzählungen gelesen.

Überlasset seine Schilderungen Dirnen, an welchen nichts mehr zu verlieren

ist. Man wird es ihnen so wenig übelnehmen, wenn sie ihn lesen, als den

Handwerksburschen, wenn sie auf der Straße unzüchtige Lieder singen.

Meine Zuhörer! Ich habe also vor euch gesprochen, weil ich nicht anders

konnte. Ich habe nicht auf Dank, nicht auf Lob gerechnet. Die Menge ist

vielleicht so tief gesunken, daß sie nicht mehr an solche Worte glaubt;

meine Stimme verhallt vielleicht in dem tausendstimmigen Hurra, womit man

in diesem Augenblick einen frischen Strauß "Vergißmeinnicht" empfängt.

Doch, wenn meine Worte auch nur auf einem Antlitz jene Röte der Scham

aufjagten, die wie die Morgenröte der Bote eines schöneren Lichtes ist,

wenn auch nur zwei, drei Herzen entrüstet sich von ihm abwenden, so habe

ich für mein Bewußtsein genug getan! Weiß ich doch, daß es in diesen Landen

noch Männer gibt, die mir im Geiste danken, die mir die Hand drücken und

sagen: "Du hast gedacht wie wir!" Amen.

Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 76 / 76 题