_Andächtige Zuhörer_! Kontroverspredigern, namentlich solchen, die vor
einer so großen Versammlung reden, kommt es zu, den Gegenstand ihrer
Betrachtung so klar und deutlich als möglich vor das Auge zu stellen, damit
jeder, wenn ihn auch der Herr nicht mit besonderer Einsicht gesegnet hat,
die Sache, wie sie ist, sogleich begreife und einsehe. Es hat in unserer
Literatur nie an sogenannten _Volksmännern_ gefehlt, das heißt an solchen,
die für ein großes Publikum schrieben, das, je allgemeiner es war, desto
weniger auf wahre Bildung Anspruch machen konnte und wollte. Solche
Volksmänner waren jene, die sich in den Grad der Bildung ihres Publikums
schmiegten, die eingingen in den Ideenkreis ihrer Zuhörer und Leser und
sich, wie der Prediger Abraham a Sancta Clara, wohl hüteten, jemals sich
höher zu versteigen, weil sie sonst ihr Publikum verloren hätten. Diese
Leute handelten bei den größten Geistern der Nation, welche dem Volke zu
hoch waren, Gedanken und Wendungen ein, machten sie nach ihrem Geschmack
zurecht und gaben sie wiederum ihren Leuten preis, die solche mit Jubel und
Herzenslust verschlangen. Diese Volksmänner sind die Zwischenhändler
geworden und sind anzusehen wie die Unternehmer von Gassenwirtshäusern und
Winkelschenken. Sie nehmen ihren Wein von den großen Handlungen, wo er
ihnen echt und lauter gegeben wird; sie mischen ihn, weil er dem Volke
anders nicht munden will, mit einigem gebrannten Wasser und Zucker, färben
ihn mit roten Beeren, daß er lieblich anzuschauen ist, und verzapfen ihn
ihren Kunden unter irgend einem bedeutungsvollen Namen.
Diese Gassenwirte oder Volksmänner treiben aber eine schändliche und
schädliche Wirtschaft. Sie fühlen selbst, daß ihr Gebräu sich nicht halten
würde, daß es den Ruf von Wein auf die Dauer nicht behalten könnte, wenn er
nicht auch _berausche_. Daher nehmen sie Tollkirschen und allerlei
dergleichen, was den Leuten die Sinne schwindelnd macht; oder, um die Sache
anders auszudrücken, sie bauen ihre Dichtungen auf eine gewisse
Sinnlichkeit, die sie, wie es unter einem gewissen Teil von Frauenspersonen
Sitte ist, künstlich verhüllen, um durch den Schleier, den sie darüber
gezogen haben, das lüsterne Auge desto mehr zu reizen. Sie kleiden ihr
Gewerbe in einen angenehmen Stil, der die Einbildungskraft leicht anregt,
ohne den Kopf mit überflüssigen Gedanken zu beschweren; sie geben sich das
Ansehen von heiterem, sorglosem Wesen, von einer gewissen gutmütigen
Natürlichkeit, die lebt und leben läßt; sie sind arglose Leute, die ja
nichts wollen, als ihrem Nebenmenschen seine "oft trüben Stunden erheitern"
und ihn auf eine natürliche, unschuldige Weise ergötzen. Aber gerade dies
sind die Wölfe in Schafskleidern, das ist der Teufel in der Kutte, und die
Krallen kommen frühe genug ans Tageslicht.
Wem unter euch, meine Andächtigen, sollte bei dieser Schilderung nicht vor
allem _jener_ beifallen, der alljährlich im Gewande eines unschuldigen
Blumenmädchens auf die Messe zieht und "Vergißmeinnicht" feilbietet. Ich
weiß wohl, daß dort drüben auf der Emporkirche, daß da unten in den
Kirchstühlen manche Seele sitzt, die ihm zugetan ist, ich weiß wohl, daß er
bei euch der Morgen- und Abendsegen geworden ist, ihr Nähermädchen, ihr
Putzjungfern, selbst auch ihr sonst so züchtigen Bürgerstöchterlein, ich
weiß, daß ihr ihn heimlich im Herzen traget, ihr, die ihr auf etwas Höheres
von Bildung und Geschmack Anspruch machen wollet, ihr Fräulein mit und ohne
Von, ihr gnädigen Frauen und andere Mesdames! Ich weiß, daß er das A und
das O eurer Literatur geworden ist, ihr Schreiber und Ladendiener, daß ihr
ihn beständig bei euch führt, und wenn der Prinzipal ein wenig beiseite
geht, ihn schnell aus der Tasche holt, um eure magere Phantasie durch
einige Ballgeschichten, Champagnertreffen und Austernschmäuse anzufeuchten;
ich weiß, daß er bei euch allen der Mann des Tages geworden ist; aber
nichtsdestoweniger, ja, gerade darum und eben deswegen will ich seinen
Namen aussprechen, er nennt sich CLAUREN. _Anathema sit!_
Vor zwölf Jahren laset ihr, was eurem Geschmack gerade keine Ehre machte,
Spieß und Cramer, mitunter die köstlichen Schriften über Erziehung von
Lafontaine; wenn ihr von Meißner etwas anderes gelesen als einige
Kriminalgeschichten &c., so habt ihr euch wohl gehütet, es in guter
Gesellschaft wiederzusagen; einige aber von euch waren auf gutem Wege; denn
Schiller fing an, ein großes Publikum zu bekommen. Gewinn für ihn und für
sein Jahrhundert, wenn er, wie ihr zu sagen pflegt, in die Mode gekommen
wäre; dazu war er aber auch zu groß, zu stark. Ihr wolltet euch die Mühe
nicht geben, seinen erhabenen Gedanken ganz zu folgen. Er wollte euch
losreißen aus eurer Spießbürgerlichkeit, er wollte euch aufrütteln aus
eurem Hinbrüten mit jener ehernen Stimme, die er mit den Silberklängen
seiner Saiten mischte; er sprach von Freiheit, von Menschenwürde, von jener
erhabenen Empfindung, die in der menschlichen Brust geweckt werden kann,
--gemeine Seelen! Euch langweilten seine herrlichsten Tragödien, er war
euch nicht allgemein genug. Was soll ich von Goethe reden? Kaum, daß ihr es
über euch vermögen konntet, seine Wahlverwandtschaften zu lesen, weil man
euch sagte, es finden sich dort einige sogenannte pikante Stellen,--ihr
konntet ihm keinen Geschmack abgewinnen, er war euch zu vornehm.
Da war eines Tages in den Buchladen ausgehängt: "Mimili, eine
Schweizergeschichte." Man las, man staunte. Siehe da, eine neue Manier zu
erzählen, _so angenehm, so natürlich, so rührend_ und _so reizend_! Und in
diesen vier Worten habt ihr in der Tat die Vorzüge und den Gehalt jenes
Buches ausgesprochen. Man würde lügen, wollte man nicht auf den ersten
Anblick diese Manier _angenehm_ finden. Es ist ein ländliches Gemälde, dem
die Anmut nicht fehlt; es ist eine wohltönende, leichte Sprache, die
Sprache der Gesellschaft, die sich zum Gesetz macht, keine Saite zu stark
anzuschlagen, nie zu tief einzugehen, den Gedankenflug nie höher zu nehmen
als bis an den Plafond des Teezimmers. Es ist wirklich angenehm zu lesen,
wie eine Musik angenehm zu hören ist, die dem Ohr durch sanfte Töne
schmeichelt, welche in einzelne wohllautende Akkorde gesammelt sind. Sie
darf keinen Charakter haben, diese Musik, sie darf keinen eigentlichen
Gedanken, keine tiefere Empfindung ausdrücken; sonst würde die arme Seele
unverständlich werden oder die Gedanken zu sehr affizeren. Eine angenehme
Musik, so zwischen Schlafen und Wachen, die uns einwiegt und in süße Träume
hinüberlullt. Siehe, so die Sprache, so die Form jener neuen Manier, die
euch entzückte!
Das _Zweite_, was euch gefiel, hängt mit diesem ersteren sehr genau
zusammen: diese Manier war so _natürlich_. Es ist etwas Schönes, Erhabenes
um die Natur, besonders um die Natur in den Alpen. Schiller ist auch einmal
dort eingekehrt, ich meine, mit Wilhelm Tell. Sein Drama ist so erhaben als
die Natur der Schweizerlande; es bietet Aussichten, so köstlich und groß
wie die von der Tellskapelle über den See hin; aber nicht wahr, ihr lieben
Seelen, der ist euch doch nicht natürlich genug? Zu was auch die Seele
anfüllen mit unnützen Erinnerungen an die Taten einer großen Vorzeit? Zu
was Weiber schildern wie eine Gertrude Stauffacher oder eine Bertha, oder
Männer wie einen Tell oder einen Melchthal? Da weiß es Clauren viel besser,
viel natürlicher zu machen! Statt großartige Charaktere zu malen, für
welche er freilich in seinem Kasten keine Farben finden mag, malt er euch
einen Hintergrund von Schneebergen, grünen Waldwiesen mit allerlei Vieh;
das ist _pro primo_ die Schweiz. Dann einen Krieger neuerer Zeit mit
schlanker Taille von acht Zollen, etwas bleich (er hat den Freiheitskrieg
mitgemacht), das eiserne Kreuz im Knopfloch &c. Das ist der Held des
Stückes. Eine interessante Figur! Nämlich _Figur_ als wirklicher Körper
genommen, mit Armen, Taille, Beinen &c., und _interessant_, nicht wegen des
Charakters, sondern weil er etwas bleich ist, ein eisernes Kreuz trägt und
so ein Ding von einem preußischen Husaren war. Neben diesen Helden kommt
ein frisches, rundes "Dingelchen" zu stehen mit kurzem Röckchen, schönen
Zwickelstrümpfen usw. Kurz, das Inventarium ihres Körpers und ihres Anzuges
könnt ihr selbst nachlesen oder habt es leider im Kopfe. Das Schweizerkind,
die Mimili, ist nun so natürlich als möglich; d. h. sie geniert sich nicht,
in Gegenwart des Kriegers das Busentuch zu lüften und ihn den Schnee und
dergleichen sehen zu lassen, daß ihm "angst und bange" wird. Einiger
Schweizerdialekt ist auch eingemischt, der nun freilich im Munde Claurens
etwas unnatürlich klingt. Kurz, es ist nichts vergessen, die Natur ist
nicht nur nachgeahmt, sondern förmlich kopiert und getreulich
abgeschrieben. Aber leider ist es nur die Natur, so wie man sie mittelst
einer _Camera obscura_ abzeichnen kann. Der warme Odem Gottes, der Geist,
der in der Natur lebt, ist weggeblieben, weil man nur das Kostüm der Natur
kopierte. Zeichnet die nächste beste Schweizer Milchmagd ab, so habt ihr
eine Mimili, und freilich alles so natürlich als möglich.
Das _Dritte_, was euch so gut mundete an dieser Geschichte war--das
_Rührende_. Wann und wo war der Kummer der Liebe nicht rührend? Es ist ein
Motiv, das jedem Roman als Würze beigegeben wird wie bittere Mandeln einem
süßen Kuchen, um das Süße durch die Vorkost des Bitteren desto angenehmer
und erfreulicher zu machen. Ihr selbst, meine jungen Zuhörerinnen, und ich
habe dies zu öfteren Malen an euch gerügt, versetzt euch gar zu gerne in
ein solches Liebesverhältnis, wenn nicht dem Körper, doch dem Geiste nach.
Wenn ihr so dasitzet und nähet oder stricket und über eure Nachbarn gehörig
geklatscht habt, kommt gar leicht in eurer Phantasie das Kapitel der Liebe
an die Reihe, und ihr träumet und träumet und vergesset die Welt und die
Maschen an eurem Strickstrumpf. Wenn man nachts durch den Wald geht, so
denkt man gerne an arge Schauergeschichten von Mord und Totschlag. Gerade
so machet ihr es. Je greulicher der Schmerz eines Liebespaares ist, von
welchem ihr leset, desto angenehmer fühlet ihr euch angeregt. Da wollet ihr
keine Natürlichkeit, da soll es recht arg und türkisch zugehen, und wie
den spanischen Inquisitoren, so ist euch ein solches Autodafé ein
Freudenfest. Je länger die Liebenden am langsamen Feuer des Kummers braten,
je mehr man ihnen mit der Zange des Schicksals die Glieder verrenkt, desto,
rührender kömmt es euch vor, und doch habt ihr dabei immer noch den Trost
_in petto_, daß der Autor, der diesen Jammer arrangiert, zugleich Chirurg
ist und die verrenkten Glieder wieder einrichtet, zugleich Notar, um den
Heiratskontrakt schnell zu fertigen, zugleich auch Pfarrer, um die guten
Leutchen zusammenzugeben. Ihr habt recht, ihr guten Seelen! Ihr wollet
nicht gerührt sein durch tiefere Empfindungen, man darf bei euch nicht jene
Mollakkorde anschlagen, die durch die Seele zittern. Wer wollte auch mit
einer Äolsharfe auf einer Kirchweihe aufspielen! Da ist der schnarrende
Konterbaß Meister, und je gräßlicher es zugeht, desto rührender ist es.
Ich komme aber auf den _vierten_ Punkt der Mimilis-Manier, nämlich auf--das
_Reizende_. Die drei andern Punkte waren das Schafskleid; das ist aber die
Kralle, an der ihr den Wolf erkennet, der im Kleide steckt; jenes war die
Kutte, unter welcher er unschuldig wie der heilige Franziskus sich bei euch
einführt; aber siehe da, das ist der Pferdefuß, und an seinen Spuren wirst
du ihn erkennen. Und was ist dieses Reizende? Das ist die Sinnlichkeit, die
er aufregt, das sind jene reizenden, verführerischen, lockenden Bilder, die
eurem Auge angenehm erscheinen. Es freut mich zu sehen, daß ihr da unten
die Augen nicht aufschlagen könnet. Es freut mich zu sehen, daß hin und
wieder auf mancher Wange die Röte der Beschämung aufsteigt. Es freut mich,
daß Sie nicht zu lachen wagen, meine Herren; wenn ich diesen Punkt berühre.
Ich sehe, ihr alle verstehet nur allzu wohl, was ich meine.
Ein Lessing, ein Klopstock, ein Schiller und Jean Paul, ein Novalis, ein
Herder waren doch wahrhaftig große Dichter, und habt ihr je gesehen, daß
sie in diese schmutzigen Winkel der Sinnlichkeit herabsteigen mußten, um
sich ein Publikum zu machen? Oder wie? Sollte es wirklich wahr sein, daß
jene edleren Geister nur für wenige Menschen ihre hehren Worte aussprachen,
daß die große Menge nur immer dem Marktschreier folgt, weil er köstliche
Zoten spricht und sein Bajazzo possierliche Sprünge macht? Armseliges
Männervolk, daß du keinen höheren geistigen Genuß kennst, als die
körperlichen Reize eines Weibes gedruckt zu lesen, zu lesen von einem
Marmorbusen, von hüpfenden Schneehügeln, von schönen Hüften; von weißen
Knien, von wohlgeformten Waden und von dergleichen Schönheiten einer Venus
Vulgivaga. Armseliges Geschlecht der Weiber, die ihr aus Clauren Bildung
schöpfen wollet! Errötet ihr nicht vor Unmut, wenn ihr leset, daß man nur
eurem Körper huldigt, daß man die Reize bewundert, die ihr in der raschen
Bewegung eines Walzers entfaltet, daß der Wind, der mit euren Gewändern
spielt, das lüsterne Auge eures Geliebten mehr entzückt als die heilige
Flamme reiner Liebe, die in eurem Auge glüht, als die Götterfunken des
Witzes, der Laune, welche die Liebe eurem Geiste entlockt? Verlorene Wesen,
wenn es euch nicht kränkt, euer Geschlecht so tief, so unendlich tief
erniedrigt zu sehen, geputzte Puppen, die ihr euren jungfräulichen Sinn
schon mit den Kinderschuhen zertreten habt, leset immer von andern
geputzten Puppen, bepflanzet immer eure Phantasie mit jenen
Vergißmeinnichtblümchen, die am Sumpfe wachsen, ihr verdienet keine andere
als sinnliche Liebe, die mit den Flitterwochen dahin ist!
Siehe da die Anmut, die Natürlichkeit, das Rührende und den hohen Reiz der
Mimilis-Manier! Lasset uns weiter die Fortschritte betrachten, die ihr
Erfinder machte! Wie das Unkraut üppig sich ausbreitet, so ging es auch mit
dieser Giftpflanze in der deutschen Literatur. Die Mimili-Manier wurde zur
Mimili-Manie, wurde zur Mode. Was war natürlicher, als daß Clauren eine
Fabrik dieses köstlichen Zeuges anlegte und zwar nach den vier
Grundgesetzen, nach jenen vier Kardinaltugenden, die wir in seiner Mimili
fanden? Bei jener Klasse von Menschen, für welche er schreibt, liegt
gewöhnlich an der _Feinheit des Stoffes_ wenig. Wenn nur die Farben recht
grell und schreiend sind! Mochte er nun selbst diese Bemerkung gemacht
haben, oder konnte er vielleicht selbst keine feineren Fäden spinnen, keine
zarteren Nüancen der Farben geben, sein Stoff ist gewöhnlich so
unkünstlerisch und grob als möglich angelegt; ein fadengerades
Heiratsgeschichtchen, so breit und lang als möglich ausgedehnt; von
tieferer Charakterzeichnung ist natürlich keine Rede; Kommerzienräte,
Husarenmajors, alte Tanten, Ladenjünglinge _comme il faut, etc_. Die Dame
des Stückes ist und bleibt immer dasselbe Holz- und Gliederpüppchen, die
nach Verhältnissen kostümiert wird, heiße sie nun Mimili oder Vally,
Magdalis oder Doralice, spreche sie Schweizerisch oder Hochdeutsch, habe
sie Geld oder keines, es bleibt dieselbe. Ist nun die Historie nach diesem
geringen Maßstabe angelegt, so kommen die _Ingredienzien_.
Bei den _Ingredienzien_ wird, wie billig, zuerst Rücksicht genommen auf das
Frauenvolk, das die Geschichte lesen wird. Erstens einige artige Kupfer mit
schönen "_Engelsköpfchen_", angetan nach der "_allernagelfunkelneuesten_"
Mode. Diese werden natürlich in der Fabrik immer zuvor entworfen, gemalt
und gestochen und nachher der resp. Namen unten hingeschrieben.
Sündigerweise benützt der gute Mann auch die Porträts schöner fürstlicher
Damen, die er als Quasi-Aushängeschild vor den Titel pappt. So hat es uns
in der Seele wehe getan, daß die Großfürstin Helena von Rußland, eine durch
hohe Geistesgaben, natürliche Anmut und Körperschönheit ausgezeichnete
Dame, bei dem Tornister-Lieschen (im Vergißmeinnicht 1826) gleichsam zu
Gevatter stehen mußte.
Zweitens, ein noch bei weitem lockenderes Ingredienz ist die Toilette, die
er trotz den ersten Modehändlerinnen zu machen versteht. Wer wollte es
Virgil übel nehmen, wenn er den Schild seines Helden beschreibt? Wer
lauscht nicht gerne auf die kriegerischen Worte eines Tasso, wenn er die
glänzenden Waffen seines Rinaldo oder Tankred besingt? Es sind Männer, die
von Männern, es sind edle Sänger, die von Helden singen. Überwiegt aber
nicht der Ekel noch das Lächerliche, wenn man einen preußischen Geheimen
Hofrat hört, wie er den Putz einer Dame vom Kopf bis zu den Zehenspitzen
beschreibt? Es kommt freilich sehr viel darauf an, ob auf dem hohlen
Schädel seiner Mimilis ein italienischer Strohhut oder eine Toque von Seide
sitzt, ob die Federn, die solche schmücken, Marabout- oder Straußfedern
oder gar Paradiesvögel sind; und dann die niedlichen "Sächelchen" von
Ohrgeschmeide, Halsbändern, Bracelets _et cetera_, daß "einem das Herz
puppert," und dann die Brüsseler Kanten um die wogende Schwanenbrust und
das gestickte Ballkleid und die durchbrochenen Strümpfe und die seidenen
Pariser Ballschuhe oder ein Negligé, wie aus dem leichtesten Schnee
gewoben, und dieses Überröckchen und jenes Mäntelchen und dieses
Spitzenhäubchen, aus dem sich die goldenen Ringellöckchen hervorstehlen. _O
sancta simplicitas_! Und ihr kneipt, um mich seiner Sprache zu bedienen,
ihr kneipt die Knie nicht zusammen, meine Damen, und wollet euch nicht halb
zu Tode lachen über den köstlichen Spaß, daß ein preußischer Geheimer
Hofrat eurer Zofe ins Handwerk greift und euch vorrechnet, was man im
Putzladen der Madame Prellini haben kann? Leider, ihr lachet nicht! ihr
leset den allerliebsten Modebericht mit großer Andacht, ihr sprechet: das
ist doch einmal eine Lektüre von Geschmack; nichts Überirdisches,
Romantisches, _tout comme chez nous_, bis aufs Hemde hat er uns
beschrieben, der deliziöse Mann, der Clauren!
Ein drittes Ingredienz für Mädchen sind die magnifiken Bälle, die er
alljährlich gibt. Hu! wie da getanzt wird, daß das Herzchen "im
Vierundsechzigstel-Takt pulsiert!" Wie schön! Vornehme Damen, die bei
Präsidents A., bei Geheimrats B., bei dem Bankier C. oder gar bei Hofe
Zutritt haben, finden alles "haarklein" beschrieben von der Polonäse bis
zum Kotillon. Arme Landfräulein, die nur in das nächste Städtchen auf den
Kasinoball kommen können, lesen ihren Clauren nach; ihre Phantasie trägt
sie auf den herrlichen Ball bei Hof, und "der Himmel hängt ihnen voll
Geigen." Putzjungfern, welche Ballkleider verfertigen, ohne sich selbst
darin zeigen zu können, Kammermädchen, die ihre Dame zu dem Ball
"aufgedonnert" haben, nehmen beim Scheine der Lampe ihren Clauren zur Hand,
treten unter dem Tische mit den tanzlustigen Füßen den Takt eines
Schnellwalzers und träumen sich in die glänzenden Reihen eines
Fastnachtballes! Treffliches Surrogat für tanzlustige Seelen, köstliche
Stallfütterung für Schafe, die nicht auf der Weide hüpfen können!
Als ein viertes treffliches Hauptingredienz für liebevolle weibliche Seelen
ist das vollendete Bild eines Mannes, wie er sein soll, zu rechnen, das
Clauren zu geben versteht. In der Regel zeichnen sich diese Leute nicht
sehr durch hohe Verstandesgaben aus; doch wir wollen diesen Fehler an
Clauren nicht rügen; wo nichts ist, sagt ein altes Sprichwort, da hat der
Kaiser das Recht verloren. Statt des Verstandes haben die
Vergißmeinnichtmänner herrliche Rabenlocken, einen etwas schwindsüchtigen
Teint, der sie aber schmachtend und interessant macht, unter fünf Fuß sechs
Zoll darf keiner messen; kräftige, männliche Formen, sprechende Augen, die
Hände und Füße aber wie andere Menschen. Sie sind gerade so eingerichtet,
daß man sich ohne weiteres auf den ersten Augenblick in sie verlieben muß.
Dabei sind sie meistens arm, aber edel, stolz, großmütig und heiraten
gewöhnlich im fünften Akt. Auf welche edle weibliche Seele sollte ein
solcher Held neuerer Zeit nicht den wohltuendsten Eindruck machen, wenn sie
von ihm liest? Sie schnitzelt das Bild des Obergesellen oder Jagdschreibers
oder Apothekergehilfen, das sie im Herzen trägt, so lange zurecht, bis er
ungefähr gerade so aussieht wie der Allerschönste im allerneuesten
Jahrgange des allerliebsten Vergißmeinnicht.
Fünftens: von schimmernden Lüsters, von deckenhohen Trumeaus, von
herrlichen Sofas, von feengleicher Einrichtung, von Sepiamalerei und
dergleichen wäre hier noch viel zu reden, wenn es die Mühe lohnte.
Gehen wir, andächtige Versammlung, über zu den Ingredienzien und Zutaten
für _Männer_, so können wir hier leicht zwei Klassen machen: 1) Zutaten,
die das Auge reizen, 2) Zutaten, die den Gaumen kitzeln.
Unter Nro. 1 ist vor allem zu rechnen die Art, wie Clauren seine Mädchen
beschreibt. Um zuerst von ihrem geistigen Wert zu sprechen, so gilt hier
dasselbe, was von den Männern gesagt wurde; eine tiefe, edle, jungfräuliche
Seele weiß kein Clauren zu schildern, und wenn er es wüßte, so hat er ganz
recht, daß er nie eine Thekla, eine Klotilde. oder ein Wesen, das etwa ein
Titan oder Horion lieben könnte, unter seiner Affenfamilie mittanzen läßt.
Was das Äußere betrifft, so macht er es wie jener griechische Künstler, der
aus sieben schönen Mädchen sich eine Venus bilden wollte. Aber er vergißt
den hohen Sinn, der in der Sage von dem Künstler liegt. Sechs zogen vorüber
und zeigten dem entzückten Auge stolz die entfesselten Reize ihrer Jugend.
Die siebente, als die Gewänder fallen sollten, errötete und verhüllte sich,
und der Künstler ließ jene sechs vorübergehen und bildete nach diesem
Vorbild jungfräulicher Hoheit seine Göttin. Nicht also Clauren; die sechs
hat er wohl aufgenommen, der siebenten, als sie verschämt, verhüllt,
errötend nahte, hat er die Türe verschlossen.
Und jetzt, meine Herren, setzet euch her, macht es euch bequem! Der große
Meister gibt ja das Panorama aller weiblichen Reize. Siehe die entfesselten
Locken, die auf den Alabaster der Schultern niederfallen, siehe--doch wie?
Soll ich alle jene erhabenen, ausgesuchten Epitheta wiedergeben, die sich
mit Schnee, mit Elfenbein, mit Rosen gatten? Ich bin ein Mann und erröte,
erröte darüber, daß ein Mann aus der sogenannten guten Gesellschaft die
sittenlose Frechheit hat, alljährlich ein ausführliches Verzeichnis von den
Reizen drucken zu lassen, die er bei seinem Weibe fand!
Als Tasso jene Strophen dichtete, worin die Gesandten Gottfrieds am Palast
der neuen Circe die Nymphen im See sich baden sehen, glaubet ihr, seine
reiche, glühende Phantasie hätte ihm nicht noch lockendere Bilder,
reizendere Wendungen einhauchen können als einem Clauren? Doch er dachte an
sich, er dachte an die hohe, reine Jungfrau, für die er seine Gesänge
dichtete, er dachte an seinen unbefleckten Ruhm bei Mit- und Nachwelt, und
siehe, die reichen Locken fallen herab und strömen um die Nymphen und
rollen in das Wasser, und der See verhüllt ihre Glieder. Aber, _si parva
licet componere magnis_, was soll man zu jener skandalösen Geschichte
sagen, die H. Clauren in einem früheren Jahrgang des Freimütigen, eines
Blattes, das in so manchem häuslichen Zirkel einheimisch ist, erzählt?
Rechne man es nicht _uns_ zur Schuld, wenn wir Schändlichkeiten aufdecken,
die jahrelang _gedruckt_ zu lesen sind. Eine junge Dame kömmt eines Tages
auf Claurens Zimmer. Sie klagt ihm nach einigen Vorreden, daß sie zwar seit
vierzehn _Tagen_ verheiratet, und glücklich _verheiratet_, aber durch einen
kleinen Ehebruch von einer Krankheit angesteckt worden sei, die ihr Mann
nicht ahnen dürfe. H. Clauren erzählt uns, daß er der engelschönen Dame
gesagt, sie sei nicht zu heilen, wenn sie ihm nicht den Grad der Krankheit
_et cetera_ zeige. Die Dame entschließt sich zu der Prozedur. Ich dächte,
das Bisherige ist so ziemlich der höchste Grad der Schändlichkeit, zum
mindesten ein hoher Grad von Frechheit, dergleichen in einem
belletristischen Blatt zur Sprache zu bringen. Eine Dame, _glücklich_
verheiratet, seit vierzehn Tagen ein glückliches Weib und Ehebrecherin!
Aber nein! Der Faun hat hieran nicht genug; er ladet uns zu der Prozedur
selbst ein; er rückt den Sessel ans Fenster, er setzt die Dame in Positur,
er beschreibt uns von der Zehenspitze aufwärts seine Beobachtungen!!!
Ich wiederhole es, man kann von einem solchen Frevel nur zu sprechen wagen,
wenn er offenkundig geworden ist, wenn man die Absicht hat, ihn zu rügen.
Warum in einem öffentlichen Blatte etwas _erzählen_, was man in guter
Gesellschaft nicht _erwähnen_ darf? Aber das ist H. Clauren, der geliebte,
verehrte, geachtete Schriftsteller, der Mann des Volkes. Schande genug für
ein Publikum, das sich Schändlichkeiten dieser Art ungestraft erzählen
läßt!
In die eben erwähnte Kategorie von _berechnetem_ Augenreiz für Männer
gehören auch die Situationen, in welchen wir oft die Heldinnen finden. Bald
wird uns ausführlich beschrieben, wie Magdalis aussah, als sie zu Bette
gebracht wurde, bald weidet man sich mit Herrn Stern an Doralicens Angst,
zu _zwei_ schlafen zu müssen, bald hört man Vally im Bade plätschern und
möchte ihrer naiven Einladung dahin folgen, bald sieht man ein
Kammermädchen im Hemde, das kichernd um Pardon bittet; der glühenden, durch
alle Nerven zitternden Küsse, der Blicke beim Tanze abwärts auf die
Wellenlinien der Tänzerinnen u. dgl. nicht zu gedenken; Honigworte für
Leute, die nichts Höheres kennen als Sinnlichkeit, köstlich kandierte Zoten
für einen verwöhnten Gaumen, treffliches Hausmittel für junge Wüstlinge und
alte Gecken, die mit ihrer moralischen und physischen Kraft zu Rande sind,
um dem Restchen Leben durch diese Reizmittel aufzuhelfen!
Ein _zweites_ Reizmittel für Männer sind jene Zutaten, die den Gaumen
kitzeln. "Heda, Kellner, hieher sechs Flaschen des brüsselnden Schaumweins!
Ha, wie der Kork knallend an die Decke fährt! Eingeschenkt, laßt ihn nicht
verrauchen! Jetzt für jeden zwei, drei Dutzend Austern draufgesetzt!" Ist
diese Sprache nicht herrlich? Wird man nicht an Homer erinnert, der immer
so redlich angibt, was seine Helden verspeisten; freilich gab er ihnen nur
gewöhnliches "Schweinefleisch", und die Weinsorten rühmt er auch nicht
besonders; aber ein Clauren ist denn doch auch etwas anderes als Homer; wer
wollte es übel nehmen, wenn er die Korke fliegen läßt und Austern schmaust,
fünfhundert Stück zum ersten Anfang?
Ich kannte einen jener bedauernswürdigen Menschen, die man in glänzendem
Gewand, mit zufriedener Miene auf den Promenaden umherschlendern sieht. Ihr
haltet sie für das glücklichste Geschlecht der Menschen, diese
Pflastertreter; sie haben nichts zu tun und vollauf zu leben. Ihr täuschet
euch; oft hat ein solcher Herr nicht so viel kleine Münze, um eine einfache
Mittagskost zu bezahlen, und was er an großem Gelde bei sich trägt, kann
man nicht wohl wechseln. Einen solchen nun fragte ich eines Tages: "Freund,
wo speiset Ihr zu Mittag? Ich sehe Euch immer nach der Tafelzeit mit
zufriedener Miene die Straße herabkommen, mit der Zunge schnalzend oder in
den Zähnen stochernd; bei welchem berühmten Restaurant speiset Ihr?"
"Bei Clauren," gab er mir zur Antwort.
"Bei Clauren?" rief ich verwundert. "Erinnere ich mich doch nicht, einen
Straßenwirt oder Garkoch dieses Namens in hiesiger Stadt gesehen zu haben."
"Da habt Ihr recht," entgegnete er; "es ist aber auch kein hiesiger,
sondern der Berliner, H. Clauren--"
"Wie, und dieser schickt Euch kalte Küche bis hieher?"
"Kalte und warme Küche nebst etzlichem Getränke. Doch ich will Euch das
Rätsel lösen," fuhr er fort; "ich bin arm, und was ich habe, nimmt jährlich
gerade das Schneiderkonto und die Rechnung für Zuckerwasser im Kaffeehause
weg; nun bin ich aber gewöhnt, gute Tafel zu halten; was fange ich in
diesen Zeiten an, wo niemand borgt und vorstreckt? Ich kaufe mir alle Jahre
von ersparten Groschen das herrliche Vergißmeinnicht von H. Clauren, und
ich versichere Euch, das ist mir Speisekammer, Keller, Fischmarkt,
Konditorei, Weinhandlung, alles in allem. Ihr müßt wissen, daß in solchem
Büchlein auf zwanzig Seiten immer eine oder zwei, wie ich sie nenne,
Tafelseiten kommen. Ich sehe mich mittags mit einem Stück Brot, zu welchem
an Festtagen Butter kömmt, nebst einem Glase Wasser oder dünnem Biere an
den Tisch, speise vornehm und langsam, und während ich kaue, lese ich im
'Vergißmeinnicht' oder in 'Scherz und Ernst.' Seine Tafelseiten werden mir
nun zu delikaten Suppentafeln; denn mein Teller ist nicht mehr mit
schlechtem Brot besetzt, meine Zähne malmen nicht mehr dieses magere
Gebäck, nein, ich esse mit Clauren, und der Mann versteht, was gute Küche
ist. Was da an Fasanen, Gänseleberpasteten, Trüffeln, an seltenen Fischen,
an--"
"Genug!" fiel ich ihm ein; "und Eure Phantasie läßt Euch satt werden? Aber
könntet Ihr hiezu nicht das nächste beste Kochbuch nehmen? Ihr hättet zum
mindesten mehr Abwechslung."
"Ei, da ist noch ein großer Unterschied! Sehet, das versteht Ihr nicht
recht; in den Kochbüchern wird nur beschrieben, wie etwas gekocht wird;
aber ganz anders im Vergißmeinnicht; da kann man lesen, wie es schmeckt.
Clauren ist nicht nur Mundkoch und Vorschneider, sondern er kaut auch jede
Schüssel vor und erzählt: so schmeckte es; und wie natürlich ist es, wenn
er oft beschreibt, wie diesem die Sauce über den Bart herabgeträufelt sei,
oder wie jener vor Vergnügen über die Trüffelpastete die Augen geschlossen!
Überdies hat man dabei den herrlichsten Flaschenkeller gleich bei der Hand,
und wenn ich das Glas mit Dünnbier zum Munde führe, schiebt er mir immer im
Geiste Trimadera, Bordeaux oder Champagner unter."
So sprach der junge Mann und ging weiter, um auf sein großes Claurensches
Traktement der Verdauung wegen zu promenieren.
Was ist Rumford gegen einen solchen Mann? sprach ich zu mir. Jener bereitet
aus alten Knochen kräftige Suppen für Arme und Kranke; ist aber hier nicht
mehr als Rumford und andere? Speist und tränkt er nicht durch eine einzige
Auflage des "Vergißmeinnicht" fünftausend Mann? Wenn nur die Phantasie des
gemeinen Mannes etwas höher ginge, wie wohlfeil könnte man Spitäler, ja
sogar Armeen verproviantieren! Der Spitalvater oder der respektive Leutnant
nähme das "Vergißmeinnicht" zur Hand, ließe seine Kompanie Hungernder
antreten, ließe sie trockenes Kommisbrot speisen und würde ihnen einige
Tafelseiten aus Clauren vorlesen.
Doch von solchen Torheiten sollte man nicht im Scherz sprechen; sie
verdienen es nicht; denn wahrer, bitterer Ernst ist es, daß solche
Niederträchtigkeit, solche Wirtshauspoesie, solche Dichtungen _à la carte_,
wenn sie ungerügt jede Messe wiederkehren dürfen, wenn man den gebildeten
Pöbel in seinem Wahn läßt, als wäre dies das Manna, so in der Wüste vom
Himmel fällt, die Würde unserer Literatur vor uns selbst und dem Auslande,
vor Mit- und Nachwelt schänden!
Doch ich komme, meine verehrten Zuhörer, noch auf einen andern Punkt, den
man weniger Ingredienz oder Zutat, sondern _Sauce piquante_ nennen könnte;
das ist die _Sprache_. Man wirft nicht mit Unrecht den Schwaben und
Schweizern vor, daß sie nicht sprechen, wie sie schreiben; aber wahrhaftig,
es gereicht H. Clauren zu noch größerem Vorwurf, daß er so gemein schreibt,
wie er gemein und unedel zu sprechen und zu denken scheint. Man hat in
neuerer Zeit manches verschrobene und verschränkte Deutsch lesen müssen;
waren es Wendungen aus dem fünfzehnten Jahrhundert, waren es Sätze aus
einer spanischen Novelle, es wollte sich in unserer reichen, herrlichen
Sprache nicht recht schicken. Ohrzerreißend waren auch die Kompositionen,
die Voß nach Analogie Homer's vornahm; aber man kann Männer dieser Art
höchstens wegen ihres schlechten Geschmacks bedauern, anklagen niemals;
denn es lag dennoch ein schöner Zweck ihrem wunderlichen Handhaben der
Sprache zugrunde. Was soll man aber von der geflissentlichen Gemeinheit
sagen, womit der Erfinder der Mimilismanier seine Produkte einkleidet!
König Salomo, wenn er noch lebte, würde diesen Menschen mit einem
Freudenmädchen vergleichen. Sie geht einher im Halbdunkel, angetan mit
köstlichen Kleidern, mit allerlei Flimmer und Federputz auf dem Haupte. Du
redest sie an mit Ehrfurcht; denn du verehrst in ihr eine wohlerzogene Frau
aus gutem Hause; aber sie antwortet dir mit wieherndem Gelächter, sie
gesteht, sie müsse lachen, daß "_sie der Bock stößt_"; sie spricht in
Worten, wie man sie nur in Schenken und auf blauen Montagstänzen hören
konnte; sie enthüllt sich, ohne zu erröten, vor deinen Augen und spricht
Zoten und Zötchen dazu. Wehe deinem Geschmack, wehe dir selbst und deinem
sittlichen Wert, wenn dir nicht klar wird, daß die, welche du für eine
anständige Frau gehalten, eine feile Dirne ist, bestimmt zum niedrigsten
Vergnügen einer verworfenen Klasse!
Wozu ein langes Verzeichnis dieser Sprachsünden hieher setzen, da ja das
Buch, über welches wir sprechen, der "Mann im Monde", ein lebendiges
Verzeichnis, ein vollständiger Katalog seiner Worte, Wendungen, Farben und
Bilder ist? Es ist die Sauce, womit er seine widerlichen Frikasseen
anfeuchtet, und je mehr er ihr jenen echten Wildbretgeschmack zu geben
weiß, der schon auf einer Art von Fäulnis und Moder beruht, desto mehr sagt
sie dem verwöhnten Gaumen seines Publikums zu.
Noch ist endlich ein Zutätchen und Ingredienzchen anzuführen, das er aber
selten anwendet, vielleicht weil er weiß, wie lächerlich er sich dabei
ausnimmt; ich meine jene rührenden, erbaulichen Redensarten, die als auf
ein frommes Gemüt, auf christlichen Trost und Hoffnung gebaut erscheinen
sollen. Als uns der Fastnachtsball und das erbauliche Ende der Dame
Magdalis unter die Augen kam, da gedachten wir jenes Sprichworts: "Junge
H...n, alte Betschwestern"; wir glaubten, der gute Mann habe sich in der
braunen Stube selbst bekehrt, sehe seine Sünden mit Zerknirschung ein und
werde mit Pater Willibald selig entschlafen. Das Tornister-Lieschen,
Vielliebchen und dergleichen überzeugten uns freilich eines andern, und wir
sahen, daß er nur _per anachronismum_ den Aschermittwoch _vor_ der
Fastnacht gefeiert hatte. Wie aber im Munde des Unheiligen selbst das Gebet
zur Sünde wird, so geht es auch hier; er schändet die Religion nicht
weniger, als er sonst die Sittlichkeit schändet, und diese heiligen,
rührenden Szenen sind nichts anderes als ein wohlüberlegter Kunstgriff,
durch Rührung zu wirken; etwa wie jene Bettelweiber in den Straßen von
London, die alle Vierteljahre kleine Kinder kaufen oder stehlen und mit den
unglücklichen Zwillingen seit zehn Jahren weinend an der Ecke sitzen.
Zum Schlusse dieses Abschnittes will ich euch noch eine kleine Geschichte
erzählen. Es kam einst ein fremder Mensch in eine Stadt, der sich Zutritt
in die gute Gesellschaft zu verschaffen wußte. Dieser Mensch betrug sich
von Anfang etwas linkisch, doch so, daß man manche seiner Manieren
übersehen und zurechtlegen konnte. Er hielt sich gewöhnlich zu den Frauen
und Mädchen, weil ihm das Gespräch der Männer zu ernst war, und jene
lauschten gerne auf seine Rede, weil er ihnen Angenehmes sagte. Nach und
nach aber fand es sich, daß dieser Mensch seiner gemeineren Natur in dieser
Gesellschaft wohl nur Zwang angetan hatte; er sprach freier, er schwatzte
den Ohren unschuldiger Mädchen Dinge vor, worüber selbst die älteren hätten
erröten müssen. Wie es aber zu gehen pflegt: das Lüsterne reizt bei weitem
mehr als das Ernste, Sittliche; zwar mit niedergeschlagenen Augen, aber
offnem Ohr lauschten sie auf seine Rede, und selbst manche Zote, die für
eine Bierschenke derb genug gewesen wäre, bewahrten sie in feinem Herzen.
Der fremde Mann würde der Liebling dieses Zirkels. Es fiel aber den Männern
nach und nach auf, daß ihre Frauen über manche Verhältnisse freier dachten
als zuvor, daß selbst ihre Mädchen über Dinge sprachen, die sonst einem
unbescholtenen Kinde von fünfzehn bis sechzehn Jahren fremd sein müssen.
Sie staunten, sie forschten nach dem Ursprung dieser schlechten Sitten, und
siehe, die Frauen gestanden ihnen unumwunden: "Es ist der liebenswürdige,
angenehme Herr, der uns dieses gesagt hat." Viele der Männer versuchten es
mit Ernst und Warnung, ihn zum Schweigen zu bringen; umsonst, er schüttelte
die Pfeile ab und plauderte fort. Die Männer wußten nicht, was sie tun
sollten; denn es ist ja gegen die Sitte der guten Gesellschaft, selbst
einen verworfenen Menschen die Treppe hinabzuwerfen. Da versuchte einer
einen andern Weg. Er setzte sich unter die Frauen und lauschte mit ihnen
auf die Rede des Mannes und merkte sich alle seine Worte, Wendungen, selbst
seine Stimme. Und eines Abends kam er, angetan wie jener Verderber, setzte
sich an seine Seite, ließ ihn nicht zum Worte kommen, sondern erzählte den
Frauen nach derselben Manier, mit nachgeahmter Stimme, wie es jener Mann zu
tun pflegte. Da fanden die Vernünftigeren wenigstens, wie lächerlich und
unsittlich dies alles sei. Sie schämten sich, und als jener Mensch dennoch
in seinem alten Ton fortfahren wollte, wandten sie sich von ihm ab; er aber
stand beinahe allein und zog beschämt von dannen.
"Wo Ernst nicht hilft, da nimm den Spott zur Hilfe," dachte jener, und wohl
ihm, wenn es ihm gelang, den Wolf im Schafskleide zu verjagen!
Meine Freunde! Dasselbe, was in dieser Geschichte erzählt ist, dasselbe
wollte auch der "Mann im Mond", und das war ja unsere erste Frage: er
wollte den Erfinder der Mimili-Manier zu Nutz und Frommen der Literatur und
des Publikums, zur Ehre der Vernunft und Sitte lächerlich machen.
Wie er diesen Zweck verfolgte, ob es ihm gelingen _konnte_, ist der
Gegenstand der folgenden Fragen.