EIFERSUCHT.

Das Gift, das die Gräfin Natterzunge ausgespritzt hatte, wirkte viel

tödlicher auf Martiniz, als man hätte denken sollen. Ein anderer hätte

entweder der Gräfin keinen Glauben beigemessen, hätte gedacht: nun, das ist

so das gewöhnliche Sekkieren und wieder Sekkieren unter den Damen, und

damit holla; aber auf sein Gemüt, das kaum erst von seinem Trübsinn, von

seinem Mißmut, seinem Unglauben an die Welt geheilt war, auf ihn machte es

einen viel tieferen Eindruck, dieses Mädchen, das so hoch stand in seiner

Meinung, auch dieses sollte so leicht wiegen wie alle? Auch sie sollte so

zwanzig, dreißig Liebschäftchen und am Ende noch eine recht tüchtige Amour

mit einem leichten Rittmeister gehabt haben?

Aber wie? Wenn er sich recht fragte, was ging es denn ihn an, ob ein

Mädchen in der Residenz sich verliebt oder nicht, ob sie einem Rittmeister

viel oder wenig Gehör gibt? Was ging es denn ihn an? Das flüsterte ihm sein

tief zerrissenes Herz zu, das, daß sie die Maske der hohen, reinen Jungfrau

so künstlich vorhielt, daß sie ihn begünstigte, ja, er durfte sagen, an

sich zog, während sie noch einen andern, wie es schien, Unwürdigen im

Herzen trug; aber vielleicht, es war ja doch möglich, vielleicht war es

doch nicht wahr, vielleicht hatte jener nur sich eingebildet, von ihr

geliebt zu werden, und er, er war vielleicht doch ihre erste Lie--

"Bitte untertänigst um Vergebung, wenn ich störe," schnatterte ein Jockei,

der während des Grafen Selbstgespräch ins Zimmer gekommen war; "der

Rittmeister von Sporeneck--"

Was Teufel! Hatte nicht die Aarstein jenen "Sporeneck" genannt? Sollte er

hier sein?

"--lassen sich Exzellenz zu Gnaden empfehlen," fuhr jener fort, "und ob der

Herr Graf dem Herrn Rittmeister nicht eines Ihrer Zimmer vornheraus

abtreten wollten?"

Da hatte er es ja; ein Zimmer sollte er abtreten, weil gerade gegenüber

Idas Boudoir, Besuch- und Schlafzim-- nein, er konnte es nicht tun, diese

Forderung war zu unverschämt--gedankenlos starrte er den Bedienten an, der

ihm die Unglücksbotschaft hinterbracht hatte. Dieser glaubte, der Graf

wolle noch weitere Aufträge von seinem Herrn und schnatterte weiter:

"Die Zimmer im oberen Stock sind zwar auch nicht zu verachten; aber mein

Herr hat gesagt, es sei ihm nur um die schöne Aussicht, und da hat er

gemeint, Exzellenz könnten vielleicht eines von den drei--"

"Nein!--" rief der Graf mit einem so schrecklichen Ton und rollte so

finster die Augen dazu, daß dem armen Jockei ganz wind und weh dabei

wurde und er sich das Abschiedswinken des Grafen nicht zweimal

vormachen ließ.

Da hat er es ja sonnenhell, daß ihm das Licht in den Augen weh tat, da hat

er es; der Rittmeister, nichts Gewisseres, war bestellt worden und hatte

jetzt noch die Unverschämtheit, ihm ein Zimmer abzufordern, daß er besser

hinüber zu seiner Dulcinea--Nein, in diesem Tone _konnte_ es nicht

fortgehen; die Wehmut war stärker als die Bitterkeit und wurde Herr über

sie; er warf sich in seinen Sofa und weinte bitterlich. So war gewiß noch

kein Mensch getäuscht worden wie er; der Zufall, der blinde Zufall läßt ihn

ein Mädchen finden, so hold, so schön, so ganz Unschuld und reine

Jungfräulichkeit; er muß sie lieben, und wie glücklich ist er in dieser

Liebe! Trost, Freudigkeit, Ruhe--Dinge, die er seit langer, langer Zeit

nicht gekannt--ziehen wieder ein in sein Herz, er fühlt sich glücklich, wie

er selbst damals, als noch sein Haus in Fülle des Glücks und der Freude

prangte, sich nie gefühlt hatte; er sah, ja, er durfte es sich gestehen, er

sah das Morgenrot der ersten zarten, jungfräulichen Liebe auf ihren Wangen

aufgehen, und diese Liebe galt ihm; mit einem Zauberschlag schuf sie aus

ihm, dem Unglücklichsten der Sterblichen--den Glücklichsten. Jetzt hatte er

ja alles, was die kühnsten Wünsche nur verlangen mögen; Gesundheit, Jugend,

hohe Geburt, Ehre und Ansehen, Geld, daß er den Markt von Freilingen mit

Talern hätte belegen lassen können, ohne daß er es sonderlich gefühlt

hätte; es fehlte ihm nichts mehr als das eine: ein holdes, tugendsames

Weib, und auch dieser hohe Wurf war ihm gelungen; er hielt im seligsten

Moment seines Lebens ein Mädchen im Arm, ein Mädchen, für dessen Tugend er

sein Leben gegeben hätte. Da sendet in dem Augenblick, wo er sein Herz

hingeben will, der Himmel eine Dame, die unwillkürlich den Schleier ein

wenig lüftet und ihn das Mädchen ein wenig näher kennen lehrt, die ihn

merken läßt, daß dieses Auge nicht zum erstenmal von Liebe leuchte, dieser

keusche Mund nicht zum erstenmal geküßt werde, die, wenn man es gleich in

der großen Welt nicht so genau nimmt, doch selbst eingestand, daß es gut

sei, daß man das Mädchen aus einem unschicklichen Verhältnis herausgerissen

--abscheulich! Ein Teufel in Engelsgestalt!--An eine Schlange, an eine

Kokette hat er sein Herz verloren; da, wo er schüchtern mit der verschämten

Zartheit erster Liebe um ein einziges Küßchen gebeten hatte, da hatten

andere geschwelgt! Er schämte sich wie ein Primaner, der die Rute bekommen

hatte, so betrogen, so schnöde angeführt worden zu sein; er gönnte ihr,

obgleich sein Herz dabei blutete, er gönnte ihr den Rittmeister; es reute

ihn beinahe, daß er ihm sein Logis versagt hatte, alle Zimmer hätte er ihm

geben sollen, er wollte morgen in alle Weite fortziehen.--Und dennoch

drängte es ihn, noch dazubleiben; wenigstens rächen wollte er sich an ihr,

er wollte hinüber zu ihr, wollte sehen, wie sie sich jetzt gegen ihn

betragen würde, wollte sehen, ob sie jetzt, da der rechte Liebhaber

gekommen, ob sie jetzt noch die Stirne habe, ihn, wie bisher, an der Nase

herumzuziehen. Tausenderlei nahm er sich vor, ihr zu sagen; aber das eine

war ihm zu spitzig und schneidend; er wollte ihr nicht so arg wehtun; daß

andere war ihm zu weich, zu gefühlvoll; er wollte ihr nicht zeigen, wie

tief sie sein Herz verletzt habe,--das beste schien ihm, er wollte ganz und

gar nichts mit ihr reden; wollte tun, als ob gar keine Ida in der Welt sei

oder als sei sie ihm wenigstens sehr gleichgültig, wollte ihr zeigen, daß

er sie verachte.

Die Stunde, zu der man gewöhnlich beim Präsidenten Tee trank, hatte schon

geschlagen; er wischte sich daher schnell die letzte Träne, die er der

Dirne geweint haben wollte, hinweg, besorgte eilends seine Toilette, warf

sich in die Kleider, preßte das weichgewordene Herz mit beiden Händen

zusammen und ging dann den schweren Gang hinüber in jene Zimmer, wo er

einst so unendlich glücklich gewesen war.

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Der Mann im Mond Oder der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme, nebst der Kontrovers-Predigt über H. Clauren und den Mann im Mond · 第 41 / 76 题