Die Flügeltüren flogen auf, und Ida, hoch errötend beim Anblick des
Geliebten, führte die Gräfin herein. Sie zitterte, von so vielen
gegeneinander kämpfenden Empfindungen bestürmt; die Stimme wollte ihr
beinahe versagen, als sie den "Grafen Martiniz" der "Gräfin Aarstein"
vorstellte. Sie sah die Erz-General-Kokette erröten, sie sah, wie sie den
bildschönen Mann mit ihren Feuerrädchen beinahe zu versengen drohte; es
zuckte ihr ganz eisig in das liebende, ängstliche Herzchen hinein, als die
Gräfin sich in einer nachlässigen Stellung auf den Sofa warf, ihr zurief,
sie möchte sich doch gar nicht genieren und ihre Arrangements treffen, die
ein so plötzlicher Überfall wie der ihrige immer notwendig mache, sie
möchte sich doch durchaus nicht genieren, der Graf werde schon die Gnade
haben, sie zu unterhalten.
"Da sei Gott gnädig," flüsterte Ida in sich hinein, indem es ihr fröstelnd
und doch wieder siedheiß durch alle Glieder ging, "wenn die so fortmacht,
so müssen wir ja alle samt und sonders, den Grafen mit eingeschlossen, zu
ihren Füßen knien."
Sie nahm ihre Schlüssel und ging; aber noch in der Türe warf sie einen
Blick auf Martiniz zurück, so voll Liebe und Besorgnis, als müsse sie ihn
bei einem reißenden Tier allein lassen.
"Ein liebes Kind, die Ida," wandte sich die Gräfin an Martiniz, der
schweigend und gedankenvoll neben ihr Platz genommen hatte, "ein liebes
Kind; schade nur, das; man sie so bald aus der Pension genommen hat, ehe
sie noch die letzte Vollendung, das freiere Sichbewegen angenommen hat.
Nun, das macht sich nachgerade immer noch, wenn auch hier nicht gerade der
Ort ist, wo sie anständige Vorbilder dazu haben mag; in größeren Städten
findet sich dies eher."
Sie hielt inne, als erwartete sie eine Antwort von dem Grafen; diesem aber
schien sein Kopf mit dem Herzen Ida nachgesprungen zu sein, und jetzt erst,
als die Gräfin nicht mehr sprach, nahm er sich zusammen und beantwortete
ihre Frage durch ein leises Kopfnicken.
"Warte, ich will dich schon aufmerken lehren," dachte die Aarstein, der die
Zerstreuung des jungen Mannes nicht entgangen war. "In einer Hinsicht ist
es gut, daß das Fräulein aus der Residenz wegkam; Sie können sich gar nicht
denken, unsere Herren waren ganz rabiat, als sie so lieblich aufblühte; die
Straße vor dem Haus der Madame La Truiaire wurde nicht leer von den
Anbetern, und natürlich--ein solches Mädchen hat denn doch auch ein
Herzchen und fühlt sich durch diese Aufmerksamkeit geschmeichelt. Übrigens,
das muß man ihr lassen, mit dem größten Anstand wußte sie den Herren zu
imponieren und sie sogar zu verscheuchen; daß sie nun freilich bei dem
Rittmeister von ....... es nicht ebenso machte, kann man ihr nicht
verdenken."
"So--o?" fragte der Graf, indem ein dunkles Rot seine Wangen überzog. "Der
Rittm--"--"Nun ja," lachte die Gräfin, "da ist es auch kein Wunder, daß sie
ihn liebte und vielleicht noch liebt; wo ist denn in der Residenz ein
Damenherz, das er zu überwinden sich vorsetzte und das er nicht überwunden
hätte? Er hat zwar etwas leichte Grundsätze, ist aber sonst ein artiger
Mensch; _au fond_ ist es übrigens dennoch gut, daß man das Mädchen schnell
aus der Pension nahm; denn sehen Sie--doch, da kommt sie ja selbst," lachte
sie Ida entgegen, die mit liebenswürdiger, wirtlicher Geschäftigkeit Tee
für ihren Gast brachte. Beinahe hätte sie das ganze zierliche Dejeuner auf
den Boden fallen lassen; denn der Graf--was mußte ihm nur begegnet sein?--
er saß da, bleich wie der Tod, den starren Blick auf sie geheftet--
"Nun, da erzähle ich," fuhr die Gräfin Satanas, die mit teuflischer Freude
das zarte Band, das diese liebenden Herzen kaum erst umschlungen hatte, zu
zerreißen strebte, "da erzähle ich gerade dem Herrn Grafen Ihre Affäre mit
dem Rittmeister, und wie ich die arme Ida bedaure, daß man sie so grausam
herausriß aus der Wonne der ersten Lie--"
"Gnädige Frau!" rief Ida mit den Tönen des Schreckens und setzte die Tasse
nieder, die in ihrer zitternden Hand zu klirren begann.
"Nun, so erschrecken Sie doch nicht so, daß ich aus der Schule schwatze;
das nimmt man bei uns nicht so genau; wahrhaftig, der Papa hätte auch keine
ungeschicktere Zeit zu Ihrer Zurückberufung wählen können--"
"Ich muß Sie bitten, gnädige Frau--"
"Ei, so lassen Sie doch die gnädige Frau," fiel ihr die Aarstein ins Wort,
"ich kann das Wort Frau nicht ausstehen. Es ist mir gar nicht, als ob ich
Frau wäre, und wahrhaftig, ich bin es ja eigentlich gar nicht," setzte sie
naiv und mit einem schalkhaften Lächeln gegen Martiniz hinzu; "ich lebte
nur ein paar Wochen mit meinem Herrn Gemahl, Gott hat uns kein Kind
beschert, und da bin ich ja eigentlich so gut als Mädchen."--
Ida schlugen die Flammen ins Gesicht; solche frivole Äußerungen mußten ihre
unentweihten jungfräulichen Ohren hören, ohne daß sie diese wegwerfende
Gemeinheit bestrafen konnte; und dann das dumme Aufziehen mit dem
Rittmeister; es war ja kein wahres Wort an der Sache; sie konnte gar nicht
begreifen, was nur die Gräfin damit wollte; hatte sie ihn denn nicht so gut
abgetrumpft wie jeden andern? Was mußte nur Martiniz von ihr denken! Sie
nahm sich vor, bei der nächsten Gelegenheit ihn zu überzeugen, daß gewiß an
der Geschichte mit dem Rittmeister kein wahres W--. Aber nein, wie sah der
Graf aus! Er hatte die Lippen zusammengekneipt, daß sie ganz weiß wurden,
sein Auge rollte unstät umher, schien sie zu suchen, zu fassen, und doch
schlug er es nieder, so oft er ihrem Blick begegnete. Es war ihr ganz bange
ums Herzchen, als ahne sie irgend ein Unglück; sie klügelte hin und her,
was ihm sein könnte, und fand immer nichts.
Die Gräfin zog sich letzt in ihre Zimmer zurück, um sich umzukleiden. Ida
sah ihr mit leichterem Herzen nach; denn sie hoffte--sie gestand es sich
nur so halb und halb, daß sie es hoffte--aber sie hoffte, der Graf werde
vielleicht an dem Gespräch von vorhin fortmachen; aber sie täuschte sich
bitter; er sagte kaum ja oder nein, wenn sie ihn etwas fragte, finster sah
er immer vor sich hin, und nach ein paar Minuten sprang er auf und ging.
Was hatte man ihm doch getan? Es war und blieb ihr unbegreiflich. Endlich
aber fiel ihr ein, der Rittm--, ja, das war es: eifersüchtig war der gute
Graf. Sie mußte lachen, als ihr der Gedanke kam. Sie fühlte sich so rein
und unschuldig, daß es ihr ein leichtes schien, den Grafen zu überzeugen;
aber Strafe soll er leiden, der Unartige, nahm sie sich vor; wenn er mir
die Aarstein zu viel ansieht, so will ich immer von dem Rittmeister
sprechen und ihn recht bös machen.
Das gute, fröhliche Kind, wie wenig dachte sie daran, was Eifersucht Böses
anrichten könne, wie wenig ahnte sie, was ihrer wartete!
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