Als Hofrat Berner nach Tisch wieder in des Präsidenten Haus kam, um
ihn, da er ihn heute früh verfehlt hatte, zu besuchen, traf er Ida
wieder so vergnügt und fröhlich wie immer. Das ewige Aprilwetter!
dachte er, auch bei ihr bleibt es nicht aus; wenn wir morgens weinen,
so darf man gewiß sein, daß uns auch der Abend noch traurig oder doch
ernst findet; aber das weint und lacht, klagt und tollt durcheinander
wie Heu und Stroh. Er setzte sich zum Präsidenten, der gewöhnlich vor
dem Kaffee noch ein halbes Stündchen tischelte; gegenüber hatte er
das liebe Aprillen-Kind und nötigte sie durch sein beredtes
Mienenspiel, wodurch er sie an heute früh erinnerte, alle Augenblicke
zum Lachen oder Rotwerden.
"Apropos! Sie kommen gerade recht, Berner," sagte der Präsident,
"hätte ich doch beinahe das Beste vergessen. Sie können mir durch
Ihre Umgänglichkeit und Gewandtheit, durch die viele freie Zeit, die
Sie haben, einen sehr großen Gefallen tun. Ich bekam da heute vom
Minister-Staatssekretär ein Brieflein, worin mir unter den größten
Elogen der ganz sonderbare Auftrag wird, neben meinem Amt als
Präsident auch noch den gehorsamen Diener anderer Leute zu spielen.
Da haben Sie," fuhr er fort, indem er einen Brief mit dem großen
Dienstsiegel hervorzog, "lesen Sie einmal vor! Aber da, die
Elogenstelle bleibt weg; ich kann das Ding für meinen Tod nicht
leiden, wenn man einen so ins Gesicht hinein lobt."
Berner nahm den Brief, der, weil in solchen Fällen der Staatssekretär
von Pranken selbst schrieb, ein wenig schwer zu lesen war, und
begann:
"--Nächstdem wurde mir höheren Orts der Wink gegeben, daß, da ein
sicherer Graf von Martiniz den Kreis Ew. Exzellenz bereisen werde,
ihm aller mögliche Vorschub und Hilfe zuteil werden soll. Besagter
Herr von Martiniz wurde unserem Hofe durch den ---schen _Ministre
plénipotentiaire_ aufs angelegentlichste empfohlen. Er hat im
Sinn, bei uns, aller Wahrscheinlichkeit nach in Ihrem Kreise, sich
bedeutende Güter zu kaufen, ist ein Mensch, der seine drei Millionen
Taler hat und vielleicht noch mehr bekommt, und muß daher womöglich
im Lande gehalten werden. Ew. Exzellenz können, wenn solches gelingen
sollte, auf großen Dank höhern Orte rechnen, da, wie ich Ihnen als
altem Freunde wohl anvertrauen darf, im Fall er sich im Lande
ansiedelte und sein Vermögen hereinzöge, die Hand der Gräfin Aarstein
Exzellenz demselben nicht vorenthalten werden wird."
Im Anfang dieses Brief es war Ida bei dem Namen Martiniz hoch
errötet; denn sie begegnete dem Auge des Hofrats, der über den Brief
weg zu ihr hinüber sah; als die Stelle von den drei Millionen kam,
wurde die Freude schwächer; ein dreifacher Millionär war nicht für
Idas bescheidene Wünsche; als aber die Hand der Gräfin Aarstein nach
ihrem sanften, liebewarmen Herzen griff, da wich alles Blut von den
Wangen des zitternden Mädchens, sie senkte das Lockenköpfchen tief,
und eine Träne, die niemand sah als Gott und ihr alter Freund, stahl
sich aus den tiefsten Tiefen des gebrochenen Herzens in das
verdunkelte Auge und fiel auf den Teller herab.
Sie kannte diese Gräfin Aarstein aus der Residenz her. Sie war die
natürliche Tochter des Fürsten .....; von ihm mit ungeteilter
Vorliebe erzogen, mit einem ungeheuern Vermögen ausgestattet, lebte
sie in der Residenz wie eine Fürstin. Sie war einmal einige Jahre
verheiratet gewesen; aber ihre allzu vielseitige Menschenliebe hatte
den Grafen Aarstein genötigt, seine Person von ihr scheiden und ihr
nur seinen Namen zurückzulassen. Seitdem lebte sie in der Residenz;
sie galt dort in der großen Welt als Dame, die ihr Leben zu genießen
wisse; wenn man aber nur eine Stufe niederer hinhorchte, so hörte man
von der Gräfin, daß sie dieses angenehme Leben auf Kosten ihres Rufes
führe, zehn Liebeshändel, zwanzig Prozesse auf einmal, Schulden so
viel als Steine in ihrem Schmuck habe und eine Kokette sei, die sich
nicht entblöde, mit dem Geringsten zu liebäugeln, wenn seine Formen
ihr gefielen.
So war Gräfin Aarstein. Ein unabweislicher Widerwille hatte schon in
der Residenz die reine jungfräuliche Ida von dieser üppigen Buhlerin
zurückgeschreckt; so oft sie zu ihren glänzenden Soirees geladen war,
wurde sie krank, um nur diese frivolen Augen, diese bis zur Nacktheit
zur Schau gestellten Reize nicht zu sehen; und diese Frau, deren
Geschäft ein ewiges Gurren und Lachen, Spotten und Persiflieren war,
sie sollte der ernste, unglückliche junge Mann mit dem rührenden Zuge
von Wehmut, dem gefühlvollen, sprechenden Auge--
Berner hatte schweigend den Brief noch einmal überlesen und legte ihn
dann mit einem mitleidigen Blick auf Ida zurück. "Nun, was sagen Sie
zu dem sonderbaren Auftrag?" fragte der Präsident. "Wahr ist es, der
Martiniz ist nach dieser Beschreibung ein Goldfisch, den man nicht
hinauslassen darf, ja, ja,--man muß negoziieren, daß er in unserem
Kreise bleibt. Da könnte er zum Beispiel Woldringen kaufen: um
zweimalhunderttausend Tälerchen ist Schloß, Gut, Wiesen, Feld, Fluß,
See, Berg und Tal, alles, was man nur will, sein; und dieser Preis
ist ein Pappenstiel. So, so? Die Aarstein also? Nicht übel gekartet
von den Herren. Sie soll enorme Schulden haben, die am Ende doch der
Fürst übernehmen müßte; die bekommt der Herr Graf in den Kauf. Du
kennst die Aarstein, Ida? Sahst du sie oft?"
"Nie!" antwortete Ida unter den Löckchen hervor und sah noch immer
nicht vom Teller auf.
"Nie?" fragte der Präsident gereizt. "Ich will nicht hoffen, daß die
gnädige Gräfin meine Tochter nicht in ihren Zirkeln sehen wollte; hat
sie dich nie eingeladen, wurdest du ihr nicht vorgestellt?"
"O ja," sagte Ida, "sie schickte wohl zwanzigmal, ich kam aber nie
dazu, hinzugehen."
"Was der T--! Ich hätte geglaubt, du wärest ein vernünftiges,
gesittetes Mädchen geworden; wie kannst du solche Sottisen begehen
und die Einladungen einer Dame, die mit dem fürstlichen Hause so nahe
liiert ist, refüsieren?"
"Man hat mich deswegen bei Hof nicht weniger freundlich aufgenommen,"
antwortete Ida und hob das von Unmut gerötete Gesichtchen empor; "man
hat sich vielleicht gedacht, daß es der Ehre eines unbescholtenen
Mädchens wohl anstehe, so fern als möglich von der Frau Gräfin zu
bleiben."
"So sieht es dort aus?" fragte der Präsident kopfschüttelnd. "Nun,
nun! Heutzutage setzt man sich, wenn man ein wenig Welt hat, darüber
weg. Ich mag dir hierüber nichts sagen, ihr jungen Mädchen habt eure
eigenen Grundsätze; nur wäre es wegen der jetzigen Verhältnisse
besser gewesen, du hättest sie öfter gesehen; denn wenn sie sich hier
in der Gegend ankaufen, nach Freiling kommen sie doch auch alle Jahre
ein paar Mal. Wir machen das erste Haus hier, du sollst in Zukunft
die Dame des Hauses vorstellen; wie kannst du nun die Gräf in
Martiniz empfangen, wenn du in der Residenz sie so ganz
negligiertest?"
"Nun, Gräfin Martiniz ist sie ja noch nicht," meinte der Hofrat und
lächelte dabei so geheimnisvoll, daß es sogar dem Präsidenten
auffiel.
"Nun, Er spricht ja so sicher über diesen Punkt," sagte dieser, "als
kenne Er den Grafen Martiniz und seine Herzensangelegenheiten aus dem
Fundament."
"Seine Herzensangelegenheiten nun freilich nicht," lächelte Berner;
"aber den Grafen hatte ich die Ehre gestern kennen zu lernen--"
"Wie," unterbrach ihn der Präsident, "er ist schon hier? Und wir
schwatzen schon eine Stunde von ihm, und Sie sagen nichts--"
"Fräulein Tochter ist nicht minder in der Schuld als ich," entgegnete
jener; "sie kennt ihn sogar genauer als ich."
"Ich glaube, Ihr seid von Sinnen, Berner, oder mein Laubenheimer hat
Euch erleuchtet. Du, Idchen, du kennst ihn?"
"Nein--ja--" antwortete Ida, noch höher errötend. "Ich habe mit ihm
getanzt, das ist alles."
"Er war also gestern auf dem Ball? Schon bei Jahren, natürlich, ein
ältlicher Mann? Schon in unserem Alter, Berner?"
"Nicht so ganz," sagte dieser mit Hohn, "er mag so seine drei- bis
vierundzwanzig Jährchen haben. Übrigens können Exzellenz seine
Bekanntschaft recht wohl machen; er logiert drüben im Mond."
Der Präsident war zufrieden mit diesen Nachrichten; er sann nach, wie
der junge Mann am besten zu halten sein möchte; denn er trieb alles
gerne nach dem Kanzleistil. Freund und Tochter, die er zu Rate zog,
rieten, ihn einzuladen und ihm so viel Ehre und Vergnügen als möglich
zu geben. Der Hofrat nahm es über sich, die Sache einzuleiten, und
der Präsident ging um ein Geschäft leichter in sein Kollegium.
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