Immer dunkler wurde es, daß man kaum mehr die eigenen Fühler
unterscheiden konnte.
Breitschultrige Finsternis kroch hervor hinter Steinen und Algen und
fraß die verschwommenen Schatten der Korallenbänke.
Gespenstisch glitten schwarze Körper vorüber -- mit glühenden Augen und
violett aufleuchtenden Flossen. -- Nachtfische! -- Scheußliche Rochen
und Seeteufel, die in der Dunkelheit ihr Wesen treiben. Mordsinnend
hinter Schiffstrümmern lauern.
Scheu und leise wie Diebe öffnen die Muscheln ihre Schalen und locken
den späten Wanderer auf weichen Pfühl zu grausigem Laster.
In weiter Ferne bellt ein Hundsfisch.
-- -- -- Da zuckt durch die Ulven heller Schein: Eine leuchtende Meduse
führt trunkene Zecher heim; -- Aalgigerln mit schlumpigen Muränendirnen
an der Flosse.
Zwei silbergeschmückte junge Lachse sind stehengeblieben und blicken
verächtlich auf die berauschte Schar. Wüster Gesang erschallt:
»In dem grünen Tange
hab' ich sie gefragt,
Ob sie nach mir verlange. -- --
Ja, hat sie gesagt.
Drauf hat sie sich gebückt --
und ich hab' sie gezwickt.
Ach im grünen Tange...«
»No, no, aus dem Weg da, Sö -- Sö Frechlachs -- Sö,« brüllt ein Aal
plötzlich.
Der Silberne fährt auf: »Schweigen Sie! Sie haben's nötig, weanerisch zu
reden. Glauben wohl, weil Sie das einzige Viech sind, das nicht im
Donaugebiet vorkommt -- --«
»Pst, pst,« beschwichtigt die Meduse, »schämen Sie sich doch, schauen
Sie dorthin!«
Alle verstummen und blicken voll Scheu auf einige schmächtige, farblose
Gestalten, die sittsam ihres Weges ziehen.
»Lanzettfischchen,« flüsterte einer.
? ? ? ? ?
-- -- -- »Oh, das sind hohe Herren -- Hofräte, Diplomaten und so. -- Ja
die sind schon von Geburt dazu bestimmt; wahre Naturwunder: haben weder
Gehirn noch Rückgrat.«
Minuten stummer Bewunderung, dann schwimmen alle friedlich weiter.
Die Geräusche verhallen. -- Totenstille senkt sich nieder.
Die Zeit rückt vor. -- Mitternacht, die Stunde des Schreckens.
Waren das nicht Stimmen? -- Krevetten können es doch nicht sein, --
jetzt so spät?!
Die Wache geht um: Polizeikrebse!
Wie sie scharren mit gepanzerten Beinen, über den Sand knirschend ihren
Raub in Sicherheit bringen.
Wehe, wer ihnen in die Hände fällt; -- vor keinem Verbrechen scheuen sie
zurück -- -- und ihre Lügen gelten vor Gericht wie Eide.
Sogar der Zitterrochen erbleicht, wenn sie nahen.
Der Seerose stockt der Herzschlag vor Entsetzen, sie, eine Dame,
wehrlos, -- auf offenem Platze! -- Wenn sie sie erblicken! Sie werden
sie vor den Polizeirat, den schurkischen Meineidskrebs, schleppen -- den
größten Verbrecher der Tiefsee -- und dann -- und dann -- --
Sie nähern sich ihr -- -- jetzt -- -- ein Schritt noch, und Schande und
Verderben werden die Fänge um ihren Leib schlagen.
Da erbebt das dunkle Wasser, die Korallenbäume ächzen und zittern wie
Tang, ein fahles Licht scheint weithin.
Krebse, Rochen, Seeteufel ducken sich nieder und schießen in wilder
Flucht über den Sand, Felsen brechen und wirbeln in die Höhe.
Eine bläulich gleißende Wand -- so groß wie die Welt -- fliegt durch das
Meer.
Näher und näher jagt der Phosphorschein: die leuchtende Riesenflosse der
Tintorera, des Dämons der Vernichtung, fegt einher und reißt
abgrundtiefe glühende Trichter in das schäumende Wasser.
Alles dreht sich in rasender Hast. Die Seerose fliegt durch den Raum in
brausende Weiten, hinauf und hinab -- über Länder von smaragdenem
Gischt.
Wo sind die Krebse, wo Schande und Angst! Das brüllende Verderben stürmt
durch die Welt. -- Ein Bacchanal des Todes, ein jauchzender Tanz für die
Seele.
Die Sinne erlöschen, wie trübes Licht.
Ein furchtbarer Ruck. -- Die Wirbel stehen, und schneller, schneller,
immer schneller und schneller drehen sie sich zurück und schmettern auf
den Grund, was sie ihm entrissen.
Mancher Panzer brach da.
Als die Seerose nach dem Sturze endlich aus tiefer Ohnmacht erwachte,
fand sie sich auf weiche Algen gebettet.
Das gute Seepferd -- es war heute gar nicht ins Amt gegangen -- beugte
sich über das Lager.
Kühles Morgenwasser umfächelte ihr Gesicht, sie blickte um sich.
Schnattern von Entenmuscheln und das fröhliche Meckern einer Geisbrasse
drang an ihr Ohr.
»Sie befinden sich in meinem Landhäuschen,« beantwortete das Seepferd
ihren fragenden Blick und sah ihr tief in die Augen. »Wollen Sie nicht
weiter schlafen, gnädige Frau, es würde Ihnen gut tun!«
Die Seerose konnte aber beim besten Willen nicht. Ein unbeschreibliches
Ekelgefühl zog ihr die Mundwinkel herunter.
»War das ein Unwetter heute nacht; mir dreht sich noch alles vor den
Augen von dem Gewirbel,« fuhr das Seepferd fort. »Darf ich Ihnen
übrigens mit Speck -- so einem recht fetten Stückchen Matrosenspeck
aufwarten?«
Beim bloßen Hören des Wortes Speck überkam die Seerose eine derartige
Übelkeit, daß sie die Lippen zusammenpressen mußte. -- Vergebens. Ein
Würgen erfaßte sie (diskret blickte das Seepferd zur Seite), und sie
mußte erbrechen. Unverdaut kam die Blamolpille zum Vorschein, stieg mit
Luftblasen in die Höhe und verschwand.
Gott sei Dank, daß das Seepferd nichts bemerkt hatte.
Die Kranke fühlte sich plötzlich wie neugeboren.
Behaglich ballte sie sich zusammen.
O Wunder, sie konnte sich wieder ballen, konnte ihre Glieder bewegen wie
früher.
Entzücken über Entzücken!
Dem Seepferd traten vor Freude Luftbläschen in die Augen. »Weihnachten,
heute ist wirklich Weihnachten,« jubelte es ununterbrochen, »und das muß
ich gleich dem Tintenfisch melden; Sie werden sich unterdessen recht,
recht ausschlafen.«
»Was finden Sie denn so Wunderbares an der plötzlichen Genesung der
Seerose, mein liebes Seepferd?« fragte der Tintenfisch und lächelte
mild. »Sie sind ein Enthusiast, mein junger Freund! Ich rede zwar sonst
prinzipiell mit Laien (Sie, Barsch, einen Stuhl für den Herrn) nicht
über die medizinische Wissenschaft, will aber diesmal eine Ausnahme
machen und trachten, meine Ausdrucksweise Ihrem Auffassungsvermögen
möglichst anzupassen. Also, Sie halten Blamol für ein Gift und schieben
seiner Wirkung die Lähmung zu. Oh, welcher Irrtum! Nebenbei bemerkt ist
Blamol längst abgetan, es ist ein Mittel von gestern, heute wird
allgemein Indiotinchlorür angewandt (die Medizin schreitet nämlich
unaufhaltsam vorwärts). Daß die Erkrankung mit dem Schlucken der Pille
zusammentraf, war bloßer Zufall -- alles ist bekanntlich Zufall --, denn
erstens hat Seitenstrangsklerose ganz andere Ursachen, die Diskretion
verbietet mir, sie zu nennen, und zweitens wirkt Blamol wie alle diese
Mittel gar nicht beim Einnehmen, sondern lediglich beim Ausspucken.
Auch dann natürlich nur günstig.
Und was endlich die Heilung anbelangt? -- Nun, da liegt ein deutlicher
Fall von Autosuggestion vor. -- In Wirklichkeit (Sie verstehen, was ich
meine: >Das Ding an sich< nach Kant) ist die Dame genau so krank wie
gestern, wenn sie es auch nicht merkt. Gerade bei Personen mit
minderwertiger Denkkraft setzen Autosuggestionen so häufig ein. --
Natürlich will ich damit nichts gesagt haben -- Sie wissen wohl, wie
hoch ich die Damen schätze: >Ehret die Frauen, sie flechten und
weben -- -- --< -- Und jetzt, mein junger Freund, genug von diesem Thema,
es würde Sie nur unnötig aufregen. -- A propos, -- Sie machen mir doch
abends das Vergnügen? Es ist Weihnacht und -- meine Vermählung.«
»Wa--? -- Vermä-- -- --,« platzte das Seepferd heraus, faßte sich aber
noch rechtzeitig: »Oh, es wird mir eine Ehre sein, Herr Medizinalrat.«
»Wen heiratet er denn?« fragte es beim Hinausschwimmen den Barsch. --
»Was Sie nicht sagen: die Miesmuschel?? -- Warum nicht gar! -- Schon
wieder so eine Geldheirat.«
Als abends die Seerose, etwas spät, aber mit blühendem Teint an der
Flosse des Seepferdes in den Saal schwamm, wollte der Jubel kein Ende
nehmen. Jeder umarmte sie, selbst die Schleierschnecken und
Herzmuscheln, die als Brautjungfern fungierten, legten ihre mädchenhafte
Scheu ab.
Es war ein glänzendes Fest, wie es nur reiche Leute geben können; die
Eltern der Miesmuschel waren eben Millionäre und hatten sogar ein
Meerleuchten bestellt.
Vier lange Austernbänke waren gedeckt. -- Eine volle Stunde wurde schon
getafelt, und immer kamen noch neue Leckerbissen. Dazu kredenzte der
Barsch unablässig aus einem schimmernden Pokal (natürlich die Öffnung
nach unten) hundertjährige Luft, die aus der Kabine eines Wracks
stammte.
Alles war bereits angeheitert. -- Die Toaste auf die Miesmuschel und
ihren Bräutigam gingen in dem Knallen der Korkpolypen und dem Klappern
der Messermuscheln völlig unter.
Das Seepferd und die Seerose saßen am äußersten Ende der Tafel, ganz im
Schatten, und achteten in ihrem Glück kaum der Umgebung.
»Er« drückte »ihr« zuweilen verstohlen den einen oder anderen Fühler,
und sie lohnte ihm dafür mit einem Glutblick.
Als am Ende des Mahles die Kapelle das schöne Lied spielte:
»Ja küssen --
scherzen
mit jungen Herrn
ist selbst bei Frauen
sehr modern,«
und sich dabei die Tischnachbarn der beiden verschmitzt zublinzelten, da
konnte man sich dem Eindruck nicht verschließen, daß die allgemeine
Aufmerksamkeit hier allerlei zarte Beziehungen mutmaßte.