ist es doch ziemlich hell, denn wie tausend Lichter flackern die Sterne
am Firmament. Zur Linken haben wir kleine flachgewölbte, schwarze
Bergrücken, zur Rechten das Flußbett. Schweigend reiten wir durch die
kühle Nacht. Ich bin sehr müde und nicke dann und wann ein. Es kommt
mir alles wie ein Traum vor. Ich sehe vor mir im Halbdunkel eine
ganze Karawane von Pferden auf einer endlosen Chaussee. Aber es ist
eine optische Täuschung. Vor uns taucht ein viereckiger Turm auf,
ein afghanischer Wachtposten. Wir werden angerufen; man fragt, woher
und wohin, dann ziehen wir weiter in das Dunkel der Nacht. Wieder
reiten wir ungefähr eine Stunde. Ein dunkler Berg zeichnet sich wie
eine Silhouette vor uns ab; endlich sehen wir die afghanische Festung
vor uns auftauchen. Es ist halb zwei Uhr geworden. Wütend kläffen die
Hunde, als wir an das Festungstor klopfen und Einlaß begehren. Auch
hier müssen wir endlos lange warten, ehe man uns öffnet. Es ist bitter
kalt. Wir haben uns in unsere Mäntel gehüllt und stampfen auf dem
hartgefrorenen Boden umher. Endlich finden wir in der Festung Einlaß;
aber man gibt uns nichts mehr zu essen, und so legen wir uns auf den
steinernen Fußboden, hüllen uns in unsere dünnen Decken und Mäntel
und schlafen bald ein. Früh sind wir schon wieder auf. Wir erhalten
Tee, Brot, und man verspricht mir Pferde und einen Begleitsoldaten.
Da erscheint der unglückselige Dolmetscher, den ich schon von Kuschk
her kannte, und fragt nach meinem Paß. Ich sage ihm, er wisse doch,
daß mir mein Paß gestohlen sei und daß der Gouverneur von Herat mich
jetzt erwarte. Er geht zum Oberst und meldet es. Doch der läßt sich
nicht erweichen. Er weiß auch über den Stand meiner Angelegenheit
nichts, da er erst vor kurzem hierher versetzt worden ist. Er ist
unfreundlich, hochmütig. Ich sage ihm, er solle telephonisch beim
Gouverneur anfragen; denn zwischen dem afghanischen Grenzposten und
Herat existiert bereits Telephonverbindung. Er erwidert, das Telephon
funktioniere nicht. Ich will ein Radiotelegramm nach Taschkent an den
afghanischen Konsul aufgeben; aber er erklärt: Telegramme existierten
für ihn nicht! Er wolle ein richtiges Visum: gestempelte Photographie
usw. Es war zum Verzweifeln! Aber man gewöhnt sich langsam an solche
Dinge; Geduld lernt man in Asien! Es blieb also nichts anderes übrig,
als nochmals nach Taschkent zurückzureisen. Wohl spielte ich einen
Augenblick mit dem Gedanken, einfach auf eigene Faust nach Herat zu
ziehen; aber das hätte sicher schlecht geendet. Ich kannte den Weg
nicht, hatte keine Karte, kein Pferd, und mein Geld ging auf die Neige.
Ein afghanischer Soldat war ständig um mich, und auch Simon hatte ein
Auge auf mich. Es wäre ein hoffnungsloses Beginnen gewesen. Aber mir
graute auch vor der ca. 1100 km langen Rückreise nach Taschkent, mir
graute vor den Strapazen auf der russischen Bahn, die noch größer
waren als die auf den Karawanenreisen im Inneren Afghanistans. Nur
der Gedanke, noch einmal wieder nach Merw zu müssen, wieder beim
afghanischen Konsul in Taschkent zu übernachten – – –
Doch es half nichts, es sollte wohl so sein; zwei volle Tage mußte ich
erst wieder in Aleksejevka warten, ehe ich nach Taschkent aufbrechen
konnte. In Merw traf ich wieder spätnachts ein. Ich wollte mich im
Wartesaal auf eine Bank niederlegen, als ich einen afghanischen
Kaufmann sah, den ich öfters in Kuschk gesprochen hatte. Er schlug
mir vor, mit ihm ins Hotel Franzia zu gehen. In den Straßen war
es stockfinster, und ich wunderte mich, wie mein Gefährte den Weg
fand. Ein Mädel öffnete und wies uns eines der finsteren Zimmer an:
Holzpritsche, ein paar zerbrochene Stühle, ein kleiner Tisch, auf dem
das Wachslicht flackerte. Es konnte gegen ein Uhr sein. Wir tranken
eine Flasche feurigen Süßweins und dann verschwand der Afghane mit dem
Mädel und ließ mich allein. Ich war todmüde. Als ich meine Stiefel
auszog, stieß ich gegen den Tisch. Das Licht fiel um und erlosch.
Streichhölzer hatte ich nicht. Ich verschloß Fenster und Tür und
schlief bald ein. Nachts wachte ich von einem eigentümlichen Geräusch
auf. Es mußte jemand in meinem Zimmer sein. Ich stand auf und ging
leise ans Fenster und an die Tür: Beides verschlossen. Ich tastete im
Zimmer umher, fand aber nichts; darauf legte ich mich wieder auf die
Pritsche und versuchte einzuschlafen. Lange war es still, und schon
wollte mich der Schlaf übermannen, als ich wieder das seltsame Geräusch
vernahm. Es hörte sich an, als ob jemand die Seiten eines alten
Pergaments umblätterte. Ich horchte gespannt; einmal kam es mir vor,
als komme das Geräusch vom Tische her, dann, als ob es an der Tür sei.
Es konnte nur irgendein Tier sein.
Morgens, als es dämmrig wurde, ging ich von neuem dem Geräusche nach;
und nun stellte es sich heraus, was es gewesen war. Am Abend vorher
hatte der Afghane das Papier, in dem die Flasche eingewickelt war, auf
den Boden vor die Tür geworfen. Ein Nashornkäfer, der sich im Zimmer
herumgetrieben hatte, wollte ins Freie und versuchte, sich durch die
Tür zu klemmen. Dadurch kam er oft an die Stelle, wo das Papier lag
und hakte mit seinen kleinen, dornigen Beinen hinter das harte Papier,
wodurch der eigentümliche Laut hervorgerufen wurde, den ich mir nicht
erklären konnte und der mir eine schlaflose Nacht bereitet hatte. Ich
fing den kleinen Ruhestörer und habe ihn als Andenken an die schlaflose
Nacht in Merw mit nach Hause gebracht, wo er jetzt meine Käfersammlung
ziert.
Wie verändert hatte sich das Bild Turkestans, seitdem ich zuletzt
hier war! Der Herbst war gekommen, und überall hatte er seine bunten,
leuchtenden Farben ausgestreut. Manche Bäume waren schon ganz entlaubt;
andere aber glühten in rotem und gelbem Farbenschmuck. Auch der klare,
blaue Himmel war verschwunden. Drohende Wolken ballten sich zusammen,
und auf den hohen Bergketten im Osten lag schon viel Schnee. In
Taschkent traf ich am 16. Oktober ein. Es war kühl geworden, und der
Wind ließ einen leicht frösteln.
Als ich den afghanischen Konsul aufsuchte, saß er in einen dicken
Pelzmantel gehüllt im Sessel. Er war wie immer sehr liebenswürdig und
versprach, für mich zu tun, was er konnte. Mein Zug fuhr erst in ein
paar Tagen, und so besuchte ich in Taschkent noch einige Museen, den
botanischen und den zoologischen Garten. In den Straßen lag schon viel
Laub, und die losen Blätter wurden oft vom Winde hoch aufgewirbelt.
Früh wurde es dunkel; bereits um sechs Uhr konnte man ohne Licht
nicht mehr arbeiten. Der afghanische Konsul fertigte mir ein großes,
versiegeltes Schreiben aus; ich ließ mich auf dem Basar für ein paar
Rubel photographieren, und diese Photographie wurde auf den Paß
aufgenäht. Dann zog ich wieder Kuschk zu.
In Aleksejevka mietete ich mir jetzt von Simon einen Leiterwagen, denn
ich hatte mir in Taschkent eine Steppdecke gekauft und hatte beim
afghanischen Grenzposten meine Handtasche aufgelesen, die Wagner dort
deponiert hatte. Es war jetzt auch hier richtig Herbst geworden; die
Sonne wärmte nicht mehr; der Himmel war bezogen, und der Wind jagte die
grauen Wolken über die Berge. In tollkühner Fahrt ging es die Hänge
hinauf und hinab. Simon wollte den Weg abschneiden, geriet dabei aber
oft an Stellen, wo der Wagen fast kippte und es in den Achsen knackte
und krachte.
Gegen sechs Uhr – es dämmerte bereits – kamen wir im russischen
Tschihil-Duchteran an. Die Paßkontrolle erledigte sich schnell, und
dann fuhren wir durch den Fluß. Auf der afghanischen Seite erfuhren
wir, daß wir wieder nach Kara-Tepe müßten. Ich machte es mir im
Wagen jetzt so bequem wie möglich, und beim Vollmondschein traten
wir die weite Reise an. Ich war sehr müde und es dauerte auch nicht
lange, da schlief ich fest, trotz des Rüttelns des Wagens. »Prischli«
(angekommen) hörte ich halb noch im Traum Simon sagen. Wir bezogen
wieder denselben Raum in der Festung, den wir das letztemal innehatten.
Wir aßen zu Abend, wenn es inzwischen auch schon zwölf Uhr geworden
war, und legten uns schlafen. Wir hatten ein Nachtlicht erhalten und
ließen es ruhig herunterbrennen. Simon schlief bald ganz fest. Ich
aber lag noch lange wach und ließ noch einmal die letzten Wochen, seit
ich von meinen Kameraden getrennt war, an meinen Augen vorüberziehen.
Seltsam gestaltet sich manchmal des Schicksal des Menschen ohne sein
Wollen. Eine höhere Macht lenkt unsere Wege: an diese göttliche Hand,
die uns durchs Leben führt, müssen wir glauben, ihr vertrauen und ihr
folgen, und wir müssen fest daran glauben, daß alles nur zu unserem
Besten geschieht, wenn es uns im Augenblick auch nicht zum Bewußtsein
kommt.
Schließlich schlief auch ich ein; wachte aber nachts von irgendeinem
Geräusch auf und sah in dem vom Mondschein erhellten Zimmer, wie ein
großer, schwarzer Kater unsere Abendbrotreste verzehrte und dabei den
Leuchter vom Tisch stieß. Seine grünen Augen funkelten im Dunkeln. Dann
und wann raschelte er mit dem Papier, in dem unser Proviant verpackt
war. Sonst hörte man nichts weiter als das feste Schnarchen Simons.
Am Morgen sind wir früh auf, zeigen den afghanischen Paß vor, und
alles ist in Ordnung. Man bringt uns Brot und Tee und ist eitel
liebenswürdig! Man stellt mir Pack- und Reitpferd sowie einen
Begleitsoldaten zur Verfügung. Darauf verabschiede ich mich von Simon,
drücke ihm noch ein gutes Trinkgeld in die Hand, und dann trennen wir
uns. Er fährt auf geradem Wege nach Kuschk zurück; ich aber ziehe mit
meiner kleinen Karawane neuen Schicksalen entgegen.
III
ÜBER AFGHANISTANS RANDGEBIRGE
Der erste Tagesmarsch auf afghanischem Gebiet war kurz, denn das Wetter
war sehr schlecht; es stürmte und goß in Strömen. Wir ritten zurück
bis Tschihil Duchteran, wo wir gegen Mittag eintrafen. Ich konnte mich
mit den Afghanen gut auf Persisch verständigen, wenn auch noch häufig
von meiner Seite aus ein russisches Wort fiel. In dem einen Raum,
der fast einer Gefängniszelle glich, machte ich es mir so bequem wie
möglich. Die Fenster waren vergittert, lange Spinnennetze hingen von
der Decke herab. Drang schon durch die kleine Öffnung kaum Licht in
das Innere hinein, so ließen die schmutzigen, ganz verstaubten Fenster
noch weniger Tageslicht in den Raum fallen. Tschihil Duchteran ist
ein berüchtigtes Malarianest, denn es ist von Sümpfen umgeben. Auch
in meiner Zelle waren viele Mücken, und da mein Feldbett und mein
Moskitonetz beim großen Gepäck in Herat waren, so konnte ich mich vor
den zudringlichen und gefährlichen Quälgeistern, durch deren Stich
die Malaria übertragen wird, kaum schützen; war man so weit, daß man
einschlafen wollte, dann hörte man sicher bald ein ganz feines, leises
Summen am Ohr. So verlief die Nacht sehr unruhig, und ich war recht
froh, als es am anderen Morgen weiterging.
Das Wetter war trostlos. Hatte es zuerst den Anschein, als ob es sich
aufklären wollte, so begann es um neun Uhr wieder zu regnen. Von den
Bergen war nicht viel zu sehen, graue Wolken hüllten die Gipfel ein.
Alles war naß, und es tropfte von der Mähne der Pferde.
Nachdem wir drei Stunden geritten sind, haben wir keinen trockenen
Faden mehr am Leibe. Dazu ist es sehr frisch, und der Soldat sagt oft:
»Chunuk, chunuk« (kalt). Wir reiten in ein großes Tal ein, in dem
einige kleine Dörfer liegen. Die Bewohner sind neugierig; wenn wir
vorbeireiten, kommen sie herbei und fragen den Soldaten, wer ich bin,
und wohin wir wollen.
Auf einem Felsblock sitzt ein großer Adler; er rührt sich aber nicht,
als wir vorbeireiten. Da ich nur meinen dünnen Khakianzug trage, fühle
ich mich bei dem naßkalten Wetter gar nicht wohl. Heute reite ich
den schwarzen Hengst, der gestern mein Gepäck trug. Er geht besser
als der braune, ist aber furchtbar faul, und ich muß ständig die
Peitsche gebrauchen. Der Pferdeknecht Abdullah thront hoch oben auf
dem Lastpferd, er hat sich ganz in dicke Decken eingehüllt, pendelt
verdächtig auf den hohen Lasten hin und her, und ich habe ihn stark in
Verdacht, daß er dann und wann ein kleines Schläfchen macht. Stunde
auf Stunde vergeht. Keine Menschenseele weit und breit zu sehen! Und
in feinen, grauen Fäden gießt es lustig weiter. Wir passieren ein paar
elende Lehmhütten, aber kein Mensch zeigt sich, nur ein einsamer Esel
schreit ganz kläglich. Endlich sichten wir hinter ein paar hohen Bäumen
das erste große Karawanserai Chodschah Molal, wo wir die einzigen Gäste
sind und auf das liebenswürdigste aufgenommen werden.
Die Karawanseraien, die von der Regierung angelegt sind, haben einen
viereckigen Grundriß (Abb. 2):
In der Mitte ist der große Hof für die Tiere. Oft erhebt sich auch ein
kleines Gebäude in der Mitte, das als Moschee dient. Die einzelnen
Räume, die als Quartiere dienen, sind nicht groß, haben nur eine kleine
Türe, die nach dem Hof geht, und in der Decke ein kleines Luftloch,
damit der Rauch abziehen kann.
Sobald wir im Robat (Karawanserai) ankamen, wurde der Raum, in dem wir
die Nacht verbringen sollten, ausgefegt, wobei der Staub nur so in
Wolken aufwirbelte. Dann wurde ein helles Feuer angefacht und Teewasser
gekocht. Nachdem wir unsere Sachen so leidlich getrocknet und Huhn mit
Reis gegessen hatten, fühlten wir uns wieder wohl.
Nach einer gut verbrachten Nacht sind wir morgens schon früh wieder
auf. Draußen ist ein furchtbares Wetter; es gießt wieder in Strömen und
ist noch kälter und windiger als gestern. Ich ziehe alles Zeug an, das
ich bei mir habe: zwei Unterhosen, drei Hemden, drei Paar Strümpfe!
Aber trotzdem wird man nicht warm. Der Pferdejunge hat sich wieder in
seine schmutzigen, verfilzten Decken gehüllt. Nur der Soldat ist zu
bedauern, der keinen Mantel hat. Die Pferde sehen uns traurig an, und
nach einer halben Stunde ist schon alles wieder durchnäßt.
Von den Bergen ist nicht viel zu sehen, dicke graue Wolken und
Nebelfetzen haben sich um die Gipfel gelegt. Die Landschaft ist
trostlos öde und stimmt einen traurig. Wir reiten langsam dem hohen
Ardewan-Passe zu, der in der vor uns sich hinziehenden Hauptkette
eingesenkt ist. Häufig haben wir einen kleinen Bach zu kreuzen, der
sich zwischen verwitterten, düsteren, kahlen Bergen dahinschlängelt.
Kein Leben ist zu sehen, nur hin und wieder kreist ein großer Raubvogel
über uns. Gegen elf Uhr sind wir schon ziemlich hoch gestiegen. Es
beginnt in dicken Flocken zu schneien; vornübergebeugt sitzt jeder im
Sattel, keiner spricht ein Wort. So geht es wohl eine Stunde bergan.
An vielen Stellen ist der schwarze Boden schon mit einer dicken Lage
Schnee bedeckt. Wir arbeiten uns langsam zum Passe empor, der eine Höhe
von ca. 1600 m hat. Der Abstieg nach Süden ist ziemlich steil und die
Pferde gleiten auf den schlüpfrigen Schieferplatten häufig aus, so daß
wir absteigen und die Tiere führen müssen. Durchfroren und naß kommen
wir in Kusch Robat an, wo wir uns einen heißen Tee geben lassen und
uns an einem Feuer wärmen. Dann ziehen wir weiter, überschreiten noch
eine kleine Bergkette und reiten bis zum Dunkelwerden über eine große,
breite Ebene, die kein Ende nehmen will. Wir treffen große Schaf-
und Ziegenherden, und eine Kamelkarawane zieht langsamen Schrittes
an uns vorüber. Es dämmert bereits, als wir in das armselige Dorf
Perwaneh einziehen. Die Berge im Süden werden von der untergehenden
Sonne beleuchtet und schimmern in goldgelben Farben; sonst aber hängen
dicke, blaugraue Wolken am Himmel. In dem Karawanserai wird uns ein
elendes Loch angewiesen, und da es spät ist, kann auch ein Pilau nicht
mehr zubereitet werden. So erhalten wir Spiegeleier, die in Hammelfett
schwimmen, Brot und Tee und legen uns dann bald schlafen.
Der folgende Tagesmarsch war kurz. Als wir aufbrachen, war noch alles
in dicke Nebel gehüllt; aber man sah die Sonnenscheibe schon die weißen
Schleier durchdringen. Bald verteilten sich die Wolken, und der blaue
Himmel leuchtete uns entgegen. Wir reiten in einem breiten Gebirgstale
nach einem niederen Bergrücken hinauf. Bald ist es so warm, daß ich
meinen Mantel ausziehe. Die Sonne taut uns alle wieder auf, und sowohl
der Pferdeknecht wie auch der Soldat sind äußerst gesprächig; als wir
in das fruchtbare Heri-rud-Tal einziehen, sind wir mit einem Male
wieder in den Hochsommer versetzt.
Wir passieren große, mit blauen Kacheln gedeckte Kuppelgräber, schlanke
Minarette, die ebenfalls mit glasierten Ziegeln bekleidet sind, und
sehen vor uns die Stadtmauern und die Zitadelle aufragen. Sehr bald
hat der Soldat ausfindig gemacht, wo meine Sachen verstaut sind, und
ich werde in ein kleines reizendes Gartenhäuschen geführt. In der
Mitte des Innenhofes befindet sich ein Goldfischteich, über den sich
ein großer Maulbeerbaum neigt. Die Fenster sind alle aus buntem Glas
zusammengesetzt; ein Diener öffnet das Mittelfenster, und die Sonne
fällt in den Raum. Alles atmet gleich Licht und Sonne, und laue Lüfte
hüllen uns ein. Welch Gegensatz zu den letzten Tagen!
Man bereitet mir Tee, bringt Obst, und bald erscheint Sahib Dad Khan im
Auftrage des Gouverneurs und teilt mir mit, daß ich im Tschähar-Bagh
Quartier beziehen soll, der zu den Gouvernementsgebäuden gehört. Mir
wird hier ein großes, schönes Zimmer angewiesen, von dem aus ich auf
die großen Blumenbeete blicke, die den Hof schmücken (Abb. 3). Der Duft
ist geradezu betäubend; große Schmetterlinge mit schweren, seidenen
Flügeln flattern von einer Blume zur anderen, und auch die Bienen sind
noch eifrig an der Arbeit. Nachdem ich mein großes Gepäck in Empfang
genommen und mir mein Zimmer eingerichtet habe, holt mich Sahib Dad
Khan zu einem Spaziergange ab, der mich quer durch die Stadt führt.
IV
EINE MÄRCHENSTADT
Wenn ich an Herat zurückdenke, dann sehe ich wieder sonnige Straßen,
alte Ruinen, große Obst- und bunte Blumengärten vor mir auftauchen und
glaube die Stimme des Mueddin zu hören, der von der blauen Kuppel des
Minaretts die Gläubigen zum Gebete ruft. Ich sehe den kleinen, von
hohen Lehmmauern eingefaßten Hof mit dem Goldfischteich und glaube die
wohlige Wärme zu verspüren, die die strahlende Herbstsonne als letzten
Gruß des schwindenden Sommers Herat schenkte. Eine unendliche Ruhe
lag über der Stadt, zeigte sich auch in jedem einzelnen Menschen und
teilte sich auch mir mit. Das Gefühl, nach endlosen Schwierigkeiten und
Widerwärtigkeiten meinem Ziele nahe zu sein, ließ mich aufatmen, und
ich empfand die Ruhe und Sorglosigkeit, in der ich meine Tage in Herat
verbrachte, als etwas ganz Selbstverständliches.
Dazu kam, daß mich ein Stück Orient umfangen hielt, das mit all
seinen Reizen und Schönheiten zu den unverfälschtesten Gebieten der
mohammedanischen Welt gehört. Ich habe mich schwer von Herat losreißen
können, als ich nach 14tägigem Aufenthalt die Stadt verließ. Es war
mir, als ob ich von einer schönen, unbekannten Frau Abschied nehmen
sollte, die ich gern noch mehr kennengelernt hätte und der ich
vielleicht nie wieder im Leben begegnen würde, deren Bild mir aber
immer als Erinnerung an glückliche, unvergeßliche Stunden wieder vor
Augen treten wird.
Wenn ich durch die engen Basargassen schlenderte, die noch genau
so holperig sind wie sicher schon zu jener Zeit, als Alexander der
Große Herat zu einem wichtigen Stützpunkt auf seinem Zuge nach Indien
machte, wenn ich das bunte Stadtbild betrachtete und sah, mit welch
unbeschreiblicher Ruhe und Würde die Menschen sich bewegten und ihrer
Arbeit nachgingen, die ja gar nicht drängte und die man ebensogut auch
morgen oder übermorgen, ja vielleicht auch erst die kommende Woche
erledigen konnte, dann ahnte ich, daß sich hier seit unendlichen Zeiten
nichts geändert hat. Wie ehedem ziehen noch heute die Kamelkarawanen
unter dem Klange der großen Glocken langsam und stolz durch die Gassen,
und die Kameltreiber singen dieselben alten Weisen. Und auf allem liegt
das Sonnenlicht, hell, leuchtend, und der reine blaue Himmel zittert
über den gelben Lehm- und Backsteinbauten. Von den Wänden und Mauern
strahlt die Hitze zurück und fängt sich in engen Korridoren. Es ist
mittags schwül, kein Luftzug regt sich, die Luft flimmert und scheint
auf den erhitzten Dächern zu tanzen. Im Schatten einer Pappel sitzt
ein Bettler, von Alter gebeugt, mit großem weißen Bart, und hält die
Almosenschale hin; unter den Bäumen liegen die Afghanen und schlafen,
und verträumt hocken die Händler in ihren Verkaufsständen (Abb. 5).
Man könnte manchmal glauben, die Stadt sei in einen Dornröschenschlaf
verzaubert. Jetzt, nach zwei Jahren, im Getriebe der Großstadt eines
sich aufreibenden Europas, in gehetzten Stunden des trüben, grauen
Alltags, wandern meine Gedanken oft nach dem fernen Asien zurück
und besonders gern nach der alten Märchenstadt am Heri-rud, wo keine
Europäer den Frieden der Natur stören. Wer einmal den wahren Frieden
kennengelernt hat, sehnt sich nie wieder nach Krieg.
Eines Nachmittags holte mich der Mudir (Sekretär) zu einem längeren
Spaziergang ab. Wir besuchten einige der Ruinen, die sich im Norden der
Stadt befinden und die schon gleich am ersten Tage meine Aufmerksamkeit
erregt hatten.
Wundervoll muß einst die große Moschee, die Musallah, gewesen sein,
deren Minarette, obgleich zerstört, noch heute prächtigen Kachelschmuck
tragen (Abb. 7). Die Farben, die hier verwendet wurden, sind ein tiefes
Preußischblau, ein lichtes, etwas ins Grünliche spielendes Hellblau,
Ocker und Dunkelgrün. Und diese Farben sind so fein gegeneinander
abgestimmt, daß die bunten Muster einen im höchsten Grade harmonisch
wirkenden Eindruck hinterlassen. Weiße Blumenranken schlingen sich
durch dunkles Blau und verknüpfen sich mit ockerfarbenen Blüten,
während grüne Kränze eine mit Weiß in Tiefblau geschriebene Inschrift
einfassen. Andere Stellen hingegen zeigen wieder Rosettenmuster oder
einzelne große weiße Blüten auf tiefblauem Untergrunde. Die blauen Töne
überwiegen bei weitem, lassen dadurch aber die ockergelben und grünen
um so besser und wirksamer hervortreten. Prachtvoll sind die großen
weißen Marmorplatten, aus denen kufische Inschriften herausgemeißelt
sind.
[Illustration: 10. Innenhof der Freitagsmoschee, Herat]
Der Bau dieser Moschee soll im Jahre 1192 von Ghyaz Eddin begonnen und
von seinem Sohne Mahmud beendet worden sein (1212). Darauf aber wurde
sie von Dschinghis-Khan teilweise zerstört, um dann von Sultan Hussein
Mirza neu aufgebaut zu werden. Ihm und Schah Rukh verdankt Herat seine
schönsten Bauten. Eine andere Version schreibt den Bau der Musallah
auch der Frau des Schah Rukh zu.
[Illustration: 11. Militärschüler in Herat]
Inmitten der Minarette, in Schutt und Staub, von einer kleinen Mauer
eingefaßt, steht der schwarze Marmorsarg, der die Stelle bezeichnet, wo
Sultan Hussein Mirza begraben liegt (Abb. 9). Prachtvolle Blumenmuster
sind aus dem schwarzen Marmor herausgeschnitten, selbst in Indien habe
ich kaum schönere Arbeiten gesehen. Die Moschee soll ursprünglich
dazu bestimmt gewesen sein, die Überreste des heiligen Imam Risa
aus Meschhed aufzunehmen. Die große Kuppel, die die Moschee zu der
schönsten ganz Asiens machte, ist 1885 aus fortifikatorischen Gründen
niedergelegt worden.
[Illustration: 12. Afghanische Offiziere, Herat]
Noch heute findet man im Schutt und Staub Stücke alter Kacheln von
gelber Farbe mit echten Goldfünkchen unterlegt und samtschwarz mit
hellen Flecken, die wie Perlmutter in allen Farben schimmern. Die
Pracht dieser Bauten muß unbeschreiblich schön gewesen sein.
Ganz nah steht das Kuppelgrab der Herater Timuriden (Abb. 1). Es ist
schon ziemlich baufällig, weist viele Risse auf, und viele der schönen
blauen Kacheln sind abgefallen oder geraubt. Im Innern des Baues
liegen regellos einige weiße Marmorsärge, einige fast schon im Staube
vergraben. Weiter im Norden erhebt sich noch ein anderer Kuppelbau, der
ebenfalls blauen Fliesenschmuck trägt. – Kleine Kinder kletterten auf
dem Sockelunterbau umher, spielten und lachten und belebten die stille
Stätte.
Am folgenden Tage ging ich wieder dort hin, setzte mich an den Rand
eines Grabens, der sich an dem einen Minarett vorbeizieht, und
versuchte im Aquarell einige der schönen Kachelmuster festzuhalten.
Kein Mensch war weit und breit zu erblicken. Die Sonne neigte sich
dem westlichen Horizonte zu; immer leuchtender wurde das Bild, die
ockerfarbenen Ziegel färbten sich goldgelb und die blauen Kacheln
glänzten und strahlten eine märchenhafte Farbenpracht aus. Ein
unendlicher Friede lag über der Stadt. Es war mir, als ob auch sie tot
sei und nur mein Diener und ich die einzigsten Menschen weitum waren.
Dunkler wurde es und dunkler, blaue Schatten senkten sich herab und
hüllten Stadt und Tal ein.