Als ich am 2. September beim Morgengrauen zum ersten Male di

EMIL TRINKLER

QUER DURCH AFGHANISTAN

NACH INDIEN

MIT 68 ABBILDUNGEN

UND EINER KARTE

[Illustration]

PETER J. OESTERGAARD VERLAG

BERLIN-SCHÖNEBERG

COPYRIGHT 1927 BY PETER J. OESTERGAARD VERLAG

BERLIN-SCHÖNEBERG – ALLE RECHTE VORBEHALTEN

INHALT

EINLEITUNG 9

I QUER DURCH RUSSLAND UND RUSSISCH TURKESTAN 12

II AN DER RUSSISCH-AFGHANISCHEN GRENZE

FESTGEHALTEN 23

III ÜBER AFGHANISTANS RANDGEBIRGE 41

IV EINE MÄRCHENSTADT 46

V DURCH DAS ÖDE ZENTRALAFGHANISTAN 55

VI ÜBER HOHE GEBIRGE UND EINGESCHNEITE PÄSSE 76

VII KABUL 100

VIII TRÜBE WINTERTAGE 112

IX AFGHANISTANS HÖCHSTES GEBIRGE 120

X INS TAL DER GROSSEN BUDDHAS 127

XI EINE WINTERFAHRT INS AFGHANISCHE HOCHGEBIRGE 139

XII IM AUTO VON AFGHANISTAN NACH INDIEN 162

XIII PESHAWAR 169

XIV SOMMERTAGE IN KABUL 180

XV UNRUHIGE ZEITEN 187

XVI INDIENS MÄRCHENPRACHT

a Delhi 199

b Jaipur 206

c Agra 212

d Benares 216

XVII HEIMWÄRTS 224

EINLEITUNG

Im Herzen von Asien, als Pufferstaat zwischen Russland und Indien

eingekeilt, liegt Afghanistan. Noch bis vor kurzem war dieser Staat den

Europäern verschlossen, und nur selten wurden Ärzte oder Ingenieure

ins Land gelassen. Genauere Kunde über Afghanistan verdanken wir den

Berichterstattern der englisch-afghanischen Kriege 1841/42 und 1878/79,

sowie einigen kühnen Pionieren, die in den Jahren 1825 bis 1840 das

Reich des Emir besuchten.

[Illustration: 1. Familiengrab der Herater-Timuriden (1457)]

Schon seit ältesten Zeiten ist Afghanistan der Schauplatz vieler

Kämpfe und Umwälzungen gewesen, da es ein Durchzugsland ist. Durch die

indisch-afghanischen Grenzberge führen die Zugangswege nach Indien.

Alexander der Große, Timur oder Tamerlan, Mahmud von Ghasni, Baber, der

erste der indischen Großmoguln, und der Perserkönig Nadir Schah, sie

alle durchzogen Afghanistan auf ihren Kriegszügen nach Indien.

[Illustration: 2. Afghanisches Regierungs-Karawanserai]

Afghanistan ist ein wildes Bergland, in dessen östlichstem Teile die

Gipfel des Hindukusch Höhen bis zu 7000 m erreichen. Tiefe Schluchten

durchschneiden die Berge, und tagelang kann der Reisende über große

Plateaus ziehen, ohne kaum ein Fleckchen Grün zu sehen. Brennt im

Sommer die Sonne unbarmherzig auf die stark verwitterte Bergwelt

hernieder, so hüllt im Winter tiefer Schnee die Berge ein, und fast

ein halbes Jahr lang ist der Weg durch Zentralafghanistan dann für

jeglichen Verkehr gesperrt.

[Illustration: 3. Meine Wohnung in Tschähar Bagh, Herat]

Nach dem letzten englisch-afghanischen Kriege 1919 hat Emir Amannullah

Khan sein Land den Europäern geöffnet und zahlreiche Deutsche und

Italiener in das Land gezogen, die sich dort dem afghanischen

Staatsdienste als Ingenieure, Ärzte, Elektrotechniker, Architekten und

Lehrer widmen.

Schon seit meiner Schulzeit habe ich mich mit den Ländern Innerasiens

beschäftigt, und schon während meiner Studienzeit an der Münchener

Universität hatte ich meine Arbeiten auf diese Länder Zentralasiens

eingestellt. Außer Chinesisch-Turkestan, Tibet und Indien zählte

auch Afghanistan zu meinem engeren Interessenbereich. Da bot sich

mir im Sommer 1923 Gelegenheit durch die liebenswürdige Vermittlung

eines guten Freundes als Geologe in Diensten einer neugegründeten

afghanischen Handelsgesellschaft nach jenem Lande zu gehen. Die Reise

ging durch Rußland – kreuz und quer durch Afghanistan – und heim über

Indien.

Von den wissenschaftlichen Ergebnissen ist in diesem Buche nur wenig

die Rede, ihre Veröffentlichung ist einem anderen Werke vorbehalten.

Das vorliegende Buch – lose aneinandergereihte Tagebuchblätter, Skizzen

und Bilder – soll dem Leser nur ein ungefähres Bild von dem Lande und

dem Leben geben, wie es sich dem Reisenden darstellt.

Ungefähr ein Jahr ist verflossen, seit ich Afghanistan verlassen

habe. Ich bin wieder heimgekehrt in das von Sorgen und Kämpfen

zerrissene Europa, heimgekehrt in die Länder rastloser Arbeit sich

hetzender Menschen, deren Seele im Alltag verkümmert und stirbt.

Oft wandern meine Gedanken nach dem großen, stillen Asien zurück,

nach Afghanistans einsamen Bergen und Tälern, nach Indiens sonnigen

Fluren und heiligen Stätten. Ich sehe mich im Geiste wieder mit meiner

Karawane über die hohen, eingeschneiten Pässe ziehen, sehe uns wieder

am flackernden Lagerfeuer sitzen und glaube manchmal die Stimmen

meiner Diener zu hören. Und wieder andere Bilder steigen vor mir auf:

Weiße Marmorpaläste, stille Tempelhaine, die im Schatten großer Bäume

träumen, und stille Seen, in denen sich der tiefblaue Himmel und hohe

Palmen spiegeln. Wenn es mir gelungen ist, in Wort und Bild diese

Länder dem Leser näherzubringen, dann ist der Zweck dieses Buches

erreicht.

Sämtliche Photographien sind von mir selbst aufgenommen, mit Ausnahme

der Bilder Nr. 34, 35, 57–60, die mir von Herrn Blaich, Kabul, zur

Verfügung gestellt wurden, wofür ich ihm auch an dieser Stelle meinen

besten Dank ausspreche.

Zuletzt noch ein Wort des Dankes an die Herren der Deutsch-Afghanischen

Kompanie für die vielseitige Unterstützung, die sie meinen Plänen

zuteil werden ließen, an Frau Erna Martens, die mir eine unermüdliche

Korrekturleserin gewesen ist, sowie dem Herrn Verleger für die Sorgfalt

und das Interesse, das er der Herausgabe dieses Buches entgegenbrachte.

DR. EMIL TRINKLER

I

QUER DURCH RUSSLAND UND RUSSISCH-TURKESTAN

Am Freitag, dem 6. August, abends 11 Uhr, verließ ich mit meinen

Kameraden Wagner und Blaich Riga. Der Wagen, den wir angewiesen

bekamen, war augenscheinlich ganz neu. Er hatte elektrische

Beleuchtung, bequeme aufklappbare Polstersitze und war sehr sauber. Als

wir uns am anderen Morgen erhoben und gefrühstückt hatten, wurden die

Abteile vom Zugpersonal ausgekehrt und geputzt, und der erste Eindruck,

den wir von Rußland erhielten, war nicht schlecht.

Mit großer Spannung erwarteten wir unsere Einfahrt in das Reich der

Sowjets. Wenn wir aus dem Fenster blickten, zeigte sich immer dasselbe

Bild: Wald, Wald und wieder Wald, Äcker, einsame kleine Bauerndörfer,

mit niedrigen strohgedeckten Holzhäusern, hin und wieder große Wiesen

und Sümpfe. Gegen zwölf Uhr fahren wir durch ein großes hölzernes Tor,

auf dem die rote Fahne weht und an dem das Sowjetwappen – Sichel,

Hammer und Stern – angebracht ist. Wir sind an der Grenze angelangt,

und der Zug hält, bis die Paßkontrolle erledigt ist. Zu beiden Seiten

erheben sich neuerbaute Blockhäuser, auf denen ebenfalls die roten

Fahnen flattern. Militärposten mit aufgepflanztem Bajonett bewachen

den Zug, den niemand verlassen darf. Bald fahren wir weiter nach

Sebesch, wo die Gepäckrevision stattfindet. Es gießt in Strömen, als

wir gegen ein Uhr unsere Reise fortsetzen können. Endlos erscheint uns

die Fahrt durch Rußlands Ebenen, durch unendliche Wälder und Sümpfe.

Der graue Himmel und der klatschende Regen lassen das Bild noch

trauriger erscheinen. Auf den Stationen kann man Lebensmittel erhalten,

Weißbrot, Wurst, Früchte, Käse und Milch. Hier sehen wir schon typisch

russische Bilder: Frauen und Mädchen in bunten Kopftüchern, Soldaten in

verschiedenen Uniformen und zerlumpte Bettler.

Oft kann man an den Bahnhofsgebäuden in großen Lettern lesen:

»Proletarier aller Länder vereinigt euch«. Das Wetter klärt sich auf,

und beim Abendsonnenschein fahren wir in eine größere Stadt, deren

viele weiße Kirchen mit grünen Kuppeln schon von weitem leuchten. Am

Sonntagmittag, fünf Minuten vor zwölf Uhr, ohne eine Minute Verspätung

fährt unser Zug in den Moskauer Bahnhof ein.

Ich will mich nicht lange mit der Beschreibung Moskaus aufhalten, denn

die Zustände haben sich seit 1923 geändert, und das Bild, das ich von

der Hauptstadt des Sowjetreiches empfing und entwerfen müßte, wäre

nicht mehr zutreffend. – Als wir in Moskau weilten, waren nur zwei

Hotels geöffnet; da das Savoy besetzt war, fanden wir im Knjajnüj Dwor,

im Fürstenhof, Unterkunft. Lebensmittel gab es 1923 gut und reichlich;

aber für russische Verhältnisse waren sie zu teuer. Doch ist Moskau

wohl schon in Friedenszeiten eine der teuersten Städte Europas gewesen.

Hier sieht man bereits ganz asiatische Bilder, und in den Basaren und

auf den Märkten begegnet man häufig Turkmenen, Chinesen, Armeniern und

Persern. Die Menschen erschienen aber alle bedrückter Stimmung; Sorge

und Kummer sprachen aus den Gesichtern; ich habe in Moskau nie einen

Menschen herzlich lachen hören. Alle waren sehr schlecht gekleidet,

und obgleich wir gar nicht elegant gekleidet gingen, fielen wir

doch überall sehr auf. Derjenige, der sich näher über die jetzigen

Verhältnisse in Rußland zu unterrichten wünscht, dem kann nur das in

diesem Verlage erschienene Buch von Prof. Obst: »Russische Skizzen«

aufs wärmste empfohlen werden.

Die fünftägige Bahnfahrt von Moskau nach Taschkent verlief sehr

angenehm, da die Züge, die auf dieser Strecke verkehren, internationale

Schlaf- und Speisewagen haben. Je mehr wir uns Taschkent näherten,

desto wärmer wurde es, und während der letzten beiden Tage der Fahrt

war die Hitze beinahe unerträglich. Unvergeßlich wird mir die Überfahrt

über Europas größten Fluß bleiben. Es war frühmorgens; die Strahlen der

Morgensonne lagen auf den großen Wäldern und Feldern, die die gewaltige

Wolga einsäumen. Es rollte dumpf, als wir langsam über die berühmte,

ca. 1500 m lange Brücke fuhren. Einige Dampfer und Flöße zogen langsam

stromabwärts. Frieden und Ruhe weit umher, Feiertagsstimmung!

Langsam verschwinden die Wälder, Schwarzerdeboden tritt auf, durch den

sich wie samtene Bänder dunkelgrüne Felder hinziehen, und dann tritt

die Steppe die Herrschaft an. Tag und Nacht haben wir dasselbe Bild

der verbrannten dürren Einöde. Wir sehen die ersten Kamele, passieren

Jurtensiedelungen der Kirgisen, vor denen abends die Lagerfeuer hell

flackern, und sehen die Sonne wie eine blutrote Kugel am Abendhimmel

versinken. Auf den Stationen wird meistens lange gehalten. Hier kann

man seinen Proviant ergänzen und Obst, Hühner, Brot, Milch und Eier

zu teueren Preisen erstehen. An jeder Station bekommt man auch heißes

Wasser, denn den Tee bereitet man sich selbst im Wagen. Köstlich

mundeten die Zucker- und Wassermelonen, die wenigstens etwas den Durst

stillten.

Am vierten Tag zeichnet sich die tiefblaue Fläche des Aralsees auf dem

braunen Steppenboden ab. Von Grün war nichts zu erblicken; nur dürres

gelbes Gras und Sandboden so weit der Blick reichte! Eines Abends sahen

wir eine Herde Kamele auf der Steppe weiden, und eine Karawane zog

langsamen Schrittes der untergehenden Sonne entgegen. Keine Wolke war

mehr am blauen Himmel zu sehen, und es sollte Monate dauern, bis wir

den ersten bewölkten Himmel wieder erblickten. In Kasalinsk war großer

Fischmarkt. Stör und Kaviar wurden hier zu billigen Preisen angeboten.

Die Reisetage vergingen uns noch viel zu schnell; am fünften Tage

mittags trafen wir in Taschkent fahrplanmäßig ein.

Tagsüber war es noch sehr heiß, und wir waren immer froh, wenn der

Abend kam. Dann saßen wir im Garten des Turkwojenkop-Restaurants,

tranken ein Glas Turkestaner Roten und lauschten der Musik einer

Zigeunerkapelle. Sobald das Tagesgestirn am Horizont versunken war,

erwachten die Lebensgeister wieder, und jeder freute sich der frischen

würzigen Luft.

Orient umgibt uns; er leuchtet uns entgegen im farbenprächtigen Leben

der Basare, in den von einfachen Lehmmauern eingefaßten Blumengärten,

im hellen Blau des Himmels und in der flammenden Lichtflut der

Sonne. An allen Straßenecken haben die Turkmenen ihre Verkaufsstände

aufgeschlagen, die fast unter der Fülle des Obstes zusammenzubrechen

drohen. Weintrauben, deren Beeren ungefähr so groß wie Pflaumen sind,

sowie große süße Zucker- und Wassermelonen verführen fast immer zum

Kaufen. In den Basaren herrscht orientalisches Leben. Die bunte

Kleidung der Sarten und ihre vielfarbig gestickten Kappen ziehen immer

wieder den Blick auf sich.

Mittags wird es sehr heiß; dann sieht man auch nur wenige Menschen

auf den Straßen, über denen die Luft flimmert. Vor den Hauseingängen

hocken Eingeborene, essen Obst, schlafen oder träumen vor sich hin.

Nach Möglichkeit vermeidet man es, in den Mittagsstunden auszugehen,

wenn auch prächtige Pappelalleen etwas Schutz spenden. Überall ist es

sehr staubig. Die Blätter der Bäume sind grau, und abends liegt eine

dicke Staubwolke über der Stadt, so daß man glaubt, alles durch einen

Schleier zu sehen. Manchmal machte ich mit Wagner abends noch einen

Spaziergang. Wir hatten in jenen Tagen gerade Vollmondschein, und die

Straßen waren in silberhelles Licht getaucht. In den Häusern brannten

noch spätnachts die Lampen, und oft hörte man die Klänge eines Klaviers

oder einer Gitarre die Nacht durchdringen. Auf einem großen Basarplatz

spielten die Mondstrahlen Verstecken und warfen von einer Kirche tiefe

Schatten.

Nachdem es uns in Taschkent endlich geglückt war, Fahr- und Platzkarten

für den Zug nach Samarkand zu erhalten, sowie das umfangreiche Gepäck

zu befördern, konnten wir die neue Fahrt beginnen. Früh um drei Uhr, in

einer hellen Vollmondnacht, trafen wir in Samarkand ein und ließen uns

in die Stadt fahren, die ziemlich weit vom Bahnhof entfernt liegt.

Es war noch still und sehr frisch. Wir begegneten einer großen

Kamelkarawane, die langsam im Morgengrauen dahinzog, und trafen einige

Sarten, die auf kleinen Eseln vorbeiritten. Die von hohen Pappeln

eingefaßten Straßen waren auch hier sehr staubig; unser Kutscher fuhr

wie toll, und wir fürchteten jeden Augenblick, daß er mit uns in einem

Straßengraben landete.

[Illustration: 4. Die Burg in Herat]

Im »Hotel« war natürlich alles besetzt, denn es hatte nur zehn

Zimmer, aber wir konnten uns wenigstens etwas frisch machen, da im

Hofe Waschtische aufgestellt waren. Dann ließen wir uns einen Samowar

bringen, kochten Tee und frühstückten im Hof. Darauf machten wir

einen Spaziergang in die Stadt. Der Hotelbesitzer, der auch etwas

Deutsch verstand, führte uns zu einem österreichischen Sanitäter, der

als Kriegsgefangener hier interniert worden war und seinen Wohnsitz

jetzt hier aufgeschlagen hatte. Je mehr wir uns der Eingeborenenstadt

näherten, um so bunter wurde das Bild.

[Illustration: 5. Marktplatz, Herat]

Orient, wohin das Auge blickt! und so bunt und schillernd, daß man

kaum weiß, wohin man den Blick zuerst lenken soll! Hellblauer, reiner

Himmel strahlt über der Stadt Timurs, und das Sonnenlicht ist so hell,

daß man kaum die Augen öffnen kann. Die Straßen sind sehr staubig; bei

jedem Schritt wird eine dicke Staubwolke aufgewirbelt. Es war großer

Markttag und das Gedränge in den engen Gassen war groß. Europäer

trifft man selten; überall beherrschen die Sarten in ihren bunten

Gewändern das Feld. Mitten durch die farbige Menge ziehen Kamele

bedächtigen Schrittes, trippeln kleine Esel, bahnen sich Reiter den

Weg oder werden große, zweiräderige Lastkarren von Ochsen gezogen.

Überall wird gehandelt und gefeilscht; dieser bietet Teppiche, jener

Käppis, dieser Obst, jener seidene Stoffe und Edelsteine an. Vor

einigen Verkaufsläden sind Tische gedeckt, und man fordert uns zum

Kebabessen auf (am Spieß gebratenes Hammelfleisch). Junge Burschen

tragen große Tabletts auf dem Kopfe und gehen durch die Menge, um

frischgebackenes Brot, Kuchen oder Trauben anzubieten; andere sitzen

am Boden und verkaufen aus großen Tonkrügen frisches Wasser. Wir gehen

an den Ständen der Schmiede, Fleischer und Schneider vorbei und sehen

schon von weitem die weltberühmten Bauten Samarkands: das Grabmal

Timurlenks und die von seinem Enkel Ullugh Begh erbauten Medressen,

die den Registan einfassen. Schöner blauer Kachelschmuck erfreut

hier das Auge. In der Tila Kari werden wir vom Oberpriester, einem

alten Weißbart in wallendem Gewande und großem Turban, freundlich

begrüßt, und es wird uns gestattet, auf das Dach der alten Hochschule

zu steigen, von dem aus wir einen umfassenden Ausblick auf die Stadt

haben. Ein alter Mohammedaner, mit großem, weißem Turban, führt uns die

baufälligen Stufen hinan. Auf dem Dache dürfen wir nur an einzelnen

Stellen uns bewegen, da die Gefahr des Einsturzes droht. Wie durch

einen feinen Schleier sehen wir das umliegende Land, da die Luft so

stauberfüllt ist. Unter uns ziehen sich die bunten Basarstraßen hin,

in denen es wie in einem Ameisenhaufen wimmelt. Der Führer erklärt

uns die verschiedenen Kuppelgräber, die man sieht. Die Hitze auf

dem flachen Dache wird schon nach einigen Minuten unerträglich, und

wir steigen gerne wieder in den Hof hinab. Immer wieder muß man die

farbenprächtigen Kacheln bewundern, die mit ihrem Tief- und Hellblau

sich so gut aus dem Gelbbraun der Lehmmauern herausheben. Das eine

Minarett steht ganz schief und wird nur durch dicke Drahtseile gehalten.

[Illustration: 6. Teil des Gouvernementgebäudes, Herat]

Und dann gehen wir zu dem Grabmal Timurs. In einem Hain von hohen

Pappeln erhebt sich stolz die blaue Kuppel. Ein Molla führt uns durch

den dunklen Eingang in das Innere, wo der Sarkophag steht, der aus

einem einzigen Nephritkristall gearbeitet ist. Das Licht ist gedämpft;

nur durch eine Öffnung in der Wand dringt ein Bündel Sonnenstrahlen in

den Raum und zaubert helle Flecke auf den Boden und das Marmorgitter,

das den Sarkophag umgibt. Auf diesem liest man in persischen Lettern

den berühmten Spruch: »Wenn ich noch lebte, sollte die Welt vor mir

erzittern.« Beim Scheine einer Kerze führt uns der Molla in ein

unterirdisches Gewölbe, wo verschiedene Grabsteine liegen und wo unter

anderem sich auch die eigentliche Grabstätte Timurs befindet. Timurlenk

oder Tamerlan war sicher einer der größten Herrscher, die je gelebt

haben, und er sowie Dschinghis-Khan haben mehr als einmal ganz Asien in

Schrecken versetzt. Noch heute begegnet man ihren Spuren auf Schritt

und Tritt in den vielen Ruinen, die man in Persien, Afghanistan und

Turkestan antrifft. Trotzdem diese Herrscher unerhörte Grausamkeiten

begangen haben, muß man doch auch wieder ihren Sinn für Kunst und

Wissenschaft bewundern, ließ doch z. B. Timur von weither (Damaskus)

Baumeister kommen, die die Prachtbauten aufführten.

Einmal waren wir bei einem Deutschen zu Gast. Wir saßen in einem

großen schattigen Garten, der von einer hohen Lehmmauer umgeben war.

Des Mondes silberne Strahlen spielten auf den Wegen, fielen durch das

Blattwerk und warfen helle, runde Flecke in die dunklen Schatten. Es

war einer jener Sommerabende, die man nie vergißt und die sich für

immer fest in unsere Seele einprägen. Zum ersten Male aßen wir hier

den »Pilau« aus gewürztem Reis, Hammelfleisch mit Tomaten, Gurken und

Rosinen und ließen uns den Turkestaner Wein gut schmecken. Erst gegen

Mitternacht brachen wir auf, und lange noch lagen wir wach und hörten

das Heulen und Weinen der wilden Hunde und Schakale.

Am anderen Tage ging es weiter nach Merw. Wir waren schon früh am

Bahnhof, da wir noch Karten lösen mußten und dies in Rußland immer

ziemlich umständlich ist. Wir tranken noch einen Kaffee und suchten

dann im Gedränge unser Abteil, da wir Platzkarten hatten. Kaum saßen

wir im Zuge, da merkte ich, daß mir meine Brieftasche fehlte. Ich

hatte sie in dem Wartesaal noch gehabt, hatte selbst die Fahrkarten

gelöst und den Kaffee bezahlt. Entweder war sie mir gestohlen worden,

was wohl das wahrscheinlichste war, oder sie war beim Einsteigen in

den Wagen aus der Tasche gefallen. Daß in der Tasche zirka fünfzig

Mark waren, war weniger schmerzlich, aber sie enthielt auch meinen Paß

und andere wichtige Ausweispapiere. Bis zur Abfahrt des Zuges waren

noch ein paar Minuten Zeit übrig. Ich eilte in die Bahnhofshalle zum

Vorsteher, setzte ihm so kurz wie möglich den Sachverhalt auseinander,

worauf er mich an die Bahnhofskommandantur der Tscheka verwies, wo mir

eine Bescheinigung ausgestellt wurde. Es ging alles in furchtbarer

Hast, denn in jeder Sekunde mußte der Zug abfahren, da schon zweimal

das Abfahrtssignal gegeben war. Als ich wieder im Zuge war, fiel mir

auch ein, daß unser Gepäckschein ebenfalls in der Tasche war, aber

dies war nicht das Schlimmste. Langsam ahnte ich, welche Kette von

Unannehmlichkeiten und Sorgen folgen würden.

Der Zug war ganz besetzt. Einige Leute lagen auf dem Boden, man konnte

sich kaum rühren. Die Luft war stickig und stauberfüllt, und man konnte

beobachten, wie die Staubschicht auf den Bänken von Stunde zu Stunde

dicker wurde, als der Zug sich pustend und keuchend durch die Sandwüste

der Kara-kum schleppte. Wie ein erstarrtes Meer reiht sich Sanddüne an

Sanddüne, so weit das Auge sehen kann, und nur an den kleinen Stationen

sieht man Leben: ein oder zwei kleine rote Häuschen, ein paar Kinder,

die inmitten einiger Schafe und Ziegen herumtollen.

In aller Frühe trafen wir in Merw ein und ließen uns nach dem »Hotel«

Franzia bringen. Wir mußten lange klopfen, ehe ein Junge uns öffnete.

Das Haus machte einen primitiven Eindruck: kein Fenster war heil, die

Stühle zerschlagen und die Zimmer sahen wie Gefängniszellen aus. Im

Hof lagen zwei Lausejungen in ihren Betten, und das Zimmermädel hatte

das ihre am Rande eines kleinen Tümpels aufgeschlagen, der schmutzig

graugrünes Wasser enthielt. Der Herr »Portier«, dessen verlauster Kopf

ebenfalls aus einer schmierigen Decke herausguckte, fluchte, daß wir

ihn in seiner Ruhe gestört hatten. Das schien ja ein fideles Gefängnis

zu sein! Und wir mußten ein paar Tage in dieser trostlosen Stadt

zubringen, ehe wir nach Kuschk weiterfahren konnten. Merw ist wegen

seines heißen, ungesunden Klimas berüchtigt, und wir waren daher recht

froh, als wir mit dem kleinen Zuge, in dem nur ein Personenwagen war,

nach Kuschk weiterfahren konnten. In Merw trafen wir auch noch zwei

afghanische Kuriere, die ebenfalls nach Afghanistan wollten; durch

ihre Freundlichkeit hatten wir viele Erleichterungen und erhielten ein

geschlossenes Abteil.

Als es dämmerte, fuhren wir schon in ein hügeliges Steppengebiet

ein, und als ich nachts einmal aufwachte, sah ich, wie sich schwarze

Bergsilhouetten vom sternenübersäten Himmel abhoben. Dann schlief ich

wieder ein. Plötzlich hielt der Zug. Die Afghanen weckten uns und

sagten, wir müßten aussteigen! Von einer Station aber sahen wir nichts,

keine Lichter, keine Menschen, vollkommene Finsternis! Im Abteil

brannte kein Licht, und wir mußten beim Schein einer Wachskerze unsere

Sachen zusammenpacken. Der Schaffner kam und schimpfte, daß wir noch

nicht draußen waren. Wir begriffen gar nicht, was eigentlich los war,

denn der Zug konnte noch nicht in Kuschk sein, da wir die einzigsten

Fahrgäste waren, die ausstiegen. Aber wir hatten gar keine Zeit zu

fragen; unser Gepäck flog einfach aus dem Fenster auf den Bahndamm,

und kaum waren wir aus dem Zuge, da fuhr er auch bereits weiter in die

Nacht hinaus. Es war sehr kalt und wir waren noch halb verschlafen und

vollkommen im ungewissen, als wir unser herumliegendes Gepäck, den

Afghanen folgend, in ein kleines, weißes Haus brachten, das in einem

von hohen Pappeln eingefaßten Garten stand. Wir wurden in ein Zimmer

geführt, in das eine brennende Wachskerze ihren fahlen, flackernden

Lichtschein warf, und in dem wir ein paar Stühle und eine Bank erkennen

konnten. Ein russischer Beamter – der Grenzkommissar Ostanin – begrüßte

uns kurz. Dann legten wir uns auf den Fußboden und schliefen bald ein.

II

AN DER RUSSISCH-AFGHANISCHEN GRENZE FESTGEHALTEN

Als ich am 2. September beim Morgengrauen zum ersten Male die kleinen

Bauernhäuser von Kuschk sah, da ahnte ich nicht, daß ich in diesem

weltverlassenen Winkel des Russischen Reiches volle sieben Wochen

verbringen sollte. Wir waren gerade bei unserer Morgentoilette, als

der Grenzkommissar Ostanin, in dessen Hause wir untergebracht waren,

unsere Pässe verlangte, damit sie dem Festungskommandanten vorgelegt

würden. Ich erklärte ihm mein Mißgeschick und übergab ihm das in Merw

von der politischen Polizei ausgefertigte Schriftstück. Er prüfte es

sorgfältig, legte es in die Pässe meiner Freunde und schickte dann

seinen Sekretär mit den Papieren fort. Wir setzten uns darauf in den

von hohen, schlanken Pappeln eingefaßten Hof und nahmen hier zusammen

mit der Familie des Kommissars das Frühstück ein.

Gegen Mittag kam ein Soldat angeritten, brachte die Pässe zurück und

den Bescheid, daß ich nicht die Grenze passieren dürfte, ehe nicht von

Taschkent die Erlaubnis zur Weiterreise gegeben wäre. Sofort setzten

wir ein Telegramm an die Bezirksstelle für auswärtige Angelegenheiten

auf, das der Soldat mitnahm. Als am anderen Mittag noch keine Antwort

eingetroffen war, entschied sich Wagner, aufzubrechen. Er wollte

in dem ersten afghanischen Orte alles zur Weiterreise vorbereiten,

während Blaich mir noch Gesellschaft leisten sollte. Auf einem

Leiterwagen wurde unser großes Gepäck verstaut, auf diesem thronten die

afghanischen Kuriere und Wagner, und in Begleitung von zwei berittenen

Soldaten rollte der Wagen die staubige Straße entlang, die von

Aleksejevka aus an den Grenzfluß führt.

Nachmittags unternahm ich mit Blaich, den beiden Kindern des

Kommissars und seiner Schwägerin eine kleine Wanderung in die

umliegenden Berge, die trostlos öde ausschauen. Rücken legt sich an

Rücken – ein Meer flachgerundeter großer Hügel dehnt sich hier an

der russisch-afghanischen Grenze aus. Der Fels ist stark verwittert.

Schutt, Sand und Löß, wohin das Auge blickt. Die kärglichen Pflanzen

verdorrt, gelb, trocken wie Zunder! Nur der Kameldorn hat seine

olivgrüne Farbe behalten. Auf dem platten, trockenen Gras gleitet man

leicht aus; aber was tut’s, Steilabstürze gibt es hier nicht! Und immer

wieder türmt sich ein Berg hinter dem anderen auf. Den Kindern machte

es viel Freude, mit uns herumzutoben, und auch das kleine braune Lamm,

das dem Mädelchen gehörte und das von selbst mitgelaufen war, schien

an unseren Spielen Gefallen zu finden, denn es hüpfte und sprang vor

Freude.

Endlich hatten wir den einen hohen Bergrücken erklommen, auf dem einige

vereinzelte Pistazienbäume standen. Diese tragen haselnußähnliche

Früchte, die gut schmecken. Es war sehr spät geworden; goldgelb versank

die Sonne hinter den Bergen, und blaue Schatten legten sich auf das

Tal. Wir gingen nach Norden, um wieder ins Dorf abzusteigen; aber ein

Bergrücken folgte dem anderen. Olga fing an zu weinen und jammerte,

sie könnte nicht mehr weiter; Aleksej brüllte und wollte durchaus

auf den Arm genommen werden, und das Lämmchen blieb dauernd stehen

und blökte. Es war zum Verzweifeln! Endlich hatten wir den letzten

Hügelrücken erreicht und sahen das Dorf inmitten der Pappeln unter uns

liegen. Da wachten die Lebensgeister wieder auf, und unter Lachen und

Gesang fanden wir uns wieder im Garten ein. Als auch am folgenden und

übernächsten Tage keine Antwort auf unser Telegramm eintraf, trotzdem

wir noch ein zweites mit bezahlter Rückantwort abgesandt hatten, und

wir auch beim Festungskommandanten nichts erreichen konnten, da machte

sich auch Blaich auf den Weg nach Afghanistan.

Nun war ich allein in Kuschk und wartete und wartete – – Tage – –

Wochen – –. Jeden Morgen wachte ich mit der Hoffnung auf, daß der Tag

die ersehnte Antwort aus Taschkent bringen würde, aber vergebens.

Tagsüber war ich immer im Freien, denn im Zimmer war es nicht

auszuhalten. Der Raum, in dem ich untergebracht war, enthielt nur eine

gepolsterte Bank, zwei Stühle und einen Flügel, der aber, da die Beine

abgeschlagen waren, auf Holzgestellen ruhte und vollständig verstimmt

war! Spielen konnte man nicht darauf. Frühmorgens mußten wir schon

Bretter vor die Fenster stellen, um die glühende Hitze abzuhalten

und auch um die Fliegen zu vertreiben, die in den so verdunkelten

Raum nicht gerne hineinflogen. Trotzdem war es unmöglich zu schlafen,

ohne sich ganz unter das dünne Bettuch zu verkriechen, das ich zum

Glück mitgenommen hatte; aber bei der Hitze war dies natürlich wenig

angenehm. Hätte ich nur mein großes Gepäck gehabt, dann hätte ich es

mir schon gut einrichten können; aber so besaß ich nur das, was ich

auf dem Leibe hatte, und einen kleinen Pappkarton, in dem ich noch ein

Paar Strümpfe, Unterzeug und sechs Taschentücher hatte. Das schlimmste

war, daß ich auch keine Lektüre hatte; wohl erhielt ich öfters vom

Grenzkommissar die russischen Zeitungen, aber diese waren auch schnell

durchflogen. So benutzte ich die Zeit denn, um große Spaziergänge in

die Umgegend zu machen.

Morgens um halb neun wurde im Hof gefrühstückt. Frau Ostanin bereitete

selbst das Essen zu, und wir hatten immer ausgezeichnete Spiegel- oder

Rühreier oder auch wohl Fleischpasteten. Nach dem Essen machte ich mich

fertig und wanderte dann in die Berge; durchschritt zuerst das flache,

breite Talbecken und erklomm den Bergrücken, der sich genau im Südosten

erhebt. Von hier aus hatte man einen weiten Überblick über das Land.

Ich sah den Gipfel, auf dem ich mit Blaich und den Kindern gewesen war

und wo wir die Pistazien gepflückt hatten, aber ein noch viel höherer

Gipfel türmte sich im Süden auf. Von dort müßte man noch etwas mehr von

den afghanischen Grenzbergen sehen können!

Eines Tages machte ich mich schon frühzeitig auf und folgte der

großen Straße nach Tschihil Duchteran. Ich schritt tüchtig aus und

war ungefähr nach einer Stunde am Fuße dieser Bergrücken. Die Sonne

brannte; ich erklomm erst einen kleineren Hügel und legte mich in den

Schatten einiger Pistazien. Kein lebendes Wesen war ringsumher zu

erblicken. Es war alles so hell um mich, daß ich kaum die Augen offen

halten konnte. Hin und wieder wurde die Stille durch den Ruf eines

Raubvogels unterbrochen, der langsam um die morschen Gipfel seine

Kreise zog. Hinter mir erhob sich gerade der markante Bergrücken,

den ich mir zum Ziele genommen hatte. Auf der Nordseite war der Berg

stark zerklüftet, was mich einigermaßen erstaunte, da sonst hier ein

Rücken wie der andere flachgerundet aussah. Als ich endlich den Gipfel

erreicht hatte, konnte ich feststellen, daß es ein alter Vulkan war.

Überall lagen Tuffe, Bomben, Trachyte umher, und ich sammelte mir eine

ganze Serie Handstücke für meine geologische Sammlung. Der Ausblick

war herrlich! In allen Farben schillerten die Berge, die sich bis

an die afghanischen Hochgebirge hinzogen. Wie bedauerte ich, meinen

Zeichenkasten und meinen photographischen Apparat nicht bei mir zu

haben. Gen Norden konnte ich bis in die transkaspische Ebene sehen, und

gen Süden bildeten die hohen Bergketten des Parapomisos, die in hellila

Tönen schimmerten, den Hintergrund.

Lange blieb ich hier oben; aber gegen 12 Uhr wurde die Hitze

unerträglich; die Luft flimmerte über den Bergen. Auf einem großen

Felsblock sonnte sich eine kleine schwarzweiß geringelte Schlange. Sie

rührte sich kaum, als ich herantrat. Ich beobachtete diese Schlangen

häufig in diesen Bergen und fand, daß, wenn man sie angreift, sie

sich stets äußerst heftig verteidigen. Sonst war wenig Tierleben zu

beobachten. Überall hatte die Sonne das Land versengt, das Leben

vernichtet. Die Bachbetten waren ausgetrocknet, die sie einfassenden

Büsche verdorrt. In den tiefsten Senken fand ich nur manchmal eine

tiefrot blühende, große Malve. Immer war es eine große Freude, wenn man

aus den Wüsteneien der Felsberge in das Tal des Kuschkflusses abstieg

und das wie eine Oase schimmernde Aleksejevka betrat!

Eines Tages wandte ich mich in die nordöstlichen Berge. Das Tal ist

hier sehr breit, und der Fluß wird vom Wald eingefaßt. Ich erklomm

wieder einen der das Tal einsäumenden Hügel und fand auch hier dasselbe

trostlos öde Bild. Dann folgte ich einem kleinen, ausgetrockneten

Bachbette, in dem ich einige hübsche Versteinerungen auflesen konnte.

Nachdem ich zwei Stunden in diesen öden Bergen umhergewandert war,

entdeckte ich auf einem Hange eine große Melonenplantage. Als Wächter

war hier ein alter Afghane angestellt; er hatte sicher schon manchen

Sturm erlebt, denn das eine Auge war ihm ausgeschlagen und ein Knie

war steif, so daß er humpelte. Mißtrauisch blickte er mich an; als ich

ihm aber erzählte, daß ich kein Russe sei und daß ich nach Afghanistan

reisen wollte, war er die Liebenswürdigkeit selbst und schenkte mir

ein paar große saftige Wassermelonen, die meinen Durst stillten. Ich

habe wohl nie wieder während meines Aufenthaltes in Turkestan und

Afghanistan solche süßen Wassermelonen gegessen, und ich erkläre mir

dies aus der Lage der Plantage, die auf dem Berghange den ganzen Tag

der vollen Sonne ausgesetzt ist.

Oft waren die Berghänge schwarz gesprenkelt von Schafherden. Es waren

meist afghanische Hirten, die mit ihren Herden auch auf das russische

Gebiet zogen. Von ferne gesehen, sahen diese Herden wie ein großer

schwarzer Fleck aus, der langsam über die Hänge zog; erst wenn man

das Fernglas zu Hilfe nahm, löste sich der Fleck in einzelne schwarze

Punkte auf.

Oft kamen große Karawanen aus Herat. Sie trafen meist abends bzw.

nachts ein. Schon lange, bevor wir sie sahen, hörten wir das Geläute

der großen Karawanenglocken von den Bergen widerhallen. Gegenüber

von unserem Hause war das russische Zollamt, und alle Waren, die von

Afghanistan kamen, wurden erst dort eingelagert.

Es dauerte manchmal Stunden, bis allen Kamelen ihre Lasten abgenommen

waren. Dann war der Zollhof mit Warenballen übersät, und für die Kinder

gab es nichts Schöneres, als hier herumzutollen und von Ballen zu

Ballen zu springen. Tagsüber wurden die Kamele auf die Weide geschickt,

und oft konnten wir sie auf fernen Bergen herumwandern sehen. Abends

wurden sie zurückgetrieben, und in Reih’ und Glied lagen sie dann

alle auf dem großen Platze, der sich vor dem Zollhause ausdehnte. Es

waren stattliche Karawanen – manchmal 250–300 Kamele stark –, die

Wolle und Häute aus Afghanistan brachten. Auch diese Karawanen wurden

von russischen Soldaten begleitet, denn das russisch-afghanische

Grenzgebiet ist vor Räubern nicht sicher.

Die Karawanenführer – meist alte, würdige Weißbärte – mußten in meinem

Zimmer übernachten, denn in dem kleinen Hause waren nur drei Zimmer:

in dem einen hausten Ostanins, im anderen wohnte der Besitzer Simon,

ein vierschrötiger Bauer, mit seiner kranken Frau und fünf Kindern,

und das dritte war das Gästezimmer. Waren die Afghanen mit im Zimmer,

so war an Schlaf nicht zu denken. Schon morgens um drei Uhr fingen

sie an zu reden und die Wasserpfeife zu rauchen. Und schliefen sie,

so schnarchten sie meistens so laut, daß man kaum ein Auge zumachen

konnte. Einmal hatte ich sogar das zweifelhafte Vergnügen, mit einem

Karawanenführer zusammen zu schlafen, der so laut schnarchte, daß

Ostanins, deren Zimmer von dem meinigen durch den Korridor und durch

Doppeltüren getrennt war, die Nacht nicht schlafen konnten.

Morgens nahmen die Karawanenführer auch das Frühstück mit uns ein.

Eines Morgens, als wir am Kaffeetisch saßen, hörte ich hinter mir ein

seltsames Quieken. Ich fragte Ostanin, was es wäre, und er sagte mir

mit einem Augenblinzeln nach den Afghanen: »Swinja« (Ferkel)! Nun gibt

es für einen Mohammedaner nichts Ekelerregenderes als ein Schwein;

und Schweinefleisch essen ist für ihn das Furchtbarste, was er sich

denken kann. Dies Schweinchen war in einem Sacke verpackt und lag im

Hofe an der Hausmauer. Die Afghanen hörten wohl das Quieken, blickten

verstohlen nach dem Sack, in dem es sich dann und wann regte, und

waren unschlüssig, was sie tun sollten. Da trat mit schwerem Schritt

Simon aus der Haustür, nahm den Sack, zog das kleine Ferkel heraus

und schlachtete es im Hof vor unseren Augen. Die Afghanen standen

ohne ein Wort zu sagen auf, und gingen. Simon hatte anscheinend von

Schweineschlachten keine große Ahnung; es war grauenhaft anzusehen,

wie das Ferkel, acht Minuten, nachdem er ihm die Kehle durchschnitten

hatte, noch lebte, bis er es in einen Tubben mit kochendem Wasser

geworfen hatte. Mittags gab es also gebratenes Spanferkel, und wir

ließen es uns recht gut schmecken, zumal Frau Ostanin den Braten

äußerst schmackhaft zubereitet hatte. Aber wie jeden Mittag konnten

wir uns kaum vor den Wespen, Hornissen und Fliegen retten. Während man

mit der einen Hand aß, mußte man mit der anderen Hand die Insekten

vertreiben. Ich versuchte öfters zu schätzen, wie viele dieser

Quälgeister uns immer beim Mittagessen störten. Es waren ca. 8 bis 10

große Hornissen, die ihr Nest unter dem Dach hatten, 10 bis 20 Wespen

und ca. 50 bis 60 Fliegen. Gerade als wir unserem Schweinebraten gut

zusprachen, kam einer der Karawanenführer über den Hof an unserem

Tisch vorbei. Nie werde ich den verächtlichen Blick vergessen, den er

uns zuwarf, als er das geröstete Spanferkel auf dem Tische erblickte.

Den Mohammedanern ist der Ekel vor dem Schwein so in Fleisch und Blut

übergegangen wie uns der Ekel vor einer Ratte oder einer Schlange. Man

kann einem Afghanen keine größere Beleidigung sagen, als wenn man ihn

»Chuk« schimpft. Seitdem die Afghanen uns hatten Schweinefleisch essen

sehen, zogen sie sich auch mehr und mehr von uns zurück, tranken nicht

mehr mit uns Tee und ließen nicht mehr die Wasserpfeife zirkulieren.

Wir hatten oft unseren Spaß an den Wespen und Hornissen. Wenn wir

uns ruhig verhielten, taten sie uns nichts, und dann konnten wir

ungestört ihr Leben studieren. Oft konnten wir beobachten, wie eine

Wespe sich auf eine Fliege stürzte, die gerade auf dem Tische naschte.

Sie packte die Fliege – stach sie aber nicht – und flog mit ihr zum

Nest. Manche Wespen hatten geradezu eine Virtuosität, die Fliegen im

Fluge zu fangen. Die Hornissen aber gaben sich weder mit den Wespen

noch mit den Fliegen ab; hatten wir aber eine Hornisse totgeschlagen,

so stürzten sich die anderen auf diese und rissen sie auseinander.

Trotzdem wir Tag für Tag, morgens und mittags, diesen Kampf mit den

Wespen und Hornissen auszufechten hatten, um überhaupt essen zu können,

wurde keiner von uns in der Zeit gestochen. Nur eines Tages – wir saßen

schon alle am Mittagstisch – kam der kleine Aleksej heulend angelaufen.

Er sah einfach »verboten« aus! So verbeult und verbogen habe ich

noch nie ein Gesicht gesehen! Er hatte mindestens fünf bis sechs

Wespenstiche im Gesicht; seine Augenlider waren derart geschwollen, daß

man vom Auge kaum etwas sah. Er sah so kurios aus, daß wir alle das

Lachen nicht verbeißen konnten, und der alte Ostanin wollte sich vor

Lachen schütteln und neckte den Jungen immer mit: »Kitajez – Kitajez«

(kleiner Chinese)! Desto mehr aber brüllte Aleksej, der, nachdem er

noch eine Tracht Prügel erhalten hatte, mit kalten Umschlägen ins Bett

befördert wurde. Jedesmal, wenn Aleksej Schläge bekam, wurde auch Olga

vorgenommen, die dann für irgendwelche Streiche, die sie Tage vorher

begangen hatte, noch einmal eine Lektion erhielt. – Trotzdem konnte

es Aleksej nicht lassen, nach ein paar Tagen dasselbe Wespennest noch

einmal aufzusuchen und sich noch einmal so übel zurichten zu lassen.

Mit der Verpflegung wurde es schlechter. Wir mußten hamstern gehen,

um die nötigsten Lebensmittel zu erstehen. Froh waren wir, wenn wir

Butter und Eier erhielten. Gegen Sowjetrubel aber verkauften die Bauern

nichts, und wenn wir noch so bettelten; nur gegen Zaren-Goldrubel oder

afghanisches Silbergeld konnten wir die notwendigsten Lebensmittel

erstehen.

Von Taschkent kam keine Antwort. Nachdem noch einmal auf dienstlichem

Wege ein Telegramm mit Rückantwort abgesandt worden war, und auch auf

dieses keine Antwort kam, sandte ich ein Radiotelegramm an die deutsche

Botschaft in Moskau. Und wartete – – – und wartete – – –.

[Illustration: 7. Minarett der Musallah, Herat]

Inzwischen war ein neuer Grenzkommissar gekommen; denn Ostanin wurde

nach Poltarazk (ehemalig Astrabad) versetzt. Der Platz in dem kleinen

Hause wurde zu eng, und so wurde ich ausquartiert und bezog Wohnung

beim Sekretär im Dorf. Er hatte sich bei einem Bauern ein großes

Zimmer gemietet und ganz hübsch eingerichtet. Ich fühlte mich hier

doch wohler, zumal ich in einem richtigen Bett schlafen konnte, wenn

auch nur in eine dünne Wolldecke gewickelt. Der Sekretär, ein junger,

blonder, großer Mensch, war mir sehr sympathisch. Er hatte viel

gelesen, hatte orientalische Sprachen studiert und gab mir aus seiner

kleinen Bibliothek zu lesen. Er war viel zu Hause und arbeitete für

sich. Abends saßen wir zusammen bei einer kleinen Petroleumlampe an

dem schweren Holztisch und verschlangen russische Romane, die uns die

Dorfschullehrerin lieh. Ich hatte mein Russisch während der Wochen,

die ich in Rußland weilte, schnell vervollkommnet, und es machte mir

viel Freude, ohne Schwierigkeit A. K. Tolstois Roman: Fürst Serebrjanyj

lesen zu können. Abends gingen wir meist spät zu Bett. Oft kam der

Sekretär auch mit zu Ostanins, und dann saßen wir bis spät in die

Nacht hinein im Garten. Die kleine Petroleumlampe, deren Zylinder nur

noch halb war, verbreitete ein trübes Licht; aber ein helles Licht

hätte gar nicht hierhergepaßt. Es war alles so gedämpft und still; wie

schwarze Silhouetten standen die Berge schweigend ringsum; unbeweglich

reckten die Pappeln ihre schlanken Stämme zum sternenübersäten Himmel

empor. Hin und wieder ertönte vom Dorf her der so melancholisch und

traurige Gesang eines russischen Mädchens. Noch oft glaube ich diese

Klänge zu hören, möchte sie festhalten, sie zu Papier bringen, um sie

jederzeit wieder hören zu können. Oft hörten wir die Schakale gellend

weinend bellen. Dann war wieder Ruhe, überall tiefes Schweigen. Wie oft

habe ich dieses Schweigen später auf meinen Wanderungen empfunden: bei

den Nachtmärschen durch Afghanistans Berge oder in den schwülen Nächten

in Indien. Es ist etwas Feierliches, Erhabenes. Es ist die unendliche

Ruhe, die noch über dem großen Asien liegt. Dann leuchten die Sterne in

so magischem Glanz, und die Landschaft liegt so still und unberührt da,

daß man sich ganz verlassen und einsam vorkommt, und im Geiste wandern

dann die Gedanken nach Europa, wo das Leben hastet und den Menschen

keine Ruhe mehr läßt.

[Illustration: 8. Zitadelle von Herat]

Als nach vier Wochen immer noch keine Antwort eingetroffen war,

entschied ich mich, nach Taschkent zu fahren, um meine Angelegenheit in

Ordnung zu bringen. Es traf sich gut, daß auch gerade zwei afghanische

Kuriere mitreisten.

[Illustration: 9. Schwarzer Marmorsarkophag des Sultans Hussein Mirza

(1470–1505)]

Ich packte meinen kleinen Pappkarton und stieg in die Bahn. Die

afghanischen Kuriere waren während der Fahrt sehr besorgt um mich, und

ich brauchte mich um nichts zu kümmern. Nachts zwei Uhr kamen wir in

Merw an, und erst um sieben Uhr fuhr der Zug nach Taschkent weiter.

Wir blieben auf dem Bahnsteig, da die Kuriere das schwere Gepäck nicht

in das Hotel Franzia schleppen wollten, und der Bahnhofswartesaal

geschlossen war. Es war eine bitterkalte Nacht, und ich fror

entsetzlich, hatte ich doch nur einen leichten Anzug und meinen dünnen

Mantel an. Einer der Afghanen lieh mir eine Decke, und als Kopfkissen

benutzte ich meinen Pappkarton. Trotzdem gelang es mir einzuschlafen.

Aber als es fünf Uhr war, war ich so durchfroren und so steif, daß ich

mich kaum rühren konnte. Ich stand auf und ging eine halbe Stunde auf

dem Bahnsteig hin und her, um warm zu werden. Wie froh war ich, als

endlich die Sonne aufging.

Als ich in Samarkand eintraf und dort auf dem Bahnsteig auf und

abging, kamen zwei Offiziere der Tscheka auf mich zu und fragten, ob

ich Trinkler sei, was ich bestätigte. Es stellte sich nun heraus, daß

inzwischen in Kuschk aus Moskau die Antwort eingetroffen war, daß ich

meine Reise nach Afghanistan fortsetzen konnte. Ich hatte nun die Wahl,

in Samarkand zu bleiben oder nach Taschkent zu fahren, bis der Zug

nach Merw kam, der nur alle drei Tage verkehrte. Ich entschied mich

für Taschkent, da ich noch einige wichtige Besorgungen dort erledigen

wollte. In Taschkent war nirgends Platz; Hotel Regina voll besetzt!

So nahm ich Quartier in der afghanischen Gesandtschaft, wo ich auch

gut aufgenommen wurde. Wie wenig ahnte ich, daß ich vierzehn Tage

später den Konsul noch einmal wiedersehen sollte; wieviel Sorge und

Unbequemlichkeiten wären mir erspart geblieben, hätte ich mir auch

gleich von ihm einen neuen Paß ausstellen lassen!

Zurück nach Kuschk, drei Tage und drei Nächte Bahnfahrt! Endlich

hatte die Befreiungsstunde geschlagen! Zum letztenmal – so glaubte

ich – nahm ich das Mittagsmahl in Kuschk ein. Dann sattelte Simon

zwei Pferde, und gegen fünf Uhr verließen wir Aleksejevka. Es war ein

herrlicher Tag, und da die Sonne bald hinter den Bergen verschwand,

war das Reiten sehr angenehm. Noch einmal grüßte ich die Berge, auf

denen ich so manchen Tag geweilt hatte und wo mir fast jeder Baum und

Strauch, jeder Felsblock vertraut war; dann bogen wir in ein Seitental

und ritten gen Süden. Langsam legten sich die Schatten auf die Berge.

Sie hüllten zuerst die Täler in blaue Farben und kletterten dann die

Hänge hinauf. Bald sahen wir die ersten Sterne flackern. Der Weg ist

sandig, und tief sanken die Pferde in den Staub ein. Oft hatten wir

kleine schluchtähnliche Risse zu kreuzen. Es war schon stockdunkel, als

wir den russischen Grenzposten erreichten. So späten Besuch hatten die

Herren kaum erwartet. Lange mußten wir rufen, ehe der Stacheldrahtzaun

geöffnet und unsere Papiere geprüft wurden. Ein russischer Soldat

begleitete uns bis an den ersten afghanischen Posten am jenseitigen

Ufer.

Wir reiten an den Fluß hinunter, durchqueren ihn in einer Furt und

suchen unseren Weg durch verschiedene Sümpfe. Es ist recht dunkel,

und man kann kaum sehen, wohin das Pferd tritt. Vorsichtig, Schritt

für Schritt, arbeiten wir uns durch das morastige Gelände. Endlich

erreichen wir das aus ein paar elenden Lehmhütten erbaute afghanische

Tschihil Duchteran (vierzig Töchter). Wir müssen lange klopfen und

rufen, ehe sich jemand blicken läßt; wir sind hungrig und durstig und

sehnen uns nach einem Nachtlager. Die Hunde schlagen an und machen

Lärm, und endlich zeigen sich ein paar wilde, verschlafene Gestalten;

aber nur, um uns mitzuteilen, daß wir hier nicht bleiben können,

sondern nach Kara-Tepe (der schwarze Berg) weiterreiten müssen. Also

wieder auf die Pferde und weiter! Ein afghanischer Soldat begleitet und

bewacht uns.

Quer durch Afghanistan nach Indien · 第 1 / 16 段