Ullstein & Co. Berlin-Wien

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Ullstein & Co., Berlin~

Inhalt.

Seite

Kapitel 1 7

Kapitel 2 39

Kapitel 3 85

Kapitel 4 111

Kapitel 5 145

Kapitel 6 187

Kapitel 7 209

Kapitel 8 235

Kapitel 9 259

Kapitel 10 291

Kapitel 11 315

Kapitel 12 357

Kapitel 13 383

Kapitel 14 399

Kapitel 15 433

1.

Das Königskleid der Wintereinsamkeit strahlte in der Sonne, weit über

das Land war es gebreitet, -- alle Unebenheiten, allen Schmutz des

Alltags deckte es zu. Und die Milliarden Schneekristalle funkelten

in der Sonne wie Gold und Brillanten; sie blitzten aus den Wegen

und Stegen und auf den Aesten und Nadeln der Bäume, deren Umrisse

phantastisch vergrößert erschienen unter der weißen Last. Die drückte

anders als im Sommer die flattrig-leichtsinnigen Blüten.

Nur wenige Bäume im Parke des Herrenhauses von Sarkow standen in

trotziger Kraft und prahlten mit ihrem weißen Feierkleide -- die

meisten sahen schier erdrückt aus, zusammenbrechend unter des Winters

harter Liebkosung -- unter diesem Himmel von einem erbarmungslosen und

kalten Blau.

Inmitten des winterlichen Parks erhebt sich das Herrenhaus in ungefügen

Umrissen. Von außen ein anmutloser Kasten, aber drinnen die Zimmer, die

waren groß und hoch und in den Kachelöfen prasselte gemütlich das Feuer.

Im Eßzimmer waren Frau von Holtz und ihre Tochter Marie beschäftigt,

Staub zu wischen. Nicht etwa, daß auch nur eine Andeutung von Staub

auf den blitzblanken Möbeln zu sehen gewesen wäre, aber das Reiben und

Polieren an den Gegenständen war eine Manie von Frau von Holtz.

Mit ihren schönen, etwas fett gewordenen Händen führte sie das

Staubtuch über eine silberne Jardiniere. Der große Brillant am

Ringfinger ihrer linken Hand flammte auf im Strahle der Wintersonne,

die durch die Doppelscheiben des Fensters leuchtete.

Während des Putzens redete Frau von Holtz auf ihre Tochter ein:

„Ich bitte Dich, Du machst ein so mißmutiges Gesicht, statt Dich zu

freuen, daß Deine Cousine kommt.“

„Warum sollte ich mich wohl darüber freuen?“ klang es scharf zurück.

Die hageren, roten Hände des neunzehnjährigen Mädchens zerrten nervös

an dem Staubtuch, „Du weißt, mir ist Monika immer unsympathisch

gewesen.“

„Aber Marie, Ihr saht Euch zuletzt, als Du sechzehn Jahre warst und sie

ein Kind von noch nicht dreizehn. Als wir damals auf der Durchreise in

Berlin waren --“

„Sie war damals unausstehlich, so eingebildet --“

„Aber --“

„Eingebildet auf alles: auf ihre Schönheit, ihren Geist, ihre

Tanzstundenerfolge --“

„Kindereien! Ich weiß nicht, wie Du das ernsthaft nehmen kannst.“

„Sie wird sich inzwischen wohl kaum zum Besseren entwickelt haben.

Tante Malis Brief wenigstens ließ nicht darauf schließen! -- Ich

verstehe überhaupt nicht, warum Du Tantes Wunsch, Monika einzuladen,

gleich erfüllt hast. Hier ist doch keine Korrektionsanstalt.“

„Du drückst Dich wieder einmal sehr lieblos aus, Marie. Aus dem Briefe

Deiner Tante ergab sich durchaus nicht, daß Monika einer ernsthaften

Korrektion bedürfe.“

„So?! Wie verstehst Du denn das, wenn Tante schreibt, daß Monika

„einfach nicht mehr zu bändigen“ ist, -- daß Tante seit Onkels Tode

jede Autorität verloren hat! -- Nun, sehr viel Autorität bei ihren

Kindern hat ja Deine liebe Schwägerin nie besessen!“

Frau von Holtz nickte traurig. „Wie habe ich Johann damals gewarnt,“

sagte sie gedankenverloren. „Man heiratet nicht solch einen

Springinsfeld, wie Mali es war --“

„Und geblieben ist,“ ergänzte Marie spöttisch.

„Dir steht kein Urteil über Deine Tante zu,“ sagte die Mutter, aber

es klang lau. Man merkte, daß auch ihr die Schwägerin keine große

Hochachtung abnötigte.

Statt jeder Antwort zog Marie ein unliebenswürdiges Gesicht. Sie trat

ans Fenster und starrte auf die weißblendende Landschaft hinaus.

Plötzlich schrie sie erstaunt auf.

Und eine derartig lebhafte Gefühlsäußerung war an Marie etwas so

Ungewohntes, daß Frau von Holtz gleichfalls ans Fenster trat.

Ein Schlitten war’s, der herannahte, in schleudernder Fahrt, von zwei

Trakehnern gezogen.

Die Innenplätze des Schlittens waren leer. Auf dem Kutschersitze saß

ein junges Mädchen, das mit einem starken Ruck an den Zügeln vor der

Freitreppe parierte und mehrere Male hintereinander einen gellenden

Pfiff ausstieß.

„Natürlich -- Monika --,“ sagte Marie achselzuckend, während Frau von

Holtz entsetzt fragte:

„Aber wo ist denn Papa? Und Friedrich? -- Mein Gott, es wird doch

nichts passiert sein -- --“

Sie war bis in die Lippen erblaßt und stützte sich schwer auf die

Fensterbrüstung.

Marie wollte hinaus, aber schon wurde die Tür von außen aufgerissen,

und herein stürmte das junge Mädchen, das auf dem Kutscherbocke

gesessen, -- stürmte geradenwegs auf Frau von Holtz zu und umarmte sie

mit allem Kraftaufwand, dessen ihre Arme fähig waren.

„O, Tantchen, wie ich mich freue!“

„Kind, Kind, wo ist Dein Onkel?“ fragte Frau von Holtz noch immer ganz

fassungslos.

„In der Bahnhofswirtschaft und hoffentlich mittlerweile beim achten

Glase Grog -- --“

„Aber was -- -- warum -- --“

Monika begrüßte eilfertig, aber ohne die glühende Herzlichkeit, die

sie ihrer Tante bewiesen, ihre Cousine und erzählte dann, indes sie in

fröhlichem Lachen ihre prachtvollen Zähne sehen ließ:

„Also, Tantchen, Onkel holte mich vom Zuge ab, und als wir in den

Schlitten wollten, kam der Drehrower Bärenstein auf Onkel zu und fragte

den Onkel was wegen des neuen Kreisdeputierten. Da gingen wir alle

drei noch in die Bahnhofswirtschaft und tranken Grog und der Drehrower

erzählte so schrecklich langweilige Sachen, von Politik und so... Da

schlich ich mich davon und auf den Schlitten. Der dicke Friedrich war

nicht da, wohl wegen des Gepäckes. Da bin ich einfach losgefahren. Es

war großartig. Bitte, bitte, nicht böse sein! Ich wollte gern schnell

zu Dir.“

Von neuem fiel Monika der Tante um den Hals.

Da lächelte die, schon fast versöhnt, und klingelte den Diener herbei,

der gleich wieder zur Station fahren sollte.

Marie verließ mit einem halblauten „Unglaublich“ das Zimmer.

„Nicht, Tante, Du bist mir nicht böse?“ bettelte Monika.

„Na, weil’s der erste Tag ist. -- Aber Du mußt wirklich vernünftiger

werden, Kind. -- -- Und nun laß Dich doch mal endlich ordentlich

ansehen.“

Mit prüfendem Blick musterte Frau von Holtz ihre Nichte.

„Wie Du gewachsen bist! -- Und hübscher geworden bist Du auch! -- --

Ordentlicher leider immer noch nicht!“ -- -- Mit bedenklichem

Kopfschütteln faßte Frau von Holtz nach einem halbabgerissenen Knopfe

an Monikas Mantel.

„Ach, für die Sachen, die ich anhabe, lohnt sich’s gar nicht,

ordentlich zu sein! -- -- So schöne Stoffe bekomme ich ja doch nicht!“

Mit liebevoller Vorsicht strich Monika über das schwarzseidene Kleid

von Frau von Holtz. „Und so schön werd’ ich auch nicht wie Du, Tante. O

das wunder-wunderschöne weiße Haar und die stahlblauen Augen! Wie eine

Marquise siehst Du aus, natürlich eine vom ~ancien régime~! Zu schade,

daß die Marie davon nichts abbekommen hat. Aber die sieht genau aus wie

Onkel. Ich ähnele Dir doch viel mehr als Deine Tochter. Nicht?“

„Ja, entschieden. -- Aber nun laß Dir Dein Zimmer zeigen, kleine

Plaudertasche.“

„Welches bekomme ich?“

„Das blaue.“

„O wie fein! Das blaue, wo ich als ganz kleines Kind geschlafen habe!

Hurra!“

Monika schwang ihre Pelzmütze und folgte seelenvergnügt ihrer Tante

die wuchtige Treppe hinauf. Das blaue Zimmer war ein großer, ziemlich

spärlich möblierter Raum, in dem der stark geheizte Kachelofen eine

angenehme Temperatur verbreitete.

Ein altmodisch schmales Sofa, ebenso wie die beiden dazu gehörigen

Sessel mit blauem Rips bezogen, nahm die eine Längswand ein. Dann noch

ein schmales Bett, ein Waschtisch und ein Tisch, auf dem in einer

bunten Porzellanvase ein Strauß von Tannenzweigen steckte.

Monika schwelgte in Begeisterung. „Das blaue! -- -- Und ganz für mich

allein! Himmlisch. Noch nie habe ich ein Zimmer für mich allein gehabt.“

„Du schläfst mit Mama zusammen?“

„Ja, leider. Und Mama liest immer die halbe Nacht. Und wenn Licht

brennt, kann ich natürlich nicht einschlafen.“

„Hier schläft Marie,“ sagte Frau von Holtz, indes sie die Tür zum

Nebenraume öffnete.

„Oh -- --“ Monika verstummte vor Bewunderung. In der Tat war der Raum

-- rosa Seide und weißer Lack -- sehr elegant ausgestattet.

„Hier geht’s in Maries Wohnzimmer.“

Ein neuer Ausruf des Entzückens aus Monikas Munde.

„Grau mit Gold. Wie distinguiert! Nein aber wie distinguiert!“

„Gefällt es Dir?“ Voll Genugtuung warf Frau von Holtz einen Blick in

die Runde.

„Fabelhaft schön. Und wie teuer das sein muß!“

„Nun, für unsere Einzige -- --“

„Hat’s die Marie gut!“

Monika strich über die spiegelnden Holzflächen, über die seidenen

Bezüge.

Dann entdeckte sie neue Schätze. „Ach, und da ist ein Malkasten! Und da

ein Brennapparat! Und da der Bücherschrank, ach, der Bücherschrank

-- --“

Schon hatte Monika die Glastür geöffnet und tastete gierig in die

Bücherreihen hinein.

Aber Frau von Holtz legte ein Veto ein. „Wirst Du wohl! -- Jetzt

wird nicht gelesen. Es ist die höchste Zeit, daß Du Dich wäschst und

sauber machst. Ist Dir denn das nicht schrecklich, nach einer langen

Eisenbahnfahrt so herum zu laufen? Und um zwei wird gegessen.“

Als Monika dann zur angegebenen Stunde das Eßzimmer betrat -- etwas

ängstlich, wie der Onkel wohl ihre Eskapade aufgenommen -- wurde sie

bald beruhigt durch das gutmütige Lachen in seinem roten Gesicht.

„Nur immer ran, Marjell,“ rief er Monika entgegen.

Sie kam zögernd näher.

Die Strafe fiel gnädig aus. Ein heftiges Zupfen an ihrem linken

Ohrläppchen und ein freundlich gebrummtes: „Na, Du Racker, sei froh,

daß Du die Trakehner heil hergebracht hast, sonst -- --“

Beim Mittagessen erregte Monikas Riesenappetit das Wohlwollen und die

Heiterkeit von Onkel und Tante.

Um Maries Mundwinkel aber zuckte unnachahmliche Verachtung jedesmal,

wenn ihrer Cousine noch ein neues „Stückchen Schmorbraten“ auf

den Teller geschoben wurde und sie noch einmal um das „wirklich

großartige“ Pfirsichkompott bat. Nach Tische zogen sich die Eltern zum

Nachmittagschlaf zurück, und Monika bat ihre Cousine um die Erlaubnis,

sie in ihre „Privatgemächer“ begleiten zu dürfen.

Die herbe Cousine war etwas günstiger gestimmt durch Monikas wortreiche

Bewunderung all ihrer Schätze.

Und wer konnte wohl so bewundern wie Monika! Sie wurde warm und rosig

dabei, -- sie glühte und strahlte, -- sie hob jede Einzelheit hervor:

-- -- „diese Goldleiste, mit der die Tapete abschließt,“ -- -- und

„diese himmlische Vase mit dem Kirschblütenzweig, der auf das blasse

Opalglas gemalt ist! Und wie das alles abgetönt ist. Du hast wohl alles

selbst angeordnet?“

„Nein, aber der beste Tapezier aus Königsberg hat’s arrangiert,“ sagte

Marie wichtig.

„Wie glücklich Du hier sein mußt!“

„Na, es geht an. Wenn Du glaubst, es ist ein Spaß, hier in der

Einsamkeit zu sitzen -- --! Ich habe ja meine Freundinnen in Neustadt,

aber der Weg dahin ist so unbequem. Und nach Hahndorf ist’s noch

weiter.“

„Nach Hahndorf -- --“

„Wir fahren ja zu den Regimentsbällen hin, aber -- --“

„Zu den Dragonern? Zu Papas Dragonern?“

„Ja.“

„Oh.“ Ein zitternder Atemzug hob die junge Brust. „Oh der Papa, der

arme Papa!“

Ihre Augen füllten sich mit Tränen; sie starrte an ihrer Cousine vorbei

durchs Fenster, hinaus auf den schimmernden Schnee.

„Jetzt ist er schon vierzehn Monate tot, der arme Papa...“

Stillschweigen lastete über dem Zimmer.

„Er hätte Sarkow so gern noch mal wiedergesehen,“ sagte Monika dann.

„Mama hat ihn ja oft genug eingeladen.“

„Er wollte nicht kommen, solange er... solange er keine... sehr gute

Position hatte.“

„Ja, wenn Deine Eltern vernünftiger gewesen wären, könnten sie noch

hier sitzen, statt wir,“ sagte Marie.

Monika nickte. „Rechnen konnte Mama ja wohl nicht sehr gut,“ sagte sie

kläglich.

„Und wollt’s auch nicht lernen,“ fügte Marie scharf hinzu. „Und von

ihrem Manne hätte sie’s auch nicht lernen können. Bei Onkels Art...“

„Ja! Nobel ist der Papa gewesen,“ sagte Monika. Sie warf den Kopf ins

Genick wie ein störrisches Pony und ihre Augen leuchteten auf. „Die

Trinkgelder, die er gegeben hat!... Wenn er mich mitnahm nach Neustadt

oder nach Hahndorf, dann dienerten die Leute dort alle bis zur Erde.

Nobel war der Papa!... Er hat kein Portemonnaie getragen, sondern das

Geld lose in der Westentasche. Und der Mama hat er gekauft, was sie

haben wollte! Und uns!... So schöne Spielsachen wie wir vier hat kein

Kind gehabt in ganz Ostpreußen!... Und wie ich vier Jahre alt gewesen

bin, habe ich zweiunddreißig Kleider gehabt und ein paar davon sind aus

echten Brüsseler Spitzen gewesen.“

„Na, besser klein geflickt und groß gestickt, als umgekehrt!“ sagte

Marie und sah an Monikas schäbigem Kleide herunter.

Aber sie machte sich nichts draus.

„All die Gesellschaften!“ schwärmte sie weiter, „nur französischen Sekt

hat’s gegeben und lauter Delikatessen, und wir Kinder haben von allem

bekommen ... von allem...“

„Traurig genug, Monchen! Man hätte besser getan, an Eure Gesundheit

zu denken. Wenn Du glaubst, daß das Kindern gut tut: Sekt und

Delikatessen! ... Wenn Ihr keine gekriegt hättet, würde das geliebte

Heinzemännchen heute wohl einen besseren Magen haben!“

„Seit wie lange hast Du eigentlich Heinrich nicht gesehn?“

„O, seit drei Jahren. Er muß jetzt über vierzehn sein. Nicht wahr?“

„Ja, grad ein Jahr jünger als ich.“

„Und bringt ihm Deine Mama immer noch frühmorgens zwei Tassen

Schokolade und zwei Setzeier ans Bett?“

„O, er ißt jetzt mindestens drei Setzeier. Als Chef der Familie...“

„Nanu... Alfred?“

„Alfred hat ihm sein Erstgeburtsrecht verkauft, schon vor vier Jahren.

Heinrich hat ihm dafür seine Briefmarkensammlung gegeben und seinen

photographischen Apparat und noch fünfzehn Mark bar. Nachher wollte

zwar Alfred die Sache wieder rückgängig machen, aber Mama...“

„Tante Mali verteidigte natürlich Heinzemännchen.“

„Richtig! Und seitdem sagt sie, das geliebte Heinzemännchen sei vermöge

seiner ethischen und intellektuellen Eigenschaften weit mehr befähigt,

der Erstgeborene zu sein, als Alfred. Mama bespricht auch alles mit

Heinzemännchen -- auch alles, was mich anbetrifft. Und das hat mich

eben so wütend gemacht.“

„Was war denn los?“

„Ach, na so alles mögliche.“

Monika besah ihre Fingernägel. Sie schien nicht recht auf das Thema

eingehen zu wollen.

Aber Marie ließ nicht locker.

„Na, da wirst Du wahrscheinlich was Nettes angestellt haben?“

„Ach wo. -- Ein paarmal hab’ ich Zigaretten geraucht und... und hab’

ein paar Bücher gelesen, die ich nicht lesen sollte. Noch viele Jahre

nicht! hat Mama gesagt, und dabei habe ich alles, was drin stand, doch

schon jetzt sehr gut verstanden.“

„So, so...“

„Ja, aber Heinzemännchen sagte, es wäre himmelschreiend und die Ehre

der Familie litte darunter. -- Und dann war die Sache mit Doktor

Dörnberg...“

„Welche Sache?“

„Ach...“ Monika zögerte verlegen.

„Na, sag’s doch. Ist es denn so schlimm, daß Du es gar nicht erzählen

kannst?“

„Ach, ich kann’s schon erzählen. Also, weißt Du, Doktor Dörnberg ist

unser Geschichtslehrer. Und ich liebe ihn wahnsinnig. Erstens ist er

bildschön... aber ich sage Dir: wirklich bildschön!... Und dann spricht

er hinreißend! Also: ich hatte drei Gedichte an ihn gemacht, und die

lagen in meinem Vokabelheft. Da hat sie Mama gefunden -- Mama stöbert

immer alles durch -- und hat es mit Heinzemännchen besprochen, und

beide waren so außer sich und haben so auf mich gescholten, bis ich

vor lauter Empörung Weinkrämpfe bekommen habe. Und ich habe Mama meine

Meinung gesagt: daß es gefühlsroh ist, meine Gedichte Heinzemännchen zu

zeigen. Als ob Jungens davon was verstehen!“

„Was waren’s denn für Gedichte?“

„Na, Liebesgedichte.“

„Sag’ mal eins.“

Monika warf einen zweifelnden Blick auf ihre Cousine. Sie

kämpfte augenscheinlich mit sich. Dann aber gewann ihr offenes,

mitteilungsbedürftiges Naturell die Oberhand. Sie begann zu sprechen

mit einer andächtigen Innigkeit, die ihre frische Kinderstimme ganz

verwandelt erscheinen ließ:

„Du Schönster mit den blauen Siegeraugen,

Laß mich an deinen hochgeschwungenen Lippen

Nur eine flüchtige Sekunde nippen

Und aller Seligkeiten Fülle saugen...“

„Pfui Teufel! -- Na, höre mal, da kann ich Tante Malis Entrüstung

verstehn!“

„Warum denn?“ sagte Monika mit unschuldsvoll verwunderten Augen, „das

ist doch schön. Und außerdem wahr. Ich liebte ihn doch.“

„Na, der erste Vers war heftig! Geht’s so weiter?“

„Nein! Es wird natürlich leidenschaftlicher! Es muß doch eine

Steigerung geben, das ist doch ein ganz bekanntes poetisches Gesetz.

-- Aber wie gesagt: Mama war direkt schlecht und sagte, jetzt

wüßte sie auch, warum ich immer am Dienstag und Freitag, wenn wir

Geschichtsstunde haben, das neue, blaue Kleid anziehen wollte. Und

Heinzemännchen sagte, ich sei sittlich verwahrlost. Na, das konnte ich

mir doch nicht gefallen lassen.“

„Wie kannst Du aber auch Liebesgedichte schreiben?“

„Gott, dafür konnte ich doch nichts. Ich hatte mich doch in ihn

verliebt. Kennst Du das nicht, wenn’s einem so warm im Herzen wird, als

wollte das Herz aufblühen?“... Ein träumerisches Lächeln teilte die

roten Lippen. „Und man ist so unglücklich und in all dem Schmerz liegt

doch so eine Süßigkeit... Süßigkeit... so etwas Unnennbares -- eine

Erwartung, ach, ich weiß nicht...“

Sie brach kurz ab, erstarrend unter dem eisig spöttischen Blick, der

sie aus Maries grauen Augen traf.

„Ich finde Dich riesig überspannt, liebe Mone,“ sagte sie gemessen,

„und Deine Ansichten sind unpassend. So... und jetzt habe ich Briefe zu

schreiben.“

Ohne die Cousine noch eines Blickes zu würdigen, setzte sie sich an den

Schreibtisch und begann einen Briefbogen mit ihrer prätentiös schönen

Schrift zu füllen.

Monika ging in ihr Zimmer. Das unangenehme Gefühl, wieder einmal zu

vertrauensselig gewesen zu sein, sich bloßgestellt zu haben, bedrückte

sie.

Betrübt kauerte sie sich in einen der blauen Sessel und begann an einem

Stückchen Johannisbrot zu kauen, das sie zu ihrer Ueberraschung in

ihrer Tasche entdeckt hatte.

Gewiß hatte ihr Karl damit eine Ueberraschung bereiten wollen, Karl,

ihr zehnjähriger Lieblingsbruder.

Aber der Genuß war bald zu Ende, das Johannisbrot aufgeknabbert, und

nun saß sie da und langweilte sich jämmerlich. Die Uhr zeigte auf drei

-- noch eine ganze Stunde Zeit bis zum Nachmittagskaffee.

In plötzlichem Entschluß stülpte sie die Pelzmütze auf, zog den Mantel

an und fort ging’s durch den verschneiten Park auf wohlbekannten Wegen

ins Dorf.

Ihr Weg führte zur kleinsten Hütte, einer Bauernkate, die gar elend,

förmlich zusammengekauert unter der dichten Schneedecke dastand.

Der Zaun war baufällig, die Fensterscheiben wie erblindet. Im Hof

an der Pumpe, von der riesige Eiszapfen herabhingen, stand ein etwa

dreijähriger, hübscher Junge und bemühte sich, den Pumpenschwengel in

Gang zu setzen.

„Ist die Liese zu Haus?“ rief Monika ihn an.

Er sperrte verdutzt die blauen Augen und den roten Mund auf, ohne zu

antworten. Da öffnete Monika ohne weiteres die Tür.

Eine stickige, dumpf-heiße Luft schlug ihr entgegen. Kaum hatte sie die

Schwelle überschritten, als es drinnen aufschrie: „Monchen!“

Eine Frau stürzte auf sie zu und bedeckte ihre Hände mit Küssen. „Ach

Gottchen, Monchen, bist Du’s denn wirklich, mein trautstes Monchen?“

Monika gab ihr einen herzhaften Kuß. „Liebe alte Liese, wie freue ich

mich!“

Zärtlich betrachtete sie die vor ihr Stehende, die eine entschiedene

Vorliebe für Farbenfreudigkeit an den Tag legte. Ein flammend rotes

Umschlagetuch kreuzte sich über ihrer Brust, um sich auf dem Rücken zu

einem großen Knoten zu vereinen. Unter dem Tuch kamen die Aermel einer

unzweifelhaft unsauberen rosa Barchentjacke zum Vorschein, und eine

dunkelblaue Küchenschürze deckte einen moosgrünen Rock. Und über dem

schief zugehakten Kragen der rosa Jacke grüßte das liebe, verblühte

Gesicht. Die dunkeln Augen, die sonst so dummpfiffig in die Welt sahen,

standen voll Freudentränen.

„Monchen, daß ich Dir nochmal wiederseh’! -- Und wie scheen Du geworden

bist, eine bildscheene Marjell -- ’n bißchen anders wie Holtzens

ihre Marie!... Gottchen, das sah man ja schon gleich damals, wie

ich als Amme bei Dir kam! -- Und nachher -- wie warst Du scheen und

rund und dick -- der reine Marzipan! Wie oft hab’ ich zu Deiner Mama

gesagt: ‚Madamchen, die wird!‘ -- Gegen Dir sah die Marie keesig aus,

das kannst Du mir glauben. -- Na, nu setz’ Dich bloß mal hin, mein

trautstes Monchen. So ’ne Freude, nein, die Freude!“

„Liese, Du redst immer noch so viel wie früher. Und ausseh’n tust Du

auch noch so. Sogar der Zopp ist noch derselbe!“

Lachend wies Monika auf den armdicken, fuchsigen Haarkranz, der über

Lieses Scheitel thronte.

„Monchen, lach’ nich über meinen Zopp. Wenn er auch falsch is, scheen

is er doch. Und mir hat er immer gekleidet, schon als ich noch ein

scheenes, junges Mädchen war.“

„Liese -- fang’ nicht mit Jugenderinnerungen an! Sonst sitze ich heute

abend noch hier. Und Tante weiß gar nicht, daß ich weggerannt bin.“

„O weh, da wird’s was geben! Die gnädige Tante is ja so mächtig stolz,

die spricht nie ein Sterbenswort mit uns arme Leute. Anders wie Deine

Mamachen! Nu sage bloß, was macht denn die Mamachen, seit daß der

liebe, gute, gnädige Herr Baron tot is?“

Liese wischte sich erschüttert mit dem Schürzenzipfel die Augen.

„So’n feiner, guter Herr kommt nich mehr wieder. Das Schwarzseidene,

was er mir zur Hochzeit geschenkt hat!... Wären nich die Motten

reingekommen, wäre es heut noch wie neu!... Ach Gottchen, so’n Herr wie

der Herr Baron! Und hat so früh müssen versterben...“

„Nicht davon sprechen, Liese.“

„Und was macht denn nu die Mamachen? Gottchen, so ne junge Frau und mit

vier Kinder... vier Waisenkinder...“

Liese begann herzbrechend zu schluchzen. Und schluchzend und mit

gurgelnder Stimme fragte sie nach Monikas Brüdern:

„Ist der Karl denn immer noch so scheen mit seine schwarze Augen und

seine blonde Locken? Ach, und wie hat der Herr Baron den Karl geliebt!“

„Liese, Du alte Heultute, wenn Du jetzt nicht aufhörst mit der

Lamentiererei, dann fange ich auch an zu weinen oder ich laufe weg.“

„Ich bin ja schon stille, Monchen,“ sagte Liese und heulte

ohrenerschütternd weiter.

„Erzähl’ mir doch lieber was von Dir -- von Deinem Mann...“

Wie auf ein Zauberwort hin versiegte der Tränenquell.

„Ja, wir sind ja nu all vier Jahre verheiratet. Und er is so, wie

Männer nu eben so sind. Er tut ja seinen Dienst bei de Bahn ganz

ordentlich und hat auch das Allgemeine Ehrenzeichen gekriegt. Es is ja

auch ein sehr scheener Mann. Du weißt, Monchen, ich war immer sehr für

de Scheenheit.“

„Na also.“

„Ich wer’ Dir was sagen, Monchen: er ist zu alt. An die fuffzig is er

jetzt...“

„Na, und Du, Liese?“

„Fünfundvierzig.“

„Das paßt doch eigentlich ganz gut.“

„Ach, er hat nu schon den ganzen Kopp voll graue Haare. Und so die

richtige Forsche is auch nich mehr in ihm. Weißt Du, wenn ich dagegen

an den Hanschen denk’, den Stubenmaler aus Stallupönen ...“

„Wer ist denn das?“

„Mein erster Bräutigam, Kind. Ein forscher Kerl war das. Groß wie so

’n Baum und den ganzen Kopp voll Locken und rote Backen. Und zwanzig

Jahre war er alt... und ich achtzehn.“ Eine Sehnsucht glomm aus in den

dumm-pfiffigen Augen.

Mit ahnungsbangen Augen sah das knospende Mädchen hinüber zu der

verblühten Frau, die von erster Liebe sprach.

„Liese, es ist schrecklich spät. Ich glaube, ich muß weg.“

„Ja, das mußt Du, mein Trautstes, aber erst muß ich Dir mal die Stub’

zeigen. Nu all die ganze Zeit hier in die Küche...“

Liese öffnete die Tür zur Stube. Auch hier herrschte die gleiche

bedrückende Luft. Ein großes Bett nahm die eine Längswand ein; es war

auf allen vier Seiten von einem roten Kattunvorhang umgeben.

„’n Himmelbett muß der Mensch haben,“ behauptete Liese stolz.

„Und nu kiek mal her, Monchen...“ Triumphierend wies Liese auf die

Kommode, wo vier Photographien von Monika in verschiedenen Lebensaltern

standen.

„Hier aber is das Feinste for Dich,“ sagte die Liese geheimnisvoll

und führte sie ans Fenster. Auf dem Fensterbrett stand ein kleiner

Blumentopf, in welchem ein junges Myrtenstämmchen ein kümmerliches

Dasein führte. „Für Deinen Brautkranz, Monchen...“

Monika lachte. „Du, die Mama hat gesagt, arme Mädchen werden heutzutage

überhaupt nicht geheiratet.“

„Ach, Monchen, so scheen wie Du bist mit Deinem Gesicht wie Milch und

Blut -- Dir wird früh genug einer holen.“

„Desto besser, Liese, desto besser! Ich denke mir das Heiraten

großartig!“

Lachend wandte sich Monika zum Gehen, zuckte aber mit einem Ausruf des

Schreckens, als plötzlich aus einer Ecke des Zimmers hinter dem Ofen

hervor ein Stöhnen klang.

„Die Ollsche,“ sagte Liese erklärend.

Monika gewahrte dann, daß, in einen Stuhl gekauert, eine uralte Frau

hinter dem Ofen saß: sie hielt die Augen geschlossen. In dem von

tausend Falten durchfurchten Gesicht zuckte kein Muskel, wie aus Stein

gehauen saß sie da.

„Die Ollsche, ’ne Tante vom Grün, Monchen. Sie is nu all

siebenundachtzig und all ein bißchen lititi im Kopp. Na, da hab’ ich

sie hergenommen.“

Draußen auf dem Hof stand Fritzchen und hielt mit beiden Händen

die Vorderpfoten eines nudeldicken, weißen Spitzes, der, auf den

Hinterbeinen sitzend, genau so groß war wie der Knabe; die beiden sahen

sich stumm und liebevoll in die Augen.

„So steh’n sie manchmal ’ne halbe Stunde,“ sagte Liese.

Und dieses freundliche Bildchen war das letzte, was Monika bei diesem

Besuch erblickte.

So schnell sie konnte, eilte sie nun zurück.

Die frühe Winterdämmerung lag auf dem ebenen Lande und tauchte die

endlose Schneefläche in ein fahles Blau. Der Wind hatte sich aufgemacht

und blies durch Monikas dünnen Mantel, daß ihr ein Schauer nach dem

anderen über den Rücken lief. Aber sie rannte freudig vorwärts.

Und Worte kamen ihr -- sie wußte selbst nicht woher -- die sie laut vor

sich hinsang.

„Das ist der Wind meiner Heimat,

Der über das Schneefeld braust --

Das ist der Wind meiner Heimat,

Der heut mir die Locken zerzaust.

O tobe und tobe nur weiter, Herr Wind,

Und erfriert auch der See und die Zweige im Wald -- --

Meine heiße, blühende Jugend,

Die machst Du doch nimmermehr kalt!“

Warm und selig war ihr zumute.

Mit aller Kraft ihrer Lungen sog sie die kühle Schneeluft ein.

Wie anders das war als der Großstadt Luft. O, diese Schnee-Einsamkeit,

durch die der Wind sang statt der tobenden Straßen Berlins. Ein

Zusammengehörigkeitsgefühl mit der Natur rann warm und beseligend

durch Monikas Adern. Sie mußte sich mit Gewalt zusammenreißen, um

einigermaßen gesittet das Haus zu betreten.

Allerdings war der Empfang, der ihr zuteil wurde, ganz dazu angetan,

ihre Stimmung schleunigst zu dämpfen.

Marie empfing sie mit schadenfrohem Gesicht, und die Tante, die in

ihrem Boudoir mit einer Stickerei beschäftigt war, trug in ihrem

Gesichtsausdruck hoheitsvolle Würde zur Schau -- ein böses Zeichen!

Sie sagte einstweilen gar nichts, sondern zog mit gewählt schönen

Bewegungen den Faden durch die Arbeit. Man hörte in dem hübschen,

eleganten Zimmer keinen anderen Laut, als den schweren Schlag der

großen Uhr.

Monika konnte diese gespannte Stimmung nicht lange aushalten. Und so

sagte sie, halb trotzig, halb flehend: „Tantchen, ich war bloß bei der

Liese.“

Wenn sie geglaubt hatte, daß das ein Milderungsgrund sei, so sah sie

sich getäuscht.

Tante wurde noch mehr als früher zürnende Gottheit, und dann ergoß

sich über Monika eine Standpauke, die kein Ende zu finden schien.

Erstens was die Unsitte betraf, allein auszugehen, zweitens der Mangel

an Pünktlichkeit, drittens der unhygienische Leichtsinn, in eine

Armeleutewohnung zu gehen, und so fort.

Immerhin schienen allmählich mildere Regungen in der Tante

aufzudämmern, denn sie schloß mit den Worten: „Und nun klingle, daß man

Dir den Kaffee nachserviert und den Napfkuchen. Du wirst einen schönen

Hunger haben.“

Am Abend schrieb Monika ihrer Mutter einen Brief.

„Liebste Mama,

jetzt bin ich also wieder in dem geliebten Sarkow. Die Verwandten

sind sehr nett zu mir, ausgenommen Marie, die so hacksig ist wie

immer.

Bei der Liese war ich auch schon.

Liebe Mama, ich wollte ja sehr gern von zu Hause weg, aber als

der Zug sich in Bewegung setzte und ich Euch gleich darauf nur

noch aus der Ferne sah, da wurde ich doch riesig traurig. Ich habe

mich auf der langen Fahrt hierher gefragt, warum eigentlich alles

so gekommen ist, und warum wir uns die letzte Zeit so schlecht

standen, wo es doch früher so herrlich war. -- Damals, als ich noch

klein war und Dir alles, alles sagte. --

Du hast in der letzten Zeit manchmal gesagt: wenn Dein Vater noch

lebte, wärst Du nie so geworden!

Aber das ist ganz falsch. Das hat gar nichts mit Papas Tode zu tun

-- als ob ich jetzt weniger Angst hätte! Denn Angst habe ich in

meinem ganzen Leben noch nie gehabt!

Aber mir sind im letzten Jahre so viele Gefühle und Empfindungen

gekommen, ich weiß selbst nicht woher -- so vieles, was gar nicht

zu definieren ist.

Ich kann Dir nur sagen: wie Ihr mich zu Hause behandelt habt, das

ist mir oft vorgekommen, als wenn man eine Pantherkatze wie einen

Kanarienvogel erziehen will! Ach Gott, wie schön muß das sein,

wenn man frei ist! Frei in der herrlichen Welt, sich sein Glück zu

erkämpfen. Ich +möchte+ Glück! Ich möchte alles haben, was schön

ist und reich! Ich möchte den Ruhm und die große Liebe und Rausch

und Glanz!

Jetzt wirst Du wieder sagen, ich sei zu frühreif. Ja, aber

Frühreife ist doch auch eine Reife! Und dabei dann gequält werden

mit tausend Verboten und Vorschriften, und mit Klavierüben und

Anstand und Staubwischen! Gequält werden mit tausend Nichtigkeiten

und Kinkerlitzchen! --

Uebrigens, ich hätte Dir zuliebe sehr viel davon ausgehalten, liebe

Mama, aber was nicht auszuhalten war, das war die Behandlung, die

Du mir durch Alfred und Heinrich angedeihen ließest. Warum waren

die mir zu Aufpassern und Richtern bestellt? Warum? -- Sind sie

besser als ich oder reifer? --

Ich würde mich schämen, wenn ich nur die Hälfte so dumme Streiche

machte wie die.

Sind sie klüger als ich? -- Ich möchte wissen wo!

Da sind sie nun im Gymnasium, haben die besten Lehrer -- und sind

so faul, daß sie die eine Hälfte ihres Pensums nicht wissen und die

andere Hälfte abschreiben.

Und ich mit meinem glühenden Wissensdurst und meiner

ungewöhnlich guten Auffassungsgabe werde mit dem Bröckchen der

Mädchenschulerziehung abgespeist und alle Werte der Menschheit

erhalte ich ~ad usum Delphini~ zurechtgemacht -- wenn Du soviel

Latein verstehst, Mamachen.

Und dann in anderer Beziehung: Ich will nicht davon sprechen,

welche Sorte „Flammen“ Alfred und Heinrich haben, aber daß meine

Brüder die Frechheit besitzen, über meine Liebesgefühle zu Gericht

zu sitzen, das ist nicht zu ertragen!

Warum soll ich denn weniger empfinden als sie? Habe ich denn nicht

auch Fleisch und Blut und Nerven und Empfindungen? -- Na, lassen

wir das. Ich ärgere mich bloß, wenn ich daran denke.

Und ich will mich nicht ärgern, sondern selig sein, daß ich jung

bin, und daß das Leben schön wird. Vorläufig stehe ich ja noch

davor wie vor einem verschlossenen Garten. Die Mauer ist hoch,

aber drüber her hängt doch manch ein Blütenzweig. Der zeigt mir an

seinen kleinen, rosigen Blüten, wie süß die tausend Frühlingswunder

sein müssen, die hinter der Mauer sind -- im Garten des Lebens.

Ich wollt’, ich dürfte schon hinein!

Pantherkätzchen · 第 3 / 34 题