1.
Randers an Gerdsen.
Ich halte es nicht mehr aus, lieber Freund! Sie werden verstehen, dass
ich nach dem Rixdorfer Erlebnis der Zerstreuung bedarf, eines
Gegengewichtes. Wie tief es noch bei mir sitzt, können Sie daraus
ersehen, dass die Zerstreuungen und Erholungen der Kunst nicht
ausreichten. Es mussten _Betäubungen_ sein. Alkohol!
Ich entfliehe der Gefahr. Es gibt nur eins, was mich befreit, mich
reinigt: Die Natur. Die See.
Sie empfehlen mir die Arbeit. Aber was kann sie mir anders sein, als ein
Betäubungsmittel? Meine Art Arbeit, die nicht produktiv sein kann.
Fördert mich diese Arbeit, bringt sie mich eine Stufe höher, eine Stufe
hinaus aus meinem Gefängnis? Ist sie nicht nur Gefängnisarbeit eines
Sklaven, der sich nützlich erweisen soll und zugleich an seiner Pflicht
ein Betäubungsmittel hat?
Aber ich will mich nicht betäuben. Das ist so feige, so philiströs, so
dumm, so unwürdig. Warum denn nicht gleich die Pistole? Die betäubt
alles und auf das vortrefflichste. Soll ich Mittel brauchen, die mir das
Leben erträglich machen, so müssen es Rauschmittel sein. Sie kennen
diese meine Mittel, die das Leben steigern, es aufreizen, verdoppeln!
Musik, Poesie, jede Art Kunst, das Weib und vor allem die Natur.
Sie geben in Ihrer Arbeit Ihr Ich. Bei Ihnen ist Arbeiten erhöhtes
Leben, bei mir Bekämpfung des Lebens. Warum denn nicht mit der Pistole?
Puff, weg damit! Aber können Sie mir ernstlich empfehlen, das Leben
täglich zu foltern, es auf Hungerration zu setzen, ihm die Kehle bis auf
das allernotwendigste Quentchen Luft zuzuschnüren, ihm einen Stein auf
den Kopf zu legen, damit es die Stirne nicht zu hoch trägt und nicht zu
sehr wächst, ihm die Füsse zu binden, damit es nicht auf den Einfall
kommt, zu tanzen? Pfui Teufel, wie gemein! Quält man so sein Leben?
Nein, lassen Sie mich meine Wege gehen, Weg und Ziel sind mir ganz klar.
Es gibt für mich nichts mehr als ein paar Jahre Einsamkeit, die,
langsamer oder schneller, in die letzte grosse Einsamkeit einmünden.
Ich habe allerlei für Sie niedergeschrieben, lasse Ihnen ein
versiegeltes Paket zurück. Suchen Sie sich damit abzufinden, wenn Sie
überhaupt noch an dem Roman festhalten. Ich für meine Person entbinde
Sie davon. Wir müssten eigentlich täglich zusammen arbeiten, und das
widerstrebt mir. Ich mag nicht so darin wühlen, es bringt doch auch so
seine Schmerzen mit sich. Macht man's selbst, allein, so ist schon die
mechanische Arbeit des Schreibens eine Art Medizin, ein beruhigendes
Pulver. Aber mündlich, wo man einmal zu intim wird, ein andermal wieder
vor Scham das Wichtigste nur eben berührt, das ist, als sollte man sich
in Gegenwart eines andern nackt ausziehen.
Legen Sie bei Ihrem Helden besonders Gewicht auf den aristokratischen
Tick. Und auf die Natur! Erklären Sie beides aus seinem ästhetischen
Genusstrieb heraus. Die Kunst erst in dritter Linie, es fehlt ihm dazu
an innerer Berufung. Er ist nur ästhetischer Genüssling. Der Natur
gegenüber reicht das ja aus, daher fühlt er sich bei ihr am wohlsten.
Beim Weibe ist es damit nicht getan, das Weib verlangt "produktive
Talente" vom Manne. Daher sein Fiasko beim Weibe, beim vornehmen Weibe,
das ihn allein ästhetisch reizt, allein für ihn in Betracht kommt. Na,
Sie werden es schon machen.
Ich gehe morgen nach Sylt. Meine dortige Adresse wissen Sie noch von
früher. Es braucht sonst niemand zu wissen, wo ich bin! Also Diskretion!
Adieu, bester Freund! Ich halt es einfach nicht mehr aus.
Ihr Randers.
P.S. Ich lege Ihnen hier noch ein paar Verse bei, die meine
augenblickliche Seelenverfassung spiegeln, und ein älteres
Stimmungsstück, das ich unter meinen Papieren fand, eine Stilübung,
die Sie vielleicht als Beweisstück für meine unzureichende
Produktionsbegabung und als ein Charakteristikum nach der sentimentalen
Seite hin brauchen können. Übrigens meine Verse! Ich wollte Sie immer
bitten, ihnen etwas auf die Beine zu helfen, sie sind gar zu
dilettantisch unbeholfen. Aber ich hab's mir jetzt überlegt, ändern
lassen Sie nichts daran; so wie sie sind, haben sie ja allein Wert als
"Dokumente", als Belege für mein Halb- oder Garnichtskönnen. Wenn Sie
sie nicht lieber ganz weglassen. Mir auch recht!
* * * * *
Was für ein Traum doch war's, der sich mir spann bei Nacht,
Dass ich in meinen Tränen bin erwacht?
Was für ein Traum doch war's?
Ist's nicht dein Bild, das sich mir hat gestellt,
Das Haupt von lichten Locken dicht umwellt?
Ist's nicht dein Bild?
Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei, die Hand
Zur Abwehr streng entgegen mir gewandt?
Und blicktest du nicht kalt an mir vorbei?
Zerriss es denn auf ewig, jenes Band,
Das dich und mich zu schönstem Bund umwand?
Zerriss es ganz?
So bleibt mir nichts von dir als heisse Glut,
Ein einsam Kissen, feucht von meiner Tränenflut?
So bleibt mir nichts?
* * * * *
Friedenstraum.
In stillen, tagesabgeschiednen Nächten,
Wenn Stern an Stern zu goldnem Kranz sich flicht,
Und wenn, wo Ginster sich und Weissdorn flechten,
Gespenstisch Flüstern ob der Heide spricht,
Dann hör ich auf, zu hadern und zu rechten,
Wenn goldner Friede sternhernieder bricht,
Dann blinkt in meines Herzens dunklen Schächten
Endlich ein trautes, stilles Dämmerlicht.
* * * * *
Vogelkönigtum.
Vogel, du bist der König der Welt,
Fern bleibt kein Platz dir, der dir gefällt.
Fliegst in die freien Lüfte,
Fliegst über Berg, über Meer, über Feld,
Vogel du freier, du Herrscher der Welt.
Überall darf der Himmel dir blauen,
Überall darfst du die Welt erschauen,
Überall lässt du die Woge dich grüssen,
Himmelentstürzt dir die Brust von ihr küssen;
Täglich eroberst du neu dir, ein Held,
Vogel, du freier, zu eigen die Welt.
* * * * *
Wie es sein sollte!
Was ist das Glück? Ein niedres kleines Haus,
Weit ab der Welt und ihrem argen Treiben;
Zum Fenster lehnt ein liebes Haupt heraus,
Und Hände winken, lassen mich nicht bleiben;
Vom Strande tönt der Nordsee dumpf Gebraus,
Die Sonne blinkert golden in den Scheiben,
Wir sind im Zimmer einsam und zu zwein,
Wir sind mit unsrem goldnen Glück allein.
* * * * *
Einsame Weihnachten.
Gestern überkam mich die Weihnachtsstimmung mit übermächtiger Gewalt.
"Stille Nacht, heilige Nacht," so klang es von der Strasse herauf;
Strassenmusikanten. Was machte mir heute ihr sonst so grässliches Getute
erträglich? War es nur diese unverwüstliche Melodie, dieses schönste
aller Weihnachtslieder? Und das, was unter dem Zauber dieses Liedes
erwachte? Ich war selbst wieder Kind geworden, meiner Mutter am Klavier
geschmiegt, und "Stille Nacht, heilige Nacht" klang es von meinen
Lippen.
Nun will heute der heilige Abend kommen. Die weihnächtige Stimmung ist
mir getreu geblieben, und ich muss mir schon an ihr genügen lassen, denn
ich würde einsame Weihnachten feiern; ich lebe, ein Fremder, in der
fremden Stadt, einsam inmitten des hastenden Getriebes. Heute bin ich
ihm entflohen; ich bin weit hinausgewandert in die schweigende,
glitzernde Einsamkeit der ländlichen Umgegend.
Um mich das Spiel der weissen Flocken! Nicht in dichten Wolken wallt es
hernieder; in glitzernden Sternen stäubt es fein, so fein herab. Will
sich ein Geheimnis, beglückend, beseligend, auf die Erde betten? Leise
Klänge klingen mit. Oder ist's Täuschung? Klingt der Schnee in
herniederrieselnden Tönen unhörbar fast und doch so deutlich, weich, so
wunderweich dem Ohr, wie sich auf die Stirne eine märchenweisse, schmale
Frauenhand herniederlastet?
Der Himmel will sich verstecken und sendet doch seine Botschaft.
Zwischen den langausgesponnenen Schneefäden dringt es wie von
schimmernder Klarheit, fast als ob in jedem Augenblick der feine
Nebelflor aufwehen und ein holdes Geheimnis enthüllen möchte.
Es ist drei Uhr nachmittags. Die Dämmerung hat begonnen. Ich bin weit
hinausgeschritten, fern, so fern der Stadt. Nicht wie sonst am
verdüsterten Fluss. Was soll mir die rollende Welle? Was soll mir am
Weihnachtsabend trübe und ewig novemberhaft der dunkle Strom?
Wenige Schritte noch und ich bin im Walde! Breit dehnt sich die
Fahrstrasse, einem gefrorenen, schneeblitzenden Flusse gleich, den, aus
Tannen aufgebaut, jäh stürzendes Steilufer dunkel von beiden Seiten
umengt. Eine Viertelstunde hinaus kann ich die schnurgerade
verlaufenden, dunkelgrünen Wände überblicken. Stille, lautlose Stille,
umfängt mich. Nur leisestes Wehen der Wipfel; einmal ein heiserer
Krähenschrei! Die Wagenspuren die einzigen Zeichen menschlichen Lebens,
aber auch sie fast hinweggewischt durch den fallenden Schnee.
Aber da saust es plötzlich zwischen den Stämmen heran! Ein schwaches
Klingelgeläute! Stärker und stärker! Zwei Pferde! Scharf gezeichnet
steigt aus ihren Nüstern der Atem in die Winterluft empor. Eine grosse,
kräftige Männergestalt im Vordersitze; hinter ihr der peitschenknallende
Kutscher. Ein verwunderter Blick auf den einsamen Wanderer! Sausendes
Schlittendröhnen!
Vorbei!
Wohin wohl? Vielleicht auf ein benachbartes Gut zum Besuch auf den
heiligen Abend? Der Schlitten mit Geschenken vollgepackt.
Wie wohl die Kinder warten werden. Bei jedem Haustürklingeln eine
stürzende Schar, und immer wieder die Enttäuschung. Aber endlich ist er
angekommen! Ein Stampfen auf der Treppe; das Fusseisen klingt an den
scharrenden Absätzen; in der geöffneten Tür heisst eine schöne Frau den
Schwager willkommen; die Kinder umdrängen den Onkel mit freudigem Lärm,
und das Jubeln will kein Ende nehmen.
Und wieder läutende Glocken! Aber nicht aus der Ferne! "Aus des Herzens
tiefem, tiefem Grunde" läutet die Vergangenheit empor. Immer mächtiger
fluten und überschwemmen mich die Klänge. Und da wandelt sie mir nah
zur Seite und nickt mir mit vertrautem Auge, die Jugend, die fröhliche,
selige Kinderzeit.
Die Weihnachtsferien sind da! Meine Eltern wohnen auf einem grossen
Kirchdorf, kaum eine halbe Meile von der Stadt, deren Gymnasium wir drei
Brüder besuchen. Schon sitzen wir im Schlitten. Bald grüsst uns aus der
Ferne das elterliche Heim, ein freundliches Pfarrhaus, um das im Sommer
ein dichter Garten seine grünen Kränze schlingt. Endlich sind wir daheim
bei Vater und Mutter. Es weihnachtet überall. Von Kuchen und Marzipan,
von Pfeffernüssen, Tannennadeln und Weihnachtskerzen strömt ein würziger
Weihrauch durch das ganze Haus. Vor den leichtüberfrorenen Fenstern
hasten die Mädchen mit grossen eisernen Kuchenplatten vorbei.
Aber lange duldet es uns Kinder nicht an einer Stelle. Die Backen
brennen vor ungeduldiger Erwartung. Schneckengleich schleicht die Zeit.
Wollen denn die Grosseltern gar nicht kommen? Endlich hält das Gefährt.
Wir Kinder alle draussen; die Kleinsten patschen mit ihren Händchen an
den Grosseltern empor.
Schliesslich ist auch die letzte Stunde der Erwartung dahingegangen.
Meine Mutter sitzt am Klavier und spielt den Weihnachtschoral. Auch das
Stimmchen meiner kleinsten Schwester tippt schüchtern mit im Chor. Und
dann tun sich die Türen weit auf, und vor uns flutet und flimmert der
schimmernde Kerzenglanz! O du selige, o du fröhliche Weihnachtszeit;
fröhlich und selig, wenn man ein Kind ist, bei Vater und Mutter daheim!
Ich habe mich in lichte Träume verloren; aber ich wehre ihnen, denn ich
weiss nur zu wohl, dass sie sich trüber und trüber spinnen werden.
Wollen nicht schon einsame, schweigende Gräber aus der Ferne
herüberwinken? Ich reisse mich los; ich bin zur Gegenwart erwacht.
Es schneit nicht mehr, aber der Wald ist noch immer mein Begleiter:
dunkler dräuen die Tannen, geisterhafter glitzert zwischen Stämmen der
Schnee, denn die Dämmerung ist vollends gewichen, und die Nacht hat
ihren sternenbesteckten Mantel über die stille Erde ausgebreitet. Und
doch kein Dunkel. Sternenglanz und flimmernder Schnee weben ihre
geheimen Strahlen ineinander; und mit ihnen führt noch etwas anderes,
Unsagbares, heute in der Weihnacht geheime Zwiesprache. Was ist's? Ist
es ausser oder in uns? Und wir legen es nur in die Natur hinein? Ist es
der Klang der Weihnachtsglocken? In einem fernen Dorfe läuten sie den
heiligen Abend ein, der Wind verweht mit leisem Schwellen den Schall und
trägt ihn über den schweigenden Wald. Und ich vermag mein Ohr gegen
diese Töne nicht zu verschliessen; zu gewaltig ist ihr Weiheklang.
Alles grüblerische Denken erlischt; nur ein beglücktes Empfinden, nur
der heimliche Zauber des Waldes und der gestirnten Weihnacht besteht.
Hat ihn je ein Dichter voll auszuschöpfen vermocht, so dass allein sein
Wort den mächtigen Zauber ans Licht beschwor?
Das Weihnachtsevangelium fällt mir bei; nicht der Bericht des Lucas, von
der Geburt des Kindleins selbst; zu real, so wundersam rührend auch die
herzenseinfältigen Worte lauten. Aber die herrlichste Poesie folgt: "Und
es waren Hirten beisammen auf dem Felde, die hüteten ihre Herde bei
Nacht. Und der Engel des Herrn trat zu ihnen, und die Klarheit des Herrn
umleuchtete sie."
Die schweigende Einsamkeit des Feldes, die einfachen Hirten, die Nacht,
die himmlische Klarheit, das ist's! In diesen Worten steckt der ganze
Zauber der Weihnacht, an sie reicht nichts heran als Händels ebenso
einfache wie grossartige Musik. Die Worte wollen mich nicht mehr
loslassen, ich spreche sie immer und immer wieder, ich summe sie in
Tönen, indes ein leisester Windhauch den Tannen an ihre Wipfel rührt,
und aus der Höhe herniedersäuselt, wie eine Botschaft des Friedens, wie
der Friede selbst, der nicht von dieser Welt ist, der sich nur einmal
im Jahre in der stillen, in der heiligen Nacht auf die Erde
herniedersenkt. Und die Tannen erbeben und streuen Weihrauch auf und
knistern--von Gold? Und schimmernd entbrennen viel tausend heimliche
Kerzen, und unter ihnen liegt das Christkind gebettet, mit golden
blickenden Augen--ein Weihnachtsmärchen in der Weihenacht unter den
Tannen--und die Klarheit des Herrn umleuchtet sie.
Und mir--mir rinnen die Tränen von den Wangen herab--aber himmlische,
heimliche Klarheit umleuchtet auch mich--die Klarheit des Herrn in der
Weihnacht.
2.
Auf der Wattenseite, auf halbem Wege zwischen Rantum und Hörnum lag im
Schutz des mächtigen Dünenwalles ein kleines einstöckiges Blockhaus. Ein
leidenschaftlicher Seehundsjäger hatte es sich dahinbauen lassen. Seit
Jahren stand es unbenutzt.
Das war etwas für Randers. Er erhielt das Häuschen für einen Spottpreis.
Es war auch ärmlich genug für einen längeren Aufenthalt, nur für einen
anspruchslosen Jäger auf einige Wochen ein Unterschlupf. Unten war ein
grosser Raum mit einer kleinen Kammer daneben, oben, auf einer schmalen
Holzstiege erreichbar, noch eine geräumige Kammer unter dem spitzen
Giebel und etwas, anscheinend nie benutzter Bodenraum. Aber es befand
sich doch eine Kochstelle im Erdgeschoss, ein primitiver Herd, worauf
der alte "Seehund" sich seinen Grog gebraut haben mochte.
Randers liess alles instandsetzen, liess sich aus Westerland einen
Tischler kommen und richtete sich ein. Das untere Hauptgelass war
geräumig genug. Da fand ein grosser Schreibtisch aus Tannenholz Platz,
vor dem Fenster, das auf die Watten hinaussah. Ein Chaiselongue, vier
Stühle, ein kleiner runder Tisch, was brauchte er mehr? Ihm fiel zuerst
nichts weiter ein. In die Kammer kam ein Bett und ein Waschgestell aus
Draht. Auch ein paar neue Fensterscheiben waren nötig. Die alten waren
ganz erblindet und rissig.
In die Giebelkammer liess er ein zweites Bett stellen. Er verwandte fast
mehr Sorgfalt auf dieses "Fremdenzimmer" als auf seinen eigenen
Wohnraum. Es kam ein solider Waschtisch herein, eine Kommode, eine
Garderobe und nachträglich noch ein Spiegel. Er liess den ganzen
Fussboden mit einem weichen Teppich belegen und das Fenster mit
Vorhängen versehen.
Als er seinen Einzug hielt, hatte er einen Augenblick den Gedanken, die
erste Nacht unter seinem Dache dort oben zu schlafen. Aber er
unterdrückte diese Anwandlung. Doch ging er noch einmal mit einem Licht
hinauf und stellte ein paar Herbstblumen, die er sich aus Westerland vom
Gärtner geholt, in ein Wasserglas auf den kleinen dreibeinigen
Wandtisch, den er in der Wirtschaft des Rantumer Strandvogts für ein
geringes erstanden hatte.
Er dachte lange, bis er endlich einschlief, an die einsamen Astern oben
im Giebelzimmer und belebte den Raum mit allerlei Traumgestalten. Am
Morgen aber lachte er über die Blumen und warf sie zum Fenster hinaus.
3.
Randers fühlte sich geborgen. Vorläufig, vielleicht, dass es mit der
Zeit ihm auch hier nicht mehr einsam genug wäre. Nun, dann war ja
Norwegen da, die Schären und Fjords. Und immer so weiter, bis in die
letzte grosse Einsamkeit. Auf diesem Rückzug war er ja doch.
Das mit Fides hatte ihm doch den Rest gegeben. Er bereute es nicht, er
würde es zum zweitenmal wieder so machen. Und das gerade war es, was
ihn so aus dem Geleise wart. Seine eigenste Natur hatte ihm diesen
Streich gespielt. Er hatte das Glück in Händen gehabt und hatte es von
sich geworfen, weil es ihm in diesem Augenblick kein Glück mehr war.
Seine Natur war auf das Unmögliche gestellt. Er trug sich mit Idealen,
die verwirklicht, ihn unglücklich machen müssten. Weil er halb war,
grossmäulich im Wollen, kleinmütig im Ausführen.
Ach ja, seine schönen Theorieen!
Dass alles Halbe ausgerottet werden müsste, dass die Halben mit Gewalt
expediert werden müssten, wenn sie sich nicht selbst aus der Welt
bringen wollten. Das war auch so eine von seinen Theorieen, aber eine,
die sich verwirklichen liess. Und da würde er seinen Mann stellen. Ja,
es war geradezu das Ziel, worauf er jetzt lossteuerte. Und da er ganz
sicher wusste, dass er einmal dort anlangte, warum sollte er sich
beeilen? Warum nicht in aller Ruhe und Gleichmütigkeit diesen Todesgang
gehen?
Das war ja gerade das Köstliche, gab ja gerade dem Leben diesen
seltenen, schaurigen Reiz: dieses Tanzen über dem Grabe, dieses letzte
Geniessen, mit dem Bewusstsein, es ist das letzte; mit jedem Tropfen,
den du schlürfst, kommst du dem Nichts näher.
Aber ausleben, nicht absterben!
Randers war den Rantumern schon von früher bekannt. Er war oft auf Sylt
gewesen. Auf der ganzen Insel, von Hörnum bis List hinauf, kannte man
den "langen Doktor".
Die Leute freuten sich seiner Anhänglichkeit an ihre Insel und freuten
sich, dass er jetzt ganz bei ihnen bleiben wollte. Freilich lachten sie
auch über ihn. Er war doch noch immer der alte verrückte Kerl. Und
Randers lachte mit. Er wusste, die Leute waren im Grunde einem gesunden
"Sparren" nicht gram, wussten ihn zu schätzen. Und dass er anders war
als andere, das machte ihm ja selbst den grössten Spass, das war ja sein
Stolz. Er war ja überall der Andere gewesen. Überall "deplaciert". Hier
war jeder der Andere, der Eigene, Sonderliche. Jeder ein Original. Aus
der Natur herausgewachsen, ohne Drill und Schliff. Das waren die Leute,
die ihm gefielen. Er fuhr mit ihnen aufs Meer, lernte wieder das Segel
handhaben. Er freute sich kindisch, als er den ersten Seehund geschossen
hatte. Auch eine Möwe holte er herunter, nur um den Leuten zu zeigen,
dass er's konnte. Nachher tat er's nie wieder. Er liebte die Möwen.
Auch von den Seehundjagden kam er oft ohne Beute zurück. Dann waren ihm
die guten dummen Tiere leid gewesen, und er hatte nur darüber
weggeknallt und sich an ihrem Erstaunen belustigt.
Er sah braun aus, wie der älteste Rantumer, schon nach drei Wochen; war
er doch stündlich draussen, im feuchten Salzwind, das Sturmband unterm
Kinn. Bald hier, bald da tauchte seine weisse Mütze wie eine
aufgescheuchte Möwe aus den Dünen auf. Von Hörnum bis List hatte er alte
Bekanntschaft erneuert und "begossen." Und der Salzwind liess keine
"Gespenster" aufkommen, wehte sie weg, schneller als den Nebel, der
plötzlich aus Watt und See aufstieg und alles in einen geheimnisvollen
Schleier hüllte.
4.
So war es Winter geworden und war wieder Frühling geworden. Das einsame
Fremdenzimmer hatte nie wieder Blumen gesehen. Hatten die Stürme, die
über die Insel gebraust, die "Eulennester in seinem Schädel", wie
Randers sagte, weggeblasen? Hatte der tägliche Verkehr mit den gesunden
Insulanern, denen er sich in der langen Winteröde immer mehr
angeschlossen hatte, wohltuend auf ihn gewirkt? Oder war es Moiken, die
flachsblonde Kellnerin beim Rantumer Wirt und Strandvogt Brork Hansen,
die ihn vernünftig gemacht hatte?
Abend für Abend hatte er während des langen Winters in der Rantumer
Wirtsstube gesessen und sich gut und schlecht von Moiken behandeln
lassen, wie ihr gerade der Sinn stand. Er machte ihr den Hof, machte ihr
kleine Geschenke, gab reichlich Trinkgeld, und sie liess sich, wenn sie
allein waren, dafür mal von ihm küssen. Weiter ging's nicht. Er hatte
seinen Spass daran, und ihr brachte es etwas ein.
Um die Weihnachtszeit war er wieder melancholisch geworden, wie immer,
wenn andere Leute den Christbaum anzünden. Und er hatte sich ein
Bäumchen verschafft, hatte es mit ein paar Lichtern geschmückt und ins
Fremdenzimmer gestellt. Das sollte ihm nun Abend für Abend bis in die
Neujahrsnacht leuchten.
Moiken war gekommen und hatte seinen Baum bewundert. Sie hatte sich auf
den Bettrand gesetzt, ihm zwischen die Kerzen hindurch in die Augen
geblitzt. Aber er hatte sie plötzlich weggejagt, sie versäume gewiss was
in der Wirtschaft.
"Durchaus nicht."
"Ja, doch! Geh."
Und er schob sie fast zur Tür hinaus.
Nein, das wäre doch. Unterm Tannenbaum!
Er strich das Bett glatt, wo sie gesessen hatte, löschte die Lichter
und ging in sein Zimmer hinunter.
Nachts träumte er von Moiken.
5.
Randers hatte sich seit Monaten nicht nach Briefen umgesehen. Die
Weihnachtsstimmung weckte ihm das Bedürfnis danach. Er war etwas
enttäuscht, beim Leuchtturmwärter nur zwei Briefe vorzufinden, beide von
Gerdsen. Aber wer sollte ihm auch schreiben. Er hatte sich ja von allen
zurückgezogen, er wollte es ja so.
6.
Gerdsen an Randers.
Sie sind also doch auf und davon, lieber Freund. Hätten Sie doch noch
drei Tage gewartet. Ich kam früher zurück, als ich dachte. Schade! Nun
folg ich einstweilen Ihren Anweisungen, adressiere diesen Brief nach
List und warte neugierig, was Sie mir aus Ihrer Einsamkeit melden
werden. Wenn Sie Ihr Blockhaus unter Dach haben, versäumen Sie nicht,
mir rechtzeitig Bescheid zu geben, damit ich an der Richtfeier mit einem
stillen Trunk teilnehmen kann. Die Seltenheit des Falles dürfte Sekt
rechtfertigen.
Ihr Gerdsen.
Gerdsen an Randers.
Acht Wochen haben Sie mich ohne Nachricht gelassen. Ich bin unruhig. Wo
stecken Sie? An oder in der See? Unter den Trümmern Ihres Blockhauses?
Als zappelnder Fisch in den Netzen einer blonden Keitumerin? Ich hoffe,
Sie leben noch und arbeiten auf irgend eine Weise an unserm Roman. Es
wäre mir doch sehr lieb, wenn ich an dem Faden ihrer Erlebnisse mich
weitertasten könnte und nicht mit dem Schluss ganz auf meine Phantasie
angewiesen wäre. Als "Fachmann" müsste mir nun freilich schon klar sein,
wie das Gebäude zu krönen ist. Aus dem, was ich habe, müsste ich schon
als guter Psychologe, wenn auch unbewusster, wie es der Dichter meistens
ist, die Konsequenzen ziehen können. Ja, ich müsste jetzt Ihnen Ihre
künftigen Wege zeigen können. Aber ich will's Ihnen allein überlassen
und aus der Rolle des getreuen, nachtappenden Chronisten nicht
heraustreten.
Die Wirklichkeit straft ja so oft alle Berechnung und Psychologie
Lügen. Also leben Sie fleissig à la Randers und führen Ihr Tagebuch für
mich weiter.
Neugierig bin ich, welche Friesenmaid die weiblichen Figuren des Romans
vermehren wird. Mich würd's schon freuen, wenn Ihre Liebe nun zur
Abwechselung einmal aus den aristokratischen Kalbsledernen in die
friesischen Holzpantoffeln führe.
Adieu! Melden Sie mir wenigstens den Empfang dieses Briefes, wenn Sie
sonst auch keinen Stoff zu einem Brief haben. Habe ich in vier Wochen
keine Antwort, rechne ich Sie zu den Verschollenen und beende den Roman
ohne Sie und verheirate Sie zur Strafe zuletzt mit einer ältlichen
Gouvernante, die Sie jeden Sonntag in die Kirche führt. Also!
Ihr Gerdsen.
7.
Randers an Gerdsen.
Dank für Ihre beiden Briefe. Mein Blockhaus ist fertig, ich auch: mit
der Welt. Hier ist's gut. Keine Weiber. Nur Moiken, die Kellnerin oder
"Stütze" im Rantumer Krug, die ich "poussiere". Aber das ist des
Zeitvertreibs wegen und um dem Mädel einen Spass zu machen. Genügt Ihnen
das für den letzten Teil des Romans, meinetwegen! Lassen Sie Ihren
"Helden" irgendwo verbauern, sich um eine Dorfdirne die Knochen
zerschlagen, oder--es ist mir wirklich so gleichgültig geworden. Täten
Sie mir nicht leid um Ihrer undankbaren Arbeit willen, ich würde Sie
bitten, das ganze Manuskript in den Ofen zu stecken. Aber so weit wie es
jetzt gediehen ist, hab ich kein Recht mehr daran. Sie haben freie Hand.
Und damit viel Glück! Möcht's Ihnen Ruhm und Geld eintragen.