Gerd Gerdsen.
4.
Fides sass vor einem Stickrahmen in der offenen Verandatür. Draussen
band der Gärtner einen Zweig prächtiger Maréchal Niel, der sich unter
der Last der Blüten tief herabbeugte, an den Stock. Ein paar Tauben
liefen auf dem weissen Kiesplatz vor der dreistufigen Steintreppe, die
in den Garten hinabführte, jagten sich, scharrten und warfen sich in die
Brust und gurrten.
Alles lag in warmer, heller Sonne. Breit flutete ein Streifen goldenen
Lichtes durch die offene, weinumrankte Veranda ins Zimmer hinein,
machte die Silberschnallen auf Fides kleinen Bronzeschuhen blitzen und
funkeln, die Ringe an ihrer schlanken, etwas grossen Hand, und den
Silberpfeil, der den schweren Knoten des vollen blonden Haares hielt.
Auch dieses weiche seidenweiche Blondhaar leuchtete, und die kleinen
Ringel- und Kräusellöckchen über der Stirne sahen ganz goldig aus. Und
die bunte Seide in ihrem Körbchen, die fast vollendete Stickerei im
Rahmen, leuchteten und schillerten in tausend Nuancen.
Der süsse Duft der Rosen drang durch die offene Tür und erfüllte den
ganzen Raum, bis zu Randers, der am Flügel sass und phantasierte.
Ganz in sich zusammengesunken, das Kinn auf die Brust gesenkt, mit
starrem Blick auf die Tasten, als wollte er sie auch mit den Blicken
bändigen, sass er da; die Hände waren in rastloser Bewegung, eine
eigenartige, steigende Bewegung, storchartig.
Schon eine halbe Stunde sass er am Instrument. Monotone, chaotische
Phantasieen wie das endlose Auf- und Abwogen einer kochenden, glühenden
Flüssigkeit. Eine dumpfe, verhaltene Leidenschaftlichkeit, die sich in
wirren Selbstgesprächen verzehrte.
Fides wagte nicht, ihn zu unterbrechen, Sie konnte diesem Spiel nicht
mehr folgen. Ihre Aufmerksamkeit war in ein verwundertes Staunen
übergegangen, dann hatte sie leise gelächelt. Ihr verwöhntes, geschultes
Ohr konnte wohl eine Zeitlang an diesem Sturm und Drang einer
naturalistischen Musikbegabung ein erstauntes Gefallen finden, dann aber
ermüdete sie. Die Formlosigkeit dieser wild durch einandertaumelnden,
schlüpfenden und kriechenden Tonfiguren, und das gleichmässige Forte
heftiger, böser Akkorde, die grollten und schalten und um sich bissen,
tat ihr weh. Aber sie mochte ihn nicht stören, ihn nicht kränken. Es war
das erste Mal, dass er sich unaufgefordert an den Flügel gesetzt hatte
und seine Versicherung, er könne nicht spielen, Lügen strafte. Er hatte
sich bisher immer nur begnügt, ihr zuzuhören, im Schaukelstuhl liegend,
die Beine lang von sich gestreckt, und mit geschlossenen Augen sich
gegen die Aussenwelt absperrend.
Fides stand jetzt leise auf, stellte den Stickrahmen beiseite und trat
in die Veranda hinaus. Sofort hörte er auf. Er hatte ihren Schatten
durchs Zimmer gleiten sehen. Er fühlte es, dass sie ging, fühlte es
körperlich.
Fides wollte die Stufen in den Garten hinuntergehen, als sie ihn hinter
sich hörte. Sie wandte sich um, mit lächelndem, fragenden Blick.
"Sie spotten," sagte er, "ich habe Sie gequält mit meinem Unsinn."
"Sie spielen also doch," sagte sie ausweichend. Er lachte gutmütig,
etwas verlegen.
"Nicht der Rede wert, gnädigste Komtesse. Was haben Sie nur von mir
gedacht. Aber ich finde nie ein Ende, verliere mich so leicht."
"In alle Tiefen," scherzte sie.
Sie gingen in den Garten hinab. Sie standen vor den Rosen, und Fides bog
einen vollen Zweig zu sich herab und sog den süssen Duft ein. Die Zweige
schmiegten sich ihr an Stirn und Wangen, legten sich mit üppigen gelben
Kelchen und zarten schimmernden Knospen auf das helle Gold ihres blonden
Scheitels, das in der Sonne einen rötlichen Glanz annahm und ihn an das
Familienporträt im Speisesaal erinnerte. Dasselbe rote Goldblond,
derselbe weisse durchsichtige Teint, der doch nichts Krankhaftes hatte.
Nur ernster, stolzer war das Gesicht der Mutter; etwas nordisch Strenges
war in den Zügen der dänischen Baronin, die dem Grafen eine Tochter
schenkte und starb.
In dieser schlanken Mädchengestalt vor ihm war das Strenge und Stolze
durch die Anmut der Jugend gemildert. Wie entzückend sah sie in dem
leichten, hellblauen Kleid aus. Der Ärmel war leicht zurückgefallen, als
sie die Hand nach den Rosen ausstreckte, und der weisse Sammet ihres bei
aller Fülle doch schlanken Armes leuchtete mit warmem, matten Glanz.
Fides bat ihn, ihren Gartenhut zu holen. Ob sie nicht einen Spaziergang
machen wollten.
Er ging, den Hut zu holen, der auf dem Esstisch lag. Er zögerte drinnen
einen Augenblick und verschlang vom Fenster aus ihre Gestalt mit den
Blicken.
In der Veranda fand er seine Mütze, eine schon etwas mitgenommene, einst
weisse Strandmütze. Er befestigte das schmale lederne Sturmband unterm
Kinn, obgleich das schönste Wetter war und nur ein ganz schwaches
Lüftchen wehte.
"Warum tragen Sie eigentlich immer dieses Sturmband?" fragte sie. "Ich
finde es hässlich."
"O," sagte er leicht errötend. "Mögen Sie es nicht? Ich finde, es sieht
so--männlich aus."
Er fand nicht gleich einen andern Ausdruck.
Sie lachte.
"Was ist denn da männliches dabei?"
"Das hat mir als Kind schon immer so imponiert," erklärte er. "Bei den
Kapitänen und nachher bei den Militärs. Ich denke dabei immer an einen
Mann im Sturm. Es ist gleichsam, als sässe nun mit der Mütze auch der
Kopf fester. So, nun kommt her, ich biete euch die Stirn!"
Sie lachte wieder.
"Fürchten Sie, so leicht den Kopf zu verlieren?" "Aber im Sturm."
"Aber es weht ja gar nicht."
"Das macht ja nichts."
"Aber es sieht so komisch aus, jetzt bei Sonnenschein und ruhigem
Wetter. Und ich mag nichts am Manne, was nach Affektation aussieht."
"So dürfen Sie es nicht nennen," verteidigte er sich, obgleich er sich
getroffen fühlte.
Es war wirklich ein wenig der Wunsch gewesen, ihr zu imponieren, der ihm
das Band unters Kinn gezogen hatte.
"Sehen Sie, es steckt ein Seemann in mir, und der macht sich in so
kleinen Äusserlichkeiten Luft. Der unterdrückte Seemann in mir."
Sie sah ihn von der Seite an. Er hatte wirklich nichts Seemännisches,
wie er so neben ihr herstieg; diese eckige, hagere, hohe Figur, und das
Pincenez!
Aber er erzählte ihr, dass es sein grösster Wunsch gewesen wäre, zur See
zu gehen, Kapitän zu werden, aber dass ihn die Umstände, vor allem seine
Kurzsichtigkeit, auf eine andere Bahn gedrängt hätten.
"Ein bebrillter Seemann, wie lächerlich!" rief er aus.
Aber dann entwarf er ein glänzendes Bild von dem Leben eines Seemannes,
von seiner Freiheit, seinem Mut, seinem Heldentum, und er berauschte
sich an seinen grossen Worten.
"Sie, als Aristokratin, müssen mir das nachempfinden können, Komtesse,"
eiferte er. "Gibt es einen aristokratischeren Beruf als den des
Kapitäns."
Ihre Augen leuchteten ihn an. War das in ihm? Er hatte bisher keinen
heldenhaften Eindruck auf sie gemacht. Jetzt sprach er wie ein alter
Wikinger von Sturm und Kampf, und sie hörte aus dem Klang seiner Stimme
den Ton echter Leidenschaft und Sehnsucht.
Er hatte das Sturmband nicht gelöst. Sie freute sich darüber. Er war
wenigstens nicht eitel. Und er hatte Charakter, liess sich seine kleinen
Eigenheiten und Liebhabereien nicht einfach von einer absprechenden
Kritik wegblasen.
Und wie er so neben ihr ging, das scharfe Profil mit der etwas langen,
geraden Nase und dem runden festen Kinn halb von dem Mützenschirm
beschattet, die breiten knochigen Schultern etwas hinaufgezogen, als
stemmten sie sich gegen eine unsichtbare Last, fand sie auf einmal, dass
er doch männlicher aussehe, als wie er ihr bisher vorgekommen war. Sie
konnte sich ihn trotz der Brille recht gut auf der Kommandobrücke
denken, den Südwester auf, oder die goldbordierte Mütze des Kommandeurs,
natürlich mit dem Sturmband unterm Kinn.
Aber was daran so aristokratisch wäre, fragte sie.
"Vor allem die Exklusivität seiner Stellung, seine absolute
Souveränität. Er ist Herr über Leben und Tod. Alle Verantwortung trägt
er allein. Welch ein Gefühl für einen Mann! Welch ein Kraft- und
Machtbewusstsein, welch ein Lebensbewusstsein! Und nehmen Sie dazu das
Meer. Im Sturm! Der Kampf der Elemente! Er zittert nicht, er beherrscht
das Meer, er fürchtet es nicht. Und wenn er unterliegt in diesem Kampf,
wie weiss er zu sterben. Ein Held. Bis zum letzten Atemzug auf seinem
Posten. Sehen Sie, das ist der Mann in seiner ganzen Männlichkeit, in
seiner Grösse, der heldische Mann, die aristokratische Natur!"
Sie lächelte über seinen Eifer, aber sie hörte ihm aufmerksam zu und
streifte ihn wieder mit einem bewundernden Blick.
Aber er hatte ihr Lächeln bemerkt und lachte nun auch, lachte laut und
gutmütig.
Da war er mal wieder in Feuer gekommen! Aber er hatte doch recht, und er
wollte es von ihr bestätigt haben. Und sie sagte: "Ja, ja. Sie wissen
das so wunderhübsch zu sagen. Man wird ganz warm dabei. Es ist wie ein
Gedicht. Es ist wirklich schade, dass Sie kein Seemann geworden sind."
Sie hatten den Park verlassen und gingen auf dem schmalen Fusssteig
durchs Roggenfeld. Die See wurde sichtbar. Ein Segel schien an dem
Horizont festgeklebt. Die See glitzerte und flimmerte, das Segel
leuchtete. Ein Paar Möwen kreisten bis übers Feld.
Randers, der jetzt hinter Fides ging, rupfte eine Ähre nach der andern
und zerpflückte sie.
Und dann fing er wieder von der See an, von der Nordsee.
"Was meinen Sie zu einem Blockhaus an der See, in den Dünen, oder oben
in den norwegischen Schären?"
"Was Sie für Einfälle haben. Warum gerade ein Blockhaus?"
"Weil es sich der Natur anschmiegen muss. Einsam, versteckt, grau in
grauer Wildnis. Aber innen muss es natürlich behaglich sein."
"Kienruss und Tran, und gedörrte Fische an den Wänden," spottete sie.
Er lachte.
"Warum nicht auch so? Aber ich dachte es mir doch anders. Comfortable.
Mit Teppichen. Und ein Bechstein darf nicht fehlen. Und Sie spielen
Chopin."
"Ich?"
"Ja, wäre das nicht schön? So ganz weltfern, nur die Einsamkeit, die
Natur. Musik, Bücher--"
"Sie sind ja der reinste Romantiker," unterbrach sie ihn.
"Aber denken Sie sich mal da hinein. Diese wundersamen Spaziergänge in
den Dünen, am Abendstrand."
"Und wenn wir heimkommen, schälen wir gemeinschaftlich Kartoffel, rösten
einen Seehund am Spiess und kochen Tee."
"Sie spotten wieder."
Er war wirklich etwas gereizt.
Sie lachte hell heraus.
"Das empfinden Sie nun als Spott, wenn ich praktisch an das Nötigste
denke. Sie wären imstande, ein Haus ohne Speisekammer zu bauen."
"Die soll ja auch da sein."
"Dann hört sich's schon anders an. Also nicht nur Musik und Sentiments.
Ja, ich will es mir doch überlegen. Es wäre mal etwas anderes. Am Ende
fänden sich noch welche, die sich anschlössen."
"Um Gottes Willen! Keinen dritten! Das ist ja gerade die Hauptsache, nur
zu zweien."
"Nur wir beide?"
Er sagte nicht ja. Er lachte nur. Welcher Einfall, ihr das alles zu
sagen. Und empfindlich zu sein, dass sie es nicht ernst nahm!
5.
Randers überlegte, ob es nicht besser wäre, er reiste ab. Wollte er
warten, bis er sich wirklich in sie verliebt hatte? Heiraten konnte er
sie doch nicht.
Er würde sie auch nicht heiraten, selbst wenn er sicher wäre, keinen
Korb zu bekommen. Er hatte seinen Stolz, und er hatte seine ganz
besonderen Ansichten über Mesalliancen. Er hatte Grundsätze, die eine
Ehe mit ihr ausschlossen.
Also nur ihr nachlaufen, wie ein verliebter Gymnasiast? Er dankte.
Vorläufig war das ja auch noch keine Liebe, nur ästhetisches Gefallen,
Hochachtung und alles andere. Aber die Gefahr hatte um die Ecke gesehen.
Gestern, zwischen den Ähren, als sie vor ihm herging, ganz in Sonne
getaucht, von Zeit zu Zeit den Kopf nach ihm wendend, dass er den
warmen, leuchtenden Sammet ihrer weichen Wangen sah, die graziöse
Biegung des Halses--er hatte eine Ähre nach der andern gerupft und die
Körner durch die Finger gleiten lassen, um die Regung zu unterdrücken.
Ja, er wollte weg. Die ganze Geschichte hatte keinen Zweck.
Aber in ein paar Tagen sollte die Jagd eröffnet werden, der Graf hatte
ihn dazu eingeladen, und er hatte sich so darauf gefreut.
"Kindisch," wie er zu Fides gesagt hatte. Wenn er nun so plötzlich
abreiste, welchen Grund sollte er angeben? Nun, hundert Gründe. Da gab
es allerlei, was ihn abrufen konnte. Aber vielleicht sah es doch nach
Flucht aus, oder nach Gleichgültigkeit. Also noch ein paar Tage, ein
paar Jagdtage. Dann aber weg von hier!
Er hatte nun doch ernstlich Sehnsucht nach der Nordsee. Dies alles lag
ja so gar nicht in seinem Plan. Ein paar Wochen hatte er schon in
Grashof verloren.
Und schliesslich musste sie doch denken, es sei nur ihretwegen. Denn war
es nicht Wahnsinn, sich ohne vernünftigen Grund in diesen Krug
einzupferchen?
6.
Im Schloss war Besuch angekommen. Randers hörte es unterwegs von den
Leuten auf dem Felde. Besuch in einem Segelboot.
Ob er hinginge? Er war doch neugierig. Besuch, der in einem Segelboot
kam. Das war doch interessant. Er interessierte sich so für das Segeln.
Und wer mag das sein, der hier ein Segelboot hat.
Er traf nur Fides im Salon und eine fremde Dame, eine kleine, lebhafte,
unscheinbare Person mit vollen Formen, ganz hübschen, braunen Augen und
einem etwas groben und lebhaften Teint.
"Sieht die gesund aus," dachte er.
"Fräulein Krüger," stellte Fides vor.
Also nichts Adeliges.
Eine leise Enttäuschung.
Das Fräulein sah ihn mit unverhohlener Neugier an. Er las deutlich aus
ihren Blicken: "Also das ist er?"
"Ich habe Fräulein Krüger von Ihnen erzählt," sagte Fides gleich.
Randers verbeugte sich.
"Sie halten sich zu Ihrer Gesundheit hier auf, Herr Doktor?" fragte das
Fräulein.
"Das nicht gerade."
"Ich meinte das."
Sie sah Fides fragend an.
"Allerdings," sagte er schnell. Wenn Fides so gesagt hatte, wollte er
nicht anders sagen. "Ich reise überhaupt zu meiner Erholung oder
Zerstreuung, was ja oft dasselbe ist."
"Der Herr Doktor schwärmt für die See," sagte Fides.
"Die haben Sie ja erster Hand hier," meinte das Fräulein.
Wie gewöhnlich sie sich ausdrückt, dachte Randers. Und ihre Stimme
klingt wie eine verrostete Schiffsglocke.
"Sie sind mit dem Segelboot gekommen, gnädiges Fräulein?"
"Ja, haben Sie es gesehen?"
"Ich hörte es von den Leuten. Mit Ihrem Herrn Gemahl?"
"Mein Bruder."
Beide Damen unterdrückten mühsam ein Lächeln. Er nannte sie Fräulein und
fragte nach ihrem Herrn Gemahl.
"Ach so! Pardon," entschuldigte er sich und wurde über und über rot.
"Der Herr Doktor ist ein grosser Seemann," sagte Fides. "Es ist ein
Kapitän an ihm verloren gegangen."
War das Spott?
Er lächelte etwas gezwungen.
"Da werden Sie sich gewiss unsre Jacht ansehen; sie ist ganz neu, ein
ausgezeichnetes Seeboot," sagte die Schiffsglocke.
"Wenn Sie erlauben, es würde mich sehr interessieren."
"Vielleicht machen Sie mal eine Fahrt mit Herrn Krüger?" fragte Fides.
"Er würde sich gewiss freuen, er ist so stolz auf seine Jacht und hört
sie gerne loben."
"Ja, das ist seine schwache Seite," bekräftigte das Fräulein.
"Ich wollte eigentlich morgen abreisen," sagte Randers. Er war durchaus
noch nicht entschlossen, aber es kam plötzlich über ihn, er musste es
sagen, er wollte sehen, wie sie es aufnähme. "So plötzlich?" rief Fides.
Sie schien ernstlich überrascht.
"Aber warum so schnell? Gefällt es Ihnen nicht mehr bei uns? Ich meinte,
Sie wollten die Jagd mitmachen?"
"Ja so, daran dachte ich nicht," sagte er.
"Sehen Sie," rief sie triumphierend.
Es lag ihr also an seinem Bleiben. Und sie machte daraus kein Hehl,
selbst in der Gegenwart der Fremden.
"Papa hat übrigens Ihr Wort," sagte Fides.
"Dann freilich."
Nachher besahen sie alle zusammen die Jacht. Randers bewunderte den
jungen Gutsbesitzer, einen grossen schönen Mann, schlank, muskulös, mit
gutmütigem, wettergebräunten Gesicht. Er sah ganz aus wie ein Seemann.
Ein buschiger, dunkelblonder Schnurrbart verdeckte etwas das einzig
Unschöne in diesem Gesicht, den grossen Mund. Der junge Mann lachte oft
und laut, wie seine Schwester, und dann zeigte er zwei prächtige Reihen
weisser, fester Zähne.
Der kann ein Segeltau durchbeissen, dachte Randers. Jedesmal, wenn der
junge Mann lachte, kam ihm die Vorstellung:
"Er kann ein Segeltau durchbeissen."
"Was meinen Sie?" fragte Fides.
Randers erschrak und wurde rot.
Hatte er es denn laut gesagt?
"Ich meine, ob man wohl ein Segeltau durchbeissen kann."
Sie sah ihn erstaunt an, lachte kurz auf und sagte:
"Was Sie für sonderbare Einfälle haben."
Die Jacht war wirklich sehr hübsch. Sie war ganz weiss angestrichen,
hatte eine kleine Kajüte an Bord, trug am Mast einen langen, rotseidenen
Wimpel. Am Spiegel stand mit goldenen Buchstaben: Seeschwalbe.
"Ein hübscher Name," sagte Randers.
"Es ist das schnellste Boot hier herum," erklärte Herr Krüger. "Es läuft
seine zwölf bis dreizehn Meilen in der Stunde."
Er sprach hauptsächlich zu Randers und schien ihn für einen grossen
Kenner zu halten. Randers musste sehr vorsichtig sein, wenn er sich
nicht blossstellen wollte.
Einmal wollte er sagen: "Ich verstehe so viel nicht davon." Und er hätte
es auch gesagt, wenn Fides nicht dabei gewesen. Aber jetzt sagte er es
nicht, sondern nickte nur immer mit dem Kopf, wenn der andre wieder
einen technischen Ausdruck gebrauchte, den er nicht verstand.
Sie hatten beide gleiche Mützen auf, weisse Schirmmützen, und sie hatten
beide das Sturmband unterm Kinn.
Ob Fides darauf achtete?
Der Graf fragte Randers, was er in den letzten beiden Tagen getrieben
hätte, er hätte sich ja gar nicht sehen lassen. Ja, was hatte er
getrieben? Er hatte einige Stunden am Strand gelegen und auf die See
hinausgeträumt, und war ein paar Stunden spazieren gelaufen.
"Bis nach Grossenbrode."
"Da hätten Sie ja gleich zu uns herüber kommen können," meinte Fräulein
Krüger. "Waren Sie schon auf Fehmarn?"
"Nein."
"Aber kommen Sie doch mal," lud der junge Mann ein. "Ich bringe Sie mit
dem Boot zurück. Ich hole Sie auch ab."
"Sie sollten das tun," redete der Graf zu. "Sie lernen zugleich im
Sassnitzer Gut eine Musterwirtschaft kennen."
Herr Krüger lachte gutmütig, halb geschmeichelt, halb bescheiden
abweisend.
"Lassen Sie gut sein, lieber Krüger. Alles was recht ist. Durchaus
musterhaft," sagte der Graf.
Also ein Mustermensch, dachte Randers, und ein hübscher Kerl. Was hat
er für Zähne! Und obendrein hat er eine Jacht!
Randers bekam mit einmal Lust, ihm ein Schiffstau zwischen die Zähne zu
schieben. Was er wohl für ein Gesicht machen würde?
Randers musste lachen.
Der Einfall war zu albern, aber er konnte ihn nicht wieder los werden.
Er musste immer an das Gesicht des jungen Mannes denken, wenn er ihm ein
Schiffstau zwischen die Zähne schieben würde. Er durfte ihn zuletzt gar
nicht mehr ansehen.
Als die Gesellschaft sich wieder ins Schloss begab, empfahl Randers
sich. Die Geschwister lachten ihm zu viel. Und er mochte keine
Mustermenschen leiden.
Niemand bat ihn zu bleiben, auch Fides nicht. Er war also überflüssig.
Mochten sie unter sich bleiben!
7.
Als die Jacht zwei Stunden später gegen den Wind weit in die See
hinauslief, lag Randers am Strand und sah ihr nach.
Es war eine stramme Nordostbrise, die auf das Segel drückte. Wie ein
Pfeil schoss das weisse Fahrzeug durch die Wellen. Es leuchtete auf dem
tiefen Blau des Wassers. Wenn Randers die Augen zusammenkniff, machte es
ihm den Eindruck eines grossen, weissen Vogels, der dicht über die
Wellen hin pfeilte. Die Jacht lag ganz nach rechts.
Wenn sie umschlüge?
Ob sie schwimmen könnten?
Bei diesem Wellengang würde es ihnen nichts nützen und in dieser
Entfernung. Der junge Mann war sicher ein guter Schwimmer, aber es würde
ihm nichts nützen, er würde hinunter müssen.
"Dann kann er Fides nicht heiraten."
Randers sagte das ganz laut.
Er verfolgte jede Bewegung der Jacht.
Jetzt legten sie um.
"Brillant!" rief er und richtete sich halb auf.
Wie ein Pfeil schoss die Seeschwalbe wieder auf die Rosenhagener Ufer
zu.
Da sass er nun am Steuerruder, lachte und zeigte die grossen, weissen
Zähne. Lachte vielleicht über ihn, über eine Bemerkung der rostigen
Schiffsglocke über ihn. Vielleicht sprachen sie auch über Fides. Sie
waren sehr vertraut mit Fides gewesen, kamen gewiss oft von Sassnitz
herüber. Übrigens kein übler Geschmack von dem jungen Mann.
Aber zum Teufel! Was waren das für Gedanken? War er denn eifersüchtig?
Wollte er, Henning Randers, denn Fides Bruckner heiraten?
Und dann, wie lächerlich! Die schönen Zähne und die Musterwirtschaft
machten den jungen Mann noch nicht ebenbürtig.
Komtesse Fides Bruckner und Herr Krüger, Gutsbesitzer auf Fehmarn.
Die Jacht lief jetzt wieder seewärts. Randers kletterte die steile
Uferhöhe hinan. Er wollte dem Musterwirt nicht länger nachgaffen.
"Morgen gehst du. Das ist ja alles Unsinn!" sagte er laut.
Er war an ein grosses Brachfeld gekommen, ging quer hinüber, kletterte
über ein Hecktor und verfolgte einen schmalen Fusssteig längs einer
Weide, wo ein paar Kätnerkühe lagen und wiederkäuten. Wie dumm die Tiere
glotzten.
Er stellte sich vor sie, glotzte sie wieder an und ahmte ihr Kauen nach.
Sie liessen sich nicht irre machen, kauten und bewegten die Ohren.
"Glückliches Rind," sagte Randers laut. "Ewiger Gleichmut, satte
Zufriedenheit."
Aus dem Knick sprang ein kleiner, barfüssiger Bengel, den das laute
Sprechen anlockte.
"Sind dat din Köh?" fragte Randers.
"Nee."
"Hört de to 'n Haf?"
"Nee."
"Wen hört se denn?"
"Peemöller sin."
"Wat deihst du hier denn?"
Der Junge wandte sich verlegen ab.
"Muggst du woll gern 'n Groschen hebben?"
Das Gesicht des Kleinen strahlte, aber er schwieg.
Randers schenkte ihm ein Zehnpfennigstück und ging weiter.
Als er auf die Landstrasse hinaus kam, zögerte er.
Das Dach des Rixdorfer Herrenhauses leuchtete in der Abendsonne zwischen
den hohen Parkbäumen herüber.
Er fühlte ein Verlangen nach Fides, ein eifersüchtiges Verlangen, mit
ihr über die Sassnitzer zu sprechen.
Aber es gab keinen Vorwand, der einen zweiten Besuch an diesem Tage
entschuldigt hätte.
Er ging in den Krug, trank einen Schnaps und setzte sich in die kleine
Laube hinter dem Hause.
Es roch hier nach dem Schweinestall, und die Hühner kamen und bettelten.
Sch, sch, jagte er sie.
Sie blieben in einiger Entfernung stehen, auf einem Bein, drehten die
Hälse und blinzelten ihn an.
Aber er hatte nichts für sie übrig. Er kritzelte in sein Tagebuch.
8.
Ein paar warme, weiche Regentage kamen, und Randers war in bester Laune.
Es war, als hätte ihm nur dieser Regen gefehlt.
Der Himmel war gleichmässig bewölkt, alles Laub feucht und glänzend.
Beständig tröpfelte es von den Bäumen, von den Hecken, hing in tausend
blitzenden Perlen an den Gräsern, an den Ähren, die noch ungeschnitten
auf den Feldern standen, und an den Ähren, die schon in Garben
zusammengehockt waren. Und die Rosen im Park wussten nicht, wohin mit
all dem Nass, neigten sich und liessen es in grossen, schweren Tropfen
auf die schwarzen Beete fallen. Und von dem vorspringenden Dach der
Veranda tröpfelte es in ungleichem Rhythmus auf die Steinstufen der
Gartentreppe, gluckste in der Regentraufe und plätscherte aus der Traufe
in die grosse Tonne.
Randers hatte seinen Stuhl dicht an die Treppe gerückt, sass vornüber
gebeugt, die Hände zwischen den Knieen gefaltet, und trank diese weiche
Regenmusik mit entzücktem Ohr. Er war ganz glücklich in einer sanften,
zufriedenen, dankbaren Stimmung.
Er war nun schon zwei Tage im Schloss. Sie hatten ihn bei diesem Wetter
durchaus nicht in seiner armseligen Behausung lassen wollen. Er hatte
endlich die Einladung wenigstens für einen Tag angenommen und war dann
doch für die Nacht geblieben. Und welch eine Nacht.
Er hatte sie halb am offenen Fenster verträumt, voll von den Gesprächen
des Abends, voll von den Glockenlauten ihrer Stimme und erhellt von dem
Lichte ihrer Augen.
Sie hatten über die Krügers gesprochen, über den Segelsport, und er war
wieder in seine nautische Schwärmerei verfallen und war wieder auf seine
Kapitänsaristokratie im besonderen und auf den Adel im allgemeinen
gekommen. Er hatte eine Lanze gebrochen für die Geschlechter gegen die
plebejische Masse, gegen diesen Mischmasch der Allzuvielen, ohne
Tradition, ohne Erziehung, ohne Kultur. Er war heftig und ungerecht
geworden, so dass sie ihm wiedersprachen. Warum er aristokratischer als
sie selbst sein wolle?
Der Graf hatte dem Geistesadel seine Reverenz gemacht. Nur der Geldadel
kam bei ihnen allen gleich schlecht weg. Randers aber kam hartnäckig
immer wieder auf den Geburtsadel zurück.
"Da ist die lange Tradition, die Zucht von Geschlechtern her, da sind
die feinsten, höchsten Kräfte der Familie, des Stammes, der Rasse bis
zur Blüte getrieben."
"Bis zur Überkultur!" warf der Graf ironisch ein.
Aber Randers liess sich nicht irre machen.
"Da ist Harmonie nach innen und aussen," fuhr er fort. "Die Ruhe, die
vornehme Sicherheit, die Standesbewusstsein, Machtbewusstsein und Besitz
verleihen. Mit einem Wort Kultur. Und der Adel sollte diese seine
höchsten Güter nicht preisgeben, seine Exklusivität bewahren. Da darf
sich nichts eindrängen, was nicht hineingehört, nichts Fremdes,
Zerstörendes, Nivellierendes."
"Sie plaidieren für standesgemässe Verbindung," warf Fides etwas
spöttisch ein.
Ihr Spott kränkte und reizte ihn.
"Ja," sagte er.
"Auch bis zur letzten Konsequenz?"
"Ja, wie so?"
"Sie würden selbst unter keinen Umständen eine Aristokratin heiraten?"
"Nein."
Randers erinnerte sich nicht genau mehr aller Worte, aber es war sehr
beredt gewesen, schroff und unerbittlich. Es war ihm jetzt ganz leicht
ums Herz. Er hatte nun einen Schutzwall aufgerichtet zwischen sich und
ihr; sie wusste jetzt, wie sie mit ihm daran war, dass er sich durchaus
nicht mit lächerlichen Absichten und überhebenden Hoffnungen trug. Jetzt
konnte er ihr auch ruhig sagen, dass sie Fjordaugen habe und die Stimme
einer norwegischen Hirtin.
Und er sagte es ihr, sich halb nach ihr umwendend, ganz unvermittelt.
"Ich habe alle diese Zeit darüber nachgedacht. Sie haben Fjordaugen,
Komtesse."
Fides sass mit ihrer Handarbeit neben ihm, ein wenig zurück, um von den
Tropfen, die von dem Verandadach fielen, nicht bespritzt zu werden.
"Fjordaugen?" fragte sie und lachte. "Was ist nun das wieder?"
"Sie waren nie in Norwegen?"
"Nein."
"Dann kennen Sie auch nicht diesen wunderbaren Wasserspiegel zwischen
den Schären. Klar und blank, und blau, als läge der Himmel zu ihren
Füssen, und doch von einer Tiefe, von einer dunklen, schwarzen Tiefe,
die wundersame, beängstigende Geheimnisse zu bergen scheint. Und über
dieser Tiefe das goldige, grüngoldige Flimmern der Sonne, und in diesem
Spiegel die Felsen, die Wälder, die Wolken. Und mitten dazwischen ein
kleines Boot, das sich wiegt, wie zwischen zwei Himmeln. Und dann die
Stille, die grosse feierliche Stille umher. Ich kann es Ihnen nicht so
sagen, wie es ist."
"Und das alles finden Sie in meines Augen?"
Sie lächelte und sie errötete.
"Und in Ihrer Stimme," sagte er.
"Das wird immer wunderlicher. Was Sie für Einfalle haben."
Randers lachte. Sein gutmütiges, überlegenes Lachen.
Dann nach einer Pause:
"Ich habe einmal ähnliche Augen gesehen."
Also doch, dachte Fides.
"Die erinnerten mich an die Kirche von Drontheim."
"Also Kirchenaugen," lachte sie.
"Ja, Kirchenaugen."
Der Ausdruck gefiel ihm.
"Haben Sie die Dolgorucki gehört?" fragte er.
"Die Dolgorucki? Die--(sie suchte nach einem Ausdruck) die Musikantin?
Nein, ich hatte nicht die Ehre."
"Warum sprechen Sie so verächtlich von ihr?"
"Nun, ich bitte!"
Er runzelte die Stirn und sah auf seine Stiefelspitzen.
"Warum verurteilen Sie sie? Hat es nicht etwas Imponierendes, dieses
stolze Sichhinwegsetzen über Familie und Gesellschaft, über alle
Vorurteile ihres Standes und ihrer Geburt? Nur der Kunst zu Liebe. Liegt
darin nicht auch wieder etwas echt Aristokratisches?"
"Sie scheinen diesen Begriff sehr weit zu dehnen," sagte sie.
"Sie vergessen die Künstlerin."
"Wenn es nur das wäre."
"Etwas Trotz, abenteuerlicher Sinn--"
"Also."
Eine lange Pause entstand. Er fühlte, dass sich das alles nicht so ganz
mit seinen gestrigen Auseinandersetzungen vereinigte.
"Sie vergessen die Künstlerin," wiederholte er.
Sie lächelte über seine Hartnäckigkeit.
"Und diese Künstlerin hatte die Kirchenaugen?" fragte sie.
"Ich konnte diese Augen nicht sehen, ohne an die Kirche von Drontheim zu
denken. Das heisst, nur wenn die Fürstin spielte. Dann war ein
wunderbares, geniales Feuer in diesen Augen; sie waren ganz leuchtend
blau, und ich hatte denselben Eindruck wie bei meinem ersten Eintritt in
diese Kirche, die ganz aus bläulichem Stein erbaut ist. Die blauen
Pfeiler, die blaue Wölbung, es ist, als ob Sie den Himmel sehen."
"Mir scheint, es steckt ein Dichter in Ihnen. Ich habe Sie in Verdacht,
Verse zu machen," sagte Fides.
9.
Es war der dritte Regentag. Aber es regnete nicht mehr so anhaltend. Nur
hin und wieder fielen kurze Regenschauer. Aber es war kühl und windig,
und zerrissene Wolkenfetzen jagten am Himmel hin, wie Flüchtlinge eines
zersprengten Heeres.
"Was ist das Leben? All dieses Leben nach aussen hin, welche
Befriedigung gewährt es zuletzt?" sagte Randers. "Ist nicht alles so
verzweifelt farblos, öde, wenn wir nicht etwas Farbe hinzutun--aus
unsern innern Farbtöpfen, etwas Goldschaum dran wenden, einen bunten
Schleier darüber decken?"
Fides sass am Flügel, die Hände in dem Schoss, mit dem Rücken gegen das
Instrument.
"Die Philosophie eines Träumers, die nur Traumfrüchte pflücken wird. Wie
wollen Sie sich ein Leben zimmern, ein Haus bauen? In Luftschlössern
kann man doch nicht wohnen."
"Oho, gewiss kann man das! Leben wir nicht alle in Luftschlössern? Unser
eigenstes, höchstes und feinstes Leben--"
"Ich bin praktischer," unterbrach sie ihn lachend, "ich halte es mit
der Wirklichkeit. Ich lobe mir die Realitäten. Wünsche und Träume haben
wir ja alle. Aber wir suchen und wollen doch ihre Verwirklichung."
"Wenn sie sich aber nicht verwirklichen lassen?"
"Dann resigniert man eben."
"Oder begnügt sich mit dem Traum der Erfüllung."
"Das versteh ich nicht."
"Was Sie nicht in der Wirklichkeit besitzen können Sie doch im Traum
besitzen, in der Einbildung."
"Um nachher doppelt enttäuscht zu werden?"
Er zuckte die Achseln.
"Man muss Philosoph oder Dichter sein, um leben zu können," sagte er.
"Oder Eroberer."
Er sah sie gross an.
"Wenn einem aber hierzu die Kraft fehlt?"
"Dann muss man nicht auf Eroberungen ausgehen und sich an der
Philosophie genügen lassen."
"Also."
Eine Pause, die sie mit ein paar Läufen ausfüllte.
"Im Besitz liegt das Glück doch nicht," stiess er hervor.
"Aber man will doch schliesslich besitzen."
"Glück ist Sehnsucht, Erfüllung ist Tod."
"Ist das von Ihnen?"
"Wie so?"
"Das klingt wie aus einem Gedicht."
"Wie ist es zum Beispiel mit der Liebe?" rief er, warm geworden und auf
ihre Bemerkung nicht eingehend.
"Sie meinen, die hört mit dem Besitz auf?" fragte sie.
"Ja."
"Sprechen Sie aus Erfahrung?"
Sie lachte ein wenig spöttisch und überlegen, als wüsste sie das besser.
Und er lachte auch. Was sollte er darauf antworten?
"Ausnahmen gebe ich ja zu," sagte er.
"Also doch."
"Die Liebe kennt überhaupt keine Regeln, sie kennt nur Ausnahmen."
"Also Streit um des Kaisers Bart."
"Sie haben recht. Spielen Sie mir lieber noch etwas Chopin. Oder den
Totentanz."
"Ihr ewiger Totentanz."
Sie präludierte ein paar kurze Takte und spielte Webers "Aufforderung
zum Tanz".
Er schüttelte missbilligend den Kopf.
Er liebte diese Musik nicht. Er erhob sich leise und trat in die offene
Verandatür und sah in den windbewegten Park hinaus.
Ob sie es gemerkt hatte?
Sie hielt mitten im Stück auf.
"Es ist nichts," sagte sie. "Ich mag heute nicht spielen."
10.
Der nächste Tag war ein Sonntag.
Ob er mit in die Kirche wolle?
Ja.
Er sah, dass seine Bereitwilligkeit sie etwas in Erstaunen setzte,
obgleich sie kein Wort darüber verlor.
Sie musste ihn natürlich für einen Freigeist halten, für einen
Religionsverächter. Darüber musste er sie doch gelegentlich aufklären.
Da machte sie sich ein ganz falsches Bild von ihm. Glaubte sie, er wäre
aus so grobem Stoff, wie diese "aufgeklärten" Leute, die an dem
Einmaleins und der Entdeckung der Bazillen genug haben, und glauben, sie
hätten jetzt den lieben Gott aus der Welt hinausgerechnet und
hinausexperimentiert?
Den Weg zum Christentum freilich fände er wohl nicht wieder zurück. Aber
das Göttliche vermochte er doch nicht zu leugnen. Was ihm, dem Doktor
Philosophiae Henning Randers, ausreichte, genügte deshalb noch lange
nicht für Claus Piepenbrink. Claus musste etwas Greifbares in die Hand
bekommen, ein Seil, woran er sich längs tasten konnte. Und dieses Seil
war die christliche Religion, dieses Seil drehte ihm die Kirche. Und nun
gar ein Weib ohne Religion! Natürlich liebte er nicht die Betschwestern.
Aber er hasste diese "aufgeklärten," wissenschaftlichen, bebrillten
Blaustrümpfe.
Und das war seine innerste Ansicht von der Sache und seine
festgegründete Überzeugung, nicht etwa eine augenblickliche,
sentimentale Wallung, veranlasst durch die Tatsache, dass Fides die
Kirche besuchte.
Er war durchaus unabhängig von Fides, wenn er auch die Wahrheit seiner
Ansichten nie so empfunden hatte, wie jetzt, wo sie neben ihm im
Kirchenstuhl sass, mit gleichmässiger, stiller Aufmerksamkeit der
Predigt folgte und unbekümmert um seine Anwesenheit laut und innig die
Choräle mitsang.
Sie schob ihm dabei ihr Gesangbuch etwas zu, und er mischte schüchtern
seine harte, modulationslose Stimme in ihre tiefen Glocken. Und es war
ihm, als trüge sie ihn, wie ihre Stimme seine Stimme trug. Als hätte sie
ihn an der Hand gefasst, als fühlte er eine treue, sichere Hand, die ihn
einen ruhigen, sonntäglich schönen Weg führte, dorthin, wo Friede war
und Glück und Wunschlosigkeit und Dankbarkeit, das kindliche Gefühl der
Geborgenheit. Und er sang zuletzt ganz laut und tapfer die schlichten,
innigen Verse des alten Paul Fleming mit.
Lass dich nur ja nichts dauern
Mit Trauern!
Sei stille!
Wie Gott es fügt,
So sei vergnügt,
Mein Wille.
Was willst du heute sorgen
Auf morgen?
Der Eine
Steht allem für;
Der gibt auch dir
Das deine.
Sei nur in allem Handeln
Ohn Wandeln,
Steh feste!
Was Gott beschleusst,
Das ist und heisst
Das Beste.
Und als sie aufsahen und ihre Blicke sich trafen, wunderte er sich, dass
diese junge Dame neben ihm die Komtesse Fides Bruckner war. Ihm war, als
hätte er sie schon jahrelang gekannt, so nah waren sie sich durch diesen
gemeinsamen Gesang gekommen. Es war ein ruhiges Gefühl der
Zugehörigkeit, wie zwischen Bruder und Schwester.
Dies war der schönste Tag, der ihm seit Jahren geschenkt worden war. Er
trug nachher ihr Gesangbuch und behielt es auch während der ganzen
Rückfahrt, und er hielt es zärtlich wie einen geliebten Gegenstand.
Das war der schönste Tag!
11.
Randers wollte abreisen und blieb, wollte wieder abreisen und blieb, bis
es ihm eines Tages schwer aufs Herz fiel: Wie wirst du dich von all
diesem trennen können?
Das ist es, was du dir unter einer Ehe denkst, dies harmonische
Nebeneinander, Miteinander, ohne Verpflichtungen. Aber auf die Dauer
geht so etwas nicht ohne Standesamt. Und das ist eine Unmöglichkeit!
Es kamen Briefe aus Hamburg, die ihn neckten und welche, die ihn
beneideten. Und er antwortete mit ernsthaften und langen
Auseinandersetzungen über die Ehe, eine Ehe, auf die sich nur ein ganz
vorurteilsloses, aristokratisches Weib einlassen würde. Er glaube dieses
Weib in Fides gefunden zu haben, aber er dächte zu aristokratisch, um
ihr eine Mesalliance zuzumuten. Und so wie sich eine wirkliche Gefahr
zeige, würde er abreisen.
Und Gerdsen schrieb:
"Die Ehe, die Sie wollen, ist keine Ehe, liebster Doktor. Ich würde noch
mehr Worte darüber verlieren, wenn mir irgendwie über den Ausgang Ihrer
jetzigen kleinen 'Episode' bange wäre. Übrigens wissen Sie, dass ich
Ihre Aristokratismen nicht teile. Ein bisschen bürgerliche Auffrischung
kann dem Adel nur gut sein. Aber ob Sie der sind, von dem eine
Auffrischung zu erwarten ist, daran darf ich wohl in aller Freundschaft
zweifeln.
"Ich wünsche Ihnen ein gesundes Verhältnis mit einem Bauernmädel. Ich
würde Sie gerne auf lange Zeit in irgend eine ländliche, urbäuerliche
Einsamkeit verbannen, oder meinetwegen zwischen Ihre geliebten
norwegischen Schären, damit die Natur Sie einmal derb beim Wickel nähme
und Ihre ganze platonische Phantasieerotik mit kräftigem Besen
auskehrte.
"Nichts für ungut. Aber ich musste es mal sagen, obgleich es nichts
nützt. Sie müssen nun so verbraucht werden."
"Sie haben recht," schrieb Randers zurück, "Es ist alles Unsinn! Ich
werde überhaupt nicht heiraten."
12.
"Was haben Sie denn da?" fragte Fides, als Randers mit einigen
beschriebenen Blättern in der Hand eintrat, froh, Fides allein zu
finden.
"Sie haben mich neulich mit meinem Blockhaus ausgelacht," sagte er.
"Hier ist es."
"Das da?"
"Ja, ich habe es heute Nacht aufgezimmert, und ich bin neugierig, wie es
Ihnen gefallen wird."
"Da bin ich doch auch neugierig."
"Ich finde es übrigens gar nicht hübsch von Ihnen," setzte sie scherzend
hinzu, "dass Sie immer noch an Ihrem Blockhaus festhalten. Es gefällt
Ihnen hier bei uns also nicht so gut, dass Sie es vergessen könnten."
"Oh," sagte er betroffen. "Doch! ich bitte! Es ist so schön bei Ihnen.
Und dann ist es ja nur eine Idee, eine fixe Idee. Es wird ja nie etwas
daraus werden."
"Ich gönnte es Ihnen schon, damit Sie gründlich von Ihrer Romantik
geheilt würden."
Er lachte.
Und dann bat er sie, in sein Blockhaus einzutreten, und sie legte sich
mit einem gespannten Ausdruck, halb neugierig, halb belustigt, in ihren
Stuhl zurück und hörte ihm zu.
"Ein Blockhaus, halb vergraben unter den Sandwehen des Novembersturmes,
in dem wilden Lister Dünengebirge."
Der Grossstadt entronnen, fallen mit mir drei phantastisch wilde
Gesellen in die hellerleuchtete Hütte ein, und wir richten uns bei
überfliessendem Nord-Nordgrog in der Winterwildnis ein.
Und ich bin der Herr im Hause!
Und schliesslich werfe ich sie alle hinaus. Denn ich erwarte andern
Besuch. Eine Künstlerin, nicht dem Beruf nach, sondern in ihrer
eigensten, inneren Natur.
Der äusseren Konvenienz fragt sie nicht nach; aber die trennende
Schranke schafft sie sich durch die eigenstolze Natur.
Der Bechsteinsche Flügel steht schon bereit; unsere drei Zimmer sind mit
dichten Damastdecken ausgelegt; kein Schritt ist auf den dunklen
Teppichen hörbar. Mattes Ampellicht. Ich habe einen Samowar besorgt; die
Behaglichkeit des dampfenden Kessels soll uns nicht fehlen.
Was werden wir lesen? Ich habe Turgenjeff verschrieben: sie erinnert in
ihrer stolzen Selbstherrlichkeit an russische Frauengestalten! Und dann
spielen und singen wir! Keine Miniaturlieder. Sentimentalitäten sind
verbannt! Franz Schubert, einiges wenige von Schumann, die Norweger,
Grieg vor allem, und dann Löwes unvergleichliche Balladen "Herr Olaf"
und "Edward". Wie das wohl über die Heide klingen wird:
Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
Dein Schwert wie ist's von Blut so rot,
Edward! Edward!
Und dazu die messerscharfen, schneidenden Akkorde der Verzweiflung, die
jagende Sechzehntelfigur der Begleitung, die sich schliesslich immer
mehr verdichtet, bis sie wie zu einem höllischen Furientanze
zusammenwächst.
Das sind Lieder, wie sie der novembersturmgepeitschten Nordseewelle
gemäss sind.
Wir lesen, wir spielen, wir wandern, wir schweigen auch viel, schweigen,
und ich greife hin und wieder einen halbverlorenen phantastischen
Akkord.
Der Sturmwind heult und rüttelt an den verschlossenen Läden.
Jeweilig ist das Schweigen so sonderbar zwischen uns, so beredt, zu
beredt fast, so dass wir zu reden beginnen.
Wie denken Sie über Rebekka West? So hat sie ihr langes Zusammenleben
mit Rosmer doch zur Liebe geführt!
Ihre Lippen zucken verächtlich.
Dass Rebekka liebt, dass sie zu lieben vermeint, ist nichts weiter, wie
das Gefühl der Schuld, das Rosmer gegenüber auf ihr lastet! Von dem
Gefühl der früheren Gewissenlosigkeit gepeinigt, täuscht sie sich über
sich selbst. Ein Glück, dass sie in den Mühlgraben gehen kann. Sonst
würde sie bald erkennen, dass sie ihre eigenste, bessere Natur verloren!
Und dann ginge sie auch in den Mühlgraben.
Ihre Lippen haben wieder den strengen, sibyllinischen Zug! Ich schweige
lange!
Und ihr Lieblingsschriftsteller Jens Peter Jakobsen!
Was sagen Sie zu Edele Lyhne?
Ich habe sie einmal mit Edele verglichen. Sie liebt die Anspielung
nicht.
Sie wissen, dass ich mir Anzüglichkeiten verbitte. Dass der Dichter
schliesslich von Edele nichts besseres weiss, als eine Backfischliebe,
die sie schweigend mit sich herumgetragen, dafür kann nicht Edele, dafür
kann nur der Dichter, nur die Männer, jämmerliche, sentimentale
Schwächlinge, die ihr seid! Und nun Sie! Was reden Sie hier von Liebe!
Und ihre Lippen begannen herbe und spöttisch zu lächeln.
Und Sie wollen der Schönheit des Meeres als einem Fluch anheim gefallen
sein! Hat Sie das Meer noch nicht gelehrt, schwachmütige
Sentimentalitäten als das zu betrachten, was sie sind? Sie Ärmster Sie!
Und sie reicht mir halb bedauernd die Hand, und ich Tor schlage ein.
Und lassen Sie Ihre albernen Gedanken und kommen Sie rasch zur Düne
herauf.
Wir klimmen mit Mühe gegen den Sturmwind, um uns stieben
schneesturmgleich die Sandwehen. Finster leuchtet das Schwarz der
ungefügen Wolkengebilde, ein mattfahler Schwefelstreifen leckt an ihnen
empor; geisterhaft verschäumt die tobende Brandung. Ein verlorner
Möwenschrei!
Der Sturmwind presst uns nahe aneinander; ich fühle ihre Schulter an
meiner Brust. Ihre Züge sind schöner als je, aber unbeweglich, und
geisterhaft weiss wie Marmorstein!
Und ihre Zähne pressen leise die Unterlippe.
Weltverschollen, in engster Nähe, und doch klüfteweit getrennt!
Und dann schreiten wir stumm hernieder.
Und das Licht brennt noch lange bei mir, während das Dunkel schon
stundenlang in ihrem Zimmer wob!
Heute ist ihr Geburtstag! ich habe Rosen bestellt! Dunkelblutrot und
schneeweiss. Zwei Körbe duften vor mir. Wahllos streue ich aus dem einen
Korb hierhin und dorthin. Sie liebt diese verschwenderische Fülle. Den
andern Korb schicke ich ihr hinauf.
Eine halbe Stunde später ist sie unten.
Sie Böser, wie gut Sie sind.
Und ihre wunderbaren Augen sprechen, und sie reicht mir beide Hände.
Wie gut Sie sind!
Und wir sitzen am Kaffeetisch. Sie sorgt mit hausmütterlichem Eifer. Sie
spricht dieses und jenes und fast, als ob sie ein Gefühl der Schuld
bedrücke.
Und schliesslich stützt sie ihren Kopf in die Hand und sieht mich an!
und nickt mir leise zu, und dann liegt ihre Hand einen Augenblick weich
auf der meinen.
Und nun, Lieber, wollen wir hinaus!
Ich habe übrigens noch eine Neuigkeit für Sie. Mein Freund kommt zu
Besuch. Sie wissen, dessen Gedichte ich Ihnen neulich vorlas. Sie
wollten ihn gerne kennen lernen, Jolanthe.
Sie schweigt!
Nun, was sagen Sie?
Warum ein dritter in unserm Beisammensein?
Und ihre Augen leuchten weich.
Nun, wie Sie wollen!
Und ihre Stimme klingt plötzlich hart.
Und sie wendet sich und geht, um sich zum Spaziergang fertig zu machen.
Ich weiss nicht, was sie will!
Aber nächstes Jahr überlasse ich ihr mein Haus. Mag sie mit einem
andern Freunde hausen; sie hat recht, das Meer soll mich nicht lieben
lehren! Ich gehe nach Fanö! Mag sie sehen! Und ich stampfe entschlossen
mit dem Fusse und greife nach der Rose, die ihrer Hand entfallen."
"Die arme Jolanthe," sagte Fides mit einem Ton spöttischen Bedauerns,
als Randers schloss.
Er lachte und zuckte die Achseln.
"Hoffentlich nimmt sie Ihr Blockhaus für das nächste Jahr nicht an,"
sagte Fides. "Sie wird an dieser Erfahrung genug haben."
"Ja, aber er will ja eben nicht heiraten, sich nicht sentimental
binden."
"Er ist eben ein Phantast," erwiderte sie mit besonderer Betonung, "der
sich unmögliche Verhältnisse erträumt."
"Sagen Sie das nicht."
"Aber ich bitte Sie! Übrigens wissen Sie das wunderschön auszumalen."
"Ist es nicht schön?"
"Sie sind ein Dichter."
"Nicht doch!"
"Sie können einem ordentlich den Mund wässern machen."
"Sehen Sie!"
13.
Randers hatte Rosen auf seinem Zimmer gefunden.
Er lief durch die Felder und dachte an diese Rosen. Wie kommt sie dazu,
dir Rosen zu schicken? Hat sie dich denn nicht verstanden? Glaubt sie,
du meinst es nicht ernst? Du würdest nicht nach Fanö gehen und Jolanthe
einem andern überlassen?
Ganz gewiss, meine Gnädigste, ich will Jolanthe nicht heiraten, und Sie
nicht, und keine andere! Oder wollten Sie mir mit den Rosen Ihre
Anerkennung für meine Standhaftigkeit bezeigen?
Eine Tugendrose?
Er pflückte einen grossen Feldstrauss, allerlei Gräser und letzte
Sommerblumen, reifende Haselnüsse und einen Zweig fast schon schwarzer
Brombeeren und brachte ihn Fides.
"Für die Rosen," sagte er.
"Wie schön! Ich danke Ihnen."
14.
(Tagebuchblätter.)
Der Doktor hat recht gehabt. Es waren nur die paar überzähligen Cognacs
und Pschorrs und Kaffees. Ich fühle mich jetzt ganz wohl. In Grashof
kam es noch hin und wieder, dieser Druck auf dem Kopf, als trüge man
einen Stein mit sich herum. Und die Hallucinationen und wüsten Träume.
Etwas macht auch ihre Nähe. Etwas? Vielleicht alles?
Es ist ein ganz eigenartiger Zustand, ein ganz eigenartiges Verhältnis.
So ohne jede Aufregung und Abspannung und jedes quälende Begehren. In
der Abwesenheit ein Gefühl stiller Freude, dass sie in der Nähe ist, in
erreichbarer Nähe, eine sanfte Sehnsucht, durchaus nichts Heftiges,
Treibendes. Wie man an etwas denkt, das man sicher besitzt. Und in ihrer
Gegenwart ein ganz ruhiges Geniessen ihrer Wohlgestalt, ihres
harmonischen Wesens, ihrer vornehmen Einfachheit. Keine Spur von Liebe.
Eine Art herzlichen Freundschaftsgefühls. Freude.
Sie ist Musik für mich.
* * * * *
Eine Ehe auf solcher Basis. Das wäre etwas für mich. Aber es würde
schliesslich gar keine rechte Ehe sein. Ich finde kein sinnliches
Verhältnis zu ihr. Der Gedanke allein an diese Dinge erniedrigt sie mir
schon. Ich bin zu ästhetisch für diese Art Liebe. Also auch für die Ehe.
* * * * *
Wenn sie spielt, ist es nicht die Musik allein, sondern das
Bewusstsein, dass sie es ist, die spielt. Ich habe eigentlich gar kein
Urteil über ihre Musik. Ich höre alles hinein.
Sie kann gar nicht Schumann spielen, sie ist durchaus keine
Schumannnatur. Und doch bilde ich mir ein, Schumann nie so schön gehört
zu haben.
Aber ich darf sie nicht ansehen dabei, ich muss die Augen schliessen.
Sehe ich sie an, merke ich gleich, dass sie Schumann nur spielt.
Bei Chopin darf ich ihr schon zusehen. Da ist diese vornehme Grazie des
aristokratischen Salons, die zu ihr gehört. Und nun gar Weber oder
Liszt. Da sitzt sie im Sattel. Und wie reitet sie!
* * * * *
Es ist eigentlich beleidigend, dieses Vertrauen, das der Graf mir
schenkt. Aber nach meiner neulichen grossen Pauke für die Aristokratie
und meiner kategorischen Erklärung, dass eine Mesalliance gegen meine
Grundsätze wäre, muss er mich natürlich für ungefährlich halten.
Sie können ruhig schlafen, Herr Graf.
* * * * *
Ein Zeichen, dass ich nicht verliebt bin: ich habe mit ihr über die
Liebe philosophiert. Sie benahm sich eigen dabei. Etwas spöttisch. Sie
ist zu gesund für meine Philosophie.
(Bedenkliches Postskriptum: Du machst dir klar, dass du nicht verliebt
bist. Hm!)
(PS. II. Du machst bedenkliche Bemerkungen, folglich bist du nicht
verliebt.
Der Beweis ist geglückt, was mir sehr lieb ist, denn ich will mich nicht
in sie verlieben.)
* * * * *
Dass auch ich gerade diesen aristokratischen Tick haben muss, ich, der
vielmehr zu den Bauern, zu den Fischern gehört. Ob wirklich etwas dran
ist, dass mein Urgrossvater mütterlicherseits von Adel war, alter
kurländischer Adel? Die Sache ist sehr zweifelhaft, eine alte
Familiensage. Ohne Dokumente. Aber vielleicht bin ich der lebendige
Beweis, vielleicht rollt ein versprengter Tropfen Adelsblut in meinen
Adern.
Dickes Bauernblut, von irgendwoher ein paar Tropfen Künstlerblut,
Zigeunerblut, und in dieser trüben Mischung, mitgeschwemmt, dies eine
aristokratische Blutkügelchen.
Das ganze etwas mit Alkohol versetzt. Ein famoser Lebenssaft. Ich hätte
wohl Lust, mich einmal gründlich zur Ader zu lassen.
* * * * *
Traum, Schaum.
Träume sind Schäume, hier wie dort
Hört man solch überkluges Wort,
Aber dem Leben farbleuchtenden Saum
Leiht nur goldener Traum wie Schaum.
Träume sind Schäume!
O jugendlich Schäumen.
Schäume sind Träume!
O jugendlich Träumen.
Schäumendes Kräfteüberfliessen,
Träumendes Seele in Seele sich giessen.
Träume sind Schäume,
Wen sie verlassen,
Dem müsste das Leben farblos erblassen.
Nur, wem das Leben wie Schaum und Traum,
Bricht sich goldene Frucht vom Baum.
* * * * *
Ob ich nicht doch besser in meiner Krugkammer geblieben wäre? Nicht aus
irgend welchen besonderen Gründen, sondern einzig, weil ich nicht zur
Dankbarkeit verpflichtet sein mag. Und dies ist schon mehr Nassauerei!
Aber warum reise ich nicht ab?
Über den Musterwirt bin ich ja beruhigt, der ist schon halbwegs verlobt,
mit einer Bürgerlichen. Ich hätte es ihr auch nie vergeben. Frau Krüger
oder gar Madam Krüger.--
Ich will es nur eingestehen, ich war ganz regelrecht eifersüchtig, ohne
verliebt zu sein. Wie muss einem Liebenden erst zu Mute sein, der
eifersüchtig ist.
* * * * *
Als sie sich die Rose in den Gürtel steckte und auf den Stuhl stieg, um
sich besser im Spiegel sehen zu können.
Diese ganz entzückende Naivität, diese natürlichste, kindlichste,
unschuldigste Eitelkeit!
Welche Dame steigt in der Gegenwart eines Herrn auf einen Stuhl. Sie
darf es, eine wirklich vornehme Dame darf alles.--
Ich hielt ihre Hand länger als schicklich in meiner, als ich ihr
herunter half. Sie wurde weder verlegen noch abweisend, sie übersah es
einfach.
* * * * *
La rose d'amour.
An ihrem Kleid blüht eine dunkle Rose,
Entschürzt den Schoss zu wundersamem Duft,
Dass taumelnd so ihr Leben sie verkose,
Die weisse Mädchenbrust zur weichen Gruft.
O sei ihr Bild zum Bilde meinem Lose,
Dass ich, wenn gartentief der Sprosser ruft,
Von Mund zu Mund, fern jeglichem Getose,
Verküssen möge Leben, Licht und Luft.
(Wäre ich verliebt, würde ich dieses Gedicht nicht haben machen können.
Obgleich es schlecht genug ist und eigentlich nur mit Liebe notdürftig
entschuldigt werden könnte.)
* * * * *
Gehört nicht eine gewisse Kälte des Herzens dazu, um Dichter sein zu
können?
Unsinn!
Ob Leute von grosser Phantasie nicht eine gewisse mittlere Temperatur
des Herzens haben, nur soviel Feuer als nötig, um der Phantasie warme
Füsse zu machen?
Gibt es eine Phantasie des Herzens?
Warum nicht, wenn es eine Liebe des Kopfes gibt. Kommt auch beides
zusammen vor, wie bei einem gewissen Herrn.
* * * * *
Ich muss Gerdsen wieder einige "Dokumente" schicken. Ich habe ja schon
wieder genug zusammengekritzelt. Wenn er nicht schliesslich doch noch
abschnappt. Zu unsinnige Idee, meinen Roman von einem andern schreiben
zu lassen. Wie der arme Kerl sich wohl abrackert. Aber er kriegt es
fertig, das heisst, er kriegt einen Roman fertig, aber einen
Surrogatroman. Was weiss er am Ende von Henning Randers, und was können
ihm die paar Zettel sagen, die ich ihm als Materialien liefere. Es wird
ihm doch alles nur nebelhaft bleiben, Schattenspuk.
Übrigens, was ist das ganze Leben anders als Schattenspiel. Oder ein
Suchen im Nebel. Blindekuh! Nur dass einem die Binde nie abgenommen
wird. Oder doch mal? Da drüben?
Wenn man dann sehend wird, zurückblicken kann--Herrgott! Alle diese
Irrgänge im dicken Erdennebel. Und dann sehen, da hättest du den Weg
gehen sollen, und sieh, der Graben da, und der Baum, an dem du dir den
Kopf zerbeultest--ein paar Zoll breit weiter links, und du wärst heil
durchs Leben gekommen.
* * * * *
Da bin ich nun wirklich in der Kirche gewesen, fein fromm und andächtig.
Sie sass neben mir, ihr Buch lag zwischen uns, und unsere Augen nahmen
denselben Weg, von Vers zu Vers, trafen sich auf den frommen Worten.
Küssten sich.
Wir selbst sassen ganz ehrbar und züchtiglich neben einander, und ich
meckerte in ihren schönen Alt hinein.
Sie hatte die Führung, ich folgte wie ein Lämmlein der Hirtin.
Die Orgel. Die "liebe Gemeinde" (es war eine wirklich hübsche
Sopranstimme da, die über diesem misstönigen Gemecker, Gebrumm und
Gepfeife schwebte, wie eine weisse Möwe über ein schmutziges
missfarbiges Stoppelfeld), die weissen schmucklosen Wände, die Sonne
draussen und die Sonne drinnen, in langen, breiten Streifen über diesen
alten und jungen Köpfen. Das schwarze Brett mit den grossen weissen
Nummern der Choräle. Die kleine, schwarze Kanzel mit dem kleinen,
weisshaarigen Pastor Weidenbusch.--
Mir wurde ganz heimatlich. Wie lange bin ich nicht in einer Dorfkirche
gewesen.
* * * * *
Man sage nicht, dass in unserer protestantischen Kirche die Poesie
keinen Platz hat. In den kalten grossen Stadtkirchen mit ihrem
nüchternen Prunk, ja, da ist sie erfroren, elendiglich erfroren. Aber
unsere Dorfkirchen. Selbst diese kahlen, getünchten Wände atmen Poesie,
diese alten rohen Balken, von Schwalbenschmutz gefleckt und mit einem
vergessenen Spinngewebe in irgend einem Winkel.
Was ist Poesie? Sie geht nicht von den Dingen aus, sie geht von den
Menschen aus. Und welche Poesie sollte von dem städtischen
Kirchenpublikum (ja Publikum!) ausgehen?
Aber hier, diese schlichten einfachen Ackerbürger, diese abgerackerten
Tagelöhner, Männer und Weiber, die ihres Herzens Einfalt und Bedürfnis
hierher führt, Sonntag für Sonntag; diese ganze Atmosphäre von Arbeit,
Genügsamkeit, Einfalt und Himmelshoffnung, das ist es, das teilt sich
diesen schmucklosen Wänden mit und leiht ihnen einen rührenden Glanz.
Die Poesie kommt mit den Leuten in die Kirche, fühlt sich wohl hier und
bleibt, auch wenn der Küster abschliesst.
* * * * *
Auf dem Lande verstehe ich, wie man fromm sein kann, es wieder werden
kann. Auch auf dem Meere verstehe ich es. Auch im Kriege. Aber da ist
die Zeit oft zu kurz dazu.
Und auf dem Sterbebett.
* * * * *
So hoch stehen, dass man religiös wird!
Auf Erden ist keiner, vor dem man sich zu beugen nötig hat. Da beugt man
sich vor Gott. Um sein Gewissen zu beruhigen, um sich zu salvieren.
Oder Einsamkeitsgefühl? Grauen vor der Einsamkeit?
* * * * *
Ich liebe sie doch! Jeg elsker dig!
* * * * *
Es war kühn, ihr meine Blockhausphantasie vorzulesen. Aber sie weiss
nun, wie ich es meine. Es wäre Wahnsinn, zu glauben, sie könne sich auf
so was einlassen. Die Künstlernatur ist sie nicht. Zu wenig Bohémienne.
Und das gehört dazu. Aber sie ist schon das Weib, mit dem ich es
aushalten würde.
* * * * *
Jetzt weiss ich, wie ich mit ihr daran bin. Es war unvorsichtig von ihr,
mir die Rosen aufs Zimmer zu stellen, am selben Tag noch. Und
unvorsichtig war es von dir, zu erröten, als da ihr den Feldstrauss
brachtest!
Aber ich will nicht!
15.
Eines Vormittags spazierten Randers und Fides nach dem Seepavillon. Es
war ein letzter Septembertag mit Wind und Wolken. Aber die Sonne war
auch da und sie wärmte noch.
Der Wind kam von der See und trieb die Wolken ins Land. Grosse Schatten
segelten über das Stoppelfeld. Der Roggen, der hier gestanden hatte, war
längst im Speicher. Ein paar Krähen hüpften auf den kahlen Schollen,
flogen auf und liessen sich in Steinwurfweite wieder nieder.
Sie konnten bequem nebeneinander gehen, brauchten sich nicht auf dem
schmalen Fusssteig zu halten. Randers musste sich ein paar Mal bücken,
ihr Kleid von den Stoppeln zu befreien, bis sie es lachend aufraffte. Er
hatte seinen Rock zugeknöpft und das Sturmband unters Kinn gezogen, so
scharf wehte hier der Wind. Manchmal blieben sie stehen und drehten den
Rücken gegen den Wind, um sich besser verstehen zu können.
Fides fröstelte ein wenig, wie sie sagte; wenn sich die Schatten über
das Feld legten, war schon ein herbstlicher Ton in der Luft.
Beim Pavillon war es sehr zugig, und sie gingen hinein. Sie waren lange
nicht dort gewesen. Eine warme, etwas stickige Luft herrschte in dem
Raum, aber des Windes wegen mussten sie die Tür schliessen. Zwei
vertrocknete Waldmeisterkränze hingen an einem Nagel, und der welke Duft
machte die Atmosphäre noch schwerer und beklemmender. Die bunten Fenster
liessen nur ein gedämpftes Licht herein und verstärkten das Gefühl der
Abgeschlossenheit.
Fides hatte ein Vergnügen daran, von Fenster zu Fenster zu gehen und die
See einmal blutrot, einmal ockergelb und einmal ganz grün zu sehen. Sie
wollte das alles noch einmal geniessen, denn es war das letzte Mal,
dass sie es in diesem Jahre sah. Der Herbst war da und mit ihm der Umzug
in die Stadt.
Sie freue sich gar nicht so darauf wie sonst, sagte sie. So gerne wäre
sie noch nie auf dem Lande gewesen, wie in diesem Sommer.
"Warum bleiben Sie nicht einmal einen Winter über?" meinte Randers. "Ich
denke mir das so schön."
"Meinen Sie? Ich habe es einmal getan. Es ist gar zu einsam."
"Das ist doch schön."
"Aber auf die Dauer? Wenn noch Besuch käme. Aber es ist ja gar nichts
Gescheites in der Nähe, kein Umgang, der einem zusagte."
"Sie sollten mit nach Sylt kommen."
"Ja, das wäre was. Aber Papa tut's nicht."
"Auf ein paar Wochen nur."
"Kommen Sie doch mit in die Stadt," sagte sie. "Aber Sie haben ja solche
Sehnsucht nach dem Meere," setzte sie schnell hinzu. "Ich kann mir
denken, wie Sie sich wegsehnen von hier."
Er erwiderte nicht gleich etwas darauf. Allerlei Gedanken und Bilder
gingen ihm durch den Kopf. Er besuchte mit ihr die Museen, die Konzerte,
die Kirchen, sah sich von ihr in eine höhere Geselligkeit eingeführt, in
die Gesellschaft; tausend verlockende Aussichten eröffneten sich ihm,
wenn er mit ihr in die Stadt ginge. Und dass sie es wünschte! Dass sie
es wünschte und aussprach! Das machte ihn ganz glücklich.
"Wie gerne würde ich mit in die Stadt gehen," sagte er.
"Aber?" fragte sie, da er zögerte.
"Diese Idee kommt zu plötzlich, so überraschend," sagte er langsam und
unsicher, und vermied dabei, sie anzusehen.
"Nein, es geht nicht," sagte er mit einem plötzlichen Entschluss. "Das
ist ja alles--aber nein, es darf nicht sein!"
Und er fing an, hin und herzugehen, unruhig und nervös, und verzweifelte
Blicke nach den Fenstern werfend, als wäre es ihm zu schwül hier.
Fides sass auf dem roten Plüschkissen, auf der einzigen langen,
lehnelosen Bank, und trommelte ganz sachte mit den Fingern auf dem
kleinen Borkentisch.
"Ich hatte mir das so schön gedacht," sagte sie. "Aber wenn es nicht
sein kann--" Es klang weich, fast wie ein Seufzer.
Sie hatte das gedacht? Schon früher daran gedacht? Hatte es sich
ausgemalt? Es war nicht nur ein augenblicklicher Einfall?
"Ja, aber meine liebe gnädigste Komtesse, ich täte es so gerne, schon
allein, da Sie es wünschen--"
"Aber ich bitte Sie, meine Wünsche! Sie sollen durchaus nicht das
geringste Opfer bringen. Sie haben sich alle diese Wochen nach Sylt
gesehnt--"
"Aber ich bitte, von Opfer kann ja gar keine Rede sein. Wenn Sie
wüssten, wie schwer--es waren so--ich werde diese Wochen nie vergessen,
die ich hier verlebte."
"Ja, es war recht hübsch. Aber es wird doch jetzt schon recht
unfreundlich hier. Ich freue mich doch auf die Stadt."
Sie sagte das in einem ganz andern Ton. Ein plötzliches Umschlagen der
Stimmung.
"Ihr ewiges Hin- und Herlaufen macht mich ganz nervös," sagte sie und
stand auf. "Was haben Sie für eine Unruhe! Sie können gewiss die Zeit
nicht erwarten, wo es auf und davon geht, Sie alter Meermensch."
Es sollte scherzhaft klingen, aber es war eine leise Gereiztheit im Ton.
"Sie missverstehen mich, Komtesse," sagte Randers.
"Wie so?"
Die Frage klang wirklich naiv und machte ihn einen Augenblick irre,
verwirrte ihn. Er versuchte sich mit einem Lächeln herauszuhelfen, aber
es misslang.
"Ich brauche ja das Meer, die Einsamkeit--es ist ja nur eine Flucht--vor
mir selbst--vor all diesen--diesen Unmöglichkeiten."
Er rannte wieder auf und ab, während sie angelegentlich durch das rote
Fenster auf die See sah, die Augen mit der Hand beschattend, dicht an
die Scheibe gedrängt.
Er wartete, dass sie etwas erwidern sollte.
"Aber ich habe Ihnen das ja alles schon gesagt," fuhr er fort, als sie
schwieg, und es klang fast verzweifelt.
Er sah sie an, aber sie rührte sich immer noch nicht.
Als sie sich jedoch nach einer peinlichen Pause umwandte, erschrak er
über die Blässe ihres Gesichts und den fast harten Ausdruck der Augen.
Und plötzlich--war es unter seinen besorgten, fragenden Blicken?--eine
tiefe Röte überflutete sie, ihre Blicke wurden unsicher, hilflos; sie
schlug die Hände vors Gesicht, und mit gepresster Stimme sagte sie
leise:
"Warum quälen Sie mich so?"
"Fides!" rief er.
Aber sie eilte an ihm vorüber, liess sich auf die Bank fallen, legte den
Kopf auf den Tisch, und das Gesicht in beide Hände drückend, weinte sie
krampfhaft.
"Fides!"
Er kniete neben ihr, zitternd, bebend vor Erregung, suchte ihre Hand,
erhob sich wieder und sprach, über sie hingebeugt, auf sie ein.
"Nein, nein, o nicht," stammelte er. "Was ist dies alles--Komtesse.
Aber nein--Fides, liebe, liebe Fides."
Und wieder lag er vor ihr auf den Knien.
16.
Es regnete, regnete immer stärker, der ganze Himmel schien sich auflösen
zu wollen. Das angewelkte Laub konnte sich unter diesem beständigen
Angriff der Wassermassen nicht halten, löste sich und fiel auf die
aufgeweichte Erde, in den Kot der Wege und in die hundert kleinen und
grossen Pfützen.
Es war, als wollte dieser Tag die letzten Reste des Sommers
wegschwemmen.
Randers lief immer gerade aus, eine Stunde lang, zwei Stunden. Das Nass
rann in Strömen und kleinen Bächen von seinem Regenrock, sammelte sich
auf seiner weissen, durchweichten Mütze, rieselte über deren schwarzen
Schirm, spritzte von unten bei jedem Schritt an ihm hinauf, dass Stiefel
und Beinkleider ganz kotig waren.
Aber er lief immer drauf los.
War das nicht der Weg nach Süssen?
Aber es war ja gleichgültig. Er wollte ja nur seinem "Glück" entlaufen,
diesem wunderlichen Glück, das ihn quälte, ihn ängstigte, sich wie eine
eiserne Klammer um sein Herz legte, wie ein glühender Nagel sich ihm ins
Hirn bohrte. O, wie er glücklich war!
Warum jauchzte er nicht laut auf? Hatte er nicht eine reizende Braut?
Und eine köstliche Zukunft?
Schwiegersohn des Grafen Bruckner!
Was würden sie alle für Augen machen. Also doch eine Adelige. Ja, ja der
Randers!
Nein, und tausendmal nein! Er konnte dieses Opfer nicht von ihr
annehmen. Frau Doktor Randers! Was konnte er ihr dafür bieten? Aus
eigenem? Eine grosse, dauernde Leidenschaft, eine beständige, alles
wettmachende Liebe?
Würde er nicht nur ihr Geliebter sein, von ihrer Liebe leben? Der
Geheiratete sein? Sie hatte sich mal diesen Luxus erlauben können, einen
simpeln Bürgerlichen ohne Stellung und Vermögen zu nehmen, weil er ihr
gefiel.
Sie würde ihn lieb haben und füttern!
Hatte er denn gar keinen Stolz mehr?
Aber wie es ihr sagen? Wie es ihr sagen? Er war ihr ja so gut, er könnte
es nicht übers Herz bringen, ihr weh zu tun. Aber es musste sein, ohne
Aufschub, bevor die Anzeige dieser Verlobung in alle Welt ging. Dann war
er gebunden, dann durfte er sie nicht kompromittieren.
In der Theorie wusste er ja mit all diesen verzwickten Dingen leicht
fertig zu werden. Man lebt nebeneinander hin, und nachher trennt man
sich, gutwillig. Oder richtet sich ein. Aber in der Praxis ist es denn
doch etwas anders. Da spricht das gute Herz mit, Ehrgefühl, Anstand,
Dankbarkeit, tausend Stimmen reden auf einen ein und verderben das
theoretische Konzept.
Und nun gar eine Verlobung eingehen mit der Absicht, sie wieder zu
lösen. Pfui Teufel, wie gemein!
Also es ihr sagen, noch hier, heute noch!
Der Wagen stand sozusagen schon vor der Tür, morgen wollten sie zusammen
abfahren, sich in Hamburg trennen, wo er einige Tage verweilen wollte,
um seine Angelegenheiten zu ordnen, um ihnen dann nach Berlin zu folgen.
So in der letzten Stunde, den Koffer in der Hand--nein das ging nicht!
Warum kam das alles auch im letzten Augenblick! Acht Wochen waren sie
nun zusammen gewesen.
Am besten wäre es, er schriebe es ihr von Hamburg aus.
Und so lange sollte er schauspielern? Lügen?
Müde und abgespannt, durchnässt und beschmutzt kam er wieder im Schloss
an.
Fides war in ihrem Zimmer, beschäftigt, mit der Zofe die letzten Koffer
und Schachteln zu packen, der Graf in seinem Arbeitskabinett zu einer
letzten geschäftlichen Unterredung mit dem Verwalter.
Randers ging, von niemand gesehen, auf sein Zimmer. Am liebsten hätte
er sich aufs Bett gelegt, zu einem langen, langen Schlaf. Aber es war
noch früh, kaum sechs Uhr.
In den nassen Kleidern konnte er auch nicht bleiben. Er zog sich um und
ging in den Salon hinunter.
Ein graues, trübes DämmeDämmerlichtschte darin.
Der Regen schlug gegen die Fenster. Ein paar welke Ahornblätter klebten
an den nassem Scheiben.
Vom Tisch waren alle Mappen und Bücher abgeräumt, die schweren
Silberleuchter unterm Wandspiegel waren schon weggeschlossen. Es lag
schon ein Hauch von Unwohnlichkeit über dem halbdunklen Raum. Nur die
grosse japanesische Vase, die der Gärtner erst gestern mit frischen
Chrysanthemen gefüllt hatte, stand noch auf ihrer Ebenholzsäule, und die
grossen gefiederten gelben und weissen und lila Blumensterne standen wie
verbannte Schönheiten auf einer einsamen öden Insel.
Der Blüthner war geöffnet.
Ob Fides gespielt hatte?
Richtig, da lag noch ihr Armband auf dem Leuchterbrett, ein schmaler
Silberreif, den sie der vielen Anhängsel wegen beim Spielen ablegte.
Er nahm ihn mechanisch in die Hand, legte ihn aber schnell wieder hin.
Mechanisch suchte seine Hand die Tasten. Er erschrak beinah, als sie
nachgaben und ein paar leise Diskanttöne wie klagend durchs Zimmer
klangen.
Er lächelte, musste lächeln.
Wie nervös er war!
Aber er musste sich beherrschen, heute noch, morgen noch.
Er rückte sich den Sessel zurecht und fing an zu spielen. Ganz unten im
Bass, leise, unrhythmisch. Die Töne rannen, krochen durcheinander, wie
brauender Nebel. Diese dunklen, dumpfen Töne taten ihm wohl. Er konnte
sich nicht genug tun, da unten herumzuwühlen. Aber allmählich löste sich
ein Thema ab, eine Melodie. Takte aus Chopins C-moll-Polonaise kamen ihm
unter die Finger, und wieder biss er sich in diesem Gedanken fest,
hetzte ihn, peitschte ihn durch alle Oktaven, überrollte ihn mit
stürmischen Passagenwogen, dass er elendiglich darin zu ertrinken
schien, aber er tauchte immer wieder auf, und schrie, schrie förmlich:
lass mich los, lass mich los!
Plötzlich legte sich eine weiche Hand auf Randers' Schulter. Er schrak
zusammen, fuhr wie aus einem Traum auf.
Fides?
Er starrte sie an, wie eine Erscheinung.
Sie lachte laut auf.
"Der arme Flügel. Ist das dein Abschied von ihm?"
Er lachte gezwungen.
"Es war wohl wüst?"
"Aber sehr. Alle Wände zittern vor Angst."
Er stand etwas beschämt auf, und sie schloss schnell das Instrument.
"Der hat genug für dieses Jahr," scherzte sie.
"Armes Tierchen, hat er dir wieder wehe getan?"
Wie gut gelaunt sie war, wie drollig. Und wie reizend sie aussah. Ihre
Wangen glühten noch infolge der eifrigen Reisevorbereitungen.
"Wie ungemütlich ist es hier schon," sagte sie.
"Und dieses Wetter heute. Wären wir nur erst weg. Ich habe jetzt gar
keine Ruhe mehr."
Und sie zog ihn mit sich ins kleine Nebenzimmer, wo es noch einen
gemütlichen Eckplatz gab, und erzählte ihm von ihren Kasten und Koffern,
und wie ungeschickt sich die Zofe beim Einpacken benommen hätte, und
plauderte von Berlin, und was sie alles in diesem Winter unternehmen
wollten. Ob er sich auch so darauf freue.
"Ja," sagte er und hielt ihre Hand und drückte sie ganz leise.
Es war so dunkel jetzt, dass sie sich kaum erkennen konnten.
Aber er wünschte, es wäre noch dunkler. Er hatte gelogen, hatte sie
belogen! Es war ihm plötzlich, als ob etwas in ihm kalt würde. Eine
Leere. Es war nicht Scham, nicht Reue, oder Schmerz. Nur ein
wunderliches Gefühl der Starre, wie ein eisiger Hauch.
Es war etwas in ihm tot, er hatte es selbst getötet.
Es war aus. Er fühlte es.
Leise liess er ihre Hand los.
Es war aus.
17.
Es war fünf Uhr morgens. Randers öffnete das Fenster. Es war noch alles
dunkel draussen, die Sonne noch nicht aufgegangen. Aber von den
Wirtschaftsgebäuden her kündigten verschiedene Geräusche an, dass die
Leute schon an die Arbeit gingen. Er sah Licht im Kuhstall, und ein
Knecht ging mit einer Laterne über den Hof.
Es war ein kühler, nebliger Morgen. Der Regen hatte schon während der
Nacht aufgehört. Aber von den Bäumen und Büschen tropfte es noch in
schweren grossen Tropfen, und ein feuchter, modriger Dunst stieg von dem
durchweichten Erdreich auf.
Randers war blass und überwacht. Er hatte die ganze Nacht hindurch
geschrieben. Er brauchte sich nicht anzukleiden, er war nicht aus den
Kleidern gekommen. Er kühlte sich Stirn und Augen mit einem nassen
Schwamm, trank hastig ein paar Gläser Wasser und stand dann mitten im
Zimmer, regungslos, die Hand im Nacken, und starrte auf den Fussboden.
Mit einem Ruck ermannte er sich.
"Es geht nicht anders. Es ist das Beste so. Bei Nacht und Nebel."
Er lachte. Ein bitteres, hässliches Lachen. Er nahm Hut und Stock und
den kleinen Koffer und ging leise die Treppe hinunter.
Ein Hausmädchen sah ihm verwundert nach. Sie waren gewohnt, dass er früh
aufstand, mit Sonnenaufgang schon in die Felder lief oder an die See
hinunter.
Aber heute war es doch reichlich früh.
Er fand die Hintertür geöffnet und kam ungesehen ins Freie.
Fides' Fenster lagen nach vorne hinaus.
Er konnte sie nicht sehen.
Ob sie wohl schon wachte?
Ungesehen kam er vom Hof auf die Landstrasse. Er ging nicht durchs Dorf,
sondern auf einem Wiesenweg hinten herum.
Aber in Rosenhagen sprach er im Krug vor, trank zwei Schnäpse, um sich
zu erwärmen, und gab einen Brief fürs Schloss ab, mit dem Befehl, ihn in
einer Stunde, sowie es hell würde, abzuliefern.
Auf die verwunderten Fragen des Wirtes antwortete er ausweichend.
Dann ging er nach Süssen, wo er elend ankam. Er bestellte einen Cognac
und ein Glas Wasser, goss das Wasser hastig hinab und liess den Cognac
stehen. Es ekelte ihn davor. Er erkundigte sich, wann das Dampfboot von
Heiligenhafen nach Kiel führe, und nahm einen Wagen. Er konnte das Boot
gerade noch erreichen.
* * * * *