Schilling

(mit verrosteter Stimme, erschrocken):

Guten Abend. Wer sind Sie denn?

Kühn:

Sind Sie vielleicht der Herr Maler Schilling, wenn ich fragen darf?

Schilling:

Pst! Namen und Stand tut hier nichts zur Sache. -- Sagen Sie mal, wie

kommt denn das, daß diese Figur dort oben immer abwechselnd hell und

dunkel wird?

Kühn:

Na, das kommt ganz natürlich von dem Blinkfeuer.

Schilling:

Ich habe das schon eine ganze Weile von ferne beobachtet. Ich wußte gar

nicht, was es bedeutet.

Kühn:

Wieso bedeutet?

Schilling:

Ich wollte erst nicht herüberkommen. Schließlich dacht' ich mir aber,

daß es doch was bedeuten muß. -- Woher stammt denn eigentlich diese Figur?

Kühn:

Sie stammt von einer dänischen Brigg, die hier draußen gesunken ist.

Schilling:

Richtig! Natürlich! Schiff und Mannschaft natürlicherweise zugrunde

gerichtet.

Kühn:

Da haben Sie ganz recht. So ist et och.

Schilling:

Wie hieß denn die Brigg?

Kühn:

Sie hieß doch Ilsabe.

Schilling:

Den Namen kenn ich von irgendwo her.

Kühn:

Sie werden ihn auf 'm Kirchhof gelesen haben, wo die gelandeten Leichen

von der Ilsabe begraben worden sind. Da ist ja 'n Kreuz und auf dem

steht Ilsabe.

Schilling:

Eigentlich liegen wir recht gut, da oben im Sande.

Kühn:

Wie sagen Sie, wenn ich bitten darf?

Schilling:

Na, eine schönere Stelle, begraben zu werden, gibt's doch nicht. Oder

möchten Sie etwa lieber in Berlin auf so einen Massenkirchhof begraben

werden?

Kühn:

Na, so weit bin ich überhaupt noch lange nicht.

Schilling:

Keine Automobilomnibusse, keine Straßenbahnwagen, immer nur die

rennenden, springenden, kleinen Sandkörnerchen! Frischer, gesunder,

nasser Sturm! Der schöne Salut des Meers überm Grabhügel!

Kühn:

I, da hat man ja nischt mehr von!

Schilling:

Das sagen Sie so! Wer weiß denn das, Meister? Ich hab aber irgendwo mal

gelesen: »Gott löscht nicht aus im dunklen Grabesschoß, was er entzündet

hat im dunklen Mutterschoß«. -- Übrigens, gucken Sie doch mal hinter sich.

Gabriel Schillings Flucht: Drama · 第 181 / 202 题