12. Oktober.

Heute sind wir in die Stadt gezogen. Ich sehe von meinen Fenstern aus

die schönen Alleen des Glacis und den Schloßberg. Die herbstlichen

Schattierungen der Bäume sind gar zu schön. Seit ich diesen Mann habe

und seinen Gesprächen lauschen kann, gehen mir erst die Augen auf für

allerlei, das mir sonst gleichgültig gewesen ist. Wie könnte ich es

genießen!

Er hat mit dem Inspektor des Hauses einen förmlichen Pakt geschlossen,

daß der Mann jeden Lärm möglichst hintanhalte und wie ein Engel mit

flammendem Schwerte unser Paradies bewache. Und doch ahnt er es nicht,

wie nahe die Zeit ist.

Hat er jemals so viel an seine erste Frau denken können, als ich es

tue? Alle Sachen von ihr, alle Erinnerungen an sie habe ich in das

Stadthaus mitgenommen, hier damit ein Zimmer eingerichtet, das wie

meine Hauskapelle ist. Wenn mir gar zu schwer wird um's Herz und

ich trotz des geliebtesten Menschen, der mit mir lebt, nicht weiß,

wem ich meine Angst und Not klagen soll, gehe ich in das Zimmer der

Verstorbenen und weine mich aus.

Und bete, sie möchte mich dahin rufen, wie sie dahin gerufen worden

ist. Sie hat die Wiege bereitet, die Linnen gestickt mit Freuden -- sie

hätte gerne gelebt mit diesem Mann.

Ich kann nichts bereiten und Ludwig wird sich darüber wundern. Ich kann

nicht, ich habe es versucht -- es ist, als stickte und webte ich an der

Sünde weiter.

Darf ich denn wünschen, daß es aus werde mit mir, da ich doch weiß, es

könnte ihn nichts so hart treffen auf Erden?

Ach, wenn ich ihn nicht so sehr liebte! Wenn er nur nicht so unsäglich

gut wäre!

Fremde Straßen · 第 25 / 89 题