Die neuerlich publicirte Angabe von _Ure_[F83], daß er in dem Harne
eines Patienten, der Benzoesäure eingenommen hatte, wirklich Hippursäure
gefunden habe, brachte dieses in physiologischer Hinsicht so wichtige
Verhalten wieder in Erinnerung und gab zu den folgenden Versuchen
Veranlassung, die ich auf den Vorschlag des Herrn Professors _Wöhler_ an
mir selbst angestellt habe. Seine Vermuthung ist dadurch unzweideutig
bestätigt worden.
[83] Pharmac. Centralblatt No. 46, aus ~Prov. med. and surg. Journ.~
1841.
Ich nahm Abends vor dem Schlafengehen mit Zuckersyrup 2 Gramme (ungefähr
32 Gran) reine Benzoesäure. In der Nacht gerieth ich in Schweiß, was
wohl eine Wirkung dieser Säure sein mochte, da ich sonst nur sehr schwer
in stärkere Transpiration komme. Eine andere Wirkung konnte ich nicht
wahrnehmen, selbst als ich auch an den folgenden Tagen dieselbe Dosis
dreimal täglich zu mir nahm, wo auch nicht einmal der Schweiß wieder
eintrat.
Der am Morgen gelassene Harn reagirte ungewöhnlich stark sauer und zwar
selbst noch, nachdem er abgedampft worden war und 12 Stunden lang
gestanden hatte. Er setzte dabei nur das gewöhnliche Sediment von
Erdsalzen ab. Als er aber mit Salzsäure vermischt und stehen gelassen
wurde, bildeten sich darin lange, prismatische, braungefärbte Krystalle
in großer Menge, die schon dem Ansehen nach nicht für Benzoesäure zu
halten waren. Ein anderer Theil, der durch Abdampfen bis zur Syrupsdicke
concentrirt war, verwandelte sich beim Vermischen mit Salzsäure in ein
Magma von Krystallblättchen. Diese so erhaltene krystallinische Substanz
wurde ausgepreßt, in siedendem Wasser gelös’t, mit Thierkohle behandelt
und umkrystallisirt. Sie wurde dadurch in farblosen, zolllangen Prismen
erhalten.
Diese Krystalle waren reine _Hippursäure_. Beim Erhitzen schmolzen sie
leicht, bei etwas stärkerer Hitze verkohlte sich die Masse unter
Entwicklung eines Geruchs nach Bittermandelöl und unter Sublimation von
Benzoesäure. Um jeden Zweifel zu beseitigen, bestimmte ich ihren
Kohlenstoffgehalt, 0,3 Grm. gaben 60,4 ~pCt.~ Kohlenstoff. Nach der
Formel ~C₁₈H₁₆N₂O₅~ + ~aq.~ enthält die krystallisirte Hippursäure
60,67 ~pCt.~ Kohlenstoff, die krystallisirte Benzoesäure dagegen enthält
69,10 ~pCt.~ Kohlenstoff.
So lange ich das Einnehmen der Benzoesäure fortsetzte, konnte ich aus
dem Harne mit Leichtigkeit und in Menge Hippursäure darstellen, und da
die Benzoesäure so ohne allen Nachtheil für die Gesundheit zu sein
scheint, so wäre es leicht, sich auf diese Weise größere Mengen von
Hippursäure zu verschaffen. Man könnte sich dazu eine Person halten, die
Wochen lang diese Fabrication fortsetzen müßte.
Es war wichtig, den Harn, welcher Hippursäure enthielt, auf seine beiden
normalen Hauptbestandtheile, den Harnstoff und die Harnsäure, zu
untersuchen. Sie waren beide darin enthalten, und, dem Anschein nach, in
keiner andern Quantität, als im normalen Harn.
Als der durch Abdampfen concentrirte Harn, aus dem durch Salzsäure die
Hippursäure geschieden war, mit Salpetersäure vermischt wurde, setzte er
eine große Menge salpetersauren Harnstoff ab. Schon vorher hatte er ein
pulveriges Sediment fallen lassen, dessen Auflösung in Salpetersäure bei
dem Abdampfen auf Porzellan die bekannte, purpurrothe Reaction der
Harnsäure gab. Diese Beobachtung widerspricht der Angabe von _Ure_, und
es ist daher wohl etwas zu voreilig, wenn er die Benzoesäure als Mittel
gegen die aus Harnsäure bestehenden Gicht- und Harn-Concretionen
empfiehlt; er scheint sich vorzustellen, daß die Harnsäure zur
Umwandlung der Benzoesäure in Hippursäure verwendet werde. Da er seine
Beobachtung an dem Harn einer Arthritischen machte, so ist anzunehmen,
daß dieser Harn auch ohne den innern Gebrauch der Benzoesäure keine
Harnsäure enthalten haben würde. -- Uebrigens ist es klar, daß die
Hippursäure, da sie sich erst nach Zusatz einer Säure abscheidet, an
eine Basis gebunden, im Harne enthalten ist.
Druckfehler.
Seite 61 Zeile 5 v. o. anstatt _venösem_ setze _arteriellem_.
„ 65 „ 12 v. o. anstatt _Pferd_ lese man _Ochse_.
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