beim Mann = 100 : 100
beim Säugling = 25 : 250
beim Greis = 125 : 50
oder die Zunahme zur Abnahme
beim Erwachsenen = 100 : 100
beim Säugling = 100 : 10
beim Greis = 100 : 250
Es ist hiernach klar, daß wenn der Greis eine den Schlafstunden des
Mannes proportionale Arbeit verrichtet, so wird der Verbrauch größer
sein wie der Ersatz, d. h. sein Körper wird rasch abnehmen, im Fall er
15 Pfund, mit einer Geschwindigkeit von 2¹/₂ Fuß in der Sekunde 72000
Fuß weit trägt, aber 6 Pfund Last wird er diese Strecke weit fortbewegen
können.
Beim Kinde verhält sich die Zunahme zur Abnahme wie 10 : 1 und wenn wir
den Verbrauch an mechanischen Effecten bei ihm also um das zehnfache
steigern, so wird erst dann ein Gleichgewicht an Ersatz und Verbrauch
eintreten; das Kind wird in diesem Fall freilich nicht an Masse
zunehmen, allein es wird daran auch nicht abnehmen.
Wenn bei dem Erwachsenen der Kraftverbrauch zu mechanischen Effecten in
24 Stunden, über die in 7 Schlafstunden ersetzbare Quantität gesteigert
wird, so muß, wenn das Gleichgewicht sich wiederherstellen soll, in den
folgenden 24 Stunden, in dem nämlichen Verhältniß, weniger Kraft zu
mechanischen Effecten verwendet werden, im entgegengesetzten Fall nimmt
die Masse des Körpers ab und es tritt mehr oder weniger schnell der
Zustand ein, welcher das Greisenalter characterisirt.
Mit jeder Stunde Schlaf mehrt sich beim Greise die Summe der
verwendbaren Krafteffecte, oder nähert sich dem Gleichgewichtsverhältniß
an Ersatz und Verbrauch wie beim erwachsenen Menschen.
Es ist ferner klar, daß wenn ein Theil der Kraft, welche zu mechanischen
Bewegungen ohne Störung des Gleichgewichtes verwendbar ist, zur Bewegung
der Glieder, Hebung von Lasten, Arbeit &c. nicht verzehrt wird, so wird
sie durch die unwillkürlichen Bewegungen verwendbar sein. Wenn die
Bewegung des Herzens und der Säfte, der Eingeweide (der Blutumlauf und
die Verdauung) sich in dem nämlichen Verhältniß beschleunigt findet, wie
zu mechanischen Effecten durch die Glieder weniger Kraft verbraucht
wird, so wird das Gewicht des Körpers in 24 Stunden weder zu- noch
abnehmen; der Körper nimmt an Masse also nur dann zu, wenn die in den
Schlafstunden gesammelte und zu mechanischen Effecten verwendbare Kraft
weder für die willkürlichen, noch unwillkürlichen Bewegungen verzehrt
wird.
Die angeführten approximativen Zahlenwerthe für den Kraftverbrauch im
Organismus des Menschen beziehen sich, wie ausdrücklich hervorgehoben
worden, nur auf eine gegebene, unveränderliche Temperatur; in ungleicher
Temperatur und bei Mangel an Nahrung müssen sich alle diese
Verhältnisse ändern.
Wenn wir einen Körpertheil mit Eis und Schnee umgeben, während die
übrigen in ihrer gewöhnlichen Beschaffenheit bleiben, so tritt mehr oder
weniger schnell in Folge der Entziehung von Wärme, ein rascherer
Stoffwechsel an der abgekühlten Stelle ein.
Der Widerstand der belebten Körpertheile gegen die Einwirkung des
Sauerstoffs an der abgekühlten Stelle ist kleiner, als an allen übrigen
Orten, was im Resultate ganz gleich ist einer Erhöhung des Widerstandes
an diesen andern Orten.
Das Kraftmoment der Lebenskraft an den nicht abgekühlten Stellen wird
nach wie vor zur mechanischen Bewegung verbraucht, allein die ganze
Wirkung des eingeathmeten Sauerstoffs wendet sich der abgekühlten Stelle
zu.
Denken wir uns einen Cylinder von Eisen, in den wir Dampf unter einem
gewissen Drucke einströmen lassen, so wird, wenn die Kraft, mit welcher
die Theile des Eisens zusammenhängen, gleich ist der Kraft, welche sie
zu trennen strebt, ein Gleichgewichtszustand eintreten, d. h. die ganze
Wirkung des Dampfes wird durch den Widerstand aufgehoben. Wenn aber eine
der Wände des Cylinders beweglich ist, ein Stempel z. B., dem Druck des
Dampfes also einen geringeren Widerstand entgegensetzt, als die anderen
Wände, so wird der ganze Druck in der Bewegung dieser einen Wand, in der
Hebung des Stempels, verzehrt. Wenn wir nicht neuen Dampf (neue Kraft)
hinzuströmen lassen, so wird sich bald ein Gleichgewichtszustand
einstellen. Einen gewissen Druck hält die Wand aus ohne sich zu bewegen,
durch einen größeren Druck wird der Stempel gehoben; wenn dieser
Ueberschuß von Kraft verzehrt ist durch die Bewegung, so wird er nicht
weiter gehoben werden; wenn immer neuer Dampf hinzuströmt, so wird seine
Bewegung fortdauern.
An der abgekühlten Stelle setzen die belebten Körpertheile der
chemischen Action des Sauerstoffs ein kleineres Hinderniß entgegen;
seine Fähigkeit, mit ihren Bestandtheilen eine Verbindung einzugehen,
ist an diesem Orte erhöht; einmal ausgetreten hört aller Widerstand
völlig auf, und in Folge der Verbindung des Sauerstoffs mit den
Bestandtheilen der umgesetzten Gebilde wird ein größeres Maß von Wärme
frei.
Für eine gegebene Quantität Sauerstoff bleibt sich die erzeugte
Wärmemenge völlig gleich; an der abgekühlten Stelle nimmt der
Stoffwechsel und damit die Wärmeentwicklung zu, an den anderen nimmt der
Stoffwechsel (die Wärmeentwicklung) ab. Hat aber die abgekühlte Stelle,
durch die Verbindung des Sauerstoffs mit den ausgetretenen
Körpertheilen, ihre ursprüngliche Temperatur wiedererhalten, so nimmt
damit der Widerstand ihrer belebten Körpertheile gegen den
nachströmenden Sauerstoff wieder zu, an allen übrigen Orten ist aber nun
der Widerstand kleiner geworden, d. h. es tritt nun auch an diesen ein
rascherer Stoffwechsel, eine Erhöhung der Temperatur ein, und mit dieser
wird, wenn die Ursache des Stoffwechsels fortdauert, ein größeres Maß
von Lebenskraft zu mechanischen Effekten verwendbar.
Denken wir uns nun, daß der ganzen Oberfläche des Körpers Wärme entzogen
wird, so wird die ganze Wirkung des Sauerstoffs der Haut zugelenkt
werden, in kurzer Zeit muß der Stoffwechsel im ganzen Körper zunehmen;
das Fett, so wie alle Bestandtheile des Thierkörpers, welche die
Fähigkeit haben, mit dem in größerer Quantität zugeführten Sauerstoff
sich zu verbinden, werden in der Form von Sauerstoffverbindungen aus dem
Körper treten.
Theorie der Krankheit.
Ein jeder Stoff oder Materie, eine jede chemische oder mechanische
Thätigkeit, welche die Wiederherstellung des Gleichgewichtes in den
Aeußerungen der Ursachen des Verbrauches und Ersatzes in der Art ändert
oder stört, daß sich ihre Wirkung den Ursachen des Verbrauches
hinzufügt, heißt _Krankheits-Ursache_; es entsteht _Krankheit_, wenn die
Summe von Lebenskraft, welche alle Ursachen von Störungen aufzuheben
strebt (wenn also der Widerstand der Lebenskraft), kleiner ist, als die
einwirkende, störende Thätigkeit.
_Tod_ heißt der Zustand, wo aller Widerstand der Lebenskraft völlig
aufhört; so lange dieser Zustand nicht eintritt, äußern die belebten
Körpertheile stets noch einen Widerstand.
In der Beobachtung zeigt sich die Wirkung einer Krankheitsursache in dem
gestörten Verhältnisse zwischen dem, einem jeden Lebensalter
zukommenden, Verbrauch und Ersatz. In der Heilkunde heißt Krankheit
jeder abnorme Zustand des Ersatzes oder Verbrauchs, in allen
Körpertheilen oder in einem einzelnen Körpertheil.
Es ist klar, daß eine und dieselbe Krankheitsursache auf den Organismus,
je nach dem Lebensalter, eine höchst ungleiche Wirkung äußern muß, daß
ein gewisses Maß von Störung, welche Krankheit in dem erwachsenen
Zustande bewirkt, ohne Einfluß auf die Lebensäußerungen im Kindes- oder
Greisenalter sein kann. Eine Krankheitsursache kann im Greisenalter,
wenn sie sich der Wirkung der Ursache des Verbrauchs hinzufügt, den Tod
bewirken (allen Widerstand der Lebenskraft vernichten), während sie im
reifen Lebensalter nur ein Mißverhältniß im Verbrauch und Ersatz
(Krankheit), und im Kindesalter nur ein Gleichgewichtsverhältniß
zwischen Verbrauch und Ersatz, das ist, den abstracten Zustand von
Gesundheit, hervorbringt.
Eine Krankheitsursache, welche die Ursache des Ersatzes verstärkt,
entweder direct, oder insofern die Ursache des Verbrauchs in ihrer
Wirkung dadurch geschwächt wird, hebt den relativ normalen
Gesundheitszustand im Kindesalter und im reifen Alter auf, und setzt im
Greisenalter Verbrauch und Ersatz in’s Gleichgewicht.
Ein Kind erträgt, leicht gekleidet, Abkühlung durch hohe Kältegrade
ohne Störung seiner Gesundheit, seine zu mechanischen Effekten
verwendbare Kraft, so wie seine Temperatur nehmen mit dem durch
Abkühlung sich einstellenden Stoffwechsel zu, während ein hoher
Wärmegrad, welcher den Stoffwechsel hindert, einen krankhaften Zustand
nach sich zieht.
Wir sehen im Gegensatze hierzu in den Hospitälern und in den
wohlthätigen Anstalten (in Brüssel &c.), in welchen alte Leute ihre
letzten Lebenstage zubringen, daß, wenn die Temperatur des Schlafraums
(im Winter) zwei bis drei Grade unter die erwartete Temperatur fällt,
daß durch diese schwache Abkühlung der Tod von den ältesten und an sich
schwächsten Greisen und Greisinnen herbeigeführt wird; man findet sie in
ihren Betten ruhig liegend ohne die geringsten Symptome von Krankheit
oder anderen erkennbaren Ursachen des Todes.
Mangel an Widerstand eines belebten Körpertheils gegen die Ursachen des
Verbrauchs ist, wie sich von selbst versteht, Mangel an Widerstand gegen
die Einwirkung des atmosphärischen Sauerstoffs.
Wenn nun durch irgend eine Ursache der Störung in einem belebten
Körpertheil dieser Widerstand abnimmt, so nimmt in gleichem Grade der
Stoffwechsel zu.
Da nun die Bewegungserscheinungen in dem Thierkörper abhängig sind von
dem Stoffwechsel, so folgt mit der Steigerung des Stoffwechsels in
irgend einem Körpertheil, von selbst, eine Beschleunigung aller
Bewegungen; je nach der Fortpflanzungsfähigkeit der Nerven vertheilt
sich die verwendbare Kraft auf die Leiter der unwillkürlichen
Bewegungen allein oder auf alle zusammengenommen.
Wird demnach in Folge einer krankhaften Umsetzung der belebten
Körpertheile ein größeres Maß von Kraft erzeugt, als zur Hervorbringung
der normalen Bewegung erforderlich ist, so zeigt sich dies in einer
Beschleunigung aller oder einzelner, unwillkürlichen Bewegungen, so wie
in einer höheren Temperatur des kranken Körpertheils.
_Dieser Zustand heißt Fieber_.
Bei einem Uebermaß von Krafterzeugung durch Stoffwechsel überträgt sich
die Kraft (da sie nur durch Bewegung verzehrt werden kann), auf die
Apparate der willkürlichen Bewegung.
_Dieser Zustand heißt Fieberparoxysmus_.
In Folge der durch den Fieberzustand beschleunigten Blutbewegung wird in
einer gegebenen Zeit dem kranken Ort sowohl, wie allen anderen Orten,
ein größeres Maß arterielles Blut und damit Sauerstoff hinzugeführt, und
wenn die thätige Kraft an den gesunden Orten in ihrer Aeußerung sich
gleich bleibt, so muß die ganze Wirkung des mehr hinzugeführten
Sauerstoffs sich auf den kranken Ort allein erstrecken.
Je nachdem ein einzelnes Organ oder ein System von Organen, krank ist,
erstreckt sich der Stoffwechsel auf einen einzelnen Ort, oder auf das
ganze ergriffene System.
Entstehen an den kranken Orten in Folge des Stoffwechsels aus den
Bestandtheilen des Gebildes oder Blutes neue Producte, welche die
nächstliegenden Theile zu ihren eigenen vitalen Function nicht verwenden
können, sind ihre Umgebungen unfähig, sie anderen Orten, wo sie eine
Veränderung erfahren können, zuzuführen, so erleiden sie an dem Orte
selbst, wo sie sich gebildet haben, einen der Verwesung, Fäulniß oder
Gährung ähnlichen Umsetzungsproceß.
In gewissen Fällen beseitigt die Heilkunde diese Krankheitszustände,
indem sie in der Nähe des kranken, oder an irgend einem andern passenden
Ort, einen künstlichen Krankheitszustand (Blasenpflaster, Senfpflaster,
Haarseil &c.) hervorbringt, indem sie an diesen Orten den Widerstand der
Lebensthätigkeit durch künstliche Störungen vermindert; es gelingt dem
Arzte, den ursprünglichen Krankheitszustand zu heben, wenn die
hervorgebrachte Störung (der verringerte Widerstand) die zu besiegende
Krankheitsstörung überwiegt.
Der raschere Stoffwechsel und die höhere Temperatur an dem kranken Orte
zeigt, daß der Widerstand der Lebensthätigkeit an dem kranken Orte gegen
den Sauerstoff schwächer ist, wie im gesunden Zustande, aber erst mit
dem Tode hört er völlig auf. Durch die künstliche Verminderung des
Widerstandes an einem andern Körpertheil wird der Widerstand des
ursprünglich kranken Theils zwar direct nicht verstärkt, allein die
chemische Action (die Ursache des Stoffwechsels) nimmt an dem kranken
Körpertheil ab, indem sie einem andern Orte zugelenkt wird, wo es der
Kunst des Arztes gelungen ist, einen noch geringern Widerstand gegen
Stoffwechsel (gegen die Einwirkung des Sauerstoffs) hervorzubringen. Es
tritt eine vollkommne Hebung der ursprünglichen Krankheit ein, wenn
Widerstand und Einwirkung an dem kranken Körpertheil ins Gleichgewicht
gebracht sind. Es erfolgt Gesundheit, Wiederherstellung des kranken
Körpertheils in seinem ursprünglichen Zustande, wenn es gelingt, die
störende Action des Sauerstoffs durch irgend ein Mittel so weit zu
schwächen, daß sie kleiner wird, als der Widerstand der unausgesetzt
vorhandenen, wiewohl verminderten Lebensthätigkeit; denn dies ist die
Bedingung der Zunahme an Masse im lebendigen Organismus überhaupt.
In Fällen anderer Art, wo die äußeren künstlichen Störungen ohne Wirkung
sind, schlägt der praktische Arzt, um den Widerstand der
Lebensthätigkeit zu erhöhen, andere indirecte Wege ein, auf welche die
vollendetste Theorie, weder scharfsichtiger noch richtiger, hätte führen
können; er vermindert nämlich durch Blutentziehung die Anzahl der Träger
des Sauerstoffs und damit die Bedingung des Stoffwechsels; er schließt
in der Speise alle Stoffe aus, welche die Fähigkeit besitzen, zu Blut zu
werden; er giebt ausschließlich oder vorzugsweise nur stickstofffreie
Nahrung, welche den Respirationsproceß unterhält, so wie Obst und Theile
von Vegetabilien, welche die zu den Secreten nöthigen Alkalien
enthalten.
Gelingt es ihm, die Einwirkung des Sauerstoffs im Blute auf den kranken
Körpertheil so weit zu vermindern, daß die Lebensthätigkeit des
letztern, sein Widerstand, die chemische Action nur etwas überwiegt, und
geschieht dies, ohne den Functionen der anderen Organe eine Grenze zu
setzen, so ist die Wiederherstellung gewiß.
Zu der in diesen Fällen mit Geschick und Beobachtungsgabe angewendeten
Heilmethode fügt sich, man kann sagen zur Hülfe des kranken
Körpertheils, die Lebenskraft der übrigen, nicht ergriffenen Theile
hinzu, denn durch Blutentziehung, durch Ausschluß der zur Blutbildung
nöthigen Speise, nimmt ja auch auf sie die äußere Ursache der Störung
ab, welche ihre eigne Lebenskraft im Gleichgewicht erhielt; ihre eigne
Thätigkeit erhält ein Uebergewicht; der Stoffwechsel nimmt zwar im
ganzen Körper ab, und damit die Bewegungserscheinungen, allein die Summe
aller Widerstände zusammengenommen nimmt zu in dem Grade, wie der auf
sie in dem Blute einwirkende Sauerstoff sich vermindert. In dem Gefühl
von _Hunger_ gelangt gewissermaßen dieser Widerstand zum Bewußtsein, und
die überwiegende Lebensthätigkeit zeigt sich bei vielen Verhungernden in
einer abnormalen Zunahme oder einer abnormalen Umsetzung gewisser Theile
von Organen. _Mitleidenschaft_ heißt eine Uebertragung des geringern
Widerstandes der Lebensthätigkeit von einem kranken Körpertheil nicht
gerade auf die zunächstliegenden, sondern auf andere Organe, wenn die
Functionen beider sich gegenseitig bedingen. Wenn die Verrichtungen des
kranken Organs mit denen eines andern in Verbindung stehen, wenn das
eine z. B. die Materien nicht mehr producirt, welche zur vitalen
Function des andern gehören, so überträgt sich auf diese, wiewohl nur
scheinbar, der Krankheitszustand.
Ueber die Natur und das Wesen der Lebenskraft kann man sich wohl keiner
selbstgeschaffenen Täuschung hingeben, wenn man beachtet, daß sie sich
in allen ihren Aeußerungen ganz ähnlich wie andere Naturkräfte verhält,
daß sie ohne Bewußtsein, völlig willenlos, einem Blasenpflaster
untergeordnet ist.
Die Nerven, welche die willkürlichen und unwillkürlichen Bewegungen im
Thierkörper vermitteln, sind, nach dem Vorhergehenden, nicht die
Erzeuger, sondern nur die Leiter der Lebenskraft; sie pflanzen die
Bewegung fort und verhalten sich gegen andere Ursachen von Bewegungen,
welche in ihren Aeußerungen der Lebenskraft ähnlich sind, gegen einen
elektrischen Strom z. B. auf eine völlig gleiche Weise, sie gestatten
ihm den Durchgang und bieten als Leiter der Elektricität alle
Erscheinungen dar, welche ihnen als Leitern der Lebenskraft
zukommen. Niemandem wird es wohl, nach dem gegenwärtigen Zustande
unserer Kenntnisse, in den Sinn kommen, als die Ursache der
Bewegungserscheinungen in dem Thierkörper die Elektricität anzusehen,
allein die medicinischen Wirkungen der Elektricität, so wie die eines
Magneten, der in Berührung mit dem Körper die Entstehung eines
elektrischen Stromes vermittelt, können nicht geleugnet werden. Denn zu
der vorhandenen Kraft der Bewegung und Störung addirt sich in dem
elektrischen Strome eine neue Ursache von Bewegung, Form- und
Beschaffenheitsänderung, deren Wirkungen nicht gleich Null gesetzt
werden dürfen.
Auf eine höchst rationelle Weise wendet die praktische Medicin in
manchen Krankheiten die Kälte als Mittel an, um den Stoffwechsel auf
eine ungewöhnliche Weise zu steigern und zu beschleunigen. Dies
geschieht namentlich bei gewissen krankhaften Zuständen der Substanz des
Centrums der Bewegungsapparate, wenn eine glühende Hitze und ein rascher
Strom von Blut nach dem Kopfe, eine abnormale Umsetzung des Gehirns
erkennen lassen. Wenn dieser Zustand über eine gewisse Zeit hindurch
dauert, so giebt die Erfahrung zu erkennen, daß alle Bewegungen im
Thierkörper aufhören; wenn sich der Stoffwechsel auf das Gehirn
vorzugsweise beschränkt, so nimmt der Stoffwechsel, die Krafterzeugung,
in allen anderen Theilen ab; durch Umgebung dieses Körpertheils mit Eis
wird die Temperatur herabgestimmt, allein die Ursache der
Wärmeentwicklung dauert fort; der Widerstand der Lebensthätigkeit wird
vermindert, die Umsetzung, die Entscheidung über den Ausgang der
Krankheit, wird auf eine kürzere Zeitdauer beschränkt. Man darf nicht
vergessen, daß das Eis schmilzt und Wärme aus dem kranken Körpertheil
aufnimmt, daß mit der Entfernung des Eises, vor dem Verlauf der
Umsetzung, die höhere Temperatur wieder sich einstellt, daß man durch
Umgebung mit Eis weit mehr Wärme entzieht, als durch Umhüllung mit einem
schlechten Wärmeleiter; es ist offenbar in der gleichen Zeit eine
größere Menge Wärme frei geworden, was nur durch gesteigerte Zufuhr von
Sauerstoff, der eine raschere Umsetzung bedingen mußte, möglich ist.
Ein nicht ganz unpassendes Bild für die Vorgänge im Thierkörper geben
die sich selbst regulirenden Dampfmaschinen ab, an denen zur
Hervorbringung einer gleichförmigen Bewegung der menschliche Geist den
bewundernswürdigsten Scharfsinn bethätigt hat.
Jedermann weiß, daß in dem Rohre, was den Dampf zu dem Cylinder führt,
in welchem ein Stempel in die Höhe gehoben werden soll, ein
durchbrochener Hahn angebracht ist, durch dessen Oeffnung aller Dampf
seinen Weg nehmen muß; durch eine mit dem Schwungrad in Verbindung
stehende Vorrichtung öffnet sich dieser Hahn, wenn das Rad langsamer, es
schließt sich mehr oder weniger, wenn es geschwinder geht, als zur
gleichförmigen Bewegung erforderlich ist. Mit dem Oeffnen des Hahns
strömt mehr Dampf zu (mehr Kraft), die Bewegung der Maschine wird
beschleunigt; mit dem Schließen des Hahns wird der hinzuströmende Dampf
mehr oder weniger abgeschlossen, die Kraft, welche auf den Stempel
wirkt, nimmt ab, die Spannung des Dampfes im Kessel nimmt zu; sie wird
zu einer spätern Verwendung aufgespart. Die Spannung des Dampfes, die
Kraft, wenn man will, wird hervorgebracht durch Stoffwechsel, durch
Verbrennung von Kohlen unter dem Heerde der Maschine. Die Kraft steigt
(die Menge des entwickelten Dampfes und seine Spannung nehmen zu) mit
der Temperatur des Heerdes, welche abhängig ist von Zufuhr an Kohlen und
Luft. Es finden sich an diesen Maschinen andere Vorrichtungen, welche
beide zu reguliren bestimmt sind. Steigt die Spannung des Dampfes im
Kessel, so schließen sich die Luftzüge, die Verbrennung wird
verlangsamt, die Zufuhr an Kraft (an Dampf) vermindert; geht die
Maschine langsamer, so strömt ihr mehr Dampf zu, die Luftzüge öffnen
sich und die Ursache der Wärmeentwicklung (Krafterzeugung) nimmt zu,
eine letzte Vorrichtung wirft dem Heerde ohne Unterlaß _Kohlen_ zu.
Wenn wir nun an irgend einer Stelle des Dampfkessels die Temperatur
erniedrigen, so nimmt seine Spannung ab; dies giebt sich sogleich an den
Regulatoren der Kraft zu erkennen, die nun ganz die Functionen
verrichten, wie wenn wir eine gewisse Quantität Dampf (Kraft) aus dem
Kessel hätten heraustreten lassen; der Dampfregulator, die Luftzüge
öffnen sich, die Maschine wirft sich selbst eine größere Menge Kohlen
zu.
Ganz ähnlich wie in diesen Maschinen, verhält es sich im Thierkörper
hinsichtlich der Wärme und Krafterzeugung. Mit der Abnahme der äußern
Temperatur verstärken sich die Athembewegungen, es wird Sauerstoff
häufiger und in verdichteterem Zustande zugeführt, der Stoffwechsel
erhöht sich, es muß mehr Nahrungsstoff zugeführt werden, wenn die
Temperatur nicht wechseln soll.
Es bedarf wohl keiner Erinnerung, daß ein gespannter Dampf in dem
Thierkörper, so wenig wie ein elektrischer, Strom, als die Ursache der
Krafterzeugung angesehen werden kann.
Aus der in dem Obigen entwickelten Theorie der Krankheit ergiebt sich
von selbst, daß ein ausgebildeter Krankheitszustand in einem Körpertheil
durch die chemische Action eines Arzneimittels nicht zum Verschwinden
gebracht werden kann.
Einem abnormalen Umsetzungsproceß kann durch Arzneimittel eine Grenze
gesetzt werden, er kann beschleunigt oder verlangsamt werden, allein
damit ist der Normal- (Gesundheits-) Zustand nicht zurückgekehrt.
Die Kunst des Arztes besteht in der Kenntniß der Mittel, die ihm
gestatten, einen Einfluß auf den Verlauf der Krankheit auszuüben, und in
der Beseitigung und Entfernung aller störenden Ursachen, deren Wirkung
sich der Wirkung der Krankheitsursache hinzufügt.
Eine jede Theorie bringt nur durch die richtige Anwendung ihrer
Principien einen wirklichen Nutzen. Eine und dieselbe Heilmethode kann
dem einen Individuum die Gesundheit wiedergeben, während sie, auf ein
anderes angewandt, den sichern Tod nach sich zieht. So hat in gewissen,
entzündlichen Krankheiten, bei muskelreichen Personen, die
antiphlogistische Behandlung ihren entschiedenen Werth, während
Blutentziehung bei anderen von nachtheiligen Folgen begleitet ist. Das
belebende Blut bleibt immer die wichtigste Bedingung zur
Wiederherstellung eines aufgehobenen Gleichgewichts-Zustandes, welche
stets an den Gewinn von Zeit geknüpft ist; es muß als die letzte und
wichtigste Ursache eines dauernden, vitalen Widerstandes der kranken
sowohl, wie der nicht ergriffenen Körpertheile angesehen und im Auge
behalten werden.
Es ist ferner klar, daß in allen Krankheiten, wo das Fieber die Bildung
von Ansteckungsstoffen und Exenthemen begleitet, zwei Krankheitszustände
sich neben einander vollenden, und daß das Blut (Fieber) als der Träger
des Stoffs (Sauerstoffs), ohne dessen Mitwirkung die krankhaften
Erzeugnisse nicht unschädlich gemacht, zerstört und aus dem Körper
entfernt werden können, reaktionell als Heilmittel auftritt, durch
dessen Mitwirkung zuletzt eine Ausgleichung bewirkt wird.
Theorie der Respiration.
Bei dem Durchgang des venösen Blutes durch die Lunge ändern die
Blutkörperchen ihre Farbe, mit diesem Farbewechsel beobachten wir, daß
Sauerstoff aus der Luft aufgenommen, daß für jedes Volumen Sauerstoff in
den meisten Fällen, ein ihm gleiches Volumen Kohlensäure abgeschieden
wird.
Die Blutkörperchen enthalten _eine Eisenverbindung_, kein anderer
Bestandtheil der lebendigen Körpertheile enthält Eisen.
Welche Art von Veränderung auch die übrigen Bestandtheile des Blutes in
der Lunge erleiden mögen, gewiß ist, daß die Blutkörperchen des venösen
Blutes einen Farbewechsel erfahren, welcher abhängig ist von der
Einwirkung des Sauerstoffs.
Wir sehen nun, daß die Blutkörperchen des arteriellen Blutes in den
weiten Kanälen ihre Farbe bewahren, daß sie sie erst bei dem Durchgange
durch die Capillargefäße verlieren. Alle Bestandtheile des venösen
Blutes, welche die Fähigkeit hatten sich mit Sauerstoff zu verbinden,
nehmen in der Lunge einen entsprechenden Theil davon auf; Versuche mit
Serum zeigen, daß es mit reinem Sauerstoff in Berührung dessen Volumen
nicht merklich ändert. Venöses Blut mit Sauerstoff in Berührung röthet
sich unter Absorption des Sauerstoffs; es wird hierbei eine
entsprechende Menge Kohlensäure gebildet.
Es ist klar, der Farbewechsel der Blutkörperchen hängt von der
Verbindung von irgend einem ihrer Bestandtheile mit dem Sauerstoff ab,
und mit dieser Sauerstoffaufnahme tritt eine gewisse Quantität
Kohlensäure aus.
Von dem Serum scheidet sich diese Kohlensäure nicht ab, denn es besitzt
nicht die Fähigkeit, bei Berührung mit Sauerstoff Kohlensäure abzugeben;
das Blut von den Blutkörperchen getrennt (das Serum) absorbirt sein
halbes bis gleiches Volumen Kohlensäure (siehe den Artikel _Blut_ in dem
Handwörterbuche der Chemie von _Poggendorff_, _Wöhler_ und _Liebig_,
Seite 877), es ist bei gewöhnlicher Temperatur nicht mit Kohlensäure
gesättigt.
Das arterielle Blut geht, von dem Thiere genommen, unausgesetzt einer
Veränderung entgegen, seine hochrothe Farbe wird schwarzroth; das
hochrothe Blut, was seine Farbe den Blutkörperchen verdankt, wird
schwarzroth durch Kohlensäure; diese Farbeänderung trifft die
Blutkörperchen; es absorbirt eine Menge Gase, welche sich in der
Blutflüssigkeit (ohne Blutkörperchen) nicht lösen; _es ist klar, die
Blutkörperchen haben das Vermögen, sich mit Gasen zu verbinden_.
Die Blutkörperchen ändern ihre Farbe in verschiedenen Gasen; dieser
Wechsel kann von zwei Ursachen, einer Verbindung oder einer Zersetzung
herrühren.
Durch Schwefelwasserstoff werden sie schwarzgrün und zuletzt schwarz,
die ursprüngliche rothe Farbe kann durch Contact mit Sauerstoffgas nicht
wieder hervorgebracht werden; es ist offenbar hier eine Zersetzung vor
sich gegangen.
Die durch Kohlensäure schwarzroth gewordenen Blutkörperchen werden beim
Contact mit Sauerstoff unter Abscheidung von Kohlensäure wieder
hochroth, ähnlich verhalten sie sich gegen Stickoxydulgas; es ist klar,
daß sie keine Zersetzung erfahren hatten; sie besitzen also die
Fähigkeit, eine Verbindung mit Gasen einzugehen, _ihre Verbindung mit
Kohlensäure wird durch Sauerstoff wieder aufgehoben_; sich selbst
überlassen, wird außerhalb des Thierkörpers die Sauerstoffverbindung
wieder schwarzroth, ohne durch Sauerstoff wieder hochroth zu werden.
Die Blutkörperchen enthalten eine Eisenverbindung.
Aus dem nie fehlenden Eisengehalt des rothen Blutes muß geschlossen
werden, daß er unbedingt für das animalische Leben nothwendig sei, und
seitdem die Physiologie bewiesen hat, daß die Blutkörperchen an dem
Ernährungsprocesse keinen Antheil nehmen, kann es keinem Zweifel
unterliegen, daß sie in dem Respirationsproceß eine Rolle übernehmen.
Die Eisenverbindung in den Blutkörperchen verhält sich wie eine
Sauerstoffverbindung, denn durch Schwefelwasserstoff wird sie ganz auf
dieselbe Weise zerlegt, wie die Eisenoxyde oder die ihnen ähnlichen
Eisenverbindungen. Durch verdünnte Mineralsäuren läßt sich aus frischem
oder getrocknetem Blutroth Eisenoxyd, bei gewöhnlicher Temperatur
ausziehen.
Das Verhalten der Eisenverbindungen giebt vielleicht Aufschluß über die
Rolle, welche das Eisen in dem Respirationsprocesse spielt; kein
einziges Metall kann in Beziehung auf merkwürdige Eigenschaften mit den
Eisenverbindungen verglichen werden.
Die Eisenoxydulverbindungen besitzen das Vermögen anderen
Sauerstoffverbindungen Sauerstoff zu entziehen; die
Eisenoxydverbindungen geben Sauerstoff unter anderen Bedingungen mit der
allergrößten Leichtigkeit wieder ab.
Eisenoxydhydrat in Berührung mit schwefelfreien organischen Materien
verwandelt sich in kohlensaures Eisenoxydul.
Kohlensaures Eisenoxydul in Berührung mit Wasser und Sauerstoff wird
zersetzt, alle Kohlensäure, die es enthält, entweicht; durch
Aufnahme von Sauerstoff verwandelt es sich in Eisenoxydhydrat, was
durch reducirende Materien wieder zurückführbar ist in eine
Eisenoxydulverbindung.
Aber nicht bloß die Sauerstoffverbindungen des Eisens, sondern auch die
Cyanverbindungen zeigen ein ähnliches Verhalten. In dem Berlinerblau
haben wir Eisen in Verbindung mit allen organischen Bestandtheilen des
Thierkörpers: Wasserstoff und Sauerstoff (Wasser), Kohlenstoff und
Stickstoff (Cyan).
Dem Lichte ausgesetzt, entweicht Cyan, es wird weiß, im Dunkeln zieht es
Sauerstoff an und wird wieder blau.
Alle diese Beobachtungen zusammengenommen führen zu der Meinung, daß die
Blutkörperchen des arteriellen Blutes eine mit Sauerstoff gesättigte
Eisenverbindung enthalten, welche im lebendigen Blute beim Durchgang
durch die Capillargefäße ihren Sauerstoff verliert; dasselbe geschieht,
wenn das Blut vom Körper genommen sich zu zersetzen anfängt (zu faulen
beginnt); die an Sauerstoff reiche Verbindung geht also durch
Sauerstoffabgabe (Reduction) in eine sauerstoffarme Verbindung über.
Eins der Oxydationsproducte, welches hierbei gebildet wird, ist
Kohlensäure. Die Eisenverbindung des venösen Bluts besitzt die
Fähigkeit, sich mit Kohlensäure zu verbinden; es ist klar, daß die
Blutkörperchen des arteriellen Blutes, wenn sie nach Abgabe von einem
Theile ihres Sauerstoffs Kohlensäure vorfinden, sich mit dieser
Kohlensäure verbinden werden.
In der Lunge angelangt werden sie den verlornen Sauerstoff wieder
aufnehmen, für jedes Volumen Sauerstoff wird eine entsprechende Menge
Kohlensäure wieder austreten, sie werden in ihren ursprünglichen Zustand
wieder zurückkehren, d. h. das Vermögen wieder erhalten, Sauerstoff
abzugeben.
Für jedes Volum Sauerstoff, was die Blutkörperchen abzugeben vermögen,
wird (da die Kohlensäure ihr gleiches Volum Sauerstoff ohne Condensation
enthält) nicht mehr und nicht weniger als ein Volumen kohlensaures Gas
gebildet werden können; für jedes Volumen Sauerstoff, was sie
aufzunehmen fähig sind, kann nicht mehr Kohlensäure abgeschieden werden,
als überhaupt aus diesem Volum Sauerstoff erzeugbar ist.
Wenn ein kohlensaures Eisenoxydul durch Aufnahme von Sauerstoff in
Eisenoxyd übergeht, so werden für jedes Volum Sauerstoff, was zum
Uebergang in Eisenoxyd gehört, vier Volumina Kohlensäure abgeschieden.
Für ein Volumen Sauerstoff kann sich aber nur ein Volumen Kohlensäure
bilden, es kann also auch nicht mehr abgeschieden werden; die ihres
Sauerstoffs beraubte Verbindung muß aber die Fähigkeit haben, noch
Kohlensäure aufzunehmen, und wir sehen in der That, daß das Blut in
keinem Zustande des Lebens mit Kohlensäure gesättigt ist, daß es zu der
Kohlensäure, die es schon enthält, noch eine Menge Kohlensäure
aufzunehmen vermag, ohne daß damit die Function der Blutkörperchen
gestört erscheint. (Nach dem Trinken von moussirenden Weinen, Bier,
Mineralwasser muß nothwendig mehr Kohlensäure ausgeathmet werden.) In
allen Fällen, wo der Sauerstoff der Blutkörperchen nicht zur Bildung von
Kohlensäure gedient hat, wird stets nur eine der erzeugten Kohlensäure
entsprechende Menge ausgeathmet werden können; bei Genuß von Fett und
Wein jedenfalls weniger, wie nach dem Genuß von Champagner.
Nach der so eben entwickelten Vorstellung geben die Blutkörperchen des
arteriellen Blutes, bei ihrem Durchgang durch die Capillargefäße,
Sauerstoff an gewisse Bestandtheile des Thierkörpers ab. Ein kleiner
Theil dieses Sauerstoffs dient zur Hervorbringung des Stoffwechsels und
bedingt das Austreten belebter Körpertheile, so wie die Bildung und
Erzeugung der Secrete, der größte Theil dieses Sauerstoffs wird zur
Verwandlung der, den belebten Körpertheilen nicht mehr angehörenden
Substanzen, in Sauerstoffverbindungen verwendet.
Auf ihrem Wege nach dem Herzen hin, verbinden sich die Blutkörperchen,
welche ihren Sauerstoff abgegeben haben, mit Kohlensäuregas zu venösem
Blut, in der Lunge angelangt, findet ein Austausch statt.
Die organische Eisenverbindung des venösen Blutes nimmt in der Lunge und
der Luft den verlornen Sauerstoff wieder auf, und in Folge dieser
Sauerstoffaufnahme scheidet sich alle damit verbundene Kohlensäure
wieder ab.
Alle in dem venösen Blute vorhandenen Materien, welche Verwandtschaft
zum Sauerstoff besitzen, verwandeln sich in der Lunge, ähnlich wie die
Blutkörperchen, in höhere Sauerstoffverbindungen, es entsteht eine
gewisse Quantität Kohlensäure, von der stets ein Theil in der
Blutflüssigkeit gelös’t bleibt.
Die Quantität der gelös’ten (oder der an Natron gebundenen) Kohlensäure
muß in beiden Blutarten, da sie einerlei Temperatur besitzen, gleich
sein, allein das arterielle Blut muß, sich selbst überlassen, nach
kurzer Zeit eine größere Menge Kohlensäure enthalten, wie das venöse,
weil der aufgenommene Sauerstoff zur Bildung von Kohlensäure verwendet
wird.
In dem Organismus des Thieres finden mithin zwei Oxydationsprocesse
statt, der eine in der Lunge, der andere in den Capillargefäßen. Durch
den erstern wird, trotz der starken Abkühlung und gesteigerten
Verdunstung, die constante Temperatur der Lunge, durch den andern die
constante Temperatur in den übrigen Körpertheilen hervorgebracht.
Ein Mensch, welcher täglich 27,8 Loth Kohlenstoff in der Form von
Kohlensäure ausathmet, verzehrt in 24 Stunden 74 Loth Sauerstoff (64
Loth = 1 Kilogramm), welche den Raum von 807 Litres = 51648 hessische
Kubikzoll (64 = 1 Litre) einnehmen.
Rechnet man auf die Minute 18 Athemzüge, so haben wir in 24 Stunden
25920 Athemzüge und bei jedem Athemzug werden demnach ⁵¹⁶⁸⁴/₂₅₉₂₀ = 1,99
Kubikzoll Sauerstoff in das Blut aufgenommen.
In einer Minute treten 18 × 1,99 = 35,8 Kubikzoll Sauerstoff zu den
Bestandtheilen des Blutes, welche bei gewöhnlicher Temperatur etwas
weniger wie 12 Gran (802,8 Milligramm) wiegen.
Nehmen wir nun an, daß in einer Minute 10 Pfund Blut (5 Kilogramm)
(Müller, Physiologie Bd ~I.~ S. 345) durch die Lunge gehen und diese den
Raum von 320 Kubikzoll einnehmen, so verbindet sich 1 Kubikzoll
Sauerstoff sehr nahe mit 9 Kubikzoll Blut.
Nach den Untersuchungen von _Denis_, _Richardson_, _Nasse_
(Handwörterbuch der Physiologie Bd. I. S. 138) enthalten 10000 Blut 8
Theile Eisenoxyd. 76800 Gran (10 Pfd.) Blut enthalten demnach 61,54 Gran
Eisen_oxyd_ im arteriellen oder 55,14 Eisen_oxydul_ im venösen Blut.
Nehmen wir nun an, das Eisen in den Blutkörperchen des venösen Blutes
sei als Eisenoxydul, das im arteriellen Blut als Eisenoxyd enthalten, so
nehmen 55,14 Gran Eisenoxydul bei ihrem Durchgang durch die Lunge in
einer Minute 6,40 Gran Sauerstoff auf; da nun in dieser Zeit im Ganzen
von 10 Pfund Blut 12 Gran Sauerstoff aufgenommen werden, so treten von
diesen 12 Gran, 5,6 Gran an die anderen Bestandtheile des Blutes.
55,14 Gran Eisenoxydul verbinden sich nun mit 34,8 Gran Kohlensäure,
welche den Raum von 73 Kubikzoll einnehmen. Es ist deshalb klar, daß die
in dem Blute vorhandene Menge Eisen, als Eisenoxydul gedacht, hinreicht,
um den Träger der doppelten Menge Kohlensäure abzugeben, welche
überhaupt auf Kosten alles in der Lunge aufgenommenen Sauerstoffs
erzeugbar ist.
Die eben entwickelte Hypothese stützt sich auf die bekannten
Beobachtungen und zwar erklärt sie den Respirationsproceß, soweit er von
den Blutkörperchen abhängig ist, vollkommen, sie schließt die Meinung
nicht aus, daß auch auf anderen Wegen Kohlensäure in die Lunge gelangen,
daß gewisse andere Bestandtheile des Bluts zur Bildung von Kohlensäure
in der Lunge Veranlassung geben können; allein alles dies steht in
keiner Beziehung zu dem vitalen Proceß, durch welchen in allen Theilchen
des Körpers die zu seinem Bestehen nöthige Wärme erzeugt wird. Dies
allein kann aber vorläufig nur als ein würdiger Gegenstand der
Untersuchung betrachtet werden; warum dunkelrothes Blut durch Salpeter,
Kochsalz &c. hellroth wird, ist eine nicht uninteressante Frage, die
aber mit dem Athmungsproceß in keinem Zusammenhange steht.
Die furchtbare Wirkung des Schwefelwasserstoffs; der Blausäure, welche
beim Einathmen in wenigen Secunden allen Bewegungserscheinungen im
Thierkörper eine Grenze setzen, erklären sich aus den bekannten
Veränderungen, welche alle Eisenverbindungen bei Gegenwart von Alkalien,
die im Blute nicht fehlen, durch diese Stoffe erleiden, auf eine
ungezwungene Weise.
Denken wir uns, daß die Blutkörperchen ihre Fähigkeit verlieren,
Sauerstoff aufzunehmen, diesen Sauerstoff wieder abzugeben und die
gebildete Kohlensäure fortzuführen, so wird ein solcher hypothetischer
Krankheitszustand augenblicklich an der Temperatur und den
Bewegungserscheinungen im Thierkörper erkennbar sein. Es wird nämlich
kein Stoffwechsel stattfinden, ohne daß damit die Bewegungen selbst eine
unmittelbare Grenze finden.
Die Leiter der Kraft werden den Eingeweiden, dem Herzen, nach wie vor,
die zu ihren Functionen nöthige Kraft zuführen, sie werden sie von dem
Muskularsystem erhalten, ohne aber daß aus diesen ein Bestandtheil
austritt; Galle- und Harnsecretion können nicht stattfinden; die
Temperatur des Körpers muß abnehmen.
Dem Ernährungsproceß wird durch diesen Zustand eine Grenze gesetzt und
in kürzerer oder längerer Zeit muß der Tod eintreten, ohne, was hier das
Wichtigste ist, von Fiebererscheinungen begleitet zu sein.
Dieses Beispiel soll dazu dienen, um Veranlassung zu einer Untersuchung
des Bluts in Krankheitszuständen ähnlicher Art, zu geben, denn es kann
nicht dem geringsten Zweifel unterliegen, daß die Rolle, welche den
Blutkörperchen zugeschrieben worden ist, als vollkommen ausgemittelt und
aufgeklärt betrachtet werden kann, wenn sich in solchen Zuständen eine
Abweichung in der Form, Beschaffenheit und dem Verhalten der
Blutkörperchen ergiebt, die durch geeignete Reagentien erkennbar sein
muß.
Wenn die Kraft, welche die Lebenserscheinungen bedingt, als eine
Eigenschaft gewisser Materien angesehen wird, so führt diese Vorstellung
von selbst auf eine neue und schärfere Betrachtungsweise gewisser
räthselhafter Erscheinungen, welche die nämlichen Substanzen in
Zuständen darbieten, wo sie keine Bestandtheile belebter Organismen mehr
ausmachen.
Analytische Belege
zu
dem chemischen Proceß
der
_=Respiration und Ernährung=_
so wie
zu dem chemischen Proceß
der
_=Umsetzung der Gebilde=_.
Die Noten correspondiren mit den in den Abschnitten im Texte
aufgeführten Nummern.
Alle mit * bezeichneten Zahlenresultate der Analysen sind in dem
chemischen Laboratorium in Gießen ausgeführt.
Anhang.
Seite 1. Einleitung zu den Analysen.
Erklärung der Formeln.
Die frühere Darstellung der Verschiedenheit in der Zusammensetzung der
Stoffe, die Angabe des Gehaltes in ihren Bestandtheilen nach Procenten,
ist von den Chemikern längst verlassen, weil sie keine Einsicht in die
Beziehungen gestattet, welche zwischen zwei und mehr Verbindungen
stattfinden. Um hiervon einige Beispiele zu geben, soll die
Zusammensetzung der Essigsäure und des Aldehyds, des Bittermandelöls und
der Benzoesäure hier erwähnt werden.
Essigsäure Aldehyd* Benzoesäure* Bittermandelöl*
Kohlenstoff 40,00 55,024 69,25 79,56
Wasserstoff 6,67 8,983 4,86 5,56
Sauerstoff 53,33 35,993 25,89 14,88
Aldehyd verwandelt sich nun in Essigsäure, Bittermandelöl in Benzoesäure
durch Aufnahme von Sauerstoff, ohne daß sich an ihren Elementen sonst
irgend etwas ändert. In den bloßen Zahlenverhältnissen läßt sich diese
Beziehung nicht erkennen, drücken wir aber die Zusammensetzung beider in
einer Formel aus, so fällt der Zusammenhang zwischen diesen Materien
auch demjenigen in die Augen, welcher von der Chemie nichts weiß, als
daß der Buchstabe ~C~ ein Aequivalent Kohlenstoff, ~H~ 1 Aeq.
Wasserstoff, ~N~ 1 Aeq. Stickstoff und ~O~ 1 Aeq. Sauerstoff bedeutet.
Formel Formel
/--------------------\ /----------------------------\
der des der des
Essigsäure Aldehyds Benzoesäure Bittermandelöls
~C₄H₈O₄~ ~C₄H₈O₂~ ~C₁₄H₁₂O₄~ ~C₁₄H₁₂O₂~
Diese Formeln sind genaue Ausdrücke der Analysen, die, man kann es sich
so denken, sich auf eine unveränderliche Kohlenstoffquantität beziehen;
sie zeigen, daß Essigsäure und Aldehyd, Benzoesäure und Bittermandelöl
nur in dem Sauerstoffgehalt von einander abweichen, daß sie von den
übrigen Elementen einerlei Verhältnisse enthalten. Das Verständniß der
folgenden Formeln ist nicht minder einfach.
Cyamelid 1 At. Cyanursäure 3 At. Cyansäurehydrat
~C₆N₆H₆O₆~ ~Cy₆~(= ~C₆N₆~)~O₃~ + 3~H₂O~ = 3(~Cy₂O~ + ~H₂O~) =
= ~Summa~ ~C₆N₆H₆O₆~ = ~Summa~ ~C₆N₆H₆O₆~
Die erste Formel ist eine sogenannte empirische Formel, in der man wohl
das relative Verhältniß der Elemente genau kennt, aber nicht die
Ordnung, in welcher sie zusammengetreten sind. Die zweite Formel drückt
aus, daß 6 At. Cyan oder 6 At. Stickstoff und 6 At. Kohlenstoff zu
_einem_ zusammengesetzten Atom sich vereinigt haben, das mit 3 At.
Sauerstoff und 3 At. Wasser Cyanursäurehydrat gebildet hat; die letzte
drückt aus die Art und Weise der Ordnung der Atome in dem
Cyansäurehydrat, dreimal genommen; dieselbe Anzahl von Elementen, wie
in der Cyanursäure ist zu 3 Atomen Cyansäurehydrat zusammengetreten. Wie
man verfährt, um die procentische Zusammensetzung eines Körpers in einer
Formel auszudrücken, gehört nicht hierher; es soll nur erwähnt werden,
wie man verfahren muß, um aus einer jeden Formel rückwärts die
procentische Zusammensetzung zu finden. Für diesen Zweck muß man
beachten, daß der Buchstabe ~C~ in einer chemischen Formel ein Gewicht
von 76,437 Kohlenstoff (nach den neuesten Bestimmungen 75,8 oder 75,
eine Abweichung, welche auf die angeführten Formeln, da sie alle nach
der Zahl 76,437 berechnet sind, ohne den geringsten Einfluß ist)
bedeutet, der Buchstabe ~H~ ein Gewicht von 6,239 Wasserstoff, der
Buchstabe ~N~ = 88,52 Stickstoff, und zuletzt der Buchstabe ~O~, ein
Gewicht von 100 Sauerstoff.
Die Formel des Proteins ~C₄₈N₁₂H₇₂O₁₄~ drückt also aus:
48 mal 76,437 = 3668,88 Kohlenstoff
12 „ 88,52 = 1062,24 Stickstoff
72 „ 6,239 = 449,26 Wasserstoff
14 „ 100,00 = 1400,00 Sauerstoff
-------
~in Summa~ das Gewicht von 6580,38 Protein.
in 100
Theilen
In 6580,38 Theilen Protein sind enthalten 3668,88 Kohlenstoff 55,742
In 6580,38 „ „ „ „ 1062,24 Stickstoff 16,143
In 6580,38 „ „ „ „ 449,26 Wasserstoff 6,827
In 6580,38 „ „ „ „ 1400,00 Sauerstoff 21,288
-------
100,000
Note 1. Seite 13.
_Sauerstoffverbrauch des erwachsenen Mannes_.
Ein erwachsener Mann
/-----------------------------\
verbraucht erzeugt im kohlens.
in 24 Stunden in 24 Stunden Gas
an Sauerstoff- an kohlensaurem enthaltener
nach gas Gas Kohlenstoff
/------------\ /-------------\
W. Zoll Gran W. Zoll Gran Gran
Lavoisier u. Seguin 46037 15661 14930 8584 2820 franz.
Menzies 51480 17625 engl.
Davy 45504 15751 31680 17811 4853 engl.
Allen u. Pepys 39600 13464 39600 18612 5148 engl.
(Aus L. _Gmelins_ Handbuch der theor. Chemie.)
Note 2. Seite 14.
_Zusammensetzung des Bluts_: (Siehe Note 29.)
in 100 Theilen in 4,8 Pfd. = 36864 Gran
Kohlenstoff 51,96 19154,5
Wasserstoff 7,25 2672,7
Stickstoff 15,07 5555,4
Sauerstoff 21,30 7852,0
Asche 4,42 1629,4
--------- -------
100,000 36864,0
Gran Gran
19154,5 Kohlenstoff bildet mit 50539,5 Sauerstoff Kohlensäure
2672,7 Wasserstoff „ „ 21415,8 „ Wasser
----------------
~Summa~ = 71955,3 Sauerstoff
Hiervon ab vorhandener Sauerstoff = 7852,0
--------------------
bleiben 64103,3 Gran
Sauerstoff, welche zur vollständigen Verbrennung von 4,8 Pfd. Blut
erforderlich sind.
In obiger Rechnung ist angenommen worden, daß 24 Pfd. Blut 4,8 Pfd.
trocknen Rückstand (80 ~pCt.~) hinterlassen.
Note 3. Seite 14.
Bestimmung der Menge des ausgeathmeten Kohlenstoffs.
_Faeces_:
2,356 trockene Faeces hinterließen 0,320 Asche (13,58 ~pCt.~).
0,352 Faeces gaben 0,576 Kohlensäure und 0,218 Wasser.
_Linsen_:
0,566 bei 100° getrocknete Linsen gaben 0,910 Kohlensäure und 0,336
Wasser.
_Erbsen_:
1,060 hinterließen 0,037 Asche
0,416 gaben 0,642 Kohlensäure und 0,241 Wasser.
_Kartoffeln_:
0,443 trockene Kartoffeln gaben 0,704 Kohlensäure und 0,248 Wasser.
_Schwarzbrod_:
0,302 trocknes Schwarzbrod gaben 0,496 Kohlensäure und 0,175 Wasser
0,241 „ „ „ 0,393 „ „ 0,142 „
_Zusammensetzung_
der des Schwarz- der Kartoffeln (des Fleisches
Faeces brods s. Note 29.)
Playfair* Boeckmann* Boussin- Boeck-
gault mann*
Kohlenstoff 45,24 45,09 45,41 44,1 43,944
Wasserstoff 6,88 6,54 6,45 5,8 6,222
Stickstoff } 34,73 35,12 34,89 45,1 44,919
Sauerstoff }
Asche 13,15 3,25 3,25 5,0 4,915
--------------------------------------------------------
100,00 100,00 100,00 100,0 100,000
Wasser 300,
------
400,00