Die Elemente von

5 At. Protein } { 9 At. Choleinsäure.

15 „ Amylon } = { 9 „ Harnstoff.

12 „ Wasser } { 60 „ Kohlensäure.

5 „ Sauerstoff } { 6 „ Ammoniak.

Es sind nemlich:

5 At. Protein = 5 (~C₄₈N₁₂H₇₂O₁₄~) = ~C₂₄₀N₆₀H₃₆₀O₇₀~

15 „ Amylon = 15 (~C₁₂ H₂₀O₁₀~) = ~C₁₈₀ H₃₀₀O₁₅₀~

12 „ Wasser = 12 ( ~H₂ O~ ) = ~H₂₄ O₁₂~

5 „ Sauerstoff = 5 ( ~O~ ) = ~O₅~

-----------------

~in Summa~ = ~C₄₂₀N₆₀H₆₈₄O₂₃₇~

{ 9 At. Choleinsäure = 9 (~C₃₈N₂H₆₆O₁₁~) = ~C₃₄₂N₁₈H₅₉₄O₉₉~

= { 9 „ Harnstoff = 9 (~C₂ N₄H₈ O₂~ ) = ~C₁₈ N₃₆H₇₂ O₁₈~

{ 60 „ Kohlensäure = 60 (~C O₂~ ) = ~C₆₀ O₁₂₀~

{ 6 „ Ammoniak = 6 ( ~N H₃~ ) = ~N₆ H₁₈~

-----------------

~in Summa~ = ~C₄₂₀N₆₀H₆₈₄O₂₃₇~.

Die Umsetzung der in dem Thierkörper vorhandenen Protein-Verbindungen

wird bewirkt durch den im arteriellen Blut zugeführten Sauerstoff, und

wenn die Bestandtheile des in dem Magen des Thieres löslich gewordenen

und in allen Theilen des Körpers verbreiteten Amylons in die neu

entstandenen Verbindungen mit aufgenommen werden, so erhalten wir die

Hauptbestandtheile der Se- und Excretionen des Thierkörpers; Kohlensäure

als Excretion der Lunge, Harnstoff und kohlensaures Ammoniak als

Excretion der Nieren, Choleinsäure als Secret der Leber.

Der Ansicht, daß ein Theil des Kohlenstoffs der stickstofffreien

Nahrungsmittel in die Galle übergehen kann, steht mithin in der

chemischen Zusammensetzung der Stoffe, welche denkbarer Weise an dem

Stoffwechsel im Thier Antheil nehmen können, kein Hinderniß entgegen.

52. Das Fett verschwindet in dem Thierkörper bei gehöriger Zufuhr von

Sauerstoff, beim Mangel an Sauerstoff kann die Choleinsäure übergehen in

Hippursäure, Lithofellinsäure und Wasser. Die Lithofellinsäure[E37] ist

bekanntlich der Hauptbestandtheil der in gewissen Gras-fressenden

Thieren vorkommenden Bezoare.

2 At. Choleinsäure ~C₇₆N₄H₁₃₂O₂₂~ }

10 „ Sauerstoff ~O₁₀~ }

--------------

~C₇₆N₄H₁₃₂O₃₂~

{ 2 At. Hippursäure ~C₃₆N₄H₃₂ O₁₀~

{ 1 „ Lithofellinsäure ~C₄₀ H₇₂ O₈~

{ 14 „ Wasser ~H₂₈ O₁₄~

--------------

~C₇₆N₄H₁₃₂O₃₂~

53. Zur Erzeugung von Galle im Thierkörper gehört unter allen Umständen

eine gewisse Quantität Natron, ohne die Gegenwart einer Natronverbindung

kann sich keine Galle bilden. Bei Abwesenheit von Natron kann sich durch

Umsetzung der Proteingebilde nur Fett und Harnstoff bilden. Denken wir

uns das Fett nach der empirischen Formel ~C₁₁ H₂₀ O~ zusammengesetzt, so

haben wir beim Hinzutreten von Wasser und Sauerstoff zu den Elementen

des Proteins die Bestandtheile des Fettes, der Kohlensäure und des

Harnstoffs.

Protein. Wasser. Sauerstoff.

2 (~C₄₈N₁₂H₇₂O₁₄~) + 12 ~H₂O~ + 14 ~O~ = ~C₉₆N₂₄H₁₆₈O₅₄~ =

{ 6 At. Harnstoff = ~C₁₂N₂₄H₄₈ O₁₂~

= { Fett = ~C₆₆ H₁₂₀O₆~

{ 18 Kohlensäure = ~C₁₈ O₃₆~

---------------

~C₉₆N₂₄H₁₆₈O₅₄~.

Die Zusammensetzung aller Fette liegt zwischen den empirischen Formeln

~C₁₁H₂₀O~ oder ~C₁₂H₂₀O~. Gehen wir von der letzteren aus, so geben die

Elemente von Protein (2 ~Pr.~) beim Hinzutreten von 2 At. Sauerstoff und

12 At. Wasser, 6 At. Harnstoff, Fett (~C₇₂H₁₂₀O₆~) und 12 At.

Kohlensäure.

Bemerkenswerth in Beziehung auf die Bildung des Fettes bleibt es immer,

daß die Abwesenheit des Kochsalzes (eine Natrium-Verbindung, welche dem

Organismus das Natron liefert) die Fettbildung begünstigt, daß das

Mästen eines Thieres unmöglich gemacht wird, wenn wir seiner Nahrung

einen Ueberfluß von Kochsalz, wiewohl weniger als nöthig wäre, um

Purgiren zu bewirken, zusetzen.

54. Als eine Art von Ueberblick über die Metamorphosen der

stickstoffhaltigen Secrete des Thierkörpers, ist es hier ganz an seinem

Orte, die Aufmerksamkeit darauf hinzulenken, daß die stickstoffhaltigen

Producte der Metamorphose der Galle, identisch sind mit den

Bestandtheilen des Harns, mit welchen die Elemente des Wassers in

Verbindung getreten sind.

1 At. Harnsäure ~C₁₀N₈H₈ O₆~ } { 3 At. Taurin ~C₁₂N₆ H₄₂O₃₀~

1 „ Harnstoff ~C₂ N₄H₈ O₂~ } = { 3 „ Ammoniak ~N₆ H₁₈~

22 „ Wasser ~H₄₄O₂₂~ } {

-------------- --------------

~C₁₂N₁₂H₆₀O₃₀~ ~C₁₂N₁₂H₆₀O₃₀~.

1 At. Allantoin ~C₄N₄H₆ O₃~ } = { 1 At. Taurin ~C₄N₂H₁₄O₁₀~

7 „ Wasser ~H₁₄O₇~ } { 1 Aeq. Ammoniak ~N₂H₆~

------------ ------------

~C₄N₄H₂₀O₁₀~ ~C₄N₄H₂₀O₁₀~.

55. Für die Metamorphosen der Harnsäure und der stickstoffhaltigen

Umsetzungsproducte der Galle, ist es nicht minder bedeutungsvoll, daß

beim Hinzutreten von Sauerstoff und Wasser zu den Bestandtheilen der

Harnsäure, Taurin und Harnstoff, oder Taurin, Kohlensäure und Ammoniak

entstehen kann.

1 At. Harnsäure ~C₁₀N₈H₈ O₆~ } { 2 At. Taurin ~C₈N₄H₂₈O₂₀~

14 „ Wasser ~H₂₈O₁₄~ } = { 1 „ Harnstoff ~C₂N₄H₈ O₂~

2 „ Sauerstoff ~O₂~ } -------------

-------------- ~C₁₀N₈H₃₆O₂₂~

Hierzu ~C₁₀N₈H₃₆O₂₂~ } = { 2 At. Taurin ~C₈ N₄H₂₈O₂₀~

2 At. Wasser ~H₄ O₂~ } { 2 „ Kohlensäure ~C₂ O₄~

------------- { 2 „ Ammoniak ~N₄H₁₂~

~C₁₀N₈H₄₀O₂₄~ -------------

~C₁₀N₈H₄₀O₂₄~.

56. Alloxan plus einer gewissen Menge Wasser, ist in seiner

Zusammensetzung gleich der des Taurin, das letztere enthält zuletzt die

Elemente des sauren oxalsauren Ammoniaks.

_Taurin_.

1 At. Alloxan[F11] ~C₈N₄H₈ O₁₀~ } = 2 (~C₄N₂H₁₄O₁₀~)

10 „ Wasser ~H₂₀O₁₀~ }

{ 2 At. Oxalsäure ~C₄ O₆~

1 At. Taurin ~C₄N₂H₁₄O₁₀~ = { 1 „ Ammoniak ~N₂H₆~

{ 4 „ Wasser ~H₈ O₄~

------------

~C₄N₂H₁₄O₁₀~

[11] Es wäre von großem Interesse, die Wirkung des Alloxans auf den

menschlichen Körper zu untersuchen; zwei bis drei Drachmen im

krystallisirten Zustande Kaninchen gegeben, gaben keine schädlichen

Wirkungen zu erkennen. Beim Menschen schien eine starke Dosis nur auf

die Urinsecretion von Einfluß zu sein. Bei gewissen Krankheiten der

Leber dürfte das Alloxan eins der wichtigsten Arzneimittel abgeben.

57. Die Vergleichung des Kohlenstoffgehaltes der in dem Körper eines

Gras-fressenden Thieres secernirten Galle, mit der Kohlenstoffmenge

seiner Gebilde oder seiner stickstoffhaltigen Nahrungsmittel, welche in

Folge des Stoffwechsels in Galle übergehen können, führt, wie sich aus

dem Vorhergehenden ergiebt, auf einen großen Unterschied.

Die Kohlenstoffmenge der secernirten Galle beträgt im geringsten Falle

mehr wie das 5fache, von dem was durch den Stoffwechsel ihrer Gebilde

oder die stickstoffhaltigen Bestandtheile ihrer Nahrung der Leber

zugeführt werden kann, und der Schluß, daß an der Bildung der Galle bei

diesen Thieren, die stickstofffreien Bestandtheile ihrer Nahrung einen

ganz bestimmten Antheil nehmen, darf als wohlbegründet angesehen werden,

denn es giebt keine Erfahrung oder Beobachtung, die seiner Richtigkeit

entgegenstände.

58. Es ist in dem Obigen der analytische Beweis niedergelegt, daß aus

allen Bestandtheilen des Harns, aus Hippursäure, Harnsäure und

Allantoin, die stickstoffhaltigen Producte der Umsetzung der Galle,

nämlich Ammoniak und Taurin entstehen können, und wenn wir uns daran

erinnern, daß durch ein bloßes Austreten von Sauerstoff und Wasser, aus

den Bestandtheilen des Amylon, Choloidinsäure gebildet werden kann,

6 At. Amylon = 6 (~C₁₂H₂₀O₁₀~) = ~C₇₂H₁₂₀O₆₀~

hiervon ab

44 At. Sauerstoff } ~H₈ O₄₈~

4 „ Wasser }

------------

bleibt Choloidinsäure = ~C₇₂H₁₁₂O₁₂~

daß zuletzt die Choloidinsäure, das Ammoniak und Taurin die Elemente der

Choleinsäure in sich schließen,

1 At. Choloidinsäure ~C₇₂ H₁₁₂O₁₂~

1 „ Taurin ~C₄ N₂H₁₄ O₁₀~

2 „ Ammoniak ~N₂H₆~

--------------

Choleinsäure = ~C₇₆N₄H₁₃₂O₂₂~

so wird durch die Kenntniß dieser Thatsachen, ein jeder Widerspruch

gegen die Möglichkeit dieser Vorgänge entfernt.

59. Die chemische Analyse sowohl wie die Beobachtung des lebenden

Thierkörpers unterstützen sich alle gegenseitig; sie führen beide zu dem

Schlusse, daß eine gewisse Quantität des Kohlenstoffs der

stickstofffreien Nahrungsstoffe (Respirationsstoffe) von der Leber in

der Form von Galle secernirt wird, daß ferner die stickstoffhaltigen

Producte der Umsetzung der Gebilde der Gras-fressenden Thiere nicht

direct und unmittelbar wie bei den Fleischfressern zu den Nieren

gelangen, sondern daß sie vor ihrem Austreten durch die Harnblase, in

gewissen anderen Processen, und namentlich in der Bildung der Galle eine

Rolle übernehmen.

Mit den Elementen der stickstofffreien Nahrungsstoffe werden sie der

Leber zugeführt, sie kehren in der Form von Galle wieder in den Körper

zurück und werden erst zuletzt, wenn sie zur Bildung des allgemeinsten

Respirationsmittels gedient haben, durch die Nieren aus dem Körper

entfernt.

60. Wenn wir den Harn sich selbst überlassen, so verwandelt sich der

darin enthaltene Harnstoff in kohlensaures Ammoniak; seine Elemente sind

genau in dem Verhältniß zugegen, daß mit dem Hinzutreten der Elemente

des Wassers aller Kohlenstoff in Kohlensäure, aller Wasserstoff in

Ammoniak übergehen kann.

1 At. Harnstoff ~C₂N₄H₈O₂~ } = { 2 At. Kohlensäure ~C₂ O₄~

2 „ Wasser ~H₄O₂~ } { 2 Aeq. Ammonia ~N₄H₁₂~

61. Wären wir im Stande, aus Harnsäure oder Allantoin geradezu Taurin

und Ammoniak darzustellen, so möchte dies wohl als ein weiterer Beweis

für den Antheil angesehen werden dürfen, welcher diesen Materien an der

Bildung der Galle zugeschrieben worden ist, allein es darf nicht als

Einwurf betrachtet werden, wenn diese Verwandlung mit den Mitteln, die

uns zu Gebote stehen, nicht bewirkt werden kann. Ein solcher Einwurf

verliert seine Bedeutung, wenn man berücksichtigt, daß das Vorhandensein

von Taurin und Ammoniak in der Galle schlechterdings nicht vorausgesetzt

werden kann, ja daß es sogar nicht einmal wahrscheinlich ist, daß sie in

der Form, wie wir sie als Zersetzungsproducte der Galle bekommen,

wirkliche Bestandtheile davon ausmachen.

Durch die Einwirkung der Salzsäure auf Galle zwingen wir gewissermaßen

ihre Elemente in solchen Formen zusammenzutreten, welche durch den

nämlichen einwirkenden Körper keiner weiteren Veränderung mehr fähig

sind, und wenn wir uns anstatt der Salzsäure des Kali’s bedienen, so

erhalten wir die nämlichen Elemente, wiewohl in einer andern und ganz

verschiedenen Weise geordnet. Wäre Taurin als solches in der Galle

vorhanden, so müßte man durch Alkalien die nämlichen Producte erhalten,

wie durch Säuren. Alles dies ist gegen die Erfahrung.

Wenn wir also auch im Stande wären, das Allantoin oder Harnsäure und

Harnstoff, in Taurin und Ammoniak überzuführen, so würden wir an

Einsicht in den wahren Vorgang nicht reicher sein, eben weil die

Präexistenz von Ammoniak und Taurin in der Galle bezweifelt werden muß,

und weil wir keinen Grund haben zu glauben, daß Harnstoff als Harnstoff,

Allantoin als Allantoin zur Bildung der Galle vom Organismus verwendet

wird; wir können darthun, daß ihre Elemente zu diesem Zwecke dienen,

allein es ist uns gänzlich unbekannt, in welcher Weise diese Elemente

eingetreten sind, welchen chemischen Charakter die stickstoffhaltige

Verbindung besitzt, die sich mit den Elementen des Amylons zu Galle oder

vielmehr zu Choleinsäure vereinigt.

62. Choleinsäure kann entstehen aus den Elementen des Amylons, der

Harnsäure und des Harnstoffs, oder des Allantoins, oder der Harnsäure,

oder des Alloxan’s, oder der Oxalsäure und des Ammoniaks, oder der

Hippursäure; diese verschiedenen Formen von Stickstoffverbindungen

zeigen an und für sich schon, daß sich alle stickstoffhaltigen Producte

des Stoffwechsels im Thierkörper zur Bildung von Galle eignen, ohne daß

wir damit wissen, in welcher Weise sie dazu verwendet werden.

Wir können durch Behandlung mit kaustischen Alkalien das Allantoin

zerlegen in Oxalsäure und Ammoniak; die nämlichen Producte erhalten wir

aus dem Oxamid, ohne daß wir aus der Gleichheit derselben einen Schluß

rückwärts auf ihre Identität, auf eine gleiche Constitution dieser

Verbindungen machen können. So gestatten uns denn die Producte, die wir

aus Choleinsäure durch die Einwirkung von Säuren erhalten, in keiner

Weise einen Schluß über die Art und Weise, wie ihre Elemente sich darin

geordnet befinden.

63. Wenn die Aufgabe der organischen Chemie in der Untersuchung der

Veränderungen besteht, welche die Nahrungsmittel im Thierkörper

erfahren, so hat sie darzuthun, welche Elemente hinzu-, welche

ausgetreten sind, um die Verwandlung einer gegebenen Verbindung in eine

zweite und dritte zu bewirken oder überhaupt möglich zu machen, allein

synthetische Beweise können von ihr nicht erwartet werden, weil alle

Vorgänge im Organismus unter dem Einfluß einer immateriellen Thätigkeit

stehen, über welche der Chemiker nicht nach Willkühr verfügen kann.

Die Beobachtung der Erscheinungen, welche die Metamorphosen der

Nahrungsmittel im Organismus begleiten, die Ermittelung des Antheils,

den die Atmosphäre oder die Bestandtheile des Wassers an diesen

Veränderungen nehmen, führen von selbst auf die Bedingungen, welche sich

zur Entstehung eines Secretes oder eines Theiles oder Bestandtheiles

eines Organs vereinigen müssen.

64. Das Vorhandensein von freier Salzsäure im Magen, sowie der

Natrongehalt des Blutes setzen die Nothwendigkeit des Kochsalzes für

den organischen Proceß außer allen Zweifel, allein die Quantität von

Natron, welche verschiedene Thierklassen zur Unterhaltung der vitalen

Processe bedürfen, ist außerordentlich ungleich.

Wenn wir uns denken, daß eine gegebene Menge Blut als Natronverbindung

betrachtet, in dem Körper eines Fleisch-fressenden Thieres in Folge des

Stoffwechsels in eine neue Natronverbindung, in Galle nämlich, übergeht,

so muß vorausgesetzt werden, daß im normalen Zustande der Gesundheit der

Natrongehalt des Blutes vollkommen hinreicht, um mit den entstandenen

Producten der Umsetzung Galle zu bilden. Das zu den vitalen Processen

verbrauchte oder überflüssige Natron wird, durch die Nieren von dem

Blute geschieden, in der Form eines Salzes austreten müssen.

Wenn es nun wahr ist, daß in dem Körper eines Gras-fressenden Thieres

eine weit größere Menge Galle gebildet wird, als der Quantität des

erzeugten oder umgesetzten Blutes entspricht, daß der größte Theil ihrer

Galle von gewissen Bestandtheilen ihrer Nahrung stammt, so kann das

Natron des zu Gebilden gewordenen (assimilirten, umgesetzten) Blutes bei

weitem nicht hinreichen, um den zur Bildung von Galle täglich nöthigen

Bedarf an Natron zu liefern. Das Natron der Galle der Gras-fressenden

Thiere muß demzufolge direct von den Nahrungsmitteln geliefert werden;

ihr Organismus muß die Fähigkeit haben, alle in den Speisen vorhandenen

und von dem Organismus zerlegbaren Natronverbindungen unmittelbar zur

Bildung von Galle zu verwenden. Alles Natron im Thierkörper stammt, wie

sich von selbst versteht, von den Speisen, allein die Speise des

Fleisch-fressenden Thieres enthält im Maximo nur die zur Blutbildung

erforderliche Menge Natron; in den meisten Fällen kann man bei dieser

Thierklasse voraussetzen, daß nur eine der Menge des zur Blutbildung

verwendeten Natrons entsprechende Quantität durch ihren Harn wieder

austritt.

Wenn sie eine zur Blutbildung hinreichende Quantität Natron zu sich

nehmen, so wird eine dieser gleiche Menge durch den Harn ausgeleert,

genießen sie weniger, so behält ihr Organismus einen Theil des zur

Ausleerung bestimmten Natronsalzes zurück.

Ueber alle diese Verhältnisse giebt die Zusammensetzung des Harns der

verschiedenen Thierklassen die unzweideutigsten Belege.

65. Als letztes Product der Veränderung aller Natronverbindungen im

Thierkörper erhalten wir im Harn, das Natron in der Form eines Salzes,

den Stickstoff als Ammoniak oder Harnstoff.

Das Natron in dem Harn der Fleisch-fressenden Thiere finden wir an

Schwefelsäure und Phosphorsäure gebunden, nie fehlt neben diesen

Natronsalzen eine gewisse Menge eines Ammoniaksalzes, Salmiak oder

phosphorsaures Ammoniak. Es kann keinen entscheidenderen Beweis für die

Meinung abgeben, daß das Natron ihrer Galle oder ihrer umgesetzten

Blutbestandtheile bei weitem nicht hinreicht, um die austretenden Säuren

zu neutralisiren, als wie die Gegenwart dieser Ammoniaksalze im Harn;

dieser Harn reagirt sauer.

Im graden Gegensatz hierzu finden wir in dem Harn der Gras-fressenden

Thiere eine überwiegende Menge von Natron und zwar nicht an

Schwefelsäure oder Phosphorsäure gebunden, sondern an Kohlensäure,

Benzoesäure oder Hippursäure.

66. Diese wohlbegründeten Erfahrungen beweisen, daß die Gras-fressenden

Thiere eine weit größere Menge Natron genießen als zur Neubildung ihres

täglichen Bedarfes an Blut erforderlich ist. In ihrer Nahrung finden wir

alle Bedingungen vereinigt zur Erzeugung einer zweiten Natronverbindung,

welche zum Respirationsmittel bestimmt ist, und nur eine geringe

Erfahrung in dem Wesen der mit so großer Weisheit geordneten

Natureinrichtungen dürfte den Natrongehalt der Speise und des Harns der

Gras-fressenden Thiere für zufällig erklären.

Es kann kein Zufall sein, daß das Leben, die Entwickelung einer Pflanze

abhängig ist von der Gegenwart der Alkalien, die sie dem Boden entzieht;

diese Pflanze dient zur Nahrung einer großen Thierklasse, deren vitale

Processe aufs engste an die Gegenwart dieser Alkalien geknüpft ist. Wir

finden diese Alkalien in der Galle, ihre Gegenwart im Thierkörper ist

die unerläßliche Bedingung zur Erzeugung des ersten Nahrungsstoffs des

jungen Thieres, ohne eine reichliche Menge Kali kann die Bildung der

Milch nicht gedacht werden.

67. Alle Beobachtungen führen, wie sich aus dem Vorhergehenden ergiebt,

zu der Ansicht, daß gewisse stickstofffreie Bestandtheile der Nahrung

der Gras-fressenden Thiere (Amylon, Zucker, Gummi &c.) die Form einer

Natronverbindung erhalten, welche in ihrem Körper zu den nämlichen

Zwecken dient, wozu, wie wir mit Bestimmtheit wissen, die Galle (das

kohlenstoffreichste Product der Umsetzung ihrer Gebilde) in dem Körper

des Fleisch-fressenden Thieres verwendet wird. Sie dienen zur

Unterhaltung gewisser vitalen Processe, und werden zuletzt zur

Hervorbringung der animalischen Wärme, zum Widerstand gegen die

Einwirkung der Atmosphäre verbraucht; bei den Fleischfressern ist der

rasche Umsatz ihrer Gebilde eine Bedingung ihres Bestehens, eben weil

erst in Folge des Stoffwechsels die Materien gebildet werden müssen,

welche zur Verbindung mit dem Sauerstoff der Luft bestimmt sind; in

diesem Sinne kann man sagen, daß die stickstofffreien Nahrungsmittel den

Stoffwechsel hindern, daß sie ihn verlangsamen und eine ebenso rasche

Beschleunigung wie bei den Fleischfressern jedenfalls unnöthig machen.

68. Mit dieser Fähigkeit der stickstofffreien Nahrungsstoffe,

als Respirationsmaterie zu dienen, steht die verhältnißmäßig so

geringe Menge von stickstoffhaltiger Nahrung, die sie zur

Unterhaltung ihrer Lebensfunctionen bedürfen, in dem engsten

Zusammenhang, und es dürfte vielleicht sich herausstellen, daß die

Nothwendigkeit zusammengesetzterer Verdauungsorgane in dem Körper der

Pflanzen-fressenden Thiere weit mehr durch die Schwierigkeit bedingt

ist, gewisse stickstofffreie Nahrungsmittel (Gummi? stärkemehlartige

Faser?) löslich und geschickt zu machen, an den vitalen Processen

Antheil zu nehmen, als die Ueberführung und Verwandlung des

Pflanzen-Fibrins, -Albumins und -Caseins in Blut zu bewirken, denn für

diesen Zweck finden wir die minder zusammengesetzten Apparate der

Carnivoren vollkommen ausreichend.

69. Wenn in dem Körper des Menschen, der an gemischte Nahrung gewöhnt

ist, das Amylon eine ähnliche Rolle übernimmt, wie in dem Körper der

Gras- und Körner-fressenden Thiere, wenn also vorausgesetzt wird, daß

ihre Elemente an der Bildung ihrer Galle einen ebenso bestimmten

Antheil nehmen, so folgt hieraus von selbst, daß ein Theil der

stickstoffhaltigen Producte der Umsetzung ihrer Organe, ehe sie durch

die Harnblase austreten, von der Leber aus, in der Form von Galle, in

den Kreislauf zurückkehren und erst als letztes Product des

Respirationsprocesses durch die Nieren von dem Blute geschieden werden.

70. Beim Mangel an stickstofffreien Substanzen in der Nahrung des

Menschen wird diese Form der Gallenbildung nicht stattfinden können, die

Secrete müssen in diesem Fall eine andere Beschaffenheit besitzen, und

das Erscheinen von Harnsäure im Harn in gewissen Krankheiten, die

Ablagerung von Harnsäure in den Gliedern und in der Harnblase, sowie der

Einfluß, den ein Ueberfluß von Fleischnahrung, der als gleichbedeutend

angesehen werden muß einem Mangel an Amylon, auf die Absonderung der

Harnsäure bei gewissen Individuen ausübt, dürfte hierin seine Erklärung

finden. Fehlt es an Amylon, an Zucker &c., so wird ein Theil der durch

den Stoffwechsel gebildeten oder sich bildenden Stickstoffverbindungen

entweder an dem Orte beharren, wo sie erzeugt worden sind, sie werden

nicht von der Leber aus als Respirationsmittel in den Organismus

zurückkehren, und durch die Einwirkung des Sauerstoffs die letzten

Veränderungen erfahren, die sie überhaupt zu erleiden fähig sind,

sondern von den Nieren in irgend einer andern Form abgeschieden werden

müssen.

71. In dem Vorhergehenden ist der Beweis zu führen versucht worden, daß

die stickstofffreien Nahrungsmittel einen ganz bestimmten Einfluß auf

die Natur und Beschaffenheit der Secrete des Thierkörpers ausüben; ob

dies direct geschieht, ob ihre Elemente nämlich unmittelbar an dem Acte

der Umsetzung der Gebilde Antheil nehmen, oder indirect, möchte durch

sorgfältige und umsichtige Versuche und Beobachtungen entschieden werden

können. Möglich ist es, daß die stickstofffreien Nahrungsmittel, in

irgend einer Weise verändert, von den Eingeweiden aus gradezu der Leber

zugeführt werden, daß sie in diesem Organ, wo sie mit den Producten der

umgesetzten Gebilde zusammentreten, die Verwandlung in Galle erfahren

und dann erst ihren Kreislauf im Körper vollenden.

Diese Meinung gewinnt an Wahrscheinlichkeit, wenn man in Betracht zieht,

daß in dem arteriellen Blute bis jetzt noch niemals weder eine Spur

Amylon noch Zucker aufgefunden worden ist, selbst nicht bei Thieren, die

man ausschließlich mit diesen Materien zu ernähren versuchte. Diesen

Materien kann man demnach, da sie in dem arteriellen Blute fehlen,

keinen Antheil an dem Ernährungsprocesse zuschreiben, und das Erscheinen

von Zucker im Harne Diabetischer, von Zucker, welcher, nach allen

Beobachtungen, von der Nahrung stammt, sowie die völlige Abwesenheit

dieses Zuckers in dem Blute der an dieser Krankheit Leidenden, beweis’t

offenbar, daß Amylon und Zucker als solche in die Blutcirculation nicht

aufgenommen werden.

72. Ueber die Anwesenheit gewisser Bestandtheile der Galle im Blute des

gesunden Menschen findet man in den Schriften der Physiologen viele

Belege, wiewohl sie quantitativ schwerlich bestimmbar darin ist; denken

wir uns in der That, daß in einer Minute zehn Pfund Blut (120 Unzen)

durch die Leber gehen und von diesem Blute 2 Tropfen Galle (zu drei Gran

den Tropfen) abgesondert wurden, so macht dies ¹/₉₆₀₀ von dem Gewichte

der Blutmasse aus, ein Gehalt, der durch die Analyse nicht mehr

festgestellt werden kann.

73. Der größte Theil der Galle entsteht nach dem Vorhergehenden in dem

Körper der Gras- und Körner-fressenden Thiere, sowie in dem des

Menschen, der an gemischte Nahrung gewöhnt ist, aus den Bestandtheilen

seiner stickstofffreien Nahrungsmittel; ihre Bildung kann aber nicht

gedacht werden, ohne ein Hinzutreten eines stickstoffhaltigen Körpers,

denn die Galle ist eine Stickstoffverbindung. Alle bis jetzt

untersuchten Gallen geben bei der trocknen Destillation Ammoniak und

stickstoffhaltige Producte; aus der Ochsengalle hat man Taurin und

Ammoniak dargestellt; der Beweis, daß diese beiden Producte aus allen

anderen Gallen darstellbar sind, ist nur deshalb nicht geführt worden,

weil es schwer hält, sich von anderen Thieren hinlängliche Mengen von

Galle zu verschaffen.

Mag nun die stickstoffhaltige Verbindung, die sich mit den

Bestandtheilen des Amylons zu Galle vereinigt, von den Speisen oder von

der Substanz der umgesetzten Gebilde stammen, der Schluß, daß die

Gegenwart derselben als eine Bedingung der Gallensecretion anzusehen

ist, kann nicht in Zweifel gezogen werden.

Da nun die Gras- und Körner-fressenden Thiere in ihren Nahrungsmitteln

nur solche stickstoffhaltige Materien genießen, welche identisch sind

mit ihren Blutbestandtheilen, so stammt der stickstoffhaltige

Bestandtheil, den wir in der Galle finden, jedenfalls von einer

Proteinverbindung ab, er ist entweder durch eine Veränderung entstanden,

welche die Proteinverbindungen der Speise erlitten haben, oder er ist

aus dem Blute oder aus der Substanz der Gebilde in Folge des

Stoffwechsels erzeugt worden.

74. Wenn nun der Schluß wahr ist, daß stickstoffhaltige Verbindungen,

gleichgültig, ob sie von der Substanz des Blutes oder den

stickstoffhaltigen Nahrungsmitteln stammen, an der Bildung der Secrete

und namentlich an der Bildung der Galle einen bestimmten Antheil zu

nehmen vermögen, so ist klar, daß der Organismus die Fähigkeit besitzen

muß, fremde Materien, welche weder Theile, noch Bestandtheile der Träger

der Lebensthätigkeit ausmachen, zu gewissen vitalen Zwecken dienen zu

machen; alle stickstoffhaltigen, der Auflösung fähigen Substanzen ohne

Unterschied dem Blute oder den Verdauungsorganen zugeführt, wenn sie

sich durch ihre Zusammensetzung zu diesen Zwecken eignen, werden von dem

Organismus in ähnlicher Weise dazu verwendet werden müssen, wie die

stickstoffhaltigen Producte, die sich durch den Stoffwechsel gebildet

haben.

Wir kennen eine Menge Materien, welche auf den Akt der Umsetzung der

Gebilde, sowie auf den Ernährungsproceß einen ganz bestimmten Einfluß

ausüben, ohne daß ihre Elemente an den vor sich gehenden Veränderungen

Antheil nehmen, es sind dies lauter solche Substanzen, deren Theile sich

in einem gewissen Zustand der Zersetzung befinden, der sich allen

Theilen des Organismus überträgt, welche fähig sind, eine ähnliche

Umsetzung zu erfahren.

75. Die Arzneistoffe und Gifte umfassen eine zweite außerordentlich

zahlreiche Klasse von Verbindungen, welche die Fähigkeit haben, durch

ihre Elemente direct oder indirect Antheil an den Secretionsprocessen

oder dem Stoffwechsel zu nehmen. Sie lassen sich in drei große Klassen

eintheilen, von denen die eine (wozu die metallischen Gifte gerechnet

werden müssen) eine chemische Verbindung mit gewissen Theilen oder

Bestandtheilen des animalischen Körpers eingeht, welche durch die

Lebensthätigkeit nicht aufgehoben wird. Die zweite Klasse (ätherische

Oele, Camphor, empyreumatische Materien, Antiseptica &c.) besitzt die

Eigenschaft, den Zustand der Umsetzung ihrer Elementartheile, welchen

gewisse sehr zusammengesetzte, organische Atome zu erleiden vermögen

(Umsetzungsprocesse, die man, wenn sie außerhalb des Thierkörpers vor

sich gehen, gewöhnlich mit Gährung und Fäulniß bezeichnet) zu hindern

oder zu verlangsamen.

Die dritte Klasse von Arzneistoffen nimmt durch ihre Elemente an den im

Thierkörper vor sich gehenden Veränderungen einen directen Antheil; dem

Organismus zugeführt, steigern und erhöhen sie die vitale Thätigkeit

einzelner oder mehrerer Organe, sie bringen im gesunden Körper

Krankheitserscheinungen hervor; alle üben schon in verhältnißmäßig sehr

kleinen Gaben eine bemerkbare Wirkung aus, viele wirken in größeren

Massen als Gifte. Von keinem dieser Körper läßt sich behaupten, daß er

in dem Ernährungsprocesse eine entschiedene Rolle spiele, daß er von dem

Organismus zur Blutbildung verwendet werden könne, theils, weil ihre

Zusammensetzung von der der Blutbestandtheile abweicht, theils, weil die

Masse, in der sie die Wirkung äußern, gegen die Blutmasse verschwindend

klein ist.

In die Blutcirculation aufgenommen, ändern sie, wie man gewöhnlich sagt,

die Qualität des Bluts, und um durch den Magen in die Blutgefäße mit

ihrer ganzen Wirksamkeit überzugehen, muß vorausgesetzt werden, daß sie

durch die organische Thätigkeit, welche dieses Organ besitzt, keine

Veränderung in ihrer Zusammensetzung erfahren, sie werden im

unlöslichen Zustande darin löslich gemacht (verdaut), aber nicht

zerstört, denn in letzterem Fall würden sie keine Wirkung ausüben

können.

76. Das Blut besitzt im normalen Zustande der Gesundheit zwei

Qualitäten, welche mit einander in engem Zusammenhange stehen, obwohl

eine von der andern als ganz unabhängig gedacht werden kann.

In den Blutkörperchen enthält das Blut die Träger des zur Neubildung

gewisser Theile des Thierkörpers, sowie zur Hervorbringung der

animalischen Wärme dienenden Sauerstoffs; durch die Fähigkeit dieser

Blutkörperchen, den in der Lunge aufgenommenen Sauerstoff wieder

abzugeben, ohne daß sie damit ihren Character verlieren, bedingen sie im

Allgemeinen den Stoffwechsel.

Die zweite Qualität des Blutes, seine Fähigkeit, zu Bestandtheilen von

Organen zu werden, sich für die Zunahme an Masse und Neubildung der

Organe, sowie zum Ersatz von verbrauchtem Stoff zu eignen, verdankt es

vorzugsweise dem in Auflösung vorhandenen Fibrin und Albumin. Diese

beiden Hauptbestandtheile, welche zur Nutrition und Reproduction dienen,

sättigen sich bei ihrem Durchgang durch die Lunge mit Sauerstoff, sie

nehmen jedenfalls soviel davon aus der Atmosphäre auf, daß sie die

Fähigkeit völlig verlieren, den anderen Materien, die sich im Blute

befinden, Sauerstoff zu entziehen.

Mit Bestimmtheit wissen wir, daß die Blutkörperchen des venösen Blutes

in der Lunge, bei ihrer Berührung mit der Atmosphäre, ihre Farbe

ändern, daß dieser Farbenwechsel begleitet ist von einer Absorbtion von

Sauerstoff; alle Bestandtheile des Blutes, welche die Fähigkeit

überhaupt besitzen, sich mit Sauerstoff zu verbinden, nehmen in der

Lunge Sauerstoff auf und sättigen sich damit. Neben diesen anderen

Materien behalten die Blutkörperchen ihre hochrothe Farbe bis in die

feinsten Verzweigungen der Arterien, erst bei ihrem Durchgange durch die

Capillargefäße beobachten wir, daß sie dieselbe wechseln und die

dunkelrothe Farbe annehmen, welche die Blutkörperchen des venösen Blutes

characterisirt. Aus diesen Thatsachen muß gefolgert werden, daß den

Bestandtheilen des arteriellen Blutes die Fähigkeit völlig abgeht, den

Sauerstoff der im arteriellen Blute circulirenden Blutkörperchen,

welchen sie aus der Luft aufgenommen haben, zu entziehen, und aus der in

den Capillargefäßen stattfindenden Farbenveränderung läßt sich kein

anderer Schluß ziehen, als daß sie (die Blutkörperchen des arteriellen

Blutes) während diesem Durchgang, in den Zustand zurückkehren, den sie

im venösen Blut besitzen, daß sie also den in der Lunge aufgenommenen

Sauerstoff abgegeben und damit das Vermögen wieder erlangt haben, sich

mit Sauerstoff aufs Neue zu verbinden.

78. Wir finden demnach in dem arteriellen Blut Albumin, was sich, wie

alle anderen Bestandtheile, bei seinem Durchgange durch die Lunge mit

Sauerstoff gesättigt hat, und Sauerstoffgas, was jedem Körpertheilchen

durch die Blutkörperchen in chemischer Verbindung zugeführt wird. So

weit unsere Beobachtungen (bei der Bebrütung des Ei’s) reichen,

vereinigen sich darin die Bedingungen zur Erzeugung aller Gebilde; der

zur Neubildung oder in dem Proceß der Reproduction nicht verbrauchte

Sauerstoff vereinigt sich mit der Substanz der belebten Körpertheilchen,

er bedingt, indem er in ihre Elemente aufgenommen wird, den Act der

Umsetzung, den wir mit Stoffwechsel bezeichnet haben.

79. Es ist klar, daß alle in den Capillargefäßen vorhandenen oder

abgeschiedenen oder durch Endosmose oder Imbibition zugeführten Stoffe,

welcher Art sie auch sein mögen, wenn ihnen die Fähigkeit nicht völlig

abgeht, sich mit Sauerstoff zu vereinigen, daß sie, bei Berührung mit

den Trägern des Sauerstoffs, sich ähnlich verhalten müssen, wie die

lebendigen Körpertheilchen selbst, sie werden, oder ihre Elemente werden

mit diesem Sauerstoff in Verbindung treten, es wird in diesem Fall

entweder kein Stoffwechsel stattfinden, oder er wird sich in einer

andern Form, in der Bildung von Producten anderer Art, zu erkennen

geben.

80. Der Begriff einer Aenderung der beiden in dem Vorhergehenden

berührten Qualitäten des Blutes durch einen in dem Blute enthaltenen

oder aufgenommenen fremden Stoff (Arzneistoff) setzt demnach zweierlei

Wirkungsweisen voraus.

Angenommen, daß der Arzneistoff keine, der Lebensthätigkeit eine Grenze

setzende, chemische Verbindung mit den Bestandtheilen des Blutes

einzugehen vermag, daß er ferner sich nicht im Zustande einer Umsetzung

befindet, die sich auf die Bestandtheile des Blutes oder der Organe

fortpflanzen und übertragen kann, daß ihm die Fähigkeit abgeht, durch

seinen Contact mit den lebenden Körpertheilchen ihren Stoffwechsel, die

Umsetzung ihrer Elemente, zu hindern, so bleibt für diese Art von

Stoffen, um ihre Wirkungsweise erklärlich zu finden, nichts anders

übrig, als anzunehmen, daß ihre Elemente an der Erzeugung gewisser

Bestandtheile des lebenden Thierkörpers oder an der Bildung gewisser

Secrete Antheil nehmen.

81. Insoweit der vitale Act der Secretion mit dem Chemismus in Beziehung

steht, ist er in dem Vorhergehenden einer Untersuchung unterworfen

worden; bei den Fleisch-fressenden Thieren haben wir Grund zu glauben,

daß ohne Hinzutreten eines fremden Stoffes von Außen, die Galle und die

Bestandtheile des Harns an dem Orte gebildet werden, wo der Stoffwechsel

vor sich geht; bei den anderen Thierclassen hingegen kann angenommen

werden, daß in dem Secretionsorgan selbst, aus gewissen zugeführten

Stoffen (bei den Gras-fressenden Thieren aus den Bestandtheilen des

Amylons und einem stickstoffhaltigen Product der umgesetzten Organe) die

Erzeugung der Secrete vermittelt wird. Diese Vorstellung schließt die

Meinung übrigens nicht aus, daß bei den Fleisch-fressenden Thieren die

Producte der umgesetzten Organe, eine Spaltung in Galle, Harnsäure oder

Harnstoff, erst in den Secretionsorganen erleiden, oder daß die

Bestandtheile der stickstofffreien Nahrungsstoffe, direct den

Körpertheilen zugeführt, wo Stoffwechsel stattfindet, mit den Elementen

der umgesetzten Gebilde zu den Bestandtheilen des Harns und der Galle

zusammentreten.

82. Wenn nun vorausgesetzt wird, daß gewisse Arzneimittel zu

Bestandtheilen von Secreten werden können, so kann dies nur auf

zweierlei Weise geschehen; entweder gelangen sie in die Blutcirculation

und nehmen an dem Stoffwechsel directen Antheil, insofern ihre Elemente

in die Zusammensetzung der neuen Producte eintreten, oder sie werden den

Secretionsorganen zugeführt, wo sie auf die Bildung oder auf die

Beschaffenheit des Secretes einen Einfluß durch Hinzutreten ihrer

Elemente äußern.

In beiden Fällen müssen sie in dem Organismus ihren chemischen Character

verlieren, und wir wissen mit genügender Sicherheit, daß diese Classe

von Arzneistoffen spurlos im Körper verschwindet. Schreibt man ihnen in

der That eine Wirkung zu, so können sie durch den Magen ihre

Eigenthümlichkeit nicht verlieren, sie können durch den Verdauungsproceß

nicht zerstört worden sein; ihr Verschwinden setzt also voraus, daß sie

zu gewissen Zwecken verwendet worden sind, was ohne Aenderung ihrer

Zusammensetzung nicht denkbar ist.

83. So wenig man nun auch, bis auf die Galle, mit der Zusammensetzung

der übrigen Secrete bekannt sein mag, mit Bestimmtheit weiß man, daß

alle Secrete Stickstoff in chemischer Verbindung enthalten; sie gehen in

stinkende Fäulniß über und liefern entweder in diesem Zersetzungsproceß

oder bei der trocknen Destillation ammoniakhaltige Producte; selbst der

Speichel, mit Kalihydrat zusammengebracht, entwickelt reichlich

Ammoniak.

84. Durch ihre Zusammensetzung theilen sich die Arzneimittel in zwei

Klassen, in stickstoffhaltige und in stickstofffreie. Vor allen

ausgezeichnet durch ihre medizinischen Wirkungen auf den Organismus sind

die stickstoffhaltigen Pflanzenstoffe, deren Zusammensetzung von den

eigentlichen, stickstoffhaltigen Nahrungsstoffen, welche der Organismus

der Pflanze ebenfalls erzeugt, abweicht.

Die Arzneiwirkungen dieser Materien sind außerordentlich verschieden;

von der mildesten Form der Wirkung der Aloe bis zum furchtbarsten Gifte,

dem Strychnin, beobachten wir Unterschiede der mannigfaltigsten Art.

Bis auf drei Verbindungen, bringen alle diese Materien im gesunden

Organismus Krankheitszustände hervor und wirken in gewissen Gaben

giftig, die meisten besitzen den chemischen Character der Basen.

Kein stickstofffreies Arzneimittel übt in gleichen Gaben eine giftige

Wirkung aus[F12].

[12] Diese Betrachtung oder Vergleichung hat zu einer neuen und

genaueren Untersuchung des Picrotoxins geführt und Herr _Francis_ hat

einen bis jetzt übersehenen Stickstoffgehalt darin unzweifelhaft

dargethan und seine Menge bestimmt.

85. Die arzneiliche oder giftige Wirkung der stickstoffhaltigen

Pflanzenstoffe steht mit ihrer Zusammensetzung in einer bestimmten

Beziehung, sie kann nicht unabhängig von ihrem Stickstoffgehalte gedacht

werden, allein sie steht keineswegs in directem Zusammenhang mit diesem

Stickstoffgehalte.

Das Solanin[E38], das Picrotoxin[E39], welche die geringste

Stickstoffmenge enthalten, sind starke Gifte, Chinin[E40] enthält mehr

Stickstoff wie Morphin[E41]; Caffein[E42] und Theobromin[E43], die

stickstoffreichsten Pflanzenstoffe, die man kennt, sind nicht giftig.

86. Ein stickstoffhaltiger Körper, der durch seine Elemente auf die

Bildung oder die Qualität eines Secretes eine Wirkung äußert, muß in

Beziehung auf seinen chemischen Character die Rolle übernehmen können,

welche die stickstoffhaltigen Producte des Thierkörpers in der Bildung

der Galle spielen, die Rolle also eines Productes des Lebensprocesses.

Ein stickstofffreies Arzneimittel, insofern seine Wirkung sich in den

Secreten äußert, muß in dem Thierkörper dieselbe Rolle spielen können,

die wir den stickstofffreien Nahrungsstoffen zugeschrieben haben.

Wenn wir uns also denken, daß die Elemente der Hippur- oder Harnsäure

von den Trägern der Lebensthätigkeit stammen, daß sie als Producte ihrer

Umsetzung den Character des Lebens, aber keineswegs die Fähigkeit

verlieren, Veränderungen durch den eingeathmeten Sauerstoff oder durch

die Einwirkung der Secretionsapparate zu erleiden, so läßt sich kaum ein

Zweifel hegen, daß Stickstoffverbindungen ähnlicher Art, Producte des

Lebensprocesses der Pflanzen, in den Thierkörper gebracht, wenn sie sich

zu gleichen Zwecken eignen, ganz auf die nämliche Weise von dem

Thierorganismus verwendet werden können, wie die stickstoffhaltigen

Producte der Metamorphosen der Thiergebilde selbst; und wenn Hippur-

oder Harnsäure oder eins ihrer Elemente Antheil z. B. zu nehmen

vermögen an der Bildung und Erzeugung von Galle, so muß anderen

stickstoffhaltigen Substanzen ein ähnliches Vermögen zugeschrieben

werden.

Unerforschlich wird es immer bleiben, wie die Menschen auf den Genuß

eines heißen Aufgusses von Blättern gewisser Stauden oder der Abkochung

gerösteter Samen gekommen sind; es muß eine Ursache geben, welche

erklärt, wie er ganzen Nationen zu einem Lebensbedürfniß geworden ist.

Noch weit merkwürdiger ist es gewiß, daß die wohlthätigen Wirkungen auf

die Gesundheit, in beiden Pflanzenstoffen, einer und derselben Materie

zugeschrieben werden müssen, deren Vorhandensein in zwei Pflanzen,

welche verschiedenen Pflanzenfamilien und Welttheilen angehören, die

kühnste Phantasie nicht voraussetzen konnte.

Nicht minder bemerkenswerth ist es gewiß, daß der Fleisch-essende

Indianer in dem Tabacksrauchen ein Mittel entdeckte, welches den Umsatz

seiner Gebilde verlangsamt und damit den Hunger erträglicher macht, daß

er dem Genusse des Branntweins nicht zu widerstehen vermag, der in

seinem Körper als Respirationsmittel dient und die Function seiner

umgesetzten Gebilde übernimmt. Thee und Caffee treffen wir ursprünglich

bei Nationen an, welche vorzugsweise vegetabilische Nahrung genießen.

87. Ohne auf die medicinischen Wirkungen des Caffeins und Theins

einzugehen, wird man es jedenfalls, selbst wenn man sich darin gefallen

sollte, ihren Einfluß auf den Secretionsproceß zu leugnen, höchst

auffallend finden, daß Caffein und Thein, durch ein Hinzutreten von

Wasser und Sauerstoff in Taurin, in den der Galle eigenthümlichen

stickstoffhaltigen Bestandtheil übergehen können.

1 At. Caffein, Thein ~C₈N₄H₁₀O₂~

9 „ Wasser ~H₁₈O₉~

9 „ Sauerstoff ~O₉~

------------

2 „ Taurin 2 (~C₄N₂H₁₄O₁₀~)

Eine ganz ähnliche Beziehung beobachten wir in dem Hauptbestandtheil der

Spargeln, dem Althäin oder Asparagin; beim Hinzutreten von Sauerstoff

und Wasser bekommen wir ebenfalls die Elemente des Taurin’s.

1 At. Asparagin ~C₈N₄H₁₆O₆~

6 „ Wasser ~H₁₂O₆~

8 „ Sauerstoff ~O₈~

------------

2 „ Taurin 2 (~C₄N₂H₁₄O₁₀~)

Beim Hinzutreten der Elemente des Wassers und einer gewissen Menge

Sauerstoff zu den Elementen des Theobromins, des Hauptbestandtheils der

Cacaobohnen, haben wir Harnstoff und Taurin oder Harnsäure, Taurin und

Wasser.

1 At. Theobromin ~C₁₈N₁₂H₂₀O₄~ } { 4 At. Taurin ~C₁₆N₈ H₅₆O₄₀~

22 „ Wasser ~H₄₄O₂₂~ } = { 1 „ Harnstoff ~C₂ N₄ H₈ O₂~

16 „ Sauerstoff ~O₁₆~ }

----------------- --------------

~C₁₈N₁₂H₆₄O₄₂~ ~C₁₈N₁₂H₆₄O₄₂~

oder:

1 At. Theobromin ~C₁₈N₁₂H₂₀O₄~ } {4 At. Taurin ~C₁₆N₈ H₅₆O₄₀~

24 „ Wasser ~H₄₈O₂₄~} = {2 „ Kohlensäure ~C₂ O₄~

16 „ Sauerstoff ~O₁₆~} {2 „ Ammoniak ~N₄ H₁₂~

-------------- --------------

~C₁₈N₁₂H₆₈O₄₄~ ~C₁₈N₁₂H₆₈O₄₄~

oder:

1 At. Theobromin ~C₁₈N₁₂H₂₀O₄~ } { 2 At. Taurin ~C₈ N₄ H₂₈O₂₀~

8 „ Wasser ~H₁₆O₈~ } = { 1 „ Harnsäure ~C₁₀N₈ H₈ O₆~

14 „ Sauerstoff ~O₁₄~ } {

-------------- --------------

~C₁₈N₁₂H₃₆O₂₆~ ~C₁₈N₁₂H₃₆O₂₆~

88. Um die Wirkung des Caffeins, Asparagins &c. auf den Organismus

erklärlich zu finden, muß man sich erinnern, daß der Hauptbestandtheil

der Galle nur 3,8 ~pCt.~ Stickstoff enthält, von dem nur die Hälfte dem

Taurin angehört (1,9 ~pCt.~).

Die Galle enthält im natürlichen Zustande 80 Theile Wasser und 10 Theile

feste Substanz. Nehmen wir nun an, diese 10 Theile seien Choleinsäure

mit 3,87 ~pCt.~ Stickstoff, so enthalten 100 Gewichtstheile Galle im

natürlichen Zustande in der Form von Taurin 0,171 Gewichtstheile

Stickstoff. Diese Quantität Stickstoff ist aber in 0,6 Caffein enthalten

oder 2⁸/₁₀ Gran Caffein können in der Form von Taurin, einer Unze Galle

den Stickstoff liefern, und wenn ein Theeaufguß auch nur den zehnten

Theil eines Grans Thein enthält, so kann, wenn es überhaupt zur

Gallenbildung beiträgt, seine Wirkung nicht gleich Null gesetzt werden.

Man wird eben so wenig leugnen können, daß bei einem Ueberfluß von

stickstofffreien Nahrungsmitteln und bei Mangel an Bewegung, welche den

Umsatz der Gebilde bedingt und die zur Gallenbildung nöthige

Stickstoffverbindung liefert, daß in diesem Zustande der Genuß von

Stoffen der Gesundheit zuträglich sein mag, welche die Rolle der zur

Respirationsmaterie unentbehrlichen Stickstoffverbindung, die der

Körper erzeugt, zu übernehmen vermögen. In chemischer Beziehung und dies

allein soll mit Obigem dargethan werden, eignen sich Thein, Caffein,

Theobromin, Asparagin mehr, wie alle anderen stickstoffhaltigen

Pflanzenstoffe, ihrer Zusammensetzung nach, zu dieser Verwendungsweise.

Ihre Wirkungen sind für die gewöhnlichen Zustände nicht in die Augen

fallend, wiewohl unleugbar vorhanden.

89. Was die Wirkung der andern stickstoffhaltigen Pflanzenstoffe

betrifft, des Chinins, der Bestandtheile des Opiums &c. &c., die sich

nicht in den Secretionsprocessen, sondern in anderen Erscheinungen

äußert, so sind die Physiologen und Pathologen nicht zweifelhaft, daß

sie vorzugsweise auf die Nerven und das Gehirn gerichtet ist; sie ist,

wie man gewöhnlich sagt, dynamischer Art, was ausdrücken will, daß sie

die Bewegungserscheinungen des Thierlebens entweder beschleunigt oder

verlangsamt, oder in irgend einer Form ändert. Beachtet man nun, daß die

Wirkung materiellen, mit der Hand greifbaren und wägbaren Stoffen

angehört, daß sie in dem Organismus verschwinden, daß eine doppelte

Portion stärker wirkt, wie eine einfache, daß nach einiger Zeit eine

neue Dosis gegeben werden muß, wenn man die Wirkung zum zweitenmal

hervorbringen will, so läßt dies Verhalten, in chemischer Beziehung, nur

eine einzige Form von Erklärung, die Vorstellung nämlich zu, daß sie

durch ihre Elemente Theil an der Bildung oder Umsetzung der Gehirn- und

Nervensubstanz nehmen.

So sonderbar nun auch der Gedanke auf den ersten Blick zu sein scheint,

daß die Bestandtheile des Opiums, oder der Chinarinde, die Elemente des

Codeins, Morphins, Chinins &c. in Bestandtheile der Gehirn- und

Nervensubstanz, zu Trägern der Thätigkeit übergehen, von denen aus die

Bewegungen der Organe im Thierkörper vermittelt werden, daß sie zu einem

Bestandtheil der Substanz werden, mit deren Hinwegnahme der Sitz des

geistigen Lebens, des Gefühls und des Bewußtseins vernichtet wird, so

bleibt nicht minder gewiß, daß alle diese Fähigkeiten und Thätigkeiten

auf’s engste mit der Existenz und einer gewissen Beschaffenheit der

Gehirn-, Rückenmark- und Nervensubstanz im Zusammenhange stehen, in der

Art, daß alle Aeußerungen des Lebens dieser Stoffe, die in der

Erscheinung sich als Bewegung, Empfindung, Gefühl zu erkennen geben,

eine andere Form annehmen, so wie ihre Zusammensetzung sich ändert. Die

Gehirn- und Nervensubstanz erzeugte der Organismus des Thieres aus

Materien, die ihm von den Pflanzen geliefert wurden; es sind die

Bestandtheile ihrer Nahrung, welche in Folge einer Reihe von

Veränderungen die Eigenschaften und die Beschaffenheit annehmen, die wir

an ihnen kennen.

90. Wenn nun als eine unbestreitbare Wahrheit angesehen werden muß, daß

aus den Bestandtheilen des Pflanzen-Fibrins, -Caseins, -Albumins allein,

oder mit Zuhülfenahme der Bestandtheile der stickstofffreien

Nahrungsmittel, oder des daraus gebildeten Fettes die Gehirn- und

Nervensubstanz erzeugt wird, so hat die Meinung nichts Absurdes, daß

andere Bestandtheile der Vegetabilien, die in ihrer Zusammensetzung

zwischen beiden (den Fetten nämlich und den Proteinverbindungen) stehen,

daß diese in dem Organismus zu gleichem Zwecke verwendet werden können.

91. Nach _Frémy’s_ Untersuchung ist der Hauptbestandtheil des

Gehirnfettes die Natronverbindung von einer eigenthümlichen Säure, der

Cerebrinsäure, welche in 100 Th. enthält:

Kohlenstoff 66,7

Wasserstoff 10,6

Stickstoff 2,3

Phosphor 0,9

Sauerstoff 19,5

Wie man leicht bemerkt, weicht die Zusammensetzung der Cerebrinsäure von

der der fetten Körper und der stickstoffhaltigen Bestandtheile des

Blutes gänzlich ab; die Fette sind frei von Stickstoff, die

Proteinverbindungen enthalten nahe an 17 ~pCt.~ Stickstoff. Bis auf den

Phosphor(säure?)gehalt kann die Zusammensetzung der Gehirnsubstanz am

nächsten nur mit der Zusammensetzung der Choleinsäure verglichen werden,

obwohl beide mit einander nicht verwechselt werden können.

92. Die Gehirn- und Nervensubstanz sind jedenfalls auf eine ähnliche

Weise entstanden wie die Galle, entweder durch Austreten einer

stickstoffreichen Materie aus den Bestandtheilen des Blutes, oder durch

Zusammentreten eines stickstoffhaltigen Productes des Lebensprocesses

mit einem stickstofffreien (einem fetten!) Körper. Alles was in dem

Vorhergehenden über die verschiedene Art und Weise der Entstehung der

Galle gesagt worden ist, alle Schlüsse, zu denen wir über die Mitwirkung

stickstoffhaltiger oder stickstofffreier Nahrungsstoffe gelangt sind,

lassen sich mit gleichem Rechte oder mit gleicher Wahrscheinlichkeit auf

die Bildung und Erzeugung der Gehirn- und Nervensubstanz anwenden.

Man darf nicht aus den Augen verlieren, daß, wie man auch die vitalen

Vorgänge betrachten mag, die Entstehung der Gehirnsubstanz aus Blut eine

Aenderung in der Zusammensetzung und den Qualitäten der

Blutbestandtheile voraussetzt; diese Aenderung findet eben so gewiß

statt, als die Existenz der Gehirnsubstanz nicht geleugnet werden kann.

In diesem Sinne muß angenommen werden, daß aus einer Proteinverbindung

ein erstes, zweites, drittes &c. Product hervorgeht, ehe eine gewisse

Anzahl ihrer Elemente zu Bestandtheilen der Gehirnsubstanz werden

können, und es muß als vollkommen gewiß angesehen werden, daß ein

Product des Lebensprocesses einer Pflanze, dem Blute zugeführt, die

Rolle der ersten, zweiten, dritten Producte der Veränderung der

Proteinverbindung übernehmen wird, wenn ihre Zusammensetzung sich zu

diesem Zwecke eignet. Es kann in der That nicht als zufällig angesehen

werden, daß die Zusammensetzung der wirksamsten Arzneistoffe, der

organischen Basen, mit keinem Bestandtheil des Thierkörpers außer mit

der Gehirnsubstanz in Beziehung gebracht werden kann; alle enthalten

eine gewisse Menge Stickstoff; sie stehen, in Beziehung auf ihre

Elemente, in der Mitte zwischen den Proteinverbindungen und den Fetten.

93. Im Gegensatz zu ihrem chemischen Charakter finden wir in der

Gehirnsubstanz die Eigenschaft einer Säure; sie enthält eine weit

größere Menge von Sauerstoff wie die organischen Basen. Wir beobachten,

daß Chinin und Cinchonin, Morphin und Codein, Strychnin und Brucin, die

sich in ihrer Zusammensetzung so nahe stehen, wenn nicht eine gleiche

Wirkung äußern, doch darin sich näher stehen, als den anderen, welche

größere Unterschiede in ihrer Zusammensetzung zeigen. Wir finden, daß

mit ihrem Sauerstoffgehalte (wie beim Narcotin) ihre energische Wirkung

abnimmt, daß im strengsten Sinne keine durch die andere vollkommen

ersetzt werden kann. Es giebt aber keinen entscheidenderen Beweis für

die Art und Weise ihrer Wirkung, als das letztere Verhalten, sie muß in

der engsten Beziehung zu ihrer Zusammensetzung stehen. Wenn diese Stoffe

in der That eine Rolle in Beziehung auf die Bildung oder Aenderung der

Qualitäten der Gehirn- und Nervensubstanz ausüben, so erklären sich ihre

Wirkungen auf den gesunden so wie auf den kranken Organismus auf eine

überraschend einfache Weise, und wenn man nicht versucht ist zu leugnen,

daß der Hauptbestandtheil der Fleischbrühe in dem Körper des Menschen

oder der organische Bestandtheil der Knochen in dem Leibe eines Hundes,

obwohl sie zur Blutbildung schlechterdings nicht geeignet sind, daß also

Stickstoffverbindungen, welche den Proteinverbindungen durchaus

unähnlich sind, eine ihrer Zusammensetzung entsprechende Verwendung

finden, so werden wir daraus schließen dürfen, daß ein anderes, dem

Protein ebenfalls unähnliches, aber einem Bestandtheil des Thierkörpers

ähnliches Product des Pflanzenlebens in dem Organismus des Thieres eine

ähnliche Verwendung findet, wie das Product, welches durch die vitale

Thätigkeit seiner Organe ursprünglich ebenfalls aus einer

Pflanzensubstanz erzeugt worden ist.

Die Zeit ist noch nicht lange vorübergegangen, wo man über die Ursache

der verschiedenartigen Wirkungen des Opiums nicht die allergeringste

Vorstellung hatte, wo die Wirkung der Chinarinde in ein unbegreifliches

Dunkel gehüllt schien. Jetzt, wo man weiß, daß sie kristallisirbaren,

chemischen Verbindungen angehört, welche in ihrer Zusammensetzung ebenso

verschieden sind, wie sie in ihrer Wirkung auf den Organismus von

einander abweichen, jetzt also, wo man die Stoffe kennt, denen die

arzneiliche oder giftige Wirkung zukommt, kann nur der Unverstand ihren

Antheil an dem Lebensproceß für unerforschbar halten; sie deshalb, wie

Manche gethan haben, für unerforschbar erklären, weil sie in kleinen

Gaben wirken, ist eben so ungereimt, wie wenn man die Schärfe eines

Rasirmessers beurtheilen wollte nach seinem Gewichte.

94. Es wäre völlig zwecklos, diesen Schlüssen eine größere Ausdehnung zu

geben, sie verdienen, so hypothetisch sie sich auch darstellen mögen,

nur in so fern Beachtung, als sie den Weg andeuten, den die Chemie

verfolgt, oder den sie nicht verlassen darf, wenn sie in der That der

Physiologie und Pathologie Dienste leisten soll. Die Combinationen des

Chemikers beziehen sich stets auf den Stoffwechsel vorwärts und

rückwärts, auf den Uebergang der Nahrung in die mannigfaltigen Gebilde

und Secrete und ihrer Umsetzung in leblose Verbindungen; seine

Untersuchungen sollen zeigen, was im Körper vor sich gegangen ist, und

was vor sich gehen kann. Sonderbarer Weise sehen wir die Arzneiwirkungen

alle abhängig von gewissen Stoffen, die sich in ihrer Zusammensetzung

nicht ähnlich sind, und wenn durch die Hinzuführung eines Stoffes

gewisse abnormale Zustände zu normalen werden, so wird man die Ansicht

nicht zurückweisen können, daß diese Erscheinung in einer Aenderung der

Zusammensetzung der Bestandtheile des kranken Organismus beruht, an

welcher die Elemente des Arzneimittels einen bestimmten Antheil haben,

einen ähnlichen Antheil, wie der ist, den die Bestandtheile der Pflanzen

an der Bildung des Fettes und der Membranen, des Speichels, der

spermatischen Materie &c. genommen haben; ihr Kohlenstoff, ihr

Wasserstoff, Stickstoff, oder was sonst zu ihrer Zusammensetzung gehört,

sie stammen ja von dem Organismus der Pflanze ab; die Wirkungen des

Chinins, des Morphins, der vegetabilischen Gifte sind zuletzt keine

Hypothesen.

95. Aehnlich also wie man in gewissem Sinne von Caffein, Thein,

Asparagin, so wie von den stickstofffreien Nahrungsstoffen sagen kann,

daß sie Nahrungsstoffe für die Leber sind, indem sie die Elemente

enthalten, durch deren Gegenwart dieses Organ befähigt wird, seinen

Functionen vorzustehen, lassen sich die stickstoffhaltigen, durch ihre

Wirkung auf das Gehirn und die Substanz der Bewegungsapparate so

merkwürdigen Arzneistoffe als Nahrungsstoffe für die unbekannten Organe

betrachten, welche zur Metamorphose der Blutbestandtheile in Gehirn- und

Nervensubstanz bestimmt sind, Organe, die in dem Thierkörper nicht

fehlen können, und wenn im Zustande der Krankheit ein abnormaler Proceß

der Bildung oder Umsetzung der Bestandtheile der Nerven- und

Gehirnsubstanz sich eingestellt hat, wenn in den dazu bestimmten Organen

die Fähigkeit vermindert ist, aus den Blutbestandtheilen Nerven- und

Gehirnsubstanz zu erzeugen, oder einer abnormalen Umsetzung Widerstand

zu leisten, so steht der Ansicht in chemischer Beziehung kein Hinderniß

entgegen, daß Materien von einer der Gehirn- und Nervensubstanz

ähnlichen Zusammensetzung, die sich für die Bildung derselben eignen,

statt der aus dem Blute erzeugten zum Widerstand oder zur Herstellung

des normalen Zustandes verwendet werden können. Beide sind Producte des

Lebensprocesses; die Blutbestandtheile sowohl, wie die Körper, welche

wir Arzneimittel nennen, stammen von den Pflanzen, nur in ihrer Form

zeigen sie Verschiedenheiten.

96. Einige Physiologen und Chemiker haben die Eigenthümlichkeit der

Cerebrinsäure, welche ihrem Kohlenstoff- und Wasserstoffgehalte und

ihren physikalischen Eigenschaften nach einer stickstoffhaltigen fetten

Säure gleicht, in Zweifel gezogen; ein stickstoffhaltiges Fett, was

einen sauren Charakter besitzt, ist aber in der That keine Anomalie. Die

Hippursäure ist in manchen ihrer Eigenschaften den fetten Säuren sehr

ähnlich, sie ist aber durch ihren Stickstoffgehalt wesentlich davon

unterschieden; die organischen Bestandtheile der Galle, sie gleichen in

ihren physikalischen Eigenschaften den sauren Harzen und sind ebenfalls

stickstoffhaltig; die organischen Basen stehen in ihren physikalischen

Eigenschaften zwischen den fetten Körpern und den Harzen, alle sind

stickstoffhaltig; eine stickstoffhaltige fette Säure ist eben so wenig

unwahrscheinlich, wie die Existenz eines stickstoffhaltigen Harzes, was

die Eigenschaften einer Salzbase besitzt.

97. Ein genaues Studium möchte wahrscheinlich in der Substanz des

Gehirns, des Rückenmarks und der Nerven Verschiedenheiten darthun. Nach

den Beobachtungen von _Valentin_ ändert sich die Beschaffenheit der

Gehirn- und Nervensubstanz von dem Tode an, mit großer Schnelligkeit,

und ganz besondere Sorgfalt müßte auf die Sonderung fremder, der Mark-

und Gehirnsubstanz nicht angehörender Materien zu verwenden sein. So

groß nun auch die Schwierigkeiten sich darstellen mögen, so scheint die

Untersuchung dennoch ausführbar. Vorläufig wissen wir, daß gegen einen

großen Kohlenstoff- und Wasserstoffgehalt in der Gehirnsubstanz alle

Erfahrungen sprechen; die _Abwesenheit_ von Stickstoff als Bestandtheil

der Nerven- und Gehirnsubstanz erscheint jedenfalls unwahrscheinlich.

Sie darf ferner nicht zu den Fetten gerechnet werden, denn wir finden

sie mit Natron vereinigt; alle Fette sind aber Glycerylverbindungen.

Was den Phosphorgehalt der Gehirnsubstanz betrifft, so haben wir über

den Zustand, in welchem der Phosphor darin enthalten ist, nur

Vermuthungen. _Walchner_ beobachtete vor Kurzem, daß sich aus einem

Brunnentroge in Carlsruhe, auf dessen Boden Fische faulten,

selbstentzündliches Phosphorwasserstoffgas in Blasen entwickelte, und

auch in der Fäulniß der Gehirnsubstanz sind phosphorreiche Gase

beobachtet worden[F13].

[13] Das Museum zu Genf übergab eine große Portion Weingeist, der zur

Aufbewahrung von Thieren (Fischen) gedient hatte, an Herrn Leroyer,

Apotheker, der seine Reinigung übernahm. Er destillirte denselben über

ein Gemenge von Chlorcalcium mit gebranntem Kalk und dampfte den

Rückstand an der Luft über Feuer ab. Sobald die Masse eine gewisse

Consistenz und eine höhere Temperatur angenommen hatte, entwickelte

sich eine außerordentliche Menge entzündliches Phosphorwasserstoffgas

(_Dumas_ ~V.~ 267.)

Dritter Theil.

Die

Bewegungserscheinungen

im

Thierorganismus.

~I.~

Die zahllosen Bilder, welche sich der menschliche Geist über die Natur

und das Wesen der eigenthümlichen Ursache geschaffen hat, welche als der

letzte Grund der Erscheinungen angesehen werden muß, die das Thier- und

Pflanzenleben characterisiren, mit einem neuen zu vermehren, dürfte

nicht der Beachtung werth gehalten werden, wenn sich nicht aus den

Vorstellungen über diese Ursache, welche im Eingang zum ersten Theil

dieser Schrift entwickelt worden sind, gewisse Begriffe als nothwendige

Folgerungen ergäben, deren nähere Erörterung in dem Folgenden versucht

werden soll.

Von vorne herein muß zugegeben werden, daß alle diese Folgerungen ihre

Bedeutung verlieren, wenn der Beweis geführt werden kann, daß die

Ursache der Lebensthätigkeit mit anderen bekannten Ursachen, welche

Bewegung oder Form- und Beschaffenheitsänderungen der Materie bewirken,

in ihren Aeußerungen nichts gemein hat.

Eine Vergleichung ihrer Eigenthümlichkeiten mit der Wirkungsweise dieser

anderen Ursachen, kann übrigens schon deshalb keinen Nachtheil bringen,

weil die Natur und das Wesen einer Naturerscheinung nicht durch

Abstraction, sondern nur durch vergleichende Beobachtungen erkennbar

sind.

Wenn die Lebenserscheinungen nämlich als Aeußerungen einer

eigenthümlichen Kraft angesehen werden, so müssen die Wirkungen dieser

Kraft an gewisse erforschbare Gesetze gebunden sein, die mit den

allgemeinsten Gesetzen des Widerstandes und der Bewegung im Einklange

sind, welche die Weltkörper und Weltkörpersysteme in ihren Bahnen

erhalten, wodurch Form- und Beschaffenheitsänderungen in den Körpern

bedingt werden, ganz abgesehen von dem Stoff, welcher als Träger der

Lebenskraft sich darstellt, oder der Form, in der sich die Lebenskraft

äußert.

Die Lebenskraft giebt sich in einem belebten Körpertheil als eine

Ursache der Zunahme an Masse, sowie des Widerstandes gegen äußere

Thätigkeiten zu erkennen, welche die Form, Beschaffenheit und

Zusammensetzung der Elementartheilchen ihres Trägers zu ändern streben.

Als eine Kraft der Bewegung, Form- und Beschaffenheitsänderung der

Materie zeigt sie sich durch Störung und Aufhebung des Zustandes der

Ruhe, in dem sich die chemischen Kräfte befinden, durch welche die

Bestandtheile der ihren Trägern zugeführten Verbindungen, die wir als

Nahrungsstoffe kennen, zusammengehalten werden.

Die Lebenskraft bewirkt eine Zersetzung dieser Nahrungsstoffe, sie hebt

die Kraft der Anziehung auf, die zwischen ihren kleinsten Theilchen

unausgesetzt thätig ist, sie ändert die Richtung der chemischen Kräfte

in der Art, daß die Elemente der Nahrungsstoffe sich in einer andern

Weise ordnen, daß sie zu neuen, den Trägern der Lebenskraft gleichen

oder unähnlichen Verbindungen zusammentreten; sie ändert die Richtung

und Stärke der Cohäsionskraft, sie hebt den Cohäsionszustand der

Nahrungsmittel auf und zwingt die neuen Verbindungen, zu Formen

zusammenzutreten, welche keine Aehnlichkeit mit den Formen haben, welche

durch die frei (ohne Widerstand) wirkende Cohäsionskraft gebildet

werden.

Die Lebenskraft äußert sich als eine Kraft der Anziehung, insofern die

durch die Form- und Beschaffenheitsänderung des Nahrungsstoffes neu

gebildete Verbindung, bei gleicher Zusammensetzung mit ihrem Träger, zu

einem Bestandtheil dieses Trägers wird.

Die dem Träger der Lebenskraft unähnlichen, neuerzeugten Verbindungen

treten aus dem Körpertheile aus, sie erleiden in der Form gewisser

Secretionen, anderen Körpertheilen zugeführt, bei ihrer Berührung damit,

eine Reihe ähnlicher Veränderungen.

Als Widerstand giebt sich die Lebenskraft in belebten Körpertheilen zu

erkennen, insofern durch sie, durch ihr Vorhandensein in ihren Trägern,

die Elemente derselben das Vermögen erlangen, Störungen und Aenderungen

in ihrer Form und Zusammensetzung durch äußere Thätigkeiten zu

widerstehen, eine Fähigkeit, die sie für sich als chemische Verbindungen

nicht besitzen.

Wie bei anderen Kräften umfaßt der Begriff einer ungleichen Intensität

der Lebenskraft in einem belebten Körpertheil nicht nur die ungleiche

Fähigkeit der Zunahme an Masse und der Ueberwindung von (chemischen)

Widerständen, sondern man bezeichnet damit auch gradezu die

Verschiedenheit in der Größe des Widerstandes selbst, den die Theile

oder Bestandtheile eines belebten Körpertheils einer Aenderung in der

Form und Zusammensetzung durch neue äußere einwirkende Ursachen

entgegensetzen; ganz ähnlich wie die Stärke der Cohäsionskraft oder der

Affinität in gradem Verhältniß steht zu dem Widerstande, den diese

Kräfte einer äußern mechanischen oder chemischen Ursache entgegensetzen,

welche die Theile einer Verbindung von einander zu trennen strebt.

Die Aeußerungen der Lebenskraft sind abhängig von einer gewissen Form

ihrer Träger und einer bestimmten Zusammensetzung der Substanz des

lebendigen Körpertheils.

Die Fähigkeit der Zunahme an Masse in einem belebten Körpertheil wird

bedingt durch die unmittelbare Berührung mit Stoffen, die sich zu einer

Zersetzung eignen, oder deren Elementartheile zu Bestandtheilen des

Trägers der Lebensthätigkeit übergehen können.

Die Aeußerung der Zunahme setzt voraus, daß die einwirkende Lebenskraft

mächtiger ist, als der Widerstand, den die chemische Kraft einer

Zersetzung oder Umsetzung der Elementartheile der Nahrungsstoffe ihr

entgegensetzt.

Die Aeußerungen der Lebenskraft sind abhängig von einer gewissen

Temperatur; weder in einer Pflanze, noch in einem Thiere zeigen sich

Lebenserscheinungen, wenn die Temperatur in gewissen Verhältnissen

abnimmt.

Die Lebenserscheinungen eines belebten Organismus nehmen an Stärke und

Intensität durch Wärmeentziehung ab, wenn die Temperatur, welche er

besitzt, nicht durch andere Ursachen wieder erneuert wird.

Entziehung von Nahrungsstoff setzt allen Lebensäußerungen eine bestimmte

Grenze.

Der Contact der belebten Körpertheile mit Nahrungsstoff wird in dem

Thierorganismus bedingt durch eine mechanische Kraft, welche in ihm

selbst erzeugt wird und gewissen Organen die Fähigkeit giebt,

Ortsveränderungen zu bewirken, eine mechanische Bewegung

hervorzubringen, mechanische Widerstände aufzuheben.

Man kann einem ruhenden Körper eine gewisse Bewegung ertheilen durch

eine Menge in ihren Aeußerungen höchst verschiedener Kräfte; wir setzen

ein Uhrwerk in Bewegung durch ein fallendes Gewicht (durch die Schwere),

durch eine gespannte Feder (durch Elasticität). Wir bringen jede Art von

Bewegungen hervor durch die elektrische oder magnetische Kraft, sowie

durch die chemischen Kräfte, ohne daß wir im Stande sind zu sagen, wenn

wir die Aeußerung dieser Thätigkeiten nur in ihrer Erscheinung ins Auge

fassen, durch welche von diesen verschiedenen Ursachen des Ortswechsels

der ruhende Körper die Bewegung oder Geschwindigkeit empfangen hat.

In dem Organismus des Thieres kennen wir nur eine Quelle der bewegenden

Kraft, und diese Quelle ist die nämliche Ursache, welche die Zunahme

belebter Körpertheile an Masse bedingt, welche ihnen das Vermögen

giebt, äußeren Actionen Widerstand zu leisten, es ist die _Lebenskraft_.

Um zu einer klaren Einsicht dieser in ihrer Form so verschiedenen

Aeußerungen der Lebenskraft zu gelangen, muß man sich erinnern, daß eine

jede Kraft sich in einer Materie durch zwei für die Beobachtung durchaus

verschiedene Zustände der Thätigkeit zu erkennen giebt.

Die in den Theilchen eines Steins vorhandene Kraft der Schwere ertheilt

ihnen ein unausgesetztes Streben, sich nach dem Mittelpunkte der Erde

hinzubewegen.

Für die Wahrnehmung verschwindet diese Thätigkeit, wenn der Stein z. B.

auf einem Tische liegt, dessen Theile der Aeußerung seiner Schwere einen

Widerstand entgegensetzen. Die auf ihn wirkende Kraft ist stets

vorhanden, sie äußert sich als Druck auf die Unterlage, allein er bleibt

auf seinem Platze, er besitzt keine Bewegung. Mit Gewicht bezeichnen wir

die Aeußerung seiner Schwere im Zustande der Ruhe.

Was den Stein am Fallen hindert, ist ein Widerstand, welcher bewirkt

wird durch eine Kraft der Anziehung, mit welcher die Theilchen des

Holzes zusammenhängen; eine Wassermasse würde ihn am Fallen nicht

gehindert haben.

Wenn die Kraft, welche die Theilchen des Steins nach dem Mittelpunkte

der Erde hintreibt, größer wäre als die Kraft, womit die Holztheilchen

zusammenhängen, so würde die Cohäsionskraft überwunden werden, sie würde

den Stein am Fallen nicht hindern können.

Nehmen wir den Tisch und damit die Kraft hinweg, welche die Aeußerung

der Schwere aufgehoben hatte, so zeigt sich die letztere als die Ursache

der Ortsveränderung des Steins, er kommt in Bewegung, d. h. er fällt:

Widerstand ist stets eine Kraft.

Je nachdem wir ihn kürzere oder längere Zeit fallen lassen, erlangt er

Fähigkeiten, die er im ruhenden Zustande nicht besaß, er erhält nämlich

das Vermögen, schwächere oder stärkere Widerstände (Kräfte) aufzuheben,

oder ruhenden Körpern Bewegung mitzutheilen.

Von einer gewissen Höhe herabfallend macht er einen bleibenden Eindruck

an dem Orte, den er berührt, von einer noch größern Höhe (längere Zeit)

fallend, macht er ein Loch in die Tischplatte; seine eigene Bewegung

theilt sich einer gewissen Anzahl Holztheilchen mit, die nun mit dem

Steine selbst fallen. Keine dieser Eigenschaften besaß der ruhende

Stein.

Die erlangte Geschwindigkeit ist stets die Wirkung der bewegenden Kraft.

Sie ist unter sonst gleichen Umständen dem Druck proportional.

Ein frei fallender Körper gewinnt nach einer Sekunde eine

Geschwindigkeit von 30 Fuß. Derselbe Körper auf dem Monde fallend, würde

in einer Sekunde nur eine Geschwindigkeit von ³⁰/₃₆₀₀ = 0,1 Zoll

gewinnen, weil dort die Intensität der Schwere (der Druck, welcher auf

den Körper wirkt, die bewegende Kraft) 3600 mal kleiner ist.

Wenn der Druck gleichförmig fortwirkt, so steht die Geschwindigkeit

genau im Verhältniß zum Druck, dergestalt, daß z. B. der 3600mal

langsamer fallende Körper nach 3600 Sekunden dieselbe Geschwindigkeit

annimmt, wie der andere nach einer Sekunde.

Die Wirkung ist folglich nicht der bewegenden Kraft allein, noch der

Zeit allein, sondern dem Druck, multiplicirt mit der Zeit =

_Kraftmoment_, proportional.

In zwei gleichen Körpermassen bezeichnet die Geschwindigkeit das

Kraftmoment. Unter dem Einfluß desselben Drucks bewegt sich aber ein

Körper um so langsamer, je größer seine Masse; die doppelte Masse

braucht, um in gleicher Zeit eine gleiche Geschwindigkeit zu erlangen,

einen doppelten Druck, oder sie muß unter dem einfachen Drucke eine

doppelt so lange Zeit in Bewegung bleiben.

Um einen Ausdruck für die ganze eingetretene Wirkung zu haben, muß man

daher, die Masse mit ihrer Geschwindigkeit multipliciren.

Dieses Product heißt _Bewegungsgröße_.

Die Größe der Bewegung eines Körpers muß in allen Fällen dem Kraftmoment

genau entsprechen.

Größe der Bewegung und Kraftmoment wird auch schlechtweg mit _Kraft_

bezeichnet, weil man sich vorstellt, daß ein kleiner Druck, der z. B. 10

Sekunden gewirkt hat, ebensoviel werth ist, als ein zehnmal größerer

Druck, der nur eine Sekunde thätig war.

_Bewegungsmoment_ heißt in der Mechanik die Wirkung einer Kraft ohne

Rücksicht auf die Zeit (Geschwindigkeit), in welcher sie zur Aeußerung

kam. -- Wenn ein Mann z. B. dreißig Pfunde 100 Fuß hoch hebt, ein

zweiter dreißig Pfund auf 200 Fuß Höhe, so hat der zweite doppelt so

viel Kraft wie der erste verwendet; ein dritter welcher 60 Pfund auf 50

Fuß Höhe gehoben hat, verbraucht dazu nicht mehr Kraft wie der erste, um

30 Pfund 100 Fuß hoch zu heben. Die Bewegungsmomente des ersten (30 ×

100) und des dritten (60 × 50) sind sich gleich, das Bewegungsmoment des

zweiten (30 × 200) ist doppelt so groß.

Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie · 第 7 / 18 题