Ein Mensch secernirt nach den Beobachtungen der Physiologen 17-24 Unzen

Galle, ein großer Hund 36 Unzen, ein Ochse 37 Pfd. Galle (_Burdach’s_

Physiologie 5r Band S. 260.) Die festen Excremente eines Menschen wiegen

aber durchschnittlich nicht über 5¹/₂ Unzen, die eines Pferdes 28¹/₂

Pfd. _Boussingault_ (7¹/₂ Pfd. trockne Substanz und 21 Pfd. Wasser). Die

letzteren geben mit Alkohol behandelt nur ¹/₇₆ ihres Gewichts lösliche

Theile ab. Dieser sechsundsiebzigste Theil von dem Gewicht der festen

Excremente des Pferdes müßte Galle sein.

Den Wassergehalt der Galle zu 90 ~pCt.~ angenommen, secernirt ein Pferd

täglich 592 Unzen Galle, welche 59,2 Unzen feste Substanz enthalten,

während aus 120 Unzen trockner Excremente (7¹/₂ Pfd.) nur 6 Unzen einer

Substanz ausziehbar sind, die man für Galle nehmen könnte. Aber das, was

der Alkohol aus den Excrementen auflös’t, ist keine Galle mehr, von dem

Weingeist befreit bleibt ein weicher, ölartiger Rückstand, welcher seine

Löslichkeit im Wasser gänzlich eingebüßt hat, er hinterläßt nach dem

Verbrennen keine alkalische Asche, kein Natron[E10].

Während dem Verdauungsproceß ist also das Natron der Galle und mit ihm

alle Bestandtheile derselben, die ihre Löslichkeit nicht verloren haben,

in den Organismus zurückgekehrt; wir finden dieses Natron in dem

neugebildeten Blute wieder, wir finden es zuletzt in der Form von

phosphorsaurem, kohlensaurem und hippursaurem Natron im Urin. In 1000

Theilen fester, frischer Menschenexcremente fand _Berzelius_ nur 9

Theile einer der Galle ähnlichen Substanz, fünf Unzen würden hiernach

nur 21 Gran fester Galle enthalten, entsprechend mit ihrem Wassergehalte

200 Gr. Galle im natürlichen Zustande; es werden aber beim Menschen 9640

bis 11520 Gran Galle täglich secernirt, also 45- bis 56mal mehr als man

in den durch den Darmkanal ausgeleerten Stoffen nachzuweisen vermag.

Welche Vorstellung man nun auch hegen mag über die Richtigkeit der

physiologischen Versuche in Beziehung auf die Menge der in verschiedenen

Thierklassen secernirten Galle, so viel ist vollkommen gewiß, daß auch

das Maximum derselben noch nicht den Kohlenstoff enthält, den ein Mensch

oder ein Pferd in 24 Stunden ausathmet. Mit allen ihren Gemeng- oder

Bestandtheilen an Fett &c. enthalten 100 Theile fester Galle nicht über

69 ~pCt.~ Kohlenstoff; in 37 Pfd. Galle, die ein Pferd secernirt, sind

demnach nur 80 Loth Kohlenstoff enthalten. Das Pferd athmet aber täglich

nahe doppelt soviel Kohlenstoff in der Form von Kohlensäure aus. Ein

ganz ähnliches Verhältniß findet bei dem Menschen statt.

Mit dem zur Neubildung und Reproduction bestimmten Stoff wird durch die

Blutcirculation allen Theilen des Körpers Sauerstoff zugeführt. Welche

Verbindung dieser Sauerstoff in dem Blut auch eingegangen sein mag, es

muß als gewiß angenommen werden, daß diejenigen Bestandtheile, welche

zur Reproduktion verwendet werden, keine wesentliche Veränderung durch

ihn erlitten haben, in der Muskelfaser finden wir das Fibrin mit allen

seinen Eigenschaften, die es im venösen Blute besitzt, wieder vor, das

Albumin im Blut nimmt kein Sauerstoffgas auf; der im Blute aufgenommene

Sauerstoff mag dazu gedient haben, um gewisse unbekannte Bestandtheile

des Blutes in Gaszustand zu versetzen, aber die zur Ernährung und

Reproduktion dienenden bekannten Hauptbestandtheile desselben, sie

können von der Natur nicht dazu bestimmt sein, um den Respirationsproceß

zu unterhalten, keine ihre Eigenschaften rechtfertigt eine solche

Vorstellung.

Ohne die Frage über den Antheil, den die Galle an den Lebensprocessen

nimmt, hier einer erschöpfenden Erörterung zu unterwerfen, geht, wie

bemerkt, aus der einfachen Vergleichung der assimilirbaren Bestandtheile

der Nahrung eines fleischfressenden Thieres mit den letzten Producten,

in die sie verwandelt wird, hervor, daß aller Kohlenstoff derselben, der

sich nicht im Harne befindet, in der Form von Kohlensäure ausgetreten

ist.

Dieser Kohlenstoff stammte aber von der Substanz der umgesetzten

Gebilde und, dieses festgesetzt, lös’t sich die Frage über die

Nothwendigkeit des Vorhandenseins von kohlenstoffreichen und

stickstofflosen Materien in der Nahrung der jugendlichen Carnivoren und

der pflanzenfressenden Thiere auf eine höchst einfache Weise.

~XII.~

Es ist eine unbestreitbare Thatsache, daß in einem _erwachsenen_

fleischfressenden Thiere, was an Gewicht von Tag zu Tag weder merklich

zunimmt, noch abnimmt, Nahrung, Umsetzung der Gebilde und

Sauerstoffverbrauch in einem ganz bestimmten Verhältniß zu einander

stehen.

Der Kohlenstoff der entwichenen Kohlensäure, der des Harns, der

Stickstoff des Harns und der Wasserstoff, welcher als Ammoniak und

Wasser austritt, diese Elemente zusammengenommen müssen dem Gewicht nach

vollkommen gleich sein dem Kohlenstoff, Wasserstoff und Stickstoff der

umgesetzten Gebilde, und, insofern diese durch die Nahrung genau ersetzt

worden sind, dem Kohlenstoff, Stickstoff und Wasserstoff der Nahrung.

Wäre dies nicht der Fall, so würde das Gewicht des Thieres sich nicht

gleich bleiben können.

Das Gewicht des sich entwickelnden jungen fleischfressenden Thieres

bleibt sich aber nicht gleich, es nimmt im Gegentheile von Tag zu Tag um

eine bestimmbare Größe zu.

Diese Thatsache setzt voraus, daß der Assimilationsproceß in dem

jugendlichen Thiere stärker, intensiver ist, als der Proceß der

Umsetzung der vorhandenen Gebilde. Wären beide Thätigkeiten gleich, so

könnte ihr Gewicht nicht zunehmen, wäre der Verbrauch größer, so müßte

sich ihr Gewicht vermindern.

Der Blutumlauf ist in dem jungen Thiere aber nicht schwächer, er ist im

Gegentheil beschleunigter, die Athembewegungen sind rascher, und bei

gleichem Körper-Volum muß der Sauerstoffverbrauch eher größer als

kleiner sein, wie bei erwachsenen Thieren. Aber da die Umsetzung der

Gebilde langsamer vor sich geht, so würde es an denjenigen Materien

fehlen, deren Kohlenstoff und Wasserstoff sich zur Verbindung mit dem

Sauerstoff eignet, denn es sind ja bei den fleischfressenden Thieren die

neuen Verbindungen, die aus der Umsetzung der Organe entstanden, welche

die Natur zum Widerstande gegen den einwirkenden Sauerstoff und zur

Hervorbringung der animalischen Wärme bestimmt hat. Was also an diesem

Widerstande fehlt, setzt eine bewunderungswürdige Weisheit dem jungen

Thiere in seiner Nahrung zu.

Der Kohlenstoff und Wasserstoff der Butter, der Kohlenstoff des

Milchzuckers, aus welchen kein Bestandtheil zu Blut, zu Fibrin und

Albumin werden kann, sie sind zur Unterhaltung des Respirationsprocesses

in einem Lebensalter bestimmt, wo ein stärkerer Widerstand sich der

Metamorphose der vorhandenen Gebilde entgegensetzt, der Erzeugung von

Stoffen also, welche im erwachsenen Zustande in völlig zur Respiration

ausreichender Menge produzirt werden.

Das junge Thier empfängt seine Blutbestandtheile in dem Casein der

Milch, eine Umsetzung der vorhandenen Gebilde geht vor sich, denn

Gallen- und Harnsekretion finden statt, die Substanz der umgesetzten

Gebilde tritt in der Form von Harn und von Kohlensäure und Wasser aus

ihrem Körper, allein die Butter und der Milchzucker der Milch sind

ebenfalls verschwunden, sie lassen sich in den Faeces nicht nachweisen.

Butter und Milchzucker sind in der Form von Wasser und Kohlensäure

ausgetreten und ihre Verwandlung, in Sauerstoffverbindungen beweist aufs

klarste, daß weit mehr Sauerstoff aufgenommen wurde, als nöthig war, um

mit dem Kohlenstoff und Wasserstoff der umgesetzten Gebilde Kohlensäure

und Wasser zu bilden.

Die in dem Lebensproceß des jungen Thieres vor sich gehende Veränderung

und Umsetzung der Gebilde liefert demgemäß, in einer gegebenen Zeit,

weit weniger Kohlenstoff und Wasserstoff in der zur Respiration

geeigneten Form, als dem aufgenommenen Sauerstoff entspricht, die

Substanz ihrer Organe würde einen rascheren Stoffwechsel erfahren, sie

würde der Einwirkung des Sauerstoffs unterliegen müssen, wenn der

fehlende Kohlenstoff und Wasserstoff von einer andern Quelle nicht

geliefert werden würde.

Die fortschreitende Zunahme an Masse, die freie und ungehinderte

Entwickelung der Organe des jungen Thieres, sie wird also durch die

Gegenwart fremder Materien bedingt, die in dem Ernährungsproceß keine

andere Rolle spielen, als daß sie die neu sich bildenden Organe vor der

Einwirkung des Sauerstoffs schützen, ihre Bestandtheile sind es, die

sich mit dem Sauerstoff verbinden; ohne zu unterliegen, würden die

Organe selbst diesen Widerstand nicht übernehmen können, d. h. eine

Zunahme an Masse, bei gleichem Sauerstoffverbrauch, würde

schlechterdings unmöglich seyn.

Ueber den Zweck, zu welchem die Natur der Nahrung der jungen Säugthiere

stickstofffreie Materien zugesetzt hat, die ihr Organismus zur

eigentlichen Ernährung, zu Blutbildung nicht verwenden kann, Materien,

die zur Unterhaltung ihrer Lebensfunktionen in erwachsenem Zustande

völlig entbehrlich sind, kann man nach dem Vorhergehenden nicht

zweifelhaft seyn. Bei den fleischfressenden Vögeln ist der Mangel aller

Bewegung offenbar ein Grund eines verminderten Stoffwechsels.

Der Ernährungsproceß der fleischfressenden Thiere stellt sich mithin in

zwei Formen dar, von denen wir die eine Form in den gras- und

körnerfressenden Thieren wiederkehren sehen.

~XIII.~

Bei dieser Thierklasse beobachten wir, daß während ihrer ganzen

Lebensdauer ihre Existenz an die Aufnahme von Stoffen geknüpft ist,

welche eine dem Milchzucker gleiche oder ähnliche Zusammensetzung

besitzen. Allem was sie genießen, ist jederzeit eine gewisse Quantität

von Amylon (Stärke), oder Gummi, oder Zucker beigemischt.

Die am meisten verbreitete Substanz dieser Klasse ist das Amylon; es

findet sich in Wurzeln, Samen, in den Stengeln, in dem Holzkörper,

abgelagert in der Form von rundlichen oder ovalen Körnchen, welche nur

in der Größe, aber keineswegs in der chemischen Zusammensetzung[E11] von

einander abweichen. Wir finden in einer und derselben Pflanze, in den

Erbsen z. B., Stärkemehl von ungleicher Größe, in dem ausgepreßten Saft

von Erbsenstengeln haben die sich absetzenden Stärkekörnchen einen

Durchmesser von ¹/₂₀₀ bis ¹/₁₅₀ Millimeter, während die Stärkekörnchen

der Samenlappen drei- bis viermal größer sind. Vor allen andern sind die

Stärkekörnchen der Pfeilwurzel und der Kartoffel ausgezeichnet durch

ihre Größe, die des Reises und des Weitzens durch ihre Kleinheit.

Es ist wohlbekannt, daß durch sehr verschiedene Einwirkungen das

Stärkemehl übergeführt werden kann in Zucker; dies geschieht in dem

Keimungsproceß (in dem Malzproceß), und namentlich durch die Einwirkung

von Säuren. Die Ueberführung des Stärkemehls in Zucker wird, wie sich

durch die Analyse darthun läßt, durch eine einfache Aufnahme der

Bestandtheile des Wassers bewirkt[E12].

Allen Kohlenstoff der Stärke, wir bekommen ihn in dem Zucker wieder, es

ist keiner ihrer Bestandtheile ausgetreten, und außer den Elementen des

Wassers ist kein fremdes Element hinzugetreten.

In sehr vielen, namentlich fleischigen Früchten, die im unreifen

Zustande sauer und herbe, im reifen hingegen süß sind, wie in den

Aepfeln und Birnen, entsteht der Zucker aus dem Amylon, was diese

Früchte enthalten.

Wenn man unreife Aepfel oder Birnen auf einem Reibeisen in einen Brei

verwandelt und diesen auf einem feinen Sieb mit Wasser auswäscht, so

setzt sich aus der trüben ablaufenden Flüssigkeit ein höchst feines

Stärkmehl ab, von dem man in den sogenannten reifen Früchten keine Spur

mehr wahrnimmt. Manche von diesen Obstsorten werden auf dem Baume süß

(Sommer-Birnen, -Aepfel), andere hingegen erst einige Zeit nachher, wenn

sie, vom Baume genommen, aufbewahrt werden. Dieses sogenannte

Nachreifen, wie man dieses Süßwerden nennt, ist ein rein chemischer

Proceß, der mit dem Pflanzenleben nichts zu thun hat. Mit dem Aufhören

der Vegetation ist die Frucht zur Fortpflanzung geeignet, d. h. der Kern

ist völlig reif, allein die fleischige Hülle unterliegt von diesem

Zeitpunkte an der Einwirkung der Atmosphäre, sie nimmt wie alle

verwesenden Substanzen Sauerstoff auf, und es trennt sich von ihrer

Substanz eine gewisse Menge kohlensaures Gas.

Aehnlich nun wie die Stärke in faulendem Kleister oder durch verwesenden

Kleber in Zucker übergeführt wird, verwandelt sich das Amylon der

genannten verwesenden Früchte in Traubenzucker, sie werden in dem

Verhältniß süßer, als sie mehr Stärke enthielten.

Zwischen Amylon und Zucker findet nach dem Vorerwähnten ein ganz

bestimmter Zusammenhang statt; durch eine Menge chemischer Actionen,

welche auf die Elemente des Amylons keine andere Wirkung äußern, als daß

sie die Richtung ihrer gegenseitigen Anziehung ändern, sind wir im

Stande, das Amylon in Zucker und zwar in Traubenzucker überzuführen.

Der Milchzucker[E13] verhält sich in vielen Beziehungen ähnlich wie das

Amylon, er ist für sich der weingeistigen Gährung nicht fähig, er

erlangt aber die Eigenschaft in Alkohol und Kohlensäure zu zerfallen,

wenn er mit einer gährenden Materie (dem faulenden Käse in der Milch)

bei Gegenwart von Wasser einer höheren Temperatur ausgesetzt wird. In

diesem Fall verwandelt er sich zuerst in Traubenzucker; die nämliche

Verwandlung erfährt der Milchzucker, wenn er mit Säuren, mit

Schwefelsäure z. B., bei gewöhnlicher Temperatur in Berührung gelassen

wird.

Das Gummi hat eine dem Rohrzucker gleiche procentische

Zusammensetzung[E14], es unterscheidet sich von den Zuckerarten und dem

Amylon, insofern ihm die Fähigkeit abgeht, durch den Proceß der Fäulniß

in Weingeist und Kohlensäure zu zerfallen; gährenden Substanzen

zugesetzt, erleidet es keine merkliche Veränderung, woraus man mit

einiger Wahrscheinlichkeit schließen kann, daß seine Elemente in der

Ordnung, in welcher sie vereinigt sind, mit einer stärkeren Kraft

zusammengehalten sind, wie die Elemente der verschiedenen Zuckerarten.

Einen gewissen Zusammenhang zeigt das Gummi übrigens mit dem

Milchzucker, beide geben nämlich bei Behandlung mit Salpetersäure

einerlei Oxydationsproducte, nämlich Schleimsäure, die sich unter

denselben Bedingungen aus den Zuckerarten nicht darstellen läßt.

Wenn wir, um die Aehnlichkeit in der Zusammensetzung dieser

verschiedenen Materien, welche in dem Ernährungsproceß der

pflanzenfressenden Thiere eine so wichtige Rolle übernehmen, noch mehr

hervortreten zu machen, 1 Aequivalent Kohlenstoff mit ~C~ (= 75,8

Kohlenstoff) und 1 Aequivalent Wasser mit ~aqua~ (= 112,4) bezeichnen,

so erhalten wir für die Zusammensetzung der genannten Substanzen

folgende Ausdrücke:

Amylon = 12 ~C~ + 10 ~aq.~

Rohrzucker = 12 ~C~ + 10 ~aq.~ + ~aq.~

Gummi = 12 ~C~ + 10 ~aq.~ + ~aq.~

Milchzucker = 12 ~C~ + 10 ~aq.~ + 2 ~aq.~

Traubenzucker = 12 ~C~ + 10 ~aq.~ + 4 ~aq.~

Auf die nämliche Anzahl von Aequivalenten Kohlenstoff enthält also das

Amylon 10 Aeq. Wasser, der Rohrzucker und das Gummi 11 Aequivalente, der

Milchzucker 12 und der krystallisirte Traubenzucker 14 Aequivalente

Wasser, oder der Bestandtheile des Wassers.

~XIV.~

In diesen verschiedenen Substanzen, welche in der Nahrung

der pflanzenfressenden Thiere niemals fehlen, ist also den

stickstoffhaltigen Bestandtheilen derselben, dem Pflanzen-Albumin,

-Fibrin, -Casein, woraus sich ihr Blut bildet, im strengsten Sinne nur

eine gewisse Quantität Kohlenstoff im Ueberschusse zugesetzt, der in

ihrem Organismus zur Erzeugung von Fibrin und Albumin schlechterdings

nicht verwendet werden kann, weil ihre stickstoffhaltigen Nahrungsstoffe

den zur Blutbildung erforderlichen Kohlenstoff schon enthalten und das

Blut in dem Leibe der fleischfressenden Thiere erzeugt wird, ohne

Mitwirkung dieses Ueberschusses von Kohlenstoff.

Auf eine klare und überzeugende Weise stellt sich der Antheil heraus,

den diese stickstofffreien Materien an dem Nutritionsproceß der

pflanzenfressenden Thiere nehmen, wenn wir die verhältnißmäßig so

geringe Menge Kohlenstoff in Betrachtung ziehen, die sie in ihren

stickstoffhaltigen Nahrungsmitteln genießen; sie steht durchaus in

keinem Verhältniß zu dem durch Lunge und Haut aufgenommenen und

verbrauchten Sauerstoff.

Ein Pferd kann z. B. in vollkommen gutem Zustande erhalten werden, wenn

ihm täglich 15 Pfd. Heu und 4¹/₂ Pfd. Hafer zur Nahrung gegeben werden.

Wenn wir uns nun den ganzen Gehalt dieser Nahrungsstoffe an Stickstoff,

so wie ihn die Elementaranalyse festgesetzt hat (Heu 1,5 ~pCt.~, Hafer

2,2 ~pCt.~)[E15] rückwärts in Blut, nämlich in Fibrin und Albumin, mit

dem ganzen Wassergehalt des Blutes (80 ~pCt.~) verwandelt denken, so

empfängt das Pferd täglich nur 8⁹/₁₀ Loth Stickstoff, welche etwas über

8 Pfd. Blut entsprechen. Mit diesem Stickstoff hat aber das Thier, von

den andern Bestandtheilen, welche damit verbunden waren, nur 28⁹/₁₀ Loth

Kohlenstoff empfangen. Nur 15⁹/₁₀ Loth von diesen 28⁹/₁₀ Loth

Kohlenstoff konnten zur Respiration verwendet worden sein, denn mit dem

Stickstoff, der durch den Harn ausgeleert wird, treten in der Form von

Harnstoff 6 Lothe und in der Form von Hippursäure 7 weitere Lothe wieder

aus.

Ohne weitere Rechnung anzustellen, wird Jedermann zugeben, daß das

Luftvolum, was ein Pferd ein- und ausathmet, daß die Menge des von ihm

verzehrten Sauerstoffgases und in dessen Folge die Menge des

ausgetretenen Kohlenstoffs, weit größer ist, wie beim Respirationsproceß

des Menschen. Nun verbraucht aber ein erwachsener Mensch täglich nahe an

28 Loth Kohlenstoff, und die Bestimmung von _Boussingault_, wonach ein

Pferd täglich 158 Loth ausathmet, kann von der Wahrheit nicht sehr

entfernt sein.

In den stickstoffhaltigen Bestandtheilen seiner Nahrung erhält das Pferd

mithin nur etwas mehr, wie den fünften Theil des Kohlenstoffs, den sein

Organismus zur Unterhaltung des Respirationsprocesses bedarf, und wir

sehen, daß die Weisheit des Schöpfers allen seinen Nahrungsmitteln ohne

Ausnahme die übrigen ⁴/₅ Kohlenstoff, welche in den stickstoffhaltigen

Bestandtheilen fehlen, in mannigfaltigen Formen, als Amylon, Zucker u.

s. w. zugesetzt hat, welche das Thier, ohne der Einwirkung des

Sauerstoffs zu unterliegen, nicht entbehren kann.

Es ist offenbar, daß in dem Organismus des pflanzenfressenden Thieres,

dessen Nahrung eine verhältnißmäßig so kleine Menge seiner

Blutbestandtheile enthält, der Akt der Umsetzung der vorhandenen

Gebilde, daß demzufolge ihre Erneuerung, die Reproduktion derselben, bei

weitem minder rasch vor sich geht, wie bei den fleischfressenden

Thieren, denn wäre dies der Fall, so würde eine tausendmal reichere

Vegetation zu ihrer Ernährung nicht hinreichen; Zucker, Gummi, Amylon

würden keine Bedingungen zur Erhaltung ihres Lebens sein, eben weil die

kohlenstoffhaltigen Produkte der Umsetzung ihrer Organe für den

Respirationsproceß hinreichen würden.

Der fleischessende Mensch bedarf zu seiner Erhaltung und Ernährung eines

ungeheuren Gebietes, weiter und ausgedehnter noch, wie der Löwe und

Tiger, weil er, wenn die Gelegenheit sich darbietet, tödtet, ohne zu

genießen.

Eine Nation von Jägern auf einem begrenzten Flächenraum ist der

Vermehrung durchaus unfähig, der zum Athmen unentbehrliche Kohlenstoff

muß von den Thieren genommen werden, von denen auf der gegebenen Fläche

nur eine beschränkte Anzahl leben kann. Diese Thiere sammeln von den

Pflanzen die Bestandtheile ihrer Organe und ihres Blutes, und liefern

sie den von der Jagd lebenden Indianern, die sie unbegleitet von den

stickstofffreien Substanzen genießen, welche während der Lebensdauer des

Thieres seinen Respirationsproceß unterhielten; es ist bei dem

fleischessenden Menschen der Kohlenstoff des Fleisches, welcher das

Amylon, den Zucker ersetzen muß.

In fünfzehn Pfund Fleisch ist aber nicht mehr Kohlenstoff enthalten, wie

in 4 Pfund Amylon[E16] und während der Indianer mit einem einzigen Thier

und einem ihm gleichen Gewichte Amylon eine gewisse Anzahl von Tagen

hindurch sein Leben und seine Gesundheit würde erhalten können, muß er,

um den für diese Zeit, für seine Respiration unentbehrlichen Kohlenstoff

zu erhalten, 5 Thiere verzehren.

Man sieht leicht, in welchem engen Verbande die Vermehrung des

Menschengeschlechtes mit dem Ackerbau steht. Der Anbau der

Culturpflanzen hat zuletzt keinen andern Zweck, als die Hervorbringung

eines Maximums der zur Assimilation und Respiration dienenden Stoffe,

auf dem möglichst kleinsten Raume. Die Getreide- und Gemüsepflanzen

liefern uns in dem Amylon, dem Zucker, Gummi, nicht nur den Kohlenstoff,

der unsere Organe vor der Einwirkung des Sauerstoffs schützt, und in dem

Organismus die zum Leben unentbehrliche Wärme erzeugt, sondern in dem

Pflanzenfibrin, -Albumin und -Casein noch überdies unser Blut, aus dem

sich die übrigen Bestandtheile des Körpers entwickeln.

Der fleischessende Mensch athmet wie das fleischfressende Thier auf

Kosten der Materien, die durch die Umsetzung seiner Organe entstanden

sind, und ähnlich wie der Löwe, der Tiger, die Hyäne in den Kasten

unserer Menagerien durch unaufhörliche Bewegung den Umsatz ihrer Gebilde

beschleunigen müssen, um den zur Respiration nöthigen Stoff zu erzeugen,

muß sich der Indianer, des nämlichen Zweckes wegen, den größten

Anstrengungen und mühevollsten Beschwerden unterziehen; er muß Kraft

verbrauchen, lediglich um Stoff zum Athmen zu schaffen.

Die Cultur ist die Oekonomie der Kraft; die Wissenschaft lehrt uns die

einfachsten Mittel erkennen, um mit dem geringsten Aufwand von Kraft den

größten Effect zu erzielen, und mit gegebenen Mitteln ein Maximum von

Kraft hervorzubringen. Eine jede unnütze Kraftäußerung, eine jede

Kraftverschwendung in der Agricultur, in der Industrie und der

Wissenschaft, so wie im Staate, characterisirt die Rohheit oder den

Mangel an Cultur.

~XV.~

Die Vergleichung der Zusammensetzung des Urins der fleisch- und

pflanzenfressenden Thiere zeigt auf eine evidente Weise, daß der Act der

Umsetzung der Gebilde in beiden in der Zeit und Form verschieden ist.

Der Harn der fleischfressenden Thiere ist sauer, wir haben darin

alkalische Basen mit Harnsäure, mit Phosphorsäure und Schwefelsäure

vereinigt. Wir wissen genau, aus welcher Quelle diese beiden Säuren

stammen. Alle Gebilde, bis auf Zellen und Membranen, enthalten

Phosphorsäure und Schwefel, der durch den Sauerstoff des arteriellen

Blutes in Schwefelsäure verwandelt wird. In den verschiedenen

Flüssigkeiten des Thierkörpers finden wir nur Spuren von phosphorsauren

oder schwefelsauren Salzen, aber in dem Harn finden wir beide in

reichlicher Menge. Es ist klar, sie stammen beide von dem Phosphor und

Schwefel der Gebilde, die sich umgesetzt haben; sie gelangen als

lösliche Salze in das Blut und werden bei ihrem Durchgang durch die

Nieren davon geschieden.

Der Harn der grasfressenden Thiere ist alkalisch; er enthält

kohlensaures Alkali in überwiegender Menge und eine so geringe Menge von

phosphorsaurem Alkali, daß sie von den meisten Beobachtern übersehen

worden ist.

Der Mangel, oder, wenn man will, die Abwesenheit der phosphorsauren

Alkalien in dem Harn der grasfressenden Thiere zeigt offenbar, daß diese

löslichen Salze zu bestimmten Zwecken verwendet werden; denn wenn wir

annehmen, ein Pferd verzehre eine dem Gehalte des Stickstoffs (8⁹/₁₀

Loth) in seinen Nahrungsmitteln entsprechende Menge Pflanzenfibrin oder

-Albumin, und wenn wir den umgesetzten Theil der Gebilde gleichsetzen

dem neugebildeten, so ist die Quantität der Phosphorsäure, die wir in

dem Urin (in 3 Pfund, dem täglichen Abgang nach _Boussingault_) finden

müßten, nicht so klein, daß sie nicht mit Leichtigkeit durch die Analyse

nachweisbar wäre (sie betrüge nach dieser Voraussetzung nahe an 0,8

~pCt.~), allein, wie bemerkt, die meisten Beobachter haben keine

Phosphorsäure darin auffinden können.

Die Phosphorsäure, welche in Folge der Umsetzung der Gebilde in der Form

von löslichem phosphorsauren Alkali erzeugt wird, kehrt offenbar bei

diesen Thieren in den Organismus zurück, der sie zur Bildung der Gehirn-

und Nervensubstanz nicht entbehren kann.

Bei den pflanzenfressenden Thieren, die eine verhältnißmäßig so kleine

Quantität von Phosphor oder phosphorsauren Salzen genießen, sammelt der

Organismus offenbar alle durch die Umsetzung der Gebilde erzeugten

löslichen phosphorsauren Salze, und verwendet sie zur Ausbildung der

Knochen und der phosphorhaltigen Bestandtheile des Gehirns; die

Secretionsorgane scheiden sie von dem Blute nicht ab. Die durch

Stoffwechsel in Freiheit gesetzte Phosphorsäure tritt nicht als

phosphorsaures Natron aus; wir finden sie in den festen Excrementen in

der Form von unlöslichen phosphorsauren Erden.

~XVI.~

Vergleichen wir die Fähigkeit der Zunahme an Masse, die Kraft der

Assimilation in den gras- und fleischfressenden Thieren, so führen die

gewöhnlichsten Beobachtungen auf einen großen Unterschied.

Eine Spinne, welche mit dem größten Heißhunger das Blut der ersten

Fliege aussaugt, wird durch die zweite und dritte Fliege in ihrer Ruhe

nicht gestört; eine Katze frißt die erste, vielleicht die zweite Maus,

und wenn sie auch die dritte tödtet, sie wird von ihr nicht verzehrt.

Ganz ähnliche Beobachtungen hat man an Löwen und Tigern gemacht; sie

verzehren ihre Beute erst dann, wenn sich in ihnen das Bedürfniß des

Hungers regt. Zur bloßen Erhaltung bedürfen die fleischfressenden Thiere

an sich einer geringeren Menge von Nahrung schon deshalb, weil ihre Haut

keine Schweißporen hat, weil sie also bei gleichem Volum weit weniger

Wärme verlieren, als die Grasfresser, welche die verlorne Wärme durch

die Nahrung ersetzen müssen.

Wie ganz anders zeigt sich die Stärke und Intensität des vegetativen

Lebens bei den pflanzenfressenden Thieren! Ein Schaf, eine Kuh auf der

Weide, sie fressen mit geringer Unterbrechung so lange die Sonne am

Himmel steht. Ihr Organismus besitzt die Fähigkeit, alle Nahrung, die

sie mehr genießen, als sie zur Reproduction bedürfen, in Bestandtheile

ihres Körpers zu verwandeln.

Alles Blut, was mehr erzeugt wird, als zum Ersatz an verbrauchtem Stoff

erforderlich ist, wird zur Zelle und Muskelfaser; das pflanzenfressende

Thier wird bei gesteigerter Nahrung fleischig oder feist, während das

Fleisch des fleischfressenden ungenießbar, zähe und sehnenartig bleibt.

Denken wir uns nur einen Hirsch, ein Reh oder einen Hasen, welche

ähnliche Nahrungsmittel genießen, wie das Rindvieh oder Schaf, so ist es

evident, daß bei Ueberfluß an Nahrung ihre Zunahme an Masse (ihr

Feistwerden) abhängig ist von der Menge des genossenen Pflanzenalbumins,

-Fibrins oder -Caseins. Bei einer freien ungehinderten Bewegung nehmen

sie Sauerstoff genug auf, um den Kohlenstoff des genossenen Gummi’s, des

Amylons, des Zuckers und überhaupt aller löslichen stickstofffreien

Nahrungsmittel verschwinden zu machen.

Ganz anders stellt sich dieses Verhältniß bei unseren Hausthieren, wenn

wir bei reichlicher Nahrung die Abkühlung und Exhalationsprocesse

hindern, wenn wir sie in unseren Ställen füttern, wo die freie Bewegung

unterdrückt ist.

Das Thier, welches den Stall nicht verläßt, frißt und ruht bloß, um zu

verdauen, es nimmt in der Form von stickstoffhaltigen Stoffen weit mehr

Nahrung auf, als es zur Reproduktion bedarf, und in gleicher Zeit mit

diesen genießt es weit mehr stickstofffreie Substanzen, als zur

Unterhaltung des Reproductionsprocesses und zum Ersatz an verlorner

Wärme nöthig sind. Mangel an Bewegung und Abkühlung ist aber

gleichbedeutend einem Mangel an Zufuhr von Sauerstoff; es nimmt, da

diese vermindert sind, bei weitem weniger Sauerstoff auf, als zur

Verwandlung des in der stickstofffreien Nahrung genossenen Kohlenstoffs

in Kohlensäure erforderlich ist. Nur ein kleiner Theil dieses

Ueberschusses von Kohlenstoff tritt aus dem Körper bei Pferden und dem

Rindvieh in der Form von Hippursäure aus, alles übrige wird zur

Erzeugung einer Materie verwendet, die sich nur in kleinen Quantitäten

als Bestandtheil der Nerven und des Gehirns vorfindet.

Im normalen Zustand der Bewegung und Arbeit enthält der Urin des

Rindviehs und Pferdes Benzoesäure (mit 14 At. Kohlenstoff), sobald es

ruhig im Stalle steht, hingegen Hippursäure (mit 18 At. Kohlenstoff).

Das Fleisch der wilden Thiere ist fettlos, die Hausthiere dagegen

bedecken sich bei der Mästung mit Fett.

Lassen wir das fette Thier in freier Luft sich bewegen oder schwere

Lasten ziehen, so verschwindet wieder das Fett.

Es ist offenbar, die Fettbildung im Thierkörper wird bedingt durch ein

Mißverhältniß in der Menge der genossenen Nahrungsmittel und des durch

Lunge und Haut aufgenommenen Sauerstoffs.

Ein Schwein wird bei Mästung mit stickstoffreichen Nahrungsmitteln

feist; bei Kartoffel- (Amylon-) Fütterung erhält es wenig Fleisch, aber

eine Decke von Speck. Die Milch einer Kuh, welche bei Stall-Fütterung

eine reichliche Menge Butter enthält, wird auf freier Weide an Käsestoff

reicher und an Fett und Milchzucker in dem nämlichen Verhältniß ärmer.

Durch Bier und amylonhaltige Nahrung wächst der Buttergehalt der

Frauenmilch; Fleischnahrung giebt weniger, aber an Käsestoff reichere

Milch.

Wenn man erwägt, daß in der ganzen Thierklasse der Carnivoren, die außer

dem verzehrten Fett kein stickstofffreies Nahrungsmittel genießen, die

Fettbildung im Körper höchst unbedeutend ist, daß sie auch bei diesen

zunimmt (wie bei Katzen und Hunden), wenn sie gemischte Nahrung

genießen, daß wir bei den andern Hausthieren die Fettbildung steigern

können und zwar nur durch stickstofffreie Nahrungsmittel, so kann man

kaum einen Zweifel hegen, daß die letzteren in einer ganz bestimmten

Beziehung stehen müssen zur Fettbildung.

Dem natürlichen Gange der Naturforschung gemäß erschließen wir rückwärts

aus den genossenen Nahrungsmitteln die entstandenen Gebilde, aus den

stickstoffhaltigen Pflanzenstoffen die stickstoffhaltigen Bestandtheile

des Blutes, und es ist diesem Gange völlig angemessen, die Beziehungen

der stickstofffreien Nahrungsmittel zu den stickstofffreien

Bestandtheilen des Thierkörpers festzustellen; ein enger Zusammenhang

zwischen beiden kann nicht verkannt werden.

Vergleichen wir die Zusammensetzung des Milchzuckers, des Amylons und

der andern Zuckerarten mit denen des Hammeltalges, Ochsentalges,

Menschenfettes, so finden wir, daß sie einerlei Verhältniß Kohlenstoff

und Wasserstoff enthalten und lediglich in dem Gehalte an Sauerstoff von

einander abweichen.

Hammeltalg, Menschenfett, Schweineschmalz enthalten nach den Analysen

_Chevreul’s_ 79 ~pCt.~ Kohlenstoff auf 11,1 ~pCt.~, 11,4 ~pCt.~, 11,7

~pCt.~ Wasserstoff[E17].

Das Amylon enthält auf 44,91 Kohlenstoff 6,11 Wasserstoff; der Zucker

und das Gummi 42,58 Kohlenstoff 6,37 Wasserstoff[E18].

Nun ist aber aus dem Folgenden einleuchtend, daß diese Zahlen, welche

das relative Gewichtsverhältniß des Kohlenstoffs und Wasserstoffs im

Amylon, im Zucker und im Gummi ausdrücken, zu einander in dem nämlichen

Verhältniß stehen, wie der Kohlenstoff und Wasserstoff in den

verschiedenen Fetten.

44,91 : 6,11 = 79 : 10,99

42,58 : 6,37 = 79 : 11,8.

Es ist hieraus klar, daß durch ein einfaches Austreten von Sauerstoff,

Amylon, Zucker und Gummi übergehen können in Fett, oder, wenn man will,

in einen Körper, welcher genau die Zusammensetzung des Fetts besitzt.

Nehmen wir in der That von der Formel des Amylon 9 Atome Sauerstoff

hinweg, so haben wir in 100 Theilen:

~C₁₂~ 79,4

~H₂₀~ 10,8

~O~ 9,8.

Die nächste empirische Formel des Fetts ist ~C₁₁H₂₀O~; sie giebt in 100

Theilen:

~C₁₁~ 78,9

~H₂₀~ 11,6

~O~ 9,5.

Nach dieser Formel würden sich von dem Amylon die Elemente von 1 Atom

Kohlensäure und 7 Atome Sauerstoff getrennt haben.

Mit diesen beiden Formeln stimmt aber sehr nahe die von allen

verseifbaren fetten Körpern überein.

Nehmen wir von drei Atomen Milchzucker ~C₅₆H₇₂O₃₆~ die Elemente hinweg

von 4 Atomen Wasser und lassen wir 31 Atome Sauerstoff austreten, so

haben wir ~C₃₆H₆₄O~, eine Formel, welche ein genauer Ausdruck ist für

die Zusammensetzung des Cholsterins[E19].

Gleichgültig, welche Ansicht man auch über die Entstehung der fetten

Bestandtheile des Thierkörpers haben mag, soviel ist unläugbar gewiß,

daß die Wurzeln und Kräuter, welche die Kuh verzehrt, keine Butter

enthalten, daß in dem Heu und der Nahrung des Rindviehs kein Ochsentalg,

in der Kartoffelschlempe, welche die Schweine bekommen, kein

Schweineschmalz und in dem Futter der Gänse und des Geflügels kein

Gänsefett oder Kapaunenfett enthalten ist. Die großen Massen von Fett in

dem Körper dieser Thiere erzeugt ihr Organismus, und aus dieser

Thatsache, ihrem wahren Werthe nach anerkannt, muß geschlossen werden,

daß von den Bestandtheilen der genossenen Nahrung eine gewisse Quantität

Sauerstoff in irgend einer Form austritt, denn ohne eine solche

Ausscheidung von Sauerstoff kann kein Fett aus irgend einem Bestandtheil

der Nahrung gebildet werden.

Die chemische Analyse giebt auf die bestimmteste Weise zu erkennen, daß

in den Nahrungsmitteln, die ein Thier verzehrt, sich eine gewisse Menge

Kohlenstoff und Sauerstoff befinden, die, in Aequivalenten ausgedrückt,

folgende Reihe bilden.

Im Pflanzenfibrin, -Albumin, -Casein

sind enthalten auf 120 Aeq. Kohlenstoff 36 Aeq. Sauerstoff

Im Amylon „ „ „ 120 „ „ 100 „ „

Im Rohr-

zucker „ „ „ 120 „ „ 110 „ „

Im Trauben-

zucker „ „ „ 120 „ „ 140 „ „

Im Gummi „ „ „ 120 „ „ 110 „ „

Im Milch-

zucker „ „ „ 120 „ „ 120 „ „

Nun sind aber in allen fetten Substanzen im Mittel _auf 120 Aeq.

Kohlenstoff nur 10 Aeq. Sauerstoff enthalten_.

Da nun der Kohlenstoff der fetten Bestandtheile des Thierkörpers von den

Nahrungsmitteln stammt, indem es keine andere Quelle giebt, die ihn

liefern könnte, so ist klar, in der Voraussetzung, das Fett entstehe aus

Albumin, Fibrin oder Casein, daß für je 120 Aeq. Kohlenstoff, die sich

als Fett abgelagert haben, 26 Aeq. Sauerstoff von den Bestandtheilen

dieser Nahrungsmittel austreten müssen, es ist ferner klar, daß, wenn

wir annehmen, das Fett entstehe aus Amylon, 90 Aeq., aus Zucker 100 und

aus Milchzucker 110 Aeq. Sauerstoff abgeschieden werden müssen.

Es giebt also nur einen einzigen Weg, auf welchem die Fettbildung im

Thierkörper möglich ist, und dieser ist absolut der nämliche, auf

welchem die Fettbildung in den Pflanzen vor sich geht, es ist eine

Scheidung und Trennung des Sauerstoffs von den Bestandtheilen der

Nahrungsmittel.

Der Kohlenstoff, den wir in den Samen und Früchten der Pflanzen in der

Form von Oel und Fett abgelagert finden, er war früher ein Bestandtheil

der Atmosphäre, er wurde als Kohlensäure von der Pflanze aufgenommen.

Sein Uebergang in Fett wurde unter Mitwirkung des Lichtes durch die

vegetative Lebensthätigkeit bewirkt, der größte Theil des Sauerstoffs

dieser Kohlensäure kehrte als Sauerstoffgas in die Luft zurück[F3][E20].

[3] Ueber die Bildung des Wachses aus Honig bei den Bienen siehe

Anhang.

Im Gegensatz zu dieser Lebensäußerung in der Pflanze wissen wir, daß der

Thierorganismus Sauerstoff aus der Luft aufsaugt und daß dieser

Sauerstoff in der Form einer Kohlenstoff- oder Wasserstoffverbindung

wieder austritt, wir wissen, daß durch den Akt der Bildung von

Kohlensäure und Wasser die constante Temperatur des Körpers

hervorgebracht wird, daß ein Oxydationsproceß die einzige und

Hauptquelle der animalischen Wärme ist.

Mag das Fett in Folge einer Zersetzung des Fibrins oder Albumins, der

Hauptbestandtheile des Blutes gebildet werden, mag es aus Amylon, aus

Zucker, aus Gummi oder Milchzucker entstehen, das Resultat der

Zersetzung muß begleitet seyn, von einer Ausscheidung des Sauerstoffs,

von den Bestandtheilen dieser Nahrungsmittel, aber dieser Sauerstoff

tritt nicht als Sauerstoffgas aus dem Thierkörper aus, eben weil er in

dem Organismus selbst, Stoffe vorfindet, welche die Fähigkeit haben,

eine Verbindung mit ihm einzugehen; er tritt in der nämlichen Form aus,

wie der durch Lunge und Haut aus der Luft aufgenommene Sauerstoff.

Man beobachtet leicht, in welchem merkwürdigen Zusammenhange die

Fettbildung mit dem Respirationsproceß steht.

~XVII.~

Der abnorme Zustand, durch den Ablagerung von Fett in dem Thierkörper

bewirkt wird, beruht, wie früher erwähnt worden, auf einem Mißverhältniß

in der Menge des genossenen Kohlenstoffs und dem durch Haut und Lunge

aufgenommenen Sauerstoff. Im normalen Zustande wird eben so viel

Kohlenstoff ausgeführt wie eingeführt, der Körper erhält kein

Uebergewicht an kohlenstoffreichen und stickstofflosen Bestandtheilen.

Steigern wir die Zufuhr der kohlenstoffreichen Nahrungsmittel, so bleibt

nur in dem Fall das normale Verhältniß, wenn durch Bewegung und

Anstrengung der Umsatz befördert, wenn in gleichem Grade die Zufuhr an

Sauerstoff vermehrt wird.

Jede Art von Fettbildung ist stets die Folge eines Mangels an

Sauerstoff, der zur Vergasung des im Ueberschusse zugeführten

Kohlenstoffs unbedingt erforderlich ist. Dieser als Fett sich ablagernde

Kohlenstoff, er zeigt sich bei dem Beduinen, bei dem Araber der Wüste

nicht, der mit Stolz seine muskelstarken, magern, fettfreien,

sehnenartigen Glieder dem Reisenden zeigt und in Liedern besingt, er

zeigt sich aber bei der kärglichen Nahrung in den Kerkern und

Gefängnissen als Aufgedunsenheit, er zeigt sich in dem Weibe des Orients

und in den wohlbekannten Bedingungen des Mästens bei unseren

Hausthieren.

Die Erzeugung von Fett beruht auf einem Mangel an Sauerstoff, allein in

ihr, in der Fettbildung selbst, öffnet sich dem Organismus eine Quelle

von Sauerstoff, eine neue Ursache der Wärmeerzeugung.

Der in Folge der Fettbildung freiwerdende Sauerstoff, er tritt aus dem

Körper als eine Kohlenstoff- oder Wasserstoffverbindung aus, mag nun

dieser Kohlenstoff oder Wasserstoff von der Substanz selbst, die auch

den Sauerstoff zuführte, oder mag er von einer andern Verbindung

genommen worden sein, es muß durch diese Kohlensäure- oder Wasserbildung

ebensoviel Wärme entwickelt werden, wie wenn wir eine gleiche Menge

Kohlenstoff oder Wasserstoff in der Luft oder im Sauerstoffgas verbrannt

hätten.

Wenn wir uns denken, daß sich von 2 Aeq. Amylon 18 Aeq. Sauerstoff

trennen, daß sich diese 18 Aeq. Sauerstoff mit 9 Aeq. Kohlenstoff aus

der Galle, z. B. zu Kohlensäure, verbunden hätten, so ist niemand

zweifelhaft darüber, daß in diesem Fall gerade so viel Wärme entwickelt

werden muß, wie wenn wir diese 9 Atome Kohlenstoff direct verbrannt

hätten. In dieser Form wäre also die Wärmeentwickelung in Folge der

Fettbildung nicht bestreitbar; sie kann also nur für den Fall

hypothetisch sein, wo sich von einer und derselben Substanz Kohlenstoff

und Sauerstoff in den Verhältnissen, wie in der Kohlensäure, trennen.

Wenn wir z. B. voraussetzen, daß sich von 2 At. Amylon, ~C₂₄H₄₀O₂₀~ die

Elemente von 9 At. Kohlensäure abscheiden, so würden wir eine Verbindung

übrig behalten, welche auf 15 At. Kohlenstoff, 40 At. Wasserstoff und 2

At. Sauerstoff enthält:

~C₁₅H₄₀O₂~ + ~C₉O₁₈~ = ~C₂₄H₄₀O₂₀~.

Oder wenn wir annehmen, daß Sauerstoff aus Amylon in der Form von

Kohlensäure und Wasser austritt, so würden wir bei Abscheidung der

Bestandtheile von 6 At. Wasser und 6 At. Kohlensäure die Verbindung

~C₁₈H₂₃O₂~ übrig behalten.

Diese Form der Ausscheidung des Sauerstoffs festgestellt, bleibt zu

entscheiden übrig, ob die auftretende Kohlensäure und das Wasser in dem

Amylon als solche enthalten waren oder nicht.

War die Kohlensäure und das Wasser fertig gebildet in dem Amylon, so

konnte die Trennung vor sich gehen, ohne von einer Wärmeentwickelung

begleitet zu sein, war hingegen der Kohlenstoff und Wasserstoff in einer

andern Form in dem Amylon (oder der Verbindung, aus der sich das Fett

gebildet haben mag) zugegen, so ist klar, daß eine Aenderung in der

Anordnung der Atome vor sich gegangen ist, in deren Folge sich die Atome

des Kohlenstoffs und Wasserstoffs mit den Atomen des Sauerstoffs zu

Kohlensäure und Wasser vereinigt haben.

So weit nun chemische Forschungen reichen, kann aus dem bekannten

Verhalten des Amylons und der Zuckerarten kein anderer Schluß gezogen

werden, als daß sie keine fertig gebildete Kohlensäure enthalten.

Wir kennen nun eine große Anzahl von Umsetzungsprocessen ähnlicher Art,

wo sich die Elemente der Kohlensäure und des Wassers von gewissen

vorhandenen Verbindungen trennen, und wir wissen mit Bestimmtheit, daß

alle diese Zersetzungsweisen begleitet sind von einer Wärmeentwickelung,

gerade so, wie wenn sich Kohlenstoff und Wasserstoff direct mit

Sauerstoff verbinden.

Ein solches Austreten von Kohlensäure haben wir in allen Gährungs- und

Fäulnißprocessen, sie sind ohne Ausnahme begleitet von einer

Entwickelung von Wärme.

In der Gährung einer zuckerhaltigen Flüssigkeit tritt in Folge einer

Umsetzung der Elemente des Zuckers eine gewisse Menge seines

Kohlenstoffs und Sauerstoffs zu Kohlensäure zusammen, welche sich

gasförmig abscheidet, und als Resultat dieser Zersetzung haben wir eine

sauerstoffarme, flüchtige, brennbare Flüssigkeit, nämlich Alkohol.

Wenn wir zu zwei Atomen Zucker die Elemente treten lassen von 12 At.

Wasser und von der erhaltenen Summe der Atome 24 Atome Sauerstoff

hinwegnehmen, so haben wir 6 At. Alkohol (~C₂₄H₄₈O₂₄~ + ~H₂₄O₁₂~) -

~O₂₄~ = ~C₂₄H₇₂O₁₂~ = 6 At. Alkohol.

Diese 24 At. Sauerstoff reichen hin, um ein drittes Atom Zucker

vollkommen zu verbrennen, seinen Kohlenstoff in Kohlensäure zu

verwandeln, und wir erhalten durch diese Verbrennung die 12 At. Wasser

wieder, die wir hinzutreten ließen, gerade so, als ob sie keine Rolle

hierbei gespielt hätten.

~C₁₂H₂₄O₁₂~ + ~O₂₄~ = 12 ~CO₂~ + 12 ~H₂O~.

Nach der gewöhnlichen Ansicht trennen sich von 3 At. Zucker 12 Atome

Kohlenstoff in der Form von Kohlensäure: wir bekommen 6 At. Alkohol, in

beiden also dieselben Produkte, wie wenn der eine Theil Zucker an den

andern Theil Sauerstoff abgegeben hätte und dessen Bestandtheile auf

Kosten dieses Sauerstoffs verbrannt worden wären.

~C₃₆H₇₂O₃₆~ = ~C₂₄H₇₂O₁₂~ + 12 ~CO₂~[F4].

[4] In Beziehung auf das Verständniß der Formeln siehe die Einleitung

zum Anhang.

Man beobachtet leicht, daß die Spaltung eines Körpers in Kohlensäure und

eine an Sauerstoff arme Verbindung völlig gleichbedeutend ist in ihrem

Resultate einer Ausscheidung von Sauerstoff und einer Verbrennung von

einem Theile der Substanz auf Kosten dieses Sauerstoffs.

Es ist wohlbekannt, daß sich die Temperatur einer gährenden Flüssigkeit

erhöht, und wenn wir annehmen, daß ein Stückfaß Most = 600 Darmstädter

Maaß = 1200 Litres = 2400 Pfund, 16 ~pCt.~ Zucker, im Ganzen also 384

Pfund Zucker enthalte, so muß während der Gährung dieses Zuckers eine

Wärmemenge frei werden, welche derjenigen gleich ist, die sich bei der

Verbrennung von 51 Pfund Kohlenstoff entwickelt.

Dies ist ausdrückbar durch eine Wärmequantität, wodurch jedes Pfund der

Flüssigkeit auf 165¹/₂ Grad erhoben werden kann, vorausgesetzt, daß die

Zersetzung des Zuckers in einem unmeßbaren Zeittheilchen vor sich ginge.

Dies ist bekanntlich nicht der Fall, die Gährung dauert 5-6 Tage und die

165¹/₂ Wärmegrade empfängt jedes Pfund Flüssigkeit während eines

Zeitraums von 120 Stunden. In der Stunde wird also eine Wärmemenge

entwickelt, durch welche jedes Pfund Flüssigkeit um 1⁴/₁₀ Grad an

Temperatur zunimmt, eine Erhöhung, welche durch äußere Abkühlung im

Keller, durch Verdunstung von Wasser und Alkohol beträchtlich

herabgestimmt wird.

~XVIII.~

Die Fettbildung, mit bekannten analogen Erscheinungen der Trennung von

Sauerstoff verglichen, ist demnach von einer Wärmeentwicklung begleitet;

sie ersetzt dem thierischen Körper eine gewisse Menge des zu den vitalen

Processen unentbehrlichen, atmosphärischen Sauerstoffs, und zwar in

allen denjenigen Fällen, wo der durch Haut und Lunge eingeathmete

Sauerstoff nicht hinreicht, um den vorhandenen und dazu geeigneten

Kohlenstoff in Kohlensäure zu verwandeln.

Dieser Ueberschuß von Kohlenstoff, welcher in dem Körper zu einem

Bestandtheil der Organe nicht verwendet werden kann, lagert sich in der

Form von Talg oder Oel in Zellen ab.

In jedem Momente des Lebens eines Thieres tritt Fettbildung ein, wo ein

Mißverhältniß zwischen dem durch die Nahrung zugeführten Kohlenstoff und

dem eingeathmeten Sauerstoff statt hat; es trennt sich Sauerstoff in

Folge einer Umsetzung von vorhandenen Verbindungen, und dieser

Sauerstoff tritt als Kohlensäure oder Wasser aus dem Körper aus. Die

hierbei entwickelte Wärme trägt dazu bei, um die constante Temperatur

des Körpers zu erhalten. Ein jedes Pfund Kohlenstoff, welches seinen

Sauerstoff, mit dem es Kohlensäure bildet, von Materien erhielt, die in

Fett übergingen, muß so viel Wärme entwickeln, daß man damit 200 Pfunde

Wasser auf 39 Grade erheben kann.

In der Fettbildung schafft die Lebenskraft sich selbst ein Mittel, um

dem Mangel an Sauerstoff und an der zu den vitalen Processen nöthigen

Wärme zu begegnen.

Die Erfahrung zeigt, daß das Anbinden der Füße bei dem Geflügel und eine

mittlere Temperatur ein Maximum von Fettbildung nach sich zieht. Diese

Thiere sind in diesem Zustande einer Pflanze vergleichbar, die im

eminenten Grade die Fähigkeit besitzt, alle Nahrungsstoffe in Theile

ihrer selbst zu verwandeln. Die im Ueberschuß zugeführten

Blutbestandtheile werden zu Fleisch, zu Bestandtheilen der Gebilde,

Amylon und die stickstofffreien Materien verwandeln sich in Fett. Bei

dem Fettwerden auf Kosten stickstofffreier Nahrungsstoffe nehmen nur

gewisse Theile des Organismus an Volumen zu; so ist die Leber einer

gemästeten Gans 4-5mal größer, wie die einer ungemästeten, ohne daß man

damit sagen kann, daß die Substanz der Leber selbst eine Zunahme

erfahren hat. Während die Leber der ungemästeten Gans fest und elastisch

ist, zeigt die der gemästeten eine weiche schwammige Beschaffenheit; der

Unterschied liegt lediglich in einer mehr oder minderen Erweiterung der

Zellen, ausgefüllt durch Fett.

In einigen Krankheiten erleiden nachweisbar die amylonreichen

Stoffe diejenigen Veränderungen nicht, die sie befähigen, den

Respirationsproceß zu unterhalten oder in Fett überzugehen. In dem

~diabetes mellitus~ wird das Amylon nicht weiter als in Zucker

verwandelt, der ohne eine Verwendung zu finden aus dem Körper entfernt

wird.

Wir finden ferner in andern Krankheiten, bei Leberentzündungen z. B.,

das Blut reich an Oel und Fett, und mit der Vorstellung, daß unter

gewissen Bedingungen gewisse Bestandtheile der Galle in Fett

metamorphosirt werden, steht die Zusammensetzung der Galle nicht in

Widerspruch.

~XIX.~

Nach dem Vorgehenden lassen sich die Nahrungsmittel der Menschen

eintheilen in zwei Klassen: in _stickstoffhaltige_ und in

_stickstofffreie_. Die ersteren besitzen die Fähigkeit, in Blut

überzugehen, den andern geht diese Eigenschaft ab.

Aus den Nahrungsmitteln, welche sich zur Blutbildung eignen, entstehen

die Bestandtheile der Organe, die andern dienen im normalen Zustande der

Gesundheit zur Unterhaltung des Respirationsprocesses. Die

stickstoffhaltigen bezeichnen wir als _plastische Nahrungsmittel_, die

stickstofffreien nennen wir _Respirationsmittel_.

Plastische Nahrungsmittel sind: Respirationsmittel sind:

Pflanzenfibrin Fett

Pflanzenalbumin Amylon

Pflanzencasein Gummi

Fleisch und Blut der Thiere die Zuckerarten

Pectin

Bassorin &c.

Wein

Bier

Branntwein.

~XX.~

Als eine ganz allgemeine Thatsache, welcher bis jetzt keine einzige

Erfahrung entgegensteht, haben die Untersuchungen ergeben, daß alle

stickstoffhaltigen Bestandtheile der Pflanzen eine mit den

Hauptbestandtheilen des Blutes gleiche Zusammensetzung besitzen.

Kein stickstoffhaltiger Körper, dessen Zusammensetzung abweicht von der

des Fibrins, Albumins und Caseins, ist vermögend, den Lebensproceß im

Thiere zu unterhalten.

Der Thierorganismus besitzt ohnstreitig die Kraft, aus den

Bestandtheilen seines Blutes die Substanz seiner Membranen und Zellen,

der Nerven und des Gehirns, die organischen Bestandtheile der Rippen,

Knorpel und Knochen zu erzeugen, allein sein Blut muß ihm, bis auf die

Form, fertig gebildet dargeboten werden, und wenn dies nicht geschieht,

so ist damit der Blutbildung und dem Leben eine Grenze gesetzt.

Von diesem Gesichtspunkte aufgefaßt, ist es leicht erklärlich, woher es

kommt, daß die leimgebenden Gebilde, die Gallerte der Knochen und Häute,

zur Ernährung und zur Unterhaltung des Lebensprocesses sich nicht

eignen, denn ihre Zusammensetzung ist ungleich der des Fibrins und

Albumins im Blute. Dies will natürlich nichts anders sagen, als daß die

Organe in dem Thierkörper, welche die Blutbildung vermitteln, die Kraft

nicht besitzen, um eine Metamorphose in der Anordnung der Elemente der

Gallerte (leim- und chondringebenden Gebilde) zu bewirken. Die

Leimgebilde, die Gallerte der Knochen, Membranen, Zellen und Häute

erleiden in dem Thierkörper durch den Einfluß des Sauerstoffs und der

Feuchtigkeit eine fortdauernde Veränderung, ein Theil davon tritt aus

und muß aus dem Blute wieder erneuert werden, aber diese Verwandlung und

Wiederherstellung ist offenbar in sehr enge Grenzen eingeschlossen.

Während in dem Körper des Verhungernden und Kranken das Fett

verschwindet und die Muskelsubstanz die Form von Blut wieder annimmt,

sehen wir die Sehnen und Membranen ihren Zustand behaupten, alle Glieder

des Todten behalten ihren Zusammenhang, den sie diesen Gebilden

verdanken.

Auf der andern Seite sehen wir, daß von einem Knochen, den ein Hund

verschluckt hat, nur die Knochenerde wieder abgeht, daß die Gallerte in

seinem Körper völlig verschwunden ist; die nämliche Beobachtung machen

wir an Menschen, die als Nahrungsmittel verhältnißmäßig mehr Gallerte

(in Fleischbrühe) als andere Stoffe genießen, daß sie weder in dem Urin,

noch in den Faeces austritt; sie hat also offenbar eine Veränderung

erlitten und in dem Körper zu gewissen Zwecken gedient.

Es ist klar, daß sie in einer andern Form aus dem Körper wieder

austritt, als die ist, in welcher sie genossen worden ist.

Für den Uebergang des Albumins in Blut, zu einem Bestandtheil eines

fibrinhaltigen Organs, läßt sich in der gleichen Zusammensetzung beider

kein Widerspruch entnehmen. Wir finden im Gegentheile die Verwandlung

eines löslichen und gelös’ten Stoffes in einen nichtlöslichen Träger der

Lebensthätigkeit begreiflich und in chemischer Beziehung erklärt, eben

weil sie in ihrer Zusammensetzung identisch sind. So ist denn die

Meinung einer näheren Begründung nicht unwürdig, daß die in Auflösung

genossene Gallerte in dem Organismus wieder zur Zelle und zu Membranen,

zu einem Bestandtheil der Knochen wird; daß sie dazu dienen kann, um die

leimgebenden Gebilde, welche eine Veränderung erlitten haben, zu

erneuern und ihre Masse zu vermehren.

Und wenn die Kraft zur Reproduction im ganzen Körper sich mit dem

Zustand der Gesundheit ändert, so muß, wenn auch die Fähigkeit der

Blutbildung die nämliche bliebe, die organische Kraft, durch welche die

Bestandtheile des Bluts zu Membranen und Zellen werden, im Zustand der

Krankheit nothwendig abgenommen haben; die Intensität der Lebenskraft,

ihre Fähigkeit, Metamorphosen überhaupt zu bewirken, sie nimmt im

Kranken, in seinem Magen sowohl, wie in allen Theilen seines Körpers ab.

In diesem Zustande zeigt die practische Medizin, daß die löslich

gemachten leimgebenden Gebilde einen ganz entschiedenen Einfluß auf das

Befinden des Körpers äußern; in einer Form dargeboten, in der sie sich

zur Assimilation eignen, dienen sie zur Ersparung von Kraft, ähnlich so

wie es für den Magen durch zweckmäßig zubereitete Speise geschieht. Die

Knochenbrüchigkeit bei den grasfressenden Thieren ist offenbar die Folge

einer Schwäche in denjenigen Theilen des Organismus, welche bestimmt

sind, die Metamorphosen der Blutbestandtheile in Zellensubstanz zu

bewirken, und wenn die Angaben von Aerzten, die sich im Oriente

aufgehalten haben, Vertrauen verdienen, so haben die türkischen Weiber

in der Reisnahrung und in den häufigen Klystieren von Fleischbrühe die

Bedingungen vereinigt zur Zellen- und Fettbildung.

Zweiter Theil.

Die

Metamorphosen der Gebilde.

~I.~

1. Die absolute Gleichheit in der Zusammensetzung der Hauptbestandtheile

des Bluts und der stickstoffhaltigen Nahrungsmittel der Thiere wäre vor

wenigen Jahren noch ein Argument gewesen, um das Resultat der chemischen

Analyse zu leugnen, zu einer Zeit, wo man noch nicht die Erfahrung

gemacht hatte, daß es eine Menge stickstoffhaltiger und stickstofffreier

Körper giebt, die bei einer großen Verschiedenheit in ihren

physikalischen Eigenschaften eine vollkommen gleiche procentische

Zusammensetzung besitzen, von denen manche sogar die nämliche Anzahl von

Atomen an Elementen enthalten.

2. Wir kennen z. B. in der _Cyanursäure_ einen stickstoffhaltigen

Körper, welcher in schönen klaren Octaedern krystallisirt, die sich in

Wasser und Säuren mit Leichtigkeit lösen, in dem _Cyamelid_ haben wir

einen zweiten Körper, welcher in Wasser und Säuren absolut

unlöslich, weiß, zusammenhängend und undurchsichtig wie Porzellan oder

locker wie Bittererde ist, eine dritte Substanz kennen wir in dem

_Cyansäurehydrat_, welche flüchtiger wie starke Essigsäure, auf der Haut

Blasen zieht und mit Wasser nicht zusammengebracht werden kann, ohne

augenblicklich in neue Produkte zerlegt zu werden. Diese drei Stoffe

zeigen nicht allein in der Analyse ein absolut gleiches

Gewichtsverhältniß an Elementen, sondern sie können auch der eine in den

andern vorwärts und rückwärts verwandelt werden und zwar in hermetisch

geschlossenen Gefäßen, ohne daß also an dieser Verwandlung ein Stoff von

Außen Antheil nimmt[E21]. Unter den stickstofffreien Substanzen kennen

wir in dem _Aldehyd_ eine mit Wasser mischbare brennbare Flüssigkeit,

welche in der Wärme der Hand schon siedet, mit großer Begierde

Sauerstoff aus der Luft anzieht und sich in Essigsäure verwandelt.

Dieser Aldehyd läßt sich selbst in zugeschmolzenen Gefäßen nicht

aufbewahren, schon nach Stunden oder Tagen ändert sich seine

Beschaffenheit, seine Flüchtigkeit, seine Fähigkeit Sauerstoff

anzuziehen; es setzen sich lange farblose, harte Nadeln darin ab, welche

bei Siedhitze des Wassers noch nicht flüchtig sind, und die Flüssigkeit,

in welcher es geschieht, ist kein Aldehyd mehr, sie siedet erst bei 60°,

mischt sich nicht mehr mit Wasser und krystallisirt in eisähnlichen

Nadeln bei einem geringen Kältegrade. Nichtsdestoweniger hat die Analyse

dargethan, daß diese drei so verschiedenen Substanzen identisch in ihrer

Zusammensetzung sind[E22].

3. Einer ähnlichen Dreiheit begegnen wir in dem Albumin, Fibrin und

Casein. Bis auf ihre physikalischen Eigenschaften weichen sie in ihrem

Gehalte an organischen Elementen nicht von einander ab.

Wenn man Thieralbumin, -Fibrin und -Casein in einer mäßig starken

Kalilauge lös’t und diese Flüssigkeit eine Zeitlang einer höhern

Temperatur aussetzt, so werden diese Materien zerlegt. Durch Zusatz von

Essigsäure scheidet sich aus diesen Auflösungen ein gelatinöser, halb

durchscheinender Niederschlag ab, welcher einerlei Beschaffenheit und

Zusammensetzung zeigt, von welcher der genannten drei Thiersubstanzen

derselbe auch dargestellt werden mag.

_Mulder_, dem wir die Entdeckung dieses Körpers verdanken, fand durch

genaue und sorgfältig ausgeführte Analysen, daß diese Substanz die

nämlichen organischen Elemente, und zwar in demselben relativen

Verhältnisse enthält, wie die Thierstoffe, aus denen sie erhalten worden

war, in der Art also, daß, wenn man von Albumin, Fibrin und Casein die

Aschenbestandtheile, den Schwefel und Phosphor, den sie enthalten,

abzieht, und den Rest der Bestandtheile auf 100 Theile berechnet, man zu

den nämlichen Zahlenverhältnissen, zu denen die Analyse des durch Kali

erhaltenen Zersetzungsproduktes führt, gelangt[E23].

Von diesem Gesichtspunkte aus lassen sich die Hauptbestandtheile des

Blutes und der stickstoffhaltigen Nahrungsstoffe der Thiermilch als

Verbindungen von phosphorsauren und andern Salzen, von Phosphor und

Schwefel, mit einem aus Stickstoff, Kohlenstoff, Wasserstoff und

Sauerstoff bestehenden Körper betrachten, in welchem das relative

Verhältniß dieser Elemente nicht wechselt, und dieser Körper läßt sich

als Anfangs- und Ausgangspunkt der ganzen Reihe der übrigen Thiergebilde

ansehen, eben weil sie alle aus dem Blute erzeugt werden.

Diese Betrachtungsweise veranlaßte _Mulder_, dem erwähnten

Zersetzungsprodukt den Namen _Protein_ zu geben, von πρωτευω »ich nehme

den ersten Platz ein,« und das Blut, oder die Bestandtheile des Blutes

sind hiernach Verbindungen dieses Protein’s mit wechselnden Mengen von

andern nicht organischen Substanzen.

_Mulder_ fand ferner, daß der in Wasser unlösliche stickstoffhaltige

Bestandtheil des Weizenmehls, das Pflanzenfibrin, durch Behandlung mit

Kali dasselbe Zersetzungsprodukt, nämlich Protein, liefert, und es hat

sich zuletzt ergeben, daß Pflanzenalbumin und Pflanzencasein sich gegen

Kali genau so verhalten, wie Thieralbumin und Thiercasein.

4. Soweit als unsere Forschungen reichen, kann man es demnach als ein

Erfahrungsgesetz betrachten, daß die Pflanzen in ihrem Organismus

Proteinverbindungen erzeugen und daß sich aus diesen Proteinverbindungen

die zahlreichen Gebilde und Bestandtheile des Thierkörpers unter

Mitwirkung des Sauerstoffs der Luft und der Bestandtheile des Wassers

durch die Lebenskraft entwickeln[F5].

[5] Die Erfahrung von _Tiedemann_ und L. _Gmelin_, welche Gänse mit

gekochtem Eiweiß nicht am Leben erhalten konnten, erklärt sich leicht,

wenn man erwägt, daß ein körnerfressendes Thier in der Substanz seiner

umgesetzten Organe, wenn ihm überdies Bewegung mangelt, nicht

Kohlenstoff genug zum Respirationsproceß vorfindet. Zwei Pfunde Eiweiß

enthalten nur 7 Loth Kohlenstoff, von denen in dem letzten Produkt des

Stoffwechsels der vierte Theil und zwar in der Form von Harnsäure

wieder abgeht.

Obwohl es nun nicht bewiesen werden kann, daß das Protein fertig

gebildet in diesen stickstoffhaltigen Pflanzenstoffen und

Thiersubstanzen enthalten ist, indem die Verschiedenheit ihrer

Eigenschaften darauf hinzudeuten scheint, daß ihre Elemente nicht auf

gleiche Weise mit einander vereinigt sind, so gewährt dennoch, als

Ausgangspunkt für die Entwickelung und Vergleichung ihrer Eigenschaften,

die Annahme der Präexistenz des Proteins viele Bequemlichkeit.

Jedenfalls ordnen sich die organischen Elemente der genannten Substanzen

auf einerlei Weise, wenn sie bei einer höhern Temperatur mit kaustischem

Kali in Berührung gebracht werden.

Alle organischen stickstoffhaltigen Bestandtheile des Thierkörpers, so

verschieden sie auch in ihrer Zusammensetzung sich darstellen mögen,

stammen vom Protein ab; sie sind daraus gebildet worden durch Aus- oder

Hinzutreten der Bestandtheile des Wassers oder des Sauerstoffs und durch

Spaltung in zwei oder mehrere neue Verbindungen.

5. Dieser Satz muß als eine unleugbare Wahrheit angenommen werden, wenn

man sich an die Entwickelung des jungen Thieres im Hühnerei erinnert.

Nachweisbar enthält das Hühnerei außer dem Albumin keinen anderen

stickstoffhaltigen Bestandtheil, das Albumin des Dotters ist identisch

mit dem Albumin des Weißen im Ei[E24]; der Dotter enthält ein gelb

gefärbtes Fett, in dem sich Cholsterin und Eisen als Bestandtheile

nachweisen lassen. Wir sehen nun, daß in der Bebrütung des Eies, wo bis

auf den Sauerstoff der Luft kein Nahrungsstoff, keine Materie von Außen

Antheil an dem Entwickelungsproceß nehmen kann, daß sich aus dem

Albumin, Federn, Klauen, Blutkörperchen, Fibrin, Membranen und Zellen,

Arterien und Venen erzeugen; an der Bildung der Gehirn- und

Nervensubstanz mag das Fett des Ei’s einen gewissen Antheil genommen

haben, allein zur Erzeugung der stickstoffhaltigen Träger der

Lebensthätigkeit konnte sein Kohlenstoff nicht verwendet werden, eben

weil das Albumin des Weißen und Dotters im Ei auf den gegebenen

Stickstoffgehalt die zur Hervorbringung der Gebilde nöthige

Kohlenstoffmenge schon enthält.

6. Der eigentliche Ausgangspunkt aller Gebilde im Thierkörper ist

hiernach das Albumin; alle stickstoffhaltigen Nahrungsstoffe,

gleichgültig, ob sie von Thieren und Pflanzen stammen, verwandeln sich,

ehe sie Theil an dem Nutritionsproceß nehmen, in Albumin.

Alle Nahrungsstoffe, welche das Thier genießt, werden in seinem Magen

löslich und überführbar in das Blut. An diesem Löslichwerden nimmt außer

dem Sauerstoff der Luft nur eine Flüssigkeit Antheil, welche von den

Wänden des Magens abgesondert wird.

Die entscheidendsten Versuche der Physiologen haben dargethan, daß der

Verdauungsproceß unabhängig ist von der Lebensthätigkeit, er geht vor

sich in Folge einer rein chemischen Aktion, ganz ähnlich den

Zersetzungs- oder Umsetzungsprocessen, die man mit Fäulniß, Gährung oder

Verwesung bezeichnet.

7. In der einfachsten Form ausgedrückt ist Gährung und Fäulniß der

Vorgang der Umsetzung (neuen Lagerung) der Elementartheile (Atome) einer

Verbindung, zu einer oder zu mehreren neuen Gruppen (Verbindungen),

welche bewirkt wird durch die Berührung mit andern Körpern, deren

Elementartheile sich selbst im Zustand der Umsetzung (Zersetzung)

befinden. Es ist eine Uebertragung und Mittheilung eines Zustandes der

Bewegung, welche die Atome eines sich in Bewegung befindlichen Körpers

in andern Materien hervorzubringen vermögen, deren Elementartheile nur

mit einer geringen Kraft zusammengehalten sind.

8. So enthält denn der klare Magensaft eine im Zustand der Umsetzung

befindliche Materie, durch deren Berührung mit den an und für sich im

Wasser unlöslichen Bestandtheilen der Speise, diese die Fähigkeit sich

zu lösen, in Folge einer neuen Gruppirung ihrer Elementartheile,

empfangen. Während der Verdauung enthält der abgesonderte Magensaft eine

freie Mineralsäure, durch deren Gegenwart eine jede weitere Veränderung

aufgehalten wird.

Daß die Löslichwerdung der Speisen unabhängig von der Lebensthätigkeit

der Verdauungsorgane ist, haben die Physiologen aufs klarste durch eine

Menge der schönsten Versuche dargethan. Speisen, in metallene

durchlöcherte Röhren eingeschlossen, so daß sie mit den Wänden des

Magens nicht in Berührung kommen konnten, verschwinden ebenso leicht und

schnell, sie werden eben so gut verdaut, wie wenn diese Hülle nicht

vorhanden gewesen wäre, und frisch aus dem Körper genommener Magensaft,

in dem man gekochtes Eiweiß, Muskelfleisch bei der Temperatur des

Thierkörpers eine Zeitlang erhält, bewirkt, daß sie ihre feste

Beschaffenheit verlieren; sie lösen sich in der Flüssigkeit auf.

9. Die in dem Magensaft vorhandene, im Zustand der Veränderung

befindliche Materie ist, wie man kaum bezweifeln kann, ein Produkt der

Umsetzung des Magens selbst. Keine mehr wie die Produkte, welche durch

die fortschreitende Zersetzung der Leim- (Chondrin-?) gebenden Gebilde

erzeugt werden, besitzen in so hohem Grade die Fähigkeit, in andern

Stoffen eine Umsetzung ihrer Bestandtheile hervorzurufen. Wenn man die

Membranen des Magens irgend eines Thieres (den Labmagen des Kalbes z.

B.) durch anhaltendes Waschen mit Wasser reinigt, so zeigt er keine Art

von Wirkung, wenn er mit Zucker, Milch und andern Substanzen

zusammengebracht wird; läßt man dieselben Membranen eine Zeitlang an der

Luft liegen, oder trocknet man sie und bringt sie mit Wasser und den

genannten Substanzen in Berührung, so verwandelt sich der Zucker, je

nach dem Zustand der Zersetzung, in der sich die Thiersubstanz befindet,

in Milchsäure oder in Schleim und Mannit oder in Alkohol und

Kohlensäure; die Milch wird davon augenblicklich zum Gerinnen gebracht.

Eine gewöhnliche Thierblase behauptet in trocknem Zustande ihren Zustand

und alle ihre Eigenschaften unverändert, aber bei Gegenwart von

Feuchtigkeit und Luft geht sie einer Veränderung entgegen, ohne daß man

diese durch besondere äußere Zeichen wahrnimmt; wird sie in diesem

Zustande in eine Auflösung von Milchzucker gelegt, so verwandelt sich

dieser in kurzer Zeit in Milchsäure.

10. Frischer Labmagen des Kalbes, mit schwacher Salzsäure in Berührung,

ertheilt dieser Flüssigkeit nicht die geringste Fähigkeit, gekochtes

Fleisch oder Eiweiß aufzulösen; war aber der Labmagen vorher getrocknet

worden, oder läßt man ihn eine Zeitlang im Wasser liegen, so lös’t mit

Salzsäure angesäuertes Wasser eine Materie in höchst geringer Menge

daraus auf, deren Zustand der Zersetzung sich in der Auflösung

vollendet; durch die Uebertragung des Aktes der Zersetzung auf das

coagulirte Eiweiß wird es an den Rändern zuerst durchscheinend, dann

schleimig und lös’t sich zuletzt bis auf trübende fette Gemengtheile

völlig auf. Sauerstoff wird durch das arterielle Blut allen Theilen des

Thierkörpers zugeführt, überall befindet sich Feuchtigkeit, in beiden

finden wir die Hauptbedingungen aller Veränderungen im Thierkörper

vereinigt.

Aehnlich also wie der im Keimungsproceß der Samen in einem Zustande der

Umsetzung seiner Bestandtheile befindliche Körper, dem man den Namen

_Diastase_ gegeben hat, die Löslichwerdung des Amylons (seine

Verwandlung in Zucker) bewirkt, veranlaßt ein Produkt der Metamorphose

der Substanz der Verdauungsorgane, indem sich seine Zersetzung im Magen

vollendet, die Verflüssigung aller der Lösung fähigen Bestandtheile der

Speisen. In gewissen Krankheitszuständen erzeugen sich aus den

stickstofffreien Bestandtheilen der Speisen, aus Amylon und Zucker,

Milchsäure[E25] und Schleim, die nämlichen Produkte, die wir durch

Membranen, welche sich im Zustande der Zersetzung befinden, außerhalb

des Magens hervorbringen können; allein im normalen Zustande der

Gesundheit wird im Magen keine Milchsäure gebildet.

11. Die Eigenschaft vieler Respirationsmittel, des Amylons und der

Zuckerarten, bei Berührung mit Thiersubstanzen, die sich im Zustande der

Zersetzung befinden, in Milchsäure überzugehen, hat einen Grund bei den

Physiologen abgegeben, um ihre Entstehung während der Verdauung ohne

weiteres anzunehmen, und ihre Fähigkeit, den phosphorsauren Kalk

aufzulösen, veranlaßte sie, der Milchsäure die Rolle eines allgemeinen

Auflösungsmittels zuzuschreiben. Allein es gelang weder _Prout_ noch

_Braconnot_, Milchsäure im Magensafte nachzuweisen, und selbst _Lehmann_

(s. sein Lehrbuch der physiologischen Chemie I. Bd. S. 285) erhielt aus

dem Magensaft einer Katze nur mikroskopisch erkennbare Krystalle, die er

für milchsaures Zinkoxyd erklärt, obwohl ihr chemischer Charakter nicht

ausgemittelt werden konnte.

Das Vorhandensein von freier Salzsäure im Magensafte, was _Prout_ zuerst

beobachtete, ist später von allen Chemikern, die sich mit seiner

Untersuchung beschäftigt haben, bestätigt worden. Diese Salzsäure stammt

offenbar von dem Kochsalz her, dessen Natron bei dem Uebergang des

Fibrins und Caseins in Blut eine ganz bestimmte Rolle übernimmt.

In ihrem Vermögen, Knochenerde aufzulösen, wird die Salzsäure von keiner

organischen Säure übertroffen, und Essigsäure steht in dieser

Eigenschaft der Milchsäure gleich. Von einer Nothwendigkeit der

Gegenwart der Milchsäure während des Verdauungsprocesses kann hiernach

keine Rede sein; mit Bestimmtheit weiß man, daß sie in dem künstlichen

Verdauungsproceß nicht erzeugt wird. _Berzelius_ hat zwar milchsaure

Salze im Blut und Fleisch der Thiere gefunden, allein damals war die

außerordentliche Leichtigkeit und Schnelligkeit noch nicht bekannt, mit

welcher diese Säure bei Gegenwart von Thierstoffen aus einer Menge von

Materien zu entstehen vermag, welche die Elemente der Milchsäure

enthalten.

In dem Magensafte eines Hundes fand _Braconnot_, neben Salzsäure,

nachweisbare Spuren eines Eisensalzes, was er anfänglich für einen

zufälligen Bestandtheil ansah, dessen Gegenwart sich aber in dem

Magensafte eines zweiten Hundes, den man mit der nöthigen Vorsicht

gewonnen hatte, bestätigte (~Ann. d. chim. et d. phys. T.~ 59. ~S.~

349). Dieser Eisengehalt ist für die Blutbildung bedeutungsvoll.

12. An der Wirkung des Magensaftes auf die Speisen nimmt, außer Wasser,

kein anderes Element als der Sauerstoff nachweisbaren Antheil. Dieser

Sauerstoff wird aus der atmosphärischen Luft dem Magen zugeführt.

Während des Kauens der Speisen wird im Munde, durch besonders dazu

bestimmte Organe, eine Flüssigkeit abgesondert, welche die

ausgezeichnete Fähigkeit, Luft schaumartig einzuschließen, in weit

höherem Grade noch wie Seifenwasser besitzt. Diese Luft gelangt durch

den Speichel mit den Speisen in den Magen, wo ihr Sauerstoff eine

Verbindung eingeht; der Stickstoff dieser Luft wird durch Haut und Lunge

ausgeathmet. Je länger die Verdauung dauert, je größeren Widerstand die

Speisen der auflösenden Aktion entgegensetzen, desto mehr Speichel, und

mit ihm desto mehr Luft gelangt in den Magen. Das Wiederkäuen bei

gewissen grasfressenden Thieren hat offenbar noch den Zweck einer neuen

und wiederholten Hinzuführung von Sauerstoff, denn eine vollkommnere

mechanische Zertheilung verkürzt nur die Zeit, in welcher die Auflösung

vor sich geht.

Aus der ungleichen Menge von Luft, welche bei verschiedenen Thierklassen

bei dem Kauen der Speisen mit dem Speichel in den Magen gelangt,

erklären sich die wohlbegründeten Beobachtungen der Physiologen, welche

die Thatsache außer Zweifel gestellt haben, daß die Thiere durch Haut

und Lunge reines Stickgas ausathmen, eine Erfahrung, die um so wichtiger

ist, da sie in sich selbst den entscheidendsten Beweis trägt, daß der

Stickstoff der Luft in der thierischen Oekonomie keine Verwendung

findet.

Das Austreten von Stickgas aus Haut und Lunge erklärt sich durch das

Vermögen der Thiergewebe Gase aller Art durchzulassen, was sich durch

die einfachsten Versuche darthun läßt. Eine Blase, die man, mit

kohlensaurem Gas, Stickgas oder Wasserstoffgas gefüllt, wohlverschlossen

in die Luft hängt, verliert in 24 Stunden ihren ganzen Gehalt an diesen

Gasen; durch eine Art von Austausch sind sie nach Außen hin in die

Atmosphäre entwichen, ihren Platz finden wir von atmosphärischer Luft

eingenommen. Ein Darm, ein Magen oder eine Haut, die wir mit diesen

Gasen füllen, verhält sich ganz ähnlich wie die Blase; dieses

Durchlassen der Gase ist eine physikalische Eigenschaft, die allen

thierischen Geweben angehört; wir beobachten sie in dem lebenden Körper

in gleichem Grade wie an den todten Substanzen.

Man weiß, daß bei Lungenverletzungen nicht selten ein eigenthümlicher

Zustand entsteht, wo beim Athmen die atmosphärische Luft von den

Luftwegen aus in das angränzende Zellgewebe eindringt. Diese Luft wird

durch die Respirationsbewegungen von der Wundstelle aus in dem

Zellgewebe immer weiter fortgetrieben und bildet so den unter dem Namen

Emphysem bekannten Krankheitszustand. Sobald das fernere Eindringen der

atmosphärischen Luft in das Zellgewebe frühzeitig genug verhindert wird,

verliert sich dieser Zustand allmälig von selbst wieder, der Sauerstoff

dieser Luft ist, wie man nicht zweifeln kann, in Verbindung getreten,

das Stickstoffgas ist durch Haut und Lunge ausgeathmet worden.

Es ist ferner bekannt, daß bei vielen grasfressenden Thieren, wenn sie

sich im Genuße frischer saftiger Pflanzen die Verdauungswerkzeuge

überladen haben, diese Stoffe in dem Magen selbst der nämlichen

Zersetzung unterliegen, die sie außerhalb des Körpers in gleicher

Temperatur erfahren; sie gehen in Gährung und Fäulniß über, wobei sich

eine so große Menge kohlensaures und entzündliches Gas entwickelt, daß

diese Organe auf eine ungewöhnliche Weise (zuweilen bis zum Zersprengen)

aufgetrieben werden. Nach der Einrichtung ihres Magens oder ihrer Mägen,

können diese Gase durch den Schlund nicht entweichen, man sieht aber

nach einigen Stunden schon den aufgetriebenen Leib kleiner werden, und

nach 24 Stunden ist von allem Gase keine Spur mehr vorhanden[E26].

Erinnert man sich zuletzt an die tödtlichen Zufälle, die in Weinländern

so häufig durch den Genuß von sogenanntem federweißen Wein veranlaßt

werden, so kann man nicht den geringsten Zweifel hegen, daß Gase jeder

Art, im Wasser lösliche oder unlösliche, das Vermögen besitzen, die

thierischen Gewebe zu durchdringen, ähnlich wie Wasser von ungeleimtem

Papier durchgelassen wird. Der federweiße Wein ist in Gährung

begriffener Wein, welche durch die Temperatur des Magens gesteigert

wird; das entwickelte kohlensaure Gas dringt durch die Wände des Magens,

des Zwerchfelles, durch alle Häute in die Lungenzellen, und verdrängt

aus diesen die atmosphärische Luft. Der Mensch stirbt mit allen Zeichen

der Erstickung in einem irrespirablen Gase, und der sicherste Beweis für

ihr Vorhandensein in der Lunge ist unstreitig der Umstand, daß das

Einathmen von Ammoniakgas als das beste Gegenmittel gegen diesen

Krankheitszustand anerkannt ist.

Die Kohlensäure der moussirenden Weine, welche in den Magen gelangt, die

Kohlensäure, die man im Wasser, was damit gesättigt ist, in der Form

eines Klystiers zu sich nimmt, sie treten durch Haut und Lunge wieder

aus, und in gleichem Grade muß dies von dem Stickgas gelten, was durch

den Speichel in den Magen gelangt.

Gewiß mag ein Theil dieser Gase durch das Saug- und Lymphgefäßsystem in

das venöse Blut und von da in die Lunge gelangen, wo sie abdunsten,

allein ihrem directen Eindringen in die Brusthöhle und Lunge steht in

den Membranen selbst, nicht das geringste Hinderniß im Wege. Es ist in

der That schwer zu glauben, daß die Saug- und Lymphgefäße ein besonderes

Bestreben haben, Luft, Stickgas, Wasserstoffgas &c. aufzusaugen und dem

Blute zuzuführen, da die Eingeweide, der Magen, alle Räume, die nicht

mit festen oder flüssigen Stoffen ausgefüllt sind, Gase enthalten, die

nur bei einer gewissen Volumsvergrößerung ihren Platz verlassen, die

also nicht aufgesaugt werden. Von dem Stickgas im besondern, mit dem

sich das Blut bei seinem Durchgange durch die Lunge, wie eine jede

andere Flüssigkeit sättigt, d. h. von dem es so viel aufnimmt, als

seinem Auflösungsvermögen entspricht, muß angenommen werden, daß es

nicht durch den Kreislauf des Blutes, sondern auf einem directeren Wege

wieder aus dem Magen tritt. Durch die Athembewegungen werden alle Gase,

welche die leeren Räume ausfüllen, nach der Brusthöhle hingetrieben,

indem durch die Bewegung des Zwergfelles und die Erweiterung der

Brusthöhle ein luftverdünnter Raum entsteht, in dessen Folge, durch den

atmosphärischen Luftdruck, Luft von allen Seiten her in die Lungen

eingetrieben wird; es findet freilich das Maximum der Ausgleichung durch

die Luftröhre statt, aber auch von Innen her müssen alle Gase eine

Bewegung nach der Brusthöhle und Lunge hin empfangen. Bei den Vögeln und

Schildkröten ist dieses Verhältniß umgekehrt. Wenn wir annehmen, daß ein

Mensch in einer Minute nur ¹/₈ Kubikzoll Luft mit dem Speichel seinem

Magen zuführt, so macht dies in 18 Stunden 135 Kubikzoll aus, wenn wir

den fünften Theil davon als Sauerstoff abrechnen, so bleiben immer noch

108 Kubikzoll Stickgas, welche den Raum von drei Pfund (hessische)

Wasser einnehmen. So wenig oder so viel die verschluckte Stickstoffmenge

nun auch betragen mag, gewiß ist, daß dieses Gas durch den Mund, Nase

oder Haut wieder austritt, und wenn wir die große Menge Stickgas in

Betrachtung ziehen, welche von _Magendie_ in den Eingeweiden

Hingerichteter nachgewiesen worden ist, so wie die Abwesenheit von allem

Sauerstoffgas in den nämlichen Organen[E27], so muß angenommen werden,

daß auch in Folge der Resorbtion durch die Haut Luft, d. h. Stickgas,

eintritt, welches durch die Lunge wieder ausgeathmet wird.

Bei dem Athmen der Thiere in Gasen, die keinen Stickstoff enthalten,

wird mehr Stickgas ausgeathmet, eben weil sich in diesem Falle das

Stickgas im Körper gegen den Raum außerhalb verhält, wie wenn dieser

Raum luftleer wäre. (S. _Graham_ über die Diffusion der Gase.)

Die Unterschiede in der Menge des ausgeathmeten Stickgases von

verschiedenen Thierklassen erklären sich hiernach leicht; die Herbivoren

verschlucken mit dem Speichel mehr Luft wie die Carnivoren; sie athmen

mehr Stickgas aus, beim Fasten weniger wie nach frisch genossener

Nahrung.

13. Aehnlich wie die aus dem Leibe genommene Muskelfaser den Zustand der

Zersetzung und Umsetzung, in welchem sich ihre Bestandtheile befinden,

dem Wasserstoffhyperoxyde überträgt, wirkt ein durch den organischen

Proceß, in Folge der Umsetzung der Bestandtheile des Magens und der

Verdauungsorgane, entstehendes Product, indem sich seine Metamorphose im

Magen vollendet, auf die Bestandtheile der genossenen Speisen. Die

unlöslichen erhalten die Fähigkeit sich zu lösen, sie werden verdaut.

Es ist gewiß bemerkenswerth, daß gekochtes Eiweiß oder Fibrin, wenn sie

durch gewisse Flüssigkeiten, durch organische Säuren oder schwache

alkalische Laugen, löslich gemacht werden, daß alle ihre übrigen

Eigenschaften bis auf die Form (den Cohäsionszustand) nicht die

geringste Aenderung erfahren, ihre Elementartheile ordnen sich sicher

auf eine andere Art, allein sie theilen sich nicht in zwei oder mehre

Gruppen, in zwei oder mehre neue Verbindungen, sondern sie bleiben

zusammen vereinigt.

Ganz dasselbe findet in dem Verdauungsprocesse statt; im

gesunden Zustande erleiden die Speisen nur eine Aufhebung ihres

Cohäsionszustandes.

Das größte Hinderniß, was sich der klaren Auffassung des

Verdauungsprocesses, der in dem Vorhergehenden zu den chemischen

Metamorphosen gerechnet worden ist, die man Gährung und Fäulniß nennt,

entgegenstellt, beruht auf der unwillkührlichen Erinnerung und in der

Festhaltung der Erscheinungen, welche die Gährung des Zuckers und der

Thiersubstanzen (Fäulniß) begleiten, allein es giebt zahllose Fälle, wo

eine Umsetzung der Bestandtheile einer Verbindung vor sich geht, ohne

die geringste Gasentwickelung, und es sind hauptsächlich diese, welche

man ins Auge zu fassen hat, wenn man den chemischen Begriff der

Verdauung frei von Irrthum in sich aufnehmen will.

Alle Materien, welche die Erscheinungen der Gährung und Fäulniß in

Flüssigkeiten aufzuheben vermögen, stören, in den verdauenden Magen

gebracht, die Verdauung. Die Wirkung der brenzlichen, empyreumatischen

Stoffe von Caffee, Tabacksdampf, Kreosot, Quecksilbermittel u. s. w.

verdienen in dieser Beziehung für Dietätik eine besondere Beachtung.

Durch die Gleichheit in der Zusammensetzung der Bestandtheile des Bluts

mit den stickstoffhaltigen, vegetabilischen Nahrungsstoffen haben wir,

gewiß auf eine sehr unerwartete Weise, erfahren, warum faulendes Blut,

Eiweiß, Fleisch, Käse in Zuckerwasser die nämliche Veränderung

hervorbringen, wie Hefe, warum Zucker damit in Berührung je nach dem

Zustande der Zersetzung, in welchem sich die faulenden Materien

befinden, bald in Alkohol und Kohlensäure, bald in Milchsäure und

Schleim sich zerlegt. Die Ursache liegt einfach darin, daß die Materie,

welche man Hefe (Ferment) genannt hat, im Zustande der Zersetzung

begriffenes Pflanzenalbumin, -Fibrin oder -Casein ist, Substanzen,

welche identisch sind mit den Bestandtheilen des Fleisches oder des

Blutes. Die Fäulniß der genannten Thiersubstanzen ist in ihrem Vorgang

identisch mit dem Proceß der Metamorphose der ihnen identischen

Pflanzenstoffe, es ist ein Zerfallen in minder complexe neue

Verbindungen. Und wenn man die Umsetzung der Bestandtheile des

Thierkörpers (den Verbrauch an Stoff vom Thiere) als einen chemischen

Proceß betrachtet, welcher unter dem Einflusse der Lebensthätigkeit vor

sich geht, so ist die Fäulniß derselben außerhalb des Thierkörpers ein

Zerfallen in einfachere Verbindungen, an welchen die Lebenskraft keinen

Antheil nimmt. Die Action ist in beiden Fällen die nämliche, nur die

Producte sind verschieden. Die practische Medicin hat über die Wirkung

empyreumatischer Stoffe (Holzessig und anderer) auf bösartige Wunden und

Geschwüre die schönsten und interessantesten Beobachtungen gemacht. In

diesen Krankheitserscheinungen gehen zwei Actionen neben einander vor

sich, eine Metamorphose, welche unter dem Einfluß der Lebensthätigkeit

sich zu vollenden strebt, und eine zweite, welche unabhängig von ihr

ist. Die letztere ist ein chemischer Proceß, welcher durch

empyreumatische Substanzen gänzlich unterdrückt und aufgehoben wird; es

ist der reine Gegensatz von der schädlichen Einwirkung, welche faulendes

Blut, auf frische Wunden gelegt, in dem Organismus hervorbringt.

~II.~

14. Den nächsten Ausdruck für die Zusammensetzung des Proteins oder die

relativen Verhältnisse der organischen Bestandtheile des Bluts, so wie

sie durch die Analyse festgestellt worden sind, giebt die Formel

~C₄₈H₇₂N₁₂O₁₄~[F6]. Albumin, Fibrin, Casein enthalten Protein; das

Casein enthält Schwefel, keinen Phosphor; Albumin und Fibrin enthalten

beide Substanzen in chemischer Verbindung, das erstere mehr Schwefel als

wie das Fibrin. In welcher Form der Phosphor in diesen Materien

vorhanden ist, kann direct nicht entschieden werden, aber man hat

bestimmte Beweise dafür, daß der Schwefel nicht im oxydirten Zustande

darin enthalten sein kann. Alle diese Materien geben nämlich mit einer

mäßig starken Kalilauge erhitzt den Schwefel ab, den man in der

Flüssigkeit als Schwefelkalium wiederfindet; mit einer Säure versetzt

entwickelt er sich daraus als Schwefelwasserstoff. Lös’t man reines

Fibrin oder gewöhnliches Eiweiß in schwacher Kalilauge auf, setzt

essigsaures Bleioxyd mit der Vorsicht hinzu, daß alles Bleioxyd in der

alkalischen Lauge gelös’t bleibt, und erhitzt nun zum Sieden, so wird

die Flüssigkeit schwarz wie Dinte und es schlägt sich Schwefelblei als

feines Pulver nieder.

[6] Ueber die Verwandlung dieser und der folgenden Formeln in Procente

siehe Anhang.

Es ist außerordentlich wahrscheinlich, daß durch die Einwirkung des

Alkali’s der Schwefel als Schwefelwasserstoff, der Phosphor als

Phosphorsäure hinweggenommen wird. Da nun in diesem Falle Schwefel und

Phosphor auf der einen Seite, Wasserstoff und Sauerstoff auf der andern

austreten, so sollte man denken, daß Fibrin und Albumin mit ihrem

Schwefel und Phosphor mehr Wasserstoff und Sauerstoff in der Analyse

geben müßten, als das Protein. Allein dies läßt sich thatsächlich durch

die Analyse nicht darthun. Man hat z. B. in dem Fibrin 0,36 ~pCt.~

Schwefel gefunden. Angenommen nun, der Schwefel trete mit Wasserstoff

aus, so würde das Protein 0,0225 ~pCt.~ Wasserstoff weniger enthalten,

wie das Fibrin, anstatt den mittleren Gehalt von 7,062 ~pCt.~

Wasserstoff würde man im Protein also 7,04 ~pCt.~ bekommen müssen. In

einer ähnlichen Weise würde durch das Austreten vom Sauerstoff mit dem

Phosphor der Sauerstoffgehalt des Fibrins von 22,715 ~pCt.~ oder 22,00

auf 22,5 oder 21,8 ~pCt.~ in dem Protein zurückgeführt werden. Die

Fehlergrenzen unserer Analysen sind aber im Durchschnitt größer als ein

Zehntel Procent in der Wasserstoffbestimmung, und über ⁴/₁₀ ~pCt.~ in

der Sauerstoffbestimmung; in den angegebenen Fällen würde der

Unterschied in dem Wasserstoffgehalte nur ¹/₄₈ ~pCt.~ betragen.

Wenn man zuletzt bedenkt, daß das Austreten von Sauerstoff und

Wasserstoff mit dem Phosphor und Schwefel ein Hinzutreten der

Bestandtheile des Wassers nicht ausschließt, wenn wir annehmen, daß mit

den organischen Bestandtheilen des Albumins und Fibrins eine gewisse

Menge Wasser in Verbindung tritt, um Protein zu bilden, so hört alle

Wahrscheinlichkeit völlig auf, durch die chemische Analyse darüber zu

einer bestimmten Ansicht zu gelangen.

Man hat von der Bildung des Schwefelkaliums rückwärts Schlüsse auf das

Vorhandensein von nicht oxydirtem Phosphor in dem Fibrin und Albumin

gezogen, indem man annahm, daß der Sauerstoff des Kalis dazu gedient

habe, um mit dem Phosphor Phosphorsäure zu bilden; allein das Casein, in

welchem kein Phosphor zugegen ist, verhält sich gegen Kali ganz den

anderen gleich; es entsteht nämlich Schwefelkalium, dessen Bildung ohne

ein Austreten von Schwefelwasserstoff nicht erklärbar ist. Beim bloßen

Kochen von Fleisch, bei der Bereitung von Fleischbrühe, entwickelt sich,

wie _Chevreul_ gefunden hat, Schwefelwasserstoff.

Zuletzt sind die Schwefelmengen im Fibrin und Albumin auf dieselbe

Phosphormenge nicht gleich, woraus man keinen andern Schluß ziehen kann,

als daß die Bildung des Schwefelkaliums zu diesem Phosphorgehalt in

keiner Beziehung steht; es bildet sich Schwefelkalium aus Casein, in

welchem man keinen freien (als Säure ungebundenen?) Phosphor voraussetzt

und ebenso aus Albumin, was nur halb so viel Phosphor enthält wie das

Fibrin.

Eine jede Bemühung, die wahre Anzahl der Atome des Fibrins und Albumins

in einer rationellen Formel festzusetzen, in welcher Schwefel und

Phosphor zu ganzen Atomzahlen aufgenommen sind, wird immer unfruchtbar

bleiben, weil uns schlechterdings alle Mittel fehlen, um mit absoluter

Genauigkeit die so äußerst geringen Mengen von Schwefel und Phosphor in

den Thiersubstanzen bestimmen zu können, und eine Abweichung, welche

kleiner ist als die gewöhnlichen Grenzen der Beobachtungsfehler, um 10

und mehr Atome, die Anzahl der Atome des Kohlenstoffs, Wasserstoffs und

Sauerstoffs in der Formel ändert.

Man muß sich in dieser Hinsicht über das, was die chemische Analyse zu

leisten vermögend ist, keiner Täuschung hingeben, mit Gewißheit wissen

wir, daß die Zahlenverhältnisse der Analysen vom Fibrin und Albumin

nicht von einander abweichen, und wir erschließen hieraus die gleiche

Zusammensetzung. Dieser Schluß verliert von seiner Wahrheit nichts,

obwohl wir die Anzahl der Atome ihrer Elemente nicht kennen, welche zu

dem zusammengesetzten Atome sich vereinigt haben.

15. Eine Formel für Protein ist für uns nichts weiter wie der genaueste

und nächste Ausdruck der Analyse, einer Erfahrung, über die wir alle

Zweifel als beseitigt betrachten. Dies allein hat vorläufig Werth für

uns.

Wenn wir uns nun denken, daß aus dem Albumin und Fibrin im Blute alle

andern Gebilde entsprungen sind, so ist vollkommen sicher, daß dies nur

auf zwei Weisen geschehen kann. Es sind nämlich entweder gewisse

Elemente hinzu-, oder es sind von ihren Bestandtheilen gewisse Mengen

ausgetreten.

Suchen wir nun z. B. für die Zellen und leimgebenden Gebilde, Sehnen,

Haare, Horn und die übrigen, einen analytischen Ausdruck auf, in welchem

die Anzahl der Atome des Kohlenstoffs als eine unveränderliche Größe

festgesetzt wird, so giebt sich auf den ersten Blick zu erkennen, in

welcher Art und Weise sich das Verhältniß der andern Elemente geändert

hat; dies umfaßt aber alles, was die Physiologie bedarf, um Einsicht in

das Wesen des Bildungs- und Ernährungsprocesses im Thierkörper zu

erlangen.

16. Aus den Untersuchungen von _Mulder_ und _Scherer_[E28] ergeben sich

folgende empirische Formeln:

Bestandtheile der organischen Gebilde.

Albumin ~C₄₈N₁₂H₇₂O₁₄~ + ~P~ + ~S~[F7]

Fibrin ~C₄₈N₁₂H₇₂O₁₄~ + ~P~ + 2 ~S~

Casein ~C₄₈N₁₂H₇₂O₁₄~ + ~S~

Leimgebilde, Sehnen ~C₄₈N₁₅H₈₂O₁₈~

Chondrin &c. ~C₄₈N₁₂H₈₀O₂₀~

Arterienhaut ~C₄₈N₁₂H₇₆O₁₆~

Haare, Horn ~C₄₈N₁₄H₇₈O₁₅~.

[7] Die hier als ~P~ und ~S~ angeführten Phosphor- und Schwefelmengen

drücken nicht Atomgewichte aus, sondern bezeichnen nur die relativen

durch die Analyse gefundenen Verhältnisse.

Die Vergleichung dieser Formeln zeigt, daß bei dem Uebergang des

Proteins in Chondrin (Substanz der Rippenknorpeln) die Bestandtheile von

Wasser und Sauerstoff, bei der Bildung der serösen Membranen, Zellen und

Sehnen außer diesen Elementen noch Stickstoff hinzugetreten ist.

Bezeichnen wir die Formel des Proteins ~C₄₈N₁₂H₇₂O₁₄~ mit ~Pr~, so sind

Stickstoff, Wasserstoff und Sauerstoff, in der Form von bekannten

Verbindungen geordnet, bei der Bildung der Leimsubstanzen, Haare, Horn,

Arterienhaut hinzugetreten.

Protein. Ammoniak. Wasser. Sauerstoff.

Fibrin } ~Pr~

Albumin }

Arterienhaut ~Pr~ + 2 ~H₂O~

Chondrin ~Pr~ + 4 ~H₂O~ + 2 ~O~

Haare, Horn ~Pr~ + ~N₂H₆~ + 3 ~O~

Membranen, Zellen 2 ~Pr~ + 3 ~N₂H₆~ + ~H₂O~ + 7 ~O~.

17. Aus dieser Uebersicht geht hervor, daß alle Gebilde des Thierkörpers

auf eine gleiche Anzahl von Kohlenstoffatomen mehr Sauerstoff enthalten

als die Bestandtheile des Bluts; bei ihrer Entstehung ist ohne Zweifel

Sauerstoff aus der Atmosphäre oder durch die Elemente des Wassers zu den

Bestandtheilen des Proteins hinzugetreten; wir finden in den Haaren und

Membranen mehr Stickstoff und Wasserstoff, und zwar beide im Verhältniß

wie im Ammoniak.

Die Chemiker sind bekanntlich heute noch nicht einig über die Art und

Weise, wie die Bestandtheile des schwefelsauren Kali’s geordnet sind, es

wäre deshalb dem Chemismus zu viel eingeräumt, wenn man die Arterienhaut

für ein Hydrat, das Chondrin für das Oxyd des Proteinhydrats, wenn wir

Haare und Membranen für Oxyde des Proteins in Verbindung mit Ammoniak

ansehen wollten.

Diese Formeln drücken mit Bestimmtheit die Verschiedenheit in der

Zusammensetzung der Hauptbestandtheile der Thiere aus, sie zeigen, daß

auf einen gleichen Kohlenstoffgehalt das relative Verhältniß ihrer

Elemente abweicht, wieviel der eine Stoff mehr Sauerstoff oder

Stickstoff enthält wie der andere.

18. Es kann daraus gefolgert werden, wie sie aus den Bestandtheilen des

Bluts entstehen; aber die Erklärung ihrer Entstehung nimmt zwei Formen

an, von denen zu entscheiden ist, welche der Wahrheit am nächsten

kommt.

Auf einen gleichen Kohlenstoffgehalt enthalten die Membranen und die

leimgebenden Gebilde mehr Stickstoff, Sauerstoff und Wasserstoff wie das

Protein; es ist denkbar, daß sie aus Albumin entstanden sind durch

Hinzutreten von Sauerstoff, der Bestandtheile des Wassers und des

Ammoniaks und durch Austreten von Phosphor und Schwefel; jedenfalls ist

ihre Zusammensetzung von der der Hauptbestandtheile des Bluts durchaus

verschieden.

Das Verhalten der Leimgebilde gegen ätzende Alkalien zeigt mit

Bestimmtheit, daß sie kein Protein mehr enthalten, auf keine Weise kann

Protein daraus erhalten werden, alle durch die Einwirkung des Alkali’s

erzeugten Producte weichen von den Producten, welche die

Protein-Verbindungen unter den nämlichen Bedingungen liefern, durchaus

ab; mag fertig gebildetes Protein in dem Fibrin, Casein und Albumin

enthalten sein oder nicht, gewiß ist, daß sich ihre Elemente durch die

Einwirkung des Alkali’s zu Protein ordnen; diese Fähigkeit geht den

Elementen der Leimsubstanz ab.

Zur zweiten Form der Bildung der Leimsubstanz und zwar zur

wahrscheinlicheren gelangt man, wenn seine Bildung abhängig gedacht wird

von einem Austreten von Kohlenstoff.

Angenommen, der Stickstoffgehalt des Proteins bleibe in der

Leimsubstanz, so würde die Zusammensetzung der letztern (auf 12 At.

Stickstoff berechnet) durch die Formel ~C₃₈N₁₂H₆₄O₁₄~ ausgedrückt werden

müssen. Diese Formel stimmt am nächsten mit der Analyse von _Scherer_,

wiewohl sie kein genauer Ausdruck dafür ist. Eine den Analysen

entsprechendere Formel ist ~C₃₂H₅₄N₁₀O₁₂~ oder, nach _Mulder’s_ Analyse

berechnet, die Formel ~C₅₄H₈₄N₁₈O₂₀~[F8].

[8] Die Formel, welche _Mulder_ angenommen hat, ~C₅₂H₈₀N₁₆O₂₀~ giebt

in der berechneten procentischen Zusammensetzung zu wenig Stickstoff.

Nach der ersten Formel wäre Kohlenstoff und Wasserstoff, nach den beiden

andern wäre ein gewisses Verhältniß aller Elemente ausgetreten.

19. Als das für uns wichtigste Resultat in der Betrachtung der

Zusammensetzung der Leimsubstanz muß als eine unleugbare Wahrheit

angenommen werden, daß sie, obwohl aus Protein-Verbindungen entstanden,

aus der Reihe der Protein-Verbindungen herausgetreten ist. Ihr

chemisches Verhalten und ihre Zusammensetzung rechtfertigt diesen

Schluß.

Keine Beobachtung steht dem Erfahrungsgesetz entgegen, wonach die Natur

ausschließlich nur Protein-Verbindungen zur Blutbildung bestimmt. In den

Vegetabilien existirt kein der Leimsubstanz ähnlicher Körper, sie ist

keine Protein-Verbindung, sie enthält keinen Phosphor, keinen Schwefel,

sie enthält mehr Stickstoff oder weniger Kohlenstoff wie das Protein.

Durch die Lebensthätigkeit der zur Blutbildung bestimmten Organe

nehmen die Protein-Verbindungen eine neue Form an, aber in ihrer

Zusammensetzung erleiden sie keine Veränderung; diese Organe

besitzen, soweit unsere Erfahrungen reichen, das Vermögen nicht,

Protein-Verbindungen kraft einer einwirkenden Thätigkeit zu erzeugen

aus Stoffen, die kein Protein enthalten. Thiere mit Leimsubstanz, mit

dem stickstoffreichsten Bestandtheil der Nahrung der Carnivoren

ausschließlich ernährt, starben den Hungerstod; die Leimsubstanzen sind

unfähig zu Blut zu werden.

Aber es unterliegt keinem Zweifel, sie wird aus den Bestandtheilen des

Bluts erzeugt und kaum läßt sich die Vorstellung zurückweisen, daß das

Fibrin des venösen Bluts, indem es zu arteriösem Fibrin wird, sich auf

der ersten Stufe der Umbildung zur Leimsubstanz befindet. Mit einiger

Wahrscheinlichkeit kann man kaum den Membranen und Sehnen die Fähigkeit

zuschreiben, sich selbst aus Stoffen zu bilden, die ihnen durch das Blut

zugeführt werden; wie könnte in der That ein Stoff zur Zelle werden,

kraft einer einwirkenden Thätigkeit, welche noch keinen Träger hat; eine

schon bestehende Zelle mag die Fähigkeit besitzen, sich zu erhalten oder

zu vervielfältigen, allein zu beidem gehören Stoffe, welche identisch in

ihrer Zusammensetzung mit der Substanz der Zellen sind. Diese Stoffe

werden in dem Organismus erzeugt, und keiner kann sich mehr zu ihrer

Bildung eignen als die Zellen und Membranen selbst, die in dem Magen des

Thiers in dem Proceß der Verdauung löslich geworden sind, oder welche

der Mensch im löslichen Zustande genießt.

20. Ich gebe in dem Folgenden einen Versuch zur analytischen Entwicklung

der in dem thierischen Körper vorgehenden Haupt-Metamorphosen, und zwar,

um allen und jeden Mißverständnissen vorzubeugen, mit der ausdrücklichen

Verwahrung gegen alle Schlüsse und Folgerungen, die man jetzt oder zu

irgend einer Zeit gegen die Ansichten daraus ziehen könnte, welche ich

in dem Vorhergehenden, mit dem sie in keinerlei Verbindung stehen,

entwickelt habe. Die Resultate, zu denen ich gelangt bin, befremden mich

nicht minder und flößten mir die nämlichen Zweifel ein, die sie in

Andern erwecken werden, allein sie sind keine Schöpfungen der Phantasie,

und ich gebe sie, weil ich die Ueberzeugung hege, daß der Weg, der zu

ihrer Ermittelung geführt hat, der einzige ist, auf welchem wir hoffen

können, Einsicht in die organischen Processe zu erlangen.

Alle die zahllosen qualitativen Untersuchungen thierischer Substanzen

sind absolut werthlos für die Physiologie sowohl, wie für die Chemie, so

lange ihnen nicht ein ganz bestimmter Zweck, eine deutlich ausgedrückte

Frage unterlegt wird.

Wenn wir in einem Satze, den wir entziffern wollen, die Buchstaben

auseinander nehmen und in eine Reihe stellen, so sind wir dem Sinne um

keinen Schritt näher gekommen. Um ein Räthsel zu lösen, müssen wir

völlig klar über die Aufgabe sein. Es giebt freilich viele Wege, um die

höchste Kuppe eines Berges zu erklimmen, allein nur diejenigen haben

Hoffnung, dem Ziele sich zu nähern, welche die Spitze im Auge behalten.

Mit aller Arbeit und Anstrengung in einem Sumpfe erreicht man nichts

weiter, als daß man sich immer mehr mit Schlamm und Koth beladet, das

Höhersteigen wird durch selbstgeschaffene Schwierigkeiten immer

mühevoller und auch die größte Kraft muß zuletzt unter diesem Unrath

erliegen.

21. Wenn es wahr ist, daß aus dem Blute oder den Bestandtheilen des

Bluts alle Theile des Thierkörpers entwickelt und gebildet werden, daß

die vorhandenen Organe in jedem Zeitmomente des Lebens sich durch den

Einfluß des zugeführten Sauerstoffs in neue Verbindungen umsetzen, so

müssen die Secrete des Thierkörpers nothwendig die Producte der

umgesetzten Gebilde enthalten.

22. Wenn der Schluß ferner wahr ist, daß der Harn die stickstoffhaltigen

und die Galle die kohlenstoffreichen Producte aller Gebilde enthält, die

in dem Lebensproceß sich in anorganische Verbindungen umgesetzt haben,

so ist klar, daß die Bestandtheile der Galle und des Harns

zusammengenommen gleich sein müssen, in ihrem relativen Verhältnisse,

der Zusammensetzung des Bluts.

23. Aus dem Blute sind die Organe entstanden, die Organe enthalten die

Bestandtheile des Bluts; sie haben sich in neue Verbindungen umgesetzt,

zu diesen neuen Verbindungen ist außer Sauerstoff und Wasser kein

anderer Körper hinzugekommen, das relative Verhältniß ihres Kohlenstoffs

und Stickstoffs muß gleich sein dem relativen Verhältniß des

Kohlenstoffs und Stickstoffs im Blute.

Wenn wir also von der Zusammensetzung des Bluts die Bestandtheile des

Harns abziehen, so müssen wir, den hinzugekommenen Sauerstoff und das

Wasser abgerechnet, die Zusammensetzung der Galle bekommen.

Oder wenn wir von den Bestandtheilen des Bluts abziehen die

Bestandtheile der Galle, so müssen wir harnsaures Ammoniak oder

Harnstoff und Kohlensäure übrig behalten.

Man wird es vielleicht bemerkenswerth finden, daß diese

Betrachtungsweise auf die wahre Formel der Galle, oder richtiger, auf

den empirischen Ausdruck für ihre Zusammensetzung geführt hat, auf den

Schlüssel zur Erklärung ihrer Metamorphosen durch Säuren und Alkalien,

den man bis jetzt ohne Erfolg zu suchen bemüht war.

24. Wenn man frisches Blut über eine 60° heiße Silberplatte fließen

läßt, so trocknet es zu einem rothen firnißartigen Ueberzug ein, der

sich leicht pulverisiren läßt; anfänglich in gelinder Wärme, zuletzt bei

100°, trocknet frisches fettfreies Muskelfleisch zu einer braunen

pulverisirbaren Masse ein.

Die Analysen von _Playfair_ und _Boeckmann_[E29] führen als den nächsten

Ausdruck der erhaltenen Gewichtsverhältnisse ihrer Elemente für das

Muskelfleisch (Fibrin, Albumin, Zellen und Nerven) und für das Blut zu

einer und derselben empirischen Formel, sie ist:

~C₄₈N₁₂H₇₈O₁₅~ (empirische Formel des Bluts).

25. Der Hauptbestandtheil der Galle ist nach den Untersuchungen von

_Demarçay_ eine den Seifen ähnliche Verbindung von Natron mit einer

eigenthümlichen Materie, welche den Namen _Choleinsäure_ erhalten hat;

sie wird in Verbindung mit Bleioxyd gefällt, wenn man eine durch Alkohol

von allen darin unlöslichen Stoffen befreite Galle, mit essigsaurem

Bleioxyd vermischt.

Diese Choleinsäure wird durch Salzsäure zerlegt in _Taurin_, _Salmiak_

und in eine neue stickstofffreie Säure, in _Choloidinsäure_.

Durch Kochen mit ätzendem Kali zerfällt sie in Kohlensäure, Ammoniak und

in _Cholinsäure_ (verschieden von _Gmelin’s_ Cholsäure).

Es ist nun klar, daß die wahre Formel der Choleinsäure den analytischen

Ausdruck für diese Zersetzungsweisen in sich schließen, daß sie erlauben

muß, die Zusammensetzung der entstandenen Producte in eine ganz

bestimmte und einfache Beziehung zu der Zusammensetzung der Choleinsäure

zu bringen. Dieser Ausdruck verliert an seiner Wahrheit nichts, wenn

sich auch ergeben sollte, daß die Choleinsäure und Choloidinsäure, wie

aus den Untersuchungen von _Berzelius_ hervorzugehen scheint, Gemenge

von mehreren verschiedenartigen Verbindungen sind, die relative Anzahl

der Atome kann hierdurch in keiner Weise geändert werden.

26. Zur Entwickelung der Metamorphosen, welche die Choleinsäure durch

Säuren und Alkalien erleidet, kann als empirischer Ausdruck ihrer

Zusammensetzung nur die folgende Formel angenommen werden:

Formel der Choleinsäure: ~C₇₅H₁₃₂N₄O₂₂~[E30].

Ich wiederhole es, diese Formel kann der Ausdruck sein für die

Zusammensetzung von zwei oder mehreren Verbindungen, gleichgültig, wie

viel es auch sein mögen, sie enthält die relative Anzahl aller ihrer

Elemente zusammengenommen.

Nehmen wir von den Elementen der Choleinsäure die durch Einwirkung der

Salzsäure entstehenden Producte, Ammoniak und Taurin, hinweg, so

gelangen wir zur empirischen Formel der Choloidinsäure.

Formel der Choleinsäure ~C₇₆H₁₃₂N₄O₂₂~

ab

1 At. Taurin ~C₄H₁₄N₂O₁₀~ }

} - ~C₄ H₂₀ N₄O₁₀~

1 Aeq. Ammoniak ~H₆N₂~ }

--------------

Bleibt die Formel der Choloidinsäure ~C₇₂H₁₁₂ O₁₂~ [E31].

27. Werden ferner von den Elementen der Choleinsäure die Bestandtheile

von Harnstoff und 2 At. Wasser (2 At. Kohlensäure und 2 Aeq. Ammoniak)

hinweggenommen, so haben wir die Formel und Zusammensetzung der

Cholinsäure.

Formel der Choleinsäure ~C₇₆H₁₃₂N₄O₂₂~

ab

2 At. Kohlensäure ~C₂~ ~O₄~ }

} - ~C₂ H₁₂ N₄O₄~

2 Aeq. Ammoniak ~N₄~ ~H₁₂~ }

--------------

Formel der Cholinsäure ~C₇₄H₁₂₀ O₁₈~ [E32].

Wenn man die so große Uebereinstimmung der Zahlenresultate der Analysen

[E30][E31][E32] mit den obigen Formeln ins Auge faßt, so wird man kaum

zweifeln können, daß die aufgefundene Formel der Choleinsäure so nahe,

wie man bei Analysen dieser Art Substanzen nur erwarten kann, die

relative Anzahl der Atome ihrer Elemente ausdrückt, gleichgültig, in

wieviel verschiedenen Formen sie auch darin vereinigt sein mögen.

28. Addiren wir nun die Hälfte der Zahlen, welche die relativen

Verhältnisse der Elemente der Choleinsäure ausdrücken, zu den

Bestandtheilen des Harns der Schlangen, zu den Elementen des neutralen

harnsauren Ammoniaks, so erhalten wir:

Formel der Choleinsäure ~C₃₈H₆₆N₂ O₁₁~

hierzu

1 Aeq. Harnsäure ~C₁₀H₈N₈O₆~ }

} + ~C₁₀H₁₄N₁₀O₆~

1 „ Ammoniak ~H₆N₂~ }

--------------

~in Summa~ ~C₄₈H₈₀N₁₂O₁₇~.

29. Diese Formel drückt aber aus die Zusammensetzung des Bluts, zu

welchem die Elemente von 1 At. Wasser und 1 At. Sauerstoff getreten

sind.

Formel des Bluts ~C₄₈H₇₈N₁₂O₁₅~

hierzu

1 At. Wasser ~H₂O~ }

} + ~H₂ O₂~

1 „ Sauerstoff ~O~ }

--------------

~in Summa~ ~C₄₈H₈₀N₁₂O₁₇~.

30. Wenn wir ferner zu den Elementen des Proteins die Elemente treten

lassen von 3 At. Wasser, so haben wir, bis auf 2 At. Wasserstoff, genau

die Elemente der Choleinsäure und des harnsauren Ammoniaks.

1 At. Protein ~C₄₈H₇₂N₁₂O₁₄~

3 „ Wasser ~H₆ O₃~

--------------

~C₄₈H₇₈N₁₂O₁₇~.

31. Betrachten wir also die Choleinsäure und das harnsaure Ammoniak als

die Producte der Umsetzung der Muskelfaser, indem es keine andern

Gebilde im Thierkörper giebt, welche Protein enthalten (Albumin geht in

Gebilde über, ohne daß man sagen kann, daß es im Lebensproceß direct

eine Umsetzung in Harnsäure und Choleinsäure erfährt), so haben wir

darin mit Zuziehung der Bestandtheile des Wassers alle zu der

Metamorphose nöthigen Elemente; bis auf den Schwefel und Phosphor, die

sich beide oxydirt haben mögen, ist kein anderes Element ausgetreten.

Diese Art der Metamorphose bezieht sich auf die Umsetzung in den

niedrigen Thierklassen der Amphibien und vielleicht der Würmer und

Insecten. In den höhern Thierklassen verschwindet in dem Harn die

Harnsäure, an ihrer Stelle finden wir Harnstoff.

Das Verschwinden der Harnsäure und die Erzeugung von Harnstoff steht

offenbar in sehr enger Beziehung zu dem durch den Respirationsproceß

aufgenommenen Sauerstoff und zu der Menge von Wasser, welche

verschiedene Thiere in einer gegebenen Zeit genießen.

Wenn wir der Harnsäure Sauerstoff zuführen, so zerlegt sie sich, wie man

weiß, zuerst in Alloxan[E33] und Harnstoff, eine neue Quantität

Sauerstoff dem Alloxan zugeführt, macht, daß es entweder in Oxalsäure

und Harnstoff, Oxalursäure und Parabansäure[E34] oder in Kohlensäure und

Harnstoff zerfällt.

32. Wir finden in den sogenannten Maulbeersteinen oxalsauren Kalk, in

den andern Harnsteinen harnsaures Ammoniak und zwar stets bei Personen,

in denen durch Mangel an Bewegung und Anstrengung, oder durch andere

Ursachen die Sauerstoffzuführung gemindert ist. Nie finden sich

Harnsteine, welche Harnsäure oder Oxalsäure enthalten, bei

Schwindsüchtigen (siehe S. 24); und es ist eine gewöhnliche Erfahrung in

Frankreich bei Personen, welche an Steinbeschwerden leiden, sobald sie

sich auf das Land begeben, wo sie sich mehr Bewegung machen, daß die in

der Blase während ihres Aufenthaltes in der Stadt sich absetzenden

harnsauren Verbindungen (durch die vergrößerte Sauerstoffaufnahme) in

oxalsaure Salze (in Maulbeersteine) übergehen; bei noch mehr Sauerstoff

würde sich wie bei gesunden Menschen nur das letzte Oxydationsprodukt

des Kohlenstoffs, nämlich nur Kohlensäure, haben bilden können.

Die falsche Interpretation der unleugbaren Beobachtungen, daß durch die

Nieren alle von dem Organismus nicht verwendbaren Substanzen verändert

oder unverändert abgeschieden und in dem Harn ausgeleert werden, hat die

praktische Medizin zu der Ansicht geführt, daß die Nahrung und

namentlich stickstoffhaltige Nahrungsstoffe einen directen Einfluß haben

können auf die Erzeugung der Harnsteine. Es giebt keine Gründe, diese

Meinung zu stützen, es giebt unzählige, die sie widerlegen. Möglich ist

es, daß in den Speisen eine Menge durch die Kochkunst umgewandelter

Stoffe genossen werden, welche, als für Blutbildung nicht mehr tauglich,

durch den Respirationsproceß mehr oder weniger verändert, aus dem Harn

ausgestoßen werden, allein Braten und Kochen ändern in keiner Weise die

Zusammensetzung der Fleischspeisen[E35].

Das gekochte und gebratene Fleisch wird zu Blut, die Harnsäure und der

Harnstoff stammen von den umgesetzten Gebilden. Die Menge dieser

Produkte steigt mit der Schnelligkeit der Umsetzung in der gegebenen

Zeit, sie steht in keiner Beziehung zu der in dem nämlichen Zeitraume

genossenen Nahrung. Bei einem Hungernden, welcher sich einer starken und

anhaltenden Bewegung hingeben muß, wird mehr Harnstoff secernirt, als

bei dem wohlgenährtesten Menschen im Zustande der Ruhe; in Fiebern bei

rascher Abmagerung ist der Harn harnstoffreicher als im Zustande der

Gesundheit (_Prout_).

33. Aehnlich also wie die in dem Urin des ruhenden Pferdes vorhandene

Hippursäure in benzoesaures Ammoniak und Kohlensäure verwandelt wird,

sobald es sich in Arbeit und Bewegung befindet, verschwindet die

Harnsäure in dem Harn des Menschen, der durch Haut und Lunge eine zur

Oxydation der Produkte der umgesetzten Gebilde hinreichende Menge

Sauerstoff in sich aufnimmt; der Genuß von Wein und Fett, die in dem

Organismus nur insofern sich weiter verändern als sie Sauerstoff

aufnehmen, hat einen entschiedenen Einfluß auf die Bildung von

Harnsäure. Nach dem Genuß von fetten Speisen ist der Harn trübe und

setzt beim Erkalten kleine Krystalle von Harnsäure ab (_Prout_).

Dasselbe beobachtet man nach dem Genuß von Weinen (nie bei

Rheinweinen), in denen das zur Löslicherhaltung der Harnsäure

nothwendige Alkali fehlt.

Bei Thieren, welche größere Mengen Wasser genießen, wodurch die

schwerlösliche Harnsäure in Auflösung erhalten wird, so daß der

eingeathmete Sauerstoff darauf wirken kann, finden wir im Harn keine

Harnsäure, sondern Harnstoff. Bei Vögeln ist als Secretionsproduct die

Harnsäure vorherrschend.

Wenn wir zu 1 Atom Harnsäure 6 Atome Sauerstoff und 4 Atome Wasser

hinzutreten lassen, so zerlegt sie sich in Harnstoff und Kohlensäure

1 At. Harnsäure ~C₁₀N₈H₈ O₆~ } { 2 At. Harnstoff ~C₄ N₈H₁₆O₄~

4 „ Wasser } ~H₈ O₁₀~ } = { 6 „ Kohlensäure ~C₆ O₁₂~

6 „ Sauerstoff } } {

------------- -------------

~C₁₀N₈H₁₆O₁₆~ ~C₁₀N₈H₁₆O₁₆~

34. Der Harn der Gras fressenden Thiere enthält keine Harnsäure, wohl

aber Ammoniak, Harnstoff und Hippursäure, oder Benzoesäure. Bei einem

Hinzutreten von 9 Atomen Sauerstoff zu der empirischen Formel ihres

Blutes, fünf mal genommen, haben wir darin die Elemente von 6 Atomen

Hippursäure, 9 At. Harnstoff, 3 At. Choleinsäure, 3 At. Wasser und 3 At.

Ammoniak; oder wenn wir uns denken, daß während der Metamorphose dieses

Blutes 45 Atome Sauerstoff hinzutreten, so haben wir 6 At. Benzoesäure,

13¹/₂ At. Harnstoff, 3 At. Choleinsäure, 15 At. Kohlensäure und 12 At.

Wasser.

Die organische Chemie in ihrer Anwendung auf Physiologie und Pathologie · 第 3 / 18 题