Justus Liebig,
~Dr.~ der Medizin und Philosophie,
Professor der Chemie an der Ludwigs-Universität zu Gießen,
Ritter des Großherzogl. Hessischen Ludwigsordens und des Kaiserl.
Russischen St. Annenordens 3ter Klasse, auswärtiges Mitglied der
Königl. Akademie der Wissenschaften zu Stockholm, der ~Royal
Society~ zu London, Ehrenmitglied der ~British association for the
advancement of Science~, Ehrenmitglied der Königlichen Akademie zu
Dublin, correspondirendes Mitglied der Königlichen Akademieen der
Wissenschaften zu Berlin, München und St. Petersburg, des Königlichen
Institutes zu Amsterdam, der Königlichen Societät der Wissenschaften
zu Göttingen, der naturforschenden Gesellschaft zu Heidelberg
&c. &c. &c.
Braunschweig,
Verlag von Friedrich Vieweg und Sohn.
1842.
Vorwort.
Durch die Uebertragung der Methoden, welche die Physiker seit
Jahrhunderten in der Ermittelung der Ursachen der Naturerscheinungen
befolgen, auf die Chemie, durch Beachtung von Maß und Gewicht, ist von
_Lavoisier_ der Grundstein einer neuen Wissenschaft gelegt worden,
welche durch die Pflege ausgezeichneter Männer in außerordentlich kurzer
Zeit einen hohen Grad von Vollendung erhalten hat.
Es war die Aufsuchung und das Festhalten aller Bedingungen, die sich zu
einer Beobachtung vereinigen müssen, es war die Erkenntniß der
richtigeren Grundsätze zu Forschungen, welche die Chemiker vor
Irrthümern schützten und sie auf einem ebenso einfachen als sicheren
Wege zu Entdeckungen führten, welche in die früher dunkelsten und
unbegreiflichsten Naturerscheinungen Licht und Klarheit brachten.
Die nützlichsten Anwendungen auf Künste und Industrie und alle der
Chemie verwandten Zweige des Wissens, ergaben sich aus den von ihnen
erforschten Gesetzen und dieser Einfluß zeigte sich nicht erst, nachdem
die Chemie den erreichbaren Grad von Vollendung erhalten hatte, sondern
er machte sich mit jeder einzelnen neuen Erfahrung geltend.
Alle in den anderen Fächern bereits vorhandenen Erfahrungen und
Beobachtungen wirkten in ganz gleicher Weise fördernd, auf die
Ausbildung und Entwicklung der Chemie zurück, so daß sie eben so viel
von der Metallurgie und Industrie empfing, als sie gegeben hatte; indem
sie zusammen an Reichthum zunahmen, bildeten sie sich mit und neben
einander aus.
Nach der allmäligen Vervollkommnung der Mineralchemie wandten sich die
Arbeiten der Chemiker einer andern Richtung zu; aus der Untersuchung der
Bestandtheile der Pflanzen und Thiere sind neue und veränderte Ansichten
hervorgegangen; das vorliegende Werk ist ein Versuch zu ihrer Anwendung
in der Physiologie und Pathologie.
In früheren Zeiten hat man, in vielen Fällen mit großem Erfolg, die aus
der Bekanntschaft mit den chemischen Erfahrungen erworbenen Ansichten
auf die Zwecke der Heilwissenschaft anzuwenden versucht; ja, die großen
Aerzte, welche zu Ende des siebenzehnten Jahrhunderts lebten, waren die
ausschließlichen Kenner und Begründer der Chemie; das phlogistische
System der Chemie, mit allen seinen Unvollkommenheiten, erschien als die
Morgenröthe eines neuen Tages, es war der Sieg der Philosophie über die
roheste Experimentirkunst.
Die neuere Chemie hat mit allen ihren Entdeckungen der Physiologie und
Pathologie nur unbedeutende Dienste geleistet, und Niemand kann sich
über die Ursache dieser Theilnahmlosigkeit täuschen, wer in Erwägung
zieht, daß alle in dem Gebiete der anorganischen Chemie erworbenen
Erfahrungen, die Kenntniß des Verhaltens der einfachen Körper und ihrer
in Laboratorien darstellbaren Verbindungen mit dem lebendigen
Thierkörper und dem Verhalten seiner Bestandtheile in keine Art von
Beziehung gebracht werden konnten.
Die Physiologie nahm keinen Theil an den Fortschritten der Chemie, weil
sie lange Zeit hindurch, zu ihrer eigenen Förderung, nichts von dieser
Wissenschaft zu empfangen hatte. Dieser Zustand hat sich seit
fünfundzwanzig Jahren geändert; allein auch in der Physiologie sind in
dieser Zeit neue Wege und Mittel zu Forschungen in ihrem eigenen Gebiete
gewonnen worden, und erst mit der Erschöpfung dieser Quellen von
Entdeckungen ließ sich einer neuen Richtung in den Arbeiten der
Physiologen entgegensehen. Auch diese Zeit liegt uns nahe, und ein
Weiterschreiten auf dem eingeschlagenen Wege würde jetzt das Gebiet der
Physiologie, aus dem sich sehr bald fühlbar machenden Mangel an frischen
Anhaltspunkten zu Forschungen, nur breiter, aber weder tiefer noch
gründlicher machen.
Niemand wird den Muth haben zu behaupten, daß die Ermittelung der Formen
und der Bewegungserscheinungen nicht nothwendig oder nützlich wäre, sie
muß im Gegentheil als durchaus unentbehrlich zur Erkenntniß der
Lebensprocesse angesehen werden; allein sie umfaßt nur eine einzige
Klasse von Bedingungen zur Erkenntniß, und diese reichen für sich allein
nicht dazu hin.
Die Erforschung der Zwecke und Functionen der einzelnen Organe und ihres
gegenseitigen Verbandes im Thierkörper, war in früherer Zeit der
Hauptgegenstand der physiologischen Untersuchungen; er ist in der neuern
Zeit in den Hintergrund getreten. Die größte Masse aller neueren
Entdeckungen hat die vergleichende Anatomie weit mehr als die
Physiologie bereichert.
Für die Erkennung der ungleichen Formen und Zustände im gesunden und
kranken Organismus geben diese Arbeiten ohne Zweifel die werthvollsten
Resultate, allein für eine tiefere Einsicht in das Wesen der vitalen
Acte bieten sie keine Aufschlüsse dar.
Durch die genaueste, anatomische Kenntniß der Gebilde kann man zuletzt
nicht erfahren, zu welchem Zwecke sie dienen, und mit der
mikroskopischen Untersuchung der feinsten Verzweigungen der Gefäßnetze
wird man nicht mehr von ihren Verrichtungen wissen, als man über den
Gesichtssinn durch das Zählen der Flächen auf dem Auge einer
Stubenfliege erfahren hat. Die schönste und erhabenste Aufgabe des
menschlichen Geistes, die Erforschung der Gesetze des Lebens, kann nicht
gelös’t, sie kann nicht gedacht werden, ohne eine genaue Kenntniß der
chemischen Kräfte, der Kräfte nämlich, die nicht in Entfernungen wirken,
die in einer ähnlichen Weise zur Aeußerung gelangen, wie die letzten
Ursachen, von welchen die Lebenserscheinungen bedingt werden, die sich
überall thätig zeigen, wo sich differente Materien berühren.
Die Pathologie versucht noch heutzutage, wiewohl ganz nach dem Muster
der phlogistischen Chemiker (der qualitativen Methode), Anwendung von
chemischen Erfahrungen zur Beseitigung von Krankheitszuständen zu
machen, allein den Ursachen und dem Wesen der Krankheit ist man mit
allen diesen zahllosen Versuchen um keinen Schritt näher gekommen.
Ohne bestimmte Fragen zu stellen, hat man Blut, Harn und alle
Bestandtheile des gesunden und kranken Organismus mit Alkalien und
Säuren und allen Arten von chemischen Reagentien in Berührung gebracht
und aus der Kenntniß der vorgegangenen Aenderungen Rückschlüsse auf ihr
Verhalten im Körper gemacht.
Auf diesem Wege konnte der Zufall vielleicht zu nützlichen Heilmitteln
führen, allein eine rationelle Pathologie kann auf Reactionen nicht
begründet, der lebendige Thierkörper kann nicht für ein chemisches
Laboratorium angesehen werden.
Bei krankhaften Zuständen, in dessen Folge das Blut eine dickflüssige
Beschaffenheit erhält, kann diese nicht durch eine chemische Wirkung auf
die in den Blutkanälen circulirende Flüssigkeit dauernd gehoben werden;
die Abscheidung von Sedimenten im Harn läßt sich vielleicht durch
Alkalien verhindern, ohne daß damit nur entfernt die Krankheitsursache
beseitigt sein kann; und wenn man im Typhus unlösliche Ammoniaksalze in
den Faeces und eine ähnliche Aenderung der Beschaffenheit der
Blutkörperchen beobachtet, so wie sie durch Ammoniakflüssigkeit
künstlich im Blute hervorgebracht werden kann, so darf deshalb das im
Körper vorhandene Ammoniak nicht als die Ursache, sondern stets nur als
der Effect einer Ursache angesehen werden.
So hat die Medizin, nach dem Vorbilde der aristotelischen Philosophie,
sich Vorstellungen geschaffen über Ernährung und Blutbildung, man hat
die Speisen classificirt in nahrhafte und nichtnahrhafte; aber auf
Beobachtungen gestützt, denen die wesentlichsten Erfordernisse zu
richtigen Schlüssen mangelten, konnten diese Theorien nicht als
Ausdrücke der Wahrheit gelten.
In welcher Klarheit erscheinen uns jetzt die Beziehungen der Speisen zu
den Zwecken, zu welchen sie im Thierkörper dienen, seitdem die
organische Chemie ihre quantitative Untersuchungsmethode auf ihre
Ermittelung in Anwendung brachte!
Wenn eine magere 4 Pfund wiegende Gans in 36 Tagen, während welchen sie
mit 24 Pfund Welschkorn (Mays) gemästet worden ist, 5 Pfund über ihr
ursprüngliches Gewicht zunimmt und man 3¹/₂ Pfund reines Fett aus ihr
gewinnt, so kann dieses Fett nicht fertig gebildet in der Nahrung
gewesen sein, da diese noch nicht den tausendsten Theil an Fett oder
fettähnlichen Materien enthält. Und wenn eine gewisse Anzahl Bienen,
deren Gewicht man genau kennt, mit reinem, wachsfreiem Honig gefüttert,
für je 20 Theile verbrauchten Honigs einen Theil Wachs liefern, ohne daß
sich sonst in ihrem Gesundheitszustande oder in ihrem Gewichte etwas
ändert, so kann man über die Erzeugung von Fett in dem Thierkörper aus
Zucker nicht im Zweifel sein.
Ganz ähnlich wie bei der Entscheidung der Frage über die Fettbildung,
verhält es sich mit der Erforschung des Ursprungs und der Veränderung
der Secrete und anderer Erscheinungen im Thierkörper. Von dem
Augenblick, wo man anfängt die Antworten auf Fragen, mit Ernst und
Gewissenhaftigkeit zu suchen, wo man sich die Mühe nimmt, durch Maß und
Gewicht die Beobachtungen festzuhalten und in Gleichungen auszudrücken,
ergeben sich die Antworten von selbst.
Durch eine noch so große Anzahl von Beobachtungen, welche nur die eine
Seite der Frage erläutern, wird man niemals im Stande sein, das Wesen
einer Naturerscheinung in seiner ganzen Bedeutung zu erforschen; sie
müssen nothwendig, wenn sie Nutzen schaffen sollen, nach einem ganz
bestimmten Zweck und Ziel gerichtet sein, sie müssen einen organischen
Zusammenhang besitzen.
Mit Recht schreiben die Physiker und Chemiker ihren Forschungsmethoden
den größten Theil des Erfolgs in ihren Arbeiten zu. Jede chemische oder
physikalische Arbeit, welche einigermaßen den Stempel der Vollendung an
sich trägt, läßt sich im Resultate in wenigen Worten wiedergeben. Allein
diese wenigen Worte sind unvergängliche Wahrheiten, zu deren Auffindung
zahllose Versuche und Fragen erforderlich waren; die Arbeiten selbst,
die mühsamen Versuche und verwickelten Apparate fallen der Vergessenheit
anheim, sobald die Wahrheit ermittelt ist; es sind die Leitern, die
Schachte und Werkzeuge, welche nicht entbehrt werden konnten, um zu dem
reichen Erzgang zu gelangen; es sind die Stollen und Luftzüge, welche
die Gruben von Wasser und bösen Wettern frei hielten.
Eine jede, auch die kleinste chemische oder physikalische Arbeit, wenn
sie auf Beachtung Ansprüche macht, muß heutzutage diesen Character an
sich tragen; aus einer gewissen Anzahl von Beobachtungen muß ein Schluß,
gleichgültig ob er viel oder wenig umfaßt, gezogen werden können.
Es kann nur in der Methode, nur in ihrer Untersuchungsweise liegen, daß
seit einem halben Jahrhundert in Beziehung auf eine tiefere Einsicht in
die Functionen der wichtigsten Organe, der Milz, der Leber und
zahlreichen Drüsen, von den Physiologen so wenig neue feststehende
Wahrheiten gewonnen worden sind, und sicher wird die unvollkommene
Bekanntschaft mit den Forschungsmethoden der Chemie das Haupthinderniß
bleiben, was den Fortschritten der Physiologie entgegensteht, der
Hauptvorwurf, den sie nicht zu beseitigen vermag.
Die Chemie stand der Physik vor _Lavoisier_, _Scheele_ und _Priestley_
nicht näher, als heutzutage der Physiologie; sie ist jetzt mit der
Physik so innig verschmolzen, daß es schwer halten dürfte, zwischen
beiden eine scharfe Grenzlinie zu ziehen; ganz dasselbe Band vereinigt
die Chemie mit der Physiologie, und in einem halben Jahrhundert wird man
ihre Trennung für ebenso unmöglich halten.
Unsere Fragen und Versuche durchschneiden in unzähligen krummen Linien
die grade Linie, die zur Wahrheit führt, es sind die Kreuzungspunkte,
die uns die wahre Richtung erkennen lassen; es liegt in der
Unvollkommenheit des menschlichen Geistes, daß die krummen Linien
gemacht werden müssen. Die Chemiker und Physiker behalten stets ihr
Ziel im Auge, dem einen gelingt es, streckenweise den geraden Weg zu
verfolgen, allein alle sind auf die Umwege vorbereitet; des Erfolgs
ihrer Anstrengungen bei Beharrlichkeit und Ausdauer gewiß, wächst die
Begierde und ihr Muth mit den Schwierigkeiten.
Einzelne Beobachtungen ohne Zusammenhang sind auf einer Ebene zerstreute
Punkte, die uns nicht gestatten, einen bestimmten Weg zu wählen. In der
Chemie hatte man Jahrhunderte lang nichts als diese Punkte, deren
Zwischenräume auszufüllen Mittel genug in Anwendung kamen; allein
bleibende Entdeckungen, wahre Fortschritte wurden erst dann gemacht, als
man ihre Verknüpfung nicht mehr der Phantasie überließ.
Ich habe den Zweck gehabt, die Kreuzungspunkte der Physiologie und
Chemie in diesem Buche hervorzuheben und die Stellen anzudeuten, wo
beide Wissenschaften gegenseitig in einander greifen. Es enthält eine
Sammlung von Aufgaben, so wie sie gegenwärtig von der Chemie gestellt
werden, und eine Anzahl von Schlüssen, die nach ihren Regeln aus den
vorhandenen Erfahrungen sich ergeben.
Diese Fragen und Aufgaben werden ihre Lösung erhalten, und kein Zweifel
kann darüber sein, daß wir alsdann eine neue Physiologie und eine
rationelle Pathologie haben werden. Gewiß ist unser Senkblei nicht lang
genug, um die Tiefe des Meeres zu messen, allein es verliert deshalb
seinen Werth für uns nicht; wenn es uns vorläufig nur hilft, um die
Klippen und Sandbänke zu vermeiden, so ist dieser Nutzen groß genug. In
der Hand des Physiologen muß die organische Chemie zu einem geistigen
Hilfsmittel werden, mit dem er im Stande sein wird, die Ursachen von
Erscheinungen zu erforschen, die das leibliche Auge nicht mehr erkennt;
und wenn von den Resultaten, die ich in diesem Buche entwickelt oder
angedeutet habe, nur ein Einziges eine nützliche Anwendung zuläßt, so
halte ich den Zweck, für den es geschrieben ist, für vollkommen
erreicht. Der Weg, der dazu geführt hat, wird andere Wege bahnen, und
dies betrachte ich als den höchsten Gewinn.
_Gießen_, im April 1842.
~Dr.~ _Justus Liebig_.
_Erster Theil_.
_Der chemische Proceß_
der
=_Respiration und Ernährung_.=
~I.~
In dem Thierei, in dem Samen einer Pflanze erkennen wir eine merkwürdige
Thätigkeit, eine Ursache der Zunahme an Masse, des Ersatzes an
verbrauchtem Stoff, eine Kraft in dem Zustande der Ruhe. Durch äußere
Bedingungen, durch die Begattung, durch Gegenwart von Feuchtigkeit und
Luft wird der Zustand des statischen Gleichgewichtes dieser Thätigkeit
aufgehoben; die in Bewegung übergehende Kraft äußert sich in einer Reihe
von Formbildungen, welche, wenn auch zuweilen durch grade Linien
eingeschlossen, doch weit entfernt von geometrischen Gestalten sind, so
wie wir sie beim krystallisirenden Minerale beobachten. Diese Kraft
heißt _Lebenskraft_.
Die Zunahme an Masse in einer Pflanze wird durch den Akt einer
Zersetzung bedingt, die in gewissen Pflanzentheilen durch die Einwirkung
des Lichts und der Wärme vor sich geht.
Dieser Zersetzung unterliegen in dem Lebensproceß der Pflanze
ausschließlich nur anorganische Materien, und wenn man mit
ausgezeichneten Mineralogen die Luft und gewisse andere Gase als
Mineralien gelten läßt, so kann man sagen, daß die vegetative
Lebensthätigkeit die Verwandlung des Minerals in einen mit Leben
begabten Organismus bewirkt, das Mineral wird Theil eines Trägers der
Lebenskraft.
Die Zunahme an Masse in einer lebenden Pflanze setzt voraus, daß gewisse
Bestandtheile der Nahrung zu Bestandtheilen des Pflanzenkörpers werden,
und eine Vergleichung der chemischen Zusammensetzung von beiden, zeigt
mit unzweifelhafter Gewißheit, welche von den Bestandtheilen der Nahrung
ausgetreten, welche assimilirt worden sind.
Die Beobachtungen der Pflanzenphysiologen und die Untersuchungen der
Chemiker, sie haben gegenseitig dazu gedient, um den Beweis zu führen,
daß das Wachsthum und die Entwickelung der Pflanze abhängig sind von
einer Ausscheidung von Sauerstoff, der sich von den Bestandtheilen ihrer
Nahrungsmittel trennt.
Im geraden Gegensatz zu dem Pflanzenleben äußert sich das Thierleben in
einer nie aufhörenden Einsaugung und Verbindung des Sauerstoffs der Luft
mit gewissen Bestandtheilen des Thierkörpers.
Während kein Theil eines organischen Wesens zur Nahrung einer Pflanze
dienen kann, wenn er nicht vorher, in Folge von Fäulniß und
Verwesungsprocessen, die Form eines anorganischen Körpers angenommen
hat, bedarf der thierische Organismus zu seiner Erhaltung und
Entwickelung höher organisirter Atome. Die Nahrungsmittel aller Thiere
sind unter allen Umständen Theile von Organismen.
Durch ihre Fähigkeit, den Ort zu wechseln, und im Allgemeinen durch die
Sinne unterscheidet sich das Thier von der Pflanze.
Alle diese Thätigkeiten gehen von gewissen Werkzeugen aus, die in der
Pflanze fehlen. Die vergleichende Anatomie zeigt, daß die Bewegungs- und
Gefühlsäußerungen von gewissen Apparaten abhängig sind, die mit einander
in keinem andern Zusammenhange stehen, als daß sie sich in einem
gemeinschaftlichen Centrum vereinigen. Die Substanz des Rückenmarks, der
Nerven, der Gehirnmaterie sind in ihrer Zusammensetzung und ihrem
chemischen Verhalten wesentlich von der Substanz der Zellen, Membranen,
Muskeln und der Haut verschieden.
Alles, was im Thierorganismus _Bewegung_ genannt werden kann, geht von
den Nervenapparaten aus. Die Bewegungserscheinungen in den Pflanzen, die
Saftcirculation, die man in manchen Charen beobachtet hat, das Schließen
der Blüthen und Blätter hängt von physikalischen und mechanischen
Ursachen ab. Eine Pflanze enthält keine Nerven. Wärme und Licht sind die
entfernteren Ursachen der Bewegungen in Pflanzen, in den Thieren
erkennen wir in den Nervenapparaten eine Quelle von Kraft, die sich in
jedem Zeitmomente ihres Lebens wieder zu erneuern vermag.
Aehnlich wie die Assimilation der Nahrungsmittel in den Pflanzen, ihr
ganzer Bildungsproceß, abhängig ist von gewissen äußeren Ursachen,
welche die Bewegungen vermitteln, ist die Entwickelung des
Thierorganismus bis zu einem gewissen Grade unabhängig von diesen
äußeren Ursachen, eben weil er in sich selbst durch ein besonderes
System von Apparaten die zu dem Lebensproceß unentbehrliche Kraft der
Bewegung erzeugt.
Der Bildungsproceß, die Assimilation, der Uebergang des in Bewegung
befindlichen Stoffs in den Zustand der Ruhe geht bei Pflanzen und
Thieren in einerlei Weise vor sich, es ist die nämliche Ursache, die in
beiden die Zunahme an Masse bedingt, es ist dies das eigentliche
vegetative Leben, es äußert sich ohne Bewußtsein.
In der Pflanze giebt sich die vegetative Lebensthätigkeit unter
Mitwirkung von äußeren Kräften, in Thieren durch Thätigkeiten kund, die
sich in ihrem Organismus erzeugen. Die Verdauung, der Blutumlauf, die
Absonderung der Säfte, sie stehen jedenfalls unter der Herrschaft des
Nervensystems, allein es ist ein und dieselbe Kraft, welche dem Keim,
dem Blatt, der Wurzelfaser die nämlichen wunderbaren Eigenschaften
giebt, welche die secernirende Haut, die Drüse besitzen, welche jedes
Organ im Thier befähigt, seinen eigenen Funktionen vorzustehen; nur die
Ursachen der Bewegungen sind in beiden verschieden.
Während wir in den niedrigsten Thierklassen die Apparate der Bewegung,
wie im befruchteten Keim des Thierei’s, in dem sie sich zu allererst
entwickeln, nie vermissen, finden wir in höheren Thierklassen besondere
Apparate des Gefühls und Empfindens, des Bewußtseins und des höheren
geistigen Lebens.
Der Patholog zeigt uns, daß das eigentlich vegetative Leben keineswegs
an das Vorhandensein dieser Apparate geknüpft ist, daß der
Nutritionsproceß in den Theilen des Körpers, wo diejenigen Nerven
gelähmt sind, welche das Gefühl oder die willkürlichen Bewegungen
vermitteln, in der nämlichen Form vor sich geht, wie in anderen, in
denen sie sich in normalem Zustande befinden, so wie auf der andern
Seite die kräftigste Energie des Willens auf die Zusammenziehung des
Herzens, auf die Bewegung der Eingeweide und die Secretionsprocesse
keinen Einfluß auszuüben vermag.
Die Erscheinungen des höheren geistigen Lebens, sie können auf dem
gegenwärtigen Standpunkt der Wissenschaft nicht auf ihre nächsten, viel
weniger auf ihre letzten Ursachen zurückgeführt werden, wir wissen
weiter nichts davon, als daß sie vorhanden sind; wir schreiben sie einer
immateriellen Thätigkeit zu, und zwar insofern ihre Aeußerungen an die
Materie sich gebunden finden, einer Kraft, welche durchaus verschieden
ist und nichts gemein hat mit der Lebenskraft.
Diese eigenthümliche Kraft übt, wie nicht geleugnet werden kann, einen
gewissen Einfluß auf die vegetative Lebensthätigkeit aus, ähnlich wie
dies von anderen immateriellen Potenzen, von Licht, Elektricität, Wärme
und Magnetismus geschieht, allein dieser Einfluß ist nicht bedingender
Art, sondern er äußert sich nur als eine Beschleunigung, Störung oder
Verlangsamung der vegetativen Lebensprocesse; auf eine ganz ähnliche
Weise übt die vegetative Lebensthätigkeit rückwärts gewisse Wirkungen
auf das bewußte geistige Leben aus.
Es sind zwei Kräfte, die sich neben einander in Aktion befinden, allein
Bewußtsein und Geist, sie fehlen im Thiere und der lebendigen Pflanze,
ohne daß wir in diesen etwas Anderes vermissen, als den Mangel einer
besondern Ursache der Steigerung oder Störung; abgesehen davon, gehen
alle vitalchemischen Processe im Menschen und Thiere auf einerlei Weise
vor sich.
Das unaufhörlich sich erneuernde Streben, die Beziehungen der Psyche zu
dem animalischen Leben ermitteln zu wollen, hat von jeher die
Fortschritte der Physiologie aufgehalten, es war ein beständiges
Heraustreten aus dem Gebiete der Naturforschung in das Reich der
phantastischen Gebilde; denn die begeisterten Physiologen, sie waren
weit davon entfernt, die Gesetze des rein thierischen Lebens zu kennen.
Keiner von ihnen hatte eine klare Vorstellung über den Entwickelungs-
und Ernährungsproceß, keiner von der wahren Ursache des Todes. Sie
erklärten die verborgensten psychischen Erscheinungen und waren nicht im
Stande zu sagen, was Fieber ist und in welcher Weise das Chinin bei
seiner Heilung wirkt!
Um die Gesetze der Bewegungen im Thierkörper zu ermitteln, war nur die
eine Bedingung, die Kenntniß der Apparate erforscht, welche die
Bewegungen vermitteln, aber die Substanz der Organe, die Veränderungen,
welche die Nahrungsmittel im lebenden Körper erfahren, ihr Uebergang zu
Bestandtheilen der Organe und rückwärts wieder in leblose Verbindungen,
der Antheil, den die Atmosphäre an den Lebensprocessen nimmt, alle diese
Grundlagen zu weiteren Schlüssen waren noch nicht gegeben.
Was hat die Psyche, was hat Bewußtsein und Geist mit der Entwickelung
des menschlichen Fötus, mit der des Fötus im Hühnerei zu schaffen? gewiß
nicht mehr als sie Antheil nimmt an der Entwickelung des Samens einer
Pflanze! Suchen wir vor der Hand die nicht psychischen Erscheinungen auf
ihre letzten Ursachen zurückzuführen, und hüten wir uns vor Schlüssen,
ehe wir eine Grundlage haben. Wir kennen genau den Mechanismus des
Auges, allein weder die Anatomie, noch Chemie wird uns jemals Aufschluß
geben, wie der Lichtstrahl zum Bewußtsein gelangt. Die Naturforschung
hat eine bestimmte Grenze, die sie nicht überschreiten darf, sie muß
sich stets daran erinnern, daß mit allen Entdeckungen nicht in Erfahrung
gebracht werden kann, was Licht, Elektricität und Magnetismus für Dinge
sind, eben weil der menschliche Geist nur Vorstellungen hat für Dinge,
welche Materialität besitzen. Wir können aber die Gesetze ihres Zustands
der Ruhe und der Bewegung erforschen, eben weil sie sich in
Erscheinungen äußern. So können zweifellos die Gesetze des Lebens und
Alles, was sie stört, befördert oder ändert, erforscht werden, ohne daß
man jemals wissen wird, was das Leben ist; so führte die Erforschung der
Gesetze des Falles und der Bewegung der Himmelskörper auf eine vorher
nie gedachte Vorstellung über ihre Ursache. Diese Vorstellung konnte in
ihrer Klarheit nicht entstehen ohne die Kenntniß der Erscheinungen, aus
denen sie sich entwickelte: an und für sich ist ja die Schwerkraft, wie
das Licht für einen Blindgebornen, ein bloßes Wort.
Die neue Wissenschaft der Physiologie hat die Methode des Aristoteles
verlassen, sie erfindet keinen ~horror vacui~, keine ~Quinta essentia~
mehr, um den gläubigen Zuhörern Aufschlüsse und Erklärungen von
Erscheinungen zu geben, deren eigentlicher Verband mit anderen, deren
letzte Ursache nicht ermittelt ist, zum Heil der Wissenschaft, muß man
hinzusetzen, und zum Segen für die Menschheit.
Wenn wir festhalten, daß alle Erscheinungen in dem Organismus der
Pflanzen und des Thieres einer ganz eigenthümlichen Ursache
zugeschrieben werden müssen, welche in ihren Aeußerungen durchaus
verschieden ist von allen anderen Ursachen, die Zustandsänderungen oder
Bewegungen bedingen, wenn wir die Lebenskraft also gelten lassen für
eine für sich bestehende Kraft, so haben wir in den Erscheinungen des
organischen Lebens, wie in allen anderen Erscheinungen, welche Kräften
zugeschrieben werden müssen, eine _Statik_ (Zustand des Gleichgewichtes,
bedingt durch einen Widerstand) und eine _Dynamik_ der Lebenskraft.
Alle Theile des Thierkörpers bilden sich aus einer eigenthümlichen, in
seinem Organismus circulirenden Flüssigkeit, in Folge einer, jeder
Zelle, jedem Organe oder Theile eines Organs inwohnenden Thätigkeit. Die
Physiologie lehrt, daß alle Bestandtheile des Körpers ursprünglich Blut
waren, oder daß sie wenigstens den entstehenden Organen durch diese
Flüssigkeit zugeführt worden sind.
Die gewöhnlichsten Erfahrungen geben ferner zu erkennen, daß in jedem
Momente des Lebens in dem Thierorganismus ein fortdauernder, mehr oder
minder beschleunigter Stoffwechsel vor sich geht, daß ein Theil der
Gebilde sich zu formlosen Stoffen umsetzt, daß sie ihren Zustand des
Lebens verlieren und wieder erneuert werden müssen. Die Physiologie hat
entscheidende Gründe genug für die Meinung, daß jede Bewegung, jede
Kraftäußerung die Folge einer Umsetzung der Gebilde oder der Substanz
derselben ist, daß jede Vorstellung, jeder Affekt Veränderungen in der
chemischen Beschaffenheit der abgesonderten Säfte zur Folge hat, daß
jeder Gedanke, jede Empfindung von einer Aenderung in der
Zusammensetzung der Gehirnsubstanz begleitet ist.
Zur Unterhaltung der Lebenserscheinungen im Thiere gehören gewisse
Stoffe, Theile von Organismen, die man _Nahrungsmittel_ nennt; in Folge
einer Reihe von Veränderungen dienen sie entweder zur Vermehrung seiner
Masse (zur Ernährung), oder zum Ersatze an verbrauchtem Stoff
(Reproduktion), oder sie dienen zur Hervorbringung von Kraft.
~II.~
Wenn wir die Aufnahme von Nahrungsmitteln als die eine Bedingung des
Lebens bezeichnen, so ist die zweite eine fortdauernde Einsaugung von
Sauerstoff aus der atmosphärischen Luft.
Von dem Standpunkte des Naturforschers aus zeigt sich das Thierleben in
einer Reihe von Erscheinungen, deren Zusammenhang und Wiederkehr
vermittelt wird durch eine in dem Organismus vorgehende Veränderung,
welche die Nahrungsmittel und der eingesaugte atmosphärische Sauerstoff
unter der Mitwirkung der Lebenskraft erleiden.
Alle vitalen Thätigkeiten entspringen aus der Wechselwirkung des
Sauerstoffs der Luft und der Bestandtheile der Nahrungsmittel.
In der Ernährung und Reproduktion erkennen wir den Uebergang des Stoffs
aus dem Zustande der Bewegung in den Zustand der Ruhe (des statischen
Gleichgewichts); durch den Einfluß des Nervensystems gelangt dieser
Stoff in den Zustand der Bewegung. Die letzten Ursachen dieser Zustände
der Lebenskraft sind die chemischen Kräfte.
Die Ursache des Zustandes der Ruhe ist ein Widerstand, welcher bedingt
wird durch eine Kraft der Anziehung (Verbindung), welche zwischen den
kleinsten Theilchen der Materie wirkt und nur bei unmittelbarer
Berührung, oder in unmeßbar kleinen Entfernungen sich thätig zeigt.
Diese besondere Art der Anziehung, man kann ihr natürlich die
verschiedensten Namen geben, der Chemiker nennt sie aber _Affinität_.
Die Bedingung des Zustandes der Bewegung liegt in einer Reihe von
Veränderungen, welche die Nahrungsmittel in dem Organismus erleiden, in
Folge also von Zersetzungsprocessen, welche die Nahrungsmittel an und
für sich, oder die daraus entsprungenen Gebilde, oder Bestandtheile der
Organe erleiden.
Der Hauptcharacter des vegetativen Lebens ist ein steter Uebergang des
in Bewegung gesetzten Stoffs in den Zustand des statischen
Gleichgewichtes. So lange die Pflanze lebt, ist kein Stillstand in der
Zunahme bemerklich, kein Theil eines Organs der Pflanze nimmt an Masse
ab. Wenn eine Zersetzung erfolgt, so ist sie eine Folge der
Assimilation. Eine Pflanze erzeugt in sich selbst keine Kraft der
Bewegung, kein Theil ihrer Gebilde verliert, durch eine in ihrem
Organismus vorhandene Ursache, den Zustand des Lebens und geht in
formlose Verbindungen über, in ihr findet kein Verbrauch statt. Der
Verbrauch im Thier ist eine Aenderung des Zustandes und der
Zusammensetzung gewisser Bestandtheile des Thierkörpers, er geht mithin
vor sich in Folge chemischer Actionen. Der Einfluß der Gifte, der
Arzneimittel auf den lebenden thierischen Körper zeigt auf eine evidente
Weise, daß der Act der chemischen Zersetzung und Verbindung im
Thierkörper, die sich uns in der Form von Lebenserscheinungen zu
erkennen geben, daß sie durch _ähnlich_ wirkende chemische Kräfte
gesteigert, durch _entgegengesetzt_ wirkende verlangsamt und aufgehoben
werden können, daß wir auf jeden Theil eines Organs durch Stoffe, die
eine bestimmte chemische Action besitzen, eine Wirkung auszuüben
vermögen.
Aehnlich also wie in der geschlossenen galvanischen Säule durch gewisse
Veränderungen, welche ein anorganischer Körper, ein Metall, bei seiner
Berührung mit einer Säure, erleidet, ein gewisses Etwas für unsere Sinne
wahrnehmbar wird, was wir mit einem Strome electrischer Materie
bezeichnen, entstehen in Folge von Umsetzungen und Veränderungen von
Materien, die früher Theile von Organismen waren, gewisse Bewegungs- und
Thätigkeitsäußerungen, die wir Leben nennen.
Der electrische Strom giebt sich uns zu erkennen durch gewisse
Erscheinungen der Anziehung und Abstoßung, welche andere, an und für
sich bewegungslose, Materien durch ihn empfangen, durch Erscheinungen
der Bildung und Zersetzung chemischer Verbindungen, die sich überall
äußern, wo der Widerstand die Bewegung nicht aufhebt.
Von diesem Standpunkte allein und von keinem andern aus darf die Chemie
die Lebenserscheinungen studiren. Wunder finden wir überall; die Bildung
eines Krystalls, eines Octaeders ist nicht minder unbegreiflich, wie die
Entstehung eines Blatts oder einer Muskelfaser, und die Entstehung des
Zinnobers aus Quecksilber und Schwefel ist ein ebenso großes Räthsel,
wie die Bildung eines Auges aus der Substanz des Blutes.
Aufnahme von Nahrungsmitteln und Sauerstoff sind die ersten Bedingungen
des thierischen Lebens.
In jedem Zeittheilchen seines Lebens nimmt der Mensch durch die Organe
der Respiration Sauerstoff auf; nie ist, so lange das Thier lebt, ein
Stillstand bemerklich.
Die Beobachtungen der Physiologen zeigen, daß der Körper eines
erwachsenen Menschen, nach 24 Stunden, bei hinlänglicher Nahrung, am
Gewicht weder zu- noch abgenommen hat, dennoch ist die Menge von
Sauerstoff, die in dieser Zeit in seinen Organismus aufgenommen wurde,
höchst beträchtlich.
Nach _Lavoisier’s_ Versuchen werden von einem erwachsenen Manne in einem
Jahre 746 Pfd., nach _Menzies_ 837 Pfd. Sauerstoffgas aus der Atmosphäre
in seinen Körper aufgenommen, und dennoch finden wir sein Gewicht zu
Anfang und Ende des Jahres entweder ganz unverändert, oder die Ab- und
Zunahme bewegt sich um wenige Pfunde[E1].
Wo ist, kann man fragen, dieses enorme Gewicht an Sauerstoff
hingekommen, was ein Individuum im Verlaufe eines Jahres in sich
aufnimmt?
Diese Frage ist mit befriedigender Sicherheit gelös’t; kein Theil des
aufgenommenen Sauerstoffs bleibt im Körper, sondern er tritt in der Form
einer Kohlenstoff- oder einer Wasserstoffverbindung wieder aus.
Der Kohlenstoff und Wasserstoff von gewissen Bestandtheilen des
Thierkörpers haben sich mit dem durch die Haut und Lunge aufgenommenen
Sauerstoff verbunden, sie sind als Kohlensäure und Wasserdampf wieder
ausgetreten.
Mit jedem Athemzuge, in jedem Lebensmomente trennen sich von dem
Thierorganismus gewisse Mengen seiner Bestandtheile, nachdem sie mit dem
Sauerstoff der atmosphärischen Luft eine Verbindung in dem Körper selbst
eingegangen sind.
Wenn wir, um einen Anhaltspunkt zu einer Rechnung zu haben, mit
_Lavoisier_ und _Seguin_ annehmen, daß der erwachsene Mensch täglich 65
Loth Sauerstoff (46037 Cubikzoll = 15661 Gran fr. Gew.) in sich
aufnimmt, und wir seine Blutmasse zu 24 Pfund, bei einem Wassergehalt
von 80 ~pCt.~ annehmen, so ergiebt sich aus der bekannten
Zusammensetzung des Blutes, daß zu einer völligen Verwandlung des
Kohlenstoffs und Wasserstoffs im Blut, in Kohlensäure und Wasser 64103
Gran Sauerstoff nöthig sind, die in 4 Tagen und 5 Stunden in den Körper
eines erwachsenen Menschen aufgenommen werden[E2].
Gleichgültig ob der Sauerstoff an die Bestandtheile des Bluts tritt oder
an andere kohlen- und wasserstoffreiche Materien im Körper, es kann dem
Schlusse nichts entgegengesetzt werden, daß dem menschlichen Körper,
welcher 65 Loth Sauerstoff täglich einathmet, in 4 Tagen und 5 Stunden
so viel an Kohlenstoff und Wasserstoff in seinen Nahrungsmitteln wieder
zugeführt werden muß, als nöthig wäre, 24 Pfund Blut mit diesen
Bestandtheilen zu versehen, vorausgesetzt, daß das Gewicht des Körpers
sich nicht ändere, daß er seine normale Beschaffenheit behaupten soll.
Diese Zufuhr geschieht durch die _Speisen_.
Aus der genauen Bestimmung der Kohlenstoffmenge, welche durch die
Speisen in den Körper aufgenommen werden, so wie durch die Ausmittelung
derjenigen Quantität, welche durch die Faeces und den Urin unverbrannt,
oder wenn man will, in einer andern Form, als in der Form einer
Sauerstoffverbindung, wieder austritt, ergiebt sich, daß ein erwachsener
Mann, im Zustande mäßiger Bewegung, täglich 27,8 Loth Kohlenstoff
verzehrt[E3].
Diese 27⁸/₁₀ Loth Kohlenstoff entweichen aus Haut und Lunge in der Form
von kohlensaurem Gas.
Zur Verwandlung in kohlensaures Gas bedürfen diese 27,8 Loth Kohlenstoff
74 Loth Sauerstoff.
Nach den analytischen Bestimmungen von _Boussingault_ (~Annales de chim.
et de phys. LXX.~ 1. ~S.~ 136) verzehrt ein Pferd in 24 Stunden 158¹/₄
Loth Kohlenstoff, eine milchgebende Kuh 141¹/₂ Loth[E4].
Die hier angeführten Kohlenstoffmengen sind als Kohlensäure aus ihrem
Körper getreten, das Pferd hat in 24 Stunden für die Ueberführung des
Kohlenstoffs in Kohlensäure 13⁷/₃₂ Pfd. und die Kuh 11²/₃ Pfd.
Sauerstoff verbraucht.
Da kein Theil des aufgenommenen Sauerstoffs in einer andern Form als in
der einer Kohlenstoff- oder Wasserstoffverbindung wieder aus dem Körper
tritt, da ferner bei normalem Gesundheitszustande der ausgetretene
Kohlenstoff und Wasserstoff wieder ersetzt wird durch Kohlenstoff und
Wasserstoff, den wir in den Speisen zuführen, so ist klar, daß die Menge
von Nahrung, welche der thierische Organismus zu seiner Erhaltung
bedarf, in geradem Verhältniß steht zu der Menge des aufgenommenen
Sauerstoffs.
Zwei Thiere, die in gleichen Zeiten ungleiche Mengen von Sauerstoff
durch Haut und Lunge in sich aufnehmen, verzehren in einem ähnlichen
Verhältniß ein ungleiches Gewicht von der nämlichen Speise.
In gleichen Zeiten ist der Sauerstoffverbrauch ausdrückbar durch die
Anzahl der Athemzüge; es ist klar, daß bei einem und demselben Thiere
die Menge der zu genießenden Nahrung wechselt, je nach der Stärke und
Anzahl der Athemzüge.
Ein Kind, dessen Respirationswerkzeuge sich in größerer Thätigkeit
befinden, muß häufiger und verhältnißmäßig mehr Nahrung zu sich nehmen,
als ein Erwachsener, es kann den Hunger weniger leicht ertragen. Ein
Vogel stirbt bei Mangel an Nahrung den dritten Tag; eine Schlange, die
in einer Stunde, unter einer Glasglocke athmend, kaum so viel Sauerstoff
verzehrt, daß die davon erzeugte Kohlensäure wahrnehmbar ist, lebt drei
Monate und länger ohne Nahrung.
Im Zustand der Ruhe beträgt die Anzahl der Athemzüge weniger als im
Zustand der Bewegung und Arbeit. Die Menge der in beiden Zuständen
nothwendigen Nahrung muß in dem nämlichen Verhältniß stehen.
Ein Ueberfluß von Nahrung und Mangel an eingeathmetem Sauerstoff (an
Bewegung), so wie starke Bewegung (die zu einem größeren Maaß von
Nahrung zwingt) und schwache Verdauungsorgane sind unverträglich mit
einander.
Die Menge des Sauerstoffs, welche ein Thier durch die Lunge aufnimmt,
ist aber nicht allein abhängig von der Anzahl der Athemzüge, sondern
auch von der Temperatur und der Dichtigkeit der eingeathmeten Luft.
Die Brusthöhle eines Thieres hat eine unveränderliche Größe, mit jedem
Athemzuge tritt eine gewisse Menge Luft ein, die in Beziehung auf ihr
Volumen als gleichbleibend angesehen werden kann. Aber ihr Gewicht und
damit das Gewicht des darin enthaltenen Sauerstoffs bleibt sich nicht
gleich. In der Wärme dehnt sich die Luft aus, in der Kälte zieht sie
sich zusammen. In einem gleichen Volum kalter und warmer Luft haben wir
ein ungleiches Gewicht Sauerstoff. Im Sommer enthält die atmosphärische
Luft Wassergas, im Winter ist sie trocken; der Raum, den das Wassergas
in der warmen Luft einnimmt, wird im Winter durch Luft eingenommen, d.
h. sie enthält bei gleichem Volum im Winter mehr Sauerstoff.
Im Sommer und Winter, am Pole und Aequator athmen wir ein gleiches
Luftvolumen ein. Die kalte Luft erwärmt sich beim Einathmen in der
Luftröhre und den Lungenzellen, und nimmt die Temperatur des Körpers an.
Um ein gewisses Sauerstoffvolumen in die Lunge zu bringen, ist im Winter
ein geringerer Kraftaufwand nöthig, als im Sommer; für denselben
Kraftverbrauch athmet man im Winter mehr Sauerstoff ein.
Es ist einleuchtend, daß wir bei einer gleichen Anzahl von Athemzügen an
dem Ufer des Meeres eine größere Menge von Sauerstoff verzehren, als auf
Bergen; daß die Menge der austretenden Kohlensäure, so wie das
eingesaugte Sauerstoffgas mit dem Barometerstande sich ändert.
Das aufgenommene Sauerstoffgas tritt im Sommer und Winter in ähnlicher
Weise verändert wieder aus, wir athmen in niederer Temperatur und
höherem Luftdrucke mehr Kohlenstoff aus wie in höherer, und wir müssen
in dem nämlichen Verhältniß mehr oder weniger Kohlenstoff in den
Speisen genießen, in Schweden mehr wie in Sicilien, in unsern Gegenden
im Winter ein ganzes Achtel mehr wie im Sommer.
Selbst wenn wir dem Gewicht nach gleiche Quantitäten Speise in kalten
und warmen Gegenden genießen, so hat eine unendliche Weisheit die
Einrichtung getroffen, daß diese Speisen höchst ungleich in ihrem
Kohlenstoffgehalte sind. Die Früchte, welche der Südländer genießt,
enthalten im frischen Zustande nicht über 12 ~pCt.~ Kohlenstoff, während
der Speck und Thran des Polarländers 66 bis 80 ~pCt.~ Kohlenstoff
enthalten.
Es ist keine schwere Aufgabe, sich in warmen Gegenden der Mäßigkeit zu
befleißigen, oder lange Zeit den Hunger unter dem Aequator zu ertragen,
allein Kälte und Hunger reiben in kurzer Zeit den Körper auf.
Die Wechselwirkung der Bestandtheile der Speisen und des durch die
Blutcirculation im Körper verbreiteten Sauerstoffs ist _die Quelle der
thierischen Wärme_.
~III.~
Alle lebenden Wesen, deren Existenz auf einer Einsaugung von Sauerstoff
beruht, besitzen eine von der Umgebung unabhängige Wärmequelle.
Diese Wahrheit bezieht sich auf alle Thiere, sie erstreckt sich auf den
keimenden Samen, auf die Blüthe der Pflanze und auf die reifende Frucht.
Nur in den Theilen des Thieres, zu welchen arterielles Blut, und durch
dieses der in dem Athmungsproceß aufgenommene Sauerstoff gelangen kann,
wird Wärme erzeugt. Haare, Wolle, Federn besitzen keine eigenthümliche
Temperatur.
Diese höhere Temperatur des Thierkörpers oder, wenn man will,
Wärmeausscheidung ist überall und unter allen Umständen die Folge der
Verbindung einer brennbaren Substanz mit Sauerstoff.
In welcher Form sich auch der Kohlenstoff mit Sauerstoff verbinden mag,
der Akt der Verbindung kann nicht vor sich gehen, ohne von Entwicklung
von Wärme begleitet zu seyn, gleichgültig, ob sie langsam oder rasch
erfolgt, ob sie in höherer oder niederer Temperatur vor sich geht, stets
bleibt die freigewordene Wärmemenge eine unveränderliche Größe.
Der Kohlenstoff der Speisen, der sich im Thierkörper in Kohlensäure
verwandelt, muß ebenso viel Wärme entwickeln, als wenn er in der Luft
oder im Sauerstoff direct verbrannt worden wäre; der einzige Unterschied
ist der, daß die erzeugte Wärmemenge sich auf ungleiche Zeiten
vertheilt; in reinem Sauerstoffgas geht die Verbrennung schneller vor
sich, die Temperatur ist höher, in der Luft langsamer, die Temperatur
ist niedriger, sie hält aber länger an.
Es ist klar, daß mit der Menge des in gleichen Zeiten durch den
Athmungsproceß zugeführten Sauerstoffs die Anzahl der freigewordenen
Wärmegrade zu- oder abnehmen muß. Thiere, welche rasch und schnell
athmen und demzufolge viel Sauerstoff verzehren, besitzen eine höhere
Temperatur als andere, die in derselben Zeit, bei gleichem Volum des zu
erwärmenden Körpers, weniger in sich aufnehmen; ein Kind mehr (39°) als
ein erwachsener Mensch (37,5°), ein Vogel mehr (40-41°) wie ein
vierfüßiges Thier (37-38°), wie ein Fisch oder Amphibium, dessen
Eigentemperatur sich 1¹/₂ bis 2° über das umgebende Medium erhebt[E5].
Alle Thiere sind warmblütig, allein nur bei denen, welche durch Lungen
athmen, ist die Eigenwärme ganz unabhängig von der Temperatur der
Umgebung.
Die zuverlässigsten Beobachtungen beweisen, daß in allen Klimaten, in
der gemäßigten Zone sowohl wie am Aequator oder an den Polen, die
Temperatur des Menschen, so wie die aller sogenannten warmblütigen
Thiere, niemals wechselt; allein wie verschieden sind die Zustände, in
denen sie leben.
Der Thierkörper ist ein erwärmter Körper, der sich zu seiner Umgebung
verhält wie alle warmen Körper; er empfängt Wärme, wenn die äußere
Temperatur höher, er giebt Wärme ab, wenn sie niedriger ist, als seine
eigene Temperatur.
Wir wissen, daß die Schnelligkeit der Abkühlung eines warmen Körpers
wächst mit der Differenz seiner eignen Temperatur und der des Mediums,
worin er sich befindet, d. h. je kälter die Umgebung ist, in desto
kürzerer Zeit kühlt sich der warme Körper ab.
Wie ungleich ist aber der Wärmeverlust, den ein Mensch in Palermo
erleidet, wo die äußere Temperatur nahe gleich ist der Temperatur des
Körpers, und der eines Menschen, der am Pole lebt, wo die Temperatur
40-50 Grade niedriger ist.
Trotzt diesem so höchst ungleichen Wärmeverlust, zeigt die Erfahrung,
daß das Blut des Polarländers keine niedrigere Temperatur besitzt, als
das des Südländers, der in einer so verschiedenen Umgebung lebt.
Diese Thatsache ihrer wahren Bedeutung nach anerkannt, beweis’t, daß die
nach Außen hin abgegebene Wärme in dem Thierkörper mit großer
Schnelligkeit ersetzt wird; im Winter erfolgt diese Erneuerung schneller
wie im Sommer, am Pole rascher wie am Aequator.
In verschiedenen Klimaten wechselt nun die Menge des durch die
Respiration in den Körper tretenden Sauerstoffs nach der Temperatur der
äußern Luft; mit dem Wärmeverlust durch Abkühlung steigt die Menge des
eingeathmeten Sauerstoffs; die zur Verbindung mit diesem Sauerstoff
nöthige Menge Kohlenstoff oder Wasserstoff, sie muß in einem ähnlichen
Verhältniß zunehmen.
Es ist klar, daß der Wärmeersatz bewirkt wird durch die Wechselwirkung
der Bestandtheile der Speisen, die sich mit dem eingeathmeten Sauerstoff
verbinden. Um einen trivialen aber deswegen nicht minder richtigen
Vergleich anzuwenden, verhält sich in dieser Beziehung der Thierkörper,
wie ein Ofen, den wir mit Brennmaterial versehen. Gleichgültig, welche
Formen die Speisen nach und nach im Körper annehmen, welche
Veränderungen sie auch erleiden mögen, die letzte Veränderung, die sie
erfahren, ist eine Verwandlung ihres Kohlenstoffs in Kohlensäure, ihres
Wasserstoffs in Wasser; der Stickstoff und der unverbrannte Kohlenstoff,
sie werden in dem Urin und den festen Excrementen abgeschieden. Um eine
constante Temperatur im Ofen zu haben, müssen wir, je nach der äußern
Temperatur wechselnd, eine ungleiche Menge von Brennmaterial
einschieben.
In Beziehung auf den Thierkörper sind die Speisen das Brennmaterial; bei
gehörigem Sauerstoffzutritt erhalten wir die durch ihre Oxydation
freiwerdende Wärme. Im Winter, bei Bewegung in kalter Luft, wo die Menge
des eingeathmeten Sauerstoffs zunimmt, wächst in dem nämlichen
Verhältniß das Bedürfniß nach kohlen- und wasserstoffreichen
Nahrungsmitteln, und in Befriedigung dieses Bedürfnisses erhalten wir
den wirksamsten Schutz gegen die grimmigste Kälte. Ein Hungernder
friert. Jedermann weiß, daß die Raubthiere der nördlichen Klimate an
Gefräßigkeit weit den in südlichen Gegenden voranstehen.
In der kalten und temperirten Zone treibt uns die Luft, die ohne
Aufhören den Körper zu verzehren strebt, zur Arbeit und Anstrengung, um
uns die Mittel zum Widerstande gegen diese Einwirkung zu schaffen,
während in heißen Klimaten die Anforderungen zur Herbeischaffung an
Speise bei weitem nicht so dringend sind.
Unsere Kleider sind nur Aequivalente für die Speisen; je wärmer wir uns
kleiden, desto mehr vermindert sich das Bedürfniß zu essen, eben weil
der Wärmeverlust, die Abkühlung und damit der nöthige Ersatz durch
Speisen kleiner wird.
Gingen wir nackt wie der Indianer, oder wären wir beim Jagen und Fischen
denselben Kältegraden ausgesetzt wie der Samojede, so würden wir 10
Pfund Fisch oder Fleisch und noch obendrein ein Dutzend Talglichter
bewältigen können, wie uns warmbekleidete Reisende mit Verwunderung
erzählt haben; wir würden dieselbe Menge Branntwein oder Thran ohne
Nachtheil genießen können, eben weil ihr Kohlenstoff- und
Wasserstoffgehalt dazu dient, um ein Gleichgewicht mit der äußeren
Temperatur hervorzubringen.
Die Menge der zu genießenden Speisen richtet sich nach den
vorhergehenden Auseinandersetzungen, nach der Anzahl der Athemzüge, nach
der Temperatur der Luft, die wir einathmen und nach dem Wärmequantum,
was wir nach außen hin abgeben.
Keine isolirte, entgegenstehende Thatsache kann die Wahrheit dieses
Naturgesetzes ändern. Ohne der Gesundheit einen vorübergehenden oder
bleibenden Nachtheil zuzufügen, kann der Neapolitaner nicht mehr
Kohlenstoff und Wasserstoff in den Speisen zu sich nehmen, als er
ausathmet, und kein Nordländer kann mehr Kohlenstoff und Wasserstoff
ausathmen, als er in den Speisen zu sich genommen hat, wenn nicht im
Zustand der Krankheit, oder wenn er hungert, Zustände, die wir näher
beleuchten werden.
Der Engländer sieht mit Bedauern seinen Appetit, der ihm einen häufig
wiederkehrenden Genuß darbietet, in Jamaica schwinden, und es gelingt
ihm in der That, durch Cayennepfeffer und die kräftigsten Reizmittel die
nämliche Menge von Speisen zu sich zu nehmen wie in seiner Heimath;
allein der in den Körper übergegangene Kohlenstoff dieser Speisen, er
wird nicht verbraucht, die Temperatur der Luft ist zu hoch und eine
erschlaffende Hitze erlaubt nicht die Anzahl der Athemzüge (durch
Bewegung und Anstrengung) zu steigern, den Verbrauch also mit dem, was
er zu sich genommen, in Verhältniß zu setzen.
Im Gegensatz hierzu sendet England seine Patienten, deren kranken
Verdauungsorganen die Fähigkeit abgeht oder vermindert ist, die Speisen
in den Zustand zu versetzen, in welchem sie sich zur Verbindung mit dem
Sauerstoff eignen, welche also weniger Widerstand produziren, als das
_Klima_, die Temperatur ihrer Heimath verlangt, nach südlichen Gegenden,
wo die Menge des eingeathmeten Sauerstoffs in einem so großen Verhältniß
sich vermindert, und das Resultat, eine Verbesserung des
Gesundheitzustandes, ist sichtbar. Die kranken Verdauungsorgane haben
Kraft genug, um die geringere Menge von Speise in Verhältniß zu setzen
mit dem verbrauchten Sauerstoff; in dem kälteren Klima wurden die
Respirationsorgane selbst zu diesem Widerstande dienen müssen.
Im Sommer sind bei uns die Leberkrankheiten (Kohlenstoffkrankheiten), im
Winter die Lungenkrankheiten (Sauerstoffkrankheiten) vorherrschend.
Die Abkühlung des Körpers, durch welche Ursache es auch sei, bedingt
eine größeres Maaß von Speise. Der bloße Aufenthalt in freier Luft,
gleichgültig ob im Reisewagen oder auf dem Verdecke von Schiffen, erhöht
durch Strahlung und gesteigerte Verdunstung den Wärmeverlust, selbst
ohne vermehrte Bewegung; er zwingt uns mehr wie gewöhnlich zu essen.
Dasselbe muß für Personen gelten, welche gewohnt sind große Quantitäten
kaltes Wasser zu trinken, welches auf 37° erwärmt wieder abgeht, es
vermehrt den Appetit, und schwächliche Constitutionen müssen durch
anhaltende Bewegung den zum Ersatz der an das kalte Wasser abgegebenen
Wärme nöthigen Sauerstoff dem Körper hinzuführen. Starkes und
anhaltendes Sprechen und Singen, das Schreien der Kinder, feuchte Luft,
alles dieses übt einen bestimmten nachweisbaren Einfluß auf die zu
genießenden Speisen aus.
~IV.~
In dem Vorhergehenden ist angenommen worden, daß vorzüglich der
Kohlenstoff und Wasserstoff zur Verbindung mit dem Sauerstoff und zur
Hervorbringung der animalischen Wärme dient; die einfachsten
Beobachtungen zeigen in der That, daß der Wasserstoff der Speisen eine
nicht minder wichtige Rolle wie der Kohlenstoff spielt.
Der ganze Respirationsproceß erscheint in völliger Klarheit, wenn wir
den Zustand eines Menschen oder Thieres, bei Enthaltung aller Speise,
ins Auge fassen. Die Athembewegungen bleiben ungeändert, es wird nach
wie vor Sauerstoff aus der Atmosphäre aufgenommen und Kohlensäure und
Wasserdampf ausgeathmet. Wir wissen mit unzweifelhafter Bestimmtheit,
woher der Kohlenstoff und Wasserstoff stammt, denn mit der Dauer des
Hungers sehen wir den Kohlenstoff und Wasserstoff des Körpers sich
vermindern.
Die erste Wirkung des Hungers ist ein Verschwinden des Fettes; dieses
Fett ist weder in den sparsamen Faeces, noch im Urin nachweisbar, sein
Kohlenstoff und Wasserstoff sind durch Haut und Lunge in der Form von
Sauerstoffverbindungen ausgetreten; es ist klar, diese Bestandtheile
haben zur Respiration gedient.
Jeden Tag treten 65 Loth Sauerstoff ein und nehmen beim Austreten einen
Theil von dem Körper des Hungernden mit. (_Currie_ sah einen Kranken,
der nicht schlingen konnte, während eines Monates über 100 Pfd. an
seinem Gewichte verlieren, und ein fettes Schwein, was durch einen
Bergsturz verschüttet wurde, lebte 160 Tage ohne Nahrung, und hatte über
120 Pfd. am Gewichte verloren.) (_Martell_ in den ~Transactions of the
Linnéan Soc. Vol. XI. p.~ 411.) Das Verhalten der Winterschläfer, so wie
die periodenweise Ansammlung von Fett bei andern Thieren, von Fett, was
in andern Perioden ihres Lebens wieder verschwindet, ohne eine Spur zu
hinterlassen, alle diese wohlbekannten Thatsachen beweisen, daß der
Sauerstoff in dem Respirationsproceß keine Auswahl unter den Stoffen
trifft, die sich zu einer Verbindung mit ihm eignen. Der Sauerstoff
verbindet sich mit allem, was ihm dargeboten wird, und nur Mangel an
Wasserstoff ist der Grund, warum sich überhaupt Kohlensäure bildet, eben
weil bei der Temperatur des Körpers die Verwandtschaft des Wasserstoffs
zum Sauerstoff bei weitem die des Kohlenstoffs übertrifft.
Wir wissen in der That, daß die grasfressenden Thiere ein dem
eingeathmeten Sauerstoff gleiches Volum Kohlensäure wieder ausathmen,
während bei den Fleischfressern, der einzigen Thierklasse, welche Fett
in ihrer Nahrung genießt, mehr Sauerstoff aufgenommen wird, als dem
ausgeathmeten Kohlensäurevolum entspricht; bestimmte Versuche haben
dargethan, daß in manchen Fällen nur die Hälfte von dem Volumen des
Sauerstoffs an Kohlensäuregas ausgeathmet wird. Diese Beobachtungen sind
keiner Widerlegung fähig, sie sind überzeugender, als alle die künstlich
und willkürlich hervorgerufenen Erscheinungen, die man Versuche nennt,
Versuche, welche, völlig entbehrlich, alles Gegengewichtes ermangeln,
wenn die Gelegenheit zur Beobachtung in der Natur sich darbietet und
diese Gelegenheit verständig benutzt wird.
Bei Hungernden verschwindet aber nicht allein das Fett, sondern nach und
nach alle der Löslichkeit fähigen, festen Stoffe. In dem völlig
abgezehrten Körper der Verhungerten sind die Muskeln dünn und mürbe, der
Contractibilität beraubt, alle Theile des Körpers, welche fähig waren,
in den Zustand der Bewegung überzugehen, sie haben dazu gedient, um den
Rest der Gebilde vor der alles zerstörenden Wirkung der Atmosphäre zu
schützen; zuletzt nehmen die Bestandtheile des Gehirns Antheil an diesem
Oxydationsproceß, es erfolgt Wahnsinn, Irrereden und der Tod, das heißt,
aller Widerstand hört völlig auf, es tritt der chemische Proceß der
Verwesung ein, alle Theile des Körpers verbinden sich mit dem Sauerstoff
der Luft.
Die Zeit, in welcher ein Verhungernder stirbt, richtet sich nach dem
Zustand der Fettleibigkeit, nach dem Zustand der Bewegung (Anstrengung
und Arbeit), nach der Temperatur der Luft, und ist zuletzt abhängig von
der Gegenwart oder Abwesenheit des Wassers. Durch die Haut und Lunge
verdunstet eine gewisse Menge Wasser, durch deren Austreten, als die
Bedingung aller Vermittelung von Bewegungen, der Tod beschleunigt wird.
Es giebt Fälle, wo bei ungeschmälertem Wassergenuß der Tod erst nach 20,
in einem Fall erst nach 60 Tagen erfolgte.
In allen chronischen Krankheiten erfolgt der Tod durch die nämliche
Ursache, durch die Einwirkung der Atmosphäre. Wenn die Stoffe fehlen,
welche in dem Organismus zur Unterhaltung des Respirationsprocesses
bestimmt sind, wenn die Organe des Kranken ihre Funktion versagen, wenn
sie die Fähigkeit verlieren, zu ihrem eignen Schutz die genossenen
Speisen in den Zustand zu versetzen, in dem sich ihre Bestandtheile mit
dem Sauerstoff der Luft zu verbinden vermögen, so wird ihre eigne
Substanz, das Fett, das Gehirn, die Substanz der Muskeln und Nerven dazu
verwendet[F1].
[1] In Beziehung auf den wahren Vorgang verweise ich auf die
Betrachtung des Stoffwechsels in dem Körper der Carnivoren (s. im
Folgenden).
Die eigentliche Ursache des Todes ist in diesen Fällen der
Respirationsproceß, die Einwirkung der Atmosphäre. Mangel an Nahrung,
an Fähigkeit, sie zu Bestandtheilen des Organismus zu machen, ist Mangel
an Widerstand, es ist die negative Ursache des Aufhörens der
Lebensthätigkeit. Die Flamme geht aus, weil das Oel verzehrt ist; es ist
der Sauerstoff der Luft, der es verzehrt hat.
In manchen Krankheitszuständen erzeugen sich Stoffe, die zur
Assimilation nicht verwendbar sind, durch bloße Enthaltung von Speisen
werden sie aus dem Körper entfernt, sie verschwinden, ohne eine Spur zu
hinterlassen, indem ihre Bestandtheile mit dem Sauerstoff der Luft in
Verbindung treten.
Von dem Augenblicke an, wo die Funktion der Haut oder Lunge eine Störung
erleidet, erscheinen kohlenstoffreichere Stoffe im Urin, der seine
gewöhnliche Farbe in braun umändert. Von der ganzen Oberfläche des
menschlichen Körpers wird Sauerstoff aus der Luft aufgenommen, der sich
mit allen Materien verbindet, die seiner Action keinen Widerstand
entgegensetzen; an allen Stellen des Körpers, wo der Zutritt des
Sauerstoffs gehemmt ist, unter den Achselhöhlen und an den Füßen z. B.,
bemerken wir eine Ausscheidung von Stoffen, die sich durch ihren Zustand
oder durch den Geruch den Sinnen zu erkennen geben.
Die Respiration ist das fallende Gewicht, die gespannte Feder, welche
das Uhrwerk in Bewegung erhält, die Athemzüge sind die Pendelschläge,
die es reguliren. Wir kennen bei unseren gewöhnlichen Uhren mit
mathematischer Schärfe die Aenderungen, welche durch die Länge des
Pendels oder durch äußere Temperaturen ausgeübt werden, auf ihren
regelmäßigen Gang; allein nur von Wenigen ist in seiner Klarheit der
Einfluß erkannt, den Luft und Temperatur auf den Gesundheitszustand des
menschlichen Körpers ausüben, und doch ist die Ausmittelung der
Bedingungen, um ihn im normalen Zustand zu erhalten, nicht schwieriger,
wie bei einer gewöhnlichen Uhr.
~V.~
Der Mangel an einer richtigen Ansicht von Kraft und Wirkung und dem
Zusammenhang der Naturerscheinungen hat die Chemiker dahin geführt,
einen Theil der im Thierorganismus sich erzeugenden Wärme den Wirkungen
des Nervensystems zuzuschreiben. Wenn man damit einen Stoffwechsel als
Bedingung der Nervenwirkungen ausschließt, so will dies nichts anders
sagen, als das Vorhandensein einer Bewegung, die Aeußerung einer
Thätigkeit hervorgehen zu machen aus Nichts. Allein aus Nichts kann
keine Kraft, keine Thätigkeit entstehen.
Niemand wird ernstlich den Antheil läugnen, welchen die Nervenapparate
an dem Respirationsproceß nehmen, keine Art von Zustandsänderung kann im
Thierkörper vor sich gehen, ohne die Nerven, denn sie sind die Bedinger
aller Bewegungen. Durch sie, durch ihre Mitwirkung produciren die
Eingeweide die Stoffe, welche als Mittel zum Widerstande gegen die
Einwirkung des Sauerstoffs zur Hervorbringung der animalischen Wärme
dienen, und mit dem Aufhören ihrer Funktionen muß der ganze Akt der
Sauerstoffaufnahme eine andere Form annehmen. Beim Durchschneiden des
Gehirns von Hunden beim ~Pons varolii~, bei Contusionen gegen Scheitel
und Hinterhaupt fährt das Thier eine Zeitlang zu athmen fort, oft
rascher und lebhafter, wie im gesunden Zustande, die Schnelligkeit des
Blutumlaufs nimmt in der ersten Zeit eher zu als ab, allein das Thier
erkaltet, wie wenn ein plötzlicher Tod eingetreten wäre, der dann auch
unabwendbar erfolgt; ganz ähnliche Erfahrungen hat man bei
Durchschneidung des Rückenmarks, des ~Nervus vagus~ gemacht. Die
Athembewegungen dauern eine Zeitlang fort, allein der Sauerstoff findet
die Stoffe auf seinem Wege nicht vor, mit denen er sich im normalen
Zustande verbunden haben würde, weil sie ihm von den gelähmten
Unterleibsorganen nicht geliefert werden können. Die sonderbare Ansicht
über die Erzeugung der thierischen Wärme durch die Nerven, sie ist, wie
man leicht bemerkt, aus der Vorstellung hervorgegangen, daß das
eingesaugte Sauerstoffgas in dem Blute selbst zu Kohlensäure werde, in
welchem Fall, in obigen Versuchen, freilich die Temperatur des Körpers
nicht abnehmen dürfte, allein es kann, wie später entwickelt werden
soll, keinen größeren Irrthum geben.
Aehnlich wie bei Durchschneidung der pneumogastrischen Nerven die
Bewegung des Magens und die Secretion des Magensaftes aufgehoben und
damit dem Verdauungsproceß eine unmittelbare Gränze gesetzt wird, ändert
die Lähmung der Bewegungsorgane des Unterleibs den Respirationsproceß;
beide stehen in dem engsten Zusammenhang mit einander; eine jede
Störung des Nervensystems, der Verdauungsnerven übt rückwärts einen
wahrnehmbaren Einfluß auf den Respirationsproceß aus.
Man hat zuletzt die Beobachtung gemacht, daß durch die Contraction der
Muskeln Wärme erzeugt wird, ähnlich wie in einem Stücke Kautschuck, was
man, rasch aus einander gezogen, sich wieder contrahiren läßt. Man ist
so weit gegangen, einen Theil der thierischen Wärme den mechanischen
Bewegungen im Körper zuzuschreiben, als ob die Bewegungen selbst
entstehen könnten, ohne einen gewissen Aufwand von Kraft, welche durch
diese Bewegungen verzehrt wird. Durch was aber, kann man hier fragen,
wird diese Kraft erzeugt?
Durch verbrennenden Kohlenstoff, durch Auflösung eines Metalls in einer
Säure, durch die Vereinigung der beiden Elektricitäten, durch Einsaugung
von Licht entsteht Wärme. Gleichermaßen entsteht Wärme, wenn wir zwei
Stücke eines festen Körpers mit einer gewissen Geschwindigkeit auf
einander reiben.
Durch eine Menge in ihren Aeußerungen höchst verschiedener Ursachen
können wir einerlei Effekt hervorbringen. Wir haben in der Verbrennung
und in der Elektricitätserzeugung einen Stoffwechsel, oder, wie in dem
Licht und der Reibungswärme, die Verwandlung einer vorhandenen Bewegung
in eine neue, die auf eine andere Weise auf unsere Sinne wirkt. Wir
haben ein Substrat, etwas Gegebenes, was die Form eines andern
Substrates annimmt, in allen Fällen eine Kraft und eine Wirkung. Wir
können durch Feuer unter einer Dampfmaschine alle möglichen Arten von
Bewegungen, und durch ein gegebenes Maaß von Bewegung Feuer
hervorbringen.
Ein Stück Zucker, das wir auf einem Reibeisen reiben, erleidet an den
Berührungsflächen des Eisens die nämliche Veränderung, wie durch eine
hohe Temperatur, und zwei Stücke Eis schmelzen an den Punkten, wo sie
sich reibend berühren.
Man muß sich nur erinnern, daß die ausgezeichnetsten Physiker die
Erscheinungen der Wärme nur als Bewegungserscheinungen gelten lassen,
eben weil der Begriff der _Erzeugung_ einer Materie, wenn auch einer
gewichtslosen, schlechterdings nicht vereinbar ist mit ihrer Entstehung
durch mechanische Ursachen, wie durch Reibung und Bewegung.
Alles zugegeben, was von elektrischen und magnetischen Störungen in dem
Thierkörper Antheil nehmen mag an den Funktionen seiner Organe, die
letzte Ursache aller dieser Thätigkeiten ist ein Stoffwechsel,
ausdrückbar durch einen in einer gewissen Zeit stattfindenden Uebergang
der Bestandtheile der Speisen in Sauerstoffverbindungen; diejenigen
unter ihnen, welche diesen allmähligen Verbrennungsproceß nicht
erfahren, sie werden unverbrannt oder unverbrennlich in der Form von
Excrementen ausgestoßen.
Es ist nun schlechterdings unmöglich, daß eine gegebene Menge
Kohlenstoff oder Wasserstoff, welche verschiedene Formen sie auch im
Laufe der Verbrennung annehmen mögen, mehr Wärme hervorzubringen fähig
ist, als wie sie liefert, wenn sie im Sauerstoffgas oder in der Luft
direkt verbrannt wird.
Wenn wir Feuer unter eine Dampfmaschine machen und die erhaltene Kraft
benutzen, um durch Reibung Wärme hervorzubringen, so kann diese in
keiner Weise jemals größer sein, als die Wärme, die wir nöthig gehabt
haben, um den Dampfkessel zu heizen, und wenn wir in einer galvanischen
Säule den Strom zur Hervorbringung von Wärme benutzen, so ist diese
unter allen Umständen nicht größer, als wir sie haben können durch die
Verbrennung des Zinks, was sich in der Säure anflös’t.
Die Contraction der Muskeln erzeugt Wärme, die hierzu nöthige Kraft
äußert sich durch die Organe der Bewegung, die sie durch einen
Stoffwechsel empfangen. Die letzte Ursache der erzeugten Wärme kann
natürlich nur dieser Stoffwechsel sein.
Durch die Auflösung eines Metalls in einer Säure entsteht ein
elektrischer Strom; durch einen Draht geleitet, wird dieser zu einem
Magneten, durch den wir verschiedene Effekte hervorzubringen vermögen.
Die Ursache aller erzeugten Erscheinungen ist der Magnetismus, die
Ursache der magnetischen Wirkungen suchen wir in dem elektrischen Strom,
und die letzte Ursache des elektrischen Stromes, wir finden sie in einem
Stoffwechsel, in einer chemischen Action.
Es giebt verschiedene Ursachen der Krafterzeugung; eine gespannte Feder,
ein Luftstrom, eine fallende Wassermasse, Feuer, was unter einem
Dampfkessel brennt, ein Metall, was sich in einer Säure lös’t, durch
alle diese verschiedenen Ursachen der Bewegung läßt sich einerlei Effekt
hervorbringen. In dem thierischen Körper erkennen wir aber als die
letzte Ursache aller Krafterzeugung nur _eine_, und diese ist die
Wechselwirkung, welche die Bestandtheile der Speisen und der Sauerstoff
der Luft auf einander ausüben. Die einzige bekannte und letzte Ursache
der Lebensthätigkeit im Thier sowohl, wie in der Pflanze ist ein
chemischer Proceß; schließen wir ihn aus, so stellen sich die
Lebensäußerungen nicht ein, oder sie hören auf, wahrnehmbar zu sein;
hindern wir die chemische Action, so nehmen die Lebenserscheinungen
andere Formen an.
Nach den Versuchen von _Despretz_ entwickelt 1 Loth Kohlenstoff bei
seiner Verbrennung so viel Wärme, daß damit 105 Loth Wasser von 0° auf
75° erwärmt werden können, im Ganzen also 105mal 75° = 7875° Wärme. Die
27,8 Loth Kohlenstoff, welche sich in dem Körper eines Soldaten in
Kohlensäure verwandeln, entwickeln mithin 27,8mal 7875° Wärme = 218825°
Wärme. Mit dieser Wärmemenge kann man 1 Loth Wasser auf diese Temperatur
erheben oder 68⁴/₁₀ Pfd. Wasser zum Sieden oder 185 Pfd. auf 37°
erhitzen, oder 12 Pfd. Wasser bei 37° in Dampf verwandeln.
Wenn wir nun annehmen, daß die Ausdünstung durch Haut und Lunge in 24
Stunden 48 Unzen (3 Pfd.) betrage, so bleiben, die hierzu nöthige
Wärmemenge abgezogen, 162093 Grad Wärme, welche durch Strahlung, durch
Erwärmung der ausgeathmeten Luft, durch Faeces und Urin aus dem Körper
treten.
Es ist in dieser Rechnung die durch den verbrennenden Wasserstoff, durch
seinen Uebergang in Wasser, erzeugte Wärmemenge nicht in Anschlag
gebracht. Wenn man sich nun erinnert, daß die specifische Wärme der
Knochen, des Fettes, der Substanz der Organe weit geringer ist, als die
des Wassers, daß sie also, um auf 37° erwärmt zu werden, weit weniger
Wärme bedürfen, als ein gleiches Gewicht Wasser, so kann es keinem
Zweifel unterliegen, daß, alle diese Verhältnisse mit in Rechnung
gezogen, die durch den Verbrennungsproceß erzeugte Wärme vollkommen
hinreicht, um die constante Temperatur des Körpers und die Verdunstung
zu erklären.
~VI.~
Alle Versuche der Physiker über die Sauerstoffmenge, die ein Thier in
einer gegebenen Zeit verzehrt, so wie die Schlüsse, die man daraus auf
die Entstehung der animalischen Wärme gezogen hat, sind völlig
bedeutungslos, denn diese Sauerstoffmengen wechseln, nach der Temperatur
und der Dichtigkeit der Luft, nach dem Zustand der Bewegung, Arbeit und
Anstrengung, sie ändern sich nach der Menge und Qualität der genossenen
Nahrung, mit der mehr oder weniger warmen Kleidung, nach der Zeit, in
welcher die Speise verzehrt wurde. Die Gefangenen in dem Zuchthaus
(Arbeitshaus) zu Marienschloß verzehren nicht über 21 Loth Kohlenstoff,
die in dem Arresthaus zu Gießen, denen alle Bewegung mangelt, nicht
über 17 Loth[E6] und in einer mir bekannten Haushaltung verzehrten 9
Personen (4 Kinder, 5 Erwachsene) durchschnittlich nicht über 19 Loth
Kohlenstoff[F2]. Annäherungsweise kann angenommen werden, daß die
aufgenommenen Sauerstoffmengen sich wie diese Zahlen verhalten, allein
durch Fleisch, Wein und Fettgenuß ändern sich diese Verhältnisse in
Folge des ausgetretenen Wasserstoffs dieser Nahrungsmittel, der in
seiner Verwandlung in Wasser bei gleichem Gewichte eine weit größere
Wärmemenge hervorbringt.
[2] In dieser Haushaltung wurden im Monat verbraucht 151 Pfd.
Schwarzbrod, 70 Pfd. Weißbrod, 132 Pfd. Fleisch, 19 Pfd. Zucker, 15,9
Pfd. Butter, 57 Maaß Milch, der Kohlenstoff der Gemüse und Kartoffeln,
des Wildbrets, Geflügels und Weins für die Excremente angeschlagen.
Die Versuche über die Bestimmung der Wärmemenge, die sich für einen
gegebenen Sauerstoffverbrauch aus einem Thier entwickelt, sind nicht
minder bedeutungslos. Man hat Thiere in geschlossenen, mit kaltem Wasser
umgebenen Räumen athmen lassen, die Wärmezunahme der Umgebung durch den
Thermometer gemessen und die Menge des verschwundenen Sauerstoffgases,
so wie die erzeugte Kohlensäure durch die Analyse der ein- und
ausgetretenen Luft bestimmt. In diesen Versuchen hat man gefunden, daß
das Thier mehr Wärme verlor, als dem verzehrten Sauerstoff entsprach,
und zwar ¹/₁₀ mehr, und wenn man dem Thiere die Luftröhre zugebunden
haben würde, so wäre das merkwürdige Verhältniß eingetreten, daß das
umgebende Wasser durch das erkaltende Thier Wärme empfangen hätte, ohne
allen Verbrauch von Sauerstoff. Die Temperatur des Thiers war 38°, die
des umgebenden Wassers in den Versuchen von _Despretz_ 8,5°. Diese
Versuche beweisen also, daß bei einer großen Differenz der Temperatur
des Körpers und der der Umgebung, beim Mangel aller Bewegung, mehr Wärme
entweicht, als dem eingeathmeten Sauerstoff entspricht; in gleichen
Zeiten bei freier ungehinderter Bewegung würde eine weit größere Menge
Sauerstoff aufgenommen worden sein, ohne bemerkbare Erhöhung des
Wärmeverlustes. Dieser Zustand tritt bei Menschen und Thieren zu
gewissen Jahreszeiten ein, und wir sagen in diesem Fall, daß wir
frieren. Es ist klar, daß, wenn wir einen Menschen mit einem
metallischen Kleide umgeben, der Wärmeverlust, wenn wir ihm Hände und
Füße binden, bei gleichem Sauerstoffverbrauch weit größer sein wird, als
wenn wir ihn in Pelz und Wolle stecken, ja wir finden sogar, daß er in
dem letztern Fall anfängt zu schwitzen, daß warmes Wasser quellenweise
aus den feinen Schweißlöchern seiner Haut tritt.
Wenn man hinzunimmt, daß ganz bestimmte Beobachtungen vorliegen, wo
Thiere, die gebunden in einer unnatürlichen Stellung, z. B. auf dem
Rücken liegend, athmeten, daß die Temperatur ihres Körpers durch den
Thermometer meßbar abnimmt, so kann man wohl schwerlich über die
Schlüsse, die man aus diesen Versuchen gezogen hat, im Zweifel sein.
Diese Schlüsse haben für die Meinung, daß eine andere unbekannte Quelle
der Wärme in dem thierischen Körper existire, nicht den allergeringsten
Werth.
~VII.~
Wenn wir die Erzeugung von Kraft, die Bewegungserscheinungen mit
_Nervenleben_, und den Widerstand, den Zustand des statischen
Gleichgewichtes mit _vegetativem Leben_ bezeichnen, so ist klar, daß im
jugendlichen Alter bei allen Thierklassen das letztere, nämlich das
vegetative Leben, das Nervenleben überwiegt.
Der Uebergang des in Bewegung befindlichen Stoffs in den Zustand der
Ruhe zeigt sich in einer Zunahme an Masse, in einem Ersatz an
verbrauchtem Stoffe; die Bewegung selbst, die Krafterzeugung stellt sich
dar als ein Verbrauch an Stoff.
In dem jugendlichen Thiere ist der Verbrauch kleiner, als die Zunahme,
und diesen Zustand eines intensiveren vegetativen Lebens behält das
weibliche Thier bis zu einem gewissen Lebensalter unverändert bei, es
erreicht nicht, wie beim männlichen Thiere, mit der Ausbildung aller
Organe eine Gränze.
Das weibliche Thier ist zu gewissen Perioden des Jahrs der Fortpflanzung
fähig, durch äußere Bedingungen, Temperatur, Nahrung &c. wird das
vegetative Leben in seinem Organismus gesteigert, er producirt mehr als
er verwendet; diese Fähigkeit zeigt sich in der Fortpflanzung.
Unabhängig von äußeren Bedingungen der Steigerung des vegetativen
Lebens ist das Weib des Menschen, mit der Ausbildung aller seiner
Organe, zu jeder Zeit der Fortpflanzung fähig, die Empfängniß ist an
keine Periode gebunden, und eine wunderbare Weisheit hat in seinen
Körper die Fähigkeit gelegt, bis zu einem bestimmten Lebensalter alle
Bestandtheile seiner Organe in größerer Menge zu erzeugen, als sie zur
Reproduktion der umgesetzten Gebilde erforderlich sind. Dieses Erzeugniß
enthält nachweisbar alle Elemente eines ihm gleichen Wesens, es vermehrt
sich in jedem Lebensmomente und wird, bis es Verwendung findet,
periodenweise aus dem Körper abgeschieden. Mit der Befruchtung des Ei’s
hört diese Abscheidung auf, jeder Tropfen des mehrerzeugten Blutes formt
sich zu einem der Mutter ähnlichen Organismus.
Durch Bewegung und Anstrengung wird die Menge des abgeschiedenen Blutes
geringer, und bei krankhafter Unterdrückung der Menstruation zeigt sich
das vegetative Leben in einer gesteigerten Fettbildung. Wird das
Gleichgewicht des vegetativen und Nervenlebens bei dem Manne gestört,
wird die Intensität des letztern, wie bei den Castraten, verringert, so
zeigt sich das Uebergewicht des erstern in einer gleichen Form, in einer
Steigerung der Fettbildung.
~VIII.~
Wenn wir festhalten, daß die Zunahme an Masse in dem thierischen Körper,
daß die Ausbildung seiner Organe und ihrer Reproduktion aus dem Blute,
d. h. aus den Bestandtheilen des Blutes, geschieht, so können nur
diejenigen Materien Nahrungsmittel genannt werden, welche fähig sind zu
Blut zu werden. Die Untersuchung der Stoffe, die sich hierzu eignen,
beschränkt sich hiernach auf die Ausmittelung der Zusammensetzung der
Nahrungsmittel und ihrer Vergleichung mit der Zusammensetzung der
Bestandtheile des Blutes.
Zwei Materien sind als Hauptbestandtheile des Blutes vorzüglich in
Betracht zu ziehen. Die eine davon scheidet sich augenblicklich aus dem
Blute ab, sobald es aus der Circulation genommen wird. Jedermann weiß,
daß das Blut in diesem Fall gerinnt, es trennt sich in eine gelbliche
Flüssigkeit, in _Blutserum_, und eine gallertartige Masse, die sich in
weichen, zähen elastischen Fäden an einen Stab oder eine Ruthe anhängt,
mit denen man das frische Blut während seines Gerinnens peitscht oder
schlägt. Dieser Körper ist das _Fibrin_, Blutfaserstoff, er ist
identisch in seinen Eigenschaften mit der von allen anderen Materien
befreiten Muskelfaser.
Der zweite Hauptbestandtheil des Blutes ist im Blutserum enthalten, er
ertheilt dieser Flüssigkeit alle Eigenschaften des weißen Theils des
Hühnerei’s, indem er identisch mit diesem Bestandtheil aller Eier ist.
Er gerinnt in der Hitze zu einer weißen elastischen Masse; dieser
gerinnende Bestandtheil hat den Namen _Albumin_ erhalten.
Fibrin und Albumin, die Hauptbestandtheile des Blutes, enthalten im
Ganzen 7 chemische Elemente, unter welche namentlich Stickstoff,
Phosphor und Schwefel, so wie die Substanz der Knochen gehört. In dem
Serum befinden sich Kochsalz und Salze in Auflösung, welche Kali, Natron
als Basen enthalten, sie sind mit Kohlensäure, Phosphorsäure und
Schwefelsäure verbunden. Die Blutkörperchen enthalten Fibrin und
Albumin, sowie einen rothen Farbstoff, in welchem Eisen einen nie
fehlenden Bestandtheil ausmacht. Außer diesen enthält das Blut noch
einige fette Körper in geringer Menge, die sich von den gewöhnlichen
Fetten durch verschiedene Eigenschaften unterscheiden.
Die chemische Analyse hat zu dem merkwürdigen Resultate geführt, daß
Fibrin und Albumin einerlei organische Elemente und zwar in dem
nämlichen Gewichtsverhältniß enthalten, in der Art also, daß, wenn man
zwei Analysen, die eine von Fibrin, die andere von Albumin neben
einander stellt, wir keinen größeren Unterschied in der procentischen
Zusammensetzung wahrnehmen, wie in zwei Analysen von Fibrin, oder in
zwei Analysen von Albumin.
In beiden Blutbestandtheilen sind offenbar, dies zeigt ihr verschiedener
Zustand, die Elemente auf verschiedene Weise geordnet, allein ihrer
Zusammensetzung nach sind sie identisch.
Dieser Schluß ist neuerdings aufs Schönste dadurch bestätigt worden, daß
es einem ausgezeichneten Physiologen (P. _Denis_) gelang, Fibrin in den
Zustand von Albumin künstlich überzuführen, ihm also die Löslichkeit und
Gerinnbarkeit zu geben, die das Eiweiß charakterisirt.
Neben der gleichen Zusammensetzung haben sie noch die chemische
Eigenschaft mit einander gemein, daß sie sich beide in starker Salzsäure
zu einer intensiv indigblauen Flüssigkeit lösen, welche gegen alle
Materien, die man damit zusammenbringt, ein ganz gleiches Verhalten
zeigt.
Albumin und Fibrin können beide in dem Ernährungsprocesse zu Muskelfaser
werden, und Muskelfaser kann rückwärts wieder in Blut übergehen. Dieser
Uebergang ist von den Physiologen längst außer allen Zweifel gestellt,
und die Chemie hat also nur nachgewiesen, daß die Metamorphose rückwärts
und vorwärts erfolgen kann, kraft einer einwirkenden Thätigkeit, ohne
Zuhülfenahme eines dritten Körpers oder seiner Bestandtheile, ohne daß
also ein fremdes Element aufgenommen zu werden oder ein in Verbindung
vorhandenes auszutreten braucht.
Wenn wir nun die Zusammensetzung aller Gebilde mit der des Fibrins und
Albumins im Blute vergleichen, so ergeben sich folgende Beziehungen.
Alle Theile des Thierkörpers, die eine bestimmte Form besitzen, welche
Bestandtheile von Organen sind, enthalten Stickstoff. Kein Theil oder
Bestandtheil eines Organs, welches Bewegung und Leben besitzt, ist frei
von Stickstoff, alle enthalten Kohlenstoff und die Elemente des Wassers,
wiewohl diese letzteren _nie_ in dem Verhältniß, wie im Wasser.
Die Hauptbestandtheile des Blutes enthalten nahe an 17 ~pCt.~
Stickstoff, kein Theil eines Organs enthält weniger, wie siebzehn
Procent Stickstoff[E7].
Die entscheidendsten Versuche und Beobachtungen haben bewiesen, daß der
thierische Organismus durchaus unfähig ist, ein chemisches Element,
Kohlenstoff oder Stickstoff, aus anderen Materien, in denen diese Körper
fehlen, hervorzubringen, und es ist hiernach einleuchtend, daß alle
Nahrungsmittel, die zur Blutbildung oder zur Bildung von Zellen,
Membranen, Haut, Haaren, Muskelfaser dienen sollen, eine gewisse Portion
Stickstoff enthalten müssen, eben weil dieser einen Bestandtheil der
genannten Organe ausmacht, diese aus anderen Elementen, die man ihnen
darbietet, keinen Stickstoff erzeugen können und weil kein Stickstoff
aus der Atmosphäre in dem Lebensproceß verwendet wird.
Der thierische Körper enthält in der Nerven- und Gehirnsubstanz eine
große Menge Albumin und außer diesem zwei eigenthümliche fette Säuren,
die sich von allen anderen Fetten durch einen Gehalt von
Phosphor(-säure?) unterscheiden (_Frémy_). Eins dieser Fette enthält
Stickstoff.
Wasser und Fett machen zuletzt die stickstofffreien Bestandtheile des
Thierkörpers aus, beide sind formlos und nehmen nur in sofern Antheil an
dem Lebensproceß, als durch sie die Lebensfunktionen vermittelt werden.
Die nicht-organischen Bestandtheile des Thierkörpers sind Eisen, Kalk,
Bittererde, Kochsalz, sowie die Alkalien.
~IX.~
Die Ernährung der Fleischfresser nimmt unter allen Thierklassen die
einfachste Form an; sie leben vom Blut und Fleisch der gras- und
körnerfressenden Thiere, allein dieses Blut und Fleisch ist identisch in
allen seinen Eigenschaften mit ihrem eigenen Blut und Fleisch, weder
chemisch, noch physiologisch ist ein Unterschied wahrnehmbar.
Die Nahrung der fleischfressenden Thiere ist aus Blut entstanden, sie
wird in ihrem Magen flüssig und überführbar in andere Körpertheile, sie
wird in ihrem Leibe wieder zu Blut, und aus diesem Blut erzeugen sich
alle Theile ihres Körpers wieder, die eine Veränderung oder Umsetzung
erlitten haben.
Bis auf Klauen, Haare, Federn und Knochenerde ist kein Bestandtheil der
Nahrung der Carnivoren unassimilirbar.
In chemischem Sinne kann man also sagen, daß das fleischfressende Thier
zur Erhaltung seiner Lebensprocesse sich selbst verzehrt.
Dasjenige, was zu seiner Ernährung dient, ist identisch mit den
Bestandtheilen seiner Organe, welche erneuert werden sollen.
Ganz anders stellt sich dem Anschein nach der Ernährungsproceß der
pflanzenfressenden Thiere dar; ihre Verdauungsorgane sind minder einfach
und ihre Nahrung besteht aus Vegetabilien, die ihrer Hauptmasse nach nur
sehr wenig Stickstoff enthalten.
Aus welchen Stoffen, kann man fragen, entsteht bei ihnen das Blut, aus
dem sich ihre Organe entwickeln?
Diese Frage läßt sich mit genügender Sicherheit beantworten.
Die chemischen Untersuchungen haben dargethan, daß alle Theile von
Pflanzen, welche Thieren zur Nahrung dienen, gewisse Bestandtheile
enthalten, welche reich sind an Stickstoff, und die gewöhnlichsten
Erfahrungen beweisen, daß die Thiere zu ihrer Erhaltung und Ernährung
der Quantität nach um so weniger von diesen Pflanzentheilen bedürfen, je
reicher sie an diesen stickstoffhaltigen Stoffen sind; sie können nicht
mit Materien ernährt werden, worin sie fehlen.
In vorzüglicher Menge sind diese Erzeugnisse der Pflanzen in den Samen
der Getreidearten, der Erbsen, Linsen, Bohnen, in Wurzeln und in den
Säften der sogenannten Gemüspflanzen enthalten, sie fehlen übrigens in
keiner einzigen Pflanze, in keinem ihrer Theile.
Diese stickstoffhaltigen Nahrungsstoffe lassen sich im Ganzen auf drei
Materien zurückführen, die ihrer äußern Beschaffenheit nach leicht von
einander zu unterscheiden sind. Zwei davon sind im Wasser löslich, der
dritte wird davon nicht aufgenommen.
Wenn man frisch ausgepreßte Pflanzensäfte sich selbst überläßt, so tritt
nach wenigen Minuten eine Scheidung ein, es sondert sich ein gelatinöser
Niederschlag ab, gewöhnlich von grüner Farbe, welcher, mit Flüssigkeiten
behandelt, die den Farbestoff lösen, eine grauweiße Materie hinterläßt.
Diese Substanz ist unter dem Namen _grünes Satzmehl_ der Pflanzensäfte
den Pharmaceuten wohl bekannt. Dieß ist der eine von den
stickstoffhaltigen Nahrungsmitteln der Thiere, er hat den Namen
_Pflanzenfibrin_ erhalten. Der Saft der Gräser ist vorzüglich reich an
diesem Bestandtheil, er ist in reichlichster Menge in dem Weizensamen,
so wie überhaupt in den Samen der Cerealien enthalten, und kann aus dem
Weizenmehl durch eine mechanische Operation ziemlich rein erhalten
werden. In diesem Zustande heißt er _Kleber_, allein die klebenden
Eigenschaften gehören ihm nicht an, sondern einer geringen Menge eines
beigemischten fremden Körpers, der in den Samen der übrigen
Getreidearten fehlt.
Wie sich aus der Art seiner Darstellung ergiebt, ist das Pflanzenfibrin
im Wasser nicht löslich, obwohl man nicht zweifeln kann, daß es in der
lebenden Pflanze im Safte gelös’t vorhanden war, aus dem es sich,
ähnlich wie das Fibrin aus Blut, erst später abschied.
Der zweite stickstoffhaltige Nahrungsstoff ist in dem Safte der Pflanzen
gelös’t, er scheidet sich daraus bei gewöhnlicher Temperatur nicht ab,
wohl aber, wenn der Pflanzensaft zum Sieden erhitzt wird.
Bringt man den ausgepreßten klaren Saft, am besten von Gemüspflanzen,
von Blumenkohl, Spargel, Kohlrüben, weißen Rüben u. s. w. zum Sieden, so
entsteht darin ein Coagulum, welches in seiner äußern Beschaffenheit und
seinen Eigenschaften schlechterdings nicht zu unterscheiden ist von dem
Körper, der sich als Gerinnsel abscheidet, wenn man mit Wasser
verdünntes Blutserum oder Eiweiß der Siedhitze aussetzt. Dies ist das
_Pflanzenalbumin_; in vorzüglicher Menge findet sich dieser Körper in
gewissen Samen, in Nüssen, Mandeln und anderen, in denen das Amylon der
Getreidesamen sich vertreten findet durch Oel oder Fett.
Der dritte stickstoffhaltige Nahrungsstoff, den die Pflanzen produciren,
das _Pflanzencasein_, findet sich hauptsächlich in den Samenlappen der
Erbsen, Linsen und Bohnen, er ist wie das Pflanzenalbumin im Wasser
löslich, unterscheidet sich aber von ihm dadurch, daß seine Auflösung
durch Hitze nicht coagulirt wird; beim Abdampfen und Erhitzen zieht sie
an der Oberfläche eine Haut, und, mit Säuren versetzt, entsteht darin
ein Gerinnsel wie in der Thiermilch.
Diese drei Stoffe, Pflanzen-Fibrin, -Albumin und -Casein, sind die
eigentlichen stickstoffhaltigen Nahrungsstoffe der pflanzenfressenden
Thiere, alle anderen in Pflanzen vorkommenden stickstoffhaltigen
Materien werden entweder, wie die Stoffe in den Giftpflanzen und
Medizinalpflanzen, von den Thieren nicht genossen, oder sie sind ihrer
Nahrung in so außerordentlich kleinen Mengen beigemischt, daß sie zur
Vermehrung der Masse ihres Körpers nicht beizutragen vermögen.
Die chemische Untersuchung der drei genannten Substanzen hat zu dem
interessanten Resultate geführt, daß sie einerlei organische Elemente in
dem nämlichen Gewichts-Verhältnisse enthalten, und was noch weit
merkwürdiger ist, es hat sich ergeben, daß sie identisch sind in ihrer
Zusammensetzung mit den Hauptbestandtheilen des Blutes, mit Fibrin und
Albumin. Sie lösen sich alle drei in concentrirter Salzsäure mit der
nämlichen indigblauen Farbe auf, und auch in ihren physikalischen
Eigenschaften sind Thierfibrin und Thieralbumin von Pflanzenfibrin und
Pflanzenalbumin in keiner Weise verschieden. Es verdient ganz besonders
hervorgehoben zu werden, daß hier unter einer gleichen Zusammensetzung
nicht bloß eine ähnliche gemeint ist, sondern es ist auch in Beziehung
auf ihren Gehalt an Phosphor, Schwefel, Knochenerde und Alkalien kein
Unterschied wahrnehmbar[E8].
In welcher bewundernswürdigen Einfachheit erscheint nach diesen
Entdeckungen der Bildungsproceß im Thiere, die Entstehung seiner Organe,
der Hauptträger der Lebensthätigkeit. Die Pflanzenstoffe, welche in den
Thieren zur Blutbildung verwendet werden, enthalten die
Hauptbestandtheile des Blutes, Fibrin und Albumin, fertig gebildet allen
ihren Elementen nach, alle Pflanzen enthalten noch überdies eine gewisse
Menge Eisen, was wir im Blutfarbestoff wiederfinden. Pflanzenfibrin und
Thierfibrin, Pflanzenalbumin und Thieralbumin sind kaum der Form nach
verschieden; wenn diese Stoffe in der Nahrung der Thiere fehlen, so hört
die Ernährung der Thiere auf, und wenn sie darin gegeben werden, so
empfängt das pflanzenfressende Thier die nämlichen Materien, auf welche
die fleischfressenden zu ihrer Erhaltung beschränkt sind.
Die Pflanzen erzeugen in ihrem Organismus das Blut aller Thiere, denn in
dem Blut und Fleisch der pflanzenfressenden verzehren die
fleischfressenden im eigentlichen Sinne nur die Pflanzenstoffe, von
denen die ersteren sich ernährt haben; Pflanzenfibrin und -Albumin
nehmen in dem Magen des pflanzenfressenden Thiers genau die nämliche
Form an, wie Thierfibrin und Thieralbumin in dem Magen der Carnivoren.
Aus dem Vorhergehenden ergiebt sich, daß die Entwickelung der Organe
eines Thiers, ihre Vergrößerung und Zunahme an Masse an die Aufnahme
gewisser Stoffe geknüpft ist, die identisch sind mit den
Hauptbestandtheilen ihres Blutes.
In diesem Sinne kann man sagen, daß der Thierorganismus sein Blut nur
der Form nach schafft, daß ihm die Fähigkeit mangelt, es aus anderen
Stoffen zu erzeugen, die nicht identisch sind mit seinen
Hauptbestandtheilen. Damit kann freilich nicht behauptet werden, daß ihm
die Fähigkeit, andere Verbindungen zu erzeugen, abgehe, wir wissen im
Gegentheil, daß sein Organismus eine große Reihe von seinen
Blutbestandtheilen in ihrer Zusammensetzung abweichender Verbindungen
hervorbringt, aber den Anfangspunkt der Reihe, seine Blutbestandtheile,
diese kann er sich nicht bilden.
Der Thierorganismus ist eine höhere Pflanze, deren Entwickelung mit
denjenigen Materien beginnt, mit deren Erzeugung das Leben der
gewöhnlichen Pflanze aufhört; sobald diese Samen getragen hat, stirbt
sie ab, oder es hört damit eine Periode ihres Lebens auf.
In der unendlichen Reihe von Verbindungen, welche mit den
Nahrungsstoffen der Pflanzen, mit Kohlensäure und Ammoniak und Wasser
anfängt, bis zu den zusammengesetztesten Bestandtheilen des Gehirns im
Thierkörper finden wir keine Lücke, keine Unterbrechung. Der erste
Nahrungsstoff des Thieres ist das letzte Produkt der schaffenden
Thätigkeit der Pflanze.
Die Substanz der Zellen und Membranen, der Nerven und des Gehirns
erzeugt die Pflanze nicht.
Das Wunderbare in der schaffenden Thätigkeit der Pflanze verliert sich,
wenn man erwägt, daß die Erzeugung der Blutbestandtheile nicht
auffallender erscheinen kann, als wenn wir Ochsentalg und Hammelstalg
(in den Kakaobohnen), oder Menschenschmalz (im Olivenöl), oder die
Hauptbestandtheile der Kuhbutter (Palmbutter) auf Bäumen wachsend
finden, daß wir das Pferdefett und den Fischthran in den ölreichen Samen
entstehen sehen.
~X.~
So wenig man nun auch, wie sich aus dem Vorhergehenden ergiebt, über die
Art und Weise in Ungewißheit sein kann, wie die Zunahme in der Masse der
Organe eines Thieres vor sich geht, so bleibt immer noch eine überaus
wichtige Frage zu lösen, die Rolle nämlich auszumitteln, welche die
stickstofffreien Substanzen, Zucker, Amylon, Gummi, Pectin u. s. w. in
dem thierischen Körper spielen.
Die größte aller Thierklassen kann ohne diese Materien nicht leben, ihre
Nahrung muß eine gewisse Menge davon enthalten, und wir sehen ihrem
Leben ein rasches Ziel gesetzt, wenn sie in ihr fehlen.
Diese wichtige Frage erstreckt sich gleichfalls auf die Bestandtheile
der Nahrung des fleischfressenden Thieres in der frühsten Periode seines
Lebens, denn auch diese Nahrung enthält gewisse Bestandtheile, welche
sein Körper zu seiner Erhaltung im erwachsenen Zustande nicht bedarf.
In dem jugendlichen Körper der Fleischfresser geschieht offenbar die
Ernährung in einer ähnlichen Weise, wie in dem Körper der
pflanzenfressenden Thiere; seine Entwickelung ist an die Aufnahme einer
Flüssigkeit gebunden, welche der Leib der Mutter in der Form der Milch
absondert.
Die Milch enthält nur einen stickstoffhaltigen Bestandtheil, den
sogenannten Käsestoff, Casein; außer diesem sind ihre Hauptbestandtheile
Butter (Fett) und Milchzucker.
Aus dem stickstoffhaltigen Bestandtheil der Milch muß das Blut des
jungen Thieres, seine Muskelfaser, Zellen und Nervensubstanz und seine
Knochen, erzeugt worden sein, denn Butter und Milchzucker enthalten
keinen Stickstoff.
Die Untersuchung des Caseins hat nun zu dem Resultate geführt, was nach
dem Vorhergehenden kaum mehr überraschen kann, daß auch dieser Stoff
identisch ist in seiner Zusammensetzung mit den Hauptbestandtheilen des
Blutes, mit Fibrin und Albumin, ja was noch mehr ist, die Vergleichung
seiner Eigenschaften mit denen des Pflanzencaseins hat gezeigt, daß er
mit diesem auch identisch ist in allen seinen Eigenschaften, in der Art
also, daß gewisse Pflanzen wie die Erbsen, Bohnen, Linsen, den
nämlichen Körper zu erzeugen vermögen, welcher aus dem Blute der Mutter
entsteht und zur Blutbildung in dem Körper des jungen Thieres verwendet
wird[E9].
In dem Casein, das sich durch seine außerordentliche Löslichkeit und
Nichtgerinnbarkeit in der Wärme von dem Fibrin und Albumin
unterscheidet, empfängt demnach das junge Thier, seinem
Hauptbestandtheil nach, das Blut seiner Mutter; zu seinem Uebergang in
Blut gehört kein dritter Stoff, und keiner der Bestandtheile des Blutes
seiner Mutter trennt sich davon bei ihrem Uebergang in Casein. In
chemischer Verbindung enthält das Casein der Milch eine weit größere
Quantität von Knochenerde, als wie das Blut, und zwar in höchst
löslichem Zustande, überführbar also in alle Körpertheile. Auch in der
frühsten Periode ihres Lebens ist die Entwickelung und Ausbildung der
Träger der Lebensthätigkeit im jungen Thiere an die Aufnahme einer
Materie gebunden, welche in Beziehung auf seine organischen
Bestandtheile identisch ist in ihrer Zusammensetzung mit den
Hauptbestandtheilen seines Blutes.
Wozu dient nun aber das Fett der Butter, der Milchzucker? Was ist der
Grund, warum sie zu dem Leben der jungen Thiere unentbehrlich sind?
Butter und Milchzucker enthalten keine fixen Basen, keinen Kalk, kein
Natron, kein Kali; der Milchzucker besitzt eine den gewöhnlichen
Zuckerarten, dem Amylon, dem Gummi ähnliche Zusammensetzung, sie
bestehen aus Kohlenstoff und den Elementen des Wassers, und zwar genau
in dem nämlichen Verhältnisse, wie im Wasser.
Durch diese stickstofffreien Stoffe ist also ihren stickstoffhaltigen
eine gewisse Menge von Kohlenstoff, oder, wie in der Butter, von
Kohlenstoff und Wasserstoff zugesetzt, ein Ueberschuß von Elementen
also, der zur Blutbildung schlechterdings nicht verwendet werden kann,
eben weil ihre stickstoffhaltigen Nahrungsmittel genau die
Kohlenstoffmengen schon enthalten, welche zur Bildung von Fibrin und
Albumin nöthig sind.
Man kann, wie aus den folgenden Betrachtungen sich ergeben wird, kaum
einen Zweifel hegen, daß dieser Ueberschuß an Kohlenstoff allein, oder
an Kohlen- und Wasserstoff zur Hervorbringung der animalischen Wärme,
daß er zum Widerstand gegen die äußere Einwirkung des Sauerstoffs
verwendet wird.
~XI.~
Betrachten wir zuförderst, um zu einer klareren Einsicht in das Wesen
des Ernährungsprocesses in den beiden Thierklassen zu gelangen, die
Veränderungen, welche die Nahrung des fleischfressenden Thieres in
seinem Organismus erfährt.
Wir geben einer erwachsenen Schlange eine Ziege, ein Kaninchen oder
einen Vogel zu verzehren und finden, daß die Haare, Klauen, Federn,
Knochen dieser Thiere scheinbar unverändert ausgeworfen werden, denn sie
haben ihre Form und natürliche Beschaffenheit behalten, sie sind
zerbrechlich, weil sie von allen nur den der Auflösung fähigen
Bestandtheil (Leimsubstanz) verloren haben. Eigentliche Faeces gehen von
der Schlange so wenig, wie von den fleischfressenden Vögeln ab.
Das Fleisch, das Fett, das Blut, die Gehirn- und Nervensubstanz des
verzehrten Thieres, alles übrige ist, wenn die Schlange ihr
ursprüngliches Gewicht wieder erhalten hat, verschwunden.
Als das einzige Excrement finden wir eine Materie, welche durch die
Harnwege ausgeleert wird; im trocknen Zustande ist sie blendend weiß wie
Kreide, sie ist sehr reich an Stickstoff, und enthält nur kohlensauren
und phosphorsauren Kalk beigemischt.
Dieses Excrement ist harnsaures Ammoniak, eine chemische Verbindung, in
welcher sich der Stickstoff zum Kohlenstoff in dem nämlichen Verhältniß
befindet, wie im sauren kohlensauren Ammoniak, sie enthält auf 1 Aeq.
Stickstoff 2 Aeq. Kohlenstoff.
Die Muskelfaser, das Blut, die Membranen und Häute enthielten aber auf
die nämliche Quantität Stickstoff viermal so viel Kohlenstoff, nämlich 8
Aequivalente, und wenn man hierzu den Kohlenstoff des genossenen Fettes,
der Nerven- und Gehirnsubstanz hinzurechnet, so ist klar, daß die
Schlange auf 1 Aeq. Stickstoff weit mehr als 8 Aeq. Kohlenstoff verzehrt
hat.
Wenn wir nun annehmen, daß das harnsaure Ammoniak allen Stickstoff des
verzehrten Thieres enthält, so sind offenbar im geringsten Falle 6 Aeq.
Kohlenstoff, die mit diesem Stickstoff verbunden waren, in einer andern
Form ausgetreten, wie die übrigen zwei Atome, die wir im harnsauren
Ammoniak wiederfinden.
Wir wissen nun mit zweifelloser Gewißheit, daß dieser Kohlenstoff aus
Haut und Lunge ausgetreten ist, und zwar konnte dies nur geschehen in
der Form einer Sauerstoffverbindung.
Die Excremente eines Bussards, der mit Rindfleisch gefüttert worden, aus
der Kloake genommen, bestanden der Untersuchung nach (L. _Gmelin_ u.
_Tiedemann_) aus harnsaurem Ammoniak. Ebenso sind die Faeces bei Löwen
und Tiegern sparsam und trocken, sie enthalten der Hauptsache nach
Knochenerde und nur Spuren von kohlenstoffhaltigen Materien, aber ihr
Harn enthält kein harnsaures Ammoniak, sondern Harnstoff, eine
Verbindung, welche Stickstoff und Kohlenstoff im Verhältniß wie im
neutralen kohlensauren Ammoniak enthält.
Angenommen, daß ihre Nahrung (Fleisch &c.) Stickstoff und Kohlenstoff in
dem Verhältniß wie 1 : 8 enthielt, so finden wir in dem Harn beide nur
in dem Verhältniß wie 1 : 1 wieder, ein kleineres Verhältniß von
Kohlenstoff also, wie bei den Schlangen, in denen der Respirationsakt
bei weitem weniger thätig ist.
Aller Kohlenstoff und Wasserstoff, den die Nahrung dieser Thiere mehr
enthielt, als wir in ihren Excrementen wieder finden, sie sind, als
Kohlensäure und Wasser, durch den Respirationsproceß verschwunden.
Hätten wir das verzehrte Thier in einem Ofen verbrannt, so würde die
vorgegangene Veränderung nur der Form der Stickstoffverbindungen nach
eine andere gewesen sein.
Den Stickstoff würden wir als kohlensaures Ammoniak, den übrigen
Kohlenstoff als Kohlensäure, den übrigen Wasserstoff als Wasser
wiederbekommen haben. Es würden die unverbrennlichen Theile als Asche,
die unverbrannten als Ruß übrig geblieben sein. Die festen Excremente
sind aber nichts anders als die im Thierkörper unverbrennlichen, oder
unvollkommen verbrannten Theile der Nahrung.
In dem Vorhergehenden ist angenommen worden, daß die Bestandtheile der
von dem Thiere genossenen Nahrungsmittel in seinem Organismus, in Folge
des durch Lunge und Haut aufgenommenen Sauerstoffs, ihr Kohlenstoff in
Kohlensäure, ihr Wasserstoff und ihr Stickstoff in eine chemische
Verbindung, welche die Elemente des kohlensauren Ammoniaks enthält,
übergehen.
Diese Voraussetzung ist nur der äußeren Erscheinung nach wahr, in der
That erlangt nach einer gewissen Zeit der Thierkörper sein
ursprüngliches Gewicht wieder, sein Gehalt an Kohlenstoff und den andern
Elementen hat in seinem Körper nicht zugenommen, es ist genau so viel
Kohlenstoff, Stickstoff, Wasserstoff &c. wieder ausgetreten, als ihm
davon in der Speise zugeführt wurde. Aber nichts kann gewisser sein, als
daß der ausgetretene Kohlenstoff, Stickstoff und Wasserstoff nicht von
der Speise herrührt, wenn sie auch, der Quantität nach, den dadurch
zugeführten gleich waren.
Es wäre aller Vernunft entgegen, wenn man annehmen wollte, die Stillung
des Hungers, das Bedürfniß nach Speise habe keinen andern Zweck, als die
Erzeugung von Harnstoff, Harnsäure, Kohlensäure und den andern
Excrementen, von Materien, die der Körper ausstößt, in seiner
Haushaltung also zu nichts verwendet.
Die Speisen dienen in dem erwachsenen Thiere zum Ersatz an verbrauchtem
Stoff, gewisse Theile der Organe haben ihren Zustand des Lebens
verloren, sie sind aus der Substanz der Organe ausgetreten, sie haben
sich zu neuen und zwar formlosen Verbindungen umgesetzt.
Die Speise des Fleischfressers wurde zur Blutbildung verwendet und aus
dem neuerzeugten Blute haben sich die umgesetzten Organe wieder neu
gebildet. Der Kohlenstoff und Stickstoff der Nahrung sind zu
Bestandtheilen des Organismus geworden.
Eben so viel Kohlenstoff und Stickstoff als die Organe abgegeben haben,
genau so viel ist ihnen durch das Blut und in letzter Form durch die
Speise wieder ersetzt worden.
Wo sind denn aber, kann man fragen, die neuen Verbindungen hingekommen,
welche durch die Umsetzung der Bestandtheile der Organe, der
Muskelfaser, der Substanz der Membranen und Zellen, der Nerven- und
Gehirnsubstanz, entstanden sind?
Diese neuen Verbindungen, sie konnten keinen Moment, insofern sie
löslich waren, an dem Platze beharren, wo sie entstanden sind, denn eine
sehr wohlbekannte Thätigkeit, die Blutcirculation nämlich, widersetzt
sich diesem Beharren.
Durch die Erweiterung des Herzens, in dem sich zwei Systeme von Kanälen
vereinigen, welche sich in ein unendlich feines Netzwerk von Röhrchen
durch alle Theile des Thierkörpers hin verzweigen, entsteht abwechselnd
ein luftleerer Raum, in dessen unmittelbarer Folge, durch den äußern
atmosphärischen Druck, alle Flüssigkeiten, die in dieses Röhrensystem
gelangen können, nach der einen Seite des Herzens hin mit großer Gewalt
getrieben werden. Diese Bewegung wird bei der Zusammenziehung des
Herzens durch einen von dem Gewichte der Atmosphäre unabhängigen Druck
aufs kräftigste unterstützt.
Wir haben mit einem Worte in dem Herzen eine Druckpumpe, durch welche
arterielles Blut in alle Theile des Körpers getrieben wird, und eine
Saugpumpe, durch welche alle Flüssigkeiten, von welcher Beschaffenheit
sie auch sein mögen, sobald sie in das Röhrensystem der Saugadern, die
sich mit den Venen vereinigen, gelangen können, nach dem Herzen hin
geführt werden. Diese Aufsaugung, in Folge des im Herzen entstandenen
luftleeren Raums, ist ein rein mechanischer Act, der sich, wie bemerkt,
auf flüssige Stoffe jeder Art, Salzauflösungen, Gifte &c. erstreckt. Es
ist nun einleuchtend, daß durch das Einströmen des arteriellen Blutes in
die Capillargefäße alle dort vorhandenen Flüssigkeiten, sagen wir die
löslichen Verbindungen, die durch die Umsetzung der Gebilde entstanden
sind, eine Bewegung nach dem Herzen hin empfangen müssen.
Diese Materien können zur Neubildung der nämlichen Organe, aus denen
sie entstanden sind, nicht verwendet werden; sie gelangen durch das
Saug- und Lymphgefäßsystem in die Venen, wo ihre Anhäufung dem
Ernährungsproceß eine sehr rasche Grenze setzen würde, wenn sich dieser
Ansammlung nicht zwei, ganz besonders zu diesem Zwecke eingerichtete,
Filtrirapparate widersetzen würden.
Das venöse Blut nimmt, ehe es zum Herzen gelangt, seinen Weg durch die
Leber, das arterielle Blut geht durch die Nieren, welche alle für den
Ernährungsproceß untauglichen Stoffe davon scheiden.
Die neuentstandenen Verbindungen, welche den Stickstoff der umgesetzten
Organe enthalten, sammeln sich in der Harnblase an und treten, indem sie
einer weiteren Verwendung durchaus unfähig sind, aus dem Körper aus.
Alle anderen, welche den Kohlenstoff der umgesetzten Gebilde enthalten,
sammeln sich in Gestalt einer löslichen, mit Wasser in allen
Verhältnissen mischbaren Natronverbindung in der Gallenblase an, aus der
sie sich im Duodenum mit dem Speisebrei wieder mischen. Alle Theile der
Galle, die ihre Löslichkeit in dem Verdauungsproceß nicht verlieren,
kehren während der Verdauung frisch genossener Nahrung im unendlich fein
zertheilten Zustande wieder in den Körper zurück. Das Natron der Galle,
so wie alle durch schwache Säure nicht fällbaren, kohlenstoffreichen
Bestandtheile (diese betragen ⁹⁹/₁₀₀ aller übrigen), behalten ihre
Fähigkeit, durch die Saugadern des Dünndarms und Dickdarms wieder
resorbirt zu werden, unverändert bei. Ja diese Fähigkeit ist direct
beweisbar durch gallehaltige Klystiere, deren Gallegehalt mit der
Flüssigkeit im Mastdarm verschwindet.
Die stickstoffhaltigen Verbindungen, welche in Folge der Umsetzung der
Gebilde entstanden, wir wissen genau, daß sie, durch die Nieren von dem
arteriellem Blute geschieden, als einer weiteren Veränderung durchaus
unfähig, aus dem Körper treten, aber die kohlenstoffreichen Produkte,
sie kehren in den Körper des fleischfressenden Thieres zurück.
Die Nahrung des fleischfressenden Thieres ist identisch mit den
Hauptbestandtheilen seines Körpers; die Metamorphosen, welche seine
Gebilde erfahren, sie müssen identisch sein mit den Veränderungen,
welche in ihren Lebensakten ihre Nahrungsmittel erleiden.
Das verzehrte Fleisch und Blut giebt seinen Kohlenstoff zur Unterhaltung
des Respirationsprocesses her, seinen Stickstoff erhalten wir als
Harnstoff oder Harnsäure wieder. Ehe aber diese letzte Veränderung
erfolgt, wird das todte Fleisch und Blut zu lebendigem Fleisch und Blut,
und es ist im eigentlichen Sinne der Kohlenstoff der durch Umsetzung der
lebenden Gebilde entstandenen Verbindungen, welcher zur Hervorbringung
der thierischen Wärme dient.
Die Speise des Fleischfressers verwandelt sich in Blut, das Blut ist
bestimmt zur Reproduktion der Organe, durch die Blutcirculation wird ein
Strom von Sauerstoff allen Theilen des Körpers zugeführt. Die Träger
dieses Sauerstoffs, die Blutkörperchen, welche nachweisbar keinen
Antheil an dem Nutritionsprocesse nehmen, geben ihn beim Durchgang
durch die Capillargefäße wieder ab. Dieser Sauerstoffstrom begegnet auf
diesem Wege den durch die Umsetzung der Gebilde entstandenen
Verbindungen, er verbindet sich mit ihrem Kohlenstoff zu Kohlensäure,
mit ihrem Wasserstoff zu Wasser, und alles, was diesen Oxydationsproceß
nicht erlitten hat, kehrt in der Form von Galle wieder in den Körper
zurück, wo sie nach und nach völlig verschwindet.
Bei den Fleischfressern enthält die Galle den Kohlenstoff der
umgesetzten Gebilde, dieser Kohlenstoff verschwindet in dem thierischen
Körper, die Galle verschwindet in dem Lebensproceß, ihr Kohlenstoff
tritt als Kohlensäure, ihr Wasserstoff als Wasser durch Haut und Lunge
aus; es ist klar, die Bestandtheile der Galle dienen zur Respiration und
zur Hervorbringung der animalischen Wärme. Alle Theile der Nahrung der
Fleischfresser sind fähig in Blut überzugehen, ihre Excremente enthalten
nur anorganische Substanz (Knochenerde &c.), und was wir an organischen
Stoffen diesen beigemischt finden, sind lediglich Excretionen, welche
den Durchgang durch die Eingeweide vermitteln. Bei den fleischfressenden
Thieren enthalten die Excremente keine Galle, kein Natron; keine Spur
einer der Galle ähnlichen Substanz wird von Wasser daraus aufgenommen,
die Galle ist aber in allen Verhältnissen darin löslich und damit
mischbar.
Ueber den Ursprung der Bestandtheile des Harns und der Galle können die
Physiologen nicht im Zweifel sein; wenn der Magen bei Enthaltung aller
Speise sich darmartig zusammenzieht, kann sich aus der Gallenblase, da
sie keine Bewegung empfängt, keine Galle ergießen; in dem Körper der
Verhungerten finden wir die Gallenblase straff und voll. Wir beobachten
Galle- und Harnsekretion bei den Winterschläfern, wir wissen, daß der
Harn der Thiere (Hunde), die während 18 bis 20 Tagen keine andere
Nahrung als reinen Zucker bekamen, ebensoviel an dem stickstoffreichsten
Produkt des Thierkörpers, ebensoviel Harnstoff enthielt, als im gesunden
Zustande (_Marchand_, _Erdm_. J. ~XIV.~ ~p.~ 495.). Unterschiede in der
Menge des secernirten Harnstoffs erklären sich in diesen und ähnlichen
Versuchen durch den Mangel oder die Gestattung der natürlichen
Bewegungen. Eine jede Bewegung steigert den Umsatz der Gebilde, nach
einem jeden Spaziergang vermehrt sich beim Menschen die Harnsekretion.
Der Harn der Säugethiere, Vögel, der Amphibien enthält Harnsäure oder
Harnstoff, der Koth der Weichthiere, der Insecten, der Canthariden, des
Seidenwurm-Schmetterlings enthält harnsaures Ammoniak; die Beständigkeit
des Vorkommens einer oder zweier Stickstoff-Verbindungen in den
Ausleerungen der Thiere, bei einer so großen Verschiedenheit in der
genossenen Nahrung, zeigt mit Bestimmtheit an, daß sie aus einer und
derselben Quelle entspringen.
Ebensowenig zweifelhaft kann man über die Rolle sein, welche die Galle
in dem Lebensproceß übernimmt. Wenn man sich erinnert, daß essigsaures
Kali, in der Form eines Klystiers oder als Fußbad genommen, den Harn im
hohen Grade alkalisch macht (_Rehberger_ in _Tiedemann’s_ Zeitschrift
für Physiologie ~II.~ 149.), daß die Umwandlung, welche hier die
Essigsäure erfährt, nicht ohne ein Hinzutreten von Sauerstoff gedacht
werden kann, so ist klar, daß die löslichen Bestandtheile der Galle,
veränderlich im hohen Grade, so wie wir sie kennen, _welche_ durch die
Eingeweide in den Organismus wieder zurückkehren, da sie zur Blutbildung
nicht verwendet werden können, der Einwirkung des Sauerstoffs in einer
ganz ähnlichen Weise unterliegen müssen. Die Galle ist eine
Natronverbindung, deren Bestandtheile in dem Körper des
fleischfressenden Thieres bis auf das Natron verschwinden.
Nach der Ansicht vieler der ausgezeichnetsten Physiologen ist die Galle
zur Ausleerung bestimmt, und nichts kann gewisser sein, als daß eine an
Stickstoff so arme Materie in dem Nutritionsproceß keine Rolle
übernimmt, allein die quantitative Physiologie muß die Ansicht, daß sie
zu keinerlei Zwecken dient, daß sie unfähig zu weiteren Veränderungen
ist, mit Entschiedenheit zurückweisen.
Kein Bestandtheil eines Organs enthält Natron, nur in dem Blute
(~Serum~), in dem Gehirnfett und in der Galle haben wir
Natronverbindungen. Wenn die Natronverbindungen des Bluts in
Muskelfaser, in Membranen und Zellen übergehen, so muß ihr Natron in
eine neue, in eine andere Verbindung treten; das in Muskelfaser, in
Membranen übergehende Blut giebt sein Natron an Verbindungen ab, welche
durch die Umsetzung der Gebilde entstanden sind. Eine dieser neuen
Natronverbindungen erhalten wir in der Galle wieder.
Wäre die Galle zur Ausleerung bestimmt, so müßten wir sie verändert
oder unverändert, wir müßten das Natron in den festen Excrementen
wiederfinden. Aber bis auf gewisse Mengen von Kochsalz und
schwefelsauren Salzen, welche Bestandtheile aller thierischen
Flüssigkeiten sind, finden wir in den festen Excrementen nur Spuren von
Natronverbindungen. Das Natron der Galle ist aber jedenfalls aus den
Eingeweiden in den Organismus wieder zurückgekehrt, und das nämliche muß
von den organischen Stoffen gelten, die mit diesem Natron verbunden
bleiben.