Königsschloß. Aber da nun so viele Leute gehört hatten, daß sie die
Prinzessinn und das halbe Reich gewinnen könnten, wenn sie es zu Stande
brächten, die große Eiche umzuhauen und einen Brunnen im Schloßhof zu
graben, der immer Wasser hielt, so waren schon so Viele gekommen, die
ihr Glück versucht hatten, daß die Eiche noch einmal so groß und dick
geworden war, als vorher; denn Du erinnerst Dich wohl noch, daß immer
doppelt so Viel wieder anwuchs, als man mit der Axt abhau'te. Darum
hatte der König nun die Strafe ausgesetzt, daß wenn künftig Einer sein
Glück versuchen wollte und die Eiche nicht umhauen könnte, ihm beide
Ohren abgeschnitten werden sollten, und darnach sollte er auf eine Insel
hinausgebracht werden, die mitten im Meer lag. Aber die beiden Brüder
ließen sich dadurch nicht abschrecken, sie meinten, sie wollten die
Eiche schon umhauen, und Peter, welcher der älteste war, sollte zuerst
den Versuch machen. Aber es ging ihm nicht besser, als all den Andern,
die vor ihm ihr Glück versucht hatten; denn für jeden Span, den er
abhieb, wuchs gleich noch einmal so Viel wieder daran. Da nahmen die
Leute des Königs ihn bei den Schlafitten und brachten ihn hinaus auf
die Insel, nachdem sie ihm vorher beide Ohren abgeschnitten hatten. Nun
wollte sich Paul daran machen; aber dem gings um Nichts besser. Als er
zwei bis drei Hiebe gethan hatte, und die Leute sahen, daß die Eiche nur
noch größer wurde, nahmen sie ihn ebenfalls beim Kragen und brachten ihn
hinaus auf die Insel; ihm aber schnitten sie die Ohren noch dichter beim
Kopf ab, weil er der Bruder von dem Andern war. Nun wollte sich Esben
Aschenbrödel daran machen. »Möchtest Du gern aussehen, wie ein gemerktes
Schaf, so wollen wir Dir lieber die Ohren gleich abschneiden, dann sparst
Du die Mühe,« sagte der König und war gewaltig böse auf ihn, von wegen
seiner Brüder. »Ich hätte doch Lust, erst mein Glück zu versuchen,«
sagte Esben, und das durften sie ihm denn nicht verwehren. Er nahm nun
seine Axt aus dem Schnappsack, steckte sie wieder auf den Helft und
sprach dann: »Hau selber!« und sogleich fing die Axt an zu hauen, daß
nur die Späne so flogen, und da dauerte es nicht lange, so war die Eiche
herunter. Wie das gethan war, nahm Esben seine Hacke hervor, steckte sie
wieder an den Stiel, und sprach dann: »Grabe und hacke selbst!« und
sogleich fing die Hacke an zu graben und zu hacken, daß Erde und Steine
umherflogen, und da kann man sich denn wohl denken, daß der Brunnen tief
genug werden mußte. Als Esben ihn so tief und so groß hatte, wie er ihn
haben wollte, nahm er seine Wallnuß und legte sie unten auf den Boden,
dann zog er das Moos wieder aus dem Loch und sprach: »Fang' nun an zu
sickern!« Da fing die Wallnuß an zu sickern, daß nur das Wasser so
strömte, und da dauerte es nicht lange, so war der Brunnen bis an den
Rand voll. So hatte nun Esben Aschenbrödel die Eiche umgehauen, die
vor den Fenstern des Königs schattete, und einen Brunnen im Schloßhof
gegraben, der beständig Wasser hielt; und da bekam er die Prinzessinn
und das halbe Reich, so wie der König es versprochen hatte. Gut war es,
daß Peter und Paul ihre Ohren verloren hatten, denn sonst hätten sie es
immer und alle Tage hören müssen, daß Esben Aschenbrödel sich doch nicht
so schlecht gewundert hatte.
20.
Die Mühle, die auf dem Meergrunde mahlt.
Es waren mal in uralter Zeit zwei Brüder, der eine war reich, und der
andre war arm. Als nun das Weihnachtsfest herankam, hatte der arme
keinen Bissen Fleisch, noch Brod im Hause, ging darum zu seinem Bruder
und bat ihn um eine Kleinigkeit in Gottes Namen. Nun war es aber nicht
das erste Mal, daß der reiche Bruder dem armen Etwas gegeben hatte, und
er war daher eben nicht sonderlich froh, als er ihn kommen sah. »Willst
Du thun, Was ich Dir sage,« sprach er: »so sollst Du einen ganzen Schinken
haben, so wie er im Rauch hangt.« Ja, das wollte der Arme gern und
bedankte sich. »Da hast Du ihn!« sagte der Reiche, indem er ihm den
Schinken zuwarf: »und geh nun zur Hölle!« -- »Hab' ich es versprochen,
so muß ich es thun,« sagte der Andre, nahm den Schinken und ging fort.
Er wanderte wohl den ganzen Tag, und als es dunkel wurde, erblickte
er vor sich einen hellen Lichtschimmer. »Hier muß es sein!« dachte
er. Etwas weiter hin im Walde aber stand ein alter Mann mit einem
langen weißen Bart und hau'te Holz. »Guten Abend!« sagte Der mit dem
Rauchschinken. »Guten Abend! Wo willst Du hin?« sagte der Mann. »O, ich
wollte nur zur Hölle, aber ich weiß nicht, ob ich recht gegangen bin,«
versetzte der Arme. »Ja, Du bist ganz recht,« sagte der alte Mann: »denn
das hier ist die Hölle,« und weiter sagte er: »Wenn Du nun hineinkommst,
dann werden sie Dir wohl alle Deinen Schinken abkaufen wollen, denn
Schweinfleisch ist ein seltnes Gericht in der Hölle; aber Du sollst
ihn für kein Geld verkaufen, sondern sollst dafür die alte Handmühle
verlangen, die hinter der Thür steht. Wenn Du dann wieder herauskommst,
will ich Dir auch lehren, wie Du sie stellen musst; denn die Mühle ist
zu Etwas gut, musst Du wissen.« Der Mann mit dem Schinken dankte für
guten Bescheid und klopfte beim Teufel an.
Als er hineintrat, geschah es, wie der Alte ihm gesagt hatte: alle
Teufel, groß und klein, kamen um ihn herum, und der eine überbot immer
den andern auf den Rauchschinken. »Es war freilich meine Absicht, ihn
zum Weihnachts-Heiligen-Abend mit meinem Weib zu verschmausen;« sagte
der Mann: »aber weil Ihr alle so erpicht darauf seid, will ich ihn Euch
wohl überlassen; aber ich verkaufe ihn für keinen andern Preis, als für
die alte Handmühle, die da hinter der Thür steht.« Damit wollte aber der
Teufel nicht gern heraus, und er dung und feilschte mit dem Mann; aber
der blieb bei Dem, was er gesagt hatte, und da mußte ihm denn der Teufel
endlich die Mühle überlassen. Als der Mann nun wieder aus der Hölle
herausgekommen war, fragte er den alten Holzhauer, wie er denn die Mühle
stellen müsse, und als der es ihm gesagt hatte, bedankte er sich und
machte sich wieder auf den Heimweg; aber wie sehr er auch ausholte, so
kam er doch nicht eher, als nachts um zwölf Uhr zu Hause an.
»Aber wo in aller Welt bist Du denn eigentlich gewesen?« sagte seine
Frau, als er eintrat: »Ich hab' hier gesessen und gewartet von einer
Stunde zur andern und habe nicht einmal zwei Holzsplitter kreuzweis
über einander unter den Grützkessel zu legen, damit ich uns ein
Weihnachtsessen koche.« -- »O,« sagte der Mann: »ich konnte nicht gut
eher kommen, denn ich hatte ein Geschäft zu besorgen und mußte deßhalb
einen weiten Weg machen; aber nun sollst Du mal sehen, Was ich uns
mitgebracht habe!« und damit stellte er die Mühle auf den Tisch hin und
ließ sie mahlen, erst Lichter, dann ein Tischtuch, und darnach Essen und
Bier und Alles, was zu einem guten Weihnachtsschmaus gehört; und so wie
er es der Mühle befahl, so mahlte sie. Seine Frau stand da und kreuzte
sich das eine Mal über das andre und wollte durchaus wissen, wo der Mann
die Mühle herbekommen hätte; aber damit wollte er nicht heraus: »Es kann
ganz einerlei sein, woher ich sie habe, Frau,« sagte er: »Du siehst, daß
die Mühle gut ist, und daß das Mahlwasser nicht all wird, und das ist
Genug,« und er mahlte Essen und Trinken und Alles, was gut schmeckt,
für das ganze Weihnachtsfest, und am dritten Tag bat er seine Freunde
zu sich, denn er wollte ihnen einen Gastschmaus geben. Als der reiche
Bruder sah, Was da alles zum Schmaus bereit stand, lief es ihm heiß und
kalt über die Haut, weil er seinem Bruder durchaus Nichts gönnte. »Am
Weihnachts-Abend,« sagte er zu den Andern: »war er noch so bettelarm,
daß er zu mir kam und mich um eine Kleinigkeit in Gottes Namen bat,
und nun auf einmal lässt er's drauf gehen, als wenn er Graf, oder
König geworden wäre. -- Wo zum ewigen Satan! hast Du all den Reichthum
herbekommen?« fragte er den Bruder. »Hinter der Thür,« sagte der, denn
er hatte keine Lust, ihm zu beichten; aber gegen Abend, als er ein
wenig in den Krüsel bekommen hatte, konnte er sich nicht länger halten,
sondern kam mit der Mühle zum Vorschein. »Da siehst Du die Gans, die mir
all den Reichthum gebracht hat,« sagte er und ließ die Mühle bald Dies,
bald Jenes mahlen. Als der Bruder das sah, wollte er ihm die Mühle
durchaus abkaufen; aber der Andre wollte sich anfangs gar nicht dazu
verstehen; endlich aber, wie der Bruder so sehr darum anhielt, sollte er
sie denn für dreihundert Thaler haben; aber bis zum Heumonat, das bedung
er sich aus, wollte er sie noch behalten; »denn,« dachte er: »hab' ich
sie noch so lange, kann ich mir Essen damit mahlen für manches liebe
Jahr.« In dieser Zeit nun wurde die Mühle, wie man sich wohl denken
kann, nicht rostig, und als der Heumonat herankam, erhielt der Bruder
sie; aber der Andre hatte sich wohl gehütet, ihm zu sagen, wie er sie
stellen müßte. Es war am Abend, als der Reiche die Mühle nach Hause
brachte, und am Morgen sagte er zu seiner Frau, sie sollte mit den
Schnittern ins Feld gehen und das Heu hinter ihnen kehren, er wolle
derweile das Mittagsessen bereiten. Als es nun so gegen Mittag war,
stellte er die Mühle auf den Küchentisch hin. »Mahl Hering und Milchsuppe,
daß es Art hat!« sprach er. Da fing die Mühle an zu mahlen Hering und
Milchsuppe, erst alle Schüsseln und Grapen voll, und nachher so viel,
daß die ganze Küche davon schwamm. Der Mann stellte und dreh'te die
Mühle; aber wie er sie auch handthieren mochte, so hielt die Mühle nicht
auf, zu mahlen, und zuletzt stand die Milchsuppe schon so hoch, daß der
Mann nahe daran war, zu ertrinken. Nun riß er die Stubenthür auf; aber
es dauerte nicht lange, so hatte die Mühle auch die Stube vollgemahlt,
und nur mit genauer Noth konnte der Mann noch die Thürklinke in der
Fluth von lauter Milchsuppe erfassen. Wie er nun die Thür aufgemacht
hatte, stürzte er hinaus ins Freie, und Hering und Milchsuppe immer
hinter ihn drein, so daß der ganze Hof und das Feld davon strömte.
Indessen däuchte es der Frau, die das Heu auf dem Felde kehrte, es daure
ziemlich lange, eh' der Mann käme und sie zum Mittag abriefe. »Wir wollen
nur nach Hause gehen,« sagte sie zu den Schnittern: »denn ich kann es
mir wohl denken, er kann mit der Milchsuppe nicht allein fertig werden,
und ich muß ihm nur helfen.« Sie machten sich also auf und gingen nach
Hause. Wie sie aber hinter den Berg kamen, schwamm ihnen Hering und
Milchsuppe und Brod entgegen, alles durch einander, und der Mann lief
immer voran. »Gott gebe, daß Jeder von Euch hundert Bäuche hätte, um in
sich zu schlingen!« rief er: »Nehmt Euch aber in Acht, daß Ihr nicht in
meinem Mittagsessen ersauft!« und damit fuhr er ihnen vorbei, als wär'
der Teufel hinter ihm her, und hinüber zu seinem Bruder; den bat er nun
um Gottes willen, er möchte doch sogleich die Mühle wiedernehmen; »denn
mahlt sie noch eine Stunde dazu,« sprach er: »so vergeht das ganze Dorf
in lauter Hering und Milchsuppe.« Der Bruder aber wollte die Mühle nicht
wiedernehmen, wenn der Andre ihm nicht noch dreihundert Thaler dazu
bezahlte. Weil nun durchaus kein andrer Rath war, so mußte der Reiche
mit dem Gelde heraus. Nun hatte der Arme sowohl Geld, als die Mühle, und
da dauerte es denn nicht lange, so hatte er sich ein Haus gebau't, noch
weit prächtiger, als das, worin der Bruder wohnte. Mit der Mühle mahlte
er so viel Gold zusammen, daß er die Wände mit lauter Goldplatten
bekleiden konnte, und das Haus lag so nahe am Strande, daß man den Glanz
davon schon von weitem auf dem Meer sah. Alle, die da vorbeisegelten,
hielten dort an, um den reichen Mann in dem goldnen Hause zu besuchen
und die wunderbare Mühle zu sehen; denn es ging davon ein Gerede weit
und breit.
Einmal kam auch ein Schiffer dort vorbei, der wollte ebenfalls die Mühle
sehen, und als er sie gesehen hatte, fragte er, ob sie auch wohl Salz
mahlen könne. »Ja, Salz kann sie auch mahlen,« sagte der Mann; und nun
wollte der Schiffer sie ihm durchaus abkaufen, sie möchte kosten, Was
sie wolle; »denn habe ich die,« dachte er: »dann brauch' ich nicht immer
so weit über's wilde Meer zu segeln, um Salz zu holen; sondern kann mir
einen guten Tag pflegen.« Anfangs aber wollte der Mann sie durchaus
nicht losschlagen; aber der Schiffer bat ihn so lange und so flehend,
bis er sie ihm endlich für viele tausend Thaler verkaufte. Als nun der
Schiffer die Mühle bekommen hatte, blieb er nicht lange in der Gegend;
denn er dachte, dem Mann könne der Handel nachher wieder leid werden; er
ließ sich auch nicht einmal so viel Zeit, daß er ihn fragte, wie er die
Mühle stellen müßte, sondern ging schnell auf sein Schiff und stieß von
Land. Als er ein Ende hinausgekommen war in die große See, nahm er seine
Mühle hervor. »Mahl Salz, daß es Art hat!« rief er. Da fing die Mühle an
und mahlte Salz, daß es knisterte und sprüh'te. Als der Schiffer sein
Schiff voll hatte, wollte er die Mühle stopfen, aber wie er's auch
anfing und sie stellen und drehen mochte, die Mühle mahlte immer fort,
und der Salzhaufen wuchs höher und immer höher, und zuletzt versank das
ganze Schiff ins Meer. Da steht nun die Mühle auf dem Meergrunde und
mahlt noch den heutigen Tag, und daher kommt es, daß das Meerwasser
salzig ist.
21.
Die Prinzessinn auf dem gläsernen Berg.
Es war einmal ein Mann, der hatte eine Heuwiese, die lag auf einem Berg,
und auf der Wiese stand ein Schoppen, worin er das Futter aufbewahrte.
In den letzten Jahren aber war der Schoppen immer ziemlich leer gewesen;
denn allemal in der St. Johannisnacht, wenn das Gras am schönsten und
üppigsten stand, wurde die Wiese ganz kahl, als ob eine Viehheerde da
gegangen und das Gras abgefressen hätte. So geschah es das eine Jahr,
und so geschah es das andre. Das verdroß endlich den Mann, und er sagte
zu seinen Söhnen -- er hatte drei, und der dritte hieß _Aschenbrödel_,
musst Du wissen -- es solle einer von ihnen in der St. Johannisnacht im
Heuschoppen liegen und Acht geben, wie das Ding zusammenhinge; denn
es könne nicht angehen, daß jedes Jahr das Gras mit Stumpf und Stiel
abgefressen würde, sagte er. Nun machte zuerst der älteste Sohn sich
auf; er wollte schon aufpassen, sagte er, und es sollten ihm weder
Menschen, noch Vieh, noch der Teufel selbst das Gras von der Wiese
stehlen. Darauf ging er hin und legte sich in dem Heuschoppen schlafen.
Wie es aber auf die Nacht kam, entstand plötzlich ein solches Getöse und
ein Erdbeben, daß Dach und Wände krachten. Dem Burschen ward angst und
bange, und er sprang auf und lief davon, ohne sich umzusehen, und die
Wiese wurde in dieser Nacht wieder eben so kahl, als in den beiden
letzten Jahren.
Den nächsten St. Johannis-Abend sagte der Mann wieder, es könne nicht
angehen, daß sie jedes Jahr ihr Heu auf der Wiese einbüßen sollten, es
müsse einer von den Söhnen die Nacht über im Schoppen schlafen und gut
aufpassen. Da machte sich denn der zweite Sohn auf; aber es ging ihm
nicht besser, als seinem Bruder; denn in der Nacht entstand wieder ein
Getöse und ein Erdbeben, noch weit furchtbarer, als in der vorigen
Johannis-Nacht. Dem Burschen ward angst und bange, und er sprang auf und
schwang die Fersen, als ob's für Geld ginge.
Das Jahr darauf kam die Reihe an Aschenbrödel. Als er sich aber
anschickte, nach der Wiese zu gehen, fingen die andern Beiden an zu
lachen und machten sich über ihn lustig. »Ja, Du bist eben der Rechte,
um das Heu zu hüten,« sagten sie: »Du, der Du nichts Anders gelernt
hast, als in der Asche zu sitzen und Dich zu braten.« Aber Aschenbrödel
bekümmerte sich nicht um ihr Geschwätz, sondern als es Abend wurde, ging
er gradezu nach der Wiese. Als er eine Weile im Schoppen gelegen hatte,
fing es an zu donnern und zu krachen. »O, wenn's nicht schlimmer wird,
so kann ich's aushalten,« dachte Aschenbrödel. Als er noch eine Weile
gelegen hatte, entstand ein Krachen und ein Erdbeben, daß die Heuhalme
umherstoben. »O, wenn's nicht schlimmer wird, so halt ich's aus,« dachte
Aschenbrödel. Bald darauf kam ein drittes Krachen und Erdbeben, so daß
der Bursch glaubte, Dach und Wände würden zusammenstürzen; als das aber
vorbei war, wurde es mäuschenstill. »Ob's wohl wiederkommt?« dachte
Aschenbrödel; aber es kam nicht wieder. Nach einer Weile däuchte es dem
Burschen, als ob draußen vor dem Schoppen ein Pferd stände und gras'te.
Er schlich sich daher an die Thür und guckte durch die Ritze, und da sah
er denn ein Pferd stehen, welches das Gras abbiß; aber ein so großes
und stattliches Pferd hatte Aschenbrödel noch nie gesehen, und auf dem
Rücken trug es Sattel und Gebiß und eine vollständige Rüstung für einen
Ritter. Alles aber war von Kupfer, und so blank, daß es glitzerte.
»Haha! bist Du es, der uns immer das Gras abfrisst?« dachte der Bursch:
»aber das will ich Dir schon verbieten.« Er nahm darauf schnell sein
Feuerstahl aus der Tasche und warf es über das Pferd; da konnte es sich
nicht vom Fleck rühren, sondern war so zahm, daß der Bursch mit ihm
machen konnte, Was er wollte. Er setzte sich nun darauf und ritt damit
nach einem Ort hin, den Niemand kannte, als er allein, und da brachte er
es in Verwahrsam. Als er wieder nach Hause kam, fingen seine Brüder an
zu lachen und fragten ihn, wie es denn gegangen sei. »Du bliebst wohl
nicht lange in dem Schoppen liegen,« sagten sie: »wenn Du sonst überhaupt
nach der Wiese gekommen bist.« -- »Ich habe so lange in dem Schoppen
gelegen, bis die Sonne aufging,« sagte der Bursch: »aber ich habe Nichts
gehört, noch gesehen. Gott mag wissen, Was es ist, das Euch so in Furcht
gejagt hat.« -- »Ja, wir werden bald sehen, wie Du die Wiese gehütet
hast,« versetzten die Brüder. Als sie aber hinkamen, stand das Gras da
eben so hoch und so dicht, als den Tag zuvor.
Den nächsten Johannis war es wieder das alte Lied. Keiner von den beiden
Brüdern wollte nach dem Schoppen gehen und die Wiese hüten, aber
Aschenbrödel, der wollte. Nun ging es wieder eben so, wie in der
vorigen Johannis-Nacht: zuerst kam wieder ein furchtbares Getöse und ein
Erdbeben, dann noch einmal, und endlich zum dritten Mal; aber alle drei
Erdbeben waren diesmal weit stärker, als das vorige Jahr. Darauf ward
es plötzlich ganz still, und der Bursch hörte Etwas draußen vor dem
Schoppen knuppern; er schlich sich nun wieder ganz leise nach der Thür
und guckte durch die Ritze. Ja, richtig! da stand wieder ein Pferd dicht
an der Mauer und fraß das Gras ab; aber das war noch weit größer und
stattlicher, als das vorige, und auf dem Rücken lagen Sattel und Gebiß
und eine vollständige Rüstung für einen Ritter -- Alles von blankem
Silber, und so prächtig, wie man's nur sehen kann. »Haha! bist Du es,
der uns in dieser Nacht das Gras abfressen wollte?« dachte der Bursch:
»aber das will ich Dir verbieten,« und damit nahm er schnell sein
Feuerstahl aus der Tasche und warf es dem Pferd über die Mähne, und nun
stand es da, so fromm und so zahm, wie ein Lamm. Da setzte der Bursch
sich drauf und ritt damit nach demselben Ort hin, wo er das andre Pferd
stehen hatte, und dann ging er wieder nach Hause. »Heute sieht es wohl
schön aus auf der Heuwiese,« sagten die Brüder. »O ja, ganz gut,«
versetzte Aschenbrödel. Sie wollten nun hin und zusehen, und als sie
hinkamen, stand das Gras da so hoch und so schön, daß es nur eine Lust
war; aber die Brüder wurden darum nicht freundlicher gegen Aschenbrödel.
Als die dritte Johannis-Nacht herankam, wollte wieder Keiner von den
beiden ältesten Brüdern in dem Heuschoppen liegen und die Wiese hüten;
denn sie waren noch so eingeschüchtert von der ersten Nacht her, die
sie da gelegen hatten, daß sie's gar nicht wieder vergessen konnten. Da
mußte sich denn Aschenbrödel wieder aufmachen; und nun ging es wieder
eben so, wie die beiden vorigen Male: es kamen wieder drei Erdbeben, das
eine noch immer stärker, als das andre, und bei dem letzten tanzte der
Bursch von der einen Schoppenwand zur andern; aber darauf wurde es
mäuschenstill. Als der Bursch nun noch eine Weile gelegen hatte, hörte
er wieder draußen vor dem Schoppen Etwas knuppern. Er schlich sich nun
leise nach der Thür und guckte durch die Ritze -- da stand denn wieder
ein Pferd da, noch weit größer und stattlicher, als die beiden andern,
die er schon gefangen hatte. »Haha! bist Du es, der mir diese Nacht das
Gras abfressen wollte?« dachte der Bursch: »aber das will ich Dir schon
verbieten;« und damit nahm er sein Feuerstahl und warf es über das Pferd,
und da stand es auf dem Fleck so fest, als wär' es dran genagelt, und
der Bursch konnte mit ihm machen, Was er wollte; er ritt es nun nach
demselben Ort hin, wo er schon die beiden andern Pferde stehen hatte,
und ging dann nach Hause. Die beiden Brüder machten sich wieder über ihn
lustig, eben so wie die beiden vorigen Male. Diese Nacht, sagten sie,
hätte er die Wiese wohl gut gehütet, denn er sähe ja aus, als ob er noch
im Schlaf ginge, und Was Dergleichen Mehr war. Aber Aschenbrödel that,
als ob er nicht darauf achte, sondern sagte bloß, sie möchten nur
hingehen und zusehen; das thaten sie denn auch; aber das Gras stand da
eben so schön und üppig, als den Tag zuvor.
Um diese Zeit geschah es, daß der König des Landes, in welchem
Aschenbrödels Vater wohnte, ein Aufgebot in seinem ganzen Reich ergehen
ließ. Der König hatte nämlich eine Tochter von wunderlieblicher
Schönheit, und die wollte er verheirathen. Die Tochter aber saß mit drei
goldnen Äpfeln in ihrem Schoß oben auf einem hohen gläsernen Berg, der
war so glatt wie Eis und so blank wie ein Spiegel. Wer nun auf den Berg
reiten und ihr die drei Äpfel aus dem Schoß nehmen könnte, der sollte
die Prinzessinn und das halbe Reich haben; das hatte der König in
allen Kirchdörfern in seinem ganzen Reich und noch in vielen andern
Königreichen bekannt machen lassen. Weil nun die Prinzessinn so
außerordentlich schön war, daß Jeder, der sie nur ansah, sogleich in
sie verliebt ward, er mochte wollen, oder nicht, so hatten alle Prinzen
und Ritter große Lust, sie und das halbe Königreich zu gewinnen, und
kamen daher von allen Enden der Welt geritten, so stattlich, daß man den
Glanz schon von weitem sah; und ihre Pferde gingen einher, als ob sie
unter ihnen tanzten -- kurz, es war Niemand, der nicht daran dachte, die
Prinzessinn und das halbe Reich zu gewinnen.