Es ist unmöglich, einen Menschen ganz zu verstehen, wenn man seiner

Beurteilung einen Gattungsbegriff zu Grunde legt. Am hartnäckigsten im

Beurteilen nach der Gattung ist man da, wo es sich um das Geschlecht

des Menschen handelt. Der Mann sieht im Weibe, das Weib in dem

Manne fast immer zu viel von dem allgemeinen Charakter des anderen

Geschlechtes und zu wenig von dem individuellen. Im praktischen

Leben schadet das den Männern weniger als den Frauen. Die sociale

Stellung der Frau ist zumeist deshalb eine so unwürdige, weil sie nicht

bedingt ist durch die individuellen Eigentümlichkeiten der einzelnen

Frau, sondern durch die allgemeinen Vorstellungen, die man sich von

der natürlichen Aufgabe und den Bedürfnissen des Weibes macht. Die

Bethätigung des Mannes im Leben richtet sich nach dessen individuellen

Fähigkeiten und Neigungen, die des Weibes soll ausschließlich durch

den Umstand bedingt sein, daß es eben Weib ist. Das Weib soll der

Sklave des Gattungsmäßigen, des Allgemein-Weiblichen sein. Solange

von Männern darüber debattiert wird, ob die Frau "ihrer Naturanlage

nach" zu diesem oder jenem Beruf tauge, so lange kann die sogenannte

Frauenfrage aus ihrem elementarsten Stadium nicht herauskommen. Was

die Frau ihrer Natur nach wollen kann, das überlasse man der Frau zu

beurteilen. Wenn es wahr ist, daß die Frauen nur zu dem Berufe taugen,

der ihnen jetzt zukommt, dann werden sie aus sich selbst heraus kaum

einen anderen erreichen. Sie müssen es aber selbst entscheiden können,

was ihrer Natur gemäß ist. Wer eine Erschütterung unserer socialen

Zustände davon befürchtet, daß die Frauen nicht als Gattungsmenschen,

sondern als Individuen genommen werden, dem muß entgegnet werden,

daß sociale Zustände, innerhalb welcher die Hälfte der Menschheit

ein menschenunwürdiges Dasein hat, eben der Verbesserung gar sehr

bedürftig sind.

Wer die Menschen nach Gattungscharakteren beurteilt, der kommt

eben gerade bis zu der Grenze, über welcher sie anfangen, Wesen zu

sein, deren Bethätigung auf freier Selbstbestimmung beruht. Was

unterhalb dieser Grenze liegt, das kann natürlich Gegenstand

wissenschaftlicher Betrachtung sein. Die Rassen-, Stammes-, Volks-

und Geschlechtseigentümlichkeiten sind der Inhalt besonderer

Wissenschaften. Nur Menschen, die allein als Exemplare der Gattung

leben, könnten sich mit einem allgemeinen Bilde decken, das durch

solche wissenschaftliche Betrachtung zustande kommt. Aber alle

diese Wissenschaften können nicht vordringen bis zu dem besonderen

Inhalt des einzelnen Individuums. Da wo das Gebiet der Freiheit (des

Denkens und Handelns) beginnt, hört das Bestimmen des Individuums

nach Gesetzen der Gattung auf. Den begrifflichen Inhalt, den der

Mensch durch das Denken mit der Wahrnehmung in Verbindung bringen

muß, um der vollen Wirklichkeit sich zu bemächtigen (vgl. S. 86

ff.), kann niemand ein- für allemal festsetzen und der Menschheit

fertig hinterlassen. Das Individuum muß seine Begriffe durch eigene

Intuition gewinnen. Wie der einzelne zu denken hat, läßt sich nicht

aus irgend einem Gattungsbegriffe ableiten. Dafür ist einzig und

allein das Individuum maßgebend. Ebensowenig ist aus allgemeinen

Menschencharakteren zu bestimmen, welche konkrete Ziele das Individuum

seinem Wollen vorsetzen will. Wer das einzelne Individuum verstehen

will, muß bis in dessen besondere Wesenheit dringen, und nicht bei

typischen Eigentümlichkeiten stehen bleiben. In diesem Sinne ist

jeder einzelne Mensch ein Problem. Und alle Wissenschaft, die sich

mit abstrakten Gedanken und Gattungsbegriffen befaßt, ist nur eine

Vorbereitung zu jener Erkenntnis, die uns zu teil wird, wenn uns eine

menschliche Individualität seine Art, die Welt anzuschauen, mitteilt,

und zu der anderen, die wir aus dem Inhalt seines Wollens gewinnen. Wo

wir die Empfindung haben: hier haben wir es mit einem Menschen zu

thun, der frei ist von typischer Denkungsart und gattungsmäßigem

Wollen, da müssen wir aufhören, irgend welche Begriffe aus unserem

Geiste zu Hilfe zu nehmen, wenn wir sein Wesen verstehen wollen. Das

Erkennen besteht in der Verbindung des Begriffes mit der Wahrnehmung

durch das Denken. Bei allen anderen Objekten muß der Beobachter

die Begriffe durch seine Intuition gewinnen; beim Verstehen einer

freien Individualität handelt es sich nur darum, deren Begriffe,

nach denen sie sich ja selbst bestimmen, rein (ohne Vermischung) mit

eigenem Begriffsinhalt herüberzunehmen in unseren Geist. Menschen,

die in jede Beurteilung eines anderen sofort ihre eigenen Begriffe

einmischen, können nie zu dem Verständnisse einer Individualität

gelangen. So wie die freie Individualität sich frei macht von den

Eigentümlichkeiten der Gattung, so muß das Erkennen sich frei machen

von der Art, wie das Gattungsmäßige verstanden wird.

Nur in dem Grade, in dem der Mensch sich in der gekennzeichneten

Weise frei gemacht hat vom Gattungsmäßigen, kommt er als freier Geist

innerhalb eines menschlichen Gemeinwesens in Betracht. Kein Mensch

ist vollständig Gattung, keiner ganz Individualität. Aber eine größere

oder geringere Sphäre seines Wesens löst jeder Mensch allmählich ab,

ebenso von dem Gattungsmäßigen des animalischen Lebens, wie von den

despotisch ihn beherrschenden Geboten menschlicher Autoritäten.

Für den Teil, für den sich der Mensch aber eine solche Freiheit

nicht erobern kann, bildet er ein Glied innerhalb des Natur- und

Geistesorganismus. Er lebt in dieser Hinsicht, wie er es andern

abgukt, oder wie sie es ihm befehlen. Einen ethischen Wert hat nur

der Teil seines Handelns, der aus seinen Intuitionen entspringt. Den

fügt er zur schon vorhandenen Summe sittlicher Begriffe hinzu. Aus

solchen ethischen Intuitionen entspringt alle sittliche Bethätigung

der Menschheit. Man kann auch sagen: das sittliche Leben der

Menschheit ist die Gesamtsumme der moralischen Phantasieerzeugnisse

der freien menschlichen Individuen. Dies ist das Glaubensbekenntnis

des Monismus. Er kann in der Geschichte des sittlichen Lebens nicht

die Erziehung des Menschengeschlechtes durch einen jenseitigen Gott

erkennen, sondern nur das allmähliche Ausleben aller Begriffe und

Ideen, die aus der moralischen Phantasie entspringen können.

DIE LETZTEN FRAGEN.

DIE KONSEQUENZEN DES MONISMUS.

Die einheitliche Naturerklärung oder der Monismus entnimmt der

menschlichen Erfahrung alle Prinzipien, die er zur Erklärung der Welt

braucht. Die Quellen des Handelns sucht er ebenfalls innerhalb der

Beobachtungswelt, nämlich in der unserer Selbsterkenntnis zugänglichen

menschlichen Natur, und zwar in der moralischen Phantasie. Er

lehnt es ab, die letzten Gründe für die dem Wahrnehmen und Denken

vorliegende Welt außerhalb derselben zu suchen. Für den Monismus ist

die Einheit, welche die denkende Beobachtung zu der mannigfaltigen

Vielheit der Wahrnehmungen hinzubringt, zugleich diejenige, die

das menschliche Erkenntnisbedürfnis verlangt und durch die es auch

vollkommen befriedigt wird. Wer hinter dieser Einheit noch eine

andere sucht, der beweist damit nur, daß er die Übereinstimmung des

durch das Denken Gefundenen mit dem vom Erkenntnistrieb Geforderten

nicht erkennt. Das einzelne menschliche Individuum ist von der Welt

nicht thatsächlich abgesondert. Es ist ein Teil der Welt, und der

Zusammenhang mit dem Ganzen des Kosmos ist nicht der Wirklichkeit

nach, sondern nur für unsere Wahrnehmung unterbrochen. Wir sehen

für's erste diesen Teil als für sich existierendes Wesen, weil wir

die Riemen und Seile nicht sehen, durch welche die Bewegung unseres

Lebensrades von den Grundkräften des Kosmos bewirkt wird. Wer auf

diesem Wahrnehmungsstandpunkt stehen bleibt, der sieht den Teil eines

Ganzen für ein wirklich selbständig existierendes Wesen, eine Monade,

an, welches die Kunde von der übrigen Welt auf irgend eine Weise von

außen erhält. Der Monismus hat gezeigt, daß die Selbständigkeit nur

so lange geglaubt werden kann, als das Wahrgenommene nicht durch das

Denken in das Netz der Begriffswelt eingespannt wird. Geschieht dies,

so entpuppt sich alle Teilexistenz in der Welt, alles besondere Dasein

als ein bloßer Schein des Wahrnehmens. Eine in sich geschlossene

Totalexistenz kann nur dem Universum in seiner Ganzheit zugeschrieben

werden. Das Denken zerstört den Schein des Wahrnehmens und gliedert

auch unsere individuelle Existenz in das Leben des Kosmos ein. Die

Einheit der Begriffswelt, welche die objektiven Wahrnehmungen enthält,

nimmt auch den Inhalt unserer subjektiven Persönlichkeit in sich

auf. Das Denken giebt uns von der Wirklichkeit die wahre Gestalt, als

einer in sich geschlossenen Einheit, während die Mannigfaltigkeit der

Wahrnehmungen nur ein durch unsere Organisation bedingter Schein ist

(vgl. S. 163 ff.). Die Erkenntnis der wirklichen Einheit gegenüber dem

Schein des Vielen bildete zu allen Zeiten das Ziel des menschlichen

Denkens. Die Wissenschaft bemühte sich die zusammenhanglos scheinenden

Wahrnehmungen durch Aufdeckung der gesetzmäßigen Zusammenhänge

innerhalb derselben als Einheit, zu erkennen. Weil man aber der Ansicht

war, daß der von dem menschlichen Denken ermittelte Zusammenhang nur

eine subjektive Bedeutung habe, suchte man den wahren Grund der Einheit

in einem jenseits unserer Erfahrungswelt gelegenen Objekte (Gott,

Wille, absoluter Geist u. s. w.). -- Und, auf diese Meinung gestützt,

bestrebte man sich zu dem Wissen über die innerhalb der Erfahrung

erkennbaren Zusammenhänge noch ein zweites zu gewinnen, das über die

Erfahrung hinausgeht, und den Zusammenhang derselben mit den nicht mehr

erfahrbaren Wesenheiten aufdeckt (Metaphysik). Den Grund, warum wir

durch logisch geregeltes Denken den Weltzusammenhang begreifen, sah man

darin, daß ein Urwesen nach logischen Gesetzen die Welt aufgebaut hat,

und den Grund für unser Handeln sah man in dem Wollen des Urwesens. Man

erkannte nicht, daß das Denken Subjektives und Objektives zugleich

umspannt, und daß in dem Zusammenschluß der Wahrnehmung mit dem

Begriff die totale Wirklichkeit vermittelt wird. Nur solange wir

die die Wahrnehmung durchdringende und bestimmende Gesetzmäßigkeit

in der abstrakten Form des Begriffes betrachten, solange haben wir

es in der That mit etwas rein Subjektivem zu thun. Subjektiv ist

aber nicht der Inhalt des Begriffes, der mit Hilfe des Denkens zu

der Wahrnehmung hinzugewonnen wird. Dieser Inhalt ist nicht aus dem

Subjekte, sondern aus der Wirklichkeit genommen. Er ist der Teil

der Wirklichkeit, den das Wahrnehmen nicht erreichen kann. Er ist

Erfahrung, aber nicht durch das Wahrnehmen vermittelte Erfahrung. Wer

sich nicht vorstellen kann, daß der Begriff ein Wirkliches ist, der

denkt nur an die abstrakte Form, wie er denselben in seinem Geiste

festhält. Aber in solcher Absonderung ist er ebenso nur durch unsere

Organisation vorhanden, wie die Wahrnehmung es ist. Auch der Baum,

den man wahrnimmt, hat abgesondert für sich keine Existenz. Er ist

nur innerhalb des großen Räderwerkes der Natur ein Glied, und nur

in realem Zusammenhang mit ihr möglich. Ein abstrakter Begriff hat

für sich keine Wirklichkeit, ebensowenig wie eine Wahrnehmung für

sich. Die Wahrnehmung ist der Teil der Wirklichkeit, der objektiv,

der Begriff derjenige, der subjektiv (durch Intuition, vergl. S. 94

ff.) gegeben wird. Unsere geistige Organisation reißt die Wirklichkeit

in diese beiden Faktoren auseinander. Der eine Faktor erscheint dem

Wahrnehmen, der andere der Intuition. Erst der Zusammenhang der beiden,

die gesetzmäßig sich in das Universum eingliedernde Wahrnehmung,

ist volle Wirklichkeit. Betrachten wir die bloße Wahrnehmung für

sich, so haben wir keine Wirklichkeit, sondern ein zusammenhangloses

Chaos; betrachten wir die Gesetzmäßigkeit der Wahrnehmungen für sich,

dann haben wir es bloß mit abstrakten Begriffen zu thun. Nicht der

abstrakte Begriff enthält die Wirklichkeit; wohl aber die denkende

Beobachtung, die weder einseitig den Begriff, noch die Wahrnehmung

für sich betrachtet, sondern den Zusammenhang beider.

Daß wir in der Wirklichkeit leben (mit unserer realen Existenz in

derselben wurzeln), wird selbst der orthodoxeste Idealist nicht

leugnen. Er wird nur bestreiten, daß wir ideell mit unserem Erkennen

auch das erreichen, was wir real durchleben. Dem gegenüber zeigt der

Monismus, daß das Denken weder subjektiv, noch objektiv, sondern

ein beide Seiten der Wirklichkeit umspannendes Prinzip ist. Wenn

wir denkend beobachten, vollziehen wir einen Prozeß, der selbst in

die Reihe des wirklichen Geschehens gehört. Wir überwinden durch das

Denken innerhalb der Erfahrung selbst die Einseitigkeit des bloßen

Wahrnehmens. Wir können durch abstrakte, begriffliche Hypothesen

(durch rein begriffliches Nachdenken) das Wesen des Wirklichen nicht

erklügeln, aber wir leben, indem wir zu den Wahrnehmungen die Ideen

finden, in dem Wirklichen. Der Monismus sucht zu der Erfahrung

kein Unerfahrbares (Jenseitiges), sondern sieht in Begriff und

Wahrnehmung das Wirkliche. Er spinnt aus bloßen Begriffen keine

Metaphysik, weil er in dem Begriffe an sich nur die eine Seite

der Wirklichkeit sieht, die dem Wahrnehmen verborgen bleibt, und

nur im Zusammenhang mit der Wahrnehmung einen Sinn hat. Er ruft

aber in dem Menschen die Überzeugung hervor, daß er in der Welt

der Wirklichkeit lebt und nicht außerhalb seiner Welt eine höhere

Wirklichkeit zu suchen hat. Er hält davon ab, das Absolut-Wirkliche

anderswo als in der Erfahrung zu suchen, weil er den Inhalt der

Erfahrung selbst als das Wirkliche erkennt. Und er ist befriedigt

durch diese Wirklichkeit, weil er weiß, daß das Denken auf keine

andere hinweist. Was der Dualismus erst hinter der Beobachtungswelt

sucht, das findet der Monismus in dieser selbst. Der Monismus zeigt,

daß wir mit unserem Erkennen die Wirklichkeit in ihrer wahren Gestalt

ergreifen, nicht in einem subjektiven Bilde. Für den Monismus ist der

Begriffsinhalt der Welt für alle menschlichen Individuen derselbe

(vergl. S. 88 ff.). Nach monistischen Prinzipien betrachtet ein

menschliches Individuum ein anderes als seinesgleichen, weil es

derselbe Weltinhalt ist, der sich in ihm auslebt. Es giebt in der

einigen Begriffswelt nicht etwa so viele Begriffe des Löwen, wie es

Individuen giebt, die einen Löwen denken, sondern nur einen. Und

der Begriff, den A zu der Wahrnehmung des Löwen hinzufügt, ist

derselbe, wie der des B, nur durch ein anderes Wahrnehmungssubjekt

aufgefaßt. (Vergl. S. 89.) Das Denken führt alle Wahrnehmungssubjekte

auf die gemeinsame ideelle Einheit aller Mannigfaltigkeit. Die einige

Ideenwelt lebt sich in ihnen als in einer Vielheit von Individuen

aus. So lange sich der Mensch bloß durch Selbstwahrnehmung erfaßt,

sieht er sich als diesen besonderen Menschen an, so bald er auf die

in ihm aufleuchtende, alles Besondere umspannende Ideenwelt blickt,

sieht er in sich das absolut Wirkliche lebendig. Der Dualismus bestimmt

das göttliche Urwesen als dasjenige, was alle Menschen durchdringt und

in ihnen allen lebt. Der Monismus findet dieses gemeinsame göttliche

Leben in der Wirklichkeit selbst. Der ideelle Inhalt eines andern

Subjektes ist auch der meinige, und ich sehe ihn nur solange als

einen andern an, als ich wahrnehme, nicht mehr aber, so bald ich

denke. Jeder Mensch umspannt mit seinem Denken nur einen Teil der

gesamten Ideenwelt, und insofern unterscheiden sich die Individuen

auch durch den thatsächlichen Inhalt ihres Denkens. Aber diese Inhalte

sind in einem in sich geschlossenen Ganzen, das die Denkinhalte aller

Menschen umfaßt. Das gemeinsame Urwesen, das alle Menschen durchdringt,

ergreift somit der Mensch in seinem Denken. Das mit dem Gedankeninhalt

erfüllte Leben in der Wirklichkeit ist zugleich das Leben in Gott. Die

Welt ist Gott. Das Jenseits beruht auf einem Mißverständnis derer,

die glauben, daß das Diesseits den Grund seines Bestandes nicht in

sich hat. Sie sehen nicht ein, daß sie durch das Denken das finden,

was sie zur Erklärung der Wahrnehmung verlangen. Deshalb hat aber auch

noch keine Spekulation einen Inhalt zu Tage gefördert, der nicht aus

der uns gegebenen Wirklichkeit entlehnt wäre. Der persönliche Gott

ist nur der in ein Jenseits versetzte Mensch, der Wille Schopenhauers

die verabsolutierte menschliche Willenskraft, das aus Idee und Wille

zusammengesetzte unbewußte Urwesen Hartmanns eine Zusammensetzung

zweier Abstraktionen aus der Erfahrung. Genau dasselbe ist von allen

anderen jenseitigen Prinzipien zu sagen.

Der menschliche Geist kommt in Wahrheit nie über die Wirklichkeit

hinaus, in der wir leben, und er hat es auch nicht nötig, da alles in

dieser Welt liegt, was er zu ihrer Erklärung braucht. Wenn sich die

Philosophen zuletzt befriedigt erklären mit der Herleitung der Welt

aus Prinzipien, die sie der Erfahrung entlehnen und in ein Jenseits

versetzen, so muß eine solche Befriedigung auch möglich sein, wenn

der gleiche Inhalt im Diesseits belassen wird, wohin er ohnedies

gehört. Alles Hinausgehen über die Welt ist nur ein scheinbares, und

die aus der Welt hinausversetzten Prinzipien erklären die Welt nicht

besser, als die in derselben liegenden. Das sich selbst verstehende

Denken fordert aber auch gar nicht zu einem solchen Hinausgehen auf,

da es keinen Gedankeninhalt giebt, der nicht innerhalb der Welt

einen Wahrnehmungsinhalt findet, mit dem zusammen er ein Wirkliches

bildet. Auch die Objekte der Phantasie sind nur Inhalte, die ihre

Berechtigung erst haben, wenn sie zu Vorstellungen werden, die auf

einen Wahrnehmungsinhalt hinweisen. Durch diesen Wahrnehmungsinhalt

gliedern sie sich der Wirklichkeit ein. Ein Begriff, der mit einem

Inhalt erfüllt ist, der außerhalb der uns gegebenen Welt liegen soll,

ist eine Abstraktion, der keine Wirklichkeit entspricht. Ersinnen

können wir nur die Begriffe der Wirklichkeit; um diese selbst zu

finden, bedarf es auch noch des Wahrnehmens. Ein Urwesen der Welt,

für das ein Inhalt erdacht wird, ist für ein sich selbst verstehendes

Denken eine unmögliche Annahme. Der Monismus leugnet nicht das Ideelle,

er sieht sogar einen Wahrnehmungsinhalt, zu dem das ideelle Gegenstück

fehlt, nicht für volle Wirklichkeit an; aber er findet im ganzen Gebiet

des Denkens nichts, das nicht der diesseitigen Welt angehörte. Der

Monismus sieht in einer Wissenschaft, die sich darauf beschränkt,

die Wahrnehmungen zu beschreiben, ohne zu den ideellen Ergänzungen

derselben vorzudringen, eine Halbheit. Aber er betrachtet ebenso

als Halbheiten alle abstrakten Begriffe, die ihre Ergänzung nicht in

der Wahrnehmung finden und sich nirgends in das die beobachtbare Welt

umspannende Begriffsnetz einfügen. Er kennt daher keine Ideen, die auf

ein jenseits unserer Erfahrung liegendes Objektives hindeuten, und die

den Inhalt einer Metaphysik bilden sollen. Alles was die Menschheit an

solchen Ideen erzeugt hat, sind ihm Abstraktionen aus der Erfahrung,

deren Entlehnung aus derselben von ihren Urhebern nur übersehen wird.

Ebensowenig können nach monistischen Grundsätzen die Ziele unseres

Handelns aus einem Jenseits entnommen werden. Sie müssen, insofern sie

gedacht sind, aus der menschlichen Intuition stammen. Der Mensch macht

nicht die Zwecke eines objektiven (jenseitigen) Urwesens zu seinen

individuellen Zwecken, sondern er verfolgt seine eigenen, ihm von

seiner moralischen Phantasie gegebenen. Die in einer Handlung sich

verwirklichende Idee löst der Mensch aus der einigen Ideenwelt los

und legt sie seinem Wollen zu Grunde. In seinem Handeln leben sich

also nicht die aus dem Jenseits dem Diesseits eingeimpften Gebote

aus, sondern die der diesseitigen Welt angehörigen menschlichen

Intuitionen. Der Monismus kennt keinen Weltenlenker, der außerhalb

unserer selbst unseren Handlungen Ziel und Richtung setzte. Der Mensch

findet keinen jenseitigen Urgrund des Daseins, dessen Ratschlüsse

er erforschen könnte, um von ihm die Ziele zu erfahren, nach denen

er mit seinen Handlungen hinzuzusteuern hat. Er ist auf sich selbst

zurückgewiesen. Er selbst muß seinem Handeln einen Inhalt geben. Wenn

er außerhalb der Welt, in der er lebt, nach Bestimmungsgründen seines

Wollens sucht, so forscht er vergebens. Er muß sie, wenn er über die

Befriedigung seiner natürlichen Triebe, für die Mutter Natur vorgesorgt

hat, hinausgeht, in seiner eigenen moralischen Phantasie suchen,

wenn es nicht seine Bequemlichkeit vorzieht, von der moralischen

Phantasie anderer sich bestimmen zu lassen, das heißt: er muß alles

Handeln unterlassen oder nach Bestimmungsgründen handeln, die er sich

selbst aus der Welt seiner Ideen heraus giebt, oder die ihm andere

aus derselben heraus geben. Er wird, wenn er über sein sinnliches

Triebleben und über die Ausführung der Befehle anderer Menschen

hinauskommt, durch nichts, als durch sich selbst bestimmt. Er muß

aus einem von ihm selbst gesetzten, durch nichts anderes bestimmten

Antrieb handeln. Ideell ist dieser Antrieb allerdings in der einigen

Ideenwelt bestimmt; aber faktisch kann er nur durch den Menschen

aus dieser abgeleitet und in Wirklichkeit umgesetzt werden. Für die

aktuelle Umsetzung einer Idee in Wirklichkeit durch den Menschen

kann der Monismus nur in dem Menschen selbst den Grund finden. Daß

eine Idee zur Handlung werde, muß der Mensch erst wollen, bevor es

geschehen kann. Ein solches Wollen hat seinen Grund also nur in dem

Menschen selbst. Der Mensch ist dann das letzte Bestimmende seiner

Handlung. Er ist frei.

ENDE.

ANMERKUNGEN

[1] transcendental ist eine Erkenntnis, welche sich bewußt ist,

daß über die Dinge an sich nicht direkt etwas ausgesagt werden kann,

sondern welche indirekt Schlüsse von dem bekannten Subjektiven auf

das Unbekannte, jenseits das Subjektiven Liegende (Transcendente)

macht. Das Ding an sich ist nach dieser Ansicht jenseits des Gebietes

der uns unmittelbar erkennbaren Welt, d. i. transcendent. Unsere

Welt kann aber auf das Transcendente transcendental bezogen

werden. Realismus heißt Hartmanns Anschauung, weil sie über das

Subjektive, Ideale hinaus, auf das Transcendente, Reale geht.

[2] Eine vollständige Zusammenstellung der Prinzipien der Sittlichkeit

findet man (vom Standpunkte des metaphysischen Realismus aus) in

Eduard von Hartmanns: "Phänomenologie des sittlichen Bewußtseins".

[3] Nur Oberflächlichkeit könnte im Gebrauch des Wortes Vermögen

an dieser und andern Stellen dieser Schrift einen Rückfall in die

Lehre der alten Psychologie von den Seelenvermögen erblicken. Der

Zusammenhang mit dem S. 94 Gesagten ergiebt genau die Bedeutung

des Wortes.

[4] Wenn Paulsen (S. 15 des angeführten Buches) sagt: "Verschiedene

Naturanlage und Lebensbedingungen erfordern wie eine verschiedene

leibliche so auch eine verschiedene geistig-moralische Diät", so ist

er der richtigen Erkenntnis ganz nahe, trifft aber den entscheidenden

Punkt doch nicht. Insofern ich Individuum bin, brauche ich keine

Diät. Diätetik heißt die Kunst, das besondere Exemplar mit den

allgemeinen Gesetzen der Gattung in Einklang bringen. Als Individuum

bin ich aber kein Exemplar der Gattung.

[5] Daß wir Gedanken (ethische Ideen) als Objekte der Beobachtung

bezeichnen, geschieht mit Recht. Denn wenn auch die Gebilde des Denkens

während der gedanklichen Thätigkeit nicht mit ins Beobachtungsfeld

eintreten, so können sie doch nachher Gegenstand der Beobachtung

werden. Und auf diesem Wege haben wir unsere Charakteristik des

Handelns gewonnen.

[6] Von dem Falle, wo durch übermäßige Steigerung der Lust diese in

Unlust umschlägt, sehen wir hier ab.

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Die Philosophie der Freiheit: Grundzüge einer modernen Weltanschauung · 第 14 / 14 段