Ihn übergoß eine heiße Glut. »Jawohl!« sagte er bitter. »Sibylle, meine
kleine Silly, warst du nicht meine Silly?«
»Früher einmal --« flüsterte sie.
»Und jetzt -- jetzt!« rief er stark. »Es ist noch nicht aller Tage
Abend -- Silly, jahrelang hab' ich ja nur an dich gedacht, jahrelang --
weißt du noch unser Geheimnis, Lady Rosalind?«
»Ich weiß, weiß alles.«
»Und dann kam eine bunte, tolle Zeit, Geselligkeit, Tanz, Mädchen,
Schulden, ein Strudel, ein Wirbel sag' ich dir, das riß mich mit -- ich
mußte mich rangieren, da vergaß ich -- aber ich hab's bereut, bitter
bereut, Silly, hörst du?«
Ja, sie hörte, sie trank jedes Wort von seinen Lippen, noch ehe es
ausgesprochen war; sie lächelte irr vor Seligkeit und Hingebung.
»Ich war ein Narr!« sagte er dumpf, »aber auch Narrheiten lassen sich
überwinden, wieder gutmachen. Alles hängt nur an dir.«
»An mir ...?« hauchte sie. Sie lächelte wie eine Sterbende und schloß
die Augen. Was wollte er damit sagen? Und als fürchte sie den Sinn
seiner Worte, deren Wahrheit sie nur halb begriffen hatte, als wolle
sie dieser Wahrheit keinen Raum lassen, sagte sie schüchtern: »Denk
nur, Arno -- diese Schlucht habe ich heute zum erstenmal mit Augen
gesehen und doch, ich kannte sie, kannte sie schon lange. Wie oft sah
ich sie im Traum, ehe das Schreckliche mit den Eltern geschah!«
»Du sahst sie im Traum?« wiederholte er staunend.
»Ja, auf ein Haar genau, und auch den Mann sah ich auf der Brücke --
ach, Arno, wie war mir zumute, als ich dich erkannte! Ich dachte, ich
müßte wahnsinnig werden --«
»Mein Gott,« sagte er erschüttert, »wie seltsam, wie unfaßlich!« Er
schwieg einige Augenblicke, dann leuchteten seine Augen auf und er
sprach, rings um sich blickend: »Sollte das eine Vorbedeutung gewesen
sein? Herr Gott im Himmel, was kann es denn auch Größeres geben, als
große Natur und eine Menschenseele, die uns versteht?«
Sibylle war totenblaß, ihre Lippen öffneten sich -- abwehrend hielt sie
die Hände vor sich -- sie atmete in kurzen Stößen.
»Was ist dir, Liebling?« stammelte er.
»Auch das!« flüsterte sie, vor Grauen geschüttelt. »Diese Worte, genau
so, sagte mir der Mann auf der Brücke, sagtest du mir, Arno. Und dann
-- war ich -- allein ...«
Ihr Kopf fiel hintenüber, mit einem schwachen Seufzer sank sie
bewußtlos zusammen.
Entsetzt nahm er sie in seine Arme, hob sie auf und trug sie zärtlich
an den Bach. Hier bettete er sie in dem Schatten einer Birke, kühlte
ihre Schläfen und murmelte angstvolle, sinnlose, heiße Worte.
Endlich schlug sie die Augen wieder auf und sah in sein verstörtes
Gesicht.
»Ach, es ist nichts,« sagte sie tonlos, »nur eine Schwäche. Ich habe
das manchmal. Hast du dich erschreckt, Arno?«
Er nickte gepreßt. Und er schwur sich, diese zarte Mädchenblume nie
durch leidenschaftliche Äußerungen aus dem kristallklaren Zustande, der
ihrer Seele gemäß war, zu scheuchen. Er würde an sich halten, hüten
würde er sich. Vor Bewegung unfähig zu sprechen, nickte er wieder und
beugte sich über die hingestreckte Gestalt.
»Wie kannst du nur so ängstlich sein, du großer, lieber Junge?«
versuchte sie zu scherzen und strich ihm zaghaft mit zwei Fingern über
die Stirn. »Sieh mal, wie groß und braungebrannt du bist! Schön bist du
geworden, Arno, schon als Knabe warst du immer schön ... weißt du noch,
wie du nicht Puppenkönig werden wolltest? Von dem Tage an spielte ich
nie mehr mit meinen Puppen.«