gobicum~), ein kaum 1 m Höhe erreichender, stacheliger Strauch, der
auf kahlem Flugsande gedeiht, im August blüht und im September seinen
Samen reifen läßt. Dieser letztere ist das Korn der Wüstennomaden,
der „Segen der Wüste“. In regenreichen Jahren ergibt er eine gute
Ernte, in trockenen dagegen verkommt der Strauch und dann hungert
der Mongole. Die Sulchirernte ist höchst einfach: Die Früchte werden
gesammelt und die Samen auf einer von Sand freien, lehmigen Bodenfläche
ausgedroschen. Dann werden letztere geröstet, durch Stampfen in
Holzmörsern von den Hülsen befreit, in Handmühlen gemahlen und geben
ein ziemlich schmackhaftes Mehl, das mit Backsteintee zusammen gekocht
wird und dem Mongolen als willkommene Speise dient.
Dieselbe zentralasiatische Wüste bewohnt der 3-4 m hohe, bis 15 cm
dicke +Saxaulstrauch+, der vereinzelt im kahlen Sande gedeiht. Er
besitzt keine Blätter und schattenlos streckt er seine langen Zweige
aus, und doch baut der Mongole neben ihm seine Jurte auf, um hinter
ihm Schutz gegen die eisigen Winterstürme, wie gegen den sengenden
Sonnenbrand zu suchen. Im Frühling bedeckt sich der Saxaul mit kleinen,
gelben Blüten, aber seine Samen sind nur für Tiere, nicht für den
Menschen genießbar. Dagegen ist sein hartes, sprödes Holz außer dem
getrockneten Mist seiner Haustiere das einzige Brennmaterial, das dem
Nomaden zur Verfügung steht, um seinen geliebten ~tsamba~ zu kochen.
Ebenso widerstandsfähig gegen Hitze und Dürre, wie auch den eisigen
Frost des Winters ist die die Wüsten Zentralasiens und Südostrußlands
bewohnende +Wüstenweide+ (~Salix acutifolia~). Auch sie gewährt dem
Menschen keinen anderen Nutzen, als daß sie ihm Brennholz liefert. Aus
ihren Zweigen kann allerlei Flechtwerk hergestellt werden. Sie eignet
sich besonders zur Humusbildung auf magerstem Boden, wodurch derselbe
für anspruchsvollere Gewächse vorbereitet wird. Auf fruchtbarem Boden
entwickelt sie sich zu einem schönen, stattlichen Baum.
In den Wüsten Australiens sind als Holzerzeuger sehr nützlich die
verschiedenen +Eukalyptusbäume+, die ihre Wurzeln außerordentlich
tief in den Boden hinabsenken, um ihm alle Feuchtigkeit zu entnehmen,
andererseits aber auch eine ganz außerordentliche Größe erreichen, wie
sie selbst nicht von den kalifornischen Mammutfichten, den Giganten
der Pflanzenwelt, erreicht wird. Wie die neben ihnen wachsenden
Akazien liefern sie außer Brennholz auch gutes Bau- und Werkholz, das
vorteilhaft zur Kohlen- und Teerbrennerei Verwendung findet. Aus den
Blättern läßt sich das wohlriechende Eukalyptusöl destillieren, das zur
Lackbereitung und in der Parfümerie dient.
Jedenfalls würden sich außer den hier genannten noch verschiedene
andere Wüstenpflanzen zum Anbau bei der ersten Besiedelung von
Wüsten durch den Menschen empfehlen. Einmal gepflanzt würden diese
wetterharten, der lebenfeindlichen Umgebung durch zahllose Generationen
angepaßten Pioniere aus der Pflanzenwelt ohne Mithilfe des Menschen
gedeihen und ihm ausgedehnte Gebiete der Erde, die heute öde Flächen
sind, dem Leben und der Kultur erobern helfen.
XXXIII.
Die Feinde der Nutzpflanzen.
Nur ausnahmsweise und gelegentlich ist in den vorangegangenen
Abschnitten auch von manchen verderblichen Krankheiten der Nutzpflanzen
die Rede gewesen. Unsere Betrachtung wäre unvollständig, wenn wir
zum Schlusse nicht anführen wollten, daß gerade die in der Regel in
ganz unnatürlicher, einseitiger Anhäufung unter oft ungünstigen,
ihren natürlichen Standorten und Lebensbedingungen durchaus nicht
entsprechenden Lebensverhältnissen auf einem in seiner Zusammensetzung
ungeeigneten, vielfach ausgesogenen Boden angebauten und meist durch
vielhundertjährige Kultur von seiten des Menschen verweichlichten
Nutzpflanzen Krankheiten unendlich viel leichter anheimfallen als ihre
robusten, unter den natürlichen Lebensbedingungen lebenden Wildlinge
gebliebenen Verwandten. Dabei ist zu bedenken, daß durch ungünstige
klimatische oder Bodenverhältnisse in Verbindung mit mangelhafter
Pflege durch den Menschen die verschiedenen Krankheitserreger viel
größere Bedeutung für die Kulturpflanzen gewinnen als für die übrigen,
in ihren natürlichen, ihren Bedürfnissen angepaßten Verhältnissen
lebenden Pflanzen. So kann es uns nicht wundern, daß, je länger eine
Nutzpflanze in menschlicher Pflege steht und je höher kultiviert sie
ist, sie um so zahlreicheren Erkrankungen ausgesetzt ist und von um so
mehr tierischen und pflanzlichen Feinden bedroht wird.
Wie für die Menschen und die Tiere sind auch für die Kulturpflanzen
winzige Pilze die gefährlichsten Krankheitserreger. So entstehen
schwere Schädigungen unserer Getreideernten, ja völliger Mißwachs
dieser für uns Menschen so wichtigen Brotfrüchte besonders durch
die +Brandpilze+, die die Ähren und Körner unter Umwandlung in eine
schwärzliche Masse vernichten, dann durch mancherlei +Rostpilze+,
die die Blätter und Halme abtöten und dadurch die Fruchtbildung
verunmöglichen, ferner durch den +Mutterkornpilz+, der sich in der
Ähre an Stelle des Kornes entwickelt, außerdem durch eine Reihe erst
neuerdings aufgefundener +Blattpilze+, die die grünen Blätter besonders
des Weizens befallen und vorzeitig abtöten, endlich auch die jüngst
entdeckten Pilze, der „Roggenhalmbrecher“ und „Weizenhalmtöter“, die
sich im untersten Grunde des Halmes und in den Wurzeln entwickeln und
dadurch den wertvollen Getreidepflanzen vorzeitigen Tod bringen.
So haben unsere wichtigsten Körnerfrüchte, wie Weizen, Gerste und
Hafer, außer unter besonderen Arten von Flugbrand, deren Sporen nach
Auszehrung der Fruchtanlage in der Blüte in braunen Massen ausstäuben,
um immer wieder dieselbe Getreideart, niemals aber eine andere zu
befallen, noch unter anderen spezifischen Brandarten zu leiden, so
der Weizen durch den +Steinbrand+, die Gerste durch den +Hart-+ oder
+Schwarzbrand+ und der Hafer durch den +gedeckten Haferbrand+, alles
nicht zur Blütezeit der betreffenden Getreidearten ausstäubenden und
umherfliegenden Brandarten, sondern solchen, die den Keimling anstecken
und erst beim Dreschen ihre schwärzlichen Sporenmassen frei werden
lassen, um an gesunde Körner zu gelangen. Diesen haften sie äußerlich
an und gelangen, falls solches Korn zur Saat benützt wird, mit dem
Getreidekeimling zum Austreiben, wobei sie ihre Schläuche in ihn
eindringen lassen und mit ihm wachsen, bis sie ihn zugrunde gerichtet
haben. Diese letzteren Brandarten bekämpft man durch sogenanntes
Beizen des Saatgutes mit Kupfersalzen, Formalin und heißem Wasser. Die
ersteren dagegen können nur durch rechtzeitiges tägliches Entfernen der
den Flugbrand in den Blüten aufweisenden Exemplare oder noch besser
durch isolierte Züchtung brandfreier Getreidestämme vermieden werden.
Verschiedene +Rostpilze+ schädigen den Mais, den Klee, die Bohnen
und Erbsen und weisen denselben Wirtswechsel wie die früher
besprochenen Getreiderostarten auf. So gedeihen die Wintersporen
des Erbsenrostes nur auf den Blättern der Cypressenwolfsmilch, um
regelmäßig ihre Sommersporen auf den Erbsen zu entwickeln. Die
Wintersporen des orangeroten Becherrostes der Stachelbeeren gedeihen
nur auf der Unterseite der Blätter der scharfen Segge, wo sie schwarze
Sporenhäufchen bilden. Der ebenfalls orangerote Gitterrost, der die
Blätter des Birnbaumes befällt, erzeugt rotgelbe Gallertklumpen
ausschließlich an Stamm und Zweigen des Sadebaumes (~Juniperus
sabina~). Zwei gefürchtete Getreideschädlinge, der +wahre Rost+ und der
+Kronenrost+, entwickeln ihre Wintersporen ausschließlich, der erstere
auf den Blättern der Ackerochsenzunge, der letztere auf denjenigen
des Faulbaums. Und so geht es ins Endlose, ohne daß wir bis jetzt
von den meisten solchen Rostpilzen den Gang der Entwicklung und den
Zwischenwirt überhaupt erkannt hätten.
Den Blättern und Früchten der Apfel- und Birnbäume sind die Schorf-
und Fusicladiumpilze gefährlich. Die Moniliakrankheit verdirbt die
Blüten und jungen Triebe der Kirschbäume, der Gnomoniapilz bewirkt die
Seuche und das Abfallen ihrer Blätter wie auch das Verderben ihrer
Früchte. Verschiedene Kulturpflanzen leiden unter dem Mehltau, unter
ihnen besonders der Weinstock; dabei bildet sich ein weißer, dünner
Überzug auf braunwerdenden Flecken der Blätter und jungen Weinbeeren.
An letzteren stirbt dadurch die Haut ab, noch ehe die Frucht die Hälfte
ihrer normalen Größe erlangt hat und zerreißt bei weiterer Ausdehnung
des Beerenfleisches, so daß die Beere abstirbt und verfault. Der weiße
Überzug besteht aus dem echten Mehltaupilz (~Oidium tuckeri~), dessen
Sporen vom Regen und Wind auf benachbarte Blätter und Trauben weiter
verbreitet werden, wo sie bei Vorhandensein von Feuchtigkeit leicht
keimen. Regenreiche Jahre begünstigen die Ausbreitung dieser Krankheit,
die seit 1845 von England durch Frankreich nach Südeuropa, der Schweiz
und Deutschland wanderte und sehr großen Schaden anrichtete. Man
bekämpft die Krankheit erfolgreich durch Schwefeln, d. h. Überpudern
der Weinstöcke mit Schwefelblumen, wodurch der Pilz getötet und
gesunde Pflanzen geschützt werden. Der falsche Mehltau dagegen wird
von ~Peronospora viticola~ hervorgerufen. Der Pilz zeigt sich nur auf
der Unterseite der Blätter als weißer Filz, während auf der Oberseite
rundliche, braune Flecken entstehen. Die Krankheit trat zuerst in
Amerika auf, wurde hernach in Frankreich und dann in andern Ländern
Europas beobachtet und hat seitdem große Verheerungen angerichtet.
Sie wird durch Bespritzen der Reben zur Zeit der Rebenblüte und 4-6
Wochen später noch einmal mit 1-1,5 kg Kupfervitriol und 2-2,5 kg
gelöschtem Kalk in 100 Liter Wasser erfolgreich bekämpft. Der
Pinselschimmel (~Penicillium glaucum~) verdirbt den Most, weshalb die
von ihm befallenen, eine schmutzige, hellgrüne bis gelbliche Färbung
zeigenden faulen Beeren vor dem Keltern der Trauben entfernt werden
müssen. Nicht ungünstig dagegen ist die durch ~Peziza funckeliana~
hervorgerufene Edelfäule der Trauben, indem dieser Pilz in den Beeren
mehr Säure als Zucker verzehrt, wodurch ein stärkerer Wein entsteht.
Dieser Pilz ruft aber nur bei wenigen Traubensorten, deren Bukett er
erzeugt, solch gutartige Veränderungen hervor, so namentlich beim
Riesling, dessen Bukett er zwar zerstört, dafür aber ein anderes, dem
Sherry ähnliches erzeugt. Alte Weinkenner am Rhein behaupten, daß man
erst im Jahre 1822 gelernt habe, aus edelfaulen Trauben die feurigen,
edlen Weine des Rhein- und Moselgaues zu bereiten. In jenem Jahre war
der Sommer dem Weinstock außerordentlich günstig, so daß schon gegen
Ende September eine Überzeitigung eintrat und gelesen werden mußte. Da
dann die Weinbauern nicht auf eine so frühe Ernte vorbereitet waren,
wurde meist eine „faule Brühe“ gelesen, die aber einen so guten Wein
lieferte, daß man diese Edelfäule später künstlich herbeiführte. Auch
die Phytophthorakrankheit der Kartoffeln, die Blätter und Knollen
dieser wichtigen Nutzpflanze zum Absterben bringt, ist Mitte des
vorigen Jahrhunderts aus Nordamerika zu uns gekommen.
[Illustration: Bild 80. Echter Mehltau des Weinstocks (~Oidium
tuckeri~).
~a~ ein vom Pilze befallenes Rebenblatt, ~b~ eine von ihm zerstörte
Traube, ~c~ der Pilz selbst (stark vergrößert).]
Außer diesen die grünen Teile der Pflanze angreifenden Pilzen gibt es
eine Menge anderer, die die Wurzeln befallen und dadurch die Pflanze
zum Absterben bringen. Solche Wurzeltöter bedrohen besonders die
verschiedenen in Kultur befindlichen Leguminosen. Aber noch weit mehr
als durch pflanzliche sind besonders die Wurzeln durch +tierische
Feinde+ bedroht. Diese bestehen ebenfalls meist aus winzigen Lebewesen,
vorzugsweise aus der Familie der Würmer, Milben und Insekten. Unter
den letzteren, die meist ziemliche Größe aufweisen, gibt es manche,
die sich nicht auf bestimmte Pflanzen beschränken, sondern sämtlichen
Gewächsen schädlich werden können. Dazu gehören z. B. die Maikäfer,
deren Larven als Engerlinge drei bis vier, ja in Ostpreußen sogar
fünf Jahre im Boden leben und hier den Wurzeln fast aller Pflanzen
gefährlich sind, ferner die schmalen, gelben Drahtwürmer, die Larven
des Saatschnellkäfers, die die Wurzeln besonders der Getreidearten,
Kartoffeln und Gemüsepflanzen zerfressen, wie auch die verschiedenen
Erdraupen, auf die wir hier nicht näher eintreten können.
[Illustration: Bild 81. Falscher Mehltau des Weinstocks (~Peronospora
viticola~).
~a~ davon befallene Traube mit kranken Beeren, ~b~ aus einer
Atmungsöffnung der Unterseite des Blattes hervorgewachsene gestielte
Sporenträger des Pilzes, deren Sporen teilweise schon vom Winde verweht
wurden.]
Unendlich viel größer als die Zahl dieser allgemeinen Schädlinge
ist diejenige solcher tierischer Schädlinge, die immer nur auf
eine bestimmte Nährpflanze angewiesen sind und ihr durch ihre
große Menge ebenso arg zuzusetzen vermögen wie die verschiedenen
speziellen Krankheitspilze. Für die Getreidearten sind die Larven des
unübersehbaren Heers der Kornkäfer, deren man jetzt schon über 10000
Arten unterscheidet, dann Frit- und andere Fliegen, ferner Blasenfüße,
allerlei Halmwespen und Zwergzikaden gefährlich, für die Zucker-
und Futterrüben außer zahlreichen Insekten besonders Rundwürmer.
Eines der gefährlichsten Würmchen dieser letzteren Art ist neben dem
Rübenälchen das Weizenälchen, welches das sogenannte Gichtigwerden
und den Faulbrand des Weizens hervorruft und dadurch oft gewaltigen
Schaden anrichtet. Diese sind so zählebig, daß sie selbst nach zwanzig
und mehr Jahren völliger Austrocknung nach Befeuchten wieder aufleben.
Naturgemäß tritt der durch sie hervorgerufene Faulbrand in nassen
Jahren stärker als in trockenen auf. Zum Schutze gegen sie müssen alle
gichtischen Körner des Weizens am besten durch Verbrennen vernichtet
werden und darf zum Aussäen nur gesundes, in einer halbprozentigen
Kupfervitriollösung gebeiztes Saatgut verwendet werden.
Die Kleefelder werden durch das Stockälchen, die Bohnen, Erbsen
und andere Leguminosen durch Blattläuse, der Raps durch einen
Glanzkäfer schwer geschädigt. Sehr groß ist die Zahl der Obstfeinde
im Tierreiche. Die Raupen gewisser Schmetterlinge, wie die des
Frostspanners, des Schwammspinners usw., zerstören das Laub und
damit auch den Ertrag der Obstbäume. Blüten und Blätter werden
verdorben durch den Apfelblütenstecher, durch die Larven mehrerer
Wickler, die das Madigwerden und das Abfallen der Äpfel und Birnen
verursachen, durch die Kirschenfliege, die die Maden in den Kirschen
erzeugt, und dergleichen kleine Insekten mehr. Die Blutläuse sind
für die Apfelbaumstämme wie die verschiedenen Schildläuse für andere
Obstbaumarten von der größten Gefährlichkeit. Ein schrecklicher Gegner
ist dem Weinstock die aus Amerika eingeschleppte, zuerst im Jahre 1863
in Europa bemerkte, seitdem aber in allen Weingegenden verbreitete
Reblaus, die von 1869 an innerhalb acht Jahren in Frankreich allein
den dritten Teil des gesamten mit Reben bepflanzten Areals vernichtete
und dadurch dem Nationalvermögen dieses Landes nach durchaus nicht
übertriebener Schätzung einen ersten Schaden von wenigstens 13
Milliarden Franken verursachte. Der seit ihrem Auftreten in diesem
Lande verursachte Gesamtschaden wird auf mehr als 20 Milliarden Franken
geschätzt. Auch der Traubenwickler ist für den Rebbau eine große
Kalamität; denn der sogenannte Heu- oder Sauerwurm, das Räupchen dieses
Schmetterlings, zerstört namentlich in feuchten Jahren die Blüten und
zarten jungen Beeren der Rebe.
Großen Schaden verursachen auch zahllose Blattkäfer und Blattflöhe.
Unter den ersteren ist besonders der in Nordamerika heimische
Kolorado-Kartoffelkäfer berüchtigt, der sich seit etwa vierzig Jahren
über das ganze Land ausgebreitet hat und oft einen Ausfall von 30
Prozent und mehr der Kartoffelernte bewirkte, ja manchenorts so
zahlreich auftrat, daß die durch ihn angerichteten Verwüstungen den
Menschen zwangen, den Anbau der Kartoffeln zeitweise ganz einzustellen.
Trotzdem er durch amerikanische Saatkartoffeln nach Europa verschleppt
wurde, hat er sich glücklicherweise bei uns nicht einbürgern können, da
ihm offenbar das Klima hier nicht behagt.
Es ist völlig unmöglich, dem geneigten Leser auch nur einen
annähernden Begriff von der Zahl der tierischen Schmarotzer zu geben,
die neben den pflanzlichen Krankheitserregern unsere verschiedenen
Kulturpflanzen bedrohen. Es genüge, hier als Beispiel nur die
Baumwollstaude anzuführen, an der die praktischen, für die Erkenntnis
der Schädlinge der Kulturpflanzen äußerst verdienten Nordamerikaner
außer 30 verschiedenen Pilzkrankheiten nicht weniger als 470 Tierarten
gelegentlich oder ausschließlich schmarotzen. Unter diesen befinden
sich drei Schädiger ersten Ranges, nämlich die Baumwollraupe, die
Kapselraupe und der mexikanische Kapselkäfer. Sie alle vermehren
sich in fabelhafter Weise und richten da, wo sie auftreten, großen
Schaden an. Bedenkt man, daß eine einzige die Räupchen hervorbringende
Motte wenigstens 500 Eier legt, die sich im Laufe eines Sommers in
fünf Generationen zu unzählbaren Millionen fortpflanzen, so begreift
man, daß der Mensch völlig außerstande wäre, seine verschiedenen
Kulturpflanzen gegen ihre zahllosen Schädiger in erfolgreicher Weise zu
schützen, wenn nicht jeder der letzteren wenigstens einen Spezialfeind
in der niederen Tierwelt besäße, der ihm das Leben sauer macht. Im
Bunde mit diesen seinen Freunden und Bundesgenossen führt der Herr
der Schöpfung einen unausgesetzten Kampf gegen das große Heer der
Schädlinge und bedient sich dabei der verschiedensten Hilfsmittel,
unter denen das Spritzen mit ätzenden, giftigen Stoffen und die
Fangkulturen in erster Linie stehen. Unter den letzteren versteht man
gewisse zwischen den Hauptkulturen gesetzte Pflanzungen, die sich
früher entwickeln als diese und die nur zum Zwecke angelegt werden,
um die tierischen Schädlinge anzulocken und dann mit diesen zusammen
vertilgt zu werden. So benutzt man beispielsweise bei der Baumwolle
dazu eine frühreifende Maisart, die auf schmalen Beeten zwischen den
Baumwollfeldern angepflanzt wird.
Endlich werden auch manche tierische Schmarotzer durch ihre natürlichen
Feinde zu bekämpfen gesucht. So wird seit einigen Jahren der
Kapselkäfer der Baumwolle in Amerika durch eine rote Ameise bekämpft,
die man in Massen züchtet und auf den Baumwollfeldern ansiedelt.
In neuester Zeit hat man auf Java die sogenannte Kakaowanze, die
die Kakaobäume vernichtet und den Ertrag der betreffenden Plantagen
auf Jahre hinaus zerstört, in ähnlicher Weise und mit gutem Erfolg
mit Hilfe einer schwarzen Ameise zu bekämpfen gesucht, die sich
als Vernichterin jener Schmarotzerin vorzüglich bewährt hat. Die
Nester dieser Ameise werden in Kisten aus Blech gefaßt und in den
Kakaobäumen aufgehängt. Von hier aus beginnen die Ameisen alsbald ihr
Vernichtungswerk und töten rasch die gefürchteten Wanzen.
Sehr leistungsfähige staatliche Insektenzuchtinstitute besitzen
besonders die Vereinigten Staaten von Nordamerika. Unter ihnen
ist dasjenige von Sakramento in Kalifornien das bekannteste, das
alljährlich große Lieferungen an Private besorgt. So hat dieses
Institut beispielsweise im vergangenen Monat April nach den
Zeitungsberichten 52 Millionen Marienkäfer in Gewicht von 1000 kg in
besonderen Eisenbahnwagen nach den Melonenfeldern von Imperial Valley
in Kalifornien spediert, wo ihnen die Aufgabe zufällt, Blattläuse und
Insekten aller Art zu vertilgen, die die Melonenpflanzungen verheeren.
Der beste Schutz gegen die Schädlinge ist und bleibt aber die peinlich
sorgfältige Pflege der Kulturpflanzen und ein tadellos gesundes
Saatgut, soweit die Vermehrung durch Aussäen des Samens bewerkstelligt
wird. Auch müssen bei der Einführung von Setzlingen nicht nur der
Stamm und die Zweige, sondern vor allem auch die Wurzeln mit allen
ihren Ausläufern genau auf die Anwesenheit von Schmarotzern untersucht
werden. Hätte man dies getan, so wäre beispielsweise auch die in
Amerika bei den viel kräftigeren einheimischen Reben nur geringen
Schaden anrichtende Reblaus nicht nach Europa eingeschleppt worden und
hätten die gewaltigen Verluste, die hier die Rebbau treibenden Länder
erleiden mußten, vermieden werden können.
Die weitaus wichtigsten Gehilfen des Menschen sind aber die +Vögel+,
die infolge ihres beinahe unersättlichen Hungers -- die Folge ihres
äußerst raschen Stoffwechsels und ihrer maximalen Lebensintensität
-- die größten Feinde der meisten Schädlinge unserer Nutzpflanzen
sind. Haben wir mit der einseitigen Anpflanzung weiter Gebiete mit
denselben zu unserem Nutzen gezogenen Pflanzenarten auch die Schädlinge
derselben in einer Weise, wie dies in der freien Natur, wo aber auch
keine solche Anhäufung derselben Pflanzenart vorkommt, sondern überall
gemischte Bestände vorhanden sind, unmöglich ist, sich vermehren
lassen, so liegt es in unserem eigenen Interesse, auch die Zahl ihrer
Feinde, der Vögel, möglichst zu vermehren. Statt daß man dies tat
und diesen unseren größten Wohltätern durch Vogelschutzmaßregeln und
Bieten von Nistgelegenheiten zu ungestörtem Brüten die Möglichkeit
einer Existenz und der ausgiebigsten Vermehrung verschaffte, hat man
sie in der grausamsten und kurzsichtigsten Weise aus Roheit, aus
Leckerei und Modetorheit verfolgt und in der unglaublichsten Weise
dezimiert. Damit hat sich die Kulturmenschheit leider nur ins eigene
Fleisch geschnitten. Erst dann, wenn sie dies eingesehen hat und danach
handelt, wird dieser Übelstand sich bessern und statt Fluch Segen
hervorgehen. Wenn der Mensch durch seine Kultur das Gleichgewicht
in der Natur gestört hat, so ist es seine absolute Pflicht, diese
Störung nach Möglichkeit wieder auszugleichen. Hat er die einseitige
Verbreitung der Kulturpflanzen bewirkt, so muß er auch vor allem die
Feinde der künstlich heraufgeschraubten Kulturpflanzenvernichter
künstlich heraufschrauben, d. h. so viel er kann die Vögel vermehren.
Dies soll nicht nur durch möglichst weitgehenden Vogelschutz, sondern
vor allem auch durch Darbieten von künstlichen Nistgelegenheiten zum
ungestörten Brüten geschehen. Was wir in unseren Kulturländereien nötig
haben, das sind dazwischen errichtete dornige „Nistgehölze“, durch
die das Raubzeug und zugleich das größte Raubtier, der unkultivierte
Mensch, am Beunruhigen der brütenden Wohltäter und dem Ausnehmen ihrer
Nester verhindert werden.
Überall, wo solches bisher geschehen ist, hat es die reichsten Früchte
getragen und der Land- und Forstwirtschaft den größten Nutzen gebracht.
Dafür sei nur ein Beispiel unter vielen angeführt. So schreibt der
verdiente deutsche Vorkämpfer des Vogelschutzes, Freiherr B. von
Berlepsch: „Als im Frühjahr 1905 der gesamte, mehrere Quadratmeilen
große, südlich von Eisenach gelegene Hainichwald gänzlich vom
Eichenwickler (~Tortrix viridana~) kahlgefressen war, blieb mein Wald,
der durch über 2000 daselbst aufgehängte Nistkästen einen reichen
Meisenbestand aufweist, +völlig davon verschont+. Er hob sich von den
umliegenden Waldungen tatsächlich wie eine grüne Oase ab. Erst etwa
einen halben Kilometer jenseits der Grenze machten sich die ersten
Spuren des Fraßes bemerkbar, nach weiterem halben Kilometer war er aber
bereits in vollem Umfange eingetreten. Ein deutliches Zeichen, wie weit
die Meisen und Genossen während des Winters, überhaupt außerhalb der
Brutzeit, gestrichen waren.“ Gleiche Beobachtungen bei den Verwüstungen
der Raupe desselben Schmetterlings wurden auch in großherzoglich
hessischen Forsten gemacht, in denen ebenfalls der Vogelschutz seit
einiger Zeit betrieben wird.