Dem fortschrittlichen Preußen gegenüber waren die anderen Ku

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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der 1911 erschienenen Buchausgabe

so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Typographische

Fehler wurden stillschweigend korrigiert; Rechtschreibvarianten

wurden nicht vereinheitlicht, sofern die Verständlichkeit

des Textes dadurch nicht berührt wird. Fremdwörter und

Transliterationen (vorwiegend aus dem Griechischen) wurden weder

korrigiert noch vereinheitlicht.

Einige Bildtafeln enthalten mehrere Abbildungen. Fußnoten wurden an

das Ende des jeweiligen Kapitels gesetzt.

Die gedruckte Fassung wurde in einer Frakturschrift gesetzt, in

der die Großbuchstaben I und J identisch sind; die Auswahl in

der vorliegenden Ausgabe erfolgte daher mitunter willkürlich.

Im Sachregister wird nunmehr zwischen den Begriffen mit den

Anfangsbuchstaben I und J unterschieden, was im Original nicht

möglich war.

Besondere Schriftschnitte wurden mit Hilfe der folgenden

Sonderzeichen gekennzeichnet:

Fettdruck: =Gleichheitszeichen=

gesperrt: +Pluszeichen+

Antiqua: ~Tilden~

Das Caretsymbol (^) steht für nachfolgende hochgestellte Zeichen,

welche von geschweiften Klammern umschlossen werden.

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Kulturgeschichte der Nutzpflanzen

2. Hälfte

Die Erde und die Kultur

Die Eroberung und Nutzbarmachung

der Erde durch den Menschen

In Verbindung mit Fachgelehrten

gemeinverständlich dargestellt von

~Dr.~ Ludwig Reinhardt

Bd. IV in zwei Teilen

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen

München 1911

+Verlag von Ernst Reinhardt+

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen

von

~Dr.~ Ludwig Reinhardt

Band IV, 2. Hälfte

Mit 35 Abbildungen im Text und 76 Kunstdrucktafeln

[Illustration]

München 1911

+Verlag von Ernst Reinhardt+

Alle Rechte vorbehalten

Roßberg’sche Buchdruckerei, Leipzig.

Inhalt der zweiten Hälfte.

Seite

19. Die Futterpflanzen 1

20. Die Faserpflanzen 32

21. Die Baumwolle 93

22. Die Farb- und Gerbstoffpflanzen 113

23. Der Kautschuk und die Guttapercha 162

24. Die Harze und Lacke 186

25. Die duftenden Pflanzenharze 210

26. Die pflanzlichen Wohlgerüche 239

27. Die Arzneipflanzen 263

28. Die Geschichte des Ziergartens 381

29. Die Zierblumen 425

30. Die Zierbäume und Ziersträucher 567

31. Die Nutzhölzer 652

32. Die nützlichen Wüstenpflanzen 728

33. Die Feinde der Kulturgewächse 743

Tafelverzeichnis des ersten Bandes.

Tafel Seite

1. Getreidearten 16

2. Alter Pflug; Die Entwicklung des Pfluges 16

3. Dreschen in Galiläa 16

4. Dampfdreschmaschine 16

5. Dampfpflug 32

6. Dampfpflug 32

7. Mohrenhirse; Buchweizen 48

8. Reisfeld 48

9. Singhalesen beim Pflügen 56

10. Reisfelder; Pflanzen des Reises 56

11. Entkernen des Reises; Dreschen des Reises 56

12. Singhalesinnen b. Reisstampfen 56

13. Maisscheune der Zulu 64

14. Maismühle der Zulu 64

15. Längsspalier von Birnen 81

16. Kreuzspalier von Birnen 81

17. Blühende Mandelbäume; Traubenernte 81

18. Konservenfabrik Lenzburg 81

19. Maulbeerbäume; uralter Feigenbaum 129

20. Alter Ölbaumhain in Arco 129

21. Ölbaum in Antibes 152

22. Olivenhain auf Capri; Dattelpalmen am Nil 152

23. Dattelpalmen in Algier; Dattelernte in Algerien 168

24. Kokospalme in Westafrika 168

25. Ölpalme; Zuckerpalme 176

26. Kokospalmen; verschiedene Palmen 176

27. Arekanüsse; Sagopalmen 176

28. Auf Arekapalmen kletternde Inder 176

29. Talipotpalme 185

30. Seychellenpalme; Victoria Regia 185

31. Fächerpalme 192

32. Bananenhain; Verladung von Bananen 192

33. Mangobaum 201

34. Brotfruchtbaum; Brotfrucht 201

35. Zweig der Brotfrucht 201

36. Baobab; Malaienwohnung 201

37. Kolabäume 208

38. Durian; Mangostane 208

39. Tamarindenallee; Ananas 208

40. Melonenbaum 208

41. Tropisches Gewächshaus 216

42. Fruchtladen auf Ceylon; Fruchtladen in Südindien 216

43. Kastanienbäume; Alter Feigenbaum 232

44. Johannisbrotbaum; Zitronenhain in Salo 232

45. Japanische Küche 289

46. Japanischer Gemüsehändler 289

47. Artischockenpflanzung; Wassermelonen 337

48. Kürbisbaum 337

49. Japanische Bäuerin; Japanischer

Bauer 352

50. Maniokpflanzung; Papyrusdickicht 352

51. Fufustampfen auf d. Goldküste; Yamsknollen

auf Jamaika 368

52. Yamsknollen; Frauen in Bonaberi 368

53. Champignonkultur bei Paris; Champignonernte 392

54. Verarbeitung von Champignons 392

55. Szenerie aus dem Urwald; Schibutterbäume 416

56. Karnaubapalme; Rizinuspflanzung 416

57. Wildes Zuckerrohr 441

58. Zuckerrohrernte; Zuckerrohrernte 441

59. Liberiakaffee 465

60. Liberiakaffee 465

61. Pflücken der Teeblätter 480

62. Pflücken der Teeblätter 480

63. Singhalesinnen Tee verlesend 480

64. Trocknen der Teeblätter 480

65. Teestrauch 489

66. Mateernte 489

67. Kakaosaatbeete 512

68. Junge Kakaopflanzung 512

69. Kakaoernte 512

70. Kakaobaum; Vanillestrauch 512

71. Vanillepflanzung 520

72. Pfefferrebe 520

73. Wilder Hopfen; Hopfengarten 545

74. Hopfenpflücker; gedörrter Hopfen 545

75. Zimtbaum; Schälen des Zimtrohrs 577

76. Muskatnüsse; Gewürznelkenbäume 577

77. Hydraulische Kelter; Moderne Weinfässer 625

78. Faune nach Rubens; Champagnerkellerei 625

79. Pulquegewinnung; Kokapflanze 640

80. Opiumraucher; Opuntie 640

81. Blühender Tabak 672

82. Anlage einer Tabakpflanzung 672

83. Trockenscheune in einer Pflanzung 672

84. Reifer Tabak; Trockenscheune (Inneres) 672

85. Sortieren der Tabakblätter 680

86. Fermentieren der Tabakblätter; Zigarettenfabrik 680

87. Knetmaschinen 697

88. Moderner Backraum 697

89. Malztenne der Löwenbrauerei; Sudhaus der

Löwenbrauerei 705

90. Gärkeller der Löwenbrauerei; Lagerkeller

der Löwenbrauerei 705

91. Hofbräuhaus (außen) 705

92. Hofbräuhaus (innen) 705

Tafelverzeichnis des zweiten Bandes.

93. Künstliche Düngung 16

94. Kuhweide 16

95. Manilahanf; Manilahanf zum Trocknen 56

96. Sisalagaven 56

97. Pineta; Papyrus 74

98. Kapokbaum 74

99. Produkte der Kokospalme 88

100. Bambus 88

101. Riesenbambus 88

102. Rotangpalme 88

103. Baumwollpflanzung 96

104. Baumwollspinnerin; Mexikanischer Seildreher 96

105. Blauholzbaum; Rotholzbaum 128

106. Mangroven 128

107. ~Hevea~; Einschneiden ders. 168

108. Anzapfen von Kautschukbäumen; Räuchern v.

Kautschuk 168

109. Indischer Gummibaum 176

110. ~Kixia elastica; Castilloa elastica~ 176

111. Gummiwarenfabrik 176

112. Guttaperchafiguren; Guttaperchabäume 176

113. Rohterpentin; Destillation 192

114. Kaurifichte; Kopalbäume 192

115. Indischer Feigenbaum; japanische Lackarbeiter 208

116. Fruchtschale 208

117. Der el Bahri; Weihrauchbaum 224

118. Orangenblüten; Jasmin 224

119. Tuberosen; Rosenernte 248

120. Rosen; Rosendestillation 248

121. Schimmel & Co. 248

122. Schimmel & Co. 248

123. Lavendelöl 256

124. Lavendelöldestillation 256

125. Baldrian; Arnica 288

126. Tollkirsche; Rizinus 288

127. Süßholz; Rhabarber 320

128. Gummi; Anschlagen 320

129. Guajakholz; Botan. Garten 336

130. Kampfer; Stinkasantbaum 336

131. Chinabäume 352

132. Kusso; Chinabaum 352

133. Japanischer Tempelgarten; römischer Hausgarten 400

134. Quirinal 400

135. Villa d’Este 400

136. Linderhof 400

137. Rundtempel 416

138. Chinesischer Turm 416

139. Wasserfälle 416

140. Tempelteich 416

141. Wasserrose; Rosenstock 464

142. Tulpenpflanzung; Hyazinthen 464

143. Schwertlilien; Chrysanthemen 488

144. Glyzine; japanische Sänfte 488

145. Orchideen 496

146. Blumenstand 496

147. Nutz- und Ziergarten 512

148. Arbeiterwohnhaus-Garten 512

149. Blumengarten 512

150. Nutz- und Ziergarten 512

151. Eibenzypresse 576

152. Alte Eibe 576

153. Zypressen; Hain von Steineichen 576

154. Pyramidenpappeln 576

155. Johannisbeer-Anpflanzung 648

156. Zierbäume und Sträucher 648

157. Libanon-Zedern; Mammutkiefer 672

158. Querschnitt d. Mammutkiefer 672

159. Korkeiche 688

160. Waldstudie 688

161. Nadelholzwälder a. d. Isar 688

162. Holzflößerei 688

163. Lindenallee 721

164. Gefällter Mahagonibaum 721

165. Eisenholzbäume; junger Tiekbaum 721

166. Kohlenmeiler; Torfstich 721

167. Säulenkaktus 729

168. Kakteenlandschaft; Säulenkaktus 729

XIX.

Die Futterpflanzen.

Als die Germanen in das Licht der Geschichte traten, waren sie noch

kein ausgesprochen Ackerbau treibendes Volk, wie dies erst seit dem

Mittelalter der Fall ist, sondern Jagd und Viehzucht waren ihre

Hauptnahrungsquellen, neben denen der Pflanzenbau eine sehr bescheidene

Stelle einnahm. Persönliches Grundeigentum gab es bei ihnen noch nicht,

das Land gehörte vielmehr der Gesamtheit der Gaugenossen. Jede Sippe

erhielt ein Stück davon auf ein Jahr zur Bebauung zugewiesen, und

dieses wurde nun von den Frauen behackt und mit allerlei Nährfrüchten

wie Hafer, Gerste, Einkorn und etwas Flachs bepflanzt. Soweit Männer

zu solcher in ihren Augen erniedrigenden Arbeit zugezogen wurden,

waren es Kriegsgefangene, die man am Leben ließ, um sie als eine

Art Arbeitstiere zu verwenden. Die Freien trieben Viehzucht, soweit

nicht die leidenschaftlich gerne getriebene Jagd und der Krieg mit

den Nachbarstämmen, der mit Vorliebe in Form von Raubzügen ausgeübt

wurde, ihre Zeit in Anspruch nahm. Irgend welche schwere Arbeit war

ihnen zuwider, und wenn sie es irgendwie vermochten, lagen sie zu

Hause miteinander plaudernd auf den Bärenfellen und überließen die

Sorge für Haus, Herd und Land den Frauen und Hörigen, welch letzteren

naturgemäß alle schwere Arbeit zufiel. Die bescheidenen Hütten mit

aus Lehm verstrichenem Flechtwerk, die zu errichten ebenfalls den

Weibern oblag, wurden häufig gewechselt, um neue Weideplätze und

fruchtbaren, jungfräulichen Boden aufzusuchen. Düngung des Bodens war

noch unbekannt; daher wurde neuer Boden durch Abbrennen des darauf

wachsenden Gehölzes urbar gemacht, sobald das zuerst umgebrochene

Ackerland an Fruchtbarkeit nachließ.

Dieser halbnomadische Wirtschaftsbetrieb der alten Germanen wich erst

dann einer größere Ansässigkeit bedingenden Feldwirtschaft, als sich

der Strom der unruhig wandernden Stämme derselben an dem mit dem

berühmten Wall und Pfahlgraben, dem ~limes romanus~, umgebenen und von

römisch-gallischen Ansiedlern bewohnten Dekumatenland brach und die

nimmer Rastenden zwang, feste Wohnsitze einzunehmen. Ein Ausweichen

nach Norden und Osten gab es nicht mehr; denn verwandte Stämme saßen

schon hier, und von rückwärts drohten die nachdrängenden Slawen. Der

Not gehorchend und nicht dem eigenen Trieb mußten die Germanenstämme

ihr Wanderleben aufgeben, um sich durch einen geregelteren

Ackerbaubetrieb neue und reichere Quellen zur Befriedigung ihrer

Bedürfnisse zu erschließen; denn die Zahl des Volkes wuchs, die Jagd

auf den beschränkten, zur Verfügung stehenden Gebieten wurde weniger

einträglich, und zur Gewinnung der nötigen Nahrungsmittel mußte eine

intensivere Feldbebauung, welche mehr und mehr auch die Kräfte der

freien Männer in Anspruch nahm, eingeführt werden.

Die Anleitung zu rationellerem Pflanzenbau und neue Kulturgewächse

erhielten die an den ~limes~ angrenzenden Stämme begreiflicherweise

zuerst von den auf höherer Wirtschaftsstufe stehenden Ansiedlern des

Dekumatenlandes. Zwischen den neuen Nachbarn entwickelte sich bald ein

reger Verkehr, der sich während eines zweihundertjährigen Friedens

immer lebhafter gestaltete, bis die Völkerwanderung mit ihren zahllosen

gewaltigen Kämpfen längere Zeit anhaltende Völkerverschiebungen

bewirkte. Als diese dann ausgetobt hatte, waren die einst so

wanderlustigen Stämme teils aufgerieben, teils von den fremden Völkern,

mit denen sie sich mischten, absorbiert und ihrem Volkstum angepaßt,

teils auch durch die starke Beeinflussung des an Kultur weit höher

stehenden Römertums für eine ansässige, sich vorzugsweise auf den

Landbau stützende Lebensweise gewonnen.

Schon zur Zeit des römischen Geschichtschreibers Cornelius Tacitus

(54-118 n. Chr.), der uns die erste ausführlichere Schilderung von

der Lebensweise und den Anschauungen der Germanenstämme gab, begann

in Germanien das Bedürfnis nach fester Ansiedelung sich in weiteren

Kreisen geltend zu machen. Jede Sippe besaß damals bereits einen

Anteil an Wald, Wiese und Ackerland als Sondereigentum, woneben der

gemeinschaftliche Flurbesitz der gemeinen Mark oder Allmende weiter

bestehen blieb. Hofstätte und Anrecht an Ackerland und Allmende

wurden zusammen mit dem Ausdruck Hufe oder Hub benannt. Die damalige

Betriebsform war die Feldgraswirtschaft, wobei jedes Stück Land nur

ein Jahr bepflanzt wurde, um dann mehrere Jahre hindurch als Wiese oder

Weide brach zu liegen. Damals war die Viehzucht noch viel wichtiger als

der Ackerbau, der noch sehr primitiv mit dürftigem Ackergerät ausgeübt

wurde.

Einen entschiedenen Fortschritt brachte die zu Beginn des

Mittelalters aufkommende, wahrscheinlich von den Römern übernommene

Dreifelderwirtschaft, die sich bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts

in fast unveränderter Form erhielt. Sie bestand darin, daß man

ein Drittel des Ackerlandes brach liegen ließ, damit sich der

Boden erhole und durch das Hineinhacken oder -pflügen des auf ihm

gewachsenen Unkrautes, soweit es nicht vom Vieh abgeweidet wurde,

gedüngt werde. Das zweite Drittel wurde mit Wintergetreide und das

letzte Drittel mit Sommerfrucht bepflanzt. Dieser Wechsel von Winter-

und Sommergetreide gestattete die Feldarbeiten besser über das Jahr

zu verteilen. Besondere Verdienste um die Verbreitung dieser neuen

Betriebsweise erwarb sich Karl der Große, der in seinen Verordnungen

über die Bewirtschaftung der königlichen Domänen seinen Beamten genaue

Vorschriften machte, immer mit dem Zweck, seine musterhaft geleiteten

Güter möchten den bäuerlichen Betrieben als Vorbild zur Nacheiferung

dienen. Seinem guten Beispiel sind nachher vor allem die Klöster mit

ihren klugen und umsichtigen Mönchen gefolgt und haben damit viel zur

Hebung der Landwirtschaft beigetragen. Auch ihre Güter lieferten den

umliegenden Bezirken ein nachahmenswertes Beispiel. Besonders aber

beförderten die Klöster den Garten-, Obst- und Weinbau, die vornehmlich

persönliche Sorgfalt lohnten. Selbst die um das 10. Jahrhundert

einsetzende Städtegründung hatte einen fördernden Einfluß auf die

Landwirtschaft; denn die hinter Mauern Schutz suchenden Bürger blieben,

soweit sie sich nicht einem besonderen Handwerk zuwandten, Bauern, und

ihr außerhalb der Ringmauern gelegener Besitz erfreute sich bald einer

hohen Kultur, die wiederum hauptsächlich dem Garten- und Obstbau zugute

kam.

Dadurch, daß alle Brach-, Winter- und Sommerfelder auf je einer

zusammenhängenden Fläche lagen, die zunächst noch Eigentum der

Markgenossenschaft blieb und erst nach und nach in den Besitz von

einzelnen Familien überging, bestand ein gewisser Flurzwang, indem

die Arbeit von allen Genossen, die ein bestimmtes Stück Land zur

Bebauung erhalten hatten, gleichzeitig ausgeführt werden mußte. Ebenso

nachteilig auf die Entwicklung der Landwirtschaft wie dieser Flurzwang

wirkten auch die sozialpolitischen Verhältnisse, vor allem die

zahlreichen, alle Kultur zerstörenden und keinen rechten Fortschritt

aufkommen lassenden Kriege und Fehden der Machthaber untereinander,

unter denen die Bauern in erster Linie zu leiden hatten, und der sich

immer mehr ausbildende Gegensatz zwischen Privat- und Gemeindebesitz.

Durch ausgiebige Belehnung von seiten der Könige für geleistete

Dienste gelangte einerseits der Adel, und durch reiche Schenkungen

der um ihr Seelenheil besorgten Begüterten die Kirche zu ausgedehntem

Landbesitz, während das Bauerntum seit den Staufenkaisern mehr und mehr

verarmte. Die durch diese ungünstigen Verhältnisse genährte allgemeine

Unzufriedenheit der Landbevölkerung machte sich beim Erwachen der

Geister zur Reformationszeit in den verschiedenen Bauernaufständen

Luft; doch half ihr diese Auflehnung, die von den Herren aufs

blutigste geahndet wurde, nicht nur nichts, sondern verschlimmerte

noch wesentlich ihre Lage. Diese wurde im Laufe des 30jährigen Krieges

geradezu trostlos. Nicht nur wurde die Bauernschaft um alle Habe

gebracht und ihr Zug- und Nutzvieh fast ganz vernichtet, sondern in

der allgemeinen Unsicherheit auch die Äcker nicht mehr bepflanzt, da

keine Saat mehr vorhanden war oder das Zugvieh fehlte und die endlosen

Beraubungen den Leuten allen Mut zur Bestellung ihrer Felder nahmen.

Wozu auch säen, wenn doch nicht zu ernten war! So bedeckte sich die

unbebaute Flur weithin mit Gestrüpp, die Wiesen verschlammten, Haus

und Hof wurden zerstört oder verfielen, weil die Bewohner getötet oder

in völliger Verarmung verzogen waren. Zahlreiche einst betriebsame

Ortschaften verschwanden vom Erdboden, ihr einstiges Dasein nur noch

in gewissen Flurbezeichnungen zurücklassend. Dafür hausten Tausende

heimatlos Gewordener in Wald und Einöde. Und wer dem allgemeinen

Elend der Zeit trotzte und auf der elterlichen Scholle ausharrte,

der gewöhnte sich an elende Wohnung, dürftige Nahrung und schlechte

Behandlung, verlor allen Lebensmut, allen Drang zur Arbeit, die ja doch

nicht lohnte, nahm von der zügellosen Soldateska, mit der er verkehrte,

rohe Sitten und gewalttätiges Wesen an. Die Folge war, daß die Bauern

von den Grundherren immer mehr verachtet und bedrückt, ja vielfach bis

zur Leibeigenschaft herabgewürdigt wurden.

Im allgemeinen brachte erst das 18. Jahrhundert bessere Zeiten

für die Landwirtschaft, indem ihr einzelne Fürsten größere

Aufmerksamkeit schenkten, Ackerbaugesellschaften sich bildeten und

Kommissionen eingesetzt wurden, um über Verbesserungen im Betrieb zu

beraten. Die erste Anbahnung eines Fortschritts brachte die große

französische Revolution, indem sie eine weitgehende Änderung der

Untertänigkeitsverhältnisse in allen Kulturstaaten Mitteleuropas

herbeiführte und die Herren zwang, auch den unterdrückten Bauern einige

Menschenrechte zuzuerkennen. Dadurch hob sich langsam der ganze Stand,

man gab sich mehr Mühe, die Bodenverhältnisse durch Entwässerung,

soweit Versumpfung vorlag, oder Bewässerung in trockenen Lagen zu

verbessern, die Erträge der Felder durch Einführung von Fruchtwechsel

und größere Sorgfalt in der Bereitung und Verwendung des Düngers zu

steigern. Hierin ging Preußen allen anderen Staaten Deutschlands

voran, und, wie sein haushälterischer Vater, war besonders Friedrich

der Große nach der heilsamen Schulung, die er während seiner Küstriner

Verbannungszeit in der Administration des Landes durchgemacht hatte,

eifrig besorgt, die Einkünfte seiner Gebiete zu vermehren und den

allgemeinen Wohlstand zu heben. Um die schwachbevölkerten Landesteile

mit wertvollem Menschenmaterial zu beleben, suchte er wie schon sein

Vater möglichst viel Fremde ins Land zu ziehen und durch Einführung

neuer Industrien und Kulturpflanzen sein Land zu bereichern und vom

Auslande möglichst unabhängig zu machen, damit das Geld im eigenen

Lande bleibe. Die Zuzügler erhielten mancherlei Reiseunterstützung,

Hilfsgelder für den ersten Anbau auf geschenktem oder möglichst

billig überlassenem Land, das öde lag, Befreiung von den staatlichen

und kommunalen Lasten je nachdem auf 2-15 Jahre, wie auch Befreiung

vom Militärdienst auf drei Generationen. Außerdem genossen sie, die

vielfach wegen religiöser Bedrückung ihre alte Heimat verlassen hatten,

völlige Religionsfreiheit. Nach einem bekannten Ausspruche des großen

Monarchen sollte ein jeder seiner Untertanen „nach seiner eigenen

Fasson selig werden“.

Diese meist mit wertvollen Kenntnissen ausgestatteten Zugereisten

wurden meist auf Domänen, seltener auf Rittergütern angesiedelt. Um

keine unheilvolle Latifundienwirtschaft, wie in den meisten anderen

Kulturstaaten, aufkommen zu lassen, forderte der einsichtsvolle

Preußenkönig eine Aufteilung größerer, in einer Hand vereinigter

Ländereien, ja schon größerer Bauerngüter unter mehrere Söhne oder

sonstige Erben. In kleinere Besitztümer verwandelt, mußte das Land

intensiver bearbeitet werden und lieferte so weit höhere Erträge.

Zwischen Dörfern, deren Flur sich zu weit erstreckte, als daß sich

der Anbau noch recht lohnte, wurden neue gegründet, deren Bewohner

schon durch die größere Nähe ihr Land besser bewirtschaften konnten.

In noch höherem Maße als sein Vater ließ er durch Austrocknung von

Sümpfen und Urbarmachung von Ödländereien neues Kulturland gewinnen,

das mit fleißigen Ansiedlern besetzt wurde. Vielfach wurde der

Gemeindebesitz an Wiesen unter die nachweislich dazu Berechtigten

aufgeteilt. Auch er suchte durch eine möglichst gute Verwaltung der

Domänen vorbildlich zu wirken. In Verbindung mit dem Streuen von Mergel

zur Verbesserung des Bodens wurde die Anwendung des Tiefpfluges, der

Anbau von Futterkräutern, von Hopfen und namentlich Kartoffeln, wie

auch die Einführung von Hühner- und Bienenzucht empfohlen. Die Pflege

des Obstbaues wurde dadurch gefördert, daß Gärtner eingesetzt wurden,

die das Landvolk unentgeltlich in der Pflege und Veredelung der

Obstbäume zu unterrichten hatten. Endlich bemühte sich der König um

die Anpflanzung von Färberwaid, um den teuren ausländischen Indigo zu

ersetzen, um diejenige des mährischen Flachses und besonders des weißen

Maulbeerbaums für die Zucht der Seidenraupe, um das Rohmaterial für die

von den französischen Emigranten im westlichen Gebiet seines Reiches

eingeführte Fabrikation von Seidenstoffen zu gewinnen. Für letzteres

Unternehmen mußte allerdings der schließliche Erfolg ausbleiben, da die

Naturbedingungen für das Gedeihen dieses für die Kälte empfindlichen

südlichen Gewächses in Preußen fehlten.

Dem fortschrittlichen Preußen gegenüber waren die anderen Kulturstaaten

des europäischen Kontinents im Rückstand; einzig England, das durch

keine Kriege von längerer Dauer in seiner Kulturentwicklung gestört

wurde, war im rationellen Ausbau seiner Landwirtschaft etwas weiter

fortgeschritten. Bald aber wurde es von Preußen nicht nur eingeholt,

sondern sogar überflügelt. Dieser folgenschwere Umschwung, der bald

allen deutschen Landen und schließlich der ganzen Kulturwelt zugute

kam, ist in erster Linie dem Auftreten +Albrecht Thaers+ (sprich tär)

zu verdanken. Dieser überaus verdienstvolle Mann wurde am 14. Mai 1752

in Celle im preußischen Regierungsbezirk Lüneburg als Sohn eines Arztes

geboren, der ebenfalls das Medizinstudium ergriff und sich in seiner

Vaterstadt als Arzt niederließ, wo er bald reichlich Beschäftigung

fand. In seinen Mußestunden beschäftigte er sich schon früh mit

naturwissenschaftlichen Studien und widmete sich dem Gartenbau, der mit

der Zeit ein solches Interesse in ihm erweckte, daß er diese Tätigkeit

seiner ärztlichen vorzuziehen begann. Diese seine Vorliebe für die

Natur brachte ihn auch in Berührung mit den wichtigsten Fragen des

Ackerbaues, und seinem klaren Verstande konnten die Schäden, an denen

die damalige Landwirtschaft krankte, nicht lange verborgen bleiben.

Sein Interesse für diese wuchs derart, daß er ein kleines Landgut in

der Nähe von Celle erwarb, das als Versuchsgut dienen sollte, um alle

theoretischen Auffassungen jener Zeit auf ihren praktischen Wert hin zu

prüfen. Er benutzte ferner die landwirtschaftliche Literatur fremder

Länder, namentlich diejenige Englands, dessen Agrikultur eine ähnliche

Krisis hatte durchmachen müssen, um seine Kenntnisse zu bereichern und

sie dann seinem Vaterlande zur Verfügung zu stellen. Mehrere Schriften

landwirtschaftlichen Inhalts machten ihn bald weithin bekannt und

viele junge Leute kamen nach Celle, um seinen Wirtschaftsbetrieb zu

studieren und von ihm zu lernen. So entstand von 1802-1804 das erste

landwirtschaftliche Institut in Celle. Sein Bemühen, eine größere

Domäne in der Nähe Göttingens zu pachten, um dort seine Lehrtätigkeit

in noch ausgedehnterem Maße zu entfalten, scheiterte am Widerstande

der verpachtenden Behörde. So folgte denn Thaer einem ehrenvollen Rufe

König Friedrich Wilhelms III. nach Preußen. Er erwarb das im Kreise

Niederbarnim gelegene Rittergut Möglin, wo er 1806 eine Akademie des

Landbaus errichtete, die 1824 zu einem königlichen Institut erhoben

wurde. Im Jahre 1828 starb dann der um die Allgemeinheit so überaus

verdiente Mann.

Die Verdienste, die sich Albrecht Thaer um die deutsche Landwirtschaft

erworben hat, sind sehr vielseitiger Art. Sein Hauptverdienst ist,

daß er die Naturwissenschaften in den Dienst der Landwirtschaft

stellte und in Anwendung der aus ihnen gezogenen Lehren vor allem

die veraltete Dreifelderwirtschaft abschaffte und an ihre Stelle

die Fruchtwechselwirtschaft stellte, mit einem Wechsel von Halm- zu

Blattfrüchten, insbesondere den Schmetterlingsblütlern, den Wurzel-

und Knollengewächsen. Er machte auf die Bedeutung einer eingehenden

Buchführung aufmerksam, führte bessere Geräte und Maschinen, die

Drillkultur, d. h. das Aussäen in Reihen, meist mittels Maschinen, den

Hackfruchtbau und eine Vermehrung des Kartoffelbaus ein. Er schaffte

die Brache ab, die von da an dem Anbau lohnender Gewächse Platz

machte. Auch auf die günstigen Wirkungen der Mergelung und vermehrten

Stallmistdüngung machte er aufmerksam und führte die Stallfütterung

ein. Bedeutungsvoll ist auch seine Mitwirkung bei der gesetzlichen

Regelung der gutsherrlichen und bäuerlichen Verhältnisse, der Teilung

der Allmenden und der Zusammenlegung von Grundstücken, die erst eine

Fruchtwechselwirtschaft ermöglichte. Die Vorzüge dieser letzteren

gegenüber den anderen Wirtschaftssystemen liegen vor allem darin, daß

die Bodenkräfte des Ackers durch den stetigen Wechsel von Blatt- und

Halmfrucht, von Pflanzen mit tief in den Boden eindringenden Wurzeln

mit solchen, deren Wurzeln sich nur flach ausbreiten, besser ausgenützt

werden. Es findet keine einseitige Erschöpfung des Bodens statt, wie

dies der Fall ist, wenn stets dieselben Pflanzen auf ein und demselben

Grundstück aufeinander folgen.

Bei der Vielseitigkeit der anzubauenden Pflanzen läßt sich daher der

Fruchtwechsel bei allen Klima-, Boden- und Wirtschaftsverhältnissen

anwenden. Der je nach der Größe der Viehhaltung größere oder geringere

Anbau von Futterpflanzen, namentlich Klee, machte den Landwirt

unabhängig von Wiesen und Weiden. Die Einführung von Blattpflanzen in

die Fruchtfolge bedingt ferner, daß der Boden stark beschattet wird

und damit feucht, locker und verhältnismäßig rein von Unkraut bleibt;

dadurch wird eine Brache fast in allen Fällen überflüssig.

Die Lehren Albrecht Thaers und seiner Schüler, die lediglich das

Resultat sorgfältig durchgeführter praktischer Versuche waren,

denen aber die wissenschaftliche Begründung zum Teil fehlte,

hatten bewirkt, daß während der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts

eine große Umwälzung in der Art des Betriebes der Landwirtschaft

eintrat. Bald gingen größere wie kleinere Betriebe von den

veralteten einfachen Wirtschaftsweisen zur Fruchtwechselwirtschaft

oder doch zu einem verbesserten Wirtschaftssystem über. Diese

Entwicklung der Landwirtschaft nahm auch in der zweiten Hälfte des

vergangenen Jahrhunderts ihren Fortgang, besonders da es gelungen

war, die durch praktische Versuche erworbenen Erfahrungen durch

die Naturwissenschaften wissenschaftlich zu begründen und aus

der weiteren Entwicklung der Wissenschaft neue Gesichtspunkte im

landwirtschaftlichen Betrieb zu verwerten. Agrikulturchemie und -physik

einerseits, und Pflanzenphysiologie andererseits wirkten unter Führung

von Männern wie Liebig, Knop, Wolny, Sachs, Hellriegel, Kühn, Orth und

andern in hohem Maße befruchtend, und in den weitesten Kreisen brach

sich die Überzeugung Bahn, daß nur durch das innigste Zusammenarbeiten

von Wissenschaft und Praxis ein weiteres Emporblühen der Landwirtschaft

möglich ist. Diesem Fortschritt dienen in erster Linie die zahlreichen,

in allen Kulturstaaten eingerichteten landwirtschaftlichen Schulen und

Versuchsinstitute, für deren rationellen Betrieb namentlich +Julius

Kühn+ sich große Verdienste erwarb. Dieser Mann ist geradezu der

Schöpfer des modernen landwirtschaftlichen Universitätsstudiums, so

daß er es wohl verdient, daß wir hier etwas eingehender von ihm reden.

Dieser am 14. April 1910 im 85. Lebensjahre gestorbene Gründer der

landwirtschaftlichen Anstalt der Universität Halle a. S. wurde am 22.

Oktober 1825 als Sohn eines Landwirts zu Pulsnitz in der sächsischen

Oberlausitz geboren. Von Jugend auf war der lebhafte Wunsch in ihm

rege, gleichfalls Landwirt zu werden, und schon als kleiner Junge

begleitete er seinen Vater, der damals Wirtschaftsinspektor in Gosda

bei Spremberg war, auf seinen Gängen durch die Ställe und Felder. Mit

einer für einen jungen Landwirt seiner Zeit ausgezeichneten Vorbildung

trat er 1841 bei einem der hervorragendsten Landwirte seiner engeren

Heimat, Blochmann in Wachau, als Ökonomielehrling ein. Von 1848 an war

er selbständig tätig und beschäftigte sich damals besonders mit dem

Studium der Düngung und der verschiedenen Pflanzenkrankheiten. Die

Ergebnisse der letzteren veröffentlichte er 1858 unter dem Titel: „Die

Krankheiten der Kulturgewächse, ihre Ursachen und ihre Verhütung“.

Im Jahre 1861 erschien die im Jahre zuvor von der Schlesischen

Gesellschaft für vaterländische Kultur preisgekrönte Schrift: „Die

zweckmäßigste Ernährung des Rindviehs vom wissenschaftlichen und

praktischen Standpunkte“, ein Werk, das in 12 deutschen Auflagen und

zahlreichen Übersetzungen Jahrzehnte hindurch die Führung auf dem

Gebiet der landwirtschaftlichen Fütterungslehre behielt. 1862 nahm

er eine Berufung an die an der Universität Halle neu zu errichtende

Professur für Landwirtschaft an, nachdem er kurz vorher einen gleichen

Ruf nach Berlin abgelehnt hatte, „weil er wegen des Umfangs der

Großstadt und der Lage derselben eine ersprießliche Wirksamkeit für

seine Wissenschaft hier nicht zu erhoffen haben würde“. Im ersten

Semester hatte er 3 Zuhörer, im folgenden 20, dann 56 und bereits im

fünften Semester überstieg die Zahl der in Halle studierenden Landwirte

die Besuchsziffer der ältesten und meistbesuchten Lehranstalten

Deutschlands. 1871 war die Zahl der in Halle studierenden Landwirte

mit 218 größer als an allen landwirtschaftlichen Lehranstalten

Preußens insgesamt. Nachdem sich unter Kühns Führung die Eingliederung

des Studiums der Landwirtschaft in die Universität so glänzend

bewährt hatte, wurden in der Folge auch an anderen Universitäten

landwirtschaftliche Institute nach Halleschem Vorbild ins Leben

gerufen. Trotzdem nahm, obgleich auch an anderen Universitäten die

Zahl der studierenden Landwirte von Jahr zu Jahr wuchs, der Besuch der

Landwirtschaftlichen Anstalt der Universität Halle noch stetig bis

in die Gegenwart zu, so daß bis zum Sommer 1909 fast 8000 Landwirte

daselbst studiert hatten. Dieser beispiellose Erfolg beruht in erster

Linie auf der Bedeutung Kühns als Lehrer und Forscher. Die Verbindung

eines umfassenden naturwissenschaftlichen Wissens mit einer reichen

landwirtschaftlichen Erfahrung gab seiner Lehr- und Forschertätigkeit

ihre inhaltliche Bedeutung und war die Ursache seiner so ungemein

erfolgreichen Wirksamkeit.

Außer Kühn ist noch als besonders erfolgreicher Lehrer der vom großen

Reformator Thaer begründeten Landwirtschaftswissenschaft +Albert

Orth+ von der Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin zu nennen,

der jetzt in seinem 76. Lebensjahre auf ein 50jähriges Wirken als

landwirtschaftlicher Dozent und auf 46 Jahre Hochschultätigkeit

zurückblickt. Er wurde am 15. Juni 1835 zu Lengefeld bei Corbach

geboren, studierte zu Göttingen und Berlin, war von 1860-65 Oberlehrer

an der Landwirtschaftlichen Lehranstalt Boberbeck, promovierte 1868

zu Göttingen, wurde 1870 Dozent in Halle a. S. und wirkt seit 1871

als Professor an der damals „Landwirtschaftliches Institut“ genannten

Landwirtschaftlichen Hochschule in Berlin. Er ist Begründer des

Laboratoriums für Bodenkunde, publizierte eine Schrift über „Kalk- und

Mergeldüngung“ und nahm wertvolle wissenschaftliche Bodenuntersuchungen

des Rüdersdorfer Kalkdistrikts vor. Er schuf sechs Wandtafeln für

Bodenkunde, die typischen Bodenprofile des deutschen Flachlandes

betreffend, machte auch mit einem Fachgenossen eine Bodenaufnahme

der Pontinischen Sümpfe zwischen Rom und Neapel, die erste ihrer

Art. Als Vorsteher des agronomisch-pedologischen Instituts der

Landwirtschaftlichen Hochschule pflegte er vornehmlich die Erforschung

und die Lehre von der Bodenbeschaffenheit in ihren Beziehungen zum

Pflanzenleben, ein Verhältnis, dessen enorme Wichtigkeit für den

landwirtschaftlichen Betrieb auch dem Laien ohne weiteres klar sein

dürfte. Studienausflüge in Landwirtschaftsgegenden ergänzen das bei

ihm gebotene theoretische Studium; auch bieten die Rieselfelder

der Stadt Berlin prachtvolle Modelle für die Bewässerungs- und

Entwässerungslehre, Muster für sehr bedeutende Aptierungs- und

Dränierungsarbeiten. Ein für das Studium höchst wichtiges Hilfsmittel

ist das von Orth während der letzten 25 Jahre mit erheblichen eigenen

Geldopfern errichtete Museum, das unschätzbares Illustrationsmaterial

zum Unterricht beisteuert. Darin sind unter anderem in einem

Bodenschrank 60 typische, geologisch geordnete Bodenprofile des

Deutschen Reiches enthalten, ferner das Wurzelherbarium der wichtigsten

landwirtschaftlichen Kulturgewächse auf bis 4 m hohen Tafeln unter

Glas, eine Sammlung, die in den Jahren 1882 und 1883 von Orth im

Sandboden der Berliner Talebene mit Hilfe der Assistenten aufgenommen

wurde. Kein Besucher Berlins, der sich für diesen wichtigsten Zweig

der menschlichen Erkenntnis interessiert, sollte es unterlassen, diese

Sehenswürdigkeit der Reichshauptstadt zu besichtigen.

In neuester Zeit hat neben dem Studium der chemischen Beschaffenheit

des Bodens besonders dasjenige der Bodenbakterien und deren Einfluß auf

das gute Gedeihen der Pflanzen eine große praktische Bedeutung erlangt.

Zahlreiche Arten derselben, besonders die sich in den Wurzelknöllchen

der Leguminosen ansiedelnden und daselbst den Stickstoff der Luft,

der sonst für die Pflanze unbrauchbar ist, durch Verwandlung in

salpetersaure und salpetrigsaure Salze nutzbar machenden Rhizobien

oder Wurzellebewesen werden heute im großen in Reinkultur gezüchtet

und zur Besiedlung des Bodens an Stelle von Düngung bei der Kultur

der Leguminosen verwendet. Auch die frühere Brache hat im Grunde nur

auf dem ruhigen Sichvermehrenlassen solcher stickstoffvermehrender

Bakterien der verschiedensten Arten beruht. So fand schon der

französische Chemiker Berthelot in seinen grundlegenden Versuchen,

daß sich in liegengelassenen dürren Blättern durch die reichliche

Entwicklung solcher ein Zuwachs an Stickstoff nachweisen ließ, und

daß 50 kg Ackererde auf demselben Wege in sieben Monaten einen

Zuwachs von 12,7 g Stickstoff erlitten. Alle diese winzigen, meist

einzelligen Pilze, die teils sauerstoffbedürftig sind, teils ohne

solchen gedeihen, sind vom Vorhandensein kohlenstoffhaltiger Nahrung

abhängig, da sie die Kohlensäure der Luft nicht zu assimilieren

vermögen. Sie können also nur dort gedeihen, wo sich Pflanzen

finden, die ihnen diese Nahrung liefern.[1] Besonders kommen dafür

winzige grüne Algen in Betracht, die sich überall in den obersten

Bodenschichten finden, wohin das für die Zerlegung der Kohlensäure der

Luft und die Assimilation des Kohlenstoffs nötige Sonnenlicht dringt.

Eine solche Vergesellschaftung von stickstoffassimilierenden Pilzen

und kohlenstoffassimilierenden Algen ist eine Pflanzengenossenschaft,

die von allen chemischen Bedingungen so gut wie unabhängig ist, da

sie sich gegenseitig alles zum Leben Nötige, außer dem aber sonst

in der Regel reichlich zur Verfügung stehenden Wasser, liefern. In

besonders inniger Vergesellschaftung finden sie sich speziell in

der Flechtengenossenschaft, die bei der ersten Besiedlung nackten

Gesteines, um es nach und nach zur Wohnstätte höheren Pflanzenlebens

vorzubereiten, eine überaus wichtige Rolle im Haushalte der Natur

spielt. Für allen höheren Pflanzenwuchs ist ihre Tätigkeit unbedingt

erforderlich, weil die stickstoffsammelnden Bakterien beim Zerfall

ihrer Leiber nach dem Tode den in ihnen aufgespeicherten Stickstoff den

Pflanzen ebenso nutzbar machen, wie jeden andern organischer Substanz

entstammenden Stickstoff. Und zwar geht die Ansammlung solchen durch

sie aus der Luft kondensierten Stickstoffs erfahrungsgemäß in schweren

Böden besser vor sich als in leichten, weil sich in letzteren die

nicht minder allgegenwärtigen denitrifizierenden Bakterien leichter

vermehren und durch ihr gutes Gedeihen dem durch jene bewirkten

Nitrifikationsprozeß entgegenarbeiten. Von wie großer praktischer

Wichtigkeit eine Förderung dieser Stickstoffsammlung des Bodens

ist, zeigt die einfache Erwägung, daß die deutsche Landwirtschaft

jährlich über 100 Millionen Mark für Stickstoffdünger ausgibt, die zum

allergrößten Teil für Chilisalpeter außer Landes gehen. Auf diesem

Felde lassen sich noch große praktische Erfolge erzielen, die der

Landwirtschaft in der Zukunft zugute kommen werden. Vor allem soll man

durch reichliche Lüftung und Besonnung des Bodens, durch ausgiebiges

und tiefes Umgraben die Ansiedlung dieser Wohltäter der Menschheit

begünstigen.

Außer dem Stickstoff gehören auch Phosphorsäure, Kalk und Kali zu den

wichtigsten Nährstoffen der Pflanzen, deren reichliches Vorhandensein

geradezu erntebestimmend für die meisten Kulturen wirkt. Die

Phosphorsäure spendet man den Feldern in Form von Knochenpulver oder

neuerdings meist zerstampfter Thomasschlacke, in welcher das dem Eisen

beim Thomasverfahren entzogene Phosphor angesammelt wurde. Den Kalk

gibt man, wenn er nicht genügend im Boden selbst enthalten ist, in

Form von Kalkmergel und das Kali in Form der sogenannten Abraumsalze,

so genannt, weil man diese früher beim Graben nach Kochsalz als

unbrauchbaren Abfall abräumte, bis man dann die überaus große

Bedeutung derselben als Nährstoff für die Landwirtschaft erkannte,

und nun vielmehr die Kalisalze ausbeutet und die dabei entstandenen

Hohlräume mit dem viel weniger wertvollen Kochsalz ausfüllt. Diese

Kalisalzlager, die sich in Schichten der Zechsteinperiode (Dyas) um

den Harz herum erstrecken und in Staßfurt zuerst 1857 beim Bohren

nach Kochsalz in großer Menge gefunden wurden, bilden ganz eigentlich

den viele Milliarden Mark an Wert umfassenden Reichtum Deutschlands.

Andere Bodenschätze, wie vor allem die verschiedenen Metalle, haben

auch andere Länder aufzuweisen; aber Kalisalze besitzt bis jetzt nur

Deutschland, was für seine Landwirtschaft einen unendlich wertvollen

Schatz bedeutet, um so mehr diese immer mehr zur Verbesserung der Böden

und dadurch zur Erhöhung des Ernteertrags zur Anwendung gelangen.

Gerade in unserer Zeit, da die außerordentlich verbesserten

Transportgelegenheiten die Einfuhr von billigem Getreide aus dem

Ausland einen starken Zurückgang der Getreidekultur und dafür ein

Überhandnehmen der Milchwirtschaft als besser rentierend bewirkte,

spielt der Anbau von Futterpflanzen für die zahlreichen, fast

ausnahmslos Gras fressenden Haustiere eine sehr große Rolle in der

Landwirtschaft. Deshalb besitzen die Futterpflanzen als Kulturpflanzen

des Menschen eine zunehmende Bedeutung für ihn. Unter ihnen sind

vor allem die verschiedenen Grasarten schon so lange in Kultur, als

der Mensch überhaupt Ackerbau und Viehzucht treibt; denn nur bei

vollständiger Sicherheit, stets genügendes Futter wie für sich selbst,

so auch für die ihm unentbehrlichen Haustiere zur Hand zu haben, war es

möglich, daß einigermaßen eng beieinander wohnende Menschen in größerem

Maße Viehzucht treiben konnten.

Wenn wir auch nicht mehr mit Sicherheit die ältesten Futterpflanzen

der Kulturmenschheit bestimmen können, so kann doch keinerlei Zweifel

darüber herrschen, daß diese unter den in 3500 Arten über die ganze

Erde verbreiteten Gräsern zu suchen sind, die auch die wichtigsten

Getreidearten lieferten. Wie in großer Artenzahl finden sie sich

in der größten Menge der Individuen besonders in der nördlichen

gemäßigten Zone, wo sie vorzugsweise die niedrige Vegetationsdecke,

den Hauptbestandteil der Steppen, und in Form von Wiesen auch der vom

Menschen geschaffenen Kultursteppe bilden. Gegen den Äquator nimmt zwar

die Zahl der Grasarten zu, aber die Menge der Individuen ab. Ganz auf

die Tropen beschränkt sind die gigantischen baumartigen Formen wie die

Bambusse. Die südliche Halbkugel ist etwas weniger reich an Gräsern als

die nördliche, die in dieser Beziehung besonders bevorzugt ist. Gegen

die Pole zu wie auch in den höheren Gebirgsregionen nehmen die Gräser

an Zahl ab und verschwinden allmählich ganz.

In der Ebene und den tieferen Gebirgslagen treten gewisse Gräser

wiesenbildend auf, andere machen im Schatten der Wälder den

Hauptbestandteil der niedrigen Vegetation aus, wieder andere wachsen

nur auf dürrem, sandigem oder steinigem Boden, auf Heiden usw.

Da die auf Sandboden wachsenden Gräser mit weithin kriechenden,

ausläuferreichen Wurzelstöcken versehen sind, werden sie mit

Vorliebe zur Verfestigung sandiger Ufer und Straßenböschungen, von

Eisenbahndämmen, Festungswällen usw. und zur Bindung des Flugsandes auf

den Dünen angebaut.

Früh schon hat der zu höherer Kultur emporgestiegene Mensch durch

Rodung von Wäldern nicht nur Ackerland, sondern auch Wiesen zum

Weiden seines Viehs gewonnen. Aber erst spät und nur durch dichtere

Besiedlung der von ihm besetzten Gebiete kam er auch dazu, durch

das Schneiden und Trocknen der die Wiesen vorzugsweise besiedelnden

Grasarten sich Vorräte an Viehfutter für den Winter in Form von +Heu+

anzulegen. Die ältesten Nachrichten, die wir von den Kulturvölkern des

Altertums haben, gehen nicht über die Mitte des letzten vorchristlichen

Jahrtausends zurück. So berichtet der um 50 v. Chr. die ethnographisch

geordnete Geschichte fast aller damals bekannten Völker bis 60 v. Chr.

in 40 Büchern schreibende griechische Historiker Diodoros aus Sizilien,

daher Siculus genannt, bei der Schilderung der persischen Geschichte:

„Als die Phönikier sich gegen den persischen König Artaxerxes (A.

I., zweiten Sohn des Xerxes, der von 465-425 v. Chr. regierte;

unter ihm begann der Verfall des Reichs) empörten, begannen sie die

Feindseligkeiten damit, daß sie im großen königlichen Park, in welchem

die persischen Könige ihren Aufenthalt zu nehmen pflegten, die Bäume

umhieben und das Heu verbrannten, wovon die Satrapen ein Magazin für

ihre Kavallerie angelegt hatten.“ Daß nun die Perser bei ihrem so

ausgedehnten Postdienst und bei der zahlreichen von ihnen unterhaltenen

Reiterei Fouragemagazine besaßen, kann uns nicht weiter wundern. Auch

die Griechen und Römer haben solche teils für Militär-, teils für

Friedenszwecke errichtet. Heuvorräte für den Winter anzulegen, war

schon im klassischen Altertum ein wichtiges Geschäft für den Landmann,

wie uns schon der ältere Cato (234-149 v. Chr.), der unversöhnliche

Feind von Roms machtvoller Nebenbuhlerin, Karthago, berichtet. Eine

ausführliche Schilderung der Heuernte bei den alten Römern gibt uns

der zu Gades (dem heutigen Cadix) in Spanien gebürtige römische

Ackerbauschriftsteller Columella im 1. Jahrhundert n. Chr. in seinem

Buche über den Landbau, worin er sagt: „Der Landmann bedarf für sein

Vieh mancherlei Futter, namentlich aber Heu (~foenum~, im französischen

~foin~ noch erhalten). Daher muß er auch seine Wiesen, denen die alten

Römer den ersten Rang in der Landwirtschaft einräumten, gehörig hegen

und pflegen. Marcus Portius (der eben genannte Cato) hebt besonders

hervor, daß die Wiese keinen Schaden durch Wetterschlag leidet wie

die Feldfrüchte, daß sie einen sehr geringen Aufwand erfordert und

doch jährlich ihren Ertrag gibt, und zwar einen doppelten, indem sie

ebensoviel frisches Gras als Futter, wie Heu für die Scheuer liefert.

-- Wir unterscheiden trockene Wiesen und bewässerte Wiesen. Ist der

Boden fruchtbar und fett, so bedarf er keiner Bewässerung, und das

darauf gewonnene Heu gilt für besser, wenn es auf einem von Natur

fruchtbaren Boden gewachsen und nicht nur durch Wasser hervorgelockt

ist. Das letztere muß jedoch auf magerem Boden geschehen, und wo Wasser

zu Gebote steht, kann auch der magerste als Wiese benutzt werden.

Übrigens darf man weder eine Vertiefung wählen, in der sich das Wasser

sammelt, noch einen steilen Abhang, an welchem es rasch herabfließt.

Ein sanfter Abhang dagegen schadet nicht. Am liebsten hat man aber doch

eine Fläche, die sich ein wenig senkt, so daß der Regen und künstlich

darauf geleitetes Wasser ganz allmählich hinuntersickern. An sumpfigen

Stellen muß das Wasser in Gräben abgeleitet werden; denn ein Übermaß an

Wasser ist ebenso schlimm für das Gras, wie ein Mangel daran.

Die Kultur der Wiesen erfordert mehr Sorgfalt als Anstrengung. Erstens

darf man auf ihnen weder Baumstrünke, noch Sträucher, noch Dornbüsche,

noch allzustarkes Gras dulden. Dergleichen muß im Herbst ausgerottet

werden, wie z. B. Brombeerstauden, Gesträuch und Binsen, oder im

Frühjahr, wie Cichorien (~intubum~). Schweine dürfen auf der Wiese

nicht weiden, weil sie den Boden aufwühlen; auch darf schweres Vieh

auf ihnen nur gehen, wenn der Boden trocken ist, weil sonst die Hufe

zu tief einsinken und die Wurzeln des Grases beschädigen. -- Magere

Abhänge müssen im Februar bei abnehmendem Monde mit Mist gedüngt

werden. Alle Steine und sonstigen Dinge, die der Sichel im Wege sein

könnten (Sensen kannte man im Altertum noch nicht), müssen abgelesen

werden. Alte, mit Moos (~muscus~) überzogene Wiesen befreit man von

diesem, indem man es auskratzt und dann Grassamen aus der Scheuer

aufstreut, oder indem man Mist auffährt; jedoch ist Asche das beste

Mittel, um Moos auszurotten.

Kulturgeschichte der Nutzpflanzen, Band IV, 2. Hälfte · 第 1 / 81 段