Schematischer Querschnitt durch einen Kontinentalrand.]

Es ist von größter Bedeutung, die spezifischen Gewichte von Gneis und

Basalt zu vergleichen. Für ersteren fanden /Whitmann/, /Cross/ und

/Gilbert/ im Mittel aus zwölf Proben 2,615. Andere Messungen geben

Werte zwischen 2,5 und 2,7. Da alle Proben der Oberfläche entstammen,

das spezifische Gewicht aber wohl überall mit der Tiefe wächst, darf

man als Mittel für die ganze Scholle vielleicht 2,8 annehmen. Simische

Gesteine, wie Basalt, Diabas, Melaphyr, Gabbro, Olivinfels, Andesit,

Porphyrit, Diorit und andere, haben ein spezifisches Gewicht von etwa

3,0, nur selten bis 3,3. Da dies Material wohl meist etwa von der

Unterseite der Kontinentalschollen stammt, darf man für die höher

gelegenen Simaschichten unter den Ozeanen wohl ein etwas geringeres

Gewicht, vielleicht 2,9, annehmen[45]. Wir können diese spezifischen

Gewichte mit der Eintauchtiefe der Kontinentalschollen vergleichen und

auf diese Weise eine wenn auch nicht sehr scharfe Kontrolle für unsere

Vorstellungen gewinnen. Da die Gewichte der kontinentalen und der

ozeanischen Massensäulen, bis zur Unterseite der Kontinentalschollen

hinab gemessen, gleich sein müssen, so erhalten wir für die Mächtigkeit

_M_ der letzteren, wie Fig. 5 zeigt, die folgende Gleichung, in welcher

_a_, _b_, _c_ die spezifischen Gewichte des Sials, des Simas und des

Seewassers bezeichnen:

_Ma_ = (_M_ - 4,8)_b_ + 4,7_c_

(4,8_b_ - 4,7_c_)

oder _M_ = -----------------.

(_b_ - _a_)

Das spezifische Gewicht des Seewassers ist _c_ = 1,03; setzt man _a_

= 2,8, _b_ = 2,9, so ergibt sich für die Schollenmächtigkeit der, wie

wir gleich sehen werden, ganz plausible Wert 91 km. Es ist klar, daß

dieser Wert sich sehr stark ändert, wenn die doch sehr unsicheren

Ausgangswerte nur um ein weniges geändert werden, so daß man ihn

durchaus nicht für zuverlässig halten darf. Er kann nur so viel zeigen,

daß sich die spezifischen Gewichte mit den übrigen Vorstellungen in

Einklang bringen lassen.

Um die Dicke der Kontinentalschollen zu bestimmen, gibt es genauere

Methoden. /Hayford/ hat aus den Lotabweichungen an mehreren hundert

Stationen in den Vereinigten Staaten die sogenannte „Tiefe der

Ausgleichsfläche“ (nämlich des Druckes), welche identisch mit der

unteren Fläche der Kontinentalschollen ist, berechnet und sie zu

114 km gefunden. Und fast die gleiche Zahl, nämlich 120 km, fand

/Helmert/ aus Schweremessungen (Pendel) an 51 Küstenstationen. Die gute

Übereinstimmung beider auf so verschiedenem Wege gewonnener Zahlen

gibt ihnen natürlich eine erhöhte Sicherheit, darf aber nicht dazu

verleiten, den Kontinentalschollen etwa überall dieselbe Mächtigkeit

zuzuschreiben. Das würde sich schon mit der Isostasie nicht vertragen.

Bei Schelfen muß die Mächtigkeit viel geringer, bei Hochländern, wie

Tibet, viel größer veranschlagt werden, so daß etwa 50 bis 200 km als

Grenzen anzunehmen sind.

Man sollte erwarten, daß auch die Erdbebenforschung imstande sein

müsse, die Dicke der Kontinentalschollen durch die Reflexionen zu

bestimmen, welche die Erdbebenstrahlen an inneren Schichtgrenzen

der Erde erfahren. Man ist aber hier noch nicht zu ganz eindeutigen

Resultaten gekommen. Aus Eigenschwingungen der Lithosphäre schloß

/Wiechert/ auf eine Dicke derselben von weniger als 100 km, ein

Wert, den /Benndorf/ für zu klein hält. /Mohorovičič/ findet

aus Reflexionen eine Schichtgrenze bei 50 km Tiefe. Die Herdtiefe

der Erdbeben lag in den bisher gemessenen Fällen zwischen 1,5 und

170 km, was andeutet, daß letzterer Wert etwa die Maximalgrenze der

Schollendicke darstellt. Es ist nicht unmöglich, daß bei künftiger

Unterscheidung zwischen sialischen Kontinentalschollen und simischem

Meeresboden auch hier eine bessere Übereinstimmung erzielt wird. Es ist

aber vielleicht auch denkbar, daß das Material der Kontinentalschollen

an ihrem Unterrande bereits so wenig von dem darunter liegenden

verschieden ist, daß der Charakter der Schichtgrenze hier beinahe

verwischt ist.

Um die im vorangehenden besprochenen Verhältnisse zu veranschaulichen,

ist in Fig. 6 ein Querschnitt der Erde auf einem größten Kreise

durch Südamerika und Afrika in getreuen Größenverhältnissen gegeben.

Gebirge, Kontinente und ozeanische Vertiefungen bilden so geringfügige

Unebenheiten, daß sie sich innerhalb der Kreislinie abspielen, welche

in der Figur die Erdoberfläche bezeichnet. Der hauptsächlich aus Nickel

und Eisen bestehende Kern der Erde trägt nach /Suess/ die Bezeichnung

Nife. Zum Vergleich sind auch die Hauptschichten der Atmosphäre

eingetragen: Die Stickstoffsphäre bis 60 km Höhe, darüber bis 200 km

die Wasserstoff- und über ihr die hypothetische Geokoroniumsphäre.

Die Zone der Witterungserscheinungen, die nur bis 11 km Höhe reicht

(Troposphäre), ist zu dünn, um zur Darstellung zu gelangen.

[Illustration: Fig. 6.

Schnitt im größten Kreise durch Südamerika und Afrika in getreuen

Größenverhältnissen.]

Von Interesse sind ferner die Schmelztemperaturen. Die

zusammengesetzten Silikatgesteine haben, wie die Versuche von /Doelter/

und /Day/ zeigen, keinen scharfen Schmelzpunkt, sondern nur ein

mitunter sehr großes Schmelzintervall; man kann sagen, daß Diabas

bei 1100°, die Vesuvlaven bei etwa 1400 bis 1500° schmelzen. Diese

Zahlen gelten allerdings für Atmosphärendruck, so daß man für 100 km

Tiefe wohl einige 100° zu addieren hat[46]. Auf der anderen Seite

geben die heute tiefsten Bohrlöcher Czuchow II und Paruschowitz V in

Oberschlesien für die obersten 2 km der Erdrinde eine Temperaturzunahme

von 3,1° pro 100 m Tiefe[47]. Diese Messungen sind allerdings

in Sedimenten ausgeführt, die wohl geringere Wärmeleitfähigkeit

besitzen, was zur Folge haben muß, daß sich die Isothermen in ihnen

zusammendrängen. Im Urgestein des Gotthard-, Mönch- und Simplontunnels

ergab sich nur 2,2, 2,2 und 2,4° pro 100 m. Da hier wieder wegen

der konvexen Bergform ein abnorm schwaches Gefälle angenommen werden

darf, so wird man 2,5° pro 100 m als einen guten Durchschnittswert für

die Kontinentalschollen betrachten. Bei linearer Extrapolation kämen

wir hiermit für 100 km Tiefe bereits auf 2500°, also weit über den

Schmelzpunkt der Gesteine. Indessen wird die zentrale Temperatur der

Erde heute im Gegensatz zu früheren zügellos hohen Schätzungen meist

nur zu etwa 3000 bis 5000° angenommen, so daß wir anzunehmen hätten,

daß das Temperaturgefälle mit zunehmender Tiefe schnell abnimmt. Dann

erhalten wir für 100 km Tiefe etwa Werte zwischen 1000 und 2000°, so

daß die Annahme, am Unterrand der Kontinentalschollen sei etwa der

Schmelzpunkt erreicht, nicht unwahrscheinlich wird. Im Einzelfall

freilich werden große Abweichungen davon möglich sein. Insbesondere

wird die Schmelzisotherme mitunter weit in die Kontinentalscholle

hinaufwandern können. Die „Granitaufschmelzungen“, deren Deutung

durch die Beobachtungen von /Cloos/ in Südafrika von den bisherigen

Zweifeln befreit ist, zeigen ja, daß diese Isothermenfläche sogar bis

zur Erdoberfläche heraufwandern kann. Gewisse Anzeichen dafür, daß

geschmolzene sialische Massen von der Unterseite der Kontinentalscholle

bei deren Verschiebung zurückbleiben und zum Vorschein kommen, oder,

wie unter einem Gebirge, sich seitlich ausbreiten können, haben wir

bereits im vorigen Kapitel besprochen.

Wichtig ist, daß nach /Doelter/[48] der Schmelzpunkt der sialischen

Gesteine allgemein um etwa 200 bis 300° höher liegt als der der

simischen, so daß bei gleicher Temperatur magmatisches Sima und festes

Sial nebeneinander bestehen können.

Endlich müssen wir, um die großen, später zu erörternden Deformationen

der Erdrinde zu verstehen, uns noch Rechenschaft geben von dem

Starrheitsgrade der Erde oder, vom umgekehrten Standpunkt betrachtet,

von der Zähigkeit dieser zähen Flüssigkeit. Aus dem Starrbleiben

gegenüber den schnellen Erdbebenwellen und dem Fließen gegenüber der

bei der Rotation auftretenden Zentrifugalkraft läßt sich die Zähigkeit

der Erde höchstens in gewisse Grenzen einschließen. Die Mondflut im

festen Erdkörper aber, welcher der Erdkörper nur zum Teil nachgibt,

ermöglichte es /Lord Kelvin/, /v. Rebeur-Paschwitz/, /Hecker/ und

/Schweydar/, durch Messung dieses Teiles eine quantitative Bestimmung

der Zähigkeit des Erdkörpers durchzuführen. Es ergab sich, daß die

Erde im Durchschnitt aller Schichten die Zähigkeit von Stahl besitzt.

Zu demselben Ergebnis gelangte man auch noch auf einem anderen Wege,

nämlich aus der Diskussion der Polschwankungen. Diese zerfallen in zwei

übereinanderliegende Perioden, nämlich eine „erzwungene“ Schwingung

von Jahresperiode, welche nach /Spitaler/ und /Schweydar/ auf die

jährliche Verlagerung der Luftmassen und die damit verbundene geringe

Veränderung der Trägheitsachse der Erde zurückzuführen ist, und als

Haupterscheinung eine „freie“ Schwingung von 14 Monaten, welche einem

Kreisen des Rotationspoles um den Trägheitspol entspricht. Nach

/Eulers/ theoretischer Berechnung unter Annahme einer vollkommen

starren Erde sollte die Periode dieser Schwingung nur 10 Monate

betragen. /Newcomb/ vermutete, daß sie durch die Plastizität der Erde

verlängert sei, die eine teilweise Neuanpassung der Ellipsoidform der

Erde an die jeweilige neue Rotationsrichtung gestattet, und /Hough/

und /Schweydar/ berechneten hieraus, daß sich die Erde dann wie Stahl

verhalten müsse. Letzterer machte auch einen Versuch, die Schichtung

im Erdkörper zu berücksichtigen, und fand für den von /Wiechert/ aus

Erdbebenbeobachtungen wahrscheinlich gemachten Eisenkern das Dreifache,

für den 1500 km dicken Silikatmantel ein Achtel der Zähigkeit des

Stahles[49].

Nun müssen wir indessen ein naheliegendes Mißverständnis beseitigen.

Für unsere gewöhnlichen Begriffe ist Stahl durchaus ein „starrer

Körper“. Wir wissen aber, daß er schon bei solchen Drucken, die wir

technisch herstellen können, seine Starrheit verliert und plastisch

wird. Wir können nicht eine beliebig hohe Säule aus Stahl errichten,

sondern wir kommen an eine Grenze, bei welcher der Fuß dieser Säule

anfängt zu „fließen“. Denken wir uns einen ganzen Kontinentalrand aus

Stahl, so würde sein oberer Teil zwar starr bleiben, die tieferen

Schichten würden aber unter dem Druck der darüber liegenden Massen

plastisch werden und seitlich herausquellen. Für die großen Dimensionen

des Erdkörpers ist also Stahl kein fester Körper mehr, sondern ein

zähflüssiger. Und der Silikatmantel der Erde besitzt, wie erwähnt, nur

ein Achtel der Zähigkeit des Stahles.

Die Eigenschaften zähflüssiger Körper sind deswegen paradox, weil

es bei ihnen viel mehr auf die Zeitdauer, als auf die Größe der

deformierenden Kräfte ankommt. Deshalb fangen solche Körper, wenn man

ihnen nur Zeit läßt, unter dem Einfluß der Schwere an zu fließen, auch

wenn sie sich gegen Schlag und Stoß wie ein absolut fester Körper

verhalten. Ein Stück Kork läßt sich mit Gewalt nicht durch eine

Schicht Pech hindurchtreiben, aber wenn man ihm Zeit läßt, genügt

sein geringer Auftrieb, um vom Boden eines Gefäßes langsam durch das

Pech hindurch aufzusteigen. Einen noch besseren Vergleich bietet

Siegellack bei Zimmertemperatur. Wirft man eine Stange Siegellack auf

den Boden, so zerspringt sie in scharfkantige Stücke. Läßt man sie

aber, an zwei Punkten unterstützt, in der Schwebe liegen, so kann man

schon nach wenigen Wochen ein Durchhängen bemerken, und nach einigen

Monaten hängen die nicht unterstützten Teile fast vertikal herab.

Aus den Mondgezeiten im festen Erdkörper berechnete /Schweydar/, daß

die Zähigkeit des Simas noch etwa 10000mal so groß ist wie die des

Siegellacks. Was also beim Siegellack ein Monat, ist beim Sima nahezu

ein Jahrtausend. Ein anderes, für die Bewegungen der Erdrinde besonders

lehrreiches Beispiel für Zähflüssigkeit bildet das Gletschereis.

Auch hier erscheint das Fließen auf den ersten Blick paradox, so daß

man besondere Ursachen, wie z. B. Regelation (Wiedergefrieren) dafür

annehmen zu müssen glaubte, bis durch Beobachtung der gleichfalls

fließenden polaren Gletscher mit ihren tiefen Innentemperaturen in

jüngster Zeit eine richtigere Auffassung von der Zähflüssigkeit dieser

Gebilde gewonnen worden ist.

Wir müssen nicht nur dem Sima, sondern auch dem Sial einen erheblichen

Grad solcher Zähflüssigkeit zuschreiben, denn wir erkennen bei

richtiger Deutung des Kartenbildes auch bei den Kontinentalschollen

große Deformationen, die nicht immer in Faltungen ihr Äquivalent

besitzen und also auf einem Fließen beruhen müssen. Da aber die

Kontinentalschollen bis zu einem erheblichen Grade ihre Individualität

trotz aller Deformationen im Laufe der Erdgeschichte bewahrt und sich

nicht etwa wie eine flüssige Schicht wieder über die Simaoberfläche

ausgebreitet haben, so ist doch ein deutlicher Unterschied in bezug

auf den Flüssigkeitsgrad des Sials und des Simas festzustellen.

Auch bei noch so langen Zeiten bedarf es anscheinend eines gewissen

Schwellenwertes der verschiebenden Kräfte, um ein Fließen zu erzeugen,

und dieser Schwellenwert scheint beim Sial wesentlich höher zu sein

als beim Sima, so daß letzteres bereits unter dem Einfluß der Schwere

fließt, während für ersteres doch größere Kräfte erforderlich scheinen.

Eine Wirkung der Zähigkeit des Simas ist das schon besprochene

Nachhinken der isostatischen Ausgleichsbewegungen. Noch viele tausend

Jahre nach Abschmelzen der Eisbedeckung steigt der herabgedrückte

Krustenteil empor. Es ist nicht ohne Interesse, daß der früher für

Skandinavien erwähnte Wert von 1 m in 100 Jahren -- gleichförmigen

Verlauf vorausgesetzt -- zu der Annahme führt, daß die Gesamterhebung

um 250 m etwa 25000 Jahre gebraucht hat. Da der wirkliche Verlauf aber

wohl nicht gleichförmig ist, sondern sich asymptotisch dem Stillstande

nähert, ist diese Zahl jedenfalls noch erheblich zu verkleinern. Wir

kommen damit auf eine Zeitdauer, die zu unseren Vorstellungen vom Alter

der letzten Eiszeit sehr gut paßt.

Erscheinungen der Kontinentaltafeln.

[Illustration: Fig. 7.

Die Entstehung der Kontinente und Ozeane · 第 21 / 35 题