1920
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Copyright, 1920, by Friedr. Vieweg & Sohn, Braunschweig, Germany.
Vorwort.
Das vorliegende Buch ist die -- völlig umgearbeitete und wesentlich
vermehrte -- zweite Auflage meiner gleichnamigen, 1915 in der Sammlung
„Vieweg“ (Nr. 23) erschienenen Schrift, die vergriffen ist. Die
Übernahme der neuen Auflage in die Sammlung „Wissenschaft“ erfolgte
wegen des vergrößerten Umfanges; sie erscheint aber auch durch die
starke Veränderung gerechtfertigt, die sie bei der Neubearbeitung
erfahren hat und durch welche sie den Charakter eines neuen Buches
annimmt.
Die Theorie der Kontinentalverschiebungen ist in allen Teilen schärfer
gefaßt, und ihre Prüfung durch Heranziehung von Beobachtungsmaterial
erheblich weiter im einzelnen durchgeführt, als es mir bei der ersten
Auflage möglich war. Insbesondere konnten die Polverschiebungen und
auch die Ursache der Kontinentalverschiebungen weit ausführlicher
behandelt werden; dies sind wohl die beiden Punkte, in denen die
Theorie am weitesten fortgeführt werden konnte. Die im Vorwort der
ersten Auflage als experimentum crucis bezeichneten Änderungen der
transatlantischen Längenunterschiede haben sich zwar für die zunächst
in Betracht gezogene Strecke Europa-Nordamerika bisher nicht bestätigen
lassen, dagegen haben die endgültigen Ergebnisse der Danmark-Expedition
eine um so glänzendere Bestätigung für die Strecke Europa-Grönland
gebracht.
Seit der ersten Auflage ist im In- und Auslande eine umfangreiche
Literatur über die Kontinentalverschiebungen entstanden, deren
Aufzählung mehrere Seiten füllen würde. Eine Reihe bekannter
Fachgelehrter, allen voran /Dacqué/, hat sich trotz der Neuheit
dieser Gedankengänge mit Interesse, ja teilweise mit vorbehaltloser
Anerkennung dazu geäußert. Naturgemäß ist aber die Zahl der Zweifler
noch immer groß, zumal die Theorie von verschiedenen Seiten, namentlich
den Geologen /Diener/, /Semper/ und /Sörgel/ heftig angegriffen
worden ist. Der teilweise verfehlte Ton dieser Angriffe ist bereits
von anderer Seite getadelt worden[1]. Was an tatsächlichen Einwänden
vorgebracht wurde, ist in der vorliegenden Neubearbeitung sorgfältig
berücksichtigt. Leider beruht ein großer Teil der Einwände auf bloßen
Mißverständnissen, ja sogar Versehen, die sich bei größerer Sorgfalt
der Kritik leicht hätten vermeiden lassen. Obwohl auch hierauf
bereits von anderer Seite hingewiesen worden ist[2], sind diese
Mißverständnisse doch unerkannt in zahlreiche Referate übergegangen.
Ich bin deshalb bestrebt gewesen, die betreffenden Fragen in der
vorliegenden Darstellung möglichst unzweideutig zu behandeln.
Wie die erste Auflage durch die selbstlose geologische Beratung
und Mitarbeit von /Cloos/ gefördert, um nicht zu sagen, ermöglicht
wurde, so ist die zweite gekennzeichnet durch die nicht minder
wertvolle Mitarbeit eines Klimatologen; ihre Ausarbeitung geschah
nämlich in täglichem Gedankenaustausch mit /W. Köppen/, und ich hatte
die Genugtuung, daß dieser, anfangs kühl und zweifelnd, sich mit
wachsender Wärme in die Ideenwelt der Verschiebungstheorie vertiefte
und schließlich mit hoher Freude zu der Überzeugung hindurchdrang, daß
hier der rote Faden im Labyrinth der Paläoklimatologie gefunden sei.
Mehrere Kapitel entstanden in so engem Gedankenaustausch mit ihm, daß
die Grenze des geistigen Eigentums nicht mehr feststellbar ist. Seine
wichtigsten Ideen über diesen Gegenstand wird /Köppen/ noch in zwei
besonderen Abhandlungen in „Petermanns Mitteilungen“ veröffentlichen.
Von anderen Fachleuten bin ich namentlich den Herren /Andree/,
/Irmscher/, /Michaelsen/ und /Tams/ für geistige Unterstützung dieser
Arbeit zu Dank verpflichtet.
Der Leser sei nachdrücklichst darauf hingewiesen, daß eine große Zahl
von Fragen -- wenn man nicht auf eigenes Urteil verzichten will --
durchaus die Benutzung eines Erdglobus erfordern. Ein Atlas reicht
wegen der Verzerrung durch die Projektion nicht aus. Die Kritik der
ersten Auflage krankt geradezu an der Nichtbenutzung des Globus.
/Hamburg-Großborstel/, im April 1920.
Alfred Wegener.
Inhaltsverzeichnis.