Das Blut rauschte in meinem Kopf.
»Und übermorgen --?« sagte ich laut.
»Um Gottes willen, sprich nicht so laut!«
Ich hielt mich am Gesims fest und schwang mich hinauf. Yvonne wich zurück.
Ich stand in der finstern Stube.
»Jesus,« flüsterte Yvonne.
»Wenn du nicht herauskommst --!« sagte ich und zog sie an mich. Yvonne
bebte und küßte mich auf die Wange --
Ich ging. Ich ging über die Heide. Ich nahm die Mütze ab um meinen heißen
Kopf zu kühlen.
»Ja, Yvonne,« sagte ich, »wie lange wolltest du mich noch warten lassen?
Wie lange, haha!«
In der Heide tauchten Gruppen von weißen Zelten auf: das waren die bleichen
Giebel der Hütten im Schein von Creachs Feuer. Mitten unter ihnen stand ein
hohes, spitzes Zelt, die Kirche. Ich ging am Meer entlang, nach Hause.
Das Meer dampfte, es war still und die Welle klopfte in den Felsen.
Tock--tock--tock. Ich pfiff vor mich hin. Creachs Lichthiebe jagten
Dunstkegel vor sich her. Als ich nahe bei Poupons Schlucht war, begann mein
Herz zu pochen, und ich hörte auf zu pfeifen. Es war so still hier und die
Welle klopfte eigentümlich. Ich blieb stehen. Creachs Lichthiebe fegten
über die Heide und über Poupons Schlucht wallte ein haushohes Gespenst. Das
war der Nebel, der aus der Schlucht stieg. Ich wartete bis der Lichtkegel
wiederkehrte: immer noch stand das riesengroße Gespenst in der Nacht und
winkte mir mit weißen Armen.
Ein Gefühl des Schwindels überfiel mich. Es ging dort turmhoch hinab ins
weiße Nichts.
Ich möchte einen Menschen bitten mir zu sagen, weshalb ich gerade in diesem
Augenblick und gerade an dieser Stelle den Schritt anhielt? Und weshalb mir
gerade jetzt der Gedanke durch den Kopf schoß, daß es dort turmhoch hinab
ging?
Poupoul zog die Luft ein und schlug kurz an. Stand jemand in der Heide?
»Ruhe, Poupoul!«
Creachs Licht kehrte wieder und beleuchtete den Pfad. Niemand. Nur ein
Haufen ausgeschichteter Tang lag am Wege.
Da aber begann Poupoul rasend zu kläffen. Seine Augen sahen grünschillernd
zu mir empor.
Ich lachte leise vor mich hin. Vielleicht war -- Yann in der Nähe? »Yann,
Yann!« rief ich. »Bist du hier?« Und ich lachte dazu, um ihm zu zeigen, daß
ich keine Angst hätte, im Falle er hier wäre. Aber mein Rücken war eisig
kalt, als sei mein Rock hinten aufgeschlitzt.
Ich schritt auf den Tanghaufen am Wege zu: ja, da stand Yann! Wirklich, da
stand er --
»Guten Abend, Yann!« sagte ich. »Was tust du hier so spät in der Nacht,
mein Sohn?«
Yann entgegnete nichts, Poupoul hatte ihn nun erkannt und kroch ihm wedelnd
um die Füße. Aber Yann regte sich nicht. Er stand und sah mich an. Es waren
Yanns Augen und doch waren sie fremd. Sie brannten düster von dummer Wut
und bäurischem Trotz. Er rührte sich nicht, er sagte nichts, er stand und
sah mich an und seine Augen wurden immer größer.
In diesem Augenblick kam mir Yann höchst lächerlich vor. Wenn er hier auf
mich gelauert hatte, weshalb regte er sich nicht? Sollte ich in Poupons
Schlucht verschwinden ohne eine Spur im Rasen zu hinterlassen? Yann, Yann,
heraus mit dir! Zeige, wer du bist. Du wirst mich ja nicht umsonst
bekommen, aber vielleicht billig. Hoho, wie lächerlich er war!
»Wolltest du dir die Pfeife anzünden, Yann?« sagte ich und lachte ihm ins
Gesicht. Sein dummer Trotz und das alberne Anstarren machte mich zornig.
War das eine Art mit mir zu verkehren?
Aber Yann regte sich nicht. Seine Augen waren nun wie große glühende
Löcher.
»Wenn du die Sprache verloren hast, Yann, dann gute Nacht!« sagte ich
spöttisch um ihn zu reizen. »Ich werde jeden Abend diesen Weg gehen,
verstehst du mich, jeden Abend. Ich schwöre es dir. Und jeden Abend werde
ich genau an dieser Stelle ein wenig warten. Au revoir et merci, merci!«
Ich ging. Ganz langsam wandte ich Yann den Rücken zu, wartete noch ein
wenig und dann ging ich. Aber Yann rührte sich nicht. Ich lachte, immer
noch erregt und zornig.
Sollte er in Gottes Namen sehen, wie er aus diesem Wahnsinn herausfand, in
den ihn ein kleines Mädchen und der Schnaps hineinjagten. Das war nicht
meine Sache. Er ist ein Narr, Poupoul, und wir lassen uns nichts
vorschreiben. Die Winterstürme werden über die Insel rasen und wir wollen
sie hören. Es wird Schnee und Eis hageln und das wollen wir spüren, hörst
du, Kamerad, wir wollen über die Heide gehen, wenn sie gefroren ist. Und
unser großes Feuer wird prasseln und uns durch und durch blenden und die
großen glitzernden Höhlen in unserer Seele beleuchten, die wir noch nicht
kennen. Siehst du, wie wir mit gelben Augen ins Feuer starren und um uns
heult der Wind seinen großen Gesang?
Yann, Yann!
Am Morgen fand ich einen Brief unter der Türe. »Hüte dich!« stand darin.
Yann hatte nicht einmal seine Schrift verstellt. Wie unvorsichtig, wenn man
den Brief später bei mir fände? Ich zerriß ihn in kleine Stückchen und
streute sie in den Wind. Dann aber begann ich nachzudenken.
Nein, Yann, es ist genug! Du sollst wieder Ruhe haben. Ich will zu
Rosseherre gehen und mit ihr reden, und ich will zu dir gehen und deine
Versöhnung erbitten.
Yann wird sich ja tot trinken und wir sind trotz alledem Freunde.