Triii -- triii --

Döi -- döi -- gullugullu gullu -- döi.

Eine dreieckige Flosse tauchte auf und etwas atmete, genau wie die

Luftbremse einer elektrischen Tram, und strich rasch dahin, gute vier Meter

lang. Ein »souffleur«. Er schwamm rasch, atmete noch zweimal, dreimal und

war verschwunden. Die Insel lag in der Ferne, wie ein graues

schuppengepanzertes Tier, das schreckliche Gebiß lauernd halb unter Wasser,

einen Stachel auf der Nase. Sie sah unbewohnt aus, und wem hätte es auch

einfallen sollen, auf diesem unwirtlichen Steinhaufen zu wohnen? Ein

Nebelstreifen näherte sich Creach, verhüllte ihn, und Creach brüllte,

während hier außen die hellste Sonne schien. Der Nebelstreifen kroch näher

und hüllte den »Kirchturm« ein. Nebelschnüre zogen vorüber und hängten sich

in Kleider und Haare, so daß alle aussahen, als gingen sie in Rauch auf.

Ein Dampfer tutete, mächtig und ruhig, wie nur ein großes Postschiff tutet,

das keine Angst hat und um freie Fahrt ersucht. Er kam näher und wir

griffen zu den Rudern, denn man konnte nicht wissen, woher er kam. Da

erschien er wie ein riesiges Gespenst im Nebel, mit all seinen Masten,

Rahen, Kaminen, Verdecken. Es war ein P.- und O.-Steamer. In diesem

Augenblick schlüpfte der Nebel hinweg und der Dampfer zog leuchtend und

glänzend an uns in nächster Nähe vorbei.

Auf dem Verdeck standen Gruppen von Mädchen mit wehenden Schleiern.

Augenblicklich begann L'honneur die Mundharmonika zu spielen. Sie schrien

und quiekten und ihre weißen Taschentücher flatterten. Hiiii! Wollt ihr

Fische haben? L'honneur hielt einen Fisch in die Höhe und warf ihn dem

Dampfer entgegen. Hiii! schrien die Mädchen. Dann spielte L'honneur, der

ein Allerweltskerl war: God save the queen. Hi--hi--hiii! schrien sie. Der

»Kirchturm« kam ins Schaukeln.

»L'honneur!« sagte L'honneur. »Wenn wir sie doch hier hätten! Ah! Für jeden

eine und für mich zwei junge Witwen!« Und er blickte dem davonstreichenden

Dampfer mit hellen, wilden Augen nach. Dann machte er eine instinktive,

unglaublich komische Bewegung und wir starben vor Lachen.

Ein oiltank kam heran. Dieser Dampfer sah komisch aus, da er den Kamin ganz

hinten hatte. Es waren unfreundliche Leute, schwarz wie Neger sahen sie zu

uns her und grinsten nur ein wenig, L'honneur erbot sich sie auf die

hölzerne Fresse zu schlagen.

Eine Weile war es ruhig -- da und dort standen Dampfer, sie verschwanden in

den Nebelstreifen, tuteten, erschienen wieder -- dann kam ein sonderbarer

Segler heran. Guter Gott! Er war klein und stammte sicher aus einem andern

Jahrtausend. Er hatte zwei Maste, einen richtigen Mast und dahinter einen

Stumpen. Die Reling war zwei Handbreiten hoch, das war alles, und

sonderbare Burschen handhabten die langen Ruder. Es war ein Boot, in dem

man kaum über einen See fahren konnte geschweige übers Meer.

»He, wieviele Knoten macht ihr in der Stunde?«

Niemand antwortete.

L'honneur steckte die Finger in den Mund und pfiff herausfordernd. Sollen

wir an Bord kommen und euch verhauen?

»Woher kommt ihr?«

»Von Spanien.«

Hier aber wurde Petitjean lebendig. Er schnupperte mit der Stumpfnase und

seine kleinen Augen sprühten Funken.

»Wohin fahrt ihr?« fragte er. Sie waren nun ganz nahe.

»Nach Le Havre.«

»Also nach England fahrt ihr?« sagte Petitjean und lachte. »Was für Ladung

habt ihr?«

»Wein.«

Petitjean kannte diese Sorte. Er war ja selbst in dieser Branche tätig

gewesen. »Es sind Schmuggler,« sagte er zu mir, »sieh doch das Schiff an!

Natürlich fahren sie nie nach Le Havre. Hahaha, gebt uns etwas Wein, wir

wollen euch Fische geben.«

Aber die Leute auf dem sonderbaren Boot verstanden auf einmal kein Wort

Französisch mehr, sie schimpften auf Spanisch.

L'honneur erbot sich ihnen die Schädel einzuschlagen.

Petitjean aber folgte ihnen mit glänzenden, sehnsüchtigen Blicken. »Ah, sie

sind in der Klemme, sie rudern ja. Sie sind abgetrieben worden und haben

keinen Wind.« Er sah ihnen voll Mitgefühl nach und schnalzte mit der Zunge.

Petitjean war ein dumm und treuherzig aussehender Bursche, so wie die oft

aussehen, die plötzlich zum Tod verurteilt werden. Sie haben da etwas

getan, bei Gott, sie wissen kaum was, sie sind ganz erstaunt. Er hatte fünf

Jahre bei einem Patron gedient, dessen Spezialität es war Schiffe zu

verlieren. Vertraue ihm ein abgedientes Schiff an, das die Gesellschaften

nur noch ungern versichern, du brauchst ihm gar nichts zu sagen: die

Gesellschaften ziehen nicht mehr recht oder sonst etwas, das genügt. Das

Schiff kommt nicht zurück! -- Es scheitert, es sinkt, eines ist sicher, es

kommt nicht wieder. Es ist zum Beispiel angebohrt, sinkend, in jämmerlicher

Verfassung, Torpedoboote können es schleppen wollen, es ergibt sich nicht,

es stirbt. Petitjean hatte mehr Schiffbrüche mitgemacht als irgend ein

anderer. Die Bezahlung war ausgezeichnet. Aber dann, gerade als Petitjean

zum Militär mußte, ertrank sein Patron mit der ganzen Besatzung. Er hatte

diesmal einen kleinen Fehler gemacht, er rannte auf, bevor er es wollte.

Tagelang konnte Petitjean erzählen. Drei Worte, drei Gesten, aber man sah

alles. Er war zu dumm um zu lügen.

L'honneur dagegen war ein witziger Bursche mit hellen Augen und

entwickelten Zügen. Er log. Alle seine Bewegungen waren rasch. Er war immer

geschäftig. Er nagelte an einer Stange, knüpfte ein Seil, flickte ein

Segel, immer sah er etwas. Er war barfüßig, trug eine kurze Hose und ein

lächerlich kurzes Hemd -- was für ein Hemd war es doch! Es reichte nur ein

wenig unter die Schultern, ließ seinen ganzen braunen Rücken, die Arme und

die Brust frei, und doch war es ein Hemd und noch dazu ein Hemd aus San

Franzisko. Auf seinen rechten Arm war ein Segelschiff tätowiert und

Napoleon, um den sich eine dicke Schlange ringelte, auf seine Brust ein

Riesenbildnis der Republik, und wenn seine Hose herabrutschte, so sah man

auf seinem Sitzfleisch einen runden, böse blickenden Fisch mit zornigen

Stacheln, L'honneur war braun und halbnackt und man sah, daß er

unzweifelhaft männlichen Geschlechts war.

L'honneur legte ein Seil wie eine Acht auf das Deck und tanzte, während er

dazu spielte; er machte seine Sache geschickt und berührte das Seil nie mit

den Füßen.

Natürlich konnte ich das auch. »L'honneur, spiele!« Aber, siehe da, es war

nicht so leicht wie es aussah.

Dann legten wir die Leinen aus und wurden ganz still. Stunden vergingen.

Wir fischten den lieu, blank wie Stahl, mit spitzer Hechtschnauze, den

silberglänzenden pirronneau, der einen Drachenflügel auf dem Rücken hat,

den grausamen sarthe, mit spitzen Zähnen im Rachen, gieriger breiter

Drossel, gewölbten Katzenaugen, getigertem Leib, ziegelrotem Kopf und

rotgelben Flossen, den liebchen coquette, der scharlachrot wird, wenn er an

die Luft kommt, den morchelartigen vielle, dick und plump, mit lüsternen

Negerlippen, den rouget, merland, congre. Da lagen sie in der Ecke,

schnappten nach Luft, starben. Morgen werden wir ins Meer stürzen und nach

Luft schnappen. Sarthe wird herankommen wie ein Unterseeboot und uns die

Augen ausreißen, und der dicke vielle wird uns mit seinen lüsternen

Negerlippen die Nase abknabbern.

Die Sonne stieg ins Zenit und ich lag auf dem heißen Deck ausgestreckt und

blinzelte zu ihr empor. Sie fauchte, flackte und ließ mir lange feurige

Fahnen ums Gesicht wehen. Ich schloß die Augen und schlief. Aber da zuckte

die Leine an meinem Finger: irgendein Fisch da drunten, der mich in einer

dringenden Angelegenheit zu sprechen wünschte.

Die Glocken der Insel bimmelten in der Ferne und der Schiffsjunge trug das

Mittagessen auf. Das war ein großer Topf, gefüllt mit Brühe, Kartoffeln,

Kohl, Fischstücken, herrlich. Wir saßen um den Topf herum und fuhren mit

den Löffeln hinein. L'honneur schlug ein derartig rasendes Tempo an, daß

niemand ihm folgen konnte. Der mousse durfte den Topf auslecken.

Nun war es Zeit, die Reusen in die Höhe zu ziehen. Die Seile hatten schon

Rinnen in den Bootsrand geschnitten und das Boot schnurrte und surrte wie

eine Baßgeige. Man mußte ein Stück Zeug um die Hände wickeln, denn die

nassen belasteten Stricke zerfetzten die Haut. Das Boot troff von Wasser

und die mit Tang und Gras behängten Reusen brachten einen starken

fruchtbaren Geruch vom Meeresgrund herauf. Die ersten Körbe waren leer, ein

paar Muscheln und Seesterne, nur eine große Krabbe hockte darin, L'honneur

empfing sie wenig höflich. Da sie nicht freiwillig aus dem Korb spazieren

wollte, riß er ihr zuerst einige Beine aus, ja, nun ging es. Korb um Korb

stieg empor und wir sahen alle gespannt ins Wasser, wo der Korb erscheinen

mußte. Wenn man die bleiche Fischleiche schimmern sah, so war wenig

Hoffnung vorhanden. Das Geschäft blühte, wir waren nicht unzufrieden.

Hehe! Heraus mit euch!

L'honneur faßte sie geschickt um die Taille, preßte sie zwischen die Knie

und schnitt ihnen die Sehnen der Scheren durch. Die Langusten schnurrten,

burr! burr! und schnellten sich auf den Schwänzen rückwärts, sie scheuten

vor L'honneurs Messer und glotzten es mit ihren langen Pilzaugen an. Es

half ihnen nichts. Es war merkwürdig, daß sie meistens zu Paaren in den

Körben saßen. Gewiß war das eine Art von Hochzeitsreisenden, die plötzlich

auf ihrer Wanderung diese herrliche mit Fisch gefüllte Villa auf dem

Meeresgrund angetroffen hatten und sich häuslich niederließen. Hier wollen

wir bleiben, Geliebte -- aber da fing die Villa an zu marschieren. Sie

trugen Kupferpanzer und im Nacken Knorpelschilder; auch ein Paar Hummern

war dabei, in blanken Stahlbrünnen. Sie schlugen wild mit den Zangen um

sich und L'honneur erhielt einen Schlag in die Hand. Das Blut sprang

heraus. »Sacre nom de bleu cochon!!« Vorsicht, L'honneur! Ein Hummer

schneidet einen Finger glatt durch.

Wir hatten die Körbe wieder instand gesetzt und hinabgelassen, als sich ein

kleines Boot näherte. Wir machten die Augen scharf, wer in aller Welt -- es

war Yann.

Da kam er herausgerudert, vier Meilen weit, um uns einen Besuch

abzustatten.

»Ah, der kleine Kapitän! Ihr arbeitet heute nicht?«

»Nein, die Maschine ist kaputt!« Yann tat laut und gleichmütig, er wollte

nur sehen was wir trieben -- aber ich fühlte sofort, daß Yanns Besuch einen

bestimmten Zweck hatte. Er galt mir.

Yann hatte blutunterlaufene Augen und ich wußte, was das bedeutete. Er

hatte seine Periode. Dann trank er schrecklich, er trank tagelang, und die

Matrosen auf dem »Arbeiter« wagten nicht zu sprechen. Mit einem vor

unsinniger Wut geschwollenen Nacken tigerte er hin und her und suchte nach

Rostflecken auf dem Deck. Er schabte, kratzte, untersuchte jeden Nagel,

rasselte mit den Ankerketten und Winden, knurrend, ohne eine Wort zu reden.

Er riß dem Matrosen, der mit Anstreichen beschäftigt war, wortlos den

Pinsel aus der Hand und strich selbst an. Der Matrose aber nahm sich wohl

in acht ein Wort zu sagen: denn dann spie dieser Vulkan Feuer und es

hagelte Felsblöcke. Und immer schrecklicher trank Yann, ohnmächtig vor Wut,

denn er wußte nicht warum.

In dieser Verfassung traf Yann auf dem »Kirchturm« ein.

Das Meer · 第 57 / 79 题