Die Glocken begannen im Nebel zu bellen wie kleine Hunde, die im Schlafe
gestört wurden.
Das Dorf schlief noch. Aber da und dort rührte es sich schon, Holzschuhe
klapperten, Fenster erhellten sich, Stimmen kamen aus dem Nebel. Am Hafen
unten schloß der Maire den Schuppen auf, in dem sich das Rettungsboot
befand. Der Nebel war so dicht, daß man keinen Menschen sah, bevor man ihn
anrannte, und wenn man mit jemand sprach, so zerfloß sein Gesicht in
Schleiern.
Zurufe, Flüche, Durcheinander. Ein Seil schleifte am Boden und unsichtbare
Hände zogen es straff. Ich griff zwischen ein paar Fäuste hinein und zog
an. Räder knarrten und das Rettungsboot erschien gespensterhaft hoch und
lang auf dem Wagen. Schatten warfen sich in die Radspeichen und eine Kette
von Schatten hielt den Wagen hinten am Seil fest, damit er nicht zu rasch
den Steig hinabrollte. Wie ein schwerfälliges, hundertfüßiges Ungeheuer aus
der Vorzeit bewegte sich das Boot zum Meer hinab und die Welle spritzte
gegen seinen Bauch.
»Vorwärts!« schrie ich. Da draußen warteten sie --
»Wir müssen warten, bis es Tag wird! Man sieht ja nicht die Hand vor den
Augen!«
»Wo ist Kedril? He, Kedril, Pilot, dein Tag ist gekommen. Das ist eine
Arbeit für dich. Ich zeige dir, wo der Dampfer liegt.«
»Mein Freund,« antwortete Kedril, »nicht für tausend Franken könnte ich das
Boot hinausbringen. Bei diesem Meer! Wir müssen auf die Ebbe warten.«
»Wenn du es auch sagst, Kedril!« Ich war entmutigt, ich ging.
Im Dorf rannte ich gegen Noel, der sich ganz in geöltes Leder verpackt
hatte und ein Fernrohr in der Hand trug.
»Nun,« rief er mir zu, »habe ich es Ihnen nicht gesagt, als Sie Sturmvilla
mieteten, alle Schiffbrüche vollziehen sich dicht vor Ihren Augen -- haha!«
Ich gab ihm keine Antwort. Ich lief nach Sturmvilla zurück. Nichts war als
Nebel, das Branden des Meeres und alle drei Minuten grollte Creach in der
Ferne wie ein todwundes Tier.
Etwas scharrte zwischen den Klippen. Es war Jean Louis. »Ein Dampfer ging
in die Klippen -- hühü!« sagte er und lachte idiotisch. »Rosseherre war
wieder die erste --«
»Was kann man tun?« fragte ich.
»Was man tun kann? Nichts. Hühü! Die Klippen sind wie Messer da draußen.
Sie fahren alle an derselben Stelle auf. Sie werden vom Strom abgetrieben
und hören Creach erst, wenn sie festsitzen.« Er trappelte hin und her und
spähte auf den Boden. Eine Gruppe von Fischern, Frauen und Kindern sammelte
sich an, und alle spähten sie auf die ankommende Welle mit vorgeneigten
Köpfen und gierigen Augen. Sie waren die Abkömmlinge von Seeräubern und ihr
Herz hatte das Meer gehärtet. Was war ein Schiffbruch für sie? Es hatte
Nächte gegeben, da drei Schiffe scheiterten, und wiederum hatte man in drei
Nächten nacheinander die Sturmglocken geläutet.
Etwas Dunkles trieb ans Land und alle stürzten sich gleichzeitig darauf. Es
war das Wrack eines kleinen, schwarzen Bootes. Wie ein zertrümmerter
Brustkorb. Dann wichen sie plötzlich alle zurück: mitten in der Welle stand
ein Mensch, der von Wasser troff und die Arme nach ihnen ausstreckte. Er
fiel vornüber und die Woge trug ihn ans Land und legte ihn schweigend
nieder. Die nächste Welle fuhr über ihn hin und er bewegte sich, als ob er
sich aufsetzen wolle. Dann zogen Jean Louis und ich ihn weiter aufs Land.
Er lag mit offenen Augen da, als ob er sehr erschrocken wäre, und lächelte
mit geöffneten Lippen, daß man die Zähne unter seinem kleinen dünnen
Schnurrbart sah. An der rechten Schläfe hatte er eine schwarze Schramme. Er
war tot.
Die Fischer standen um ihn im Kreise. Jean Louis nahm die Mütze ab und
schlug das Kreuz. Alle folgten seinem Beispiel. Creach knurrte in der
Ferne, während sie das Gebet murmelten.
»Hier liegt er jetzt!«
»Es ist rasch gegangen mit ihm. Das Meer warf ihn gegen einen Felsen.«
Ein kleines Mädchen sagte leise und lachte vor Angst dazu: »Vater, er lacht
ja!«
»Nun beruhige dich, alle Toten lachen.«
»Ein junger Mensch ist er.«
»Zweiundzwanzig.«
Das kleine Mädchen sagte und wieder lachte sie etwas: »Vater, er sieht mich
an!«
»Alle Toten sehen dich an, beruhige dich!«
Dann durchsuchten sie ihm die Taschen. Aber der Tote besaß nichts. Eine
Pfeife, ein Messer, ein rotes Taschentuch. In der Brusttasche seines kurzen
Kittels fand sich ein Brief.
»Ein Brief!«
Ich zündete ein Streichholz an.
»Er heißt -- wartet -- er heißt Joe Gordon, der Dampfer heißt Indiana und
kommt von Kapstadt.«
»Joe Gordon -- Indiana --«
»Willst du die Streichhölzer nehmen?«
Der Brief war zerweicht und schwer leserlich. Er lautete ungefähr: »Dear
Joe, wenn du nach Liverpool kommst, so besuche mich. Fahre nicht gleich
wieder weg, wie das letztemal. Ich bin krank und mein Fuß tut mir weh. Ich
gehe nicht mehr aus und warte auf dich. Das Leben ist recht elend, wenn
einen die Kinder ganz vergessen. Deine alte Mutter.«
»Das Marineamt wird ihr eine Depesche senden.«
»Joe wird nicht kommen. Und sie ist alt und krank, hm.«
Da war auch plötzlich Rosseherre wieder da. Sie drängte die Leute zur Seite
und schrie und warf sich weinend über den Toten. Sie sprach mit ihm, sie
nannte ihn »mon coeur«, »mon petit« und schluchzte herzzerreißend.
Ich ertrug es nicht länger, ich ging.
* * * * *
»Vorwärts!« schrie ich. »Worauf wartet ihr denn noch?!«
Es war Tag. Das Rettungsboot sah wie ein Phantom im bleichen Nebel aus,
unnatürlich hoch und lang, und die Welle leckte seinen weißen Bauch.