»Ja, weshalb nicht? Jeden Tag können wir fahren.«
Rosseherre lächelte und schüttelte den Kopf. »Paris? Es ist so weit, nie
werde ich Paris sehen!«
Sie blieb lange still und teilnahmslos, ich konnte sagen, was ich wollte.
Sie lauschte unausgesetzt. Einmal sagte sie: »Man hört Creach nicht mehr so
laut, wie dicht der Nebel wird!«
Dann streichelte sie ganz mechanisch meine Hand. Sie sprach kein Wort. Sie
kniete sich zu meinen Füßen auf den Boden nieder, legte das Gesicht auf
meine Füße und umschlang sie mit den Armen, und so lag sie, ohne sich zu
rühren. Das tat sie oft und ich wehrte es ihr nicht. All ihre Zärtlichkeit
und Ergebenheit drückte sie damit aus.
Sie war nur ein Kind, das weder Vater noch Mutter hatte.
Lange verharrte sie so, und endlich hörte ich, daß sie schlief.
Ich wartete eine Weile, dann hob ich sie aufs Bett. Sie öffnete die Augen,
sah mich an ohne mich zu erkennen und schlief weiter. Zuweilen plapperte
sie im Traum, aber ich verstand nicht was sie sagte, denn sie sprach
Bretonisch.
Was träumte Rosseherre?
Ich saß und rauchte die Pfeife und sah zu, wie sie atmete. Vielleicht
träumte sie, sie saß bei den Klippen und alle kamen sie aus dem Meer und
plauderten freundlich mit ihr und niemand sah es?
An der Türe rauchte es. Durch mein kleines Fenster blickte ein vergrämtes
Gesicht. Der Nebel. Ich warf Holz aufs Feuer, denn sie sollte nicht
frieren. Eine Stunde verging, zwei Stunden. Alle drei Minuten erschütterte
Creach mit seinem Brüllen die Luft, und der Sand rieselte in meinen Wänden.
Creach brüllte immer zweimal nacheinander. Zuerst wie ein wildes Tier, das
gereizt auffährt und wütend angreift, dann als ob es sich verwundet
zurückziehe und schmerzlich röchele. Eine Ewigkeit sind drei Minuten, wenn
man wartet. Creach hat nun zehnmal gebrüllt, eine halbe Stunde ist
vergangen.
Rosseherre redete unruhig und angstvoll. Träumte sie, daß sie alle draußen
vorübersegelten und ihr winkten, sie aber konnte nicht hinauskommen, denn
das Meer war ja zwischen ihnen?
Plötzlich setzte sie sich auf und starrte mich an.
»Nebel, Rosseherre, schlafe.«
Und sofort schlief sie wieder ein. Ich suchte meine dünne silberne Kette
hervor und legte sie ihr auf die Brust. Wenn sie nun wieder erwachte,
sollte sie sie finden.
Der Nebel wurde von Minute zu Minute dichter. Creach brüllte nicht mehr. Er
grollte wie ein zu Tode verwundetes Tier, das elend zurückgeschlagen sich
im Versteck die Wunden leckt und knurrt und röchelt. Das Meer donnerte
lauter in den Klippen und die Brandung in der Bai dröhnte, als ob alle zwei
Sekunden eine Häuserreihe einstürzte. Die Flut kam zurück. Aber hier bei
unserem verglimmenden Feuer war es totenstill. Zuweilen kamen feine,
komische Geräusche aus Rosseherres Nase. Ein kleiner Falter, den die Wärme
geweckt hatte, schwirrte an der Decke, eine schwarze Spinne wanderte ohne
Lärm zu machen die Wand hinauf.
Tief und gleichmäßig gingen Rosseherres Atemzüge. Ich legte das Ohr an ihre
Brust. Es rauschte, es atmete. Wie das Meer, wenn die Ebbe nahe ist.
Und was ist das Atmen der Menschen anders, frage ich, als das Atmen des
Meeres, aus dem sie kamen?
Rosseherres Atemzüge verbreiteten Stille und Frieden, ja eine Art
Heiligkeit. Eine sonderbare Scheu ergriff mich vor dem Stück Leben, das
hier bei mir war. Scheu vor deiner Jugend, Rosseherre, deinen schönen
Haaren und weißen Zähnen und all dem Leid in deinem kleinen Herzen. Ich
kenne dich nicht.
Ich bewegte mich lautlos und wagte kaum zu atmen. Dann setzte ich mich vor
das Feuer und dachte an viele Dinge, die längst vergangen waren. Vergangen!
Gott sei gelobt! Gesegnet sei das Gesetz der Vergänglichkeit, das die Tage
neu macht.
Gesegnet sei auch eure Unbeständigkeit, ihr Freunde und Frauen, die ihr
mich so jämmerlich belogen und betrogen habt -- es gibt vier Wände und es
gibt vier Himmelsgegenden, was ist dir lieber?
Wie lange ich so saß, weiß ich nicht, denn vieles ging mir durch den Sinn.
Dann aber weckte mich ein feines Rieseln. Die kleine Kette war auf den
Boden herabgeglitten.
Rosseherre saß, aufrecht und lauschte. Ohne Laut hatte sie sich
aufgerichtet. Ihre Augen waren ohne jeden Blick. Sie lauschte, mit jeder
Fiber und all den tausend Ohren ihres Körpers lauschte sie. Ihre Wangen
waren gerötet vom Schlaf, aber plötzlich wurden sie schneeweiß.
»Rosseherre?«
Rosseherre bebte. Sie flüsterte ein paar hastige Worte, aber ich verstand
sie nicht.
»Sprich Französisch, Rosseherre!« Aber merkwürdig, ich wagte es nicht
aufzustehen und zu ihr zu gehen.
»Horch doch!« sagte sie.
Ich lauschte. Das Meer. Creach röchelte in der Ferne, Poupoul saß an der
Tür und sah mich fragend an; auch er hörte nichts.
Aber Rosseherre zitterte am ganzen Körper als ob sie friere, und
schrecklich blaß sah sie aus. Ich stand auf, doch sie machte mir ein
Zeichen mit der Hand.
Sie lächelte krank.
»Sie haben den Weg verloren,« sagte sie ohne Stimme.
Was sagte sie?
»Wach auf, Rosseherre!«
Da blickte sie mich an und ihre Augen waren geschmolzen von einer
grauenhaften Angst, die Pupillen unnatürlich geweitet.