Als ich an Land kam, sah ich die Luft voll kleiner weißer Teufel mit
gespreizten Fledermausflügeln und auch die Erde war bedeckt damit, hier
waren sie grau. In ganzen Schwärmen zogen sie hin und her vor meinen Augen.
»Hoho!« sagte ich. »Poupoul, da haben wir es glücklich, weißt du, was das
ist? Das Delirium tremens, mein Sohn.«
Gott sei Dank, Sturmvilla stand noch! Immer noch saß der rasende Gorilla
draußen auf den Klippen und trommelte mit den Fäusten auf seinen Bauch. Ich
war erschöpft und schlief augenblicklich ein. Nach vielen Stunden erwachte
ich wieder. Etwas war geschehen! Die Fledermausteufel waren fort. Ich
lauschte. Der Wind weinte im Kamin, das Trommeln des Gorillas hatte
aufgehört. Der Sturm ließ nach. Ich trat vor die Türe. Das Meer schäumte
und raste und die Dämmerung eines Tages, der nie hell gewesen war, regnete
wie dicke graue Asche auf das düstere Chaos herab. Ein farbloser Dampfer
rollte draußen im fürchterlichen Seegang, ein großer P. u. O.-Steamer, kaum
sichtbar. Diese Dämmerung erfüllte das Herz mit dem Gefühl entsetzlichster
Verlassenheit und ich wagte weder zu denken noch zu fühlen. Ich schlief.
Dann weckte mich ein bekanntes Pochen.
Es war finstere Nacht. Creachs Lichtgarben wehten in zitternden Wellen, wie
feinstes Frauenhaar, durch die dunstige Atmosphäre. Im Norden stand der
scharlachrote Widerschein einer Feuersbrunst: das war das Feuer von Stiff,
über das dröhnende Meer wälzte sich Rauch.
Aber Rosseherre kam nicht plappernd und mit übermütigen singenden Ausrufen
herein, sie war scheu und ängstlich und sprach leise und etwas heiser.
»Ich sah dich heute an Land gehen,« sagte sie und drückte mir ein Paketchen
in die Hand. »Wie finster es bei dir ist.«
»Guten Abend, Rosseherre! Was macht Jean Louis?«
»Jean Louis schläft.«
Ich zündete Feuer an, und nun konnte ich wenigstens Rosseherres weiße Haube
und ihre hellen Haare sehen. Sie saß zusammengeduckt auf dem Bett.
»Was ist denn in dem Papier, Rosseherre?«
»Öffne doch.«
Es war ein Klumpen Honig darin.
»Die Schiffe auf dem Meeresgrund brechen auf,« sagte Rosseherre. »Jean
Louis hat eine große Büchse gefunden. Auch einen Ballen Feigen, doch sie
waren verdorben.«
Aber Rosseherres Worte wurden von einem leisen Wimmern erstickt. Und
plötzlich weinte sie laut und herzzerbrechend, wie ein Bauernmädchen weint,
das Kummer hat.
»Rosseherre?«
Rosseherre schüttelte den Kopf und die Tränen sprangen ihr über die Hände
und durch die Finger hindurch. »Ich weiß es nicht,« sagte sie, »aber ich
habe Angst. Wenn es stürmt, so bricht mein Herz. Ich muß an Vater denken
und an den Tag, da Diaul angehetzt kam. Diaul war Vaters Hund, eine Dogge,
so groß wie ein Kalb und ganz wild. Niemand durfte ihn anrühren, nur Vater.
Vater besorgte die Post von der Küste herüber. Er hatte ein hübsches Boot,
er war ja Pilot. In einem Vierteljahr waren schon zwei Postboote
untergegangen und da übernahm Vater die Post. Einmal nun war das Meer hoch,
es wehte, aber es war kein Sturm. Da kam Diaul angehetzt. Seht, sagte ich,
Vater ist zurück, da haben wir Diaul schon. Er troff von Wasser, aber Vater
warf ihn oft ins Wasser, es fiel uns nicht auf. Diaul, willst du nicht Ruhe
geben? Er war wie ein Narr, er sprang an mir empor und kläffte. Er war auch
gar nicht böse, ich schlug ihn auf die Schnauze, auch das ließ er sich
gefallen. Mit einem Male fing ich an zu schreien und ich lachte doch noch.
Ich verstand Diaul! Ich verstand auch plötzlich, weshalb vor einer
Viertelstunde mein Herz auf einmal stillgestanden war. Denn es war
stillgestanden und hatte sich nicht mehr gerührt! Ich lief hinter Diaul
her, alle liefen wir hinter ihm her, einer hinter dem andern, quer über die
Insel. Und ich war die erste von allen. Da lagen die Trümmer von Vaters
schönem Boot in den Klippen und Leichen. Acht Menschen sind ertrunken in
der Brandung, auch Vater. Man fand ihn nicht. Nur Diaul konnte sich
retten.«
Sie weinte mit zusammengepreßten Augen und Lippen. Ich legte meine Wange an
die ihre und schaukelte sie leicht hin und her wie ein Kind. Mein Gesicht
wurde naß von ihren Tränen.
»Diaul, mein armer Diaul!« wimmerte Rosseherre. »Wir hatten ihn so gern. Da
irrte er umher und verwilderte und bellte in den Nächten da draußen bei den
Klippen, wo das Boot gescheitert war. Dann ging Noel mit seiner Büchse
hinaus und ich hörte es knallen und dann kam Noel und sagte: nun ist Diaul
tot.«
Rosseherre weinte leise und fuhr fort: »Ich hatte auch einen Bruder. Er
hatte einen langen Schnurrbart. Er war ein wilder Mensch und er trank wie
alle. Aber er liebte mich. Oft sagte er zu mir: Rosseherre! und klopfte mir
auf die Wange. Sie fuhren hinaus zum Fischen und er kam nicht wieder. Und
ich hatte den ganzen Tag solch schreckliche Angst! Ich sah ja, sah es ja,
wie er über Bord stürzte und sein roter Schnurrbart schwamm auf dem Wasser.
Ich ging hinunter zum Hafen und wartete. Ich wußte wohl, Emile kommt nicht
wieder, aber ich wartete trotz alledem und betete. Da kam das Boot herein.
Der Patron sagte: Rosseherre --? Sonst sagte er nichts. Später sagte er zu
mir: der Strom nahm ihn mit sich, sein Schnurrbart schwamm, aber wir
konnten ihn nicht mehr einholen. Ich saß und betete für seine Seele, und
als es dunkel wurde, kam Jean Louis und sagte: nun, Rosseherre, es wird
Nacht.«
Ich wiegte Rosseherre und streichelte sie, so gut ich es konnte. »Weine
dich nur aus, kleine Rosseherre, dann wird es besser.«
Der Wind wimmerte leise an der Türe. Er klagte, als fiele ihm etwas
Trauriges ein, das er einmal gesehen hatte und nicht vergessen konnte. Das
Meer dröhnte wie dumpfer Kanonendonner. Es dröhnte regelmäßig alle zwei
Sekunden, und bei jedem Donnern ging ein leises Beben durch Rosseherres
Körper.
Sie hob den Kopf. »Hörst du das Meer?« fragte sie. »Ich werde wohl gehen
müssen, denn man weiß nicht, was geschieht. Es gibt Nebel.«
»Was soll denn geschehen?«
»Alles kann geschehen.«
»Alles?«
»Ja, denn ich habe Vater gesehen. Heute am lichten Tag.«
»Deinen Vater?«
»Ja. Er kam zur Türe herein und sagte: heute sollen sie sich in acht
nehmen, die da draußen.«
»Die auf dem Meer?«
»Ja!«
Poupoul nieste und Rosseherre erschrak, daß sie aufschrie.
»Aber, Rosseherre?« sagte ich lächelnd. »Was ist mit dir heute?«
Sie sah mich an. Ihre Augen flackerten im Feuerschein wie die Augen eines
Tieres, das voller Angst ist. »Ich weiß es nicht,« sagte sie und blickte zu
Boden, »aber ich habe Angst. All die Tage lang hatte ich schreckliche
Angst. So vieles geht mir durch den Kopf und ängstigt mich. Ich denke
daran, daß Yann im Meer sterben wird und auch ich, ich auch.«
»Nein, Rosseherre.«
»Vater sagte es mir,« erwiderte Rosseherre mit einem kleinen verträumten
Lächeln. »Schon lange. O, ich weiß, was ich weiß! Es ist auch nicht das
schlimmste. Denn dann kann ich vielleicht mit Vater und Bruder da drunten
sein, wo du sie einmal gesehen hast.«
»Rosseherre, das war doch ein einfältiger Traum. Ich hatte so viel
getrunken auf Kedrils Hochzeit.«
»Ja, ja.« Rosseherre lächelte ungläubig und blickte vor sich hin. Dann
lachte sie leise. »Nein, das eine ist gut, Jean Louis kann das Meer nichts
tun. Großvater ist gefeit.« Sie schüttelte die Haare vor Freude. Ihre
Wangen waren heiß und ihre Augen glänzten. Sonderbar war sie heute.
Nun roch auch ich den Nebel. Er roch wie Jod. Da begann Creach zu brüllen,
fern und dumpf, und ich sah ihn vor mir, eingepackt in undurchdringliche
Nebelballen.
Rosseherre erbebte. Sie zog die Brauen in die Höhe und lauschte angestrengt
auf das Brüllen des Nebelhorns, das übers Meer rollte und in einem fernen
Grollen unterging.
»Ich muß nun doch gehen,« sagte sie voller Angst.
Aber ich überredete sie zu bleiben. »Wir werden ein großes Feuer anzünden,
Rosseherre, etwas Grog wollen wir kochen, und dann werde ich dir eine
kleine Geschichte erzählen, warte nur. Du zitterst ja so, weil es kalt ist
hier. Poupoul, geh aus dem Weg! Du wirst sehen, wie hübsch es hier wird!«
Ich verbrannte meine englische Zeitung und dann riß ich die Schublade
meines kleinen Tisches in Stücke und warf sie ins Feuer. Auch der kleine
Tisch würde wohl bald an die Reihe kommen, es ging nicht anders. Während
ich den Grog braute, erzählte ich Rosseherre ein kleines lustiges Erlebnis
und als ich verstohlen zu ihr hinblickte, sah ich, daß sie lächelte.
Poupoul, der seine Leute kannte, saß vor ihr und klopfte mit dem Schwanz.
Auch er gab sich Mühe Rosseherre auf andere Gedanken zu bringen.
»Ist es nicht schon hübscher bei uns, wie, Rosseherre?«
»Ja!« Rosseherre nickte und sah ohne Blick vor sich hin. Sie schlürfte den
heißen Grog durch ein Stückchen Zucker, das sie hinter den Zähnen hielt.
Ihr Gesicht glänzte im Feuerschein, noch naß von Tränen, ihre gelben Haare
flimmerten als ob die Sonne darauf schien. »Nun habe ich keine so große
Angst mehr,« sagte sie und holte tief Atem, »aber zuweilen möchte ich
sterben vor Angst. Das Meer ruft mir. Gesichter erscheinen im Meer. Einmal
sah ich den Bruder auf einer Klippe sitzen. Er kam mit einer Welle herauf
und da saß er und sah mich an. Aber da schrie ich vor Angst und er tauchte
mit der Welle hinab. Einmal, als es stürmte, ging ich abends an den Klippen
entlang. Da lag ein Stein. Aber plötzlich stand der Stein auf und es war
ein alter Mann mit langen grauen Haaren. Er stand ganz ruhig und sah mich
an und aus seinen Augen fuhr Feuer -- da lief ich davon und fürchtete mich
eine ganze Woche lang. In den letzten Tagen aber hielt ich es nicht mehr
aus. Nun, sagte ich, es wird das beste sein, du springst hinab, die
gebenedeite Jungfrau wird dir vergeben. Ich ging nach Stiff, wo die Klippen
steil abfallen. Da weinte ich und betete und bat die gebenedeite Jungfrau
die große Sünde von mir zu nehmen. Aber als ich es tun wollte -- was meinst
du? Da saß Vater am Rande der Klippen, die Pfeife im Mund, genau so wie ich
ihn immer vor mir sehe. Er sah mich nicht an, aber er saß da. Er versperrte
mir den Weg.« Merkwürdig lächelte Rosseherre, als sie das sagte.
Und ich dachte, sonderbare Dinge gehen in deinem kleinen Kopf vor,
Rosseherre! Sonderbare Dinge!
Es schien Rosseherre zu erleichtern, wenn sie von Vater und Bruder sprechen
konnte. Ich ließ sie gewähren. Und sie erzählte mir alles aus ihrem jungen
Leben und was Jean Louis ihr von Eltern und Großeltern berichtet hatte. Die
meisten waren ertrunken. Und wie merkwürdig war es doch: keinen hatte das
Meer zurückgegeben, keinen einzigen. Sonderbar war der Tod ihres
Großvaters. Er fuhr nach Molen. Das Meer war glatt wie Öl. Er kam nie an,
kein Span seines Bootes fand sich, nichts --
»Nichts fand sich, Rosseherre?«
»Nichts!« Und Rosseherre lächelte sonderbar und fügte geheimnisvoll hinzu:
»Sie haben ihn hinabgezogen!«
Dann versank sie in Grübeleien.
Creach brüllte dumpf und Rosseherre zitterte am ganzen Körper.
Ich erzählte ihr von den fernen Ländern, die ich gesehen hatte und wie
merkwürdig die Leute dort waren. Sie hatten vielhundertjährige
Schildkröten, mit Edelsteinen und Schmuck besetzt, und beteten sie an. Und
sie hatten Götter, klein wie ein Däumling und wiederum groß wie der Phare
von Creach.
Rosseherre hatte kaum zugehört, nun aber lächelte sie. »Das sind Heiden,
meiner Treu!«
Dann mußte ich ihr von Paris erzählen. Von Paris konnte sie nicht genug
hören. Sie wollte wissen, was ein Diner kostete und wieviel sie im Hotel
für ein Zimmer verlangten. O, Diaul, wie unverschämt sie doch waren!
Rosseherre lachte und doch zitterte sie dabei.
»Vielleicht gehen wir einmal zusammen nach Paris. Rosseherre?«