Am Hafen unten standen Männer und Frauen, flatternde Fahnenfetzen, alle
erschrocken und bleich. Eine Frau lief schreiend hin und her und rang die
Hände. Ihr Mann war nachts hinausgefahren und noch nicht zurückgekehrt.
Jede Woge überflutete die Granitmauern des Dammes und hob spielend die
schweren Eisenringe in die Höhe, daß sie klirrten. Ganze Wände von Wasser
stürzten auf uns herab. Auf dem Damm lag ein behauener Granitblock, der
einer Boje als Anker dienen sollte, gut einen Meter hoch und breit. Er war
der Woge im Weg und plötzlich hob sie ihn und stürzte ihn ohne viele
Umstände vornüber den Damm hinab. Man hatte das Postschiff rasch in den
Innenhafen gebracht; auf dem Deck liefen brüllend die Matrosen umher und
zogen die Taue an. Der »Kommissionär« war gefesselt wie ein Tobsüchtiger,
mit Ketten, Drahtseilen, Tauen. Aber er wieherte vor Vergnügen, bäumte sich
auf, zerriß die Fesseln und schlug das Heck der »Notre Dame de l'Isle«, die
hinter ihm lag, in tausend Stücke. Draußen in der rasenden Bai ritt Yanns
kleiner Dampfer an seinen Ketten. Viel Vergnügen, Yann!
Da sah ich auf einmal auch Rosseherre. Sie saß auf der andern Seite des
kleinen Hafens in den Klippen. Sie sah gelb und elend aus und starrte mit
hochgezogenen Brauen in die Ferne. Sie hielt einen Rosenkranz in den Händen
und ihre Lippen bewegten sich.
»Hallo! Rosseherre!« schrie ich mit aller Kraft. Aber ich hörte nicht
einmal die eigene Stimme.
Plötzlich klang etwas wie ein ehernes Bellen durch den Sturm. Es läutete.
-- Bei Stiff war ein Schiff in Not.
Sofort machte ich mich auf den Weg. Bis Stiff hatte man eine knappe Stunde
zu gehen, aber ich brauchte zwei geschlagene Stunden dazu. Ich hielt den
Mantel mit den Zähnen fest und bohrte den Kopf in den Sturm. Schritt um
Schritt mußte ich mir erkämpfen. Der Sturm hatte die Regentropfen zu Nadeln
zugespitzt und sie spießten sich wie Eispfeile in meine Haut. Zuweilen war
ich gezwungen inne zu halten und im Schutze eines Steins aufzuatmen; wenn
ich nur so viel Deckung fand als für meinen Kopf nötig war und ein paar
Atemzüge tun konnte! Verließ ich die Deckung, so erfaßte mich der Sturm wie
ein sausender Treibriemen und riß mich mit sich. Poupoul erging es nicht
viel besser. Er streckte alle zehn Schritte sein Hinterteil dem Sturm
entgegen und atmete zwischen den Pfoten, den Kopf auf den Boden gepreßt.
Ich sah eine Möwe, die rückwärts flog! Sie landete erschöpft, ruhte ein
wenig und stürzte sich abermals dem Sturm entgegen. Sie drehte sich wie
eine Schiffsschraube, aber der Wind war stärker als sie und sie mußte
wiederum rückwärts fliegen. Der Sturm trug sie in die Höhe wie ein Stück
Papier, sie schrie, arbeitete wahnsinnig mit den Fittichen, aber es half
nichts, sie mußte dahin, wo der Sturm es wollte. In drei Stunden war sie in
England. Plötzlich begann ich zu pfeifen. He! Ja, ich pfiff ohne es, zu
wollen. Der Wind flötete zum Vergnügen in meinem Kehlkopf, und durch Öffnen
und Schließen des Mundes konnte ich ein ganzes Konzert pfeifen, über die
triefende Heide aber zog Rauch. Ich stand still. Eine wagrechte dicke
Rauchwolke zog rasend mit dem Sturm dahin. Brannte es? Brannte ein Schiff
da drunten? Nein, es war Wasserdampf. Die Insel war hier turmhoch, aber der
Sturm blies so heftig, daß er den Wasserstaub aus den Schächten und Kaminen
der Klippen riß, wie Rauch aus einem Schlot, und forttrug. Drei, vier
solcher Rauchsäulen fegten quer über die Insel.
Da war endlich Stiff. Sein kleiner gelber Leuchtturm schwamm verkrümmt in
einer Wasserblase, die Hütte der Markonistation kauerte wie ein zerzaustes,
graues Tier in der fegenden Heide. Selbst in der Sonne sah Stiff so
trostlos, öde und bedrückend aus, daß sich der Herzschlag verlangsamte.
Heute aber war es eine unterweltliche Wüstenei, die Grauen verbreitete. Und
wie böse stand die schwarze Flagge über dem Semaphor! Der Sturm stieß mich
hier wie ein Bündel vor sich her, er trug mich streckenweise, und es gelang
mir schließlich nur noch, mich auf allen vieren von Stein zu Stein vorwärts
zu bohren. Ohne Atem und fast seekrank vor Erschöpfung erreichte ich die
Markonistation. Ich hämmerte gegen den eisernen Laden.
Herr Boucher war hier, Gott sei Dank! Er warf sich gegen die Türe. »Ziehen
Sie doch!« schrie er.
»Ich ziehe ja!« antwortete ich. Die Türe schnappte wieder zu. Sollten wir,
zwei Männer, nicht imstande sein eine lumpige Türe zu öffnen? Herr Boucher
steckte einen Prügel durch die Türspalte, ich zog und die Türe flog
krachend gegen die Hanswand. Da lag sie nun, wie angeschraubt. Wir arbeiten
wie Teufel, der Regen peitschte uns das Gesicht, der Sturm riß uns das
Fleisch von den Knochen -- -- endlich.
»Es soll ein Schiff in Not sein, Herr Boucher?«
»Sehen Sie durch dieses Guckloch. Da drunten ist es. Sehen Sie es nicht?
Ein Fischerboot.«
Ja, nun sah ich es. Ein winziges Segel zuckte da drunten in der Tiefe
zwischen den Schaumkappen.
»Nun?«
»Sie sind verloren. Sie können nicht hinaus aufs Meer und nicht hinein in
die Bucht, sie würden in die Felsen geschleudert werden.« Herr Boucher nahm
den Stahlbügel mit dem Hörer über den Kopf und setzte sich vor den Apparat.
»Ich habe eben ein Gespräch belauscht zwischen einem Dampfer und Lizard.
Ich glaube ein Schiff ist gescheitert. Lesen Sie hier. Nein, nun höre ich
nichts mehr.«
Es war eine Depesche des Cunardliners Celtic an Lizard. Die Celtic
telegraphierte, daß sie den Kohlendampfer »Fullspeed« fünfzehn Meilen
südlich Scilly-Islands passiert habe, ohne Maste und Kamin, Maschine in
Ordnung.
»Ja, nun gehe ich wieder. Vielen Dank, Herr Boucher.«
Ich mußte hinunter! Es ist mir heute noch rätselhaft, wie wir, Poupoul und
ich, den steilen Pfad zur Bucht hinuntergekommen sind, aber wir kamen
hinunter, das ist eine Tatsache.
Ein Häufchen Fischer kauerte in den Felsennischen. Der Schuppen, in dem
sich das Rettungsboot befand, stand offen. Sie konnten natürlich nicht
hinaus zu dem kleinen zuckenden Segel. Es war sogar unmöglich das Boot ins
Wasser zu bringen. Sie standen mit den Händen in den Hosentaschen schwiegen
und starrten mit zusammengekniffenen Augen hinaus. Die Gischtfahnen gingen
haushoch über sie dahin.
Vor der Türe des Schuppens saß ein Weib mit zwei Kindern und alle drei
verfolgten regungslos das kleine Segel, das im Kreise zuckte. Das Weib
hatte harte Augen und lächelte kalt und verächtlich.
»Sie ist die Frau des Patrons da draußen,« sagte mir ein Fischer. »Es sind
drei Mann an Bord. Sie sind schon vierundzwanzig Stunden auf dem Meer. Sie
haben nur einen Laib Brot und eine Flasche Schnaps mit. Lange können sie es
nicht mehr aushalten. Sie sind hin!«
Als ich nach Hause kam, war Sturmvilla wie mit einem Aussatz bedeckt.
Schaumballen schwirrten durch die Luft. Die Wut der Brandung zerrieb das
Wasser zwischen den Felsen zu schmutzigem Schaum und der Wind trug ganze
Blöcke Schaum davon. Vor meiner Türe lag er fußhoch und die Heide war
weithin damit bedeckt.
Der Sturm hatte meinen großen Kamin wie mit der Zunge ausgeleckt. Kein
Stäubchen war in meinem Zimmer mehr zu sehen.
In dieser Nacht schlief ich wenig. Ich dachte immerfort an das kleine
Segel, das bei Stiff im Kreise zuckte. Nun waren sie dreißig Stunden
draußen. Und immer im Kreise! Vielleicht konnten sie einen Kreis von
zweihundert Meter Umfang segeln, das war alles, was sie sich erlauben
konnten. Und kaum eine halbe Meile vom Land entfernt. Wie? Sie sehen das
Feuer von Stiff vor sich, dicht vor den Augen, am Tage hatten sie deutlich
die schwarze Flagge über dem Semaphor gesehen: das war der Tod, der da
droben wehte, ihr Tod war es. Vielleicht sahen sie Häuser, in denen man
sicher hocken konnte hinter den dicken Wänden und essen und trinken -- und
sie fuhren im Kreise, vor dem Tod her, der mit ihnen ein Spielchen trieb.
Die Nacht war voll von unbeschreiblichem Spektakel. Das Spritzwasser
zischte über mein Dach und rieselte an den Wänden herab. Regenböen
prasselten. Es tobte und toste. Es hörte sich an, als ob ein rasender
Riesengorilla auf den Klippen hockte und mit den Fäusten auf seinen Bauch
trommelte. Schreie durchschnitten die Luft, als ob Menschen von den Klippen
herabgestürzt würden und im Falle schrien. Gelächter, Flüche. Es waren all
die Seeleute, die draußen ertrunken waren, die schrien und die Fäuste über
den Klippen schwangen. Sie jammerten, denn sie sollten die Heimat nicht
wiedersehen. All die Schiffe, die hier gescheitert waren, fuhren noch
einmal in dieser Nacht auf. Sie krachten, splitterten, sanken. Und durch
den Lärm hörte ich das dumpfe Läuten des Meeres. Bis in die Tiefe war es
aufgewühlt. Da drunten rollten alte behaarte Glockentiere hin und her und
dröhnten.
Bum -- baha -- bum baha!
Aus dem Tosen aber hörte ich deutlich ein Heulen heraus, das fürchterliche
Heulen einer einzelnen Stimme! Sie rechtete mit Gott und der Hölle und
konnte kein Ende finden. Das war Poupon, der Mörder, den das Meer nicht
wollte. Hörst du ihn? Zuweilen stieß er einen Schrei aus und stürzte sich
hinab, aber immer kam er wieder, heulte, verfluchte Gott und die Welt und
schleuderte dem Schöpfer Felsen ins Gesicht, Felsen, Felsen! Hörst du?
Der Teil der Heide, auf dem mein Haus stand, hieß der »englische Friedhof«.
Vor zweihundert Jahren scheiterte hier eine englische Flotte von vierzig
Segeln und die Leichen bedeckten den Strand. Man begrub sie hier. Ja, nun
hörten auch sie, daß da oben etwas vor sich ging und kamen heraus. Sie
johlten und lärmten, viele hundert Stimmen schwirrten durcheinander, aber
ich glaubte doch jede einzelne zu verstehen. Das Haus war ihnen im Weg, sie
mußten etwas demolieren, denn sie waren wild geworden. Sie warfen sich mit
den Rücken dagegen. Sie stießen mit den Füßen gegen die Türe und lachten.
Öffne, öffne, you damn' rascal! Ich hörte sie ganz deutlich, ich hörte
sogar, daß sie Englisch sprachen. Auf das Dach! Nun, da waren sie auch
schon auf dem Dach, polterten, zerbrachen mir die Ziegel und schließlich
brüllten sie zum Kamin herein. Viele zu gleicher Zeit: Ha! Ha! Ho! Ho! Son
of a bitch. Hooo!
Ich setzte mich aufrecht und die Haare standen mir einzeln zu Berge.
Da aber ging ein schrilles Pfeifen über das Haus dahin, ein Schleifen, ich
hörte wie sie sich entfernten, wie der letzte vom Dach herabglitt. Sie
rannten johlend über die Heide. Wie ein Blitz, all die vielen Hundert
zusammen. Ich hörte, wie ihr Gejohl mehr und mehr in die Ferne entschwand.
Das Segel! Ja, das kleine zuckende Segel bei Stiff. Hier gab es Arbeit für
sie, hier gab es etwas zu tun --
»Vielleicht sind sie eben untergegangen,« dachte ich laut und fror.