In den Nächten war nichts als die Dunkelheit, das Schlagen des Meeres, das
Feilen der Grillen und meine Sehnsucht nach unbekannten und unmöglichen
Dingen. Die Erde war schwarz und das Meer, und ich war allein.
Das Meer brandete und donnerte ohne Aufhören, und doch war es so still in
meiner Hütte, daß ich das feine, klingende Hämmern der Spinnen in den
Wänden hörte. Immerzu blitzte es. Alle sieben Sekunden fuhr zweimal
nacheinander Creachs blitzendes Messer durch die Nacht, zerschnitt das
kleine Fenster, zerschnitt die Hütte und mich. Ich achtete nicht mehr
darauf.
In den klaren Nächten öffnete ich die Türe. Der schwüle Geruch des Meeres
strömte herein. Im Rahmen der Türe stand der tiefblaue Himmel und die
blitzenden Sternbilder. Ich trat vors Haus, machte ein paar Schritte in den
nassen Gräsern und ließ den Blick über die unendliche Kuppel des Firmaments
wandern. Zuweilen sank ein Meteor langsam und leuchtend ins Meer. Und
irgendwo draußen auf dem Wasser gab es ein kleines rotes oder grünes Licht,
das wanderte. Drüben über der Bai aber, an den Klippen, flogen Creachs
Lichthiebe atemlos dahin wie blendend erleuchtete Expreßzüge der Hölle,
die, tausend in der Stunde, in die Unendlichkeit hinausjagten. Es war
totenstill ringsum und ich ging wieder ins Haus zurück. Aber horch! Hörst
du nicht? Irgend etwas wanderte da draußen, bald nah, bald fern, lautlos
und unsichtbar, aber ich fühlte es, während ich vor meinem Feuer saß. Es
gab also noch etwas außer mir hier außen? War es ein toter Seemann, der aus
dem Meere stieg und sich zu seiner Hütte schlich um durch das Fenster zu
spähen? Was war es? Horch! Und zuweilen dachte ich an das sonderbare
Bibelwort: der Geist Gottes schwebte über den Wassern --
Langsam drehte sich die Nacht. Neue Sternbilder erschienen in der Türe. Ich
warf eine Handvoll trockenen Tang auf das Feuer. Das war alles, was ich in
einer Stunde tat. Die Möwen schrillten. Ebbe, dachte ich, die Möwen ziehen
auf Raub aus. Das Meer atmete erschöpft. Dann rollte das erste Dröhnen am
Gestade entlang: die Flut kam zurück. Und ich saß und hielt die Pfeife im
Gang und lächelte zuweilen, wenn eine schöne Vision im Feuer erschien. O,
ich verstand es meine Einsamkeit auszukosten, bis auf den Grund -- so
allein war ich, so herrlich allein, haha! Poupoul schlief vor dem Kamin und
ließ die Luft durch die Nasenlöcher wie durch Ventile abpfeifen. Wenn ich
ein Wort an ihn richtete, so klopfte er mit dem Schwanzstumpen und öffnete
schlaftrunken ein Auge. »Schlafe, Poupoul!« Da kroch er näher und legte den
Kopf auf meinen Fuß und schlief weiter.
Zuweilen stand ich auf und machte die Augen scharf, als ob ich auf etwas in
ganz weiter Ferne blickte: es waren Menschen, die ich sah, die Menschen,
die ich vor Zeiten gekannt hatte. So weit entfernt war ich nun von ihnen.
Und wieder stand ich auf und blickte in die Ferne: das waren Gedanken, die
ich sah, meine alten Gedanken vor Jahren. So fern, so klein. Weit entfernt
war ich nun von ihnen.
Ich ging hinaus und blickte über das schlaflose Meer: ein senkrechter Blitz
spaltete die Nacht in zwei Teile wie einen Block glänzender Kohle. Auf dem
Meere waren zwei ferne Stimmen, die riefen und antworteten, aber nichts war
zu sehen. Ein Hauch kam um mein Haus herum und stand neben mir wie ein
Geist. Es rieselte in einem Felsen, hörst du? Der Felsen altert.
Auf dem schlaflosen Meer schwang ein Funke hin und her, und weitab
antwortete ein anderer: zwei Schiffe, die miteinander sprachen.
In einer Nacht begann es zu wehen. Ich hielt den Atem, an. Über mir brauste
der große Raum. Von Getümmel und Kampf und einem herrlichen wilden Tod
sauste es da droben. Mein Herz pochte laut. Ich ging hinaus. Der Wind
schlug die Arme um mich und heulte mir in die Ohren, daß er mein Genosse
sei. Er umtoste mich und plötzlich entfachte er einen wunderbaren Gedanken
in meinem Kopfe. Ja! Wir wollten sehen, was an uns war, heute, jetzt! Und
ich ging hinab zum Meer, entschlossen es mit ihm aufzunehmen, sei es wie es
wolle. Der Wind heulte mir in die Ohren: ja, ja!
Das Meer war leuchtend schwarz und die wirbelnden Schaumkämme schneeweiß
mit glühenden Feuerchen im Innern. An den Felsen zersprang die Welle zu
Tausenden von Brillanten. Hinein! Ich wühlte in grünem Feuer und war selbst
wie ein glühender Geist, der sich im nächtigen Meere bewegte. Da drunten
leuchtete und flimmerte es wie ein schwarzer Wald voller Glühwürmchen.
Feuergarben schlugen bei jedem Schwimmstoß empor und meine Arme waren
bedeckt mit phosphoreszierenden Klümpchen. Ich warf mich der Woge entgegen
und wenn sie herankam, hob ich die Faust aus dem Wasser und schlug sie ins
Angesicht. Die Woge trug mich in die Höhe wie einen Span. Ich aber
verwandelte mich in eine wirbelnde Schiffsschraube und es ging dahin. Wenn
ich untertauchte, so wurde es still um mich, kam ich in die Höhe, so heulte
und tobte es in meine Ohren. Auf meinem Lid saß ein leuchtendes Körperchen
und ich fühlte das sanfte Licht durch das Lid hindurch.
Da war ich wieder. Ich stand und dampfte. Ich hatte mich dem Meere
angeboten, aber es hatte mich nicht gewollt. Meine Brust ging ruhig und
meine Arme zitterten nicht. Ich sah weit über das dunkle Meer hinaus.
Der Wind heulte und versprach mir Ehre und Reichtum und tausend schöne
Frauen.
Ich aber lachte. »Merci, behalte alles!« sagte ich. Ich brauchte nichts, so
stand es. In dieser Minute war ich ohne Wunsch.
Wie schwül es nun in meinem Hause war! Ich braute Grog und suchte meine
Lektüre hervor. Meine ganze Bibliothek, bestand aus einer Nummer des
New-York Herald, European Edition, die ich zufällig in der Tasche
mitgebracht hatte. Sie war vergilbt und roch nach Salz und stets kamen ein
paar Spinnen heraus. Ich konnte sie auswendig, jeden einzelnen Artikel und
selbst die Annoncen. Aber ich las sie immer wieder und geriet stets in eine
gehobene Stimmung, wenn ich sie auseinanderfaltete: das war die Welt, meine
Herrschaften, die Welt mit Haut und Borsten, einem Heiligenschein und roten
Mörderhänden.
Ja, haha, zu amüsant war das -- prost!
Auf Seite eins lag noch immer der Papst im Bett -- er hütete das Bett --
wegen eines leichten rheumatischen Leidens im rechten Knie, nicht im
linken, hol mich der Teufel! Ich wünsche seiner Heiligkeit rasche Genesung.
Auf derselben Seite rasselte ein betreßter Affengreis mit den Kinnladen und
die Affen ringsumher schlugen mit den Schwänzen vor Ergebenheit. Du wirst
alt Europa und beginnst zu stinken!
Es rüttelte an der Türe, es pochte, und ich wandte den Kopf. Herein!
Niemand antwortete. Eine feine Stimme, wie die einer kleinen frierenden
Seele, wimmerte oben an der Türe.
Da gefiel mir Bobby besser, der Nigger, den man im Staate Ohio hinrichtete.
O nein, zurück, Bobby braucht keinen geistlichen Zuspruch, er geht »zu
einem bestimmten Zweck in die Hölle«. Wenn es schon sein muß -- prost,
Bobby! -- Was sagst du übrigens dazu? Zwischen Deutschland und Italien
herrscht momentan große Kälte. He, dieses Genie, das Papierbrei wiederkaut
und ein von Druckerschwärze schwarzes Maul hat, legt die Hand auf das Herz
der Staaten und konstatiert große Kälte. Ich werde einen glühendheißen Grog
trinken, Sie papierenes Rindvieh, denn bei dieser großen Kälte zwischen
Deutschland und Italien klappern mir die Zähne.
Regen prasselte über mein Dach. Jemand pickte an das Guckfenster und ein
Gesicht sah herein und blinzelte mit zu. Aber ich kümmerte mich nicht
darum. Ich war es gewohnt, daß nachts Gesichter zu mir hereinsahen. Die
feine Stimme surrte jetzt am Boden, durch die Türritze. Da ließ Creach sein
Gebrüll in der Ferne hören. Nebel. Ich warf Tang aufs Feuer.
Dann stürzte ich mich in die Annoncen. Im Handumdrehen engagierte ich
dreiunddreißig chamber-maids, governesses nicht über zwanzig, zarte
Behandlung zugesichert, und hierauf verschwand ich blitzschnell unter der
Erde, um einen Küchenchef, 94 rue de Longchamps zu verpflichten. Ich raste
durch die Eingeweide von Paris, stieg ans Tageslicht empor, schwang mich
auf einen Autobus und segelte zwischen den Balkonen und Firmenschildern
dahin, und die Leute unten trieben im Strom. Hélas! Mein Küchenchef war
eben ausgegangen -- also wartete ich in einem Café, hier traf ich ein
hübsches Mädchen, Auto! Und es ging dahin über die glitzernden Asphaltseen
von Paris --