»Haha!« Ich lachte. »Was tut es?« Ich war ganz trunken von ihrer Nähe.
Durch das Mieder fühlte ich die Wärme ihres Körpers und ihre kleinen zarten
Rippen. Ihre Haare wehten mir ins Gesicht. Auf ihrer braunen Wange lag ein
Regentropfen und fing zu rieseln an. Gerade auf diesen rieselnden
Regentropfen küßte ich sie. Ihre Wange war kalt wie Eis.
»O, wie böse du bist!« rief Rosseherre aus, rot im Gesicht.
»Was soll ich tun, da du mir gefällst, Rosseherre?«
Sie lachte und kämpfte sich tapfer durch den Wind vorwärts.
»Du hast auch Jeanette geküßt.«
»Jeanette? Die schwarze Jeanette?«
»Ja, sie hat es erzählt. Und man sagt, daß du Martina besuchst und einmal
hat man dich nachts in Stiff gesehen, vor dem Hause der Witwe Bec --«
Da hatte ich es. Mein Leumund war nicht der beste.
»Hahaha, Rosseherre, Rosseherre, was die Leute doch alles zusammenlügen!
Sonst hat man nichts gesagt, wie?«
Die Nebelbank war dicht vor uns. Sie kroch auf gekräuselten Rädern von
Rauch über die Heide. Im Augenblick waren wir eingehüllt. Der Strick in
Rosseherres Hand wurde unsichtbar und die kleinen Hammel trippelten grau
und verwaschen hinter uns her. Rauch klebte in ihrer Wolle.
Plötzlich erschütterte ein furchtbarer Ton die Luft und wir erbebten. Es
klang, als ob ein haushoher eherner Stier brüllte. Sein Atem riß ein Loch
in den Raum, eine Röhre, durch die das Brüllen wie eine große grollende
Kugel hinaus übers Meer rollte, ferne, immer ferner. Dann erhob der eherne
Stier aufs neue sein Gebrüll und der Boden zitterte.
»Nun sieht uns niemand mehr, Rosseherre!« sagte ich und küßte ihre eisige
Wange, und ihre feuchten Haare kamen mir zwischen die Lippen.
Rosseherre sträubte sich nicht mehr. Aber sie lachte, als fände sie es
lächerlich, daß ich sie küßte.
»Wenn dir meine Ringe gefallen, Rosseherre,« sagte ich, »so sollst du sie
haben. Komme zu mir, dann bringe ich sie dir heraus, du brauchst nicht ins
Haus zu treten.«
»Weshalb aber willst du mir die Ringe schenken?« fragte Rosseherre.
»Weil du die Schönste der Insel bist!«
»Hahaha!«
»Wirst du kommen?«
Rosseherre sah mich an. »Weshalb soll ich denn nicht kommen?« sagte sie
verwundert. »Aber du darfst dich nicht mehr mit Jeanette abgeben, hörst du?
Ich hasse sie. Und Yann darf es nicht wissen!«
»Nie wird Yann etwas erfahren.«
»Nun, adieu!« Rosseherre lief. Doch nach ein paar Schritten blieb sie
wieder stehen. »Dis-donc!« rief sie durch den Nebel. »Kannst du mir zwei
Sou leihen?«