»Was sagst du?«
»Meine Hammel bringe ich nach Hause!«
Ich ging näher.
»Wie ist es dir ergangen seit Kedrils Hochzeit? Nichts Neues?« Wir gingen
Seite an Seite und kämpften uns gegen den Wind.
Rosseherre sah mich durch das Gitter ihrer wehenden gelben Haare an und
lachte. »Yann hat mich vor Zorn geschüttelt. Weil ich mit dir tanzte.«
»Yann? Er sagte doch selbst, daß du mit mir tanzen sollst?«
»Aber weil du _so_ mit mir getanzt hast.«
»So? Wie sollte ich denn sonst mit dir tanzen? Man tanzt immer _so_ mit
einem Mädchen.«
Das sah Rosseherre ein. »Yann ist immer bei schlechter Laune,« fuhr sie
plappernd fort. »Er will, daß wir heiraten. Aber Jean Louis gibt nicht die
Einwilligung dazu und ohne das geht es nicht. Ich bin noch zu jung, sagt
Großvater.«
»Dir eilt es wohl nicht so sehr?«
Rosseherre schüttelte den Kopf. »O, nein! Wenn ich ihn einmal geheiratet
habe, so wird er anfangen zu trinken und mich schlagen, das tun sie alle.«
»Nein. Yann hat ein gutes Herz.«
Rosseherre nickte. »Sein Herz ist gut, ja. Aber er ist ein Seemann,
trotzdem.«
Rosseherre erzählte tausend Kleinigkeiten, die ich alle mit Vergnügen
anhörte. Ihre hohe kindliche Stimme schwang auf und ab und der Wind
verwehte sie. Die ganze Rosseherre flatterte wie eine Fahne. Bei jedem
Schritt schlüpften ihre kleinen runden Fersen aus den Holzschuhen. Ihre
Augen waren zusammengezogen und scharf gegen den Wind gerichtet, wie die
Augen einer Möwe. Sie zuckte nicht einmal mit der Wimper, wenn ihr die
eiskalten Regentropfen ins Gesicht schlugen.
Wie die Erde so braun bist du, Rosseherre, deine Haare sind gelb wie die
Heideblumen und sonst bist du gemacht aus Wind und Regen und Salz!
Wir gingen auf und ab über die öde Heide. Da und dort lagen verwitterte
Steinblöcke und Haufen von aufgeschichtetem Tang. Nichts war zu hören als
das klägliche Blöken der frierenden Hammel, die hier und da angepflöckt
waren, und der schrille Schrei einer Möwe irgendwo. Eine hungrige schwarze
Kuh stand am Wege und muhte melancholisch, als wir vorbeikamen. Sie war
nicht größer als ein Kalb, eine Zwergin von einer Kuh. Keine der wenigen
Kühe auf der Insel war größer. Auch die Tiere taten hier nur, was unbedingt
nötig war; die Hühner legten winzige Taubeneier. Am Boden zitterten kleine
kurzstielige Blumen. Der Wind ließ sie nicht in die Höhe wachsen. Da sie
die Nordwinde fürchteten, so hatten sie sich nur an den südlichen Rändern
der Erdwälle angesiedelt. Hier lagen sie auf dem Gesicht und froren. So oft
wir aus einer Mulde herauskamen, sahen wir das düster rauchende Meer und
die schäumenden Klippen. Der Norden der Insel war in eine Nebelbank
eingehüllt, die langsam näherkroch.
Rosseherre wußte nichts mehr, und nun erzählte ich ihr alles, was mir da
drunten auf dem Meeresgrund passiert war. Ich flocht eine Menge
haarsträubender Abenteuer mit Haifischen und Polypen ein um ihrer Phantasie
entgegenzukommen.
Plötzlich blieb Rosseherre, stehen und sah mich erschrocken an. Ihre Augen
waren grün wie der Schaum im Meer. »Du hast Vater und Bruder gesehen?«
unterbrach sie mich.
»Ich träumte das ja nur, Rosseherre.«
Rosseherres Blick flackerte und sie wurde rot. »Sie sind beide ertrunken,«
sagte sie leise. Und sie deutete über die Heide und ihre Stirn zerknitterte
sich feindselig. »Da draußen!« Eine Weile erschien sie mir merkwürdig und
um vieles älter, dann aber schüttelte sie den Kopf und ging weiter. »Und
was sagten sie?«
»Rosseherre ist hier. Sonst nichts.«
Rosseherre lächelte.
»Sonst sagten sie nichts?«
»Nein.«
Und ich erzählte, daß sie alle im Kreise standen und heulten, und was ich
mit ihr tat. Da sah mich Rosseherre mit großen, verwunderten, lachenden
Augen an und brach in ein lautes, kindliches Gelächter aus.
»Solch ein Traum -- hahaha! -- wie kann ein Mensch nur so etwas träumen.«
»Ja, was sagst du dazu, Rosseherre?« rief ich aus und lachte ebenfalls und
legte den Arm um ihr Mieder. »Ist das nicht eine närrische Sache gewesen?«