6. Kapitel.

Nachwehen.

Es war am Morgen nach der Geistererscheinung; die meisten Zöglinge

waren mit Waschen und Ankleiden schon ganz fertig. Da hinkte eine

kleine Jammergestalt schmerzlich die Treppe hinab.

„O ~P.~ Middleton,“ sprach Percy und stand da wie ein Häuflein

Unglück; „ich bin sehr krank. Sehe ich nicht unwohl aus?“

„Dein Gesicht hat seine gewöhnliche Farbe, Percy; aber Du scheinst

etwas lahm zu sein. Wo fühlst Du denn Schmerzen?“

„O, überall, Pater.“

„Hat Dir der Spuk etwas zu leide gethan?“

„O, gar nichts, Pater! -- Hat denn der arme Junge wirklich einen Geist

spielen wollen? Ich glaubte, er wolle mich bloß zum Lachen bringen; es

sah so köstlich aus. Ich habe nicht die geringste Furcht empfunden.“

„Wo thut’s Dir denn besonders weh?“

„Meine Beine sind so steif, daß ich sie kaum bewegen kann, und mein

rechter Arm schmerzt mich schrecklich.“

„Ah, jetzt weiß ich, was Dir fehlt. Du hast wohl gestern viel gespielt,

nicht wahr!“

„Freilich, Pater, so viel wie noch nie in meinem ganzen Leben.“

„Davon kommt dein ganzes Unwohlsein, Percy; es vergeht von selbst

wieder, wenn Du Dich nur einen oder zwei Tage ruhig hältst. Heute

scheint es nun außergewöhnlich stark zu sein. Deshalb will ich Dir

dieses Mal erlauben, noch etwas zu schlafen. Geh’ nur wieder hinauf und

leg’ Dich zu Bett; Tom Playfair soll Dich wecken, wenn es Zeit ist.“

„Ich danke Ihnen sehr, Pater. Ich bin so müde, ich glaube, ich könnte

eine ganze Woche schlafen. -- Pater, ist das wirklich wahr, was alle

Zöglinge sagen, daß ich aussehe wie ein Mädchen?“

„In einigen Punkten ja,“ erwiderte der Pater, den die unerwartete,

seltsame Frage überrumpelt hatte.

„Das habe ich mir auch gedacht,“ sprach Percy, durch die Antwort

keineswegs betroffen. „Tom Playfair sagt es ebenfalls, und er ist doch

so gut gegen mich. Ist es denn wirklich etwas so Sonderbares, wie ein

Mädchen auszusehen?“

„Darüber hab’ ich noch nicht nachgedacht,“ antwortete der Pater

lächelnd. „Freilich, wenn einer nicht anders kann, so darf man es ihm

nicht übel nehmen.“

„Aber Sie scheinen es doch als weniger passend zu betrachten. Es kommt

mir auch vor, Pater, als gaffte man mich immer an, gerade wie einen,

der etwas sehr Auffallendes an sich hat. Muß ich vielleicht irgend

etwas ablegen? Ich weiß nicht, was es wohl sein könnte. -- Es ist mir

sehr peinlich, begafft zu werden; Ihnen nicht auch, Pater?“

„Wie könnte mir das angenehm sein, Percy?“

~P.~ Middleton merkte wohl, daß Percy hauptsächlich seines langen

Haares wegen solches Aufsehen erregte; schon wollte er ihm raten, sich

dieses weniger männlichen Schmuckes zu entledigen.

„Allein,“ dachte er, „vielleicht sind gerade diese goldenen Haare

Gegenstand besonderer Freude und Sorgfalt für Mutter und Schwestern

gewesen, und es dürfte dem guten Kinde jetzt noch recht schwer fallen,

sie zu opfern. Später kommt wohl eine schicklichere Gelegenheit.“

So gab er denn zur Antwort:

„Das beste, was ich Dir sagen kann, Percy, ist, daß Du gut spielen

lernst; dadurch bekommt Deine Gestalt von selbst ein kräftigeres,

männlicheres Aussehen und die Zöglinge werden schon aufhören, Dich so

anzuschauen. Jetzt leg’ Dich zu Ruhe; später können wir ja noch einmal

darüber sprechen.“

„Ich danke Ihnen sehr, Pater,“ entgegnete Percy erfreut. Aber zu seinem

gewöhnlichen eleganten Knicks wollten sich die gelähmten Glieder nicht

verstehen; nach einem vergeblichen Versuche stieg er unter manchem

Schmerzensseufzer wieder die Treppe hinauf.

Als Tom ihn weckte, fühlte er sich bedeutend wohler, doch war die

Steifheit noch geblieben, so daß er gar nicht daran denken konnte,

heute wieder zu spielen.

„Du liest ja so gern, Percy,“ sprach deshalb Tom zu ihm nach dem

Frühstück. „Nimm Dir also ein Buch und setz’ Dich ruhig dort hinten auf

die Bank; ich komme von Zeit zu Zeit und spreche etwas mit Dir, damit

es Dir nicht zu langweilig wird.“

„O Tom, bitte, leg’ Dir meinetwegen keine Unannehmlichkeit auf. Wenn

ich ein interessantes Buch habe, bin ich ganz selig. Und jetzt habe

ich gerade ein sehr interessantes: ‚Dion und die Sibyllen‘. Mama sagt,

es gehöre zu den besten katholischen Romanen, die in unserer Sprache

geschrieben sind.“

„Schön, Percy. Also lies! Ich wollte, ich könnte es so wie Du. Aber

ich finde die meisten Bücher langweilig. Ich habe fast noch gar nichts

gelesen, als ein paar Erzählungen.“

Tom fühlte sehr wohl, daß der mädchenhafte Percy an eigentlicher,

nämlich geistiger Reife hoch über ihm stand, und mit einem Seufzer

entfernte er sich, um ein Handballspiel mit Quip, das er unterbrochen

hatte, fortzusetzen.

Percy aber setzte sich seelenvergnügt auf die Bank und war bald tief in

seine Lesung versenkt. Doch sollte er nicht lange ungestört bleiben.

Martin Prescott, der mit Kenny die Geistererscheinung geplant und

ausgeführt hatte, konnte sich Percys Charakter noch immer nicht

reimen. Er hatte gesehen, wie Percy bei unverschämten Fragen errötete,

wie er sich nicht entschließen konnte, über Tom zu springen, wie

er in Aufregung geriet, als er Donnel getroffen; er mußte also der

vollendetste Feigling sein. Und doch hatte er in der Nacht beim Anblick

des Gespenstes nicht die mindeste Furcht gezeigt. Das war Prescott

unerklärlich.

„Ah,“ sagte er endlich zu sich selbst, „er hat sicher von unserm

Vorhaben Kunde gehabt. Da hinten sitzt er gerade, ganz allein. Ich will

ihm doch gleich einmal auf den Zahn fühlen!“

„Guten Morgen, Wynn,“ begann er und suchte freundlich zu lächeln. „Das

ist wohl ein schönes Buch, das Du da liest.“ Mit diesen Worten setzte

er sich neben den rätselhaften Knaben.

Percy schloß das Buch.

„O, ja, ein sehr schönes, ‚Dion und die Sibyllen‘. Kennst Du es schon?“

„Nein.“ -- „Welch alberne Frage!“ war Prescotts erster Gedanke.

„O, Du solltest es lesen. Es ist entzückend. Einige Scenen sind so

lebendig dargestellt, daß man glaubt, man wäre selbst dabei, und sähe

alles mit eigenen Augen. Hast Du schöne Schilderungen nicht auch gern?“

„Jaah -- jah! -- Aber, Wynn, ich höre, Dir ist diese Nacht ein Gespenst

erschienen; ist das wahr?“

Percy lachte wieder voll Heiterkeit.

„O nein, es war nur ein Zögling, der einen Spaß machen wollte. Ich

habe auch herzlich darüber gelacht. Es thäte mir leid, wenn ihm etwas

Schlimmes dafür geschähe. Er hat es sicher nicht böse gemeint.“

„Er hat Dich in Angst setzen wollen,“ erklärte Prescott, der noch immer

nicht begriff, wie Percy die Sache so harmlos auffassen könne.

„O, ganz sicher nicht! Es wäre ja gewissenlos, jemanden zu erschrecken.

Es ist schon vorgekommen, daß Leute auf diese Weise vor Angst schwer

krank geworden oder gar plötzlich gestorben sind. Ich kann nicht

glauben, daß Kenny einer solchen Bosheit fähig ist; er hat ein so

gutmütiges Gesicht. Und dann sagt Tom Playfair auch, Knaben seien

gerade so gut wie Mädchen. Mädchen würden das aber nie thun, das

weiß ich von meinen Schwestern. Die waren immer so gut und liebevoll

gegen mich, obgleich sie mir hie und da auch einen Streich spielten.

Am liebsten that das Maria. Einmal sagte sie mir, ich solle auf mein

Zimmer gehen und meine neuen Schuhe anprobieren. Ich antwortete, ich

hätte ja keine bekommen. Aber sie drängte mich, bis ich endlich ging.

Da lag auf meinem Tische ein großes Blatt Papier, worauf geschrieben

stand:

Schuhe suchst Du für die Füße,

Und bist reich verseh’n;

Doch probier, wie diese Schuhe

Deinen Händen steh’n;

Steck’ im Winter Deine Fingerchen,

Wenn’s Dich friert, in diese Dingerchen.

Als ich dann das Blatt aufhob, sah ich ein Paar schöne

Winterhandschuhe, die Maria mir gekauft hatte. War das nicht fein?“

Aber so unschuldige Scherze konnten auf einen Prescott keinen Reiz mehr

ausüben. „Ein solches Schaf habe ich mein Lebtag nicht gesehen,“ dachte

er bei sich.

„Warst Du denn diese Nacht gar nicht bange, Wynn?“

„Gar nicht! Warum hätte ich mich auch fürchten sollen?“

„Hast Du denn keine Angst vor Gespenstern?“

„Nein, wahrhaftig nicht!“ erwiderte Percy mit herzlicher Überzeugung.

„Ich denke gar nicht an Gespenster. Wenn ich im Bette bin, denk’ ich

immer an Engel.“

„So?“

„Ja, und das ist auch viel vernünftiger. Wir haben alle einen

Schutzengel, das ist sicher; ob es aber irgendwo Gespenster giebt,

wer kann das wissen? Meine Mutter hat mich immer ermahnt, nach dem

Abendgebet nur an Gott und an meinen Schutzengel zu denken, aber nie an

schauerliche Sachen. Ist das nicht ein guter Rat?“

„J--ja,“ war die unsichere Antwort; Prescott merkte, daß ihn Percys

fromme Beredsamkeit ganz aus seinem Fahrwasser brachte.

„O wie gern möchte ich einmal meinen Schutzengel sehen! Er sieht mich

immer und hat mir schon so viel Gutes gethan! Deshalb möchte ich ihn

gar zu gerne auch einmal anschauen dürfen. Nur eines würde mich in

Furcht setzen, wenn er mir erschiene.“

„Was?“ fragte Prescott trocken.

„Die Sünde, die schwere Sünde. Wenn ich eine Todsünde auf dem Gewissen

hätte, würde ich mich fürchten, ihn sichtbar zu erblicken. -- Die Engel

müssen wunderschön sein. Meinst Du nicht auch?“

„Ich denke,“ erwiderte Prescott zögernd.

„O, ich bin überzeugt davon!“ rief Percy voll Begeisterung. „Eines der

schönsten Bücher, die ich kenne, ist das von Faber: ‚Erzählungen über

die Engel‘. Kennst Du es?“

„Nein.“

„O, das mußt Du lesen! Ich habe es mitgebracht und will es Dir gern

leihen. Die Geschichten sind alle so wunderlieblich. Willst Du es

haben? Eine solche Lektüre ist viel besser als Gespenstergeschichten.

Ich glaube, das Buch wird Dir sehr gefallen.“

„So?“ sprach Prescott, stand auf und ging davon, ohne Percys

freundliches Anerbieten auch nur einer Antwort zu würdigen. Welch ein

Einfall, von Engeln zu sprechen! Jetzt betrachtete er Percy erst recht

als einen beschränkten, ja einfältigen Jungen.

Allein da Prescotts Seele nicht minder wie jede andere von Natur

christlich ist, so bleibt die Hoffnung, daß die gute Saat später noch

aufkeimen und Früchte bringen wird.

[Illustration]

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Percy Wynn · 第 42 / 77 题