So, das wollt ich Dir noch sagen. Nun sing Dein Sangl!«

Dem Harfenweibl ist ein Körnlein ins Auge geflogen. Es nimmt sein

Sacktüchl und macht sich die Augen wieder blank. Ein silbernes Küglein

rollt ihr unter dem Sacktuch hervor in den Schoß. Das hat es nicht

fangen können und das hat es verraten.

»Brauchst Dich nit zu schämen, Harfenweibl. Dem Seppl ist fei selber

ein Wasser in die blinden Augen gegangen!«

Aber der Landfahrer greift schon wieder die Saiten. Jetzt hebt er zu

singen an. »Ein bißl staubig ist die Stimme. Das kommt vom langen

Fahren im Niederland,« meint der Zachenhesselhans. Und der Landfahrer

singt:

Dort, wo die Grenz von Sachsen ist, im Wald die Schwarzbeer blüht,

Dort, wo man heut noch Klöppeln tut, im Winter hutzen gieht,

Da steht nit weit vom Wald davon, sieht klein und ärmlich aus,

Ein Hüttlein, nur aus Holz gebaut, das ist mein Vaterhaus.

Weil der Landfahrer immerfort seine Griffe greift, denkt der

Zachenhesselhans auf die andere Strophe des Heimatlieds. Das hat er den

Seppl gelehrt; gestern abend haben sie's mitsammen schon probiert, wie

die rote Sonne so durch die Fichtenwipfel herniedergegangen und der

Wald gar so viel feierlich gewesen ist.

Und nun -- alle vier heben sie an zu singen; ganz oben darüber, ›auf

den Zehen‹, sagt der Zachenhesselhans, geht das dünne Stimmlein vom

Harfenweibl:

Da draußen in der fremden Welt, da find' ich halt kei Ruh,

Die Häuser sind dort ganz aus Stein und die Menschn ach a su.

Ein jeder singt ein andres Lied, doch immer klingt's heraus,

Es mahnt und ruft: vergiß fei nit am Wald dei Vaterhaus.

»Kennst's fei auch schon, das Sangl, Hans-Tonl?« fragt der Seppl, wie

er die Gitarr auf den Schoß und die flache Hand auf die Saiten gelegt

hat, weil die gar nicht ausklingen können nach den Tagen beschaulicher

Ruhe im Waldwinkel. Schier ein Staub hat sich auf dem Griffbrett

breitgemacht, als gehör' die Gitarr fortan ihm und gar nimmer dem

Schmied-Seff-Pepp.

»Was fragst?« wendet sich der Zachenhesselhans an den Singspieler,

»ob's der Tonl auch könnt? Mannl, wie der das fei schon gewußt hat,

ist an Dich justament noch nicht zu denken gewesen im Waldland. Der

Hans-Tonl, das ist nämlich, was man draußen in dem Land, in dem Du fei

ein Leben lang auf das Glück vergeblich gepaßt hast, einen _Dichter_

nennt. Einen ›Dichter‹ -- so fein geben wir's freilich im Waldland nit.

Wir sagen: das Versl, das wir justament gesungen haben miteinander, das

hat sich der Hans-Tonl ausdenkt. Da is fei nix dabei, als das: so klug,

wie Du erst in Deinem sechzigsten Jahr hast über Dein Heimatland denken

lernen, so klug ist der Hans-Tonl schon mit seinem vierundzwanzigsten.«

»So ist der Hans-Tonl ein Dichter,« sagt der Seppl.

»Und fei, was man einen Kom--po--nisten nennt, das ist der Hans-Tonl

auch noch dazu. Mannl, nu sag aber: Du bist doch ein Leben lang unter

gescheiten Leuten gewesen -- hast dort nicht derlei Dinge auch lernen

können?«

Schmied-Seff-Pepp, der Zachenhesselhans zwickt Dich wieder!

»Da muß einer fei stille sein,« sagt der Seppl.

»_Muß?_« fragt der Mann vom Zechenhaus, »_müssen_ tut er nit -- aber

wissen muß er fei was Gescheites, sonst: besser is's, er halt's Maul. --

Die Melodie, was man hierzuland sagt ›die Weis‹, die hat der Hans-Tonl

mit dem Reimlein auf dieselbige Stund zur Welt gebracht.

Seppl, draußen im Land, da is ein Dichter ein toter Mann, den sie zum

Zeichen, daß er ganz tot is, als Bildsäul' aufstellen. Aber, Seppl,

und das ist wieder ein Unterschied zwischen dem Draußen und dem

Waldland: im Waldland is ein Dichter ein Lebendiger, der fei immer

gleich die Melodie zu seinen Liedln gibt, daß ma 's auch singen kann.

Aus demselbigen Grund setzt man den Hans-Tonl auch nicht als Bildsäul'

an die Landstraßen, wie einen maustoten Heiligen etwan, zu dem kein

Mensch aufschaut, sondern dem Hans-Tonl seine Lieder, die er auf den

Feierabend sich ausdenkt, die kennen wir alle, die singen wir alle,

die machen uns alle froh. Und die Gebirgsfahrer, was die Tou--ris--ten

sind, die singen mit auf dem ›Neuen Haus‹, so viel ihrer hinkommen.

Der Hans-Tonl, Mannl, hat für derlei Leut, die von ihren eigenen

Dichtern, von den gelehrten, gar nicht wissen, daß sie da sind, der hat

für die seine Lieder und die Noten dazu auf Postkarten drucken lassen.

Da haben wir »Die Ofenbank,« »Der Vogelbeerbaum,« »Das Vaterhaus« --

dasselbig, das wir vorhin mitsammen haben gesungen. Und andere auch

noch. Soviel hat der Hans-Tonl fei schon losgelassen, daß einer lang

zählen muß, voreh sie all zusammenwären.

Und manchmal, da ist der Hans-Tonl mitten unter den Stadtleuten

gestanden, die auf dem ›Neuen Haus‹ beim Bier gesessen haben, und die

alle seine Lieder singen helfen, wenn's Weibl die Harfe rupft, und

wissen nicht, daß der, der's gemacht hat, fei so nah dabei ist. Einmal,

da hab ich die Pfeif aus dem Mund getan und die Mütz herunter und hab

mich mitten in die Stube gestellt: »Meine Damen und Herrn«, hab ich

gesagt, »und das Bürschl, das die Sangln zurechtgemacht hat und sich

ausdenket, das is hier.«

Da sollst schauen, Mannl -- ganz still sind sie worden und haben die

Mäuler aufgetan. Wie sie fei noch lauscheten, hat so ein klein's Dirnl

hinterm Tisch anfangen zu reden: »Nicht wahr, Mama, der alte Mann lügt,

das dort ist kein Dichter, ein Dichter hat doch einen Lorbeerkranz.«

Da hab ich gesagt, »Madame«, hab ich gesagt, »dem Kindl sagen Sie

gefällig: Lügen tun's bei uns heroben überhaupt nicht. Wenns anderswo

nicht ohne das auskommen: wir brauchen's fei nit. Und wenn Sie's nicht

glauben wollen, für den Fall sehn Sie gefällig auf das Kärtl, von dem

Sie da abgesungen haben. Da steht: ›Melodie, Text und Zeichnung von

A. Günther‹; denn auch das Bild hat er gemacht, das soll die Unruh

vorstellen. ›A. Günther‹ schreibt sich der Mann aber bloß, heißen tut

er: der Taler Hans-Tonl.« Das hab ich gesagt. Dann bin ich meiner Weg.

Hans-Tonl, das muß ich Dir fei schon heut sagen: wir nehmen Deine Sach

so hin, wie das täglich Brot. Ich hab aber darüber so meine Gedanken,

wie überhaupt über manches daheroben. Wenn die Zeit kommt und die

langen Nächte sind, und wenn wir im Schnee sitzen im Wald bis ans

Moosdächl, hernach, Hans-Tonl, da reden wir noch einmal darüber. Und

das Harfenweibl und der Landfahrer dürfen auch dabei sein.«

»Hm, hm,« macht der Hans-Tonl, »leicht, Zachenhesselhans, kommen wir

gar nicht zusammen.«

»Waas?«

»Fei seit der Hachtl nicht mehr hat leben wolln, seit derselbigen Zeit

ist das anders. Wohnen zwei einsame Leut im Sonnenwirbelhaus seitdem.

Der Mann hüben, das Weibl drüben. So hören sie, wie die Zeit immer ein

Bein vor das andere setzt. Im Uhrkasten, da kann man's hören: Links,

rechts, links, rechts. Und so läuft die Zeit, Zachenhesselhans. Weiß

einer, wohin?«

»Seht's, Leutln,« unterbricht der Waldmann den Hans-Tonl, »auf

dieselbig Art find't der Hans-Tonl seine Liedlein -- er hat immer so

Gedanken. -- Was, nicht beim Zechenhäusl willst hausen, Tonl?«

»Wollen möcht' ich wohl, aber der Wurzltonl meint, und das Wawrl ist

auch der Ansicht: warum sollen wir zwei uns ein Häusl bauen im Wald,

wenn auf dem Sonnenwirbel ein Platz leer ist?«

»Bist doch halt auch einmal ein Tschapperl, Hans-Tonl: zweimal zwei ist

vier, gelt?«

»Nu, und?« fragt der Hans-Tonl.

»Der Wurzltonl und dem Hachtl sei Gabi sind einmal zwei und sind auf

der einen, das Harfenweibl und der Landfahrer sind die zweiten zwei und

sind auf der andern Seite. Da ist das Sonnenwirbelhaus voll. Und das

Wawrl und der Tonl und ...«

Weil das Harfenweibl sein blaues Sacktüchl fei nicht schnell genug

finden kann und nun so herzhaft hineinlacht und weil auch über die

Stirne vom Landfahrer wieder ein Sonnenschein läuft -- diesmal ist der

Zachenhesselhans die Sonne, die den Schein wirft -- hören sie nicht,

was der Zachenhesselhans noch gemeint hat.

»Ich sag's ja immer,« kichert das Harfenweibl, »der Zachenhesselhans,

das is einer! Mit dem hat der Herrgott voreh was anderes vorgehabt, eh'

er ein Waldmannl draus gemacht hat.«

»Wird aber danach drauf vergessen haben, der Herrgott,« sagt der

Zachenhesselhans. »Das heißt, gesagt will ich nichts haben: er hat's

fei redlich gut mit mir gemacht, und der Tag soll erst noch kommen,

an dem ich nicht zufrieden gewesen bin mit dem Herrgott. Ich wollt',

Leutln, der Herrgott tät das auch sagen von mir.«

»Zachenhesselhans, ein _Weg_ wär das! Wie denkt denn der Seff-Pepp

darüber?«

»So müssen wir das Harfenweibl fei auch mitreden lassen.«

»Machts keine Umständ, Leutln!« ruft der Zachenhesselhans. »Jetzt:

Seppl, -- gehst singen aufs ›Neue Haus‹ und die Gitarr spielen oder

nit?«

»Ich geh.«

»So wirst fei nit jede Mitternacht, wenn sie droben Feierabend machen,

die Steile über die Unruh in den Bergwald hereinsteigen können, weil

Dir ein Stalllämpl fei doch nit den Weg zeigen könnt. Nun, und das

Harfenweibl?«

»Mei Herrgott,« sagt das, »was soll denn einer dazu sagen so schnell?«

»Na, so paßts auf: es sind zwei Männerleut und zwei Weiberleut und

sind zwei Kammern. So führt das Harfenweibl den Landfahrer bis vor die

Tür vom Wurzltonl und schläft in einem Stübl mit der Gabi. Und der

Musikmann versingt dem Wurzltonl hin und her seine Einsamkeit, wenn das

Wawrl mit dem Hans-Tonl in den Bergwald gezogen ist.«

»Und der Hans-Tonl baut sich sein Nest in die Fichten.«

»So schlag ein, Hans-Tonl!«

Da reichte der Junge dem Alten die Hand.

»Ich sag's ja: fei nur drei Leut sind anders im Waldland. Nicht vom

alten Schlag. Das wär falsch. Leicht vom _ganz_ alten -- weiß man

nicht. Sicher aber: vom _ganz neuen_ -- wenn fei auch ein Alter

dabei ist. Und die drei heißen: der Hans-Tonl, das Fanele und der

Zachenhesselhans.

Warum justament die drei?

Am Sonnenwirbel: Eine Dorfgeschichte · 第 34 / 57 题