MIT 72 ABBILDUNGEN

[Illustration]

VERLAG VON

KARL W. HIERSEMANN

LEIPZIG 1900

Vorwort.

Diese Studie ist der philosophischen Fakultät der Universität

Heidelberg als Inaugural-Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde

eingereicht worden; ich lege sie hiermit, wesentlich erweitert und

berichtigt, der Oeffentlichkeit vor.

Die bildlichen Darstellungsformen des Menschen bis zur Renaissance

sind ihr wesentlicher Inhalt. Ursprünglich war es meine Absicht

gewesen, mich bei der Durchforschung dieses ausgedehnten Gebietes auf

die eigentliche Porträtkunst zu beschränken, aber im Laufe meiner

Untersuchungen habe ich erkannt, wie das Werden des ~Teiles~ — denn

Porträt ist eine engere Begrenzung des Bildnisbegriffes — nur im

Entwickelungsgange des ~Ganzen~ verstanden werden kann, und ich habe

deshalb meine Arbeit auf das Bildnis im weitesten Sinne des Wortes

ausgedehnt.

Den Darstellungen der menschlichen Erscheinung bin ich bis zu ihren

typischen Anfängen in der Karolingerzeit nachgegangen, denn wenn auch

die Kunst, gleichwie die Kultur dieser Epoche auf römischer Grundlage

beruht, so ist doch das Neue in ihren Werken germanischen Geistes,

und sein gesetzmässiges Wachstum in Deutschland, nicht in Frankreich

zu finden. Von seiner fernen Geburtsstätte aus habe ich das Bildnis

durch die wichtigsten Denkmäler der Buchmalerei bis zur allgemeinen

Verbreitung der Formenschneidekunst verfolgt, das ist etwa bis zur

zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, wo der Bilddruck die Feder- und

Pinselzeichnung zu verdrängen beginnt. Gleichzeitig habe ich das

Auftreten der Menschen und die Belebung seiner Erscheinungsform in

der monumentalen Wanddekoration beobachtet und schliesslich seine

Verkörperung durch die Bildhauerkunst und seine Darstellung auf

Schaumünze, im Holzschnitt und Kupferstich, wenn auch nur flüchtig, in

das Blickfeld meiner Betrachtungen gezogen.

Bei der Schilderung des Menschenbildnisses auf der Malertafel brauchte

ich bei den Inkunabeln nicht zu verweilen, denn ihre kindlichen

Ausdrucksformen sind denen der Buch- und Wandmalerei nahe verwandt, ich

habe vielmehr sogleich die in reicher Fülle auf uns gekommenen Werke

von der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts an bis mit dem 15. zum

Gegenstand meiner Untersuchungen gemacht.

In dieser eigenartigen Periode deutschen Kunstschaffens, in welcher

neben einem langsamen Absterben alter Ideale und Formen die Keime neuer

Bildungen sich zu regen beginnen und an deren stürmisch bewegtem Ende

der grösste Genius auf dem gesamten Gebiete der bildenden Kunst in

Deutschland sich erhebt, erscheinen zum ersten Male, von vereinzelten

Vorläufern abgesehen, die eigentlichen Porträts und zwar ~in Gestalt

heiliger oder profaner Personen im Rahmen des Altarbildes, als Stifter

und als unabhängige Einzelbildnisse~. Die Aufzählung und Beschreibung

dieser drei Porträtgattungen, in denen die Bildniswelt des deutschen

Quattrocento enthalten ist, beansprucht den grössten Raum in meiner

Arbeit.

Die Gliederung des Stoffes habe ich in der Weise vorgenommen, dass im

ersten Teile das Menschenbildnis in allen Kunstgebieten mit Ausnahme

dem der Tafelmalerei kurz zusammengefasst und unabhängig von seiner

Verteilung auf die verschiedenen deutschen Stammesgruppen besprochen

wird, während im zweiten sein Werden und Wandeln auf der Malertafel

eine eingehendere und nach Schulen gesonderte Betrachtung erfährt.

Es stellt sich somit der erste Teil gleichsam als ein Querschnitt

durch die deutsche mittelaltrige Bildniskunst dar, jedoch ohne

Berücksichtigung der Tafelmalerei, welche im zweiten Teile in einer

Gruppe von Querschnitten durch die Malerschulen des 15. bezw. des 14.

Jahrhunderts vorgeführt wird.

Ein dritter und letzter Teil versucht den Porträtinhalt der

deutschen Bildnismalerei vor der Renaissance zu einem Gesamtbild zu

vereinigen und behandelt eine Reihe sich hieran knüpfender kunst- und

kulturgeschichtlicher Betrachtungen und Fragen. —

Eine Geschichte des deutschen Bildnisses ist noch nicht geschrieben.

Gleichwohl darf ich nicht den Anspruch erheben, diesen Teilversuch

ohne fremde Leitbilder unternommen zu haben. Vor allem ist es Jacob

Burckhardts Arbeit über das Porträt in der italienischen Malerei, die

mir als allgemeiner Wegweiser gedient hat. Was ich an wohlverarbeitetem

Material den Forschungen Janitscheks, Lamprechts, Lichtwarks, Thodes

Vischers, Woermanns und vieler Anderer entnommen habe, wird man aus

den einzelnen Abschnitten ersehen. Die überwiegende Mehrzahl der

besprochenen Kunstwerke ist mir selbstverständlich durch eigene und

zumeist wiederholte Anschauung bekannt.

Abbildungen vermag ich dem gedruckten Worte nur in einer

verhältnismässig geringen Anzahl zur Seite zu stellen, leider, denn »um

von Kunstwerken eigentlich und mit wahrem Nutzen für sich und andere

zu sprechen, sollte es freilich nur in Gegenwart derselben geschehen«.

(Goethe.) So muss ich mich in der Hauptsache auf das Gedächtnis des

Lesers und seine Bildersammlung verlassen.

Um mich in der Arbeit selbst so wenig wie möglich zu wiederholen,

gebe ich hier die Erläuterung einiger im Text mehrfach gebrauchter

sprachlichen Bezeichnungen:

Unter dem Namen ~Mittelalter~ umfasse ich den gesamten Zeitraum

zwischen klassischem Altertum und der Wende des 15. Jahrhunderts.

Die Wörter ~Bildnis~ und ~bildnisartig~ verwende ich in

ihrem weiten, landläufigen Sinne, ~typisch~, ~individuell~,

~individuell-charakteristisch~, ~porträtartig~ und ~Porträt~ dagegen

für die plastische, zeichnerische oder malerische Darstellung eines

menschlichen Kopfes, um mit ihnen das Folgende auszudrücken:

Das Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer · 第 4 / 67 题