Die Großmutter.«

Also die geheimnisvolle Schwester sollte nun kommen!

Und sie würden nun zu »drei« sein!

Diese einfachen Schlüsse erschienen den Ratsmädchen über alles Maß

außerordentlich.

Röse schrieb einen langen Brief darüber an ihren Bräutigam Ottokar

Thon, der seit geraumer Zeit in Eisenach mit dem Großherzog war und

auch noch bleiben mußte, zu Herrn Rat Kirstens ganz besonderer Freude.

Liebesgeschichten im eigenen Hause waren ihm unbequem. Sein Hauswesen

sollte wie am Schnürchen gehen.

Der neuen Tochter sah das ganze Haus Kirsten mit Bangen entgegen.

Die Brüder wollten am wenigsten von ihr wissen. »Ich mein',« sagte der

älteste, »wir hätten Weibsleute genug. Röse und Marie zählen doppelt.«

Die Mutter verwies ihnen streng solche Reden. Aber auch sie sah dem

fremden Mädchen bänglich entgegen. Würde es ihr bei ihnen gefallen?

Würde sie mit ihren Kindern Freundschaft schließen? Sie wollte ihr eine

gute Mutter sein, aber würde das ernste Mädchen zu ihr Vertrauen haben?

Auch die katholische Religion machte sie besorgt. Es war alles gar zu

fremd.

Herr Rat Kirsten war der einzige, der es für gut fand, keinerlei

Aeußerung zu thun. Das war seine Art so. »Also du machst ja wohl

alles und richtest es ein.« Das war das einzige, was er über diese

Angelegenheit zu seiner Frau sagte.

Frau Rat Kirsten und die Ratsmädchen aber reinigten das ganze Haus, vom

Keller bis zum Boden, und richteten miteinander das Bett der neuen

Schwester in der großen Dachstube, in der die Ratsmädel schliefen.

»Seid recht gut und freundlich mit ihr,« ermahnte die Mutter. »Sie muß

bei euch schlafen, denn ihr müßt wissen, daß sie Schweres durchgemacht

hat, und die traurigen Gedanken kommen über Nacht.«

Die Ratsmädel versprachen alles, was die Mutter von ihnen verlangte,

und waren des besten Willens voll.

* * * * *

So kam der Tag heran, an dem sie die Schwester erwarten konnten. Ist

sie groß oder klein, braun oder blond? Das waren die Fragen, die sie

nicht beantworten konnten, denn die Großmutter hatte nie von Barbaras

Aussehen ein Wörtchen geschrieben.

Aber beide waren der Meinung, daß sie groß sein müsse.

Der Vater war allein auf die Post gegangen, um sein Mädchen zu erwarten.

Er wollte es so.

Sie hatten im Familienzimmer einen feierlichen Kaffeetisch gedeckt, und

ein Riesennapfkuchen stand mitten unter den Tassen, wie ein Berg.

Die Brüder waren da, die Mutter und die Mädchen.

Röse und Marie wollten zum Fenster hinausschauen, aber die Mutter

verbot es ihnen.

»Das mag er nicht, das wißt ihr ja!«

Es war Oktober, ein sonniger Oktober mit bunten Bäumen, die sich ihrer

Farben, ungestört von Regen und Nebel, freuen konnten.

In Weimar gehört so ein trockener, sonniger Oktober zur Seltenheit;

gewöhnlich faulen die Blätter an den Bäumen, ehe sie abfallen. Dies

Jahr aber war auch ein vortrefflicher Zwetschgenherbst. Die Zweige

bogen sich unter der blauen Last, und bei Rat Kirstens auf der Hausflur

standen heuer acht große Tragkörbe voll der reifsten Zwetschgen

aufmarschiert zum großen Zwetschgenmuskochen, à Mann ein Korb; auch

die neue Schwester war schon im Besitz ihres Korbes, und die Magd und

Herr und Frau Rat, und jedes der vier Ratskinder.

Uebermorgen sollte großes Zwetschgenspellen sein, und tags darauf das

Rühren und Kochen im Waschkessel, von früh morgens bis spät in die

Nacht. -- Ein Hauptfest, an dem geschwelgt und geschleckt wurde.

In ihrem Erwartungseifer aber hatten sie die Schritte auf der Treppe

überhört.

Da öffnete sich die Thür, und der Vater trat ein. »Ich bring' sie

euch,« sagte er mit einem merkwürdigen Ausdruck im Gesicht.

Da stand die Schwester auf der Schwelle: klein, zierlich, aber reizend,

-- flachsblond. Sie steckte in einem schwarzen, engen Kleid und trug

einen großen, schwarzen Holländerhut.

Röse und Marie waren ganz aus dem Gleichgewicht gekommen. -- »So ein

Geschöpfchen! So ein Püppchen!« dachten sie.

Jetzt lag das zarte Mädchen schon in Frau Rats Armen, und jetzt gab sie

den Schwestern die Hand und bot ihnen den feinen Mund zum Kuß.

Röse hielt das fremde und doch so nahverwandte Händchen nachdenklich

zaghaft in der ihren. »Was für Knöchelchen!« dachte sie. »Wie ein

Rebhuhn.«

Sie banden ihr den Hut ab; drunter war feines Härchen, zierlich

aufgesteckt.

»Mein Himmel, seid ihr Riesen dagegen!« rief die Mutter; und die beiden

waren doch gar nicht übermäßig groß. Sie schaute lächelnd auf ihre

Mädchen, die ziemlich verblüfft, aber voller Teilnahme jetzt neben

der neuen Schwester standen. Sie sahen wie die Kraft selber aus, die

Schelme, die sich auch jetzt, wie immer, zu einander neigten, weil sie

gewohnt waren, sich alle Augenblicke etwas Wichtiges mitzuteilen.

Diese zwei Schelme mit den rosigen Gesichtern, den sternklaren, dunkel

bewimperten Augen, mit den um Stirn und Nacken ganz fein geringelten

Härchen, die das Haar selbst weich in die Haut vermittelten; mit

den runden Wänglein, den kecken, aber feinen Näschen, den unruhigen

Schwatzmäulchen und den anmutigen Gestalten; mit den festgefügten, aber

feingebauten Beinchen, die unter den kindlichen Röcken so deutlich

daherschritten.

Jetzt standen beide Mädchen ganz gerührt da.

Sie machten sich mit der älteren Schwester wieder zu thun, rückten ihr

den Stuhl, und Marie führte sie an den Tisch. Die Schwester bat, ob sie

sich erst die Hände waschen dürfe. Marie ging sogleich zur Mutter und

fragte dringlich nach einem Stück Mandelseife.

Und die Mutter gab es ihr aus der Kommode.

»Der können wir doch nicht von unsrer Schmierseife geben!« sagte Marie

leise.

Und mit einem Stück Mandelseife und der neuen Schwester wanderten sie

beide hinauf in die Dachstube.

Dann ging's an das feierliche Kaffeetrinken.

Die Schwester aß wie ein Vögelchen, und Röse und Marie nötigten sie

gewaltig. Sie saß zwischen beiden. Der Vater hielt auch mit.

»Siehst du,« sagte er zu seiner ältesten Tochter, »mit diesen beiden

großen Bernhardinerhunden,« damit deutete er auf Marie und Röse, »mußt

du nun auskommen.«

Da lächelte das fremde Mädchen zum erstenmal.

Und der Vater hatte recht!

Wie sie so dasaßen, vorgebeugt mit ihren blonden Mähnen und den guten

Gesichtern, die Schwester nicht aus den Augen lassend, ließ sich gar

nichts Treffenderes von ihnen sagen.

»Sag mal,« fragte der Vater, um nur etwas zu sagen, »von eurer Wohnung

aus konnte man die Alpen doch wohl nicht sehen?«

»Nein, aber aus unsern Speicherfenstern sehr gut.«

»Die Alpen?« erkundigten sich Röse und Marie zu gleicher Zeit. »Wie

sehen die denn aus?«

Waberl zögerte: »So halt, wie eine ganze Kette von zackigen Bergen;

auch manchmal wie Wolken und manchmal schneeweiß, wie aus lauter Eis,

und manchmal himmelblau. Aber nur bei schönem Wetter kann man sie

sehen.«

»So? Warst du auch einmal wirklich dort?«

»Nein, das ist zu weit.«

Röse und Marie wollten noch viel wissen. Ihre Schwester hatte so eine

sanfte Stimme und sagte »net« statt nicht, und manchmal »halt«, -- das

gefiel ihnen; aber sie sprach nur, wenn man sie fragte.

»Du kannst die Leute von Zahnschmerzen und so was heilen, das wissen

wir,« sagte Röse.

Da antwortete sie gar nicht und wurde rot bis unter die flachsblonden

Härchen.

»Bst!« machte die Mutter leise.

* * * * *

Den Abend, als die Schwester schon im Bette lag, um sich von der

langen, beschwerlichen Reise auszuschlafen, kamen Budang, Ernst von

Schiller und Horny voller Neugier und Teilnahme, und die Ratsmädchen

lieferten ihnen eine Beschreibung der neuen Schwester.

»Zum Anfassen ist sie mal sicher nicht,« sagte Röse. »Ich sag' euch, so

zart! Knöchelchen wie ein Wickelkind! Gehen hört sie kein Mensch; weißt

du, ihre Großmutter hat sie ihren ›Hausgeist‹ genannt, und -- komisch!

-- einmal hat sie ›Bärbel‹ geschrieben, dann ›Waberl‹, dann wieder

›Wabi‹, dann schließlich nur ›Waben‹, ganz wie's ihr einfiel. Ihre alte

Großmutter machte nämlich Schreibfehler.«

»Na, na!« meinte Budang vielsagend; da schwieg Röse beschämt. Die

Orthographie war auch ihre und Maries stärkste Seite nicht.

Als die beiden Mädchen abends hinauf in ihre Stube schlichen, schauten

sie neugierig nach dem Bett, in dem ihre Schwester in tiefem Schlafe

lag.

»Wie ein Madönnchen,« flüsterte Marie.

»Aber so ein trauriges, kleines Mäulchen hat sie,« meinte Röse.

Am frühen Morgen, als die beiden Schelme noch den Schlaf der Gerechten

schliefen, wusch und kämmte sich die sanfte, fremde Schwester lautlos.

Sie hatte so vorsichtige, rücksichtsvolle Bewegungen wie eine

Krankenwärterin, steckte sich das blonde Haar zierlich auf, betete ihr

Morgengebet, schlüpfte unhörbar aus der Thür und begab sich geradenwegs

in die Küche.

Und als Frau Rat nach dem Frühstück ausschauen wollte, fand sie die

Magd und ihre neue Tochter schon in voller Arbeit.

»Mein liebes Kind, du solltest doch noch schlafen nach deiner Reise!«

»Ich brauche wenig Schlaf,« antwortete das Mädchen freundlich.

Sie war den ganzen Tag auf den Füßen und fand, ohne zu fragen, immer

etwas zu thun.

Bei dem Zwetschgenspellen und Zwetschgenkochen nahm das stille Mädchen

die erste Stelle ein. Röse und Marie aber sahen die ganze Muskocherei

für einen ausbündigen Spaß an und benahmen sich danach; sie aßen

während der Arbeit, soviel sie unterbringen konnten, warfen sich mit

Kernen, wühlten die Früchte durcheinander und vergnügten sich auf ihre

Art.

Die Schwester hingegen wußte nichts von Spiel und Zeitvertreib bei der

Arbeit.

Die Großmutter hatte ganz recht, daß sie das Mädchen ihren Hausgeist

»benamset« hatte. Es war auch, als wäre bei Rats wirklich so ein

Seelchen eingezogen.

Eine ganz große Arbeitskraft hatten sie gewonnen, unheimlich groß, wenn

man bedachte, daß die von dem zierlichen blonden Mädchen ausging.

Jeder begann sich wie verwöhnt zu fühlen. Es wurde viel weniger im

ganzem Hause gerufen und verlangt.

Röse und Marie waren beschämt, alles schon meist sauber aufgeräumt zu

finden, wenn sie nach dem Frühstück in ihre Stube kamen, um ihre Betten

zu machen. Und nicht nur das! Sie hatten an der zarten Schwester die

allersorgsamste Kammerjungfer bekommen. Sie half ihnen, wo und wie sie

nur konnte, und immer mit einer so lieblichen Dienstbeflissenheit,

gewiß nicht, als wäre sie die ältere Schwester.

Ja, das ganze Hauswesen bekam einen glatteren, geräuschloseren Gang.

Das »dritte Ratsmädel« war und blieb still, antwortete freundlich, wenn

es gefragt wurde, war immer gleichmäßig liebenswürdig, hatte aber ein

ganz undurchdringliches Wesen.

»Schade!« sagten Röse und Marie. Sie waren nach einigen Wochen kaum

bekannter mit ihr, als am ersten Tag, und wurden doch von ihr verwöhnt,

daß es eine Art hatte.

Sie kämmte den beiden großen Schlingeln das dicke, lange Haar, was

bisher immer Frau Rat besorgt hatte, flickte ihnen die Kleider, half

ihnen nähen und schneidern und saß bis an die Ohren und mit einem

rührenden Eifer in Röses Ausstattungsarbeiten.

Eines Tages gingen alle drei Schwestern miteinander durch den Park.

Da fragte Röse: »Sag' einmal, du erzählst gar nichts von dir. -- Wir

haben dich doch lieb, -- erzähl doch!«

Das zierliche Mädchen sah sie ganz verwundert an. »Wie denn? -- Was

denn?« fragte sie.

»Na,« sagte Marie, »zum Beispiel, du bist doch viel älter als wir;

warst du denn nie verliebt?«

»Nein.«

»Na, und war denn nie wer in dich verliebt?«

»Nein.«

»Bist du denn nie in Gesellschaft gegangen, und hast du denn nie

getanzt?«

»Nein, die Großmutter war zu alt. Sie wär' schon mitgegangen; aber ich

wollt' halt net. Ich hatte Angst, daß die Großmutter sich verderben

könnt'.«

»Aber sonst hättst du's gemocht?«

»O ja, warum net?«

»Gefällt es dir bei uns?« erkundigte sich Röse.

»Ja.«

Da war die Unterhaltung wieder aus.

»Wie lebtest du denn daheim in München?« fragten sie nach einer Weile.

»Wir arbeiteten, und Sonntags gingen wir spazieren, und jeden Tag

durfte ich in die Messe gehen.«

Jetzt erzählte sie ihnen unaufgefordert von der großen Frauenkirche,

den riesig hohen Gewölben, den vielen Säulen, dem wundervollen Gesang,

der mächtigen Orgel, den vielen Menschen, dem Weihrauchduft und den

vielen, vielen Grabkugeln am Karsamstag.

»Ja, das war wunderschön!« sagte sie.

»Sehnst du dich danach?«

»Manchmal.«

»Daß du das nun hier aber nicht hast, bist du denn nicht traurig

darüber?«

»Man soll niemand beschwerlich fallen,« antwortete sie kurz.

»Ach nein!« rief Röse. »Wenn man traurig ist, sollen die Menschen einen

trösten. Uns wenigstens kannst du alles sagen. Wir sagen auch alles.«

»Bist du nicht einmal in München in der Komödie gewesen?« forschte

Marie.

»Ja, einmal.«

»Na, und?« fragten beide. »Wie war's denn da?«

»Passabel.«

»Und was sahst du denn?«

»Einmal ›Die Brüder‹, das andre Mal weiß ich's gar nimmer.«

»So? ›Die Brüder‹? Das kennen wir hier ja gar nicht!« meinten sie

verwundert.

»Na, wart', nächstens gehen wir alle miteinander einmal in die Komödie,

wir und Budang und die andern, da wirst du sehen, daß es hier nicht nur

›passabel‹ ist.«

Und nun erzählten sie ihrer Schwester von ihren Streichen: wie sie

mit Budang, Ernst von Schiller und Horny aller Nasenlang durchs

Hinterpförtchen ins Theater geschlüpft seien, -- und wie herrlich das

war. Sie berichteten ihr Abenteuer mit dem Großherzog Karl August,

wie der sie beobachtet habe, und daß sie nun seit Jahren mit seiner

Erlaubnis »unbezahlt« ins Theater gingen, fanden aber bei ihrer

Schwester kein besonderes Verständnis.

Sie fühlten beide, daß die arme Schwester es kümmerlich gehabt habe,

trotzdem ihre verstorbene Großmutter eine sehr gute Frau gewesen sein

mußte. Die Schwester that ihnen leid.

Und als sie das nächste Mal mit Budang zusammenkamen, sagten sie ihm:

»Weißt du, die ›Waben‹,« so nannten sie die Schwester, weil ihnen

das gefiel, »ist eigentlich wie ein altes Weibchen aufgewachsen. Sie

versteht uns gar nicht, das arme Ding. -- Und so verschlossen wie sie

ist! Weißt du, nichts als Pflicht und Bravheit.« Budang war auch sehr

mitleidig gestimmt; sie beschlossen alle, ganz besonders »nett« mit ihr

zu sein.

Merkwürdigerweise hatte Budang keinerlei bissige Bemerkungen gemacht,

als sie Wabens Pflichttreue und Bravheit als etwas ganz extra

Mitleiderregendes hingestellt hatten.

»Sie ist sehr niedlich,« sagte er, »und sieht nicht älter aus als wir.«

»Ja, aber ich glaube, aus jeder von uns gingen zwei Waben zu machen.«

»Aber nicht aus der Bravheit,« sagte Budang. Er konnte sich's doch

nicht verbeißen.

Und sie ließen sich's von ihm ruhig gefallen, denn sie glaubten an ihn.

In die Komödie gingen sie denn auch bald und beeiferten sich alle, es

der fremden Schwester recht ans Herz zu legen, was sie schön fanden.

Sie hatten sie in die »Zauberflöte« geführt.

Aber sie bemerkten zu ihrem Erstaunen, daß Waben während der

Vorstellung die Augen fest geschlossen hielt.

»Die schläft!« sagte Marie zu Budang. Und Röse stieß ihre Schwester

leicht an.

»Du schläfst ja!«

»Nein,« sagte Waben, »ich höre auf die Musik.«

Jetzt aber schloß sie die Augen nicht mehr, sondern sah nur nieder.

Nach einer Weile fragte Röse wieder: »Weshalb siehst du denn nicht auf

die Bühne? Das ist jetzt unser Allerbester, der da singt.«

»Mir gefällt's net; die Musik spielt ganz was andres, als die

Schauspieler vorstellen. Die Musik ist aber wunderschön!«

Was die Schwester gesagt hatte, flüsterte Röse Budang zu, der hinter

ihnen saß.

Und Budang nickte dazu.

Er sprach dann in der Pause mit Waben über die Musik. Sie sagte ihm:

»Ich wollte, die Großmutter hätte die Musik bei ihrem Tode hören

können, -- das wär' eine Himmelfahrt geworden! Die arme Großmutter!«

Der Waben standen die dicken Thränen in den Augen.

»Sie hat sehr ausstehen müssen,« meinte Budang. »Röse und Marie haben's

erzählt.«

»Ach, ausgestanden!« erwiderte das Mädchen erregt. -- »Da gibt's kein

Wort dafür! Wer das mit angesehen hat, den freut nichts mehr.«

Es war das erste Mal, daß sie ihren Thränen freien Lauf ließ, seit sie

von daheim fort war.

Das hatte die Musik gethan.

»Wollen Sie lieber nach Hause gehen?« fragte Budang.

»Ach nein,« sagte das zarte Mädchen. »Sie hat's ausgehalten, und ich

soll net mal dran denken können? Hier wird's einem, als wär's erst

gestern geschehen, -- und das ist gut. -- Die armen Seelen brauchen

unser Mitleid. Sie werden überall zu schnell vergessen.«

Mit den armen Seelen meinte sie natürlich die der Abgeschiedenen.

Röse, die zugehört hatte, überlief ein Schauer. »Die armen Seelen«,

das kam ihr so geheimnisvoll vor, so wie aus einem uralten Märchen.

Ueberhaupt, obwohl die Waben ein tüchtiges und zuverlässiges

Hausmütterchen war, würden sich die Ratsmädel nicht gewundert haben,

wenn es sich herausgestellt hätte, daß sie wirklich ein Hausgeist

sei, ein armes Seelchen oder sonst so etwas. Sie erschien ihnen immer

fremder.

Aber die beiden Schelme fühlten sich nicht durch sie bedrückt und

kritisiert. Es war ihnen in ihrer Nähe wohl.

Sie klöppelte für beide Mädchen ganz wundervolle Klosterspitzen nach

einem alten Spitzenrest, den sie mitgebracht hatte.

»Ja, weshalb machst du's denn nicht für dich selbst?« fragte Röse.

»Wär' net übel,« war die Antwort.

Die Waben wurde wöchentlich einmal zu Schopenhauers Adele eingeladen

und kam so in den Kreis der geistreichen jungen Damen, die alle um

einige Jahre älter als die Ratsmädchen waren, und denen die Ratsmädchen

ihrer Zeit Liebesbriefchen hin und her getragen hatten, die sie aber

alle in ihrem Leichtsinn erst unten auf der dunklen Wittumstreppe

indiskreterweise gelesen hatten. Das heißt, Liebesbriefe waren es auch

im eigentlichen Sinne des Wortes nicht, sondern vielmehr sprachen die

jungen Damen sich gegenseitig über den Zustand ihres Herzens in langen

Episteln aus und machten den Ratsmädeln damit, ohne es zu wollen, das

größte Gaudium; denn sie dachten nicht entfernt an die Treulosigkeit

der beiden Schelme.

Bei Adele Schopenhauer waren wöchentliche Zusammenkünfte dieser jungen

Damen und einiger schöngeistiger Jünglinge; die Waben war nur durch die

größten Ueberredungskünste ihrer Schwestern dahin zu bringen, Adeles

Kränzchen zu besuchen.

Nach einigen Wochen schien sie freilich recht gern zu gehen. Die langen

Zuredereien und das Drängen hörte von selbst auf. Sie ging still

und kam still, sprach über nichts, was sie dort in der Gesellschaft

erfahren hatte, -- aber es schien etwas Lebendigeres in ihr Wesen

gekommen zu sein. In dieser Zeit war es zum erstenmal, daß sie bei Rats

ein silberhelles, junges Lachen hörten. Und die Mutter meinte: »Laßt

sie -- fragt nicht!«

Sie war so reizend, so elfenhaft und so liebenswürdig diensteifrig.

Frau Rat sagte: »Was ist die Waben für ein süßes Kind; wie ein

Sonnenstrahl, so still und gut!«

Frau Rat hatte sie ganz besonders ins Herz geschlossen.

Ja, die Waben war viel heiterer. Es schien, als wäre aus dem jungen,

pflichttreuen Nönnchen ein junges Mädchen geworden. Sie blühte wahrhaft

auf und wurde jeden Tag reizender. Man hörte sie die Treppen hinauf-

und hinablaufen. Sie ging nicht mehr so krankenwärterinmäßig, und Röse

und Marie hörten sie einmal singen, als sie sich das Haar machte.

Sie lauschten an der Thür; es klang ihnen beiden, wie dazumal, als ihre

Lerche, die sie zu Weihnacht bekommen hatten, zum erstenmal im März

ganz unvermutet im dunklen Bauer die ersten leisen Töne hören ließ.

Das Herz war ihnen bei diesen wunderbaren Lerchentrillern, die aus der

dunklen Ecke kamen, erbebt.

Alle im Hause freuten sich, daß Waben auflebte.

So war sie auch einmal wieder ganz wohlgemut zu Schopenhauers

gegangen, und spät abends bei Mondenschein und Winterkälte wandelte

sie über hartgefrorenen Schnee am Arm eines jungen Mannes, der sie von

Schopenhauers heimbegleitete, die alte Wittumstreppe hinab, die von der

Esplanade zur inneren Stadt führt.

Der junge Mann hatte ihr den Arm geboten. Er hatte das schon öfter

so gethan; es war ihm zu einer angenehmen Gewohnheit geworden, das

liebliche Geschöpf heimzubegleiten. Sie hatten keinen besonders weiten

Weg vor sich, aber sie verstanden ihn auszunützen. Die Waben hatte noch

nie so viel hintereinander geplaudert, als auf der kurzen Strecke,

die zwischen ihrem elterlichen Hause und dem Hause der Schopenhauern

lag, -- und der junge Mann war ein sehr aufmerksamer Zuhörer. Bei dem

hellen Mondlichte war zu konstatieren, daß die Waben einen durchaus

nicht ungefährlichen Begleiter hatte: hochgewachsen, schlank, mit einem

prächtigen Kopf, groß geschnittenen Zügen, reichen, dunklen Locken;

dabei vornehm in Gang und Haltung, liebenswürdig und galant in der Art,

wie er mit dem kleinen Persönchen sprach, sich zu ihr neigte und ihr

Geplauder anhörte.

Sie gefiel ihm, das war kein Zweifel.

»Demoiselle Barbara, wie kann man nur so ein Nixchen sein! Ich fühle

Ihren Arm nicht mehr als eine Feder.«

»Ja, es ist dumm,« sagte Waben, »ich bin ein bisserl klein; aber da ist

nun nichts zu machen.«

»Ein Mädchen kann gar nicht klein und zart und süß genug sein,«

erwiderte er.

»Das find' ich net,« meinte sie. »Man soll vor einem Mädel doch Respekt

haben, und sie soll ordentlich arbeiten können. Ich bin freilich viel

stärker, als ich ausseh', gottlob! Sonst könnt' ich mir das Salz zum

Brot net verdienen.«

»Nun, verdienen? Wer spricht denn von verdienen?«

»Glauben Sie,« fragte Waben, »ich möchte daheim schlafen und essen,

wenn ich mir net sagen könnte, ich hab's verdient? Was denken Sie denn?

Halten Sie uns Mädel für Tagediebe? Oder für was denn?«

»Sie sind so tapfer, -- so tüchtig, -- so anders, als die Mädchen

gewöhnlich sind. Sind Sie denn auch ein wirkliches Menschenkind, Sie

Elfchen?« sagte er zärtlich.

»Ach gar!« meinte die Waben. »Kennen Sie meine Schwestern nicht?«

»Nein, merkwürdigerweise! Ich bin nun schon seit vier Wochen hier, aber

Ihre Schwestern hab' ich nun noch immer nicht kennen gelernt.«

»Die sollten Sie sehen! Röse und Marie sind beide so fleißig und

tüchtig, aber dabei so lustig, daß es den ganzen Tag zu lachen gibt, --

und so wunderschön! Wissen Sie, sie sind das Schönste und Beste, was es

auf Erden gibt.«

»Die eine ist verlobt?« fragte er.

»Ja, die Röse. -- Sie glauben nicht, wie gut sie mit mir waren, vom

ersten Augenblick an, wie große Kinder. Sie sind so freundlich, wie

halt eben nur Kinder sind.«

»Nun, ich werde ihnen ja wohl auch einmal begegnen. Sie erlauben mir,

Demoiselle, daß ich bei Ihren Eltern meine Aufwartung mache?«

Die Wangen des Mädchens glühten.

»Gewiß!« sagte sie.

Sie war so selig. Sie wußte nicht, ging oder schwebte sie. An seinem

Arme wußte sie das nie. Er sprach so zärtlich. Das war wie himmlische

Musik. Gott, daß es solches Glück auf Erden gab!

Jetzt standen sie an der Hausthür.

»Morgen seh' ich die Schwestern von der Galerie aus im Schlosse. Sie

sind mit bei dem großen Aufzug.«

»Sie freundliches Seelchen!« sagte er. »Da müssen wir uns die

Schwestern doch miteinander anschauen. Sie finden mich auch auf der

Galerie; ich beschütze Sie, und ich verteidige einen Platz für Sie.«

Neue Wonne! Der Waben schlug das Herz.

»Weshalb aber machen Sie nie etwas mit?« fragte er.

»Ich bin ja in Trauer um meine arme Großmutter.«

»Wissen Sie, Sie sind ein so liebenswürdiges, gutes Mädchen! Sie sind

so gleichmütig!«

»Ja, leider aber auch ein bisserl langweilig,« meinte sie lächelnd und

schloß dabei die Thür auf.

Er wollte etwas darauf entgegnen.

»Nein, nein, lassen Sie's!« Sie gab ihm die Hand zum Abschiede. »Man

muß der Wahrheit die Ehre geben. Ich bin schon ein bisserl langweilig.«

»Liebes, gutes Herzensdemoisellchen!« sagte er.

»Und empfehlen Sie mich Ihren Eltern.«

Die Waben stand noch eine ganze Weile im stillen, dunklen Hausflur und

hörte ihr liebesseliges Herz schlagen.

* * * * *

Am andern Morgen war ein ganz gewaltiges Treiben im Kirstenschen Hause

und in der ganzen Stadt Weimar, denn es war der große Tag, an dem

abends im Schlosse der große Maskenzug zu Ehren Ihrer Majestät der

Kaiserin-Mutter, Maria Feodorowna, vor sich gehen sollte.

Die Waben hatte bei Schopenhauers, wie daheim, nichts weiter gehört

und gesehen, als Vorbereitungen zu diesem großen Feste. Allen

schönen und weniger schönen Mädchen und Frauen aus der weimarischen

Gesellschaft war das große Ereignis, daß sie Goethes Verse vor einer

Kaiserin sprechen sollten, zu Kopf gestiegen. Und die ganze weimarische

Gesellschaft hatte seit Wochen etwas merkwürdig Papageienhaftes

bekommen; es schnatterte oder deklamierte mit ängstlichem Pathos in

jedem dritten Hause irgend wer irgend etwas, ohne Ende dasselbe,

immer wieder von Anfang an; unermüdlich, zum Haarausraufen. Jeder und

jede war wochenlang von dem Schreckgespenst, in dem bevorstehenden

bedeutenden Unternehmen mit »Steckenbleiben« Unheil anzurichten, wie

von einem Alpdruck besessen; nur das wütendste Deklamieren gab eine

gewisse Beruhigung.

Jeder erzählte Wunderdinge von seinem Kostüm, von den Proben, die

Goethe selbst überwachte.

Das Ganze sollte ein unerhört pomphaftes und vornehm gespreiztes

Ansehen bekommen, wie noch nie etwas derartiges zu stande gekommen war.

Die weimarische Glorienzeit sollte darüber liegen wie eine schwere,

duftende Weihrauchwolke; die Weimaraner sollten in ihrer eigenen

Herrlichkeit wahrhaft waten, aber mit graziösem Anstand.

Ja, was sollte sich nicht alles vor der Kaiserin des Riesenreiches

produzieren!

Das winzige Nest wollte ihr zeigen, was es bedeutete, was für

Ungeheures, gen Himmel Aufdampfendes in ihm ausgebrütet worden war.

Aber der graziöse Anstand war den guten, fidelen, ungeschickten

Weimaranern mühselig und beschwerlich beizubringen.

Seine Excellenz mochte während der Proben oft genug daran gewesen sein,

die Hoffnung und die Geduld zu verlieren; denn was die Weimaraner

thaten, und wie sie sprachen, war natürlicherweise himmelweit von

seinem Ideal entfernt.

Wer das echte »Weimarsch« kennt, der wird verstehen, welche

Riesengeduld Seine Excellenz haben mußte, den Weimaranern ihr geliebtes

Deutsch in einigermaßen richtigen Lauten beizubringen.

Bei einigen ganz verzweifelten Fällen, natürlich mußte es sich um

hübsche junge Weimaranerinnen handeln, soll Seine Excellenz sich in

der Verzweiflung mit einem Kuß geholfen haben, von dem er wohl hoffen

mochte, daß er begeisternd und reinigend zwischen die arg malträtierten

O und A, T und D und G und K, u. s. w. fahren würde.

Ja, es war eine schwere Arbeit, den weimarischen Pomp auf die Beine zu

bringen!

Er lag da wie ein wundervoller byzantinischer Kirchengoldbrokat; aber

niemand verstand ihn zu tragen.

Einzig und allein Seine Excellenz selbst.

An dem zur Aufführung bestimmten Tage hieß es: »Nu, es wird schon

gehen!« wie es schließlich dann immer heißt und heißen muß. --

Die Waben hatte im Kirstenschen Hause alle Hände voll zu thun, -- und

that alles mit so leichtem, glückseligem Herzen. Sie befand sich wohl,

wie eine Amsel im April. Sie wußte zwar kein Wort ihres Anbeters, das

direkt von Liebe gehandelt hätte, -- aber wozu?

Der Klang seiner Stimme, -- die Art, wie er alles sagte, wie er ihr die

Hand gab, -- das sprach so eine nie gekannte Sprache. Sie wußte sich

geliebt! -- Ja, sie wußte es!

Das war so überzeugend und wieder so verschwimmend, so unbestimmt,

beängstigend.

War es? War es nicht? Täuschte sie sich doch? -- Nein, -- nein, --

nein! Gewiß nicht!

So ging es immer auf und nieder in ihrem Herzen.

Und sie nähte dabei mit fliegender Eile.

Röses Bräutigam war gekommen, und es ging im Hause hoch her.

So eine festliche, leichte Luft war überall zu spüren; so etwas

Erregendes und Erregtes. Es erschien Barbara, als wäre sie in eine

andere Welt versetzt, zum erstenmal in den Sonnenschein.

Marie sollte bei dem Aufzug als Genius figurieren und hatte auch etwas

zu sagen, große, getragene Worte, die sie feierlich und ruhig zu

sprechen verstand.

Budang war ihr Meister gewesen und hatte nicht geruht, bis das Ganze

tadellos gelang.

Als die Waben beim Gewandanprobieren half, war sie von der Schönheit

ihrer Schwester wahrhaft erschreckt. Die jungen, weißen, vollen

Glieder, das schneeweiße Gewand, das herrliche Gesichtchen, die

lebendigen Augen, die schöngezeichneten Augenbrauen, die ihr so etwas

Vornehmes, Geistiges gaben, und das blonde Riesenhaar, das in dicken

Locken wie eine Flut über Arme und Hals bis über die Kniee fiel und

sich reizend an den rosigen Ohren kräuselte und um die kindliche Stirn.

Es war ein so anmutiges Haar!

Röse war zum erstenmal in ihrem Leben nicht mit ihrer Schwester gleich

gekleidet; sie stellte ein Zigeunermädchen vor, war aber auch, wie

Marie, eingewickelt in ihre bräunliche Haarflut.

Die kleine Waben wurde stolz auf ihre beiden Schwestern.

Und beide sagten immer wieder von neuem: »Ach, Waben, daß du nicht

mitkannst! Wie jammerschade!«

In Waben begannen sich zum erstenmal die jungen, lustigen Wünsche zu

regen.

Aber sie hatte ja das Köstlichste im Herzen!

Und mit ihrem Schopenhauerschen Freunde sollte sie alle Herrlichkeiten,

die es zu sehen geben würde, zusammen genießen! --

Sie fand sich pünktlich auf der Galerie ein, von der aus man in den

großen Schloßsaal hinabsehen konnte. Ihr Beschützer war schon da und

hatte in der vordersten Reihe, neben sich, ihr einen Platz gegen die

andrängenden Neugierigen verteidigt.

Nun hieß es geduldig sein da oben auf der Galerie.

In dem dunklen Saal brannte noch keine einzige von den Hunderten von

Wachskerzen, und sie sahen von ihren dämmerig beleuchteten Plätzen

in einen schwarzen Abgrund hinab; aber die Waben und ihr Begleiter

unterhielten sich vortrefflich miteinander, wie sich das leicht denken

läßt. Die Zeit verstrich ihnen beiden im Umsehen.

Die Waben achtete kaum darauf, wie die Lämpchen der Kerzenanzünder

gleich Glühwürmern in der großen Dunkelheit auftauchten, und wie die

Flammen an den Zündschnürchen, was das Neueste war, von Licht zu Licht

hüpften und im Nu die ganzen Kronleuchter im vollen Lichtgefunkel

erstrahlen machten, und wie im Laufe von einer Viertelstunde alles

glänzte und funkelte, ein ganzes Meer von Licht!

Personen schritten geschäftig hin und her durch den Saal, anordnend

oder Umschau haltend.

Um das junge Paar her wurde geflüstert und getuschelt. »Der

Oberhofmarschall!« hieß es, -- »da, -- -- da, -- -- da! Da ging er

eben!«

Die Leute waren von diesem Anblick schon erregt. Die Hälse wurden

gereckt. -- Jeder Lakai wurde angestarrt.

Die Waben plauderte wie noch nie in ihrem Leben. -- Sie blühte neben

ihrem Anbeter auf wie ein Rosenstock nach langem trüben Regenwetter,

wenn ihn ein paar Stunden warme, volle Sonnenstrahlen treffen. Wie

offen sie sprach! Ihr ganzes unschuldiges, gleichförmige Leben lag vor

ihm ausgebreitet.

Sie wußte nicht, wie rührend sie war, und er wußte das auch nicht. Sie

hatte nichts zu geben und mitzuteilen als ihre Vergangenheit, -- gar

nichts weiter, -- und diese Vergangenheit gab sie bebend vor Wonne. --

Er fragte, und sie antwortete. Sie vertraute. -- Jubelnd empfand sie

zum erstenmal, daß sie wirklich lebe.

Er war auch ganz entzückt von seiner kleinen Freundin, dachte besonnen,

daß sie eine gute, kommode Frau abgeben würde, und erwog dies hin und

her, während sie eifrig schwatzte.

»Aus guter Familie ist sie, -- mitbekommen thut sie sicher auch etwas.

-- Die Kleine ist wohlerzogen, lächerlich unschuldig, ein durchaus

bequemer Charakter.«

So dachte er, wie ein junger Mann, der auf Freiersfüßen geht und

Ausschau hält, zu jeder Zeit gedacht hat.

Er empfand alles sehr befriedigend. Seit Wochen war er erst in Weimar

angelangt, war hier zu einer guten Stellung gekommen, und seine Absicht

ging dahin, sich mit einer alteingesessenen, wohlgeachteten Familie zu

verschwägern.

Jetzt spiegelten sich die brennenden Kerzen in dem blanken Parkett des

riesigen Saales wie in einem stillen See.

Es war so friedlich, so eigentümlich; der große, leere, helle Saal

hatte etwas Beruhigendes. Dann waren reichgeschmückte Gäste gekommen.

Oben auf der Galerie reckten sich abermals die Hälse. Es wurde wieder

eifrig getuschelt. Sie waren alle erregt, und die Erregung stieg, je

mehr es sich da unten bewegte, je mehr es glänzte und flimmerte und

farbig aufleuchtete. Sie sahen auf wohlfrisierte Köpfe mit griechisch

aufgesteckten Lockenfrisuren, auf Toupets jeder Art, auf hohe,

schneeweiße, batistene Halsbinden, auf bloße Hälse und Arme, enge

Kleider mit langen Schleppen, Fräcke und Uniformen, Lakaien und hohe

Würdenträger, -- ein schillerndes, bewegliches Durcheinander.

Hin und wieder schlug so ein aristokratisches, undefinierbar

parfümiertes Lüftchen nach oben.

Die Wachskerzen brannten still, das Licht im ganzen Saal war gelblich

warm.

Es hatte etwas Schmeichelndes, Schmückendes, -- etwas Berauschendes.

Die Waben konnte sich über die große Helligkeit in dem weißen Saal gar

nicht genug wundern.

Und dann die Herrschaften, die russische Kaiserin, die fremden

Uniformen, das ganze geheimnisvoll pomphafte Ceremoniell, -- die große

Feierlichkeit, die große Vornehmheit!

Der Waben kam es vor, als wenn sie in eine uralte Geschichte

hineinschaue, in längst vergangene Dinge. Daß so etwas wirklich noch

existierte! Ein bißchen komisch erschien es ihr, -- ein bißchen

ernsthaft, -- ein bißchen schaurig, aber hauptsächlich sehr amüsant.

Die einzelnen Personen interessierten sie gar nicht, nur das Ganze.

Sie hörte kaum darauf hin, als ihr Begleiter die verschiedensten Leute

bezeichnete.

Aber der Zug! Der große Maskenzug! Da war der weimarische Pomp wirklich

auf die Beine gebracht! Da lag die weimarische Glorienzeit wirklich

wie eine duftende Weihrauchwolke darüber. Da war die ganze ernsthaft

feierliche Pracht vor aller Augen wie ein byzantinischer Prachtbrokat

ausgebreitet. Herrliche Gestalten und Farben, rauschende Musik und

große Worte, und ein Schimmern und Auftauchen und Ziehen und Kommen und

Verweilen, -- eine Pracht und Herrlichkeit sondergleichen.

Die braven, fidelen Weimaraner hatten sich von dem großen, feierlichen

Pomp am Schlafittchen nehmen lassen. Sie gehörten sich nicht mehr

selbst. Es war etwas in sie gefahren, was sie begeisterte.

Sie bewegten sich nicht mehr wie die Weimaraner, sie sprachen nicht

mehr wie die Weimaraner. Es war etwas Außerordentliches.

Des Mädchens Begleiter fühlte ein Händchen auf seinem Aermel. »Meine

Schwester! Meine Schwester!« sagte eine weiche, leise Stimme ganz

erregt. »Sehen Sie, meine Schwester!«

Er hatte Marie schon längst gesehen. Sie stand jetzt gerade vor der

Kaiserin Maria Feodorowna und sprach die Goetheschen Worte; das gute

Ratsmädel leuchtete dabei wahrhaft von Schönheit und Glückseligkeit.

Sie bewegte sich ohne jede Befangenheit, ganz natürlich. Es war, als

wenn die blonde Haarflut funkelte, als wenn das schöne Gesicht und die

Arme und der Hals und das weiße Gewand strahlten.

Sie war prachtvoll in ihrer stolzen, freien Jugendlichkeit, der

Inbegriff eines herrlichen, blütenjungen Weibes. Es lag etwas Heiteres,

etwas Frohlockendes über die Gestalt gebreitet. -- Aller Augen sahen

auf sie.

»Das ist Ihre Schwester?«

Die Waben lächelte.

»Die verlobte?« fragte er.

»Nein!«

»Herr Gott im Himmel!« kam es von den Lippen des jungen Mannes wie ein

Seufzer.

Die Waben blickte auf ihn und sah, wie fest der Blick seiner Augen sich

an ihre Schwester heftete.

Sie sah auch, was für einen prächtigen Kopf er hatte, so männlich und

gescheit, mit so fest geschnittenen Zügen.

Und es senkte sich wie eine tiefe Traurigkeit auf sie nieder. Es

war aber keine rechte Traurigkeit, es war etwas anderes, -- etwas

Schwereres.

Traurig war sie schon manchmal gewesen, aber so etwas Schreckliches

schien noch nie über sie gekommen zu sein! Es war ihr, als wenn ihr

Blut aufhörte zu fließen, als wenn eine Spange sich ihr fest um den

Hals legte, als wenn das Herz es nicht mehr für der Mühe wert hielte,

weiter zu schlagen.

Sie sah sich selbst! Ja, sie war so winzig, so langweilig, so arm. Wie

hatte sie nur denken können, -- daß ...

Aber alle diese Gedanken waren gar keine eigentlichen Gedanken. Wie

große, graue, schwere Steinplatten kamen sie ihr vor, die langsam auf

sie drückten und sie tief in den Boden hineinpreßten, ganz langsam und

schmerzlos, -- aber entsetzlich.

Während sie so litt, wendete er kein Auge von ihrer Schwester. Sie

wartete, daß er sie wieder anreden würde, und sie schaute alles im

voraus.

Sie sah und hörte alles so genau, als wäre es schon geschehen.

Sie wußte, daß seine Stimme kalt und gleichgültig klingen würde. Sie

sah und verstand das alles so tief, so klar, so anders, als sie sonst

nie verstand und begriff.

Ratsmädel- und Altweimarische Geschichten · 第 8 / 15 题