festgestellt, daß die Teilungsfähigkeit der Einzelligen wirklich unbegrenzt
ist. Woodruff fing sich aus einem Aquarium ein wildes Pantoffeltierchen
heraus. Das Pantoffeltierchen hielt er in einigen Tropfen Wasser, das er
zuvor mit Heu und Gras ausgekocht hatte. Das Pantoffeltierchen ist ja ein
»Aufgußtierchen«, ein Infusor, das sich in einem Heuaufguß zu Hause fühlt,
weil es in ihm all das an Nahrungsmitteln findet, was ihm sonst die freie
Natur in Sumpf und Tümpel zu bieten weiß. Die paar Tropfen Wasser kamen in
ein »Aquarium«, das nichts anderes war als eine Aushöhlung in einer
Glasplatte und einige Tropfen Wasser zu fassen vermochte. Woodruff war um
das Wohlergehen seines Pantoffeltierchens äußerst besorgt, und er ließ es
nicht in den paar Tropfen Aufgußwasser versauern. Nachdem nämlich das wilde
Pantoffeltierchen sich geteilt hatte (Abb. 10) -- das geschieht bei einem
Pantoffeltierchen ungefähr alle Tage einmal -- brachte Woodruff eines der
beiden Tochtertiere in frisch bereitetes Aquariumwasser. Sobald sich im
Laufe des nächsten Tages der erste Nachkomme des wilden Pantoffeltierchens
seinerseits auch geteilt hatte, wurde eines seiner beiden Tochtertiere
wiederum in frisch bereitetes Aquariumwasser verbracht usf. Jede Teilung
wurde notiert, und Woodruff konnte somit ganz genau wissen, zu welcher
Generation ein Pantoffeltierchen gehörte, das er in seinem tropfengroßen
Aquarium gerade vor sich hatte. So ein Zuchtversuch hat natürlich sehr
viele Mühe gemacht. Aber die Mühe wurde reichlich belohnt durch all das
viele, was das Pantoffeltierchen dabei von seinem Können gezeigt hat. Denn
Woodruff ist es gelungen, seinen Zuchtversuch bis zur 3029. Generation
fortzuführen! Fünf Jahre hat es gedauert, bis aus dem wilden
Pantoffeltierchen der Ururur ... 3029. Urenkel entstanden war, den Woodruff
als das Ergebnis seiner vielen Mühe schließlich der Wissenschaft
präsentieren konnte. Und, was wichtig ist, dieser Ururur-Enkel war genau so
frisch und gesund, wie sein wilder Ururur-Ahne.
[Illustration: Abb. 10. Pantoffeltierchen in Teilung. +m+ Mund,
+ps+ pulsierende Bläschen, +ma+ Großkern, +mi+ Kleinkern. Aus
Stridde.]
Von dem wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn stammte in 3029. Generation
dieses Pantoffeltierchen ab. Aber dieser Sprößling eines so uralten
Pantoffeltierchen-Geschlechts, dessen Urahne als ein wilder Raubritter doch
wohl etwas zu bedeuten hatte, besaß keine ... Ahnengalerie, keine Galerie
der _Toten_ seines Geschlechts. Woher auch? Aus dem wilden
Pantoffeltierchen waren zwei Tochterzellen entstanden, aus jeder der beiden
Tochterzellen wiederum zwei, aus jeder der so entstandenen vier
Tochterzellen der zweiten Generation wiederum zwei Pantoffeltierchen, aus
jeder der acht Pantoffeltierchen der dritten Generation waren wieder zwei
Tochterzellen entstanden usf. bis zur 3029. Generation. Oder gar bis ins
Unendliche -- denn vielleicht präsentiert uns Woodruff nach einiger Zeit
die 5000. Generation des wilden Pantoffeltierchen-Ahnherrn. _Es hatte sich
das Pantoffeltierchen bis ins 3029. Geschlecht fortgepflanzt, ohne daß es
eine Leiche gegeben hatte, und wir dürfen mit gutem Recht annehmen, daß die
Einzelligen sich bis ins Unendliche fortpflanzen können, ohne daß eine
Leiche entsteht._
Die Leiche ist uns das Abbild des Todes. Und wenn bei den Einzelligen
normalerweise keine Leichen vorkommen, so ist damit gesagt, daß _es einen
natürlichen Tod bei den Einzelligen nicht gibt_. Was da bei den Einzelligen
stirbt, das ist das Opfer eines Unglücks, von dem ein Pantoffeltierchen
betroffen wird, das ist das Opfer ungünstiger Lebensumstände. Sind die
Umstände günstig, so gibt es einen Tod im Reiche der Einzelligen nicht.
Übrigens: _wer_ sollte normalerweise bei den Einzelligen sterben? Wer von
den beiden völlig gleichen Tochterzellen? Der Elter, die Mutter sollte
zuerst sterben -- nicht wahr? Aber wer könnte sagen, welche der beiden
Zellen Mutter und welche Tochter ist? »Stellen wir uns eine Amöbe mit
Selbstbewußtsein vor«, sagt der jetzt achtzigjährige Altmeister der
Zoologie _Weismann_, der als einer der ersten das große Problem des
natürlichen Todes wissenschaftlich behandelt hat, sehr launig, »so würde
sie bei ihrer Teilung denken: >ich schnüre eine Tochter von mir ab<, und
ich zweifle nicht, daß jede Hälfte die andere für die Tochter und sich
selbst für das ursprüngliche Individuum (für die Mutter) ansehen würde«.
Der Elter, die Mutterzelle, die neben den Tochterzellen vorhanden wäre,
müßte zunächst sterben: hier aber geht die ganze Mutterzelle in den
Tochterzellen auf ...
* * * * *
Da haben wir Lebewesen vor uns, die nicht unbedingt zu sterben brauchen.
Gehört somit der Tod nicht zum Leben?
Sofern wir unter Tod die Bildung einer Leiche verstehen, sind die
Einzelligen -- wenn ihnen die äußeren Umstände günstig sind -- unsterblich.
Denn im Verlauf des Entwicklungsganges dieser Zellen erfährt ihr
Stoffwechsel, wie die Versuche von Woodruff uns mit aller Sicherheit
gezeigt haben, unter günstigen äußeren Umständen niemals eine Störung, die
zur Entstehung einer Leiche, d. h. zum Untergang der Zelle führen müßte.
Und da jede einzelne Zelle schon all das darbietet, was Leben ist, da die
Zelle die allgemeine Form der lebendigen Substanz ist, so dürfen wir jetzt
sagen, daß _der Tod in dem oben gefaßten Sinne der Leichenbildung nicht
unbedingt zum Leben gehört. Der Tod aus Altersschwäche, wie er bei Mensch
und Tier vorkommt, ist nur ein Spezialfall: die lebendige Substanz
schlechtweg ist unsterblich._
Aber man muß sich hüten, diese Schlußfolgerung zu mißdeuten, wenn man nicht
in arge Widersprüche hineingeraten will. Faßt man nämlich die
Unsterblichkeit der lebendigen Substanz in einem weitern Sinne auf, im
Sinne einer _unveränderten_ Fortexistenz der Zelle -- und das ist ja die
geläufige Auffassung der »Unsterblichkeit« --, so kommt man in Widerspruch
mit allen unsern wissenschaftlichen Vorstellungen vom _Leben_. Leben ist
_Veränderung_, und lebendige Substanz kann nicht sein ohne Veränderung.
Alles Leben beruht auf dem Stoffwechsel der Zelle, auf bestimmten
chemischen Wandlungen, auf Zerfall und Wiederaufbau der lebendigen
Substanz: ein _unverändertes_ Sein der Zelle ist ein _Unding_. Leben ohne
Veränderung ist ein Widerspruch in sich selbst: denn Leben ohne Veränderung
würde Stillstand des Lebens bedeuten. Ja, man kann so weit gehen und auch
den Zerfall der lebendigen Substanz, wie er normalerweise _andauernd_ im
Stoffwechsel vor sich geht, als ein »Sterben« auffassen und man kann dann
mit Verworn sagen, daß ohne Sterben kein Leben vorhanden ist, daß alles
Leben ein Sterben ist, »+une destruction organique+«, eine organische
Zerstörung, wie der große Meister der Biologie _Claude Bernard_ einst
gesagt hat.
Die beiden Tochterzellen eines Pantoffeltierchens bestehen in Wahrheit gar
nicht aus derselben lebendigen Substanz, aus der ihre Mutterzelle aufgebaut
war, als sie als Tochterzelle einst ihr selbständiges Dasein begonnen
hatte. Denn im Verlaufe ihres individuellen Lebens -- von dem Augenblick
ab, in dem sie sich als Tochterzelle abgeschnürt hatte, bis zu dem
Augenblick, wo sie sich selbst wieder in zwei Tochterzellen aufgeteilt
hat --, haben andauernd Veränderungen in ihrer lebendigen Substanz
stattgefunden und kein Teilchen der Zelle war davon verschont geblieben.
_So existiert die lebendige Substanz der Mutterzelle nicht unverändert in
den Tochterzellen fort und es gibt keine Unsterblichkeit im Sinne einer
unveränderten Fortdauer der lebendigen Substanz._
Um den Mißdeutungen aus dem Wege zu gehen, die mit der Tatsache verknüpft
werden können, daß die Einzelligen unsterblich sind, müssen wir also
streng festhalten, was wir unter Unsterblichkeit verstehen. Unsterblichkeit
bedeutet für uns nur, daß im normalen Entwicklungsgang einer Zelle keine
Leiche entsteht. Die lebendige Substanz ist unsterblich nur soweit, als man
unter Tod die Bildung einer Leiche versteht, einer Zelle, deren
Stoffwechsel unwiderruflich erloschen ist.
5. Der sterbende Zellenstaat.
Eine Leiche war uns eine Zelle, deren Stoffwechsel unwiderruflich erloschen
ist. Solange nur von _einzelligen_ Lebewesen die Rede war, haben wir uns
gut an diese Vorstellung einer Leiche halten können. Wenn wir nun aber auf
den Tod der _vielzelligen_ Lebewesen zu sprechen kommen -- wie entsteht
hier die Leiche?
Das vielzellige Tier ist ein Zellenstaat, und in diesem Zellenstaat gehen
stets wieder und wieder Zellen zugrunde, die zum Teil vom Körper
abgestoßen, abgeworfen werden. In allen Klassen des Tier- und
Pflanzenreiches ist das der Fall. Die obersten Schichten unserer Haut z. B.
sind abgestorbene verhornte Zellen, die mit der Zeit von unserer Haut
losgelöst und abgestoßen werden, während an ihre Stelle von unten her
jüngere Zellen vorrücken, und das Schicksal dieser Jungen ist ebenso
besiegelt wie das ihrer Vorgänger (Abb. 11 u. 12). Auch unsere Haare und
unsere Nägel sind zum großen Teil tote Zellen der Haut. Ebenso die Federn
der Vögel. Und wenn die Vögel mausern, so werfen sie schon recht
beträchtliche Mengen von toter Zellsubstanz ab, sie werfen Zelleichen ab.
So tun es auch zahlreiche Gliederfüßler bei der Häutung. Dieses Sterben
einzelner Zellen im Zellverband beginnt schon sehr frühzeitig, indem z. B.
schon die Haut des Tieres im Mutterleibe eine Hornschicht und ein Haarkleid
besitzt. Und schon im Mutterleibe werden abgestorbene Zellen der
Hornschicht und der Haare abgestoßen. Auch von den Schleimhäuten des Mundes
und des Darmes werden andauernd Zellen, und sogar intakte Zellen, aus dem
Zellverbande gelockert, um dann dem Tode zu verfallen. Unsere roten
Blutkörperchen, die roten Blutzellen, die im Laufe ihrer Entwicklung den
Zellkern einbüßen und als kernlose Scheiben willenlos vom Blutstrom
getragen werden, leben bloß vierzehn Tage, um dann zu zerfallen und als
»altes Eisen« -- hier im buchstäblichen Sinne des Wortes -- im Haushalt des
Zellenstaates Verwendung zu finden. Rote Blutkörperchen, die um vierzehn
Tage jünger sind, treten aus dem Knochenmarke, das die Bildungsstätte der
roten Blutzellen in unserem Körper ist, an die Stelle ihrer toten
Vorgänger. Auch in den Drüsen gehen ständig Zellen zugrunde. Die
Geschlechtsdrüsen des Männchens geben periodisch Millionen von
lebensfrischen Zellen ab, die winzig kleinen Samenzellen, die alle dem
Untergange, dem Tode geweiht sind. Nur einigen wenigen dieser Millionen und
Abermillionen von Zellen ist es beschieden, am Leben zu bleiben und in den
Kindern fortzuleben. Auch beim Weibe findet periodisch eine Abstoßung von
lebendigen Zellen statt, die dem Tode verfallen. Und bei den höheren Tieren
ist die Geburt des Kindes damit verknüpft, daß ein Teil des mütterlichen
Organismus, der Mutterkuchen, sich vom Körper loslöst und mit all seinen
Zellen stirbt.
[Illustration: Abb. 11. Senkrechter Schnitt durch die Haut.
Oben die Hornhaut (+O+), unten die Lederhaut aus Bindegewebe.
In der Lederhaut und der Hornhaut der Ausführungsgang einer
Schweißdrüse (+S+) und Blutgefäße (+B+). +P+ die in die Oberhaut
hineinragenden Papillen der Lederhaut. +Z+ die Schicht der
Zellen, die später verhornen und die Hornschicht bilden. Die
einzelnen Zellen sind bei schwacher Vergrößerung nicht
sichtbar. +DS+ Übergangsschicht zwischen der Bildungsschicht
der verhornenden Zellen und der eigentlichen Hornhaut.
Schwach vergrößert. Nach Sigmund.]
[Illustration: Abb. 12. Ein Schnitt durch die Haut, stärker
vergrößert. Man sieht in der Bildungsschicht der später
verhornenden Zellen die einzelnen Zellen liegen, die sich
später bis zur Unkenntlichkeit (in der Hornschicht)
verändern. Bezeichnungen wie in Abb. 11. Nach Stöhr.]
Wie bei den Tieren, so ist es auch bei den Pflanzen. Im Pflanzenkörper
stirbt immer wieder und wieder ein Teil der Zellen, um als
Bildungsmaterial für den Aufbau der vielzelligen Pflanze zu dienen. Da sind
die verholzten Zellen, aus denen die vielgestaltigen Elemente der Leitung
in der Pflanze aufgebaut sind, wo von den Zellen schließlich nur verholzte
Wände zurückgeblieben sind, und auch diese durchlöchert und durchbrochen.
Das Protoplasma dieser Zellen ist ganz geschwunden. Da sind die toten
Zellen der Rinde, der Oberhaut der Blätter. Millionen von Zellen des
Pflanzenkörpers gehen ferner während des Laubfalls zugrunde, und ihre
vielen, vielen Leichen bestimmen das Bild unserer herbstlichen Landschaft.
Millionen lebendiger Zellen der Pflanze werden der Liebe geopfert, wenn der
Pollen der Blüte vom Winde erfaßt und in die Weite getragen wird -- nur
einige wenige Pollenkörner der, ach, so vielen gelangen auf die Narbe der
weiblichen Blüte. Und auch die lebensfrischen und duftsprühenden Zellen der
bunten Blütenpracht verfallen dem Tod.
Das Gespenst des Todes geht in uns und um uns ...
Die toten Zellen der vielzelligen Pflanzen und Tiere -- sie sind jede für
sich eine Leiche, sie sind Zelleichen. Aber es wird doch niemandem
einfallen zu behaupten, ein vielzelliger Organismus sei gestorben, weil ein
Teil der Zellen, aus denen er besteht, abgestorben ist. Das wäre eine ganz
unsinnige Behauptung. Denn diese toten Zellen gehören ja zum Teil mit zum
Zellenstaat von Pflanze und Tier, ohne diese toten Zellen können Pflanze
und Tier nicht leben. Die einzelnen Zelleichen schlechtweg machen also den
Zellenstaat noch nicht zu einer Leiche. Aber doch, wie wir gleich sehen
werden, es ist der Tod der _Zellen_, was den Zellenstaat zur Leiche macht.
Wenn der vielzellige Organismus aufhört zu leben, so wird sein Stoffwechsel
stillgestanden sein. Nun ist das Leben des vielzelligen Organismus nichts
anderes als das Leben, das Zusammenleben der Zellen, aus denen er aufgebaut
ist. Der Stoffwechsel des vielzelligen Organismus beruht auf dem
Stoffwechsel seiner Zellen. Und da ist es uns klar, daß _Zellen_ gestorben
sein müssen, wenn einmal der Zellenstaat zu leben aufhört. Aber wir wissen
ja schon, daß nicht der Tod einer jeden Zellgruppe im Zellenstaat diesen
zur Leiche macht. _Bestimmte Zellgruppen_ vielmehr müssen gestorben sein,
wenn der große Zellenstaat zu einer Leiche werden soll. Ja, noch mehr:
schon wenn bestimmte Zellen im Zellenstaat nicht mehr so recht auf ihrem
Posten sind, ohne tot zu sein, auch dann schon kann der Zellenstaat
zugrunde gehen. Das muß aber noch näher erklärt werden.
Wir verstehen es wohl, daß dem Leben eines vielzelligen Tieres noch kein
Ziel gesetzt ist, wenn das Tier z. B. Arme und Beine eingebüßt hat. Aber
stellen wir uns vor, wir haben einem Versuchstier, z. B. einem Frosch, das
Herz herausgeschnitten. Innerhalb eines kürzeren oder längeren Zeitraumes
wird unser Versuchstier sterben. Die Zellen seines Gehirnes, seiner
Muskeln, seiner Leber usw. werden nach Entfernung des Herzens keinen
Sauerstoff mehr bekommen und sie werden ersticken. Ihr Stoffwechsel wird
erlöschen, die Zellen werden Leichen sein. Und schließlich wird ein
Zeitpunkt kommen, wo sämtliche Zellen des Zellenstaates, der der Frosch
ist, tot sein werden. Wir sagen, jetzt ist das Versuchstier tot, jetzt ist
es eine Leiche. Oder wir haben einem Versuchstier, z. B. einem Kaninchen,
beide Nieren herausgeschnitten. Die Schlacken, die Abfallsprodukte des
Stoffwechsels werden nun nicht aus dem Körper herausgeschafft werden
können, sie werden sich in dem Blute und in den Zellen des Tieres anhäufen:
und die Zellen werden sterben -- die einen früher, die andern später, bis
schließlich alle Zellen des Zellenstaates tot sein werden. Oder in
Krankheiten, wo bestimmte Zellen und Organe in ihrer Tätigkeit erlahmen,
z. B. bei Erkrankungen des Herzens. Das Herz tut seine Arbeit nicht mehr
wie sonst, weil die Herzmuskelzellen erkrankt und geschwächt sind. Die
Zellen des ganzen Zellenstaates werden dabei in Mitleidenschaft gezogen,
sie bekommen zu wenig Nährstoffe, vor allem zu wenig Sauerstoff, und die
Stoffwechselprodukte werden aus den Zellen nicht gründlich genug
herausgewaschen. Schließlich hört die geregelte Arbeit des Herzens ganz
auf, und es beginnt ein schnelles Sterben aller Zellen des Zellenstaates.
Oder die Nieren sind erkrankt, sie tun ihre Arbeit nicht mehr so recht,
ohne daß die tätigen Drüsenzellen der Niere ganz ihre Arbeit eingestellt
hätten, ohne daß sie tot wären. Und alle Zellen des Körpers werden unter
der schlechten Arbeit der Nierenzellen zu leiden haben, und es wird die
Stunde kommen, wo die Zellen des Herzens oder die Zellen des Gehirnes
versagen werden. Sie werden sterben -- und es beginnt das große Sterben der
Zellen im Zellenstaat.
Genau so ist es bei der Pflanze. Büßt die Pflanze ihre Wurzeln ein, so
werden nach kürzerer oder längerer Zeit alle lebendigen Zellen des
pflanzlichen Zellenstaates sterben. Die Pflanze wird tot sein. Oder wir
schneiden mit Hilfe eines scharfen Instruments aus dem Stamm einer Pflanze
dicht oberhalb der Wurzel ein auch nur ganz kleines Stück des Holzteiles
heraus: nun wird die Zuleitung der Nährstoffe zu den Zellen der Pflanze ins
Stocken geraten -- genau so, wie wenn wir einem Versuchstier das Herz
herausgeschnitten haben. Die Zellen der Pflanze werden abzusterben
beginnen, bis schließlich alle Zellen des großen Zellenstaates der Pflanze
tot sein werden. Jetzt wird die Pflanze eine Leiche sein.
_Alles in allem: der vielzellige Organismus stirbt, wenn bestimmte Zellen
im Zellenstaat in ihrer gewohnten Tätigkeit versagen und damit den normalen
Ablauf des Stoffwechsels in allen anderen Zellen des Zellenstaates stören._
Aber nicht alle Zellen des Zellenstaates sterben zu gleicher Zeit. Wie der
Tod über das sterbende kernlose Teilstück einer Zelle »hinkriecht«, um mit
Verworn zu sprechen, so kriecht er auch über die einzelnen Zellen des
Zellenstaates ganz allmählich hin. Gleichgültig, was den Tod des
vielzelligen Organismus unmittelbar bedingt hat: _stets sterben die einen
Zellen früher, die andern später, bis schließlich der ganze Zellenstaat
eine Leiche ist_ ...
Und wenn wir wissen wollen, _warum_ wir sterben? Warum wir alt werden und
schließlich eine Leiche sind? Welch einen Weg müssen wir gehen, wenn wir
hier Antwort haben wollen?
_Wir müssen vor allen Dingen die Veränderungen studieren, die die Zellen
des vielzelligen Organismus im Laufe des Lebens erfahren, im Laufe des
Lebens, das sich zum Tode entwickelt._
6. Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat.
Wir haben der Wilden gedacht, die es gar nicht begreifen wollen, daß jeder
Mensch sterben müsse. Der Naturmensch betrachtet den Tod als ein Unglück,
bei dem unbedingt ein böser Geist im Spiele war: dem bösen Geist waren
nicht all die Artigkeiten erwiesen, die man den feindseligen Geistern schon
schuldet, wenn man ungeschoren bleiben und sich nicht allerlei peinlichen
Zufällen aussetzen will. Wenn jemand stirbt, dann hat stets ein
feindseliger Geist sein schändliches Handwerk getan.
Sieht man sich die modernen Statistiken an, die uns über das Sterben der
Menschen berichten, so möchte man beinahe dem Naturmenschen darin Recht
geben, daß es einen »natürlichen« Tod, einen Tod aus Altersschwäche gar
nicht gibt, und daß es beim Sterben der Menschen stets mit »unrechten
Dingen«, wo Geister im Spiele sind, zugeht. In Deutschland sterben jährlich
über eine Million Menschen, und von diesen sterben an Altersschwäche nur
über hunderttausend, nicht mehr als z. B. allein an Tuberkulose sterben.
Und dann kommt noch hinzu, daß von den hunderttausend Menschen, die über
sechzig Jahre alt geworden und angeblich an Altersschwäche verstorben sind,
in Wirklichkeit nur die wenigsten an Altersschwäche zugrunde gegangen sind.
Daß einer wirklich an Altersschwäche und nicht an einer Krankheit gestorben
ist, die seinen gealterten, widerstandslosen Körper befallen hat, darüber
kann man ja mit Sicherheit nur dann etwas aussagen, wenn man die Organe des
Verstorbenen einer sehr eingehenden mikroskopischen Untersuchung
unterworfen hat. Das geschieht nur in den seltensten Fällen, dann, wenn der
Greis in einer öffentlichen Krankenanstalt gestorben ist, und auch dann
nicht immer. Bei der mikroskopischen Untersuchung der Organe des
verstorbenen Greises wird sich herausstellen, ob der anscheinend an
Altersschwäche Verstorbene nicht doch krankhafte Veränderungen in seinen
Organen und Zellen hat. Wo diese fachmännische Untersuchung der Leiche
nicht vorgenommen worden ist, läßt es sich niemals ausschließen, daß es
sich um einen Tod aus Krankheit gehandelt hat. Dieser Verdacht ist um so
eher gerechtfertigt, als gerade im hohen Alter die Menschen sehr häufig
leichtern Krankheiten erliegen, die ein Jüngerer ohne weiteres überstanden
hätte, ohne auch nur den Eindruck eines Schwerkranken auf seine Umgebung
gemacht zu haben. Dabei ist in Betracht zu ziehen, daß ziemlich ein Drittel
aller Verstorbenen überhaupt nicht vor dem Tode ärztlich behandelt wird.
Und der Arzt, der in solchen Fällen die Todesursache zu beglaubigen hat,
wird bei einem über sechzig Jahre alten Menschen natürlich nichts anderes
als Todesursache angeben können, als Altersschwäche, -- was ja insofern
auch richtig ist, als die Altersschwäche jedenfalls an dem Tode des alten
Menschen mit schuld war. Aber eine wissenschaftlich genaue Aussage darüber,
daß der alte Mensch wirklich aus Altersschwäche und nicht an einer
Krankheit gestorben ist, ist die Beglaubigung des Arztes nicht. Wie schon
erwähnt, nur die eingehende Leichenschau mit Hilfe von Messer und Mikroskop
erlaubt uns eine Aussage darüber, ob jemand an Altersschwäche und nicht an
Krankheit gestorben ist.
So werden wir es verstehen, daß der berühmte Arzt _Nothnagel_ zur
Überzeugung gelangen konnte, »daß fast alle Menschen durch äußere Gewalt
oder Krankheit dahingerafft werden ... und daß die allerwenigsten Menschen
eines natürlichen Todes sterben, vielleicht kaum einer unter
Hunderttausend.«
Und nun das »andererseits«.
Untersucht man die Organe von alten Leuten, gleichgültig, ob sie aus
Altersschwäche oder an irgendeiner Krankheit gestorben sind, so findet man
in ihnen stets Veränderungen ganz charakteristischer Art. Von diesen
Veränderungen werden wir weiter unten noch erzählen. Es ist klar, daß
Veränderungen, die man bei _allen_ alten Leuten antrifft, als
Altersveränderungen aufgefaßt werden müssen. Und der Arzt kann in der Regel
sagen, daß wenn ein Greis auch nicht an Altersschwäche gestorben ist, doch
die allen Greisen gemeinsamen Altersveränderungen den Boden abgegeben haben
für die Entwicklung und für die schlimme Wendung der Krankheit, die ein
Jüngerer wohl überwunden hätte. _Daß heute so wenig Menschen aus
Altersschwäche sterben, liegt nicht daran, daß es einen Tod aus
Altersschwäche nicht gibt, sondern lediglich daran, daß der gealterte
Organismus sehr leicht verschiedenen Krankheiten erliegt, die für jüngere
Leute nicht tödlich sind. Der Greis, der an irgendeiner Krankheit stirbt,
stirbt gleichzeitig immer auch aus Altersschwäche._
* * * * *
Jetzt wollen wir davon erzählen, wie sich die alternden Zellen im
Zellenstaat verändern.
Ein gebücktes Mütterchen ist uns das Abbild des Alters. Ein gerunzeltes,
zahnloses Mütterchen. Das Fettgewebe, das die Haut einst prall erhalten,
ist geschwunden, und in Falten legt sich die Haut. Die bindegewebigen
Bänder, die die Knochen der Wirbelsäule fest aneinander gebunden hatten,
haben ihre Elastizität eingebüßt wie ein viel gebrauchtes Gummiband. Und
die Wirbelsäule gibt dem Druck des Oberkörpers nach, der Oberkörper sinkt
nach vorne. (Abb. 13). In den Kiefern schwindet der Teil, in dem einmal die
Zähne gesessen, und die Zähne fallen aus (Abb. 14 u. 15).
[Illustration: Abb. 13. Krümmung der Wirbelsäule im Alter. +A+
Wirbelsäule einer Frau von 35 Jahren. +B+ eines Mannes von 83
Jahren. Aus Ewald.]
[Illustration: Abb. 14. Unterkiefer eines erwachsenen
Menschen. Nach Toldt.]
[Illustration: Abb. 15. Unterkiefer eines alten Menschen.
Nach Ribbert.]
Denken und Handeln des alternden Menschen haben sich auch verändert. Man
denkt und handelt langsamer, träger. Man humpelt, wenn das Alter gekommen,
auch im Denken, genau so wie man mühsam mit Krücken sich fortbewegt, über
Pflaster und Stiege geht.