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Warum wir sterben
Von
Dr. Alexander Lipschütz
Zürich
Also sprach Zarathustra:
Wichtig nehmen alle das Sterben: Aber noch ist der Tod kein
Fest. Noch erlernten die Menschen nicht, wie man die
schönsten Feste weiht.
Mit 36 Abbildungen im Text
[Illustration: Signet]
_Stuttgart_
Kosmos, Gesellschaft der Naturfreunde
Geschäftsstelle: Franckh'sche Verlagshandlung
1914
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort 5
1. Gevatter Tod und Bazillen 7
2. Der Tod und die Wissenschaft 15
3. Leben und Tod 18
4. Tod und Unsterblichkeit 24
5. Der sterbende Zellenstaat 30
6. Das Altenteil der Zellen im Zellenstaat 34
7. Wie wir sterben 41
8. Lebensgeschichte eines Pantoffeltierchens 52
9. Jugend und Alter der Nervenzellen 64
10. Der Tod der Eintagsfliege 75
11. Kopulation und Befruchtung 80
12. Die Unvollkommenheit des Stoffwechsels 85
Alle Rechte, besonders das Übersetzungsrecht, vorbehalten.
+Copyright 1914 by Franckh'sche Verlagshandlung, Stuttgart.+
Ich habe das Problem des Todes in den Zusammenhängen, wie ich es in diesen
Blättern bringe, zum ersten Mal vor etwa zwei Jahren in dem Feuilleton
einer Tageszeitung behandelt. Eine ähnliche wissenschaftliche Behandlung
hat das Todesproblem in ausgezeichneter Weise durch _Doflein_ erfahren.
Meine Darstellung knüpft an das an, was unsere großen Meister des
biologisch-medizinischen Denkens, wie _Nothnagel_, _Ribbert_ und _Verworn_,
an Bausteinen und an allgemeinen Gesichtspunkten für eine Erörterung des
Todesproblems zusammengetragen haben, und ich habe versucht, diese
Gesichtspunkte _zellularphysiologisch_ weiter auszugestalten durch
Berücksichtigung der zahlreichen zellularpathologischen Arbeiten des
russischen Forschers _Mühlmann_. Das Tatsachenmaterial, über das diese
beiden Forscher berichtet haben, ist für eine wissenschaftliche Behandlung
des Todesproblems von einschneidender Bedeutung, wenn auch _Mühlmann_ in
seinen kritischen Studien über den Tod zu Schlüssen gelangt ist, die ich
keinesfalls unterschreiben will. Ich habe in meine Erörterung auch den
Begriff der »Unvollkommenheit des Stoffwechsels« eingeführt, den _Jickeli_
für die Behandlung biologischer Fragen -- wenn auch in anderen
Zusammenhängen und in nicht ganz glücklicher Weise -- als erster zu
verwerten bemüht war. Den ganzen Komplex der wichtigen Partialprobleme des
Todes, die _Friedenthal_ und _Rubner_ in ihren Arbeiten behandelt haben,
habe ich unberücksichtigt lassen müssen, da sonst meine Darstellung zu sehr
angewachsen wäre. Wer eingehender über das Problem des Todes orientiert
sein will, sei auf meine »_Allgemeine Physiologie des Todes_« verwiesen,
die im Verlag von _Vieweg u. Sohn_ erscheinen wird. In diesem Buch wird der
Leser auch all die Originalarbeiten genannt finden, die meinen Ausführungen
über den Tod zugrundeliegen. --
Noch einige Worte über die _Sprache_, in der ich meine Darstellung
geschrieben habe. Ich habe mich nicht bemüht, meine Umgangssprache, in der
ich mich sonst über biologische Dinge auszusprechen pflege, in die
spanischen Stiefel der modernen Schreibsprache hineinzuzwängen. Ich habe
vielmehr so geschrieben, wie ich spreche. Es ist mir nicht klar, warum die
Schriftsprache anders sein soll als die mündliche Sprache, gewissermaßen
ein »Sonntagsdeutsch«. Das Schriftdeutsch ist heute wahrhaftig genau so ein
Sonntagsdeutsch wie unsere Festkleidung ein pompöser Sonntagsstaat ist. Wie
im Sonntagsstaat so fühle ich mich auch beengt im Sonntagsdeutsch. Und ich
will darum nicht anders schreiben als in meinem Werktagsdeutsch. Man kann
seine Feste feiern auch ohne die spanischen Stiefel des guten Tones. --
Den Herren, die mich bei der Ausführung dieser Arbeit unterstützt haben,
sei es durch Übersendung von Separatabdrücken, sei es durch
Literaturhinweise und Überlassung von Büchern, sage ich auch an dieser
Stelle meinen herzlichsten Dank. Zu besonderem Danke bin ich der Bibliothek
des Zoologischen Instituts unserer Universität verpflichtet. Ebenso Herrn
Dr. _M. Mühlmann_ für die freundliche Überlassung einiger
Originalzeichnungen. Ich möchte schließlich nicht versäumen, auch Herrn Dr.
_J. Strohl_, Privatdozent der Zoologie in Zürich, meinen besten Dank für
manchen erteilten Ratschlag auszusprechen.
_Zürich_, im Mai 1914.
#Alex. Lipschütz.#
1. Gevatter Tod und Bazillen.
Erzählen will ich zunächst von Gevatter Tod und _Bazillen_.
Es hat mancher heute eine eigene Krankheit, die Bazillenfurcht heißt. Es
nagt in ihm nicht der Tuberkelbazillus in der Lunge oder in den Knochen,
nicht Eitererreger sind in seinem Blut. Wer von Bazillenfurcht befallen
ist, krankt an Bazillen, die nicht in seinem Körper, sondern außer ihm
sind. Man hat so viel von Bazillen gehört, so einseitig gehört, nur gehört
und nicht durchdacht, daß man sie stets und überall -- und soweit ja mit
gutem Recht -- wittert und in heller Angst herumläuft, sie, die
allgegenwärtigen und bösen, die unsichtbar sind wie Beelzebub und
Astharote, spielten einem den Streich. Man krankt an der _Furcht_ vor
Bazillen.
Und der Hohepriester derer, die an Bazillenfurcht kranken, ist Herr
Professor _Metschnikoff_ in Paris, ein wirklich Großer in der modernen
Naturwissenschaft ... Da müssen wir schon eine Pause machen, um
Metschnikoff bei seinem Morgenfrühstück zuzuschauen, über das ihn einmal
ein Zeitungsmann ausgefragt hat.
Unsereiner nimmt ahnungslos Messer, Gabel und Löffel in die Hand, so wie
sie auf dem Tische daliegen. Ohne zu wissen, daß uns dabei direkte
Lebensgefahr droht -- von wegen der allgegenwärtigen Bazillen natürlich.
Metschnikoff ist da viel vorsichtiger. Und offenherzig genug, um zuzugeben,
daß er Messer, Gabel und Löffel vor dem Gebrauch an einer Flamme ausbrennt,
um alle Keime abzutöten. Unsereiner beißt ahnungslos in seine Stulle und in
seinen Weck, oder wie das Brötchen sonst heißen mag, ohne zu wissen, daß
auf der goldbraunen Kruste des Brötchens gefährliche Mikroben sitzen.
Metschnikoff aber röstet zunächst das Brot, um den Bazillen den Garaus zu
machen: denn er kennt ihre Schliche und Wege und geht ihnen nicht in die
Falle. Unsereiner ißt Erdbeeren, ungebrüht und vielleicht sogar
ungewaschen. Metschnikoff versagt sich den Genuß von Erdbeeren ganz --
immer von wegen der Bazillen. Aber eine Banane will schließlich auch ein
Metschnikoff essen. »Hier sehen Sie,« hat Metschnikoff so ungefähr dem
Zeitungsmann gesagt, »ein paar Bananen, die ich mir gekauft habe, um sie
nach Hause mitzunehmen. Weil diese Frucht mit einer dicken Schale bedeckt
ist, glauben viele, daß die Bananen keine Bazillen haben. Weit gefehlt! Es
sind doch welche drin, und in meinem Hause werden darum die Bananen immer
erst gebrüht, bevor sie gegessen werden. Ich tauche sie etwa eine Minute
lang in kochendes Wasser, und die Frucht verliert dabei nichts von ihrem
Wohlgeschmack ...«
Ist ja alles so weit sehr schön: aber die _Zeit_, die einer da zu seinem
Morgenfrühstück braucht! Die kann sich wahrhaftig doch nicht jedermann
leisten.
_Aber was tut nicht einer, der dem #Tode# entrinnen will!_
Denn mit dem Tod und den Bazillen ist es nach Metschnikoff folgendermaßen
bestellt.
Wir sind alle von Bazillen bevölkert, von Millionen und Abermillionen
Bazillen, die in unserem Darme wohnen. Namentlich in dem unteren Teile des
Darmrohres, im Dickdarm, sind die Bakterien[1] wohl zu Hause. Wie ungeheuer
viele es sein mögen: wenn man bedenkt, daß wir insgesamt an die sieben
Meter Darm, und davon etwa anderthalb Meter Dickdarm herumtragen (Abb. 1)!
Wollten wir die Bakterien zählen, die bloß in einem allerkleinsten
Krümelchen unseres Darminhaltes drin sind, wir kämen schon in die Millionen
hinein. Über hunderttausend Milliarden Bazillen -- also eine Million mal
Million und dann noch mal hundert -- werden es nach allerlei Berechnungen
wohl schon sein, die wir in unserm Darm insgesamt beherbergen. Ein ganzes
Drittel von dem, was wir aus dem Darm an einem Tage entleeren, sind lauter
Bazillen!
[1] Bazillen und Bakterien gebrauchen wir in unserer
Darstellung in ein und derselben Bedeutung.
[Illustration: Abb. 1. Schema des Verdauungsrohres. 1 Gaumen,
2 Mundspalte, 3 Zunge, 4 Schlund, 5 Kehldeckel, 6 Luftröhre,
7 Speiseröhre, 8 Mageneingang, 9 Magen, 10 Magenausgang, 11
Zwölffingerdarm, mit dem der Dünndarm beginnt, 12
Dünndarmschlingen, 13 Übergang des Dünndarms in den
Blinddarm, 14 Blinddarm, mit dem der Dickdarm beginnt, 15
Wurmfortsatz, 16, 17, 18 Dickdarm, 19, 20 Enddarm. Nach
Rauber.]
Und Metschnikoff hat sich gesagt, daß es diese Bazillenbevölkerung ist, die
uns ein frühes Grab gräbt. Die Bakterien scheiden, wie alle andere
lebendige Substanz, Stoffwechselprodukte aus, Schlacken des Lebens, wenn
man will. Diese Stoffwechselprodukte gelangen aus dem Darm ins Blut. Zum
Teil werden diese Stoffe, die in größeren Mengen zweifellos Gifte für die
Zellen unseres Körpers sind, von manchen arbeitsfreudigen Zellen des
Zellenstaates, z. B. von den Zellen der Leber, abgefangen, zu ungiftigen
Stoffen verarbeitet und durch die Nieren nach außen abgeschieden. Die Leber
hat eine Schutzaufgabe in unserem Körper, Polizeifunktion, wenn man so
will. Das sind Tatsachen, die jedermann kennt. Metschnikoff nun ist der
Meinung, daß es mit dem Unschädlichmachen der Gifte, die von den
Darmbakterien ins Blut gelangen, doch nicht so auf das allerbeste bestellt
ist, wie man glauben möchte. Denn man muß bedenken, daß die Stoffe, die von
den Bakterien des Dickdarms abgegeben werden, tatsächlich sehr starke Gifte
sind. Sie gehören in die Gruppe des Karbols hinein, das jedermann als
todbringendes Gift kennt. Man kann diese Gifte in den Ausscheidungen des
Darms sowohl als der Nieren -- hier in verändertem Zustande -- finden. Und
da erscheint es auf den ersten Blick gar nicht so ohne, daß -- wie
Metschnikoff es will -- die giftigen Stoffwechselprodukte der Darmbakterien
daran schuld sind, daß wir früh alt werden und früh sterben.
Nun, einen direkten Beweis in diesen Dingen führen, das kann man natürlich
nicht. Denn man müßte ja dann seinen Versuch so einrichten, daß man zusähe,
wie lange einer lebte, der keine Bakterien im Darm hätte. Wir Menschen und
ebenso alle Tiere haben aber stets ihr Bakterienvolk im Darm. Und dann: ein
bißchen langwierig wäre es schließlich doch, so zuzusehen, wie lange einer
lebte, ob 100, 200 oder gar noch mehr Jahre. Unserer hastenden Zeit ginge
dieses lange Zusehen nicht nach Geschmack ... Metschnikoff blieb also
nichts anderes übrig, als einen Umweg in seiner Beweisführung zu gehen. Er
hat sich gesagt, daß, wenn seine Theorie richtig ist, dann diejenigen
Tiere, die mehr Bakterien im Leibe haben, weniger lang leben müßten als
jene, die nicht so viel Bakterien in ihrem Körper beherbergen, d. h. die
einen kürzeren Dickdarm haben. Wer unter den Tieren einen kurzen Dickdarm
hat, der muß nach Metschnikoff länger leben.
Metschnikoff hat nun die Lebensdauer der Tiere mit ihrer Darmlänge
verglichen, und es hat sich dabei tatsächlich herausgestellt, daß
diejenigen Arten, die durch einen kurzen Dickdarm ausgezeichnet sind, wie
z. B. viele Vögel, eine sehr lange Lebensdauer haben, während z. B. die
Säugetiere, die einen viel längeren Dickdarm haben, viel früher sterben. So
weist Metschnikoff auf die Tatsache hin, daß z. B. Schwäne, Gänse, Raben
und manche Raubvögel über 50 Jahre, Papageien und Kakadus sogar über
80 Jahre leben können. Dagegen sterben Hunde, Katzen, Pferde und andere
Säugetiere stets in einem viel jüngeren Alter: ihre Lebensdauer beträgt in
der Regel nicht mehr als 15 Jahre, und ein Alter von 30 Jahren gehört bei
ihnen zu den seltensten Ausnahmen. Um ein sehr augenfälliges Beispiel zu
wählen: der Kanarienvogel hat eine Lebensdauer von etwa 20 Jahren, die etwa
gleich große Maus lebt höchstens 6 Jahre. Mit der Länge des Dickdarms nimmt
nun selbstverständlich die Menge der giftspendenden Bakterien zu, die das
Tier in sich beherbergt. Und da war für Metschnikoff der Schluß gegeben,
daß es eben die Gifte der Darmbakterien sind, die die kürzere Lebensdauer
der Tiere verschulden.
Nachdem Metschnikoff sich die Sache so zurecht gelegt hatte, daß die
Bakterien am frühen Altern und Sterben von Tier und Mensch schuld seien,
hat er sich gesagt, daß es doch heute eigentlich ein großes _Unglück_ mit
dem Altern und mit dem Sterben sei. Das Altern von heute sei wie eine
Krankheit: unser Körper wird ganz allmählich von den Darmbakterien
vergiftet. Und wenn das Sterben und das Altern eine Krankheit ist, dann ist
es ja die schlimmste Krankheit, die es gibt. Die Tuberkelbazillen und die
Bazillen, die andere Krankheiten machen, töten die Menschen, die das
Unglück hatten, sich mit diesen Krankheitserregern anzustecken. Die
Darmbakterien aber hat jedermann in sich, _alle_ Menschen sind mit ihnen
behaftet, und die Menschen, die den Krankheiten sonst entronnen sind, gehen
an der Vergiftung durch Darmbakterien zugrunde: sie werden früh alt und
müssen früh sterben.
Das ist in Metschnikoffs Theorie des Pudels Kern: Wenn das Altern heute so
etwas wie eine Bakterienkrankheit ist, dann ist klar, daß man dieses Altern
und Sterben mit denselben Mitteln bekämpfen muß, wie jede andere Krankheit
auch. Und es bot sich da für Metschnikoff das allbekannte Beispiel mit dem
Alkohol. Wir wissen, daß das Alkoholgift unsern Körper schädigt, wenn er
Tag für Tag genossen wird, daß auf dem Alkoholgenuß eine ganze Reihe von
Krankheiten beruhen, an denen die Menschen nach langem Siechtum zugrunde
gehen. Wir bekämpfen dieses Siechtum, indem wir das Gift, den Alkohol, zu
meiden suchen. Also: auch das Gift des frühzeitigen Alters, die Gifte der
Darmbakterien, müssen von unserem Körper ferngehalten werden, damit die
Menschen länger leben und eines natürlichen Todes sterben könnten. Das war
für Metschnikoff ein ganzes Programm: den Bakterien beikommen, die in
unserem Dickdarm nisten.
Aber wie? Das war die große Frage.
Metschnikoff hatte da zunächst einen ganz radikalen Einfall. Es ist nämlich
eine Tatsache, daß wir in unserem sieben Meter langen Darm ein Organ haben,
das für uns Menschen gut anders eingerichtet sein könnte, als es in
Wirklichkeit ist. Der Darm ist viel, viel länger als wir ihn wirklich
brauchen. Der Dickdarm ist für uns sogar völlig nutzlos. Man kann einem
Menschen den größten Teil des Dickdarms herausschneiden, ohne seine
Gesundheit zu beeinträchtigen. Man hat bei manchen Patienten solche
Operationen schon vornehmen müssen. Die Patienten, die an schweren
Darmkrankheiten litten, und diese Operation durchmachen mußten, wurden
vollständig gesund. Für den Pflanzenfresser ist der Dickdarm wohl von
Nutzen, denn der Pflanzenfresser braucht einen langen Darm: seine Nahrung
ist schwer verdaulich und muß längere Zeit im Darm verweilen, und bei der
Verdauung der Nahrung helfen hier sogar die Darmbakterien mit. Aber für uns
Menschen ist der Dickdarm nicht nur nutzlos, sondern direkt schädlich. Denn
ein Teil des Dickdarms, der Wurmfortsatz des Blinddarms, neigt beim
Menschen sehr zu Erkrankungen, und jedermann weiß, wie gefährlich die
Blinddarmentzündung ist, wenn man sie vernachlässigt, und daß schon manch
blühendes Menschenleben an einer vernachlässigten Blinddarmentzündung
zugrunde gegangen ist. Und was nicht alles noch an andern Krankheiten
häufig genug den Dickdarm befällt!
Aber noch mehr! Nicht nur der Dickdarm ist zu lang oder gar nutzlos für
uns: auch der Dünndarm ist zu lang geraten. Die Ärzte sind schon häufig
genug in die Lage gekommen, einem Patienten kleinere oder größere Stücke
aus dem Dünndarm herauszuschneiden, und auch solchen Patienten geht es nach
der Operation gut. Vor einigen Jahren hat der Amerikaner _Underhill_
gezeigt, daß man Hunden einen sehr beträchtlichen Teil des Dünndarms
entfernen kann, ohne die Tiere in ihrer Gesundheit zu beeinträchtigen. So
schnitt Underhill seinen Hunden zunächst 2/5 ihres Dünndarms heraus. Die
Hunde blieben am Leben, verdauten wie immer ihre Nahrung und nahmen
unverdrossen an Gewicht zu. Erst wenn 2/3 des Darms den Versuchstieren
weggenommen waren, ging es den Tieren schlecht: mit dem letzten Drittel
ihres Dünndarmes konnten sie wohl doch nicht mehr so viel verdauen, als
nötig war, und sie nahmen jetzt an Gewicht ab. Nun braucht ja das, was
Underhill für den vorwiegend fleischfressenden Hund nachgewiesen hat, nicht
gerade in genau demselben Maße für den Menschen zu gelten, da wir ja neben
Fleisch auch pflanzliche Nahrung zu uns nehmen, deren Verdauung schwieriger
ist und einen längeren Darm verlangt. Aber wahrscheinlich ist es doch, daß
wir einen zu langen Darm haben und ein gut Teil davon zu unserem Nutz und
Frommen wohl einbüßen könnten.
Also war der radikale Einfall von Metschnikoff der, daß man den Menschen
den Dickdarm herausschneiden solle, um ihnen damit ein langes Leben zu
schenken.
Aber der Gedanke war doch zu radikal, um zu Ende gedacht zu werden. Auch
seinen eigenen Dickdarm, geschweige denn einen Teil seines Dünndarms, hat
Metschnikoff nicht für seine Idee als Opfer auf den Altar der Menschheit
legen wollen. Er hat diesen radikalen Weg zur Lebensverlängerung für eine
ferne Zukunft vorbehalten und ist für heute einen Kompromiß eingegangen.
Wer's ihm da angetan hatte? Sehr einfach: zunächst bloß ein Topf saurer
Milch. Oder nein, es sind eigentlich wiederum Bazillen, die da im Spiele
waren. Aber dieses Mal Bazillen, die _wohltätig_ sind: die Bakterien der
sauren Milch, die nach Metschnikoff mit gar artigen Eigenschaften
ausgezeichnet sind. Die Sache verhält sich hier folgendermaßen. Das
Sauerwerden der Milch beruht darauf, daß die sog. Milchsäurebakterien, die
sich schon innerhalb 24 Stunden in der Milch zu ganz gewaltigen Mengen
vermehren, den Milchzucker vergären. Aus dem Milchzucker entsteht dabei
eine Säure, die man Milchsäure nennt. Die macht die Milch sauer und macht
sie dick, denn in der angesäuerten Milch ballt sich das Kasein, der
Eiweißstoff der Milch zusammen, das Eiweiß der Milch gerinnt dabei genau
so, wie das Hühnereiweiß beim Kochen gerinnt. Worauf es Metschnikoff aber
ankam, das ist der Umstand, daß die Säure ein Mittel ist gegen
Bakterienfäulnis. Die Bakterien, die eine Fäulnis von abgestorbener
lebendiger Substanz hervorrufen, können ihre Wirkung nicht tun, wenn es
rings um sie sauer ist. So verhindert z. B. der saure Magensaft, der sich
auf die genossenen Speisen im Magen ergießt, die Fäulnis der Speisen. Hier
im sauren Magensaft können die fäulniserregenden Bakterien nicht gut
aufkommen und sie können hier ihre Geschäfte nicht betreiben. Erst im Darm,
wo die Verdauungssäfte nicht mehr sauer, sondern alkalisch sind, d. h. wo
die Bakterien in einer stark verdünnten Lauge schwimmen, da beginnt die
Fäulnis der Nahrung oder der Nahrungsreste. Das ist namentlich im Dickdarm
der Fall, und von hier gelangen all die schädlichen Stoffe der Fäulnis in
den Kreislauf des Blutes, in den Zellenstaat hinein. Gut, hat sich
Metschnikoff gesagt, machen wir den Bakterien im Darm das Leben sauer!
Trinken wir saure Milch! Wir bevölkern dann unsern Magen und unsern Darm
mit Milchsäurebakterien und ekeln einfach die Fäulnisbakterien heraus!
[Illustration: Abb. 2. Pantoffeltierchen. Sehr stark
vergrößert. +mf+ Mundfeld, +m+ Mund, +sch+ Schlund, +na+
Nahrungsballen, +ps+ pulsierendes Bläschen (Vakuole) +ma+
Großkern, +mi+ Kleinkern. Rings um den Protoplasmaleib herum
sieht man die Wimperhärchen, mit denen die Zelle im Wasser
schlägt und sich fortbewegt. Aus Stridde.]
Das war Metschnikoffs Losung im Kampfe gegen Gevatter Tod: nicht mit Lanze
und Speer zog er aus in den Kampf, sondern mit einem Troß von Bazillen
gegen Bazillen.
Wer an Bazillenfurcht krankt, schüttelt ungläubig den Kopf. Mit Unrecht.
Denn soweit es sich um die gesundheitsschädliche Wirkung starker
Fäulnisvorgänge im Darm handelt und um die Möglichkeit, diese Fäulnis durch
eine Milchdiät zu bekämpfen, hatte sich Metschnikoff ja an Tatsachen
gehalten. Hier kann man Meister Metschnikoff nichts anhaben, hier hat er
recht. Die Frage ist aber die, ob die Darmbakterien, die die Fäulnisstoffe
im Dickdarm produzieren, wirklich die bösen Geister sind, die uns _ins
frühe Grab_ bringen. Doch Metschnikoff hat sich mit dieser Frage nicht
weiter abgeben wollen und er ist von nun an nur _einem_ Ziele nachgegangen:
den Kampf von Bazillen gegen Bazillen im Darm möglichst zuungunsten
derjenigen Bakterien zu gestalten, die seiner Meinung nach uns das frühe
Grab graben. +Corriger la fortune!+
Was da Metschnikoff nicht alles ersonnen und versucht hat, denkt sich
unsereiner gar nicht aus. Zu den Bulgaren war er in die Lehre gegangen und
er hat ihnen ihre saure Milch, den Yoghurt, abgeguckt. Ja, die Bulgaren
waren ein fetter Braten für Metschnikoffs Theorie von der Bedeutung der
sauren Milch im Kampfe gegen Gevatter Tod. In keinem andern Lande gibt es
nämlich so viel alte Leute wie in Bulgarien. Da laufen die Menschen von
über hundert Jahren zu tausenden herum. Aha, hat sich Metschnikoff gesagt,
das ist alles von wegen der sauren Milch, von wegen des Yoghurts, den die
Bulgaren trinken. Das wäre nun ein Elixier, noch viel wirksamer als die
gewöhnliche dicke Milch. Also trinket, ihr Kinder des Todes, dicke Milch
oder Yoghurt und ihr werdet alt werden wie Methusalem! Euern langen Darm
braucht ihr nicht herzugeben, das sei euern Urenkeln überlassen. Vielleicht
werdet ihr sogar noch Augenzeugen davon sein ...
Wer wird nun aber immer wieder und wieder dicke Milch trinken wollen!
Mancher tuts wohl sein Leben lang, aber nach jedermanns Geschmack ist das
doch nicht. Nun, habt ihr nach dicker Milch kein Begehr, euch ist
trotzdem geholfen. Denn Metschnikoff kommt euch dann mit einem Eßlöffel
voll Bakterien der sauren Milch, die ihr in konzentrierter Form essen
könnt, genau so, wie wenn einer Hefe äße. Die Hefe ist nichts anderes als
ein Ballen von vielen Millionen kleiner Lebewesen, der Hefezellen. Und
wenn man Hefe zu den Speisen, z. B. zum Brot fügt, warum nicht auch
»Laktobazillin«, die Bakterien der sauren Milch, die ihr sogar in
Pastillenform in der Apotheke kaufen könnt. Für billiges Geld habt ihr
euch langes Leben erkauft, tragt euer Glück in der Tasche. Und all das
von wegen der Bakterien, die ihr im Kampfe gegen die bösen, todbringenden
Bakteriengeister in euerm Dickdarm wohl gebrauchen könnt.
Metschnikoff ist bei den Bakterien der sauren Milch und des Joghurts nicht
stehen geblieben. Wie ein großer Feldherr mit seinen Soldaten gegen die
feindlichen Heerscharen, so rückt Metschnikoff immer aufs neue mit allerlei
treuen Bakterien gegen die verräterischen Dickdarmbakterien vor. Er sammelt
seine Scharen, verfügt, disloziert ... Er hat Bakterienarten ausfindig
gemacht, die noch viel wirksamer sind im Kampfe gegen die Bakterien des
Dickdarms als die Bakterien der sauren Milch und des Joghurts. Und es ist
gar nicht abzusehen, wie weit Metschnikoff es im Verein mit seinen getreuen
Bakterien noch bringen wird: denn im Zeichen der Bakterien leben wir
heute ...
2. Der Tod und die Wissenschaft.
Kein Arzt bezweifelt, daß die Stoffe der Darmfäulnis, die in den
Blutkreislauf gelangen, der Gesundheit schädlich sind. Zweifellos können
manche krankhafte Zustände, manche Erkrankungen der inneren Organe und wohl
namentlich die leichteren Störungen des Nervensystems auf einer
Überschwemmung unseres Zellenstaates mit den Stoffwechselprodukten der
Darmbakterien beruhen. Wer kennt nicht den Kopfschmerz, der sich mit
Sicherheit dann einstellt, wenn einmal der Dickdarm nicht recht arbeiten
will? Und es ist heute sicher, daß der Genuß von dicker Milch ein Mittel
ist, seinen Körper gesund zu erhalten, weil eben, wie wir im vorigen
Kapitel erfahren haben, die Bakterien der sauren Milch und die Milchsäure
uns eine Waffe sind im Kampfe gegen die Darmbakterien.
Nun hat sich natürlich in der kurzen Spanne Zeit, seit der die Welt von der
dicken Milch als von einem eigentlichen Lebensverlängerungsmittel etwas
weiß, nicht feststellen lassen, ob Metschnikoff die saure Milch in ihrer
Bedeutung als eines Lebenselixiers nicht doch zu hoch eingeschätzt hat. Es
ist wohl möglich, daß die dicke Milch uns schließlich doch nicht das Alter
von weiland Methusalem garantiert.
Aber nehmen wir an, die dicke Milch wäre wirklich ein
Lebensverlängerungsmittel +Ia+, wie es Metschnikoff will, und die
Darmbakterien wären die bösen Geister, die uns ins frühe Grab bringen.
_Wäre damit für die Wissenschaft das Problem des Todes gelöst?_
Mit nichten! Auch Metschnikoff selber will ja mit Hilfe seiner dicken
Milch das Altern und den Tod der Menschen nur _hinausschieben_. Und
wenn die dicke Milch auch wirklich das Lebensverlängerungsmittel wäre,
das Metschnikoff in ihr sieht, wir könnten dann _dieses_
Lebensverlängerungsmittel doch nicht anders werten als tausend andere
auch.
Schaut um euch, wie ihr lebt! In engen Häusern zusammengepfercht, die
aussehen wie Zwingburgen. Zwingburgen der frischen Luft sind eure
Wohnstätten. Ihr baut Bollwerke gegen Luft, Sonne und Licht. Ihr vergiftet
euch mit Alkohol, schwächt euern Leib durch Arbeit über alles Maß,
mißachtet verbriefte Rechte der Frucht im Leibe und des Nachwuchses, der
nach Lebensbejahung lechzt. Und kommen Städtebauer zu euch, die
Gartenstädte planieren und die Stätte der Arbeit als einen geweihten Tempel
erstehen lassen wollen, kommen Apostel zu euch, die euch die Rechte eurer
Kinder predigen, was habt ihr dann für all das übrig? ...
Doch gut. Es wird eine Zeit kommen, wo ihr Augen haben werdet für den
Städtebauer und Ohren für den Apostel. Und stellt euch vor: auch
Metschnikoffs Wort -- das von der sauren Milch -- war auf fruchtbaren Boden
gefallen. Oder gar die ferne Zukunft ist schon gekommen, wo ihr dickdarmlos
lustwandelt in Sonne und Licht in den Gefilden des Menschenglücks, und wo
euch die Arbeit geworden ist ein kurzweilig Spiel. Nicht siebzig Jahre
mehr, nein hundertundzwanzig und schließlich gar das Alter von Methusalem
verzeichnet jetzt die Reichsstatistik als das Durchschnittsalter der
Menschen.
Und trotz alledem: _es wäre auch dann noch so gut wie heute das Problem des
Todes für die Wissenschaft da_. Auch dickdarmlos in den sonnigen Gefilden
des Glücks würden wir nicht ewig leben: wir würden doch altern und sterben.
Man trüge schließlich doch eine sterbliche Hülle, eine Leiche zu Grabe. Aus
_Altersschwäche_, wie man zu sagen pflegt, würden wir sterben.
Es hat sehr, sehr lange gedauert, bis die Menschen dahin gekommen sind,
sich die Frage nach einem Tod aus Altersschwäche zu stellen. Machen wir
einen Spaziergang zu den Indianern in Zentralbrasilien, zu den Bakairi, und
erzählen wir ihnen, daß jedermann sterben müsse. Die Bakairi lachen uns
gründlich aus. Genau so würde es uns ergehen, wenn wir zu den viel höher
stehenden Melanesiern und Polynesiern damit kommen wollten, daß jedermann
sterben müsse. Die Erfahrung des »Wilden« reicht nicht so weit, wie die des
Kulturmenschen. Er weiß nur von den Dingen, die sich innerhalb der kleinen
Horde abgespielt haben, der er angehört, womöglich auch nur von den
Begebenheiten, deren Augenzeuge er und seine wenigen Zeitgenossen waren.
Und er selbst hat durchaus nicht alle Leute seiner Horde, durchaus nicht
jedermann sterben gesehen. Nur den einen oder den andern aus seiner eigenen
Horde oder aus den kleinen Horden, mit denen er in Berührung gekommen ist,
hat er sterben gesehen. Auch kann er sich keine Rechenschaft darüber
abgeben, wie viele Leute gestorben sind, denn er kann nur bis 10, selten
bis 20 zählen. In seinem Erfahrungskreis ist also der Tod eine seltene
Erscheinung, durchaus nicht etwas, was alltäglich vorkommt. Zudem ereilt
der Tod einen sehr selten auf dem Lager in der Horde, die meisten Genossen
sterben im Kampfe mit dem Feind oder erliegen Verletzungen, die sie sich
auf der Jagd oder auf einem längeren Marsch zugezogen haben. Für den
primitiven Menschen ist aber auch die Krankheit, die einen befällt, ein
böser Geist, der teuflischerweise von einem Besitz ergriffen hat. Und so
wird auch der Tod des Greises, der schon an und für sich eine ungewöhnliche
Erscheinung im Leben der wilden Horde ist, im Sinne des Geisterglaubens der
Wilden folgerichtig als ein böser Streich eines feindseligen Geistes
gedeutet.
Auch in unserem Denken über den Tod spukt noch der Geisterglaube, wenn wir
vermeinen, mit Hilfe irgendeines Elixiers Gevatter Tod von uns ganz
abzuhalten. _Die Wissenschaft aber, frei von allem Geisterglauben, kennt
heute das Problem des Todes aus Altersschwäche, das Problem des Alters und
des Todes, der unerbittlich kommt._ Trotz saurer Milch und aller herrlichen
Dinge der Welt, trotz Licht und Sonne und Glück. Das ist ein viel weiter
greifendes Problem in der Biologie, in der Lehre vom Leben, als jener Tod,
den wir mit dicker Milch und tausend andern Mitteln glauben bekämpfen zu
können.
3. Leben und Tod.
Eine _Leiche_ wird zu Grabe getragen. Die reglose Leiche ist uns das Abbild
des _Todes_. Und wenn wir die große Frage aufwerfen, ob alle lebendige
Substanz einmal aus Altersschwäche sterben muß, so stellen wir damit die
Frage, ob alle lebendigen Zellen, in welcher Form wir sie auch vor uns
hätten -- als einzelliges Lebewesen oder als pflanzlichen oder tierischen
Zellenstaat --, im normalen Kreislauf ihres Lebens zu einer Leiche werden.
Doch vorerst: was ist eine Leiche? Lebendige Substanz, Zellsubstanz, die
aufgehört hat zu _leben_.
Aber was ist »Leben«? Wir können vom Sterben, von der Entstehung der Leiche
nicht sprechen, bevor wir uns nicht darüber klar geworden sind, was Leben
ist.
Wir sind heutzutage über die Zeit hinaus, wo man auf die Frage, was Leben
ist, damit zu antworten pflegte, daß man die Meinungen von so und so viel
Gelehrten darüber aufzählte, Meinungen, die in der Regel einander
widersprachen. Wir wissen heute, daß Leben nichts anderes ist, als eine
Summe sehr verwickelter chemischer Vorgänge, die sich im Rahmen einer Zelle
abspielen. Im Mittelpunkt dieser Vorgänge stehen die Eiweißstoffe, so
benannt, weil der Chemiker sie dem Weiß des Hühnereies sehr ähnlich
gefunden hat. Alles Leben besteht nun darin, daß die Eiweißstoffe der
Zellen bestimmte chemische Veränderungen erfahren, verbrennen. Aber die
Zelle geht dabei nicht zugrunde: denn in das kleine chemische Laboratorium
der Zelle werden immer wieder Stoffe von außen aufgenommen, die zu
lebendiger Zellsubstanz verarbeitet werden. So findet ein ständiger
Stoffwechsel in der Zelle statt: Stoffe, die zur lebendigen Substanz der
Zelle gehören, werden verbrannt, und die Verbrennungsprodukte, die
Stoffwechselprodukte der Zelle werden aus dieser ausgeschieden; und neue
Stoffe werden von außen aufgenommen, um als Ersatz für den verbrannten
Anteil der lebendigen Zellsubstanz zu dienen. _Alles_ Leben beruht auf
diesem Stoffwechsel der lebendigen Substanz, und alle Lehre vom Leben ist
nichts anderes als die Lehre vom Stoffwechsel der Zellen. Das Leben
erforschen, heißt, den Stoffwechsel erkennen, der sich in der Zelle
abspielt. Auf den chemischen Vorgängen, die man als Stoffwechsel der
lebendigen Substanz zusammenfaßt, beruhen alle Erscheinungen, die man
Leben nennt: Bewegung, Ernährung, Fortpflanzung, Empfindung und Denken.
Mit Bezug darauf, wie aus dem Stoffwechsel der lebendigen Substanz die
Lebensäußerungen folgen, stehen die Dinge viel einfacher, als mancher
glaubt. Folgendes Beispiel soll uns da aushelfen. In der Dampfmaschine
verbrennen Stoffe, die wir auch sonst, wo's uns gerade paßt, verbrennen
können. Aber in der Dampfmaschine geht die Verbrennung dieser Stoffe so vor
sich, daß die brennenden Stoffe bestimmte Arbeit leisten. Mit dem Brennen
der Stoffe in der Dampfmaschine ist die Arbeit dieser _gegeben_, sie ist
da, es steckt hinter der Arbeit der Dampfmaschine _nichts_ anderes dahinter
als das Brennen von Stoffen in ihr. Ebenso steckt hinter den
Lebensäußerungen der lebendigen Substanz, und mögen diese Lebensäußerungen
noch so kompliziert und auf den ersten Blick ganz unerklärlich sein, nichts
anderes dahinter als ein Stoffverbrauch und Stoffersatz, nichts anderes als
der Stoffwechsel der Zellen. Mit diesem Stoffwechsel sind alle
Lebensäußerungen schon gegeben, man kann sie mit demselben Recht als
Stoffwechselvorgänge und als Lebensäußerungen ansprechen: die stofflichen
Vorgänge, die sich z. B. im Muskel abspielen, sind Bewegung des Muskels,
die Stoffwechselvorgänge, die sich in den Zellen unseres Gehirnes
abspielen, sind Denken.
Wenn alles Leben nichts anderes ist, als der Stoffwechsel der lebendigen
Substanz, so bedeutet der Tod der Zelle, das Erlöschen des Lebens in ihr,
daß der Stoffwechsel der Zelle aufgehört hat. Und eine Leiche ist eine
Zelle, die nicht mehr den Stoffwechsel hat, den wir Leben nennen.
Aber damit ist doch noch nicht alles über die Leiche gesagt. Und da wollen
wir von einem Versuch erzählen, der uns einen Einblick gewährt in noch
andere Dinge, die man über Tod und Leiche wissen muß.
Wir holen uns aus einem Aquarium einige Pantoffeltierchen, die
mikroskopisch kleine einzellige Lebewesen sind (Abb. 2, S. 13), heraus,
indem wir einen Tropfen Wasser aus dem Aquarium schöpfen. Den Tropfen mit
den Pantoffeltierchen bringen wir auf ein Glasplättchen in einer geeigneten
Vorrichtung unter das Mikroskop. Dann richten wir es so ein, daß Alkohol an
unserem Tropfen vorbeistreicht (Abb. 3). Die Pantoffeltierchen, die bisher
in lebhafter Bewegung begriffen und pfeilschnell im Tropfen hin und her
geschwirrt waren, sehen wir schon nach wenigen Minuten ihre Bewegungen
einstellen. Und bald liegen sie regungslos an Ort und Stelle. Sie sind
gelähmt. Aber nicht tot: denn lassen wir wieder frische Luft an den
Pantoffeltierchen vorbeistreichen, so haben sie sich bald erholt und sind
so munter wie je zuvor.
[Illustration: Abb. 3. #Versuchsanordnung zum Studium der
Einzelligen.# Unter dem Mikroskop die Glaskammer, die oben
durch ein dünnes Deckglas abgeschlossen ist. Am Deckglas ein
hängender Tropfen, in welchem sich die zu untersuchenden
Zellen befinden. Nach links ist die Glaskammer mit einer
Einrichtung verbunden, die es gestattet, verschiedene Gase
durch die Glaskammer zu pressen: das gewünschte Gas, z. B.
Luft, Sauerstoff oder Stickstoff, tritt aus einem
Glasbehälter in der Richtung des links angebrachten Pfeiles
in die Glaskammer ein und tritt in der Richtung des auf der
rechten Seite der Abbildung angebrachten Pfeiles durch eine
Wasserflasche wieder aus. Zwischen dem Gasbehälter und der
Glaskammer mit den zu untersuchenden Tieren ist eine
Vorrichtung aus Glas eingeschaltet, die es ermöglicht, nach
Belieben Alkoholdämpfe dem Gas beizumischen. Öffnet man den
Hahn +a+, so kann das Gas aus dem Gasbehälter in die Glaskammer
unter dem Mikroskop strömen: und zwar durch +c+ oder durch +b+, +K+
und +b1+. Schließen wir die Hähne +b+ und +b1+ ab, so gelangt das
Gas (z. B. Luft oder Sauerstoff) durch +c+ in die Glaskammer
unter dem Mikroskop. Schließen wir aber +c+, so muß das Gas
durch +b+, +K+ und +b1+ strömen. In +K+, das ein kleines Glaskölbchen
ist, können wir nach Öffnung des oben im Kölbchen steckenden
Gummistopfens, einen kleinen Wattebausch hineinbringen, den
wir vorher mit Alkohol getränkt haben: es werden sich also
jetzt dem durch die Glaskammer unter dem Mikroskop strömenden
Gase Alkoholdämpfe beimischen. Wollen wir nach einiger Zeit
unseren Versuchstieren wieder frisches Gas zuführen, so
brauchen wir nur +b+ und +b1+ zu schließen und +c+ zu öffnen. Nach
Ishikawa und Verworn. Schematisiert.]
Wir hatten die Tiere mit Alkohol vergiftet. Und es ist uns
selbstverständlich, daß die Vergiftung unserer Pantoffeltierchen nur darin
bestehen konnte, daß ihr Stoffwechsel gestört, geschädigt war. Der äußere
Ausdruck dieser Schädigung des Stoffwechsels ist die Lähmung der Zelle. Da
aber diese Lähmung, wie wir gesehen haben, rückgängig gemacht werden
konnte, so müssen wir voraussetzen, daß der Stoffwechsel der Zellen bei der
Alkoholvergiftung wohl beeinträchtigt, wohl geschädigt war, daß er aber
nicht ganz aufgehört hatte. Und tatsächlich wissen wir aus Versuchen, die
_Heaton_, ein junger Engländer, in _Verworns_ Laboratorium vor einigen
Jahren ausgeführt hat, daß bei der Alkoholvergiftung der Stoffwechsel der
lebendigen Substanz, auch wenn sie gelähmt ist, keinesfalls ganz
stillsteht: der Stoffwechsel ist nur verändert, aus seinen normalen Bahnen
gelenkt. Das ist es, was die Narkose, von der wir hier erzählt haben, vom
Tode unterscheidet: daß in dem ersten Falle der Schaden wieder gut gemacht
werden kann, im zweiten Falle aber nicht.
Mit dieser Betrachtung gewinnen wir die Möglichkeit, uns schärfer das
herauszuarbeiten, was eine Leiche ist: _eine Zelle ist zu einer Leiche
geworden, wenn ihr Stoffwechsel unwiderruflich stillgestanden, »irreparabel
erloschen« ist_, wie Verworn sich ausgedrückt hat ... Dann ist die Uhr des
Lebens abgelaufen ...
Es scheint nun auf den ersten Blick sehr leicht zu entscheiden, ob z. B.
ein Pantoffeltierchen, das wir unter dem Mikroskop vor uns haben, lebendig
ist oder tot, zu entscheiden, ob die Zelle eine Leiche ist. In Wahrheit ist
das gar nicht so leicht. Gewiß, wenn wir eben erst mit der Zufuhr von
Alkohol zum Wassertropfen begonnen haben, und unsere Pantoffeltierchen eben
erst in den Zustand der Narkose verfallen sind, so wissen wir aus
Erfahrung, daß unsere Zellen sich wieder erholen und alle normalen
Lebensäußerungen aufweisen werden, sobald wir den Alkohol durch frische
Luft aus dem Wassertropfen verdrängt haben werden. Aber wenn wir den
Versuch zu lange ausdehnen, wenn die Pantoffeltierchen zu lange unter der
Einwirkung des Alkohols gewesen sind, so gelingt es trotz Zufuhr von
frischer Luft nicht mehr, sie aus dem Zustande der Lähmung zu erwecken. Sie
sind tot, sie sind zu Leichen geworden. Und hier entsteht die Frage, in
welch einem Moment die Zelle gestorben ist, wann sie aufgehört hatte zu
leben und zu einer Leiche geworden ist. Mit andern Worten -- die Frage, _wo
die Grenze liegt zwischen Leben und Tod_.
Wollten wir diese Frage beantworten, wir würden in arge Verlegenheit
geraten. Aus dem einfachen Grunde, weil, wie die Erfahrung uns lehrt, es
eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht gibt.
Auch hier wieder tun wir gut, den kniffligen Fragen mit einem Versuch an
freilebenden Zellen nachzugehen. Und da hören wir am besten _Verworn_ zu,
der all diese Dinge an verschiedenen Einzelligen genau verfolgt hat. Wenn
wir von einem einzelligen Lebewesen, z. B. einem Pantoffeltierchen oder
einer Amöbe, durch eine geeignete Operation ein Stück abtrennen, so daß das
abgeschnittene Teilstück der Zelle nichts vom Kern mitbekommt, so wird der
zurückbleibende kernhaltige Teil der Zelle unverdrossen weiter leben. Ganz
anders der kernlose Teil: er geht innerhalb kürzerer oder längerer Zeit
unfehlbar zugrunde. Aber das geschieht ganz allmählich -- und über die
Geschichte des Todes, des allmählichen Sterbens eines kernlosen Teilstückes
einer Zelle wollen wir uns von Verworn an einem Einzeller, Orbitolites
genannt, der an der Sinaiküste im Roten Meer lebt und bis nahezu ein
Zentimeter groß werden kann, berichten lassen. Aus den Poren ihrer
Kalkschale streckt die Orbitolites-Zelle kernlose Protoplasmafäden,
Scheinfüßchen heraus (Abb. 4), mit deren Hilfe die Zelle sich bewegt und
Nahrung fängt. Schneidet man nun solche kernlose Protoplasmafäden von einem
Orbitolites ab, so ballen sie sich zunächst etwa zu einer Kugel zusammen
(Abb. 5). Später streckt die Protoplasmakugel selber Scheinfüßchen aus
(Abb. 6), als ob die Protoplasmakugel ein ganzer Orbitolites wäre, und mit
den Scheinfüßchen wird sogar Nahrung gefangen. Aber unser neugebackener
Orbitolites +en miniature+ kann die Nahrung nicht verdauen. Es fehlt ihm
eben das, was mit zu dem regelrechten Stoffwechsel einer Zelle gehört --
der Kern. So kommt es, daß die Protoplasmakugel wohl noch stundenlang sich
bewegen kann, sich dabei aber doch unaufhaltsam dem Tode nähert. Die
Scheinfüßchen, die die Protoplasmakugel ausstreckt, werden klumpig (Abb. 7)
und zerfallen (Abb. 8). Schließlich ist unsere ganze Protoplasmakugel zu
einem lockeren Haufen kleinster unbeweglicher Klümpchen und Körnchen
zerfallen. Sie ist tot ... In eigener poetischer Weise hat Verworn dieses
allmähliche Sterben der lebendigen Substanz an einem abgetrennten kernlosen
Stück des Pantoffeltierchens beschrieben: »Das kernlose Teilstück verhält
sich ... zunächst vollkommen normal. Die Wimpern sind in derselben Weise
tätig wie bei diesem Körperteil, wenn er noch im intakten Zusammenhange mit
dem übrigen Zellkörper ist. Allmählich wird der Wimperschlag langsamer und
einzelne Wimpern beginnen unregelmäßig zu schlagen. Es treten bei ihnen
Pausen ein zwischen den einzelnen Schlägen ... Dann beginnt das Protoplasma
an einer Stelle zu zerfallen ... und löst sich in eine schleimig-körnige
Masse auf. Dieser körnige Zerfall schreitet weiter und weiter vorwärts,
befällt eine Wimper nach der andern und bringt sie für immer zum
Stillstand. So kann man in diesen interessanten Fällen unter dem Mikroskop
direkt sehen, wie der Tod über die Zelle hinkriecht. Teilchen nach Teilchen
ergreifend und mitten aus einer rastlosen Bewegung heraus zur ewigen Ruhe
zwingend. Der Prozeß kann sich über Tage erstrecken, aber in andern Fällen
verläuft er akut und eilt in wenigen Stunden über die Zelle dahin, wie der
Funke über die Zündschnur, nur zerfallende Massen hinter sich lassend ...«
[Illustration: Abb. 4. Orbitolites. Einzelliges Lebewesen,
das im roten Meer lebt. Aus der mit Poren versehenen
Kalkschale, die die Zelle umgibt, sieht man die Scheinfüßchen
herausragen. Schwach vergrößert. Nach Verworn.]
[Illustration: Abb. 5. Die abgeschnittene Protoplasmamasse
hat sich zusammengeballt. (Stark vergrößert.)]
[Illustration: Abb. 6. Die abgeschnittene Protoplasmamasse
streckt Scheinfüßchen aus.]
[Illustration: Abb. 7. Die ausgestreckten Scheinfüßchen werden
klumpig.]
[Illustration: Abb. 8. Die ausgestreckten Scheinfüßchen sind
zerfallen. Abb. 5, 6, 7 und 8 nach Verworn.]
Was aber für uns in all diesen Versuchen wichtig ist: daß hier vor unsern
Augen der Tod sich ganz allmählich aus dem Leben entwickelt. Nicht mit
einem Schlage ist hier die Leiche entstanden, sondern sie ist hier
_geworden_ im Verlauf einer langen Kette von Veränderungen, die sich in der
lebendigen Substanz der Zelle, im Stoffwechsel der Zelle abgespielt haben,
weil der Stoffwechsel durch den künstlichen Eingriff (die Lostrennung des
Protoplasmas vom Kern) gestört, in andere Bahnen gelenkt worden war. Wir
sehen, daß _eine scharfe Grenze zwischen Leben und Tod nicht vorhanden ist:
»der Tod entwickelt sich aus dem Leben«_ (Verworn).
4. Tod und Unsterblichkeit.
Nun wissen wir, was eine Leiche ist: eine Zelle, deren Stoffwechsel
irreparabel gestört und schließlich unwiderruflich erloschen ist.
Aber wir haben bisher nur die Leichen von Zellen gesehen, die wir _getötet_
hatten. Stirbt die Zelle auch eines _natürlichen_ Todes? Wir haben uns ja
noch gar nicht darüber Rechenschaft abgegeben, ob es bei den Zellen einen
natürlichen Tod gibt, _einen Tod, der zum Leben der Zelle gehört_.
Wenn wir diese Frage beantworten wollen, müssen wir den Lebensweg einer
Zelle verfolgen, den Lebensweg eines freilebenden einzelligen Lebewesens.
Die einzelligen Lebewesen pflanzen sich durch Teilung fort. Eine Amöbe
z. B., ein Protoplasmaklümpchen mit einem Kern darin, hat sich schlecht und
recht durchs Leben gefressen, ist ausgewachsen und teilt sich nun einfach
in zwei Teile auf. Man hat den Vorgang der Teilung bei der Amöbe und den
vielen andern einzelligen Lebewesen sehr genau studiert, aber all das
Viele, was man dabei gefunden hat, interessiert uns an dieser Stelle nicht.
Wir wollen hier nur die Tatsache festhalten, daß im Lebenslauf des
einzelligen Lebewesens einmal die große Stunde kommt, wo in der Zelle,
nachdem sie herangewachsen ist, der Kern allerlei Veränderungen zeigt, die
schließlich darauf hinausgehen, daß der Kern sich in zwei Teile teilt und
gleichzeitig der ganze Protoplasmaleib der Zelle sich in die Länge zu
strecken beginnt. Dann bekommt die Zelle eine Einschnürung in der Mitte,
gleichsam als ob der Protoplasmaleib mit einer Schlinge zusammengeschnürt
würde. Jederseits von der Einschnürung sehen wir eine der beiden
Kernhälften liegen -- und da hat jedermann schon den Eindruck, daß da zwei
Amöben aus der einen entstanden sind. Nur noch durch eine schmale
Verbindungsbrücke hängen sie miteinander zusammen. Schließlich reißt die
schmale Brücke ein und zwei kleine Amöben gehen jede ihren eigenen Weg
(Abb. 9). Alles in allem hat der Vorgang der Teilung wenige Minuten oder
auch Stunden und sogar Tage gedauert -- das ist bei den verschiedenen
Einzelligen nicht gleich. Aus der »Mutterzelle« sind zwei »Tochterzellen«
entstanden -- zwei jüngere Amöben, die ganz der Mutter gleichen, nur
kleiner sind als diese. Dann wachsen die Tochterzellen heran und jede von
ihnen teilt sich wiederum in zwei Teile, in zwei Tochteramöben. Und das
geht so fort -- ins Unendliche ...
[Illustration: Abb. 9. Amöbe in Teilung. Im Protoplasmaleib
der Amöbe sieht man den dunkleren Kern und das pulsierende
Bläschen (Vakuole). Man sieht die Scheinfüßchen der Amöbe. 1,
2, 3, 4, 5 und 6 verschiedene Stadien der Teilung. Erklärung
siehe im Text. Nach F. E. Schultze.]
Wirklich ins Unendliche? Wir werden bald sehen, wie wichtig diese Frage für
uns ist.
Es ist zunächst nicht abzusehen, was schließlich der Teilung bei den
Einzelligen einen Riegel vorschieben sollte. Warum sollte plötzlich,
nachdem die Zelle sich fortlaufend vielmals geteilt, ein Moment eintreten,
wo sie sich nicht mehr teilen könnte? Aber doch schien es auf Grund
verschiedener Beobachtungen lange Zeit, daß die Teilungsfähigkeit der
Einzelligen nicht unbegrenzt sei, daß nach einer bestimmten Anzahl von
Teilungen die Teilungsfähigkeit der Einzelligen sich erschöpfte. Man hatte
gefunden, daß nach einer bestimmten Anzahl von Generationen die Einzelligen
aufhörten, sich zu teilen und zugrunde gingen, starben. Wir wollen von
allen diesen Dingen später sprechen, wenn wir der ganzen Lebensgeschichte
eines Pantoffeltierchens zuhören werden. Hier interessiert uns aus dieser
Geschichte nur das eine oder das andere, was wir uns von einem fleißigen
Amerikaner erzählen lassen wollen, der in den letzten Jahren den kleinen
Pantoffeltierchen eine ganze Menge von ihrem Leben und Weben abgeguckt hat.