Wie er aber mit seinen Kindern zu scherzen verstand, ließ es
Wilberforce im Verkehre mit ihnen auch nicht am heiligsten Ernste
fehlen. Das zeigt der Schluß eines Briefes, den er an seinen ältesten
17jährigen Sohn richtete, und darin es heißt:
»Da ich alle meine Zeit aufgewendet und auch die Deinige
in Anspruch genommen habe, so muß ich zum Schlusse eilen,
aber nicht ohne in wenigen Worten meinem teuern William zu
versichern, wie oft ich an ihn denke, wie oft ich für ihn
bete. O mein teuerster Sohn, ich beschwöre Dich ernstlich,
Dich nicht verführen zu lassen zur Vernachlässigung, Abkürzung
oder Übereilung Deiner Morgengebete. Vor allen Dingen hüte
Dich, Gott in Deinem Kämmerlein zu vernachlässigen. Nichts ist
gefährlicher für das Leben und die Macht der Religion, nichts
veranlaßt gewisser Gott, seine Gnade zu entziehen. Lebe wohl,
mein geliebter William, mein Erstgeborner, und o mein teuerster
Sohn, halte im Gedächtnis, was für eine Quelle der Freude oder
des Grams Du Deiner Dich liebenden Mutter sein kannst und
Deinem Dich liebenden Vater und Freunde
W. Wilberforce.
Derartige Briefe wechselte der Vater wenigstens einmal wöchentlich mit
seinen Kindern, und um nie daran gehindert zu sein, führte er stets
Schreibgeräte bei sich, und schrieb nicht selten aus den Häusern seiner
Freunde, bei denen er eingetreten war.
Wenn wir bisher nur seiner eigenen Bemühungen um seine Kinder gedacht
haben, so soll damit aber keineswegs angedeutet sein, als ob er dabei
nicht in voller Gemeinschaft und in vollem Einklange mit seiner Gattin
gehandelt habe. Im Gegenteile waren beide Eltern stets vereint in
liebender Fürsorge für die Kinder. Dafür mag nachfolgende Stelle
Zeugnis geben, die einem Briefe entnommen ist, den Wilberforce an seine
Frau schrieb:
»Möge Gott Dich segnen, und wenn es so sein Wille ist, möchten wir noch
lange einander erhalten werden! Ich hege die lebendige Überzeugung, daß
dies sehr auf dem Verhalten unserer Kinder beruht. Wie ich oft gesagt
habe, laß es für uns ein Grund sein, danach zu trachten, daß wir selbst
in der Gnade wachsen. Denn je mehr wir selbst die Gunst des Himmels zu
erlangen suchen, um mich so auszudrücken, desto sicherer werden wir,
was wir ja inbrünstig erbitten, das Heil unserer Kinder fördern. O daß
ich nur noch sehen könnte, wie sie ihre Herzen Gott darbringen! Ich
denke, dann könnte ich mich freudig zur Ruhe legen.«
Über solch treuer Fürsorge für seine Kinder vergaß jedoch Wilberforce
seine Sklavensache durchaus nicht, sondern benutzte die größere
Freiheit von eigentlichen Berufsgeschäften, die er jetzt genoß, dazu,
diese Sache auf immer weitere und höhere Bahnen zu bringen. Er wußte ja
freilich wohl, daß ein Werk, das zu seiner Vorbereitung allein soviele
Jahre erfordert hatte, und so schweren, heißen Kampf, nicht in kurzer
Zeit vollendet dastehen könne, und deshalb steuerte er geduldig und
beharrlich, Schritt um Schritt dem Endziele zu, das aber jetzt nicht
mehr blos die Aufhebung des Sklavenhandels für ihn war, sondern die
gänzliche Abschaffung der Sklaverei.
Einstweilen konnte er sich nicht darüber täuschen, daß der
Sklavenhandel ruhig seinen Gang fortging, daß selbst englische
Schiffe trotz des bestehenden gesetzlichen Verbots ihn fortsetzen.
In Voraussicht dessen hatte er schon sogleich nach seinem Siege im
Parlamente darauf gedrungen, daß englische Kriegsschiffe an die
afrikanischen Küsten beordert würden, um dort zu kreuzen, jedes
englische Sklavenschiff wenigstens wegzunehmen und die darauf
befindlichen Neger wieder in Freiheit zu setzen.
Jetzt unterstützte er eifrig den Vorschlag, freie Arbeiter in die
westindischen Kolonien überzuführen, welche dort gegen bestimmten Lohn
auf den Plantagen arbeiteten.
Vor Allem aber kam es darauf an, sorgfältig darüber zu wachen, und
die geeigneten Maßregeln zu treffen, daß nicht, sei es heimlich durch
englische, sei es öffentlich durch spanische, französische oder
portugiesische Schiffe immer neue Neger in jene Kolonien eingeführt
würden. Deshalb sollten die Namen sämtlicher Negersklaven, die sich
dort bereits befänden, in öffentliche Listen eingetragen, und jeder
Pflanzer bestraft werden, der bei einer eintretenden Untersuchung im
Besitze eines nicht eingetragenen Sklaven befunden würde.
Das wäre denn freilich ein gewaltiger Eingriff gewesen in die Rechte
der einzelnen Kolonien und ihrer Regierungen, welche ziemlich
selbständig wirtschafteten, und es stand zu befürchten, daß eine
gewaltige Aufregung in allen Kolonien die Folge wäre. Daher glaubte
man am besten zu thun, wenn man zuerst auf der Insel Trinidad, der
südlichsten der kleinen Antillen vor dem Meerbusen von Paria, einen
Versuch mit der Einregistrierung der Sklaven machte. Denn diese Insel,
welche die Engländer von den Spaniern erobert hatten und welche 1802
im Frieden von Amiens förmlich an sie abgetreten worden war, hatte
noch keine so selbständige Regierung, daß man auf dieselbe besondere
Rücksichten hätte nehmen müssen.
Der Minister Perçeval, welcher seit 1807 das Ministerium leitete
und Wilberforce in seinen Bestrebungen gerne unterstützte, erließ
auch wirklich den Befehl, daß die Registrierung der Negersklaven auf
Trinidad sofort zu geschehen habe, und war auch weiter durchaus nicht
abgeneigt, diese Maßregel, wenn sie sich hier als wirksam zur Hemmung
des Sklavenhandels bewähre, auf die übrigen westindischen Kolonieen
Englands auszudehnen.
Aber der wohlwollende, christlich gesinnte Mann fiel am 11. Mai 1812
als das Opfer eines Wahnsinnigen, der ihn erschoß, tief betrauert von
Wilberforce, der an ihm eine kräftige Stütze verlor und nun vorläufig
wenig Aussicht hatte, daß die allgemeine Aufzeichnung der Sklaven in
den Kolonieen zu stande komme. Nur in der »afrikanischen Stiftung«
behielt man die Sache fest im Auge und zog sorgfältige Erkundigungen
ein darüber, welche Wirkung die auf Trinidad ausgeführte Maßregel habe.
Inzwischen richtete Wilberforce, der nicht ruhen konnte, seine Blicke
von Westindien nach Ostindien hinüber, für das er ja schon einmal
seine Thätigkeit eingesetzt hatte, um dazu zu helfen, daß den dortigen
Eingeborenen in reicherem Maße das Christentum gebracht werde, als es
die sogenannte »ostindische Kompagnie« gethan haben wollte, die dort
drüben fast unabhängig von der Regierung des englischen Mutterlandes
die Kolonieen beherrschte.
Im Jahre 1813 erlosch nämlich einmal wieder der jener Kompagnie von
England bewilligte Freibrief, laut dessen sie nicht blos den ganzen
Handel mit England und allen anderen Ländern betrieb, sondern auch
so ziemlich nach freiem Ermessen und Gutdünken wirtschaften konnte
und dafür nur eine bestimmte Abgabe an die englische Regierung
entrichtete. Viele Stimmen sprachen sich nun dafür aus, daß der
Freibrief in seiner bisherigen Ausdehnung nicht mehr ausgestellt und
dadurch jene Kompagnie zu einer beherrschenden Macht im Staate gemacht
werden dürfe. Dies glaubte Wilberforce benutzen zu müssen, um einen
Druck auf die ostindische Kompagnie auszuüben, daß sie, wie es auch
sonst mit ihrem Freibriefe ergehen möge, wenigstens genötigt würde,
die Hemmnisse zu beseitigen, welche sie bisher der Ausbreitung des
Christentums in den Weg gelegt hatte. Er brachte die Angelegenheit
im Parlamente zur Sprache, unterstützt von 900 Bittschriften, die er
aus allen Teilen Englands zusammengebracht hatte. Er bot wieder seine
ganze Beredtsamkeit auf und erreichte es zu seiner großen Freude auch
wirklich, daß sich die große Mehrzahl des Parlaments zu Beschlüssen
vereinigte, in Folge deren der Missionsarbeit in Ostindien kein
Hindernis mehr bereitet werden konnte.
Auch in seiner Sklavensache durfte er einen erfreulichen Fortschritt
verzeichnen. Es war ihm nämlich schon lange ein Dorn im Auge gewesen,
daß auf der einzigen Besitzung Schwedens in Westindien, auf der kleinen
Insel St. Barthelemy, ein bedeutender Sklavenmarkt bestand, auf dem
sich die westindischen Pflanzer trotz der Wachsamkeit der englischen
Kriegsschiffe leicht mit Sklaven versorgen konnten, solange nicht
die oben erwähnte Maßregel, die Sklaven aufzuzeichnen, allgemein
durchgeführt war.
Als nun Schweden, das auf Napoleons Befehl an England hatte den Krieg
erklären müssen, aber unter diesem Kriegszustande selbst am meisten
litt, nach Napoleons Niederlage in Rußland sich zum Anschlusse an
die gegen Napoleon verbündeten europäischen Mächte entschloß und mit
England seinen Frieden zu machen suchte, drang Wilberforce bei den
Ministern darauf, daß in die Friedensbedingungen, die England stellte,
auch die aufgenommen würde, daß Schweden den Sklavenhandel aufgeben
und aufheben müsse. Es wurde ihm willfahrt, und als erst Schweden sich
in Folge dessen zur Aufhebung des Sklavenhandels herbeigelassen hatte,
folgte ihm auch Dänemark bald freiwillig darin nach.
Auch vom Festlande herüber kamen verheißungsvolle Nachrichten, welche
ein baldiges Ende von Napoleons Gewaltherrschaft und einen dauernden
Frieden in Aussicht stellten, bei dessen Schließung etwas für die
Sklavensache Ersprießliches durchzusetzen möglich schien. Und als
das Gehoffte geschehen war, als Napoleon entthront und von seinen
Marschällen aufgegeben, auf der Insel Elba saß, wie frohlockend schrieb
da Wilberforce an seine alte Freundin Hannah More! Hatte er doch
allezeit den Corsen für eine Gottesgeißel gehalten, die der Herr, wenn
er sie zur Züchtigung der Völker gebraucht hätte, wieder wegwerfen
würde. »So hat denn,« schrieb er jetzt, »die Dynastie Buonaparte
aufgehört, zu regieren, wie Freund Talleyrand uns benachrichtigt;
das hat Gott gethan! Wie sehr wünschte ich nur, daß mein armer alter
Freund Pitt noch lebte, um Zeuge von dieser Entwickelung des 25 Jahre
dauernden Dramas zu sein!« -- Wie ergriff er aber auch sofort die
Gelegenheit, aus der völlig veränderten Lage Frankreichs für die
Sklavensache Nutzen zu ziehen!
Kaum hatte Ludwig XVIII. wieder seinen Einzug in Paris gehalten und
den französischen Thron bestiegen, als er seinen Schwager Stephen
veranlaßte, ein Schreiben an denselben zu richten und ihm ehrerbietig
vorzustellen, wie nun, wo England und Amerika, Schweden und Dänemark
den schändlichen Sklavenhandel abgestellt hätten und selbst Portugal
seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit nicht mehr in Abrede stellte, ja
sich zu allmählicher Aufhebung desselben verstehen wolle, Frankreich
nicht zurückbleiben dürfe, da ohnehin während der langen Kriegszeit
ihm dieser Handel so gut wie verloren gegangen wäre und eine
gesetzliche Abschaffung desselben keine Interessen seiner Bewohner
schädigen könnte.
Wilberforce selbst aber entschloß sich, an den Kaiser von Rußland zu
schreiben, als an den mächtigsten unter den verbündeten Monarchen, und
ihn um seine Mitwirkung zur völligen Abschaffung des Sklavenhandels
zu bitten. Dieser Brief war ihm so wichtig, daß er, was er sonst nie
that, selbst einen Sonntag darauf verwendete, freilich nicht ohne sich
nachher ernstlich selbst darüber zu strafen.
Am Schlusse dieses Briefes hieß es: »Aber obgleich die Schuld und die
Schande dieses schrecklichen Handels Großbritannien nicht mehr trifft,
so besteht er selbst doch noch, und in der Hoffnung, Sire, daß Sie
Ihren mächtigen Einfluß zur Unterdrückung desselben anwenden, rufe ich
Sie im Namen der Religion, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit an,
Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten. Dem göttlichen Segen vertraue
ich diese Zeilen an. Möge das allmächtige Wesen, dem Sie, wie ich die
Zuversicht hege, anhangen und dienen, welches Sie zum Hauptleiter bei
der Befreiung des europäischen Festlandes von den Banden erhoben hat,
in denen es durch eine geheimnißvolle Vorsehung so lange gehalten
war, Sie zu dem geehrten Werkzeuge machen, durch welches es auch an
Afrika seine gnädigen Absichten vollführt! Mögen Sie leben, Sire,
ein Zeuge des gesegneten Erfolgs dieser Ihrer Wohlthaten, durch
welche christliches Licht, sittliche Besserung und gesellschaftliches
Wohlergehen über die in Nacht liegenden Gegenden kommen! Mögen Sie
hören, wie die schwarzen Kinder nach der Schrift ihre Hände erheben
zu dem allein wahren Gotte und nicht zeitlichen allein, sondern auch
ewigen Segen herabrufen auf das Haupt Alexanders, des Kaisers der
Russen, als des größten unter ihren irdischen Wohlthätern!«
Wilberforce wollte durchaus, daß bei den Verhandlungen wegen des
Pariser Friedens (Mai 1814) von seiten Englands die Forderung erhoben
würde, daß die von ihm eroberten französischen Kolonieen nur unter
der Bedingung zurückgegeben werden könnten, daß Frankreich sich zur
Abschaffung des Sklavenhandels verstünde. Er setzte alles in Bewegung,
um darauf hinzuwirken. Er wollte anfangs sogar selber in eigener
Person nach Paris reisen und dort seinen Einfluß geltend machen, zog
es jedoch endlich vor, zu Hause zu bleiben, weil ihm das Parlament ein
geeigneterer Schauplatz für sein Wirken zu sein schien.
Aber obwohl der frühere Leiter der Sierra Leone-Gesellschaft, der zu
den eifrigsten Gegnern des Sklavenhandels gehörte, an seiner Stelle
hinüberging und seinen Einfluß auf den englischen Bevollmächtigten
in vollem Maße geltend machte, konnte dieser doch nur erreichen, daß
Frankreich die Wiedererlangung seiner sämtlichen Kolonieen durch
das unbestimmte Versprechen bezahlte, den Sklavenhandel binnen 5
Jahren aufheben zu wollen. Der französische Hochmut, so tief er auch
gedemütigt worden war, sträubte sich etwas anzunehmen, was von dem
gehaßten England ausging und wie ein Befehl desselben aussehen konnte,
und der englische Bevollmächtigte trug wohl diesem Hochmute zu sehr
Rechnung.
Wilberforce war auf das bitterste enttäuscht, gab sich aber sofort
daran, zu retten, was noch zu retten war. Er mühte sich ab, recht
viele Bittschriften herbeizuschaffen, in welchen das Volk sein
Bedauern ausspreche über die Wendung, welche die Sklavensache jetzt
genommen habe, und sich sogar zu weiteren Opfern an Kolonieen bereit
erklärte, um Frankreich die ihm bewilligten 5 Jahre Sklavenhandel
damit abzukaufen, aber auch ernstlich darauf dränge, daß, wenn sich
eine Verkürzung dieses Zeitraums nicht erreichen ließe, durch eine
allgemeine Übereinkunft aller europäischen Staaten der Sklavenhandel
nach Ablauf dieser 5 Jahre für Seeraub erklärt und in der Behandlung
diesem gleichgestellt werde.
Diese Bittschriften, deren wirklich 800 zusammen kamen mit beinahe
einer Million Unterschriften, und deren Übergabe an das Parlament
Wilberforce, als »dem Vater unserer großen Sache« anvertraut
wurden, sollten dazu führen, daß das Parlament eine Adresse an den
Prinz-Regenten richte, worin die Bitte und der Wunsch Ausdruck fänden,
der englische Bevollmächtigte für den bevorstehenden Wiener Kongreß
möge beauftragt werden, fester und entschiedener, als es beim Pariser
Friedensschlusse geschehen sei, in der Sklavenfrage aufzutreten.
Wirklich gelang es auch der Beredtsamkeit, mit welcher Wilberforce die
Sache im Parlamente vortrug, zu bewirken, daß eine solche Adresse an
den Prinz-Regenten beschlossen wurde. »Wenn alle jetzt Lebenden«, sagte
er unter Anderem, »ihre Häupter zur Ruhe gelegt haben, und die Thaten,
welche jetzt so mächtig alle Gefühle aufregen, durch die Feder des
kalten, unparteiischen Geschichtschreibers berichtet werden; wenn man
sehen wird, daß eine solche Gelegenheit wie die jetzige verloren wurde;
daß die erste Handlung des wieder eingesetzten Königs von Frankreich
die Wiederherstellung eines Handels in Knechtschaft und Blut war: was
für ein Urteil wird sich dann bilden von den Anstrengungen, welche
England gemacht, oder von dem Einflusse, welchen es auf ein Volk unter
so gewichtigen Verpflichtungen geäußert hat? Gewiß, man wird weder vom
britischen Einflusse, noch von französischer Dankbarkeit eine hohe
Meinung gewinnen!«
Als im Juli 1814 der Kaiser von Rußland und der König von Preußen,
von ihren siegreichen Heerführern begleitet, einen Besuch in London
abstatteten, hatte Wilberforce bei dem Kaiser Alexander mehrmals
Audienz und wurde stets von ihm auf das huldvollste empfangen, ja
erhielt die Erlaubnis, sich noch weiter schriftlich an ihn zu wenden,
wenn er es für gut hielte.
Auch Friedrich Wilhelm III. wünschte Wilberforce kennen zu lernen und
wurde so von ihm eingenommen, daß er ihm zum Andenken ein kostbares
Porzellan-Service schenkte.
Der alte Blücher, der einer von Wilberforce geleiteten Versammlung
beiwohnte, worin beraten werden sollte, wie man helfen könne, die
Leiden lindern, welche der Krieg über Deutschland gebracht, erhielt
von dem heiligen Eifer, mit welchem Wilberforce für die Notleidenden
redete, einen so tiefen lebhaften Eindruck, daß er sich nachher
demselben vorstellen ließ und sich in sehr herzlicher Weise mit ihm
unterhielt, allerdings vermittels eines Dolmetschers, da er der
englischen Sprache ebensowenig mächtig war, wie Wilberforce der
deutschen.
Selbst von den Kosaken, die in Begleitung der Monarchen mit nach
England gekommen waren, erzählt Wilberforce, daß sie obwohl sonst scheu
gegen Jedermann, sich doch gegen ihn stets freundlich bewiesen hätten.
Vielleicht hatten sie mitangesehen oder erfahren, daß nicht blos ihr
Kaiser mit ihm freundlich gewesen, sondern auch der von ihnen so hoch
geehrte »Marschall Vorwärts.«
Aber was half es viel, daß Wilberforce bei all' diesen Gelegenheiten,
den Mächtigen der Erde nahezukommen, darauf bedacht nahm, wo es nur
irgend anging, ein gutes Wort für seine Herzenssache einzulegen? Was
half's, daß er sich wegen derselben mit den angesehensten Männern
Frankreichs in Briefwechsel einließ? Was half's, daß der englische
Bevollmächtigte beim Wiener Kongreß die bündigsten Anweisungen erhalten
hatte von seiten des Prinz-Regenten, die Sklavensache mit aller
Entschiedenheit so wie es Wilberforce wünschte, zu betreiben? -- Der
Erfolg all dieser Bemühungen war nur ein sehr geringer. Es wurde nur
erreicht, daß der Sklavenhandel auf einen ganz bestimmten Teil der
afrikanischen Küste beschränkt werden sollte. Denn außer dem Könige
Ludwig XVIII. waren unter den höher gestellten Männern Frankreichs nur
sehr wenige, die sich für die völlige Aufhebung des Sklavenhandels
hatten gewinnen lassen. Daß diese Angelegenheit gerade von England so
nachdrücklich betont, so kräftig betrieben wurde, gereichte ihr am
allerwenigsten zur Empfehlung bei den Franzosen. Wie freudig man auch
in Frankreich aufatmete, daß nun der Druck, welchen der Mann von Elba
geübt hatte, aufhörte, es verdroß dennoch den französischen Hochmut im
stillen, daß sich England allein unter den von ihm bekämpften Mächten
unter diesen Druck nicht hatte beugen lassen.
Wer hätte aber denken sollen, daß das, was auf dem Wege friedlicher
Unterhandlungen nicht hatte erreicht werden können, mit einem Male
durch einen Machtspruch dessen hinausgeführt werden würde, der so lange
nicht nur seinem eigenen, sondern auch fremden Völkern das Joch der
Knechtschaft aufgedrückt hatte?
Am 1. März 1815 kehrte Napoleon von Elba zurück nach Frankreich,
und wenn auch er sogleich von allen Monarchen Europas in die Acht
erklärt wurde, war doch der Glanz seines Namens für die Eitelkeit der
Franzosen so berückend, daß alle gegen ihn gesendeten Truppen des
Königs dem gefeierten Feldherrn zufielen, und daß er ohne Widerstand
den von dem geflüchteten Ludwig XVIII. verlassenen Thron Frankreichs
wieder einnehmen konnte. Und -- wer hätte sich nicht darüber wundern
sollen? -- eine seiner ersten Regierungshandlungen war die, daß er die
gänzliche Aufhebung des Sklavenhandels verordnete, und zwar für sofort,
ohne daß er sich an die im Pariser Frieden festgesetzte fünfzehnjährige
Frist kehrte.
Allerdings dauerte ja die ganze wiederhergestellte Kaiserliche
Herrlichkeit nicht länger als 100 Tage und wurde bei Waterloo und bei
Belle-Alliance durch die Anstrengungen Blüchers und Wellingtons ohne
jegliche Hoffnung auf Wiederauferstehung begraben; aber als Ludwig
XVIII. wieder auf den Thron Frankreichs zurückgekehrt war, mußte es als
eine Unmöglichkeit erscheinen, jenen Machtspruch Napoleons gegen den
Sklavenhandel wieder aufzuheben.
Wilberforce freute sich selbstredend dieses erfolgreichen Machtspruchs
von Herzen, wenn er auch deshalb von dem gefallenen Tyrannen keine
bessere Meinung bekam. Er urteilte nach wie vor über ihn als eine
Zuchtrute Gottes für die Völker Europas und drückte sich dahin aus,
als er von seiner Wiederkunft von der Insel Elba hörte: »Er führt
unbewußt den göttlichen Willen aus, und es ist wahrscheinlich, daß
die Leiden, welche er früher über die Nationen Europas gebracht
hat, die beabsichtigte Wirkung der Demütigung und Besserung nicht
hervorbrachten; deshalb ist es ihm erlaubt worden, noch einmal
aufzutreten und die Summe des menschlichen Elends zu mehren.«
Es war gleichsam eine prophetische Anwandelung, die Wilberforce am
18. Juni, dem Tage der Schlacht bei Belle-Alliance zu seinen Kindern
sprechen ließ, als er sie bei dem Kirchgange auf dem stillen Dorfe, wo
er sich gerade mit ihnen befand, auf die Schönheit der Natur aufmerksam
machte: »Vielleicht bestehen in diesem Augenblicke, da wir so in
Frieden zum Hause Gottes gehen, unsere braven Soldaten einen heftigen
Kampf in Belgien. O wie dankbar sollten wir für alle Güte Gottes gegen
uns sein!«
Nach London zurückgekehrt, erfuhr er, daß sein »vielleicht« zur
Wahrheit geworden war, und zwar aus sicherster Quelle. Denn ein
Adjutant, den Blücher eigens herübergesandt hatte, brachte dem
Prinz-Regenten die Freudenkunde von dem großen Siege, den die Engländer
und Preußen nach heißem Kampfe erfochten hätten.
»Hat Ihnen der Marschall Blücher noch einen anderen Auftrag gegeben?«
fragte der Prinz-Regent den willkommenen Boten.
»Ja,« antwortete dieser, »er hat mir aufgetragen, Herrn Wilberforce von
allem, was vorgegangen ist, zu benachrichtigen.«
»So gehen Sie auf alle Fälle selbst zu ihm,« antwortete der
Prinz-Regent, »Sie werden sich über ihn freuen.«