Dein Dich liebender Vater W. Wilberforce.«

Wie er aber mit seinen Kindern zu scherzen verstand, ließ es

Wilberforce im Verkehre mit ihnen auch nicht am heiligsten Ernste

fehlen. Das zeigt der Schluß eines Briefes, den er an seinen ältesten

17jährigen Sohn richtete, und darin es heißt:

»Da ich alle meine Zeit aufgewendet und auch die Deinige

in Anspruch genommen habe, so muß ich zum Schlusse eilen,

aber nicht ohne in wenigen Worten meinem teuern William zu

versichern, wie oft ich an ihn denke, wie oft ich für ihn

bete. O mein teuerster Sohn, ich beschwöre Dich ernstlich,

Dich nicht verführen zu lassen zur Vernachlässigung, Abkürzung

oder Übereilung Deiner Morgengebete. Vor allen Dingen hüte

Dich, Gott in Deinem Kämmerlein zu vernachlässigen. Nichts ist

gefährlicher für das Leben und die Macht der Religion, nichts

veranlaßt gewisser Gott, seine Gnade zu entziehen. Lebe wohl,

mein geliebter William, mein Erstgeborner, und o mein teuerster

Sohn, halte im Gedächtnis, was für eine Quelle der Freude oder

des Grams Du Deiner Dich liebenden Mutter sein kannst und

Deinem Dich liebenden Vater und Freunde

W. Wilberforce.

Derartige Briefe wechselte der Vater wenigstens einmal wöchentlich mit

seinen Kindern, und um nie daran gehindert zu sein, führte er stets

Schreibgeräte bei sich, und schrieb nicht selten aus den Häusern seiner

Freunde, bei denen er eingetreten war.

Wenn wir bisher nur seiner eigenen Bemühungen um seine Kinder gedacht

haben, so soll damit aber keineswegs angedeutet sein, als ob er dabei

nicht in voller Gemeinschaft und in vollem Einklange mit seiner Gattin

gehandelt habe. Im Gegenteile waren beide Eltern stets vereint in

liebender Fürsorge für die Kinder. Dafür mag nachfolgende Stelle

Zeugnis geben, die einem Briefe entnommen ist, den Wilberforce an seine

Frau schrieb:

»Möge Gott Dich segnen, und wenn es so sein Wille ist, möchten wir noch

lange einander erhalten werden! Ich hege die lebendige Überzeugung, daß

dies sehr auf dem Verhalten unserer Kinder beruht. Wie ich oft gesagt

habe, laß es für uns ein Grund sein, danach zu trachten, daß wir selbst

in der Gnade wachsen. Denn je mehr wir selbst die Gunst des Himmels zu

erlangen suchen, um mich so auszudrücken, desto sicherer werden wir,

was wir ja inbrünstig erbitten, das Heil unserer Kinder fördern. O daß

ich nur noch sehen könnte, wie sie ihre Herzen Gott darbringen! Ich

denke, dann könnte ich mich freudig zur Ruhe legen.«

Über solch treuer Fürsorge für seine Kinder vergaß jedoch Wilberforce

seine Sklavensache durchaus nicht, sondern benutzte die größere

Freiheit von eigentlichen Berufsgeschäften, die er jetzt genoß, dazu,

diese Sache auf immer weitere und höhere Bahnen zu bringen. Er wußte ja

freilich wohl, daß ein Werk, das zu seiner Vorbereitung allein soviele

Jahre erfordert hatte, und so schweren, heißen Kampf, nicht in kurzer

Zeit vollendet dastehen könne, und deshalb steuerte er geduldig und

beharrlich, Schritt um Schritt dem Endziele zu, das aber jetzt nicht

mehr blos die Aufhebung des Sklavenhandels für ihn war, sondern die

gänzliche Abschaffung der Sklaverei.

Einstweilen konnte er sich nicht darüber täuschen, daß der

Sklavenhandel ruhig seinen Gang fortging, daß selbst englische

Schiffe trotz des bestehenden gesetzlichen Verbots ihn fortsetzen.

In Voraussicht dessen hatte er schon sogleich nach seinem Siege im

Parlamente darauf gedrungen, daß englische Kriegsschiffe an die

afrikanischen Küsten beordert würden, um dort zu kreuzen, jedes

englische Sklavenschiff wenigstens wegzunehmen und die darauf

befindlichen Neger wieder in Freiheit zu setzen.

Jetzt unterstützte er eifrig den Vorschlag, freie Arbeiter in die

westindischen Kolonien überzuführen, welche dort gegen bestimmten Lohn

auf den Plantagen arbeiteten.

Vor Allem aber kam es darauf an, sorgfältig darüber zu wachen, und

die geeigneten Maßregeln zu treffen, daß nicht, sei es heimlich durch

englische, sei es öffentlich durch spanische, französische oder

portugiesische Schiffe immer neue Neger in jene Kolonien eingeführt

würden. Deshalb sollten die Namen sämtlicher Negersklaven, die sich

dort bereits befänden, in öffentliche Listen eingetragen, und jeder

Pflanzer bestraft werden, der bei einer eintretenden Untersuchung im

Besitze eines nicht eingetragenen Sklaven befunden würde.

Das wäre denn freilich ein gewaltiger Eingriff gewesen in die Rechte

der einzelnen Kolonien und ihrer Regierungen, welche ziemlich

selbständig wirtschafteten, und es stand zu befürchten, daß eine

gewaltige Aufregung in allen Kolonien die Folge wäre. Daher glaubte

man am besten zu thun, wenn man zuerst auf der Insel Trinidad, der

südlichsten der kleinen Antillen vor dem Meerbusen von Paria, einen

Versuch mit der Einregistrierung der Sklaven machte. Denn diese Insel,

welche die Engländer von den Spaniern erobert hatten und welche 1802

im Frieden von Amiens förmlich an sie abgetreten worden war, hatte

noch keine so selbständige Regierung, daß man auf dieselbe besondere

Rücksichten hätte nehmen müssen.

Der Minister Perçeval, welcher seit 1807 das Ministerium leitete

und Wilberforce in seinen Bestrebungen gerne unterstützte, erließ

auch wirklich den Befehl, daß die Registrierung der Negersklaven auf

Trinidad sofort zu geschehen habe, und war auch weiter durchaus nicht

abgeneigt, diese Maßregel, wenn sie sich hier als wirksam zur Hemmung

des Sklavenhandels bewähre, auf die übrigen westindischen Kolonieen

Englands auszudehnen.

Aber der wohlwollende, christlich gesinnte Mann fiel am 11. Mai 1812

als das Opfer eines Wahnsinnigen, der ihn erschoß, tief betrauert von

Wilberforce, der an ihm eine kräftige Stütze verlor und nun vorläufig

wenig Aussicht hatte, daß die allgemeine Aufzeichnung der Sklaven in

den Kolonieen zu stande komme. Nur in der »afrikanischen Stiftung«

behielt man die Sache fest im Auge und zog sorgfältige Erkundigungen

ein darüber, welche Wirkung die auf Trinidad ausgeführte Maßregel habe.

Inzwischen richtete Wilberforce, der nicht ruhen konnte, seine Blicke

von Westindien nach Ostindien hinüber, für das er ja schon einmal

seine Thätigkeit eingesetzt hatte, um dazu zu helfen, daß den dortigen

Eingeborenen in reicherem Maße das Christentum gebracht werde, als es

die sogenannte »ostindische Kompagnie« gethan haben wollte, die dort

drüben fast unabhängig von der Regierung des englischen Mutterlandes

die Kolonieen beherrschte.

Im Jahre 1813 erlosch nämlich einmal wieder der jener Kompagnie von

England bewilligte Freibrief, laut dessen sie nicht blos den ganzen

Handel mit England und allen anderen Ländern betrieb, sondern auch

so ziemlich nach freiem Ermessen und Gutdünken wirtschaften konnte

und dafür nur eine bestimmte Abgabe an die englische Regierung

entrichtete. Viele Stimmen sprachen sich nun dafür aus, daß der

Freibrief in seiner bisherigen Ausdehnung nicht mehr ausgestellt und

dadurch jene Kompagnie zu einer beherrschenden Macht im Staate gemacht

werden dürfe. Dies glaubte Wilberforce benutzen zu müssen, um einen

Druck auf die ostindische Kompagnie auszuüben, daß sie, wie es auch

sonst mit ihrem Freibriefe ergehen möge, wenigstens genötigt würde,

die Hemmnisse zu beseitigen, welche sie bisher der Ausbreitung des

Christentums in den Weg gelegt hatte. Er brachte die Angelegenheit

im Parlamente zur Sprache, unterstützt von 900 Bittschriften, die er

aus allen Teilen Englands zusammengebracht hatte. Er bot wieder seine

ganze Beredtsamkeit auf und erreichte es zu seiner großen Freude auch

wirklich, daß sich die große Mehrzahl des Parlaments zu Beschlüssen

vereinigte, in Folge deren der Missionsarbeit in Ostindien kein

Hindernis mehr bereitet werden konnte.

Auch in seiner Sklavensache durfte er einen erfreulichen Fortschritt

verzeichnen. Es war ihm nämlich schon lange ein Dorn im Auge gewesen,

daß auf der einzigen Besitzung Schwedens in Westindien, auf der kleinen

Insel St. Barthelemy, ein bedeutender Sklavenmarkt bestand, auf dem

sich die westindischen Pflanzer trotz der Wachsamkeit der englischen

Kriegsschiffe leicht mit Sklaven versorgen konnten, solange nicht

die oben erwähnte Maßregel, die Sklaven aufzuzeichnen, allgemein

durchgeführt war.

Als nun Schweden, das auf Napoleons Befehl an England hatte den Krieg

erklären müssen, aber unter diesem Kriegszustande selbst am meisten

litt, nach Napoleons Niederlage in Rußland sich zum Anschlusse an

die gegen Napoleon verbündeten europäischen Mächte entschloß und mit

England seinen Frieden zu machen suchte, drang Wilberforce bei den

Ministern darauf, daß in die Friedensbedingungen, die England stellte,

auch die aufgenommen würde, daß Schweden den Sklavenhandel aufgeben

und aufheben müsse. Es wurde ihm willfahrt, und als erst Schweden sich

in Folge dessen zur Aufhebung des Sklavenhandels herbeigelassen hatte,

folgte ihm auch Dänemark bald freiwillig darin nach.

Auch vom Festlande herüber kamen verheißungsvolle Nachrichten, welche

ein baldiges Ende von Napoleons Gewaltherrschaft und einen dauernden

Frieden in Aussicht stellten, bei dessen Schließung etwas für die

Sklavensache Ersprießliches durchzusetzen möglich schien. Und als

das Gehoffte geschehen war, als Napoleon entthront und von seinen

Marschällen aufgegeben, auf der Insel Elba saß, wie frohlockend schrieb

da Wilberforce an seine alte Freundin Hannah More! Hatte er doch

allezeit den Corsen für eine Gottesgeißel gehalten, die der Herr, wenn

er sie zur Züchtigung der Völker gebraucht hätte, wieder wegwerfen

würde. »So hat denn,« schrieb er jetzt, »die Dynastie Buonaparte

aufgehört, zu regieren, wie Freund Talleyrand uns benachrichtigt;

das hat Gott gethan! Wie sehr wünschte ich nur, daß mein armer alter

Freund Pitt noch lebte, um Zeuge von dieser Entwickelung des 25 Jahre

dauernden Dramas zu sein!« -- Wie ergriff er aber auch sofort die

Gelegenheit, aus der völlig veränderten Lage Frankreichs für die

Sklavensache Nutzen zu ziehen!

Kaum hatte Ludwig XVIII. wieder seinen Einzug in Paris gehalten und

den französischen Thron bestiegen, als er seinen Schwager Stephen

veranlaßte, ein Schreiben an denselben zu richten und ihm ehrerbietig

vorzustellen, wie nun, wo England und Amerika, Schweden und Dänemark

den schändlichen Sklavenhandel abgestellt hätten und selbst Portugal

seine Grausamkeit und Ungerechtigkeit nicht mehr in Abrede stellte, ja

sich zu allmählicher Aufhebung desselben verstehen wolle, Frankreich

nicht zurückbleiben dürfe, da ohnehin während der langen Kriegszeit

ihm dieser Handel so gut wie verloren gegangen wäre und eine

gesetzliche Abschaffung desselben keine Interessen seiner Bewohner

schädigen könnte.

Wilberforce selbst aber entschloß sich, an den Kaiser von Rußland zu

schreiben, als an den mächtigsten unter den verbündeten Monarchen, und

ihn um seine Mitwirkung zur völligen Abschaffung des Sklavenhandels

zu bitten. Dieser Brief war ihm so wichtig, daß er, was er sonst nie

that, selbst einen Sonntag darauf verwendete, freilich nicht ohne sich

nachher ernstlich selbst darüber zu strafen.

Am Schlusse dieses Briefes hieß es: »Aber obgleich die Schuld und die

Schande dieses schrecklichen Handels Großbritannien nicht mehr trifft,

so besteht er selbst doch noch, und in der Hoffnung, Sire, daß Sie

Ihren mächtigen Einfluß zur Unterdrückung desselben anwenden, rufe ich

Sie im Namen der Religion, der Gerechtigkeit und Menschlichkeit an,

Ihre Aufmerksamkeit darauf zu richten. Dem göttlichen Segen vertraue

ich diese Zeilen an. Möge das allmächtige Wesen, dem Sie, wie ich die

Zuversicht hege, anhangen und dienen, welches Sie zum Hauptleiter bei

der Befreiung des europäischen Festlandes von den Banden erhoben hat,

in denen es durch eine geheimnißvolle Vorsehung so lange gehalten

war, Sie zu dem geehrten Werkzeuge machen, durch welches es auch an

Afrika seine gnädigen Absichten vollführt! Mögen Sie leben, Sire,

ein Zeuge des gesegneten Erfolgs dieser Ihrer Wohlthaten, durch

welche christliches Licht, sittliche Besserung und gesellschaftliches

Wohlergehen über die in Nacht liegenden Gegenden kommen! Mögen Sie

hören, wie die schwarzen Kinder nach der Schrift ihre Hände erheben

zu dem allein wahren Gotte und nicht zeitlichen allein, sondern auch

ewigen Segen herabrufen auf das Haupt Alexanders, des Kaisers der

Russen, als des größten unter ihren irdischen Wohlthätern!«

Wilberforce wollte durchaus, daß bei den Verhandlungen wegen des

Pariser Friedens (Mai 1814) von seiten Englands die Forderung erhoben

würde, daß die von ihm eroberten französischen Kolonieen nur unter

der Bedingung zurückgegeben werden könnten, daß Frankreich sich zur

Abschaffung des Sklavenhandels verstünde. Er setzte alles in Bewegung,

um darauf hinzuwirken. Er wollte anfangs sogar selber in eigener

Person nach Paris reisen und dort seinen Einfluß geltend machen, zog

es jedoch endlich vor, zu Hause zu bleiben, weil ihm das Parlament ein

geeigneterer Schauplatz für sein Wirken zu sein schien.

Aber obwohl der frühere Leiter der Sierra Leone-Gesellschaft, der zu

den eifrigsten Gegnern des Sklavenhandels gehörte, an seiner Stelle

hinüberging und seinen Einfluß auf den englischen Bevollmächtigten

in vollem Maße geltend machte, konnte dieser doch nur erreichen, daß

Frankreich die Wiedererlangung seiner sämtlichen Kolonieen durch

das unbestimmte Versprechen bezahlte, den Sklavenhandel binnen 5

Jahren aufheben zu wollen. Der französische Hochmut, so tief er auch

gedemütigt worden war, sträubte sich etwas anzunehmen, was von dem

gehaßten England ausging und wie ein Befehl desselben aussehen konnte,

und der englische Bevollmächtigte trug wohl diesem Hochmute zu sehr

Rechnung.

Wilberforce war auf das bitterste enttäuscht, gab sich aber sofort

daran, zu retten, was noch zu retten war. Er mühte sich ab, recht

viele Bittschriften herbeizuschaffen, in welchen das Volk sein

Bedauern ausspreche über die Wendung, welche die Sklavensache jetzt

genommen habe, und sich sogar zu weiteren Opfern an Kolonieen bereit

erklärte, um Frankreich die ihm bewilligten 5 Jahre Sklavenhandel

damit abzukaufen, aber auch ernstlich darauf dränge, daß, wenn sich

eine Verkürzung dieses Zeitraums nicht erreichen ließe, durch eine

allgemeine Übereinkunft aller europäischen Staaten der Sklavenhandel

nach Ablauf dieser 5 Jahre für Seeraub erklärt und in der Behandlung

diesem gleichgestellt werde.

Diese Bittschriften, deren wirklich 800 zusammen kamen mit beinahe

einer Million Unterschriften, und deren Übergabe an das Parlament

Wilberforce, als »dem Vater unserer großen Sache« anvertraut

wurden, sollten dazu führen, daß das Parlament eine Adresse an den

Prinz-Regenten richte, worin die Bitte und der Wunsch Ausdruck fänden,

der englische Bevollmächtigte für den bevorstehenden Wiener Kongreß

möge beauftragt werden, fester und entschiedener, als es beim Pariser

Friedensschlusse geschehen sei, in der Sklavenfrage aufzutreten.

Wirklich gelang es auch der Beredtsamkeit, mit welcher Wilberforce die

Sache im Parlamente vortrug, zu bewirken, daß eine solche Adresse an

den Prinz-Regenten beschlossen wurde. »Wenn alle jetzt Lebenden«, sagte

er unter Anderem, »ihre Häupter zur Ruhe gelegt haben, und die Thaten,

welche jetzt so mächtig alle Gefühle aufregen, durch die Feder des

kalten, unparteiischen Geschichtschreibers berichtet werden; wenn man

sehen wird, daß eine solche Gelegenheit wie die jetzige verloren wurde;

daß die erste Handlung des wieder eingesetzten Königs von Frankreich

die Wiederherstellung eines Handels in Knechtschaft und Blut war: was

für ein Urteil wird sich dann bilden von den Anstrengungen, welche

England gemacht, oder von dem Einflusse, welchen es auf ein Volk unter

so gewichtigen Verpflichtungen geäußert hat? Gewiß, man wird weder vom

britischen Einflusse, noch von französischer Dankbarkeit eine hohe

Meinung gewinnen!«

Als im Juli 1814 der Kaiser von Rußland und der König von Preußen,

von ihren siegreichen Heerführern begleitet, einen Besuch in London

abstatteten, hatte Wilberforce bei dem Kaiser Alexander mehrmals

Audienz und wurde stets von ihm auf das huldvollste empfangen, ja

erhielt die Erlaubnis, sich noch weiter schriftlich an ihn zu wenden,

wenn er es für gut hielte.

Auch Friedrich Wilhelm III. wünschte Wilberforce kennen zu lernen und

wurde so von ihm eingenommen, daß er ihm zum Andenken ein kostbares

Porzellan-Service schenkte.

Der alte Blücher, der einer von Wilberforce geleiteten Versammlung

beiwohnte, worin beraten werden sollte, wie man helfen könne, die

Leiden lindern, welche der Krieg über Deutschland gebracht, erhielt

von dem heiligen Eifer, mit welchem Wilberforce für die Notleidenden

redete, einen so tiefen lebhaften Eindruck, daß er sich nachher

demselben vorstellen ließ und sich in sehr herzlicher Weise mit ihm

unterhielt, allerdings vermittels eines Dolmetschers, da er der

englischen Sprache ebensowenig mächtig war, wie Wilberforce der

deutschen.

Selbst von den Kosaken, die in Begleitung der Monarchen mit nach

England gekommen waren, erzählt Wilberforce, daß sie obwohl sonst scheu

gegen Jedermann, sich doch gegen ihn stets freundlich bewiesen hätten.

Vielleicht hatten sie mitangesehen oder erfahren, daß nicht blos ihr

Kaiser mit ihm freundlich gewesen, sondern auch der von ihnen so hoch

geehrte »Marschall Vorwärts.«

Aber was half es viel, daß Wilberforce bei all' diesen Gelegenheiten,

den Mächtigen der Erde nahezukommen, darauf bedacht nahm, wo es nur

irgend anging, ein gutes Wort für seine Herzenssache einzulegen? Was

half's, daß er sich wegen derselben mit den angesehensten Männern

Frankreichs in Briefwechsel einließ? Was half's, daß der englische

Bevollmächtigte beim Wiener Kongreß die bündigsten Anweisungen erhalten

hatte von seiten des Prinz-Regenten, die Sklavensache mit aller

Entschiedenheit so wie es Wilberforce wünschte, zu betreiben? -- Der

Erfolg all dieser Bemühungen war nur ein sehr geringer. Es wurde nur

erreicht, daß der Sklavenhandel auf einen ganz bestimmten Teil der

afrikanischen Küste beschränkt werden sollte. Denn außer dem Könige

Ludwig XVIII. waren unter den höher gestellten Männern Frankreichs nur

sehr wenige, die sich für die völlige Aufhebung des Sklavenhandels

hatten gewinnen lassen. Daß diese Angelegenheit gerade von England so

nachdrücklich betont, so kräftig betrieben wurde, gereichte ihr am

allerwenigsten zur Empfehlung bei den Franzosen. Wie freudig man auch

in Frankreich aufatmete, daß nun der Druck, welchen der Mann von Elba

geübt hatte, aufhörte, es verdroß dennoch den französischen Hochmut im

stillen, daß sich England allein unter den von ihm bekämpften Mächten

unter diesen Druck nicht hatte beugen lassen.

Wer hätte aber denken sollen, daß das, was auf dem Wege friedlicher

Unterhandlungen nicht hatte erreicht werden können, mit einem Male

durch einen Machtspruch dessen hinausgeführt werden würde, der so lange

nicht nur seinem eigenen, sondern auch fremden Völkern das Joch der

Knechtschaft aufgedrückt hatte?

Am 1. März 1815 kehrte Napoleon von Elba zurück nach Frankreich,

und wenn auch er sogleich von allen Monarchen Europas in die Acht

erklärt wurde, war doch der Glanz seines Namens für die Eitelkeit der

Franzosen so berückend, daß alle gegen ihn gesendeten Truppen des

Königs dem gefeierten Feldherrn zufielen, und daß er ohne Widerstand

den von dem geflüchteten Ludwig XVIII. verlassenen Thron Frankreichs

wieder einnehmen konnte. Und -- wer hätte sich nicht darüber wundern

sollen? -- eine seiner ersten Regierungshandlungen war die, daß er die

gänzliche Aufhebung des Sklavenhandels verordnete, und zwar für sofort,

ohne daß er sich an die im Pariser Frieden festgesetzte fünfzehnjährige

Frist kehrte.

Allerdings dauerte ja die ganze wiederhergestellte Kaiserliche

Herrlichkeit nicht länger als 100 Tage und wurde bei Waterloo und bei

Belle-Alliance durch die Anstrengungen Blüchers und Wellingtons ohne

jegliche Hoffnung auf Wiederauferstehung begraben; aber als Ludwig

XVIII. wieder auf den Thron Frankreichs zurückgekehrt war, mußte es als

eine Unmöglichkeit erscheinen, jenen Machtspruch Napoleons gegen den

Sklavenhandel wieder aufzuheben.

Wilberforce freute sich selbstredend dieses erfolgreichen Machtspruchs

von Herzen, wenn er auch deshalb von dem gefallenen Tyrannen keine

bessere Meinung bekam. Er urteilte nach wie vor über ihn als eine

Zuchtrute Gottes für die Völker Europas und drückte sich dahin aus,

als er von seiner Wiederkunft von der Insel Elba hörte: »Er führt

unbewußt den göttlichen Willen aus, und es ist wahrscheinlich, daß

die Leiden, welche er früher über die Nationen Europas gebracht

hat, die beabsichtigte Wirkung der Demütigung und Besserung nicht

hervorbrachten; deshalb ist es ihm erlaubt worden, noch einmal

aufzutreten und die Summe des menschlichen Elends zu mehren.«

Es war gleichsam eine prophetische Anwandelung, die Wilberforce am

18. Juni, dem Tage der Schlacht bei Belle-Alliance zu seinen Kindern

sprechen ließ, als er sie bei dem Kirchgange auf dem stillen Dorfe, wo

er sich gerade mit ihnen befand, auf die Schönheit der Natur aufmerksam

machte: »Vielleicht bestehen in diesem Augenblicke, da wir so in

Frieden zum Hause Gottes gehen, unsere braven Soldaten einen heftigen

Kampf in Belgien. O wie dankbar sollten wir für alle Güte Gottes gegen

uns sein!«

Nach London zurückgekehrt, erfuhr er, daß sein »vielleicht« zur

Wahrheit geworden war, und zwar aus sicherster Quelle. Denn ein

Adjutant, den Blücher eigens herübergesandt hatte, brachte dem

Prinz-Regenten die Freudenkunde von dem großen Siege, den die Engländer

und Preußen nach heißem Kampfe erfochten hätten.

»Hat Ihnen der Marschall Blücher noch einen anderen Auftrag gegeben?«

fragte der Prinz-Regent den willkommenen Boten.

»Ja,« antwortete dieser, »er hat mir aufgetragen, Herrn Wilberforce von

allem, was vorgegangen ist, zu benachrichtigen.«

»So gehen Sie auf alle Fälle selbst zu ihm,« antwortete der

Prinz-Regent, »Sie werden sich über ihn freuen.«

William Wilberforce, der Sklavenfreund Ein Lebensbild, für die deutsche Jugend und das deutsche Volk gezeichnet · 第 11 / 20 题