Die freie Zeit, welche Wilberforce dadurch gewann, daß er nicht mehr
soviel mit der Vertretung seines Wahlbezirks zu thun hatte, verwendete
er außer für die Sklavensache, von welcher er täglich neu die Erfahrung
machte, wieviel dabei noch zu thun sei, in der That jetzt in der
gewissenhaftesten Weise für die Erziehung seiner Kinder. Er ließ sich
dabei von der erfahrenen Kinderfreundin und Jugendlehrerin beraten, mit
der er in so genauer, freundlicher Beziehung stand, von Hannah More.
Sooft die Kinder, welche schon so weit erwachsen waren, daß sie
auswärtige Schulen besuchten, nach Hause kamen, suchte er sich ihnen
ganz zu widmen und ihnen durch Liebe und Freundlichkeit das Elternhaus
recht teuer zu machen. War er mit ihnen auf dem Lande, so nahm er trotz
seiner 50 Jahre lustig an ihren Spielen teil und entwickelte dabei
einen solchen Eifer, daß er einmal wegen einer Verletzung am Beine, die
er beim Ballspiel davongetragen hatte, mehrere Wochen das Zimmer hüten
mußte.
Dazwischen las er mit ihnen unterhaltende und belehrende Schriften,
aber nicht ohne dieselben vorher auf ihren Inhalt genau angesehen zu
haben, und würzte oder vervollständigte das Gelesene durch Mitteilungen
aus seiner eigenen reichen Lebenserfahrung. Vornehmlich suchte er bei
ihnen, soweit es ihrem Lebensalter angemessen war, eine rechte Liebe
zu dem Worte Gottes zu erwecken, indem er es nicht allein täglich in
den Familienandachten vorlas, sondern auch Besprechungen daran knüpfte
und es in recht verständlicher, kindlicher Weise auslegte. Dabei war
aber, wie schon bemerkt worden ist, seine ängstlichste Aufmerksamkeit
darauf gerichtet, daß seine Kinder in der Wahrheit blieben und daß kein
gemachtes Wesen bei ihnen aufkam. Mit dem bittersten Ernste strafte er
alles, was nur an das Gebiet des geistlichen Geschwätzes anzustreifen
schien, und mahnte unablässig zur Nüchternheit und Aufrichtigkeit.
Noch ernster nahm er es damit, als er erfuhr, daß der Sohn eines
Freundes auf böse Wege geriet und ein trauriges Ende nahm, weil er im
elterlichen Hause durch unaufhörliche Beschäftigung mit religiösen
Dingen einen vollständigen Widerwillen gegen alle Religion gefaßt hatte
und sich, sowie er dem elterlichen Hause entwachsen war, ganz und gar
dem Unglauben und der Freigeisterei in die Arme geworfen hatte.
Gern gestattete er seinen Kindern harmlose Lebensfreuden und
Erheiterungen, ja suchte ihnen selber solche in jeder möglichen Form
zu bereiten. Überhaupt huldigte er bei der religiösen Erziehung seiner
Kinder dem unzweifelhaft richtigen Grundsatze: »Sprich mehr zu Gott
über deine Kinder, als zu deinen Kindern über Gott!«
Wie treulich er das erstere that, mag eine Stelle aus seinem Tagebuche
zeigen, worin er sich selbst anklagend sagt: »Ich bin mir der
Unzulänglichkeit meiner Kräfte in allem, was die Erziehung meiner
Kinder betrifft, wohl bewußt, hoffe aber in Demut und Zuversicht,
daß ich in Wahrheit sagen kann: die geistlichen Angelegenheiten
meiner Kinder sind das Hauptziel meines Strebens. Es kommt mir mehr
darauf an, sie als wahre Christen, denn als große Gelehrte oder sonst
ausgezeichnete Leute zu sehen. Ich bitte Gott ernstlich um Weisheit
für mich und um reichliche Gnade für meine Kinder, und bin dabei fest
entschlossen, alle meine Maßregeln genau zu überlegen und dann erst
zu handeln. In Beziehung auf den Erfolg bin ich dann auf Grund der
Verheißungen in der Schrift guten Mutes.«
Um erkennen zu lassen, in welch herzlicher, kindlicher Weise
Wilberforce mit seinen Kindern zu verkehren verstand, lassen wir hier
einen Brief folgen, den er bei einer längeren Abwesenheit von Hause an
einen seiner jüngeren Söhne richtete, und der zugleich darthut, daß er
auch bei den dringendsten Geschäften doch Zeit zu gewinnen wußte, um
sich mit seinen Kindern brieflich zu unterhalten.
»Mein teuerster Sohn!« schreibt er, »es gefällt mir gar
nicht, daß Du das einzige von meinen Kindern bist, welches
während meiner Abwesenheit nicht an mich geschrieben hat
und daß Du das einzige sein solltest, an welches ich nicht
schriebe. Daher ergreife ich meine Feder, wenn auch nur für
sehr wenige Augenblicke, um Dir zu versichern, daß ich nicht
vermute, Dein Schweigen sei aus einem Mangel an Zuneigung
entsprungen, sowenig als das meinige aus derselben Quelle
herzuleiten ist. Es giebt einen gewissen bösen Geist, genannt
»Aufschub«, welcher ein Schloß in der Luft zu Sandgate (NB.
dem augenblicklichen Aufenthaltsorte der Familie) sowohl, wie
an vielen anderen Plätzen bewohnt. Ich vermute, daß Du eines
Tages, vielleicht an dem Schwanz Deines Drachen, aufgefahren
bist und Dich in diesem Schlosse niedergelassen hast, worin es
sehr große weite Zimmer mit herrlichen Aussichten nach allen
Richtungen giebt. Wahrscheinlich wirst Du diese Wohnung nicht
verlassen wollen, bis Du hörst, daß ich auf dem Wege nach
Sandgate bin. Du könntest dort den »Morgen-Mann« (d. h. der
alles auf morgen verschiebt) treffen, und ich hoffe, Du wirst
von ihm verlangen, den Rest der unterhaltenden Geschichte
zu hören, von welcher Miß Edgeworth einen Teil erzählt hat,
obgleich ich fürchte, er wird zu sehr nach dem Geiste des
Platzes handeln, als daß er nicht einen Teil der Geschichte
noch unerzählt lassen sollte -- bis morgen. Doch ich treibe
Scherze und bin doch diesen Morgen ungewöhnlich in meiner Zeit
beengt. Ich will darum, mein teuerstes Kind, Dich nur noch
ernstlich vor dem Aufschub warnen, als einem der gefährlichsten
Feinde einer nützlichen Wirksamkeit, und Dir versichern, daß
ich bin heute, morgen und immer, solange ich lebe