G. Grote’sche Verlagsbuchhandlung.]

Die Gruppe der Bahama besteht aus 12 größeren Inseln und über 600

Inselchen, ungerechnet die nach Tausenden zu zählenden Seeklippen.

Dieselben sind auf einer Strecke von 150 deutschen Meilen in der

Richtung von Südost nach Nordwest den großen Antillen vorgelagert und

erstrecken sich von dem Norden Haitis bis gegen die Halbinsel Florida.

Obwohl über einen so weiten Raum ausgedehnt, umfassen die meist in

der Richtung des ganzen Zuges sich hinlagernden schmalen Inseln doch

nur einen Flächenraum, welcher nicht ganz die Größe des Königreichs

Sachsen erreicht. Sämmtliche Inseln bestehen aus Korallenbauten,

welche sich auf submarinen Plateaus von Sandbänken oder Korallenkalk

aufgesetzt haben. Ihre Höhe übersteigt nirgend 60 ~m~. Es sind also

flache Eilande, meistens auch noch von Korallenriffen umschlossen und

mit untiefen Korallenbänken untermischt, zwischen denen die Schifffahrt

mit größter Vorsicht betrieben werden muß. Hie und da erheben sich

am Strande niedere Kalkklippen. Viele der Inseln sind frisch grün,

sogar bewaldet, aber es fehlt an frischen Quellen; die Teiche und

Lagunen auf manchen dieser Eilande haben salziges oder brakisches

Wasser, weil sie unterirdisch mit der See in Verbindung stehen. Wenn

nun auch der Reichthum an Nutzhölzern immerhin erwähnenswerth ist,

so konnte doch das Verlangen der Spanier nach Gold und Gewürzen auf

den der See entstiegenen flachen Eilanden nicht befriedigt werden.

Columbus hielt sich darum auch nur einige Tage an jeder der größeren

Inseln auf und tastete an den Korallenbänken und Riffen hin, seinen

Weg nach Südwesten, wohin ihn alle Indianer auf seine Fragen nach

Gold wiesen. Denn alles Sinnen und Trachten des Entdeckers war auf

das edle Metall gerichtet, sein Schiffstagebuch schreibt davon am 15.

16. 19. 22. und 27. October, am 4. 5. 6. 12. u. s. w. November; und

grade diesem Verlangen konnten die Bahama-Inseln nicht entsprechen.

Darum sind auch die späteren Entdeckungsfahrten nie wieder auf diese

Korallengebilde gerichtet, dieselben wurden als gefährlich gemieden

und höchstens aufgesucht, um Menschen zu fangen. Hierin haben wir

auch einen Grund zu suchen, daß S. Salvador eigentlich verschollen

ist. Der Hauptgrund aber, warum man die Insel nicht wieder findet,

liegt in der mangelhaften astronomischen Bildung des Admirals. Er

hatte sich zwar beim Beginn der Fahrt vorgenommen, neben einer

genauen Segelanweisung auch eine Karte von den entdeckten Gebieten

zu entwerfen, aber von einer Ausführung dieses Vorhabens ist nirgend

mehr die Rede. „Im Tagebuche des Columbus findet sich während der

ganzen Fahrt über den Ocean auch nicht eine einzige Breitenbestimmung,

und die, welche er in Westindien angestellt haben will, sind so

ungeheuerlich, daß sie schon seinerzeit Verdacht erregten; er gibt zum

Beispiel an der Küste von Cuba eine Breite von 42° statt 21°. Es läßt

sich nun einmal nicht abstreiten, daß Columbus einen sehr geringen

Grad wissenschaftlich-nautischer Kenntnisse besaß.“[199] Und allein

von diesen Thatsachen ausgehend, darf man behaupten, daß die von der

~Vida del Almirante~ zuerst verbreitete Nachricht, Columbus habe in

Pavia studirt (s. oben S. 220) auf Unwahrheit beruht; denn auf einer

Universität wird man schwerlich gelehrt haben, was die roheste Empirie

verräth, daß man die geographische Breite eines Ortes aus der Dauer des

Tages abzuleiten habe. Und doch scheint aus dem Tagebuch hervorzugehen,

daß Columbus auf diese Weise am 13. December 1492 rechnete. Es fehlt

also in Beziehung auf die Lage von San Salvador jedweder Anhalt einer

astronomischen Bestimmung; daher konnten die späteren Historiker bei

ihren Vermuthungen drei volle Breitengrade von einander abweichen.

Man muß also auf anderem Wege die Lage der zuerst entdeckten Insel

zu ermitteln suchen. Es liegt nahe, vor allem die ältesten Karten

jener Inselwelt zu Rathe zu ziehen. Allein wir vermissen auf allen

Darstellungen bis weit ins 17. Jahrhundert den Namen Salvador, sowie

die folgenden von Columbus weiterhin ertheilten neuen Inselbenennungen.

Schon die erste, von einem Begleiter des Entdeckers, um 1500 von dem

Basken Juan de la Cosa entworfene Karte Amerikas (siehe die Beilage)

führt nur die einheimischen Inselnamen und darunter auch Guanahani

auf. Aber diese Karte ist hier so ungenau, daß Capitän Becher sie

als ein altes Document bezeichnet, das den Namen einer „Karte“ nicht

verdiene.[200] In gleichem Sinne haben auch die späteren Kartographen

die Bahama-Inseln sehr ungenau dargestellt, weil man sie für ziemlich

werthlos hielt. War doch auch Peter Martyr der Ansicht, nachdem er die

Antillen genau beschrieben, es sei überflüssig, diese Koralleninseln

einer eingehenden Darstellung zu würdigen, weil die Spanier diese armen

Inseln, wo man höchstens Fischfang und etwas Landbau treiben könne,

aufgegeben hätten.[201]

Es scheint zwar noch einen andern Ausweg zu geben, das fragliche

Guanahani zu ermitteln, indem man unter den Bewohnern des Archipels

selbst sich erkundigte; denn da der Name von den Eingebornen ertheilt

ist und die Sprache der Insulaner vermuthlich wenig Aenderung

erlitten haben könnte, so müßte, sollte man meinen, auch der Name

der Insel entweder sich noch erhalten haben oder doch noch in

Erinnerung geblieben sein. Allein auch dieser Ausweg ist seit mehr als

drittehalbhundert Jahren vollständig versperrt: die Urbevölkerung ist

ausgestorben oder deutlicher gesagt, durch die Spanier vernichtet, und

man darf nicht verhehlen, daß Columbus selbst den Anlaß dazu gegeben.

Schon am 13. October schreibt er: „Diese gutartigen Menschen müssen

ganz brauchbare Sklaven abgeben.“ Bei seiner Abfahrt entführt er von

Salvador mehrere Insulaner mit Gewalt, „damit sie unsere Sprache lernen

und uns Auskunft geben können über ihr Gebiet“. Als nun die Königin

Isabella durch ein Edikt vom 30. October 1503[202] gestattete, die dem

Christenthum und ihren neuen Unterthanen in Westindien feindlichen

Canibalen wegzufangen und zu verkaufen, war damit dem Sklavenfang der

Stempel der Berechtigung aufgedrückt; und fünf Jahre später erhielt

eine spanische Gesellschaft die Erlaubniß, auch die Bahama-Insulaner

einzufangen, angeblich um sie so leichter zum Christenthum bekehren zu

können. Die ohnehin spärlich bewohnten Inseln waren bereits um 1525

dermaßen entvölkert, daß der fromme Pedro de Isla die letzten Bewohner,

nur noch 11 Personen, zusammensuchen und nach Haiti bringen ließ, um

sie vor seinen Landsleuten zu retten.[203] Damit war der Urstamm der

dortigen Insulaner erloschen, und folglich aus ihrem Munde auch die

Lage von Guanahani nicht mehr zu ermitteln.

Die neuern Historiker haben darum den einzigen noch möglichen Weg

eingeschlagen, indem sie der von Columbus in seinem Tagebuche gegebenen

Beschreibung seiner Fahrt, der Coursrichtung, den abgeschätzten

Entfernungen von einer Insel zur andern, und der Schilderung einzelner

Oertlichkeiten nachgingen. Die mancherlei Lücken des Berichts, die

offenbaren Ungenauigkeiten, die aus falscher Schätzung der Verhältnisse

entstanden, die Unklarheiten im Ausdruck haben diese kritische

Spürarbeit erschwert und die abweichenden Ansichten verursacht.

Die hauptsächlichen Meinungsverschiedenheiten sind auf der, einer

englischen Admiralitätskarte entlehnten Darstellung jenes Inselgebiets,

welche unserem Werke beigegeben ist (S. 249), zu ersehen.

Wenn wir diese Ansichten nicht historisch, sondern geographisch ordnen,

so sehen wir, daß muthmaßlich der Schiffscours auf vier verschiedene

Inseln gerichtet ist, welche von Nordwest nach Südost in folgender

Ordnung sich aneinanderreihen: Cat Island, Watling Island, Mariguana

(oder Mayaguana), Turk Islands.

Nach Cat Island führen den Entdecker W. Irving[204] und Alex.

v. Humboldt,[205] nach Watling der treffliche spanische

Geschichtsschreiber Muñoz[206] und Capitän Becher,[207] nach Mariguana

läßt ihn Varnhagen[208] gelangen, nach den Turk-Inseln Navarrete.[209]

Von diesen Erklärungsversuchen ist derjenige Navarretes mit Recht von

den Neueren ganz aufgegeben, weil er dem Texte des Reiseberichtes

weder nach der Beschreibung der zuerst betretenen Insel, noch in

Bezug auf die später eingeschlagenen Course entspricht. Gegen Irving

und Humboldt ist in erster Linie beizuwenden, daß Columbus nach dem

Wortlaut seines Tagebuches die Insel Guanahani thatsächlich auf der

Nordseite umsegelt hat, während nach der Vorstellung der beiden

genannten Forscher San Salvador nur an seinem Südende berührt wurde.

Ferner aber hat auch die im weitern Verlauf der Fahrt bis zur Nordküste

Cubas gedachte Courslinie ihre großen Bedenken, weil dieselbe auf

der Westküste von Long Island durch die ganze Breite der Bahamabank

führen müßte, wo an manchen Stellen die Wassertiefe wenig über einen

Faden mißt. Da Muñoz weiterhin bei der Erzählung der Fahrt zu den

andern Inseln in der Bahamagruppe nur allgemein gehaltene Vermuthungen

ausspricht über die Identität der von Columbus berührten Inseln, ohne

sich eingehend mit der Prüfung der eingeschlagenen Richtungen und

der berührten Oertlichkeiten einzulassen, so bleiben nur noch die

Hypothesen Bechers und Varnhagens zu vergleichen. Beide haben auf das

sorgsamste das Tagebuch des Columbus zu Rathe gezogen und alle darin

enthaltenen Angaben für ihre Idee zu verwerthen gesucht. Es läßt sich

nicht leugnen, daß für Varnhagen manche wichtige Momente sprechen, daß

namentlich die fast rathlos erscheinenden Kreuzfahrten zwischen den

nächst San Salvador besuchten Koralleninseln nach den Aufzeichnungen

sehr geschickt erklärt sind und zu den angegebenen Courslinien der

Schiffe passen. Allein zwei Momente von Bedeutung gestatten nicht,

daß wir uns für Varnhagen erklären. Varnhagen hält nämlich Mariguana

oder Mayaguana für San Salvador, und grade Mayaguana ist auf allen

älteren Karten, von Juan de la Cosa an, +neben+, d. h. südöstlich von

Guanahani eingetragen. Mögen nun auch die früheren Kartographen die

Umrisse der einzelnen Inseln noch so ungenau und falsch gezeichnet

haben, so ist doch bei allen die klare Ueberzeugung zu erkennen,

daß sie Guanahani und Mayaguana als zwei verschiedene Inseln wollen

betrachtet wissen. Sodann paßt auch die von Columbus gegebene

Beschreibung der Insel nicht recht auf Mariguana. Und in dieser

Beziehung trägt Bechers Ansicht entschieden den Sieg davon. Man muß

dem englischen Capitän beipflichten, wenn er sagt: „Beides, Lage und

Beschreibung dieser Insel (Watling Island) entspricht in jeder Weise

dem Journal“ (des Columbus).[210] Man kann sogar behaupten, daß nur

Watling auf die Beschreibung paßt, welche der Entdecker gegeben hat.

„Diese Insel,“ sagt er, „ist ziemlich groß und ganz flach und hat sehr

viel Bäume und viel Wasser und in der Mitte eine sehr große Lagune,

aber keine Gebirge.“ Daß die Insel Süßwasserquellen besitzt, ist nicht

gesagt.[211] Wir werden uns im Folgenden an die Auffassung von Becher

halten, ohne indeß der Ansicht zu sein, daß die Untersuchung schon

vollständig abgeschlossen sei.

Geschichte des Zeitalters der Entdeckungen · 第 81 / 123 题