Es war ein Juniabend. Die Sonne war längst gesunken, aber alle Dinge
schwammen noch in milder Klarheit. Der Vollmond hing im schimmerigen
Abendhimmel, aber es ging kein Scheinen von ihm aus in den taghellen
nordischen Abend.
Die breite, lichte Scheibe hatte etwas Geisterhaftes in dem
geheimnisvoll stillen Abendlicht. Auf der lichten, spiegelnden Fläche
waren Lars und Peter bei der Arbeit. Vom Ufer kam der Duft der
glänzenden Hollunderblüten und ferner, weicher Vogelgesang. Unbewußt
hatte die beiden der Frieden eingesponnen, daß sie kein Wort sprachen
und manchmal in der Arbeit inne hielten und sich umsahen.
„Sieh, da kommt doch wahrhaftig von draußen ein Boot.“ Peter zog die
Riemen ein und starrte vor Verwunderung.
Lars legte das Netzzeug aus der Hand und sah sich um. „Was will der bei
dem Wetter?“ sagte er böse.
„Werden draußen wohl die besten Fischplätze belegt haben, da versucht
er’s hier.“
„Ist aber gegen die Abmachung.“ --
„Sieh, jetzt da drüben, wo Kords fischt, der geht wieder Anker hoch
und läuft quer über.“
„Er soll nur nicht wieder anfangen mit dem Vorlaufen, das ist nicht das
Rechte.“
„Er tut’s aber doch und sieh, da muß der andere wieder Kurs ändern. --
Nun geht er da auch noch vor. -- Der andere muß ganz nach der andern
Seite kreuzen.“
Lars nahm die Netze wieder hoch. „Heute hat er das Recht ja eigentlich
auf seiner Seite. Aber so macht’s nur böses Blut. Das ist nicht das
Rechte. Ich will’s ihm sagen.“ --
Am nächsten Tage ging Lars zu Kords hin. Und er warnte ihn, daß er es
nicht wieder tun solle. Aber Kords fuhr auf und fragte, ob sich Lars
jetzt als Herr aufspielen wolle. Er sei sein eigener Herr und wolle
es bleiben. Und er schrie so laut, daß noch ein paar Männer, die beim
Segelfärben standen, herankamen.
Und sie standen zu Lars und gaben Kords alle Unrecht. Lars blieb ganz
ruhig dabei, aber es kam doch so weit, daß Kords Lars die Arbeit für
den Winter aufsagte. --
Auf dem Heimwege kam Lars ins Sinnen. Es tat ihm leid, daß Kords mit
ihm gebrochen hatte, aber all seine harten, wilden Worte hatten Lars
darum nicht weiter getroffen. Und daß die andern zu ihm standen, fest
und zornig wie zu ihrem Könige, darüber mußte er lächeln. Das hätte
ihn früher alles durchschüttelt in Zorn und stolzer Freude. Jetzt war
es so, als ginge es ihn nicht viel an. Er wußte jetzt, daß er etwas zu
wirken hatte hier in seiner Welt, das kein anderer für ihn tun konnte.
Aber er grübelte und sann nicht mehr darüber nach. Er ging nur Schritt
vor Schritt und wußte, daß er irgendwo ein Ziel erreichen werde. Und es
war ein stilles Freuen in ihm, wie er in den lichten Abend hineinsah.
* *
*
Zum Winter hatte Lars einen Mann in sein Boot genommen, der im Sommer
auf der Ziegelei, weiterhin im Lande, arbeitete. Die Ziegeleiherren
dort in der Gegend waren Dänen, und sie übten ein strammes Regiment. Da
hatten einige von Streiken geredet und waren Genossen geworden. Aber
die stöhnten wieder über die Abgaben und das Dreinreden der fremden
Führer; und es half den Arbeitern auch nichts.
Es waren aber im Winter unter den Fischern viele, die im Sommer Maurer
oder Ziegeleiarbeiter waren. Und mit der Zeit kamen sie zu Lars
und sprachen mit ihm. Sie sahen, wie sich die Fischereivereinigung
untereinander schützte und half. Da meinten sie, die Arbeiter könnten
auch so einen Halt finden und sich an die Fischer angliedern.
„Darüber muß ich erst nachdenken,“ sagte Lars. „Vielleicht kann ich
euch dann raten.“
Und er saß lange und sprach mit Peter darüber. „Sieh, wenn das so aus
ihnen herauswächst, der Wunsch, Peter, dann mag da was dran sein,
ich habe ja immer an so was gedacht. Wenn sie auch gemeinsam Geld
zurücklegten, wie wir, und ruhige, ordentliche Leute aus ihrer Mitte zu
Führern hätten. -- Was meinst du, Peter?“
„Ja, wozu eigentlich, Lars? Was soll es ihnen nützen?“
„Dann wüßten sie, wo ihr Geld bleibt, und wenn so eine große Menge fest
zusammenhält, wagt sich die Parteihetzerei nicht so leicht heran.“
Peter nickte bedächtig vor sich hin. Dann saßen sie auch noch eine
Weile und sannen, denn das Entschließen wuchs langsam bei ihnen aus
schwerem, ernstem Denken heraus.
Der scharfe, harte Wind war in dem Herbst irgendwo in blauduftigen
Fernen schlafen gegangen. Die gelben Blätter an den Buchenzweigen
hoben sich an jedem Morgen wieder lautlos aus dem lichten Nebel
und wiesen um Mittag wie goldene Finger in das durchsichtige Blau
hinein. Ganz unmerklich breitete es sich wie ein abgelegtes Kleid
von matten Wunderfarben um den moosig grünen Fuß. Und in den Knicks
leuchtete an jedem Tage neue jauchzende Buntheit. Tiefrote Blätter und
grelle Beerenbüschel, die in die Sonne hineinlachten wie ein heller
Trompetenstoß. Daneben strebten späte, gelbe Blüten nach einer letzten,
sonntäglichen Daseinsfeier. Aber im stillen, lauen Wasser hatten die
Fischer mühsame Arbeit. Der Hering hielt sich in der Wärme nur kurze
Zeit nach dem Fang, und der kleine Fischdampfer hätte an allen Enden
zugleich sein sollen. Bis das Boot mit den Fischen zu den ausgemachten
Sammelstellen kam, wo der Dampfer hielt, da drohte der Hering schon
zu faulen. Denn manche Fischer hatten einen weiteren Weg, weil die
Anlegestelle nach der Mehrzahl bestimmt war.
Kords hatte sich mit dem roten Trollsen zusammengetan, und die zwei
Männer taten in zwei Booten die Arbeit von vieren. Nun verlangten
sie, daß der Dampfer dicht bei ihren Fischplätzen anlegen solle.
Aber sie bekamen den Bescheid, daß für zwei Männer der ganze Ertrag
nicht benachteiligt werden könne. Da gerieten sie in Zorn und kamen
zu Lars. Sie trafen ihn bei Mutter Stina. Und die kleine, alte Mutter
Stina sank ganz in sich zusammen, als die lauten, zornigen Männer vor
Lars hintraten. Der große, starke Fischer stand ganz still und fast
gleichgültig, als sie ihm die Fäuste vors Gesicht hielten.
„Du wolltest bloß der Herr sein -- nun hast du uns betrogen! Wir wollen
unser Geld wieder haben,“ brüllten sie ihm ins Gesicht.
Es war nichts mit ihnen zu machen, und sie traten aus der Vereinigung
aus und verlangten Zinsen für das Geld, das sie zum Fischdampfer
gegeben hatten. Die Zinsen bekamen sie auch; aber das Ganze machte viel
böses Blut unter den Fischern. Auch hielten sich Kords und Trollsen an
keine Regel mehr und störten, wo sie konnten. Sie fuhren sogar außen
vor die Bucht, um in das Fischwasser von Kords Todfeind zu kommen. Dazu
mußten sie fast die ganze Nacht auf dem Wasser liegen. Aber es gelang
ihnen doch oft, und bei dem warmen Wasser war der weitere Weg für den
andern eine böse Sache.
Da kam der auch und beklagte sich. Und als die Vereinigung gegen die
beiden Wilden nichts machen konnte, schimpfte er auch darauf und drohte
mit dem Austritt.
Im Winter wurde alles wieder ruhiger, und die Verhandlungen mit den
Ziegelei- und andern Landarbeitern fingen an. Sie wählten schon ruhige,
verständige Männer aus ihrer Mitte, die sollten alles mit Lars bereden,
und im nächsten Herbst, wenn die Ziegeleiarbeit zu Ende war, sollten
feste Beschlüsse gefaßt werden.